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Full text of "Geschichte der slawischen sprache und literatur nach allen mundarten"

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Book . 9)3 



GESCHICHTE 



DER 



SLAWISCHEN 

SPRACHE UND LITERATUR 



3& 



NACH 



ALLEN MUNDARTEN 



V V- 



PAUL JOSEPH SAFARIK. 



ZWEITER ABDRUCK. 



PRAG, 1869. 

VERLAG VON FRIEDRICH TEMPSKY. 



^ 






N 



ml. 

14' Ö^O. 



O patria salve lingua, quam suam fecit 
Nee humilis uraquain, nee superba libertas, 
Quam non snbactis civibus dedit victor, 
Nee adulteravit inquilina contages; 
Sed casta, sed pudica , sed tui iuris, 
Dilecta priscae fortitudinis proles ! 



HUGO GKOTIUS. 






Vorbericht. 



Die Vortheile, die eine zweckmässig eingerichtete Beschäfti- 
gung mit der Geschichte der Literatur gewährt, sind so ein- 
leuchtend und anerkannt, dass eine weitläufige Auseinander- 
setzung derselben an diesem Orte ganz überflüssig wäre. Sie 
öffpgt den Blick des jungen Studirenden und des angehenden 
Gelehrten in das unermessliche Gebiet menschlicher Wissen- 
schaft und Kunst, flösst Achtung für fremdes Verdienst und 
das Bestehende ein, bewahrt gegen jede krankhafte Einseitig- 
keit, jeden Dünkel, und weckt und fördert eine fruchtbare, 
auf das gesellschaftliche Leben übergehende Theilnahme an gei- 
stigen Bestrebungen des edleren Theiles der Menschheit. Wenn 
die politische Geschichte der Vorzeit ein Gottesacker ist, in 
welchem der verweste Staub der Ahnen oft der keimenden Nach- 
zeit zum fruchtbaren Boden dient : so ist die literarische ein 
Spiegel, der die labyrinthischen Wege des Entwicklungsgan- 
ges menschlicher Geistesbildung vor Augen stellt, und den rech- 
ten Pfad mitten durch jene finden lehrt. 

Ist nun aber der Einfluss der allgemeinen Literaturgeschichte 
auf die Ausbildung des Geistes einzelner Menschen und hiemit 
auf den Gang der Wissenschaften und Künste überhaupt gross 
und wohlthätig ; so ist der Einfluss der Sprach- und Literatur- 
geschichte seines eigenen Volkes auf die Erregung einer verstän- 
digen Nationalliebe, Belebung der literarischen Betriebsamkeit, 
Veredlung des Gemüths und hiemit auf den Fortgang der Na- 
tionalliteratur selbst nicht minder mächtig und folgenreich. 
Daher ist es für den Literaturfreund Pflicht, seine Muttersprache 
und ihre Schicksale vor allen andern genau kennen zu lernen. 
Denn gleich wie dem Besuch fremder Länder die Bekanntschaft 
mit der Heimath, und dem Bebauen des fremden Gartens die 
Pflege des eigenen vorausgeht; eben so muss auch die literari- 
sche Geistesthätigkeit, wenn sie tief wurzeln und gesunde, das 
Volksleben heilsam kräftigende und veredelnde Früchte tragen 
soll, von der Muttersprache ausgehen. 



IV 

Ohne das Beispiel derjenigen Völker anzuführen, bei wel- 
chen das Studium der Geschichte der vaterländischen Literatur 
mit dem der Sprache selbst Hand in Hand geht, und jenes die- 
sem weder an Vollständigkeit, noch an Gründlichkeit nachsteht, 
ohne ferner auf die nachhaltigen Folgen dieser weisen Einrich- 
tung aufmerksam zu machen, will ich nur bemerken, dass auch 
bei uns Slawen seit ungefehr einem Menschenalter, als dem Wen- 
depunct unserer gesammten Volkstümlichkeit, das Bedürfniss 
eines gründlichen Sprachstudiums immer fühlbarer, und das 
Bestreben, es durch zweckmässige Lehrbücher zu befördern, 
immer sichtlicher wird. Nicht zwar, als wäre überall das er- 
wünschte Ziel entweder mit gleicher Reinheit beabsichtigt, glei- 
chem Eifer erstrebt, oder mit gleichem Glück erreicht. Denn 
noch immer haben einige Stämme keine angemessenen Sprach- 
bücher über ihre Mundart, mehrere keine Geschichte ihrer Li- 
teratur, und noch immer ist das Studium der Muttersprache 
und ihrer Literatur von den meisten höhern Lehranstalten un- 
ter den Slawen gänzlich ausgeschlossen. Wie viel würde für die 
Vervollkommnung der slawischen Gesammtsprache gewonnen 
werden, wenn, ausser einem zweckmässig berechneten und nach 
einer festen Stufenfolge durch verschiedene Classen der Volks- 
schulen fortgeführten Schulunterrichte in derselben, auf allen 
im Herzen slawischer Länder belegenen Gymnasien, Hochschu- 
len und theologischen Lehranstalten die slawische Sprache und 
Literatur nach ihrer wissenschaftlichen Gestalt und im Geiste 
eines in sich abgeschlossenen Systems, so wie mit gründlicher 
Darstellung ihrer Geschichte vorgetragen würde. Was in den 
slawischen Provinzen unserer Monarchie — in deren Schoosse 
unter dem beglückenden Scepter ihres glorreichen Regenten 
bekanntermaassen sieben slawische Nationen, die der Böhmen, 
Polen, Slowaken, Serben, Slovenzen, Kroaten und Russniaken, 
allen Angaben zufolge an Zahl die Hälfte der österreichischen 
Staatsbürger ausmachend, die Früchte dauerhafter Ruhe und 
die unschätzbaren Vortheile fortschreitender Civilisation gemes- 
sen — für die Emporbringung der Cultur slawischer Landcs- 
mundarten höheren Ortes geschehen ist, verdient dankbare An- 
erkennung ; aber über die Früchte der Anstalten dieser Art 
kann die Nachwelt richtiger entscheiden, als es von Zeitgenos- 
son zu erwarten ist. 

So wie jetzt die Sachen stehen, bleibt der höher strebende 
slawische Jüngling, in dessen Brust durch Zufall oder Fügung 
die Sehnsucht nach tieferem Erfassen seiner Muttersprache er- 
wacht ist, lediglich auf Selbsthilfe, eigenes fortgesetztes beharr- 
liches Studium gewiesen. Es ist aber ein beachtungswerther Zug 
in dem Nationalcharakter dv> Slawen, dass derselbe, einmal 
zum höheren geistigen Leben erwacht und in der Ueberzeugung 
erstarkt, dass zufolge des weisen Naturgesetzes der Polarkräfte 
der Nationalitäten, als der Grundbedingung jeder selbständi- 
gen Volkscultnr, nur in der Muttersprache wahrhaft schöne 
Sprach- und Geistesvollendung zu erringen ist, weit entfernt 



in dem harten Kampfe mit zahl- und namenlosen Hindernissen, 
oft Gegenbestrebungen aller Art den Muth zu verlieren, viel- 
mehr an dem erkannten Kleinod der angestammten Sprache und 
Volksthümlichkeit nur um so fester hält, und am Ende den 
Sieg davon trägt. Dieser tief wurzelnden Nationalliebe des Sla- 
wen, die nur tückische Arglist oder neidische Selbstsucht leug- 
nen kann, dient zum vollgültigen Belege die durch unzählige 
Thatsachen erhärtete Bemerkung, dass seit einem Menschenalter 
und darüber alle slawische Mundarten, selbst diejenigen, die 
fern vom Glänze des Hofes und der Grossen nur noch im Hause 
Gottes und in der Hütte des Landmanns fortleben, ohne äus- 
sere Begünstigung, in Folge jener innern belebenden Kraft, 
in stillem, aber desto sichererem Fortschreiten begriffen sind. 
Der gute Saamen , den hochherzige , vaterländisch gesinnte 
Schriftsteller aussäen, findet schon seinen weichen, befruchten- 
den, dankbaren Boden, und obwol auch der Freund von der 
Nachtseite nicht müssig ist, Unkraut dazwischen zu streuen, 
so erhebt sich doch das Herz zu der tröstlichen Hoffnung, dass 
der grosse Tag der Ernte mit der Scheure für den Weizen und 
dem Feuer für das Unkraut nicht ausbleiben wird. 

Von diesem Gesichtspunct des Privatstudiums, als des ein- 
zigen Erhaltungs- und Belebungsmittels der slawischen Natio- 
nalliteratur in den meisten von Slawen bewohnten Ländern, und 
von der Ueberzeugung, dass den mühsamen Weg der Selbstbe- 
lehrung in Sachen der Muttersprache, den ich in jungen Jahren 
angetreten habe, Hunderte von nahen und fernen Stamm- und 
Sprachverwandten wandeln, ausgehend, entschloss ich mich ge- 
genwärtigen Grundriss der Geschichte der slawischen Sprache 
und Literatur nach allen Mundarten, als Leitfaden für Studi- 
rende und überhaupt als Hilfsmittel für junge Literaturfreunde, 
herauszugeben. Seit der Zeit, als zuerst der Wunsch nach tie- 
ferem Erforschen der slawischen Muttersprache in mir rege 
ward, und ich die Notwendigkeit einsah, Behufs jenes Zwe^ 
ckes nicht nur die angeborne Mundart, sondern auch die ver- 
wandten, nach und nach in den Kreis meiner Beschäftigung 
zu ziehen, war ich gewohnt, aus allen diesen Gegenstand be- 
treffenden, oft sich zufällig darbietenden, oft mühsam hervor- 
gesuchten Büchern, das Nöthigste zu excerpiren, um mir so 
den gänzlichen Mangel literarischer Hilfsmittel, insbesondere 
eines das fortgesetzte eigene Studium anregenden und erleich- 
ternden Handbuchs der allgemeinen slawischen Literaturge- 
schichte wenigstens nothdürftig zu ersetzen. Da ich aber in 
meine Materialiensammlung ausser der literarischen auch die 
politische Geschichte und Ethnographie der Slawenstämme mit 
aufgenommen und das Ganze .mehr als Aggregat denn als Sy- 
stem behandelt hatte , so entstand bei der Herausgabe die Not- 
wendigkeit, die verschiedenartigen Bruchstücke zu sichten, das 
Ueberflüssige wegzuschneiden, die Lücken auszufüllen, und alles 
nach einem festen Prinzip zu einem zusammenhängenden Gan- 
zen zu verarbeiten. Das Prinzip aber, welches mir hiebei, als 



VI 

Endzweck der Arbeit, zur Richtschnur diente, war keines wc- 
ges, für gereiftere slawische Gelehrte ein Handbuch zu liefern — 
eine Anmassung, von der ich fern bin — obwol das Bedürf- 
niss eines solchen Werkes am Tage liegt, und desswegen Hrn. 
Linde's panslawischer Literaturgeschichte rascheres Fortschrei- 
ten zu wünschen ist — sondern lediglich den angehenden sla- 
wischen Literaturfreunden, vorzüglich Studirenden, einen Leit- 
faden an die Hand zu geben, mittelst dessen sie sich auf dem 
Gebiet der slawischen Literatur zu rechte finden, und den Weg 
des eigenen Studiums bequemer fortsetzen könnten. In dieser 
Hinsicht behielt das Werk manches von der ursprünglichen 
fragmentarisch- aggregativen Form, was nach dem strengen Ge- 
setz des Systems anders hätte gestellt werden oder ganz wegfal- 
len müssen. Dieses geschah, ungeachtet es manche Wiederho- 
lungen veranlasste , aus dem Grunde, um auf diese Art die 
Schriften bequemer verzeichnen zu können, in denen der Lern- 
begierige weitere Belehrung über das im Buche selbst kaum 
Angedeutete zu suchen habe. Wer es aus Erfahrung weiss, 
von welch einem kleinen Kenntnisskreise das Studium eines sich 
selbst bildenden Slawisten ausgeht, wie beschränkt gewöhnlich 
die literarischen Hilfsmittel junger Studirender sind, und zu 
welchen Erweiterungen des Wissens die mittelst der Bücherti- 
tel — oft zufällig — erlangte Bekanntschaft mit den Quellen 
und Hilfsmitteln des Berufs- oder Lieblingsstudiums nach und 
nach führt, der wird auch bei abweichender Ansicht über Be- 
handlung und Ausführung wenigstens der Absicht Gerechtig- 
keit wiederfahren lassen. Dieses Andeuten der Sache und An- 
zeigen der Quellen oder Hilfsmittel wurde auch ausserdem im 
ganzen Werk durch die Ueberfülle des Stoffs geboten, sonst 
würde es unmöglich gewesen seyn, einen solchen Vorrath von 
literarischen Notizen auf einem so beschränkten Raum zu ge- 
ben, was doch vor Allem beabsichtigt wurde. Dem zufolge 
sind mit strengster Rücksicht auf Raumersparung die Notizen 
selbst möglichst zusammen gedrängt, die Büchertitel abgekürzt 
angeführt, ohne desswegen ihren Gebrauch zu erschweren, und 
überhaupt bei dem Ganzen eine innere und äussere Oekonomie 
beobachtet worden, wie sie der oben ausgesprochene Zweck zu 
erheischen schien. Den grössten Schwierigkeiten, folglich auch 
den meisten Ermässigungen, war das Gesetz gleichförmiger 
Kürze bei der Behandlung der Specialliteraturen einzelner Stäm- 
me unterworfen. Den in unserer Monarchie einheimischen sollte 
ursprünglich eine verhältnissmässig grössere Ausführlichkeit zu 
Theil werden; allein diese Berechnung wurde theils durch den 
Reichthum einiger benachbarten Schwestern, theils durch den 
Mangel an ausreichenden Hilfsquellen über mehrere einheimi- 
sche Mundarten, namentlich über die windische und kroatische, 
theils endlich durch das Bestreben, hier einige Garben von ei- 
gener Ernte aus nahen, aber weniger gekannten Gegenden Sla- 
wiens niederzulegen, beinahe ganz vereitelt. Die Quellen, die 
ich gebraucht habe, sind überall, wo es thunlich war, ange- 



XV 
ZWEITES THEEL. 

Nordwestliche Slawen. 

Erster Abschnitt. 

Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur. 

Seite 
§. 36. Historisch-ethnographische Vorbemerkungen. 289 

§. 37. Charakter der böhmischen Sprache. 296 

§. 38. Epochen der böhmischen Literatur. Erster Periode 
erste Abtheilung : Von der Einwanderung der 
Cechen in Böhmen bis zur gänzlichen Ausrottung 
des Heidenthums. J. 550—1000. D 300 

§. 39. Zweite Abtheilung: Von der gänzlichen Ausrottung 
des Heidenthums bis auf Kg. Wenceslaw IV. oder 
bis auf Huss. J. 1000-1410. 307 

§. 40. Zweiter Periode erste Abtheilung: Vom Anfange des 
Hussitenkrieges bis auf die Verbreitung der Buch- 
druckerkunst in Böhmen, oder bis auf Ferdinand 
I. J. 1410—1526. 316 

§. 41. Zweite Abtheilung : Von der Verbreitung der Buch- 
druckerkunst in Böhmen bis auf die Schlacht am 
weissen Berge. 3- 1526—1620. 330 

§. 42. Dritter Periode ers^e Abtheilung: Von der Schlacht 
am weissen Berge bis auf Ks. Joseph n. J. 1620- 
1780. 352 

§. 43. Zweite Abtheilung: Von Ks. Joseph II. bis auf 

unsere Zeiten. J. 1780 — 1825. 357 

Zweiter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der Slowaken. 

§. 44. Historisch-ethnographische Vorbemerkungen. 370 

§. 45. Charakter der slowakischen Sprache. 375 

§. 46. Schicksale der slowakischen Sprache u. Literatur. 379 

Dritter Abschnitt. 

Geschichte der polnischen Sprache und Literatur. 

§. 47. Historisch-ethnographische Vorbemerkungen. 396 

§. 48. Charakter der polnischen Sprache. 409 



XVI 

Seite 

§. 49. Allgemeiner Ueberblick der literarischen Cultur in 
Polen und der Beförderungsmittel u. Hindernisse 
derselben. 411 

§. 50. Epochen der polnischen Literatur. Erste Periode : 
Von der Einführung des Christenthums bis auf 
Kazimir den Grossen. J. 964 — 1333. 417 

§. 51. Zweite Periode: Von Kazimir dem Grossen bis auf 

Sigismund I. J. 1333—1506. 419 

§. 52. Dritte Periode : Von Sigismund I. bis zur Eröffnung 

der Jesuitenschulen in Krakau. J. 1506—1622. 425 



53. Vierte Periode : Von Sigismund III. bis auf Sta- 



nislaus Augustus, oder von dem entschiedenen 
Uebergewicht der Jesuiten bis zur Wiederbele- 
bung der Wissenschaften durch Stanisl. Konarski 
^ J. 1622-1760. 438 

§. 54. Fünfte Periode: Von St. Konarski bis auf unsere 

Zeiten. J. 1760—1825. 449 



Vierter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der Sorben oder 
Wenden in den Lausitzen. 

§. 55. Historisch-ethnographische Vorbemerkungen. 479 

$. 56. Sprache und Literatur der Sorbenwenden in der 

Oberlausitz. 483 

§. 57. Sprache und Literatur der Sorbenwenden in der 

Niederlausitz. 485 

§. 58. Sprachüberreste des Polabischen oder Linonisch- 
Wendischen. 487 
Zusätze und Berichtigungen. 491 
Blattweiser. 510 



VII 

geben. Ausser den genannten wurden noch viele Monographien, 
schriftliche und mündliche Mittheilungen sachkundiger Freunde, 
Zeitschriften, Recensionen u. s. w. benutzt. Ich habe das in 
meinen Plan passende meist wörtlich daraus entlehnt, wesshalb 
sich das Ganze dem Kenner als Aggregat fremder Weltenbruch- 
stücke erweisen wird, zwischen denen die Nebelflecke eigener 
Schöpfung der Beachtung entschwimmen möchten; aber bei 
dem leitenden Grundsatz, den ich befolgte, war es mir weni- 
ger darum zu thun, wer was gesagt, als vielmehr, wie er es 
gesagt hat, und ich wollte lieber Wahres und Gutes mit frem- 
den, als Falsches und Schlechtes mit eigenen Worten geben. 
So sehr ich aber auch bemüht war, durch sorgfältige Be- 
nutzung der mir zu Gebote stehenden Hilfsmittel das Buch sei- 
ner Bestimmung gemäss zum Handgebrauche für Selbstlernende 
zweckmässig einzurichten ; so gestehe ich doch, dass ich nach 
wiederholtem Durchsehen das Ganze in seiner gegenwärtigen 
Gestalt nur für einen mangelhaften Versuch halte. Diese Man- 
gelhaftigkeit findet theils in der Beschaffenheit der Arbeit, theils 
in der Entbehrung mehrerer Hilfsmittel, theils in der Beschränkt- 
heit der Kräfte, theils endlich in Lebens- Zeit- und Ortsver- 
hältnissen ihre Erklärung und vielleicht auch einige Entschul- 
digung. Ueber letztere hier zu sprechen, würde dem nicht 
nützen, der nicht mehr zu denken gewohnt ist, als ihm seine 
Bücher sagen; unter den Hilfsmitteln bedaure ich am meisten 
Hrn. Jungmann's Geschichte der böhmischen Literatur erst wäh- 
rend des Druckes meines Buchs und zum Theil nach demsel- 
ben erhalten zu haben. Bei alle dem hoffe ich, dass der noch 
so unvollkommene Versuch für seine Zeit den angehenden Li- 
teraturfreunden, denen es um Erleichterung ihres Studiums zu 
thun ist, innerhalb der Gränzen seiner Bestimmung, als vor- 
bereitender Entwurf, einige Dienste leisten kann. 

Viele dürfte es befremden, dass ich mich bei Abfassung 
der gegenwärtigen Schrift der teutschen Sprache, und nicht 
lieber einer slawischen, namentlich der angestammten Mundart 
bedient habe. Dazu bewogen mich zwei Ursachen. Die erste 
war ein blosser Zufall, der es mit sich brachte, dass die Schrif- 
ten, aus denen ich die meisten Materialien meines Werkes Be- 
hufs eigenen Gebrauches zusammen trug, beinahe alle teutsch 
waren. Die zweite war der Wunsch, das Buch allen Studiren- 
den und Literaturfreunden der verschiedenen slawischen Stäm- 
me unserer Monarchie gleich lesbar zu machen. Nun aber weiss 
ich aus Erfahrung, dass die Verschiedenheit der Mundarten, 
Buchstaben und Orthographien unter den Stämmen eine Schei- 
dewand bilden, die selbst unter Hunderten von Gelehrten kaum 
einer durchzubrechen Muth oder Lust genug hat. Das Geständ- 
niss ist leider betrübend, aber wahr. In Berücksichtigung die- 
ser vorwaltenden und, wie ich glaube, gegründeten Absicht 
darf ich hoffen , dass Sachverständige die stylistischen und 
sprachlichen Gebrechen dieses Buchs mit Schonung beurtheilen 
werden. Gleiche Nachsicht muss ich für den Umtausch der kyril- 



Vlll 

lischen Schrift gegen die lateinische bei dem russischen und serbi- 
schen Abschnitt in Anspruch nehmen, indem der zu spät ge- 
fasste Vorsatz, Jedem das Seine zu lassen, nicht mehr ausge- 
führt werden konnte. Das böhmische Schreibsystem wurde 
gewählt, weil es unter allen lateinisch-slawischen, trotz der 
vielen, oft mikrologischen Einsprüche wider die Accent-Schnör- 
kel, wirklich das einfachste und consequenteste ist. 

Von der Nichtigkeit des Stückwerks menschlichen Wissens 
zu sehr überzeugt, als dass der Plagegeist literarischen Ehrgei- 
zes je die Seele beschleichen könnte, werde ich zwar jede wol- 
gemeinte, die Wissenschaft und hiemit das geistige Leben för- 
dernde Zurechtweisung und Aufdeckung der Mängel dieses 
Lehrbuchs mit Dank aufnehmen; aber auch jedes grund- und 
zwecklose Absprechen, das weder mir nützen, noch der Wis- 
senschaft frommen kann, unberücksichtigt lassen müssen. Möch- 
te diesem Buche irgend ein stimmberechtigter Kenner als Be- 
urtheiler zu Theil werden, der, vom Geiste echter National- 
liebe beseelt, sich der Mühe unterzöge, dasselbe Blatt für Blatt 
zu prüfen, und die materiellen Fehler in einer öffentlichen 
Zeitschrift zu berichtigen. Dann würde ich nicht anstehen, 
der erste seine Beurtheilung meinen Lesern als eine nothwendige 
Zugabe aufs dringendste zu empfehlen. Möchte endlich, durch 
die Unzulänglichkeit des gegenwärtigen Versuchs bewogen, ir- 
gend ein slawischer Gelehrter ein vollkommneres Handbuch 
recht bald an seine Stelle treten lassen. 

Schliesslich muss ich, einem angenehmen Pflichtgefühl fol- 
gend, Sr. Wohledelgeb. Hrn. Martin v. Hamuljak, Rechnungs- 
Officialen bei der kön. ungr. Statthalterei, meinen innigen 
Dank für die mir bei der Correctur der Bogen willig und aus- 
daurend geleistete Hilfe öffentlich bezeugen. Ohne seine Wach- 
samkeit würde das Werk unter den obwaltenden Umständen 
unmöglich den Grad der Correctheit erreicht haben, den es 
wirklich erreicht hat. Einige, durch die Natur solcher Arbei- 
ten herbeigeführte Berichtigungen und Zusätze bitte ich vor 
dem Gebrauche des Buchs an gehörigem Orte einzuschalten. 



Neusatz am 17. Dec. 1825. 



Der Verfasser. 



Vorwort des Herausgebers. 



Das Werk, von welchem ich hiemit einen zweiten unver- 
änderten Abdruck publicire, erschien im Jahre 1826 zu Ofen 
(aus der Universitäts-Buchdruckerei) auf Pränumeration, und 
in einer kleinen Anzahl von Exemplaren, die überdies zum 
grössten Theil innerhalb Ungarns blieben; es war daher bald 
vergriffen und äusserst gelten geworden. Der Verfasser be- 
zeichnete in der Vorrede sein Werk nur als ersten unvollkom- 
menen Versuch, und sprach den Wunsch aus, Jemand Anderer 
möchte etwas besseres liefern; eine neue Ausgabe, deren Be- 
dürfniss bald fühlbar wurde , hätte aber bei der einzigen Ge- 
wissenhaftigkeit und Strenge des Verewigten gegen sich selbst 
nur ein ganz neues Werk sein können , und dazu hatte er bei 
dem mächtig aufstrebenden Gange seiner Studien keine Zeit. 
Von einer begonnenen neuen Bearbeitung desselben Gegenstan- 
des, nach ganz anderem ungleich ausgedehnterem Plane , na- 
mentlich mit ganz vollständiger Bibliographie, wurde nur jener 
Theil fertig, welcher die südslawischen Dialekte (mit Ausschluss 
des alt- und neu-bulgarischen) behandelt, und auch diesen zu 
publiciren konnte sich der Verfasser nicht entschliessen; der- 
selbe ist erst 1864—65 von Herrn Jirecek herausgegeben wor- 
den, und übertrifft allein an Umfang die ganze Literaturge- 
schichte vom Jahre 1826 um mehr als das Doppelte. Zu einem 
blossen neuen Abdrucke der letzteren verweigerte mein Vater 
noch in den letzten Jahren seines Lebens ganz entschieden 
seine Zustimmung. 

Es könnte als Mangel an Pietät erscheinen, dass ich nun 
selber thue, wozu mein Vater seine Einwilligung verweigert 
hatte, und eine vor mehr als 40 Jahren erschienene Schrift aus 
dem Gebiete der seitdem so mächtig aufgeblühten slawischen 
Studien unverändert abdrucken lasse. Indess die Thatsache 



X 

selbst, dass ein solcher Abdruck noch heute noth thut , sagt 
mehr als alle weiteren Gründe, und zum Ueberflusse kann ich 
mich auf eine mündliche Aeusserung berufen, welche mein Vater 
(ungefähr um das Jahr 1858) gegen mich that: „Das Buch ist 
nur ein erster Versuch, aber aus den Quellen geschöpft, und 
zum einleitenden Studium noch immer nicht zu entbehren, denn 
es ist seitdem nichts besseres erschienen." 

Es verstand sich von selbst, dass der neue Abdruck nur 
ein ganz unveränderter sein konnte, denn Anmassung und Im- 
pietät wäre es erst gewesen, durch oberflächliche Aenderungen 
und Zusätze den Schein einer neuen Bearbeitung hervorzu- 
bringen. Wohl aber schien es zulässig, einiges aus den zahl- 
reichen schriftlichen Bemerkungen im Handexemplare meines 
Vaters aufzunehmen. Letztere enthalten: 1) Titel von Bü- 
chern und Handschriften, nach dem J. 1826 erschienen oder 
bekannt geworden; 2) sachliche Zusätze, Excerpte aus Autoren 
usw.; 3) Berichtigungen aus den beiden Recensionen von Do- 
browsky (Wien. Jahrb. Lit. XXXVII, 1-28) und Band- 
tkie (Hall. Lit. Zeit. 1827 Nr. 181—182). Ich habe nun den 
Haupttext (S. 1—490) nach Berichtigung der Druckfehler (auch 
nicht angezeigter) buchstäblich ungeändert gelassen, so dass der 
Abdruck Seite für Seite, Zeile für Zeile, das Original wiedergibt; 
von den schriftlichen Zusätzen habe ich einen kleinen Theil 
(kenntlich durch vorgesetzte Sternchen) den „Zusätzen und 
Berichtigungen" des Originales einverleibt, welche dadurch von 
4 Seiten auf 19 Seiten angewachsen sind. Das Register (S. 495 
bis 510 des Originales) blieb bis auf wenige hinzugekommene 
Namen und (wegen der neuen Zusätze) korrigirte Seitenzahlen 
ungeändert, das Pränumeranten-Verzeichniss (S. 511 — 524 des 
Originales) fiel natürlich weg. Aus den handschriftlichen 
Zusätzen habe ich aufgenommen: 1) von Büchertiteln nur wis- 
senschaftliche , weil die schöne Literatur nicht gleichmässig 
genug nachgetragen ist , und mit Ausschluss der südslawi- 
schen, weil diese in der 1864 publicirten neuen Bearbeitung 
ungleich vollständiger verzeichnet sind; 2) sachliche Noten alle; 
3) aus den beiden Recensionen gezogene Bemerkungen nur 
äusserst wenige, weil aus den abgedruckten Beispielen hervor- 
geht, dass der Verfasser mit der Kritik nicht überall einver- 
standen war. Dass ich hiebei einige kräftige Aeusserungen, 



\ 

XI 

m 
die nie für Leser bestimmt waren , wegliess , wird , wer den 
Verewigten kannte, gewiss nur in seinem Geiste gehandelt fin- 
den. Wichtiges habe ich nichts übergangen, eher hätte noch 
einiges von den neuen Zusätzen wegbleiben können. 

Nöthiger wäre es wohl gewesen , für diejenigen , welche 
aus vorliegendem Werke ihre erste Kenntniss der slawischen 
Literatur schöpfen werder , die Hauptpunkte anzudeuten , in 
denen die Forschung seit 1826 fortgeschritten ist, und die be- 
treffenden Quellen anzugeben. Aber diese Aufgabe liegt so 
weit ausserhalb meines Kreises, dass ich mich begnügen muss, 
bloss die späteren Arbeiten meines Vaters aufzuzählen, welche 
hieher gehören. Im 3., von Herrn Jirecek 1865 herausgegebe- 
nen Bande der gesammelten Werke meines Vaters findet der 
Leser 31 Abhandlungen in böhmischer Sprache, in den Jahren 
1834 — 1858 (grösstentheils in der böhmischen Museumszeitschrift) 
publicirt, von denen sich 4 auf Geschichte und Geographie, 3 
auf Mythologie, 3 auf Rechtsgeschichte, 14 auf Bibliographie, Li- 
teraturgeschichte und Philologie, 7 auf Sprachforschung und 
Sprachvergleichung — durchaus auf slawischem Gebiete — 
beziehen. Ausserdem sind noch zu nennen : 

Für älteste Geographie, Ethnographie und Geschichte: 
Slowanske starozitnosti Prag 1837, neuer Abdruck 1862, 
deutsche Bearbeitung Leipzig 1842 — 44. 
Für Ethnographie und Statistik, sowie für Klassifikation 
und Charakteristik der Dialekte: 

Slowansky narodopis , Prag 1840 — 1843, in 3 Auflagen 
(mit Sprachkarte). 
Für Bibliographie und Literaturgeschichte : 

Uebersicht der slowenischen Kirchenbücher u. s. w. 
(Wien. Jahrb. Litt. 1829, Bd. IV, Anz. 1—35) und : 
Uebersicht der vorzügl. schriftl. Denkmäler älterer Zeit 
bei den Südslawen (ebd. 1831, Bd. LHI, Anz. 1-58); 
endlich: Geschichte der südslawischen Literatur (abge- 
schlossen um das J. 1833), herausgeg. von J. Jirecek, 
Prag 1864—65 in 3 Abtheilungen. (Enthält vollständig 
beide vorhergehenden Aufsätze.) 
Für Philologie: 

Serbische Lesekörner, Neusatz 1833 ; Jihoslovanske* pa- 
matky, Prag 1851 ; Hlaholske* pamatky, ebd. 1853 ; Gla- 



XII 

golitische Fragmente, ebd. 1857; Ursprung und Heimat 
des Glagolitismus ebd. 1858; älteste Denkmäler der böh- 
mischen Sprache, gemeinsam mit F. Palacky, Prag 
1840. (Hierin vergleiche p. 86—90 die Vertheidigung 
dessen, was im vorliegenden Werke p. 399 über Lech 
gesagt ist, gegen Dobrowsky's Kritik in Wien, Jahrb. Lit.) 
Ich war während des Druckes anderweitig so erschöpfend 
beschäftigt, dass ich nicht im Stande war, die Aushängebogen 
nochmals zu lesen; indess habe ich die Korrekturen so gewis- 
senhaft gemacht, dass ich glaube, der neue Abdruck werde 
korrekter sein als der alte. 

Und Du, Hoher, Unvergesslicher, dem alles selbst ge- 
schaffene zu unvollkommen schien, um es mehr als einmal zu 
bieten, der reich genug war, stets nur neues zu bringen, zürne 
mir nicht, wenn ich das thue, was du nicht mochtest ! Es ist 
Dein Licht, das ich will wieder leuchten lassen, die belebende 
Wärme Deines ersten blühenden Mannesalters, noch nicht ge- 
reift zur Vollendung des Lebensmittages , aber auch nicht ge- 
dämpft durch den Ernst und die Resignation des Lebensnach- 
mittages, die ich wieder will wärmen lassen. Mögen sie leuch- 
ten und wärmen und Zeugniss geben von Dir! 

Prag, 2. März 1869. 



Adulbert Safarik. 



INHALT. 



EINLEITUNG. 

Seite 

§. 1. Abstammung, Wohnsitze u. Thaten der alten Slawen. 1 

§. 2. Religion und Sitten, Cultur u. Sprache der alten Slawen 11 
§. 3. Slawischer Volksstamm im dritten Jahrzehnt des XIX. 

Jahrh. 19 

§. 4. Slawischer Sprachstamm zu Anfange des XIX. Jahrh. 27 

§. 5. Character und Cultur der Slawen im Allgemeinen. 43 
§. 6. Schicksale und Zustand der slawischen Literatur im 

Allgemeinen. 59 
§, 7. Uebersicht einiger Beförderungsmittel der Literatur 

unter den Slawen. 70 

EKSTER THEIL. 

Südöstliche Slawen. 
Erster Abschnitt. 

Geschichte der altslawischen Kirchensprache und Literatur, 

§. 8. Charakter der altslawischen Kirchensprache. 81 

§. 9. Kyrills und Methods Herkunft, Beruf und Mission. 85 
§. 10. Verhältniss der altslawischen Kirchensprache zu andern 

slawischen Mundarten. 96 
§. 11. Schicksale der altslawischen Kirchensprache und 

Uebersicht einiger Denkmäler derselben. 119 

Zweiter Abschnitt. 

Geschichte der russischen Sprache und Literatur. 

§. 12. Historisch- ethnographische Vorbemerkungen. 134 

§. 13. Charakter der russischen Sprache. 138 

§. 14. Epochen der russischen Literatur. Erste Periode : Von 
der Gründung des russischen Keichs bis zur Allein- 
herrschaft Peters des Grossen. Erste Abtheilung: 
Von Rurik bis auf Wladimir. J. 850—989. 145 

§. 15. Zweite Abtheilung: Von der Einführung des Chri- 
stenthums bis zur Besiegung der Tataren. J. 989- 
1462. (48 



XIV 

Seite 

§. 16. Dritte Abtheilung: Von der Besiegung und Vertrei- 
bung der Tataren bis auf Peters des Grossen Al- 
leinherrschaft. J. 1462—1689. 152 

§. 17. Zweite Periode: Von Peter dem Grossen bis auf un- 
sere Zeiten. Erste Abtheilung: Vom Anfange der 
zweiten Periode bis zur Thronbesteigung Elisa- 
beths. J. 1689—1741. 159 

§. 18. Zweite Abtheilung: Elisabeths und Katharina's IL 
Regirungszeit , oder von Lomonosow bis auf Ka- 
ramzin, J. 1741—1796. 164 

§. 19. Dritte Abtheilung: Das Zeitalter Alexanders, oder 

von Karamzin bis auf unsere Zeiten. 174 



Dritter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der Slawoserben 
griechischen Ritus. 

§. 20. Historisch- ethnographische Vorbemerkungen. 191 

§. 21. Charakter der serbischen Sprache. 201 

\. 22. Schicksale der serbischen Sprache und Literatur. 205 

§. 23. Uebersicht der neuesten serbischen Literatur. 216 

§. 24. Sprache und Schriftwesen der Bulgaren. 223 

Vierter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der katholischen Slawo- 
serben {Dalmatiner, Bosnier, Slawonier) und der Kroaten. 

§. 25. Historisch- ethnographische Vorbemerkungen. 226 

§. 26. Sprach- und Stammverwandtschaft der Dalmatiner 

und Kroaten. 235 

§. 27. Charakter der Sprache der Dalmatiner und Zweige 

der dalmatisch-kroatischen Literatur. 236 

§. 2$. Ursprung und Schicksale der glagolitischen Literatur 

der Dalmatiner und Kroaten. 237 

§. 29. Schicksale der Sprache und Nationalliteratur der 

Dalmatiner und Ragusaner. 247 

§. 30. Sprache und Schriftwesen der katholischen Bosnier. 262 
§. 31. Sprache und Schriftwesen der katholischen Slawonier. 262 
§. 32. Schicksal^ der Sprache und Literatur der Kroaten. 265 

Fünfter Abschnitt. 

Geschichte der windischen Sf)rache und Literatur. 

§. 33. Historisch- ethnographische Vorbemerkungen. 271 

§. 34. Charakter der u indischen Sprache. 274 

y 3". Schicksale <1<t windischen Sprache und Literatur. 275 



Einleitung. 



§. 1. 

Abstammung, Wohnsitze und Thaten der alten Slawen. 

Das Erste, was bei der Betrachtung der slawischen 
Völker die Aufmerksamkeit in Anspruch nimmt, ist die 
ungeheure Ausdehnung dieses, durch verschiedene Na- 
men und Wohnsitze in zahlreiche Aeste und Zweige 
getheilten, und nur durch das bedeutsame Band einer 
gemeinschaftlichen, wenn gleich in mehrere Mundarten 
aufgelösten Sprache an einander geknüpften Volksstam- 
mes, der gegen 50 - 60 Millionen stark, beinahe halb 
Europa und ein Drittheil von Asien besetzt. Nächst den 
Arabern, die einst von Malaka bis Lissabon herrschten, 
sagt Schlözer, ist kein Volk auf dem ganzen Erdboden 
bekannt, das sich, seine Sprache, seine Macht und seine 
Colonien so erstaunlich weit ausgebreitet hätte. Von 
Ragusa am adriatischen Meere, nordwärts bis an die 
Küsten des Eismeers, rechter Hand bis an Kamcatka 
in der Nähe von Japan, und linker Hand bis an die 
Ostsee hin, trifft man überall slawische Völkerschaften, 
theils herrschend, theils andern Völkern dienend an. Es 
ist demnach leicht einzusehen, dass der Ueberblick der 
Lebens- und Bildungsmomente eines so weit verbrei- 
teten Volks Schwierigkeiten eigener Art unterworfen 
ist, und eine Geschichte dieses Völkerstammes im Gan- 
zen , wie sie das Gemälde der Menschheit fordert, so 

1 



lange ein frommer Wunsch bleiben muss, bis die Spe- 
cialgeschichten der einzelnen Volkszweige gehörig bear- 
beitet, und die dunkeln Regionen der slawischen Vor- 
zeit durch fortgesetzte, vereinte Bemühungen der vater- 
ländischen Forscher einigermassen, so weit diess nämlich 
bei dem fühlbaren Mangel an sicheren einheimischen 
Quellen möglich ist , aufgehellt seyn werden. Manches 
Rühmliche hat in dieser Hinsicht die neueste Zeit ge- 
liefert; allein das meiste bleibt noch der Zukunft übrig 
zu thun 1 ). 

Die älteste Geschichte der Slawen ist, wie die Ge- 
schichte aller Völker, in ein undurchdringliches Dun- 
kel gehüllt. Je weiter zurück man auf den Gefilden der 
Vergangenheit diesen grossen Völkerstamm mit Forscher- 
blick verfolgt, um so sparsamer wird das Licht. Erst 
um die Mitte des V. Jahrb. nach Chr. fängt es an zu 
dämmern. Was sich aus den Ueberlieferungen der aus- 
wärtigen Schriftsteller mit Zuziehung der historischen 
Conjecturalforschung über die ältesten bekannten Slawen 
ergibt, ist ungefehr folgendes: 

Die Slawen stammen aus ludien, so wie die Ger- 
manen, ihre ewigen Nachbarn, aus Persien; wie diess 
die Vergleicliiing der slawischen Sprache mit der altin- 
dischen oder Sanscrita, und der teutschen mit der per- 
sischen augenscheinlich beweist. Die Zeit ihrer Einwan- 
derung nach Europa, so wie die Ursachen derselben, 
lassen sich nicht angeben ; doch ist es einleuchtend, dass 
diess mehrere Jahrhunderte, wo nicht ein ganzes Jahr- 
tausend vor Chr., wahrscheinlich wegen Uebervölke- 
rung, geschehen ist 2 ). Verfolgt man die Spuren der Sla- 



'i Hier mihi ror Allem zu nennen, die Bemühungen der kais. rUBS. 
Akademie, der freien Gesellsch. zu Moskau fiir russ. Geschichte und Alter- 
thümer, der Warschauer gelehrten Gesellsch., der kön. Gesellsch. der Wis- 
senschaften xu Prag, ferner der Forscher und Sammler: Mascov, Banduri, 
Lucius. Jordan, Dobner, stritter, Gerckeu. Möhsen, Anton, Taube, Fer- 
tig, Sulzer, Rossignoli. Gatterer, Gebhardi, Schlözer, Voigt, Pelzel, Na- 
ruszewiez, Uoltin . Rare, Koll§tay, Dobroweky, Potocki , Sapieha, Graf 
Mihii - l'uskin, Rumjancow, Ewers, Krug, Lehrberg, Adelung, Koppen, 
Wichmann, Karamzin, Surowfeclri, Maiewski, Czaykowski, Gr. Ossoliriski, 
Lelewel. ( hodakowski u. a. m. 2 ) S. Sckltnels Sprache u. Weisheit der 
[ndier, Heidelb. 808. (womit zu verbinden Jahrb. d. Lit. VIII. Bd. 819. 
S. 454.) Hammer* Fundgruben des Orients, II. Bd. S. 459. Th. P. Adehmo 
rapport> entre la langue russe et la langue sanscrit, S. P. 881. 8. W. S. 



wen bei den europäischen Schriftstellern, so scheinen 
sie zur Zeit Herodots, im V. Jahrh. vor Chr., ihre 
Wohnsitze schon bis zum Ister (der heutigen Donau) 
ausgedehnt zu haben ; wofern nämlich die Krowyzen, 
deren dieser Vater der Geschichte erwähnt 3 ), eins 
mit den heutigen Kriwizen oder Kriwicen in Russland 
sind. Aber die ersten Schriftsteller, die der Slawen aus- 
drücklich erwähnen, sind der Mönch Jordan nach dem 
J. 552, der Senator Prokop im J. 562, der Protector 
Menander nach dem J. 594, und der Abt Johann von 
Biclaro, gest. 620, denen wir Alles, was wir über der 
Slawen Wohnsitze, Sitten und Thaten aus dieser Periode 
wissen, zu verdanken haben 4 ). Später herab verflech- 
ten die meisten, aber freilich nur ausländischen Schrift- 
steller, namentlich die byzantischen, und unter diesen 
vorzüglich Constantinus Porphyrogennetus (gest. 959), 
denn die inländischen fangen erst mit Nestor nach dem 
J. 1056 an 5 ), die Geschichte der Slawen in die Er- 



Maiewski o sl'awianach. Warsch. 816. B. J. Rakowiecki, Prawda ruska, W. 
820. J. S. Presl Krok, Prag 821. 1. litt. S. 65—81. Karamzin Istorija 
ross. gosudarstwa, 1. Bd. A. Murr au History of the European languages. 
Edinb. 823. 2 Bd. S. ./. Lelewel Dzieie starozytne Indyi, W. 823. 8. J. Klap- 
roth Asia polyglotta, Paris 823. 4. — A. Frencel de origg. linguae Sorab. 
Budiss. 693. hielt die Slawen für Hebräer und ihre Sprache für hebräisch, 
welcher Ansicht sich auch noch der sonst kritische Durich (Bibl. slav. p. 
250. 251.) zu nähern scheint; J. Piscaloris de orig. 1. Slav. Vitteb. 697. 
S. Dolci de illyr. 1. vetust, Yen. 754 (dagegen H. F. Zanetti ep. in diss. 
de illyr. 1. vetust. Eh.), F. AI. Appendini de priest, et vetust. 1. illyr. 
Rag. 806., Graf Sorgo in den Denkschriften der celtischen Akademie, Par. 
808. S. 21 — 56., Tatiscew russ. Gesch. 1. Th. Schöttgen de orig. russ. 
Dresd. 729, Georgi Besch. d. Nat. in Russl. 799. u. a. gehen noch weiter, 
sprechen von Slawen beim babylonischen Thurmbau, leiten alle slaw. Mund- 
arten aus der thracischen Sprache und vom Japhet her, ihnen ist das ganze 
thracische, scytische und getische Alterthum slawisch, worüber vorzüg- 
lich Schlözers Nestor 1. u. 2. Th. und Dobrowskys Slowanka 2 Th. S. 94— 
111. nachzulesen sind. 3 ) IV. 49. Weiter geschieht derselben Meldung bei 
Strabo VII. 318. 319. Plinius IV. 12. Steph. Byzant., Const. Porphyr, und 
Nestor. 4 ) Ueber die classischen Stellen des Jordan (de gotor. orig. c.5. 
23), Prokop (de hello goth. L. III. c. 14.), Menander und Biclar vgl. F. 
Durich bibl. slav. p. 4. ss. 12. ss. 28 — 33, 269 — 392, Schlözers Nestor 
II. Th. S. 72 — 74., Dobrowskys Slawin S. 196 — 212, 288 — 297, Slo- 
wanka 1 Th. S. 76 — 84. "•) Die Quellen der ältesten Gesch. der Slawen 
sind: 1.) auswärtige und einheimische Historio- und Chronographen, Ge- 
schlechtsregister, Kirchenbücher; 2.) alte Münzen; 3.) Denkmale unter der 
Erde; 4.) Aufschriften; 5.) Gemälde; 6.) Volksgesänge; 7.) eigentliche 
rrkunden und Diplome. — Zu den ältesten ausländischen Schriftstellern, 
die der Slawen erwähnen, sind zu rechnen (ausser einigen über die Thra- 
ken, Scythen, Heneten, Veneten, Sarmaten, Waräger u. s. w. zerstreuten 
und hieher zu ziehenden Nachrichten bei Herodot 450 v. Chr., Strabo 26 

1* 



Zählung der Tliaten anderer Völker immer mehr und 
mehr. Aus ihren Berichten ergibt sich, dass die Slawen 
unter verschiedenen Stammnamen im VI. und VII. Jahrh. 
bereits den ganzen Norden und Osten von Europa über- 
iluthet, und sowol mit den angranzenden, als auch mit 
den ankommenden Völkern öftere Kriege geführt haben. 
Sie werden unter den Namen der Slawen, Anten, Ve- 
neten, (HenetenJ, Winden, und Sarmaten von den 
Schriftstellern dieses Zeitalters angeführt 6 ) ; von denen 
aber nur der erste anerkannt einheimisch, die drei fol- 
genden ohne Abrede fremd und nur geographisch von 
den Ausländern auf die Slawen übertragen, der letzte 



n. Chr., Mela 48, Plinius 79, Tacitus 97, Ptolemaeus 161, Ammianus 
Marcellinus 379, Moses Chorenensis 460, ferner bei den morgenländischen 
Schriftstellern, vorzüglich Arabern), die schon genannten Jordan, Prokop, 
Menander, Jon. v. Biclaro, die Script, hist. Byzant. von Zosimus 460 bis auf 
Phrantzes 1481, Ditmar Bisch, v. Merseb. 976 — 1018, Adam v. Bremen 
1076, Helmold Priester in Bosow bei Lübeck sammt s. Fortsetzern 1170, 
Aeneas Sylvius 1405 — 64 u. a. m.; inländische Schrift, sind: Nestor Mönch 
in Kiew 1056 — 1111, Sylvester Bisch, in Perejaslawl gest. 1124, Cosmas 
Dechant in Prag 1045 —1125, Mart. Gallus in Polen 1109 — 1138, Diocle- 
ates Presb. in Dalm. um 1170, Vinc. Kadlubek Bisch, in Krakau gest. 1223, 
Daniel Erzb. in Serbien um 1245, Johann Pop in Nowgorod um 1230, Bo- 
guphalus Bisch, in Posen gest. 1253, Jaroslaw Strahoviensis um 1283, Da- 
limil um 1315, Michas Madius ein Dalm. um 1330, Petrus Zbraslawiensis, 
ein Böhme um 1335, Johannes Polonus um 1359, Pulkawa de Tradenin ein 
Böhme um 1374, Job. Dlugosz ernannter Erzb. in Lemberg 1415 — 1480, 
Wenc. Hajek ein Böhme gest. 1553, Math. v. Miechow 1456 — 1523, Mart. 
Cromer 1512 — 89, Math. Stryikowski Domherr in Littauen gest. 1582 u. s. w. 
Unter den slaw. Münzen reichen die russ. mit slaw. Schrift bis in die Zei- 
ten Wladimirs (gest. 1015) , und Jaroslaws (gest. 1054) , die poln. bis 
Boleslaw I. Chrobry (992 — 1025) hinauf; Serbische werden (muthmass- 
lich vonMuntimir 880 — 890) von Uros (1122 — 1136), Steph. Dusan 
(1336 — 1356), und Brankowic (1428 — 1457), 26 an der Zahl, in dem 
k. Wiener Antiken- Cabinet aufbewahrt. Die Akad. d. Wiss. in S. Petersb. 
besitzt in ihrer Kunstkammer einen Schatz von alten russ. Münzen ; S. Ka- 
binet Petra W., S. P. 800. 3 Bd. — Neu-Russland, vom Dniepr an, west- 
wärts bis nach Polen und Ocakow hin, am grossen und kleinen Ingul und 
um den Schwarzwald, ferner das südliche Sibirien ist vorzüglich reich an 
unterirdischen Denkmalen. Aber auch andere slaw. Länder bieten manches 
Interessante in dieser Hinsicht dar. Ueber die obotritischen Alterthümer un- 
ten. — Die älteste slaw. Inschrift ist auf dem Steine von Tmutorokan auf 
der Halbinsel Taman vom J. 1068. Unter den Glockeninschriften ist die 
vom J. 1341 im Jurikloster in Lemberg die älteste; in Böhmen kommt 
die erste vom J. 1437 vor; in Russland fing das Glockengiessen 1346 an. — 
Die ältesten Denkmale der Malerei sind bei den Russen in dem ostromir- 
schen Evangelium vom J. 1056, im Sbornik 1073, und in der M. Himmel- 
fahrtskirche zu Kiew 1073. — Ueber die Volksgcsänge unten §. 13. Anm. 1. 
Die älteste russ. Urkunde ist vom J. 1128. Serbische (vom J. 1302 in der 
Abschrift) vom J. 1348 in dem Metropolitan-Archiv zu Karlowic ; böhm. 
Stiftungsbriefe und Privilegien fangen prst mit 1386 an. ") Die grösste 



aber zweifelhaft ist. Die Slawen sassen seit undenklichen 
Zeiten, schon geraume Jahrhunderte vor Christi Geburt, 
in dem europäischen Sarmatien, welches sich von dem 



Verwirrung brachte in die älteste slaw. Geschichte die Menge und Zwei- 
deutigkeit der Namen hinein , unter denen die slaw. Stämme von den aus- 
ländischen Chronographen angeführt werden. Wenn es gleich einleuchtend 
ist, dass ein so grosses Volk, von jeher in mehrere Stämme getheilt, auch 
mehrere Namen geführt habe, so sieht man doch, dass gar viele dersel- 
ben irrig und mit Unrecht, gewöhnlich geographisch, den Slawen beigelegt 
worden sind, wie es mit den Winden (Slowenci) in Krain, Böhmen (Ce- 
chowe) in Böhmenheim, Illyriern (Srbi) im alten Illyricum der Fall ist. 
Daher ist für den slaw. Geschichtsgelehrten die Erörterung der Frage: wie 
haben sich die slaw. Stämme selbst genannt, und wie sind sie von den Aus- 
ländern genannt worden? unerlässlich. Was die Namen Heneten, Werte- 
ten, Weneden, Wenden, Winden, Vandalen u. s. w. anbelangt, so schei- 
nen sie insgesammt mit dem Worte Anten verwandt, und auf die Slawen 
nur geographisch übertragen worden zu seyn. Jordan, der gewöhnlich allerlei 
Benennungen zusammenrafft, nennt die Slawen Weneten, welchen Namen 
Prokop nicht kennt, weil er sie da fand, wohin Tacitus seine teutschen 
Weneden versetzte. Eben diess gilt von dem Namen Anten, der sich schon 
im VII. Jahrh. verloren. Vgl. Dobrowskys Slawin 202 — 203. Die Slawen 
selbst nannten sich von jeher Slowane, Slowene. Die Bedeutung dieses 
Namens ist in dem Worte slowu, slowim heissen, reden, appellor, loquor, 
und in slowo Wort, Rede, deren Wurzel slu mit der Bildungssylbe ju, 
sluju dem Griech. kXvcq (x geht in slaw. Sprachen oft in s über: kccqoiu 
srdce, 8ey.u. deset, ylvnvg sladky) und dem Lat. cluo, clango entspricht, 
und woraus durch den gewöhnlichen Uebergang des o in a bei den Iterati- 
ven, slawim celebro, glorifico, slawa gloria, entstanden ist. Es ist dem- 
nach gleichgültig, ob man den Eigennamen Slowan, Slawe, mit slowu 
und sloivo, od. mit slawim und slawa vergleicht ; denn beide sind im 
Grunde eins: aber die ältesten einheimischen Geschichtschreiber und Dich- 
ter, Nestor, Dalimil , Pulkawa, Palmota u. m. a., die Böhmen, die Slo- 
waken, die südlichen Slawen in Krain, Kärnten und Steiermark, die Dal- 
matiner, die Slawonier, ja die Russen und Serben selbst bis ins XVII. 
Jahrh., stimmen in der Sprech- und Schreibart : Slowane, und des Beiworts 
slowenesk , sloiuensky jazyk (jezyk) ganz überein , und noch heut zu 
Tage nennt sich die Mehrzahl der slaw. Stämme nicht Slawiani, sondern 
Slowane, Slowaci, Slowenci, zum Beweis, dass die Sprech- und Schreib- 
art: Slawe st. Slowan, slawisch st. slowenisch, abermals den Ausländern, 
namentlich den Byzantinern, Lateinern und Teutschen zuzuschreiben sey 
(so machten sie aus Morawa Marahania, March, Orawa Arva, Slowak 
Slawak, Chorwat Krabat, gost gast: Kelagast, Radegast u. s. w.), von 
denen sie erst 1665 in die Kirchenbücher der Russen und Serben, und zu 
den Polen kam, wo sie nunmehr vorherrschend geworden ist. Die slaw. 
Stämme nannten sich selbst Slowane, Slowenci, Slowaci, weil sie einerlei 
Sprache redeten, und sich gegenseitig verstehen konnten; so v wie sie den 
fremden Völkern die Namen Niemec (stumm , namenlos) , Cud (fremd, 
wild) , Wlach (fremd , auswärtig, cf. wall, wäl) beilegten. Die bei den 
Griechen und Römern übliche und von diesen zu den Franzosen fortge- 
pflanzte, fehlerhafte Schreibart: 2nXccßriv6g, 2&Xaßr}v6s, Sclavani, Sclavi, 
Esclavons, ist durch die Veränderung des o in a und Einschiebung des 
epenthetischen x, # entstanden. Vgl. Schlözers Nestor Th. II. S. 75. 
Dobrowskys hist. krit. Untersuchung, woher die Slawen ihren Namen er- 
halten haben , im 6 Th. d. Abh. e. Privatgesellsch . in Böhm. Prag 784. 
S. 263 — 298. Eb. Slawin S. 14 — 16. Eb. Gesch. d. böhm. Lit. (818) S. 
41. ff. Burich bibl. slav. S. 3—28. 



Ausflüsse der Weichsel bis zu den karpatischen Gebirgen, 
von da bis zum Ausflusse des Dniepers, längs den Ge- 
staden des asowischen IVleeres bis zum Don, und von da 
aufwärts bis zum weissen Meere und Archangel erstreckte, 
dort an den Küsten der Ostsee nach den Teutschen, 
deren Wohnsitze sie eingenommen, Werteten (Heneten, 
Winiden, Winden), hier an der Donau und dem asow- 
schen Meer von den Byzantinern, wahrscheinlich nach 
einer griechischen Umgestaltung des Wortes Henet, 
Wend, Anten genannt 7 ). Die an der Ostsee sitzenden 
Slawen wurden durch ihren Bernstein zuerst den Phö- 
niciern , und als dieser ein wichtiger Handelsartikel 
ward, in der Folge auch den Griechen bekannt. Sowol 
längs der Ostsee von Lübeck an, als auch auf den vor- 
züglichem Inseln des baltischen Meers hatten sie See- 
städte erbauet. Den südlichen Slawen hingegen mögen 
die Gothen, die sich 250 in Dacien und an dem Pontus 
Euxinus niederliessen, die erste Veranlassung zur Erwei- 
terung ihrer Wohnsitze gegeben haben. Eine zweite, 
noch bessere Gelegenheit ergab sich unter K. Aurelian 
(Ü7Ö), der Dacien, welches sich von der Donau zwi- 
schen der Theiss und der Aluta bis zu den Karpaten und 
bastarnischen Alpen erstreckte, freiwillig aufgab, und 
die römischen Colonisten jenseits der Donau nach Mösien 
übersetzte. Nicht minder konnten sie unter Probus 280, 
und Diokletian 295, nach der Entvölkerung Daciens ihre 
Gränzen erweitern. Wirklich finden wir nach der 
wahrscheinlich 276 — 282 verfertigten Peutingerschen 
Charte um diese Zeit die Yenados Sarmatas bis an die 
Ostscite der bastarnischen Alpen, d. i. bis an die Ost- 
und Xordgränze des heutigen Siebenbürgens vorgerückt, 
und mit den an der Donau wohnenden Slawen unter 
der von nun an gewöhnlichen Benennung Sarmatae 
limigantes vereinigt. Auf die Bitten dieser Sarmaten 



7 ) Gegen die Annahme der frühesten Wohnsitze der Slawen am 
mäotisehen See, am obern Dniepr und der obern Wolga (Dobrowsky Gesch. 
d. böhm. Lit. S. 9 nach riinii Ilist. Nat. P. 1. L. 6. c. 7. Aussage von 
den Serben) streitet die grosse Zahl der slaw. Stämme und die Volks- 
menge, dir gewiss, nach so vielen Kriegen und nach dem Ausrotten od. 
I niM-linielzen der meisten Stämme, z. B. in Teutschland, Ungern, Dacien. 
ii. s. w. zu urtheilen, damals kaum geringer seyn konnte, als jetzt. 



unternahm Constantin 332 einen Kriegszug gegen die 
Gothen; nach dessen glücklicher Beendigung sich die 
früherhin von den Sarmaten gegen den Feind bewaffne- 
ten Knechte gegen ihre Herren empörten, und die Aus- 
wanderung von 300,000 nach Nord-Italien, d. i. dem 
heutigen südlichen Kärnten, Krain und Kroatien, und 
zu den Vietofalen, einem markomannischen Stamm ger- 
manischer Herkunft in Dacien, unter Tiberius (20) hie- 
her verpflanzt, bewirkten. Als unter Constantin II. (337) 
vermischte Heerhaufen von Sarmaten und Quaden in 
Pannonien und Mösien einbrachen, und dieser darüber 
über die Donau ging, und das Land der Jazygen und 
Quaden verheerte, so kamen unter den Gesandten, die 
um Frieden baten, auch Sarmaten aus Dacien, und wur- 
den von dem Kaiser sehr glimpflich behandelt. Er liess 
sie im Besitz ihrer Ländereien, und gab ihnen einen 
König, züchtigte hingegen die sein Gebiet beunruhigen- 
den Sarmaten zwischen der Donau und der Theiss und 
an der Aluta, und gebot ihnen , sich weiter ins Land 
zurückzuziehen. Allein kaum war die Ruhe hergestellt, 
als im J. 359, in welchem der K. Constantius seine Win- 
terquartiere in Sirmiimi hielt, sich neue Schwärme der 
vor einem Jahre gegen die karpati sehen Gebirge hinauf 
verwiesenen Sarmaten zeigten, und von diesem zu Rede 
gestellt, sich zwar anfangs friedfertig stellten, aber bald, 
bei einer Unterredung in Acimincum (dem heutigen 
Peterwardein) unerwartet mit dem Feldgeschrei : mar 
ha, mar ha! tödt' ihn! 8 ) auf den Kaiser eindrangen, 
jedoch von den römischen Legionen niedergemacht wur- 
den. Unter Valentinian I. und Valens (364), wo die 
Gränzprovinzen des römischen Reichs durch die Jazygen 
und Quaden sehr hart mitgenommen wurden, waren 
auch die Sarmatae limigantes 374 in Mösien eingefallen, 
wurden aber durch den Statthalter Theodosius in ihre 



8 ) Obgleich ha dem serb. Acc. ga vollkommen entspricht, so scheint 
doch auch hier die gewöhnliche Umgestaltung des o in a Statt gefunden 
zu haben. Das Feldgeschrei wäre demnach gewesen: mor ho, und dieses 
gäbe einen Wink, den Stamm, der damals die Gegend von den Karpaten 
südlich herab zwischen der Donau und Theiss beherrschte, etwa in den 
l i£utig£ii Slow aken wieder zu finden. 



8 

Grunzen zurückgejagt. Um das J. 373, als sich die Hun- 
nen zu verbreiten anfingen, unternahm Winithar, der 
Ostgothen König, einen Feldzug gegen die Anten oder 
Slawen; sein Angriff wurde aber diesmal zurückgeschla- 
gen. Bei einem zweiten Einfall nahm er ihren König 
Box oder Booz (Boz?) sammt seinen Söhnen und vielen 
Vornehmen gefangen, und liess sie ans Kreuz heften. Er 
selbst wurde von dem Hunnenanführer Valamir bekriegt 
und durcbbohrt. Im J. 430 traten die Slawen an der 
Donau in ein ßündniss mit den Römern gegen die Ue- 
bermacht der Hunnen. Als Attila 450 mit seinem Heer 
nach Gallien aufbrach, waren unter den Hilfsvölkern, 
welche seiner Fahne folgten, auch Slawen, blieben übri- 
gens bei allen Länderzerrüttungen und Verheerungen 
durch die Hunnen ungestört in dem Besitz ihres Gebie- 
tes. Nach Attila's Tode besetzten die Gepiden Dacien, 
die Gothen Pannonien, die Sciren und Alanen Nieder- 
Mösien und einen Theil des Landes zwischen der Donau, 
der Theiss und der Aluta; worauf die Slawen aus die- 
ser letzten Gegend in das Land an der Donau und Drau 
um das Schloss Martenna (heut zu Tage Marburg) zu 
ihren Stammverwandten in Krain und Kroatien auswan- 
derten. In dem Kriege gegen die Gothen 472 standen 
die Vorsteher der Slawen den Sueven-Königen mit ihren 
Hilfstruppen bei ; sie wurden aber besiegt, und der 
18jährige gothische Prinz Theoderich überfiel sie 473, 
tödtete ihren Vorsteher, und entriss ihnen die kurz zuvor 
von ihnen eroberte Stadt Singidunum (Belgrad). Um 
diese Zeit waren die Slawen in Krain den Gothen zins- 
bar, kamen aber bald unter die römische Regierung. 
In den J. 534 — 545, 547 ff. erschlugen die an der Do- 
nau wohnenden Slawen den von Jnstinian aufgestellten 
Gränzpräfecten , machten ungestraft in das römische 
Reich mehrere Einfälle, und unternahmen einen Kriegs- 
zug über Thracien und Illyrien bis in die Gegend von 
Adrianopel und Byzant, von wo sie aber zurückgeschla- 
gen wurden. Sowol jetzt, als auch schon früher, mö- 
gen sich die südlichen Slawen längs der Donau bis an 
ihre Mündungen, und von da längs dem Pontus Euxi- 
nus bis zum Dniester nach und nach ausgebreitet haben; 



9 

während die nördlichen Slawen noch immer längs der 
Weichsel, als ihrer westlichen Gränze, wohnten. Die 
Slawen, Hunnen und A waren machten nun wegen der 
Unthätigkeit und Schwäche der byzantischen Kaiser öf- 
tere Einfälle in die Provinzen dieses Reichs. Eine Zeit 
lang standen jetzt die südlichen Slawen unter der Bot- 
mässigkeit der Awaren. Auf Befehl des Awaren-Cha- 
gans brachen sie 584, beiläufig 100,000 Mann stark, in 
Thracien ein, worauf sich ein Krieg zwischen dem kais. 
Feldherrn Priscus und den Slawen entspann, der von 
593 bis 597 mit abwechselndem Glück fortgesetzt wurde. 
Im J. 620 wurde die Macht der Awaren durch Heraklius 
gebrochen. Unter ihm (610 — 641) beginnt auch für 
die Slawen eine neue Wanderungsperiode. Nach dem 
J. 610 zog ein Theil derselben, unter fünf Brüdern und 
zwei Schwestern, wie die Chronisten erzählen, aus dem 
nördlichen Kroatien nach Dalmatien herab, und besetzte 
den Landstrich von dem Cettina - Flusse bis über Istrien 
hinaus. Ostwärts von diesen Kroaten nahmen die Serben, 
beinahe um die nämliche Zeit vom Norden in diese Ge- 
genden eingewandert, ihre Wohnsitze. Ihre Stämme 
führten verschiedene locale Namen. Um diese Zeit treten 
in Böhmen, Mähren, Schlesien und der Lausitz verschie- 
dene slawische Stämme unter den Namen Cechowe, Mo- 
rawane, Slezäci, Luzicane zum erstenmal in der Ge- 
schichte auf. Ostnordwärts von ihnen, an beiden Ufern 
der Weichsel, wohnten die Polen, und weiter hinauf 
zahlreiche slawische Stämme, späterhin unter dem Ge- 
schlechtsnamen der Russen begriffen. Zur Zeit des Con- 
stantinus Porph. waren diese schon den angrenzenden und 
den entlegenen Völkern durch Handel, den sie zu Was- 
ser und zu Lande nach Bulgarien und Thracien hinein 
führten, hinlänglich bekannt, und hatten nach Adam 
von Bremen und Helmold den grössten Theil des heuti- 
gen Länderraums schon inne. Zwischen den Russen und 
Polen, von der Russe bis zu der Weichsel, längs der 
Ostsee, finden wir um diese Zeit die Preussen (st. Po- 
russen, so wie Reussen st. Russen); westwärts von ih- 
nen aber, oberhalb der Polen, von der Weichsel bis 
zur Elbe, wird der grosse und mächtige Volksstamm 



10 

der Slawen von den Chronisten Wiiiideu, Winulen, 
Wendet! genannt« Auf sie folgten die Pomoraner (To- 
merancr). Die Gränzen Poineraniens waren gegen Nor- 
den die Ostsee, gegen Osten die Preussen, gegen Westen 
die Oder, gegen Süden die Polen. Zwischen den Wen- 
den, Pomeranern und Polen sassen die Wilzen , Luiti- 
cier, auch Weletabi genannt, die gleichfalls in mehrere 
Stämme get heilt waren. Noch wohnten zwischen der Elhe 
und der Oder verschiedene slawische Völkerschaften, 
als die Leuhuzi, Wilini. Stoderaner, Havellaner (He- 
veller), Brizaner, Lingonen, Warnawi; namentlich sas- 
sen in dem heutigen M eklen bürg und Schwerin die Obo- 
triten, an welche am Ausflüsse der Elbe, in dem heu- 
tigen Oldenburg, und an der Ostsee die Polabcn stiessen. 
Zuletzt besessen noch die Slawen mehrere Inseln der 
Ostsee, unter denen die vorzüglichsten das heutige Fe- 
inern und Rügen. Auf dieser letzten wohnten die Raner 
und Rugier. — Die frühesten Wohnsitze der Slawen in 
Europa wären demnach nach Seb. Frank ziemlich genau 
so bestimmt : ,,Totum tractum, sagt er, illarum provin- 
ciarum , ineipiendo a Ponto Euxino Constantinopolim 
versus ultra et a magno fltimine Rha, hodie Volga di- 
cto, ab Oriente ita in oeeidentem, meridiem versus in- 
ter magna Sarmatica montana interque Carpaticos mon- 
les. iiiiiiin tractum montium ßohemicorum ex una parte, 
ex altera vero parte septemtrionem versus inter littus 
Pomeranici maris et inter Balticum fretum usque ad Al- 
bim deorsum longe lateque Slavi oecuparunt" ; oder 
nach Schlözer: „In dem Dreieck zwischen der Donau 
und Theiss bis an die Karpaten, und über dieses Ge- 
birge hinüber bis nach Schlesien hinein , und von da 
per immensa spatia; ihre Brüder aber, die Anten, dehn- 
ten sich ostwärts durch die ganze Moldau und Walachei 
bis ans schwarze Meer aus." 9 ) 



•) Seh. Frank de nominib. gentium a Tacito et Ptolem. relatis. 
GtoMözers Nestor Tb. II. S. 77. — Ober die früheste Periode der Slawen 
Bind zu vgl. ./. Ch.. Jordan de origg. Slavicis, Vindob. 745. f. Popowic 
Untersuchungen vom Meere, Krankt', u. Lpz. 1750. 4. J. 8. Assemani Calen- 
daria eccl. univ., Rom. 755. VI. Voll. 4. J. G. Stritteri memoriae populo- 
rnm ad Danubium etc. e Script, bist. Byzant., Petrop. 771—78. III. Voll. 
I. Der 2te Bd. handelt ausschliesslich " von Slawen.) Gercken's Vers, in 



11 

Religion und Sitten, Cultur und Sprache der alten Slawen. 



Obschon uns bestimmte und ins Einzelne gehende Nach- 
richten über die ältesten Slawen in Bezug auf ihre Re- 
ligion und Sitten, ihre Cultur und Sprache gänzlich ab- 
gehen ; so ist es doch keinem Zweifel unterworfen, dass 
sie gleich von der Zeit ihres Bekanntwerdens in Europa 
an, so weit nämlich die Geschichte auf die Spuren ihres 
frühesten Lebens einiges Licht zu werfen anfängt , bis 
zu ihrer Bekehrung zum Christenthume zu Anfang des 
IX. Jahrb., zwar Heiden, aber keineswegs so roh wa- 
ren, dass sie in die Gasse der barbarischen Völker zu 
stehen kämen, vielmehr sich auf einer Stufe der natio- 
nalen und zeitge mässen Bildung befanden, die ihnen 
auch nach unseren jetzigen Begriffen eine Stelle in der 
Reihe der civilisirten Völker anweist. 

Die slawische Mythologie erinnert auffallend an In- 
dien; allein zur Zeit ist dieser ohnehin schwierige Ge- 
genstand noch nicht mit der gehörigen Kritik in seiner 
ganzen Ausdehnung bearbeitet worden 1 ). Zu den vor- 
züglichem Gottheiten der heidnischen Slawen gehören: 
Biel Boy, der weisse oder gute Gott, Cernobog, der 



der ältesten Gesch. der Slawen, Lpz. 771. 8. Gatterers Einl. in die syn- 
chron. Universalhist. Gott. 771. 8. Gebhardi's allg. Welthist. 51- r Th. 
Halle 789. Schlözers allg. Nordgesch. (in der allg. Welthist. der 31. Jh.) 
Halle 771. 4. S. 332—334- Fb. Nestor, russ. Annalen, Götting. 802—09. 
5 Th. 8 F. Rühs Gesch. d. Mittelalters (böhm. v. W. Hanka, Prag 818. 
12.). J. Potocki fragments historiques et geographiques sur la Scythie; l.a 
Sarmatie et les Slaves, Braunschw. 796. 4. Dobrowsky üb. d. ältesten Si- 
tze der Slawen in Europa (in dem Vers, einer Landesgesch. von Mähren), 
Olmütz 788. 8. J. F. A. v. Schtuabenau, die ältesten bekannten Slawen 
und ihre Wohnsitze, (im Hesperus 1819.) Karamzin istorija rossijskago go- 
sudarstwa, 2te A. S. Petersb. 819. lr Bd W. Surowiecki sledzenie po- 
czatka narodöw sfowianskich Warsch. 824. 8. 

') J. Görres Mythengesch. der asiat. Welt, Heidelb. 1810 8. sagt von 
der Religion der alten Slawen: „Daher wird es begreiflich, wie jene sla- 
wischen Völkerschaften, die in den frühern Jahrhunderten von jenem 
Stamme (der Hindu) sich gelöst, und nach dem östlichen Europa hin vor- 
gedrungen, so vielen Orientalism in ihrem religiösen Cultus zeigen konn- 
ten. Den Gegensatz des guten und bösen Princips finden wir personificirt 
bei den Wenden, Sorben und Obotriten. Echt orientalisch zusammenge- 
setzte Symbolik zeigen uns die Bilder der Rugier, die Saxo Grammaticus 
beschreibt. Swiatowid, lichtglänzend, vor allen in Arkona im gemeinsa- 



12 

schwarze oder böse Gott, Cudo morskoje, Meerwunder, 
eine Art Tritonen, Cur bei den Russen, was der Ter- 
minus bei den Römern, Did, Didilia, Gottheit der Ehen, 
l)iii\ der Arge, (der indische Dew) bei den Russen, 
Domowyje duchy, Hausgötter, Genien, bei den Böhmen 
Sefek, Sotek, Skrjtek, Dubynja und Gorynja, nach rus- 
sischen Erzählungen Heroen, Jagababa, als ein scheuss- 
liches, hageres Weib mit Knochenfüssen vorgestellt, 
Kascej, Koscej, ein lebendiges Skelett, Knochenmann, 
der Mädchen und Bräute raubte, Kikimora, ein fürch- 
terliches Gespenst, Lada, Leda, die Göttin der Liebe 
und aller Liebesvergnügungen, Lei, Lelja, der Liebes- 
gott, Lesie, Waldgottheiten, griechische Satyren, Mor- 
jana, Mofena, (Marzaiui), der Tod, die Todesgöttin 
(im Indischen heisst Marana auch der Tod), Oslad\ 
Gott der Gastmale , Perun, (bei den Slowaken Parom, 
daher paromova stfela, Blitz) der Donnergott, Polelja, 
Gott der Ehe, Sohn der Lada, Poreirif, Porenut, bei 
den Obotriten, vielleicht eins mit Prowe, Gott der Ge- 
rechtigkeit bei den wagrischen Slawen, Radeyost, (Ra- 
degast) der Schützer der Gastfreiheit bei den Obotriten, 
Rugewit, bei den Karantanern, Rusalki, Nymphen und 
Najaden, Sewana, bei den Polen Göttin der Wälder, 
Swiatowid, Swatowit der Allsehende in Arkona ver- 
ehrt, Triglaw, wahrscheinlich Beiname eines dreiköpfi- 
gen männlichen Gottes, des Trimurti der Indier, Wila, 



inen Tempel der slaw. Völker verehrt; sein kolossales Bild mit vier Häup- 
tern auf vierfachen Halse nach den vier Weltgegenden geordnet ; mit ge- 
Bchornem Bart und Ilaaro; in der rechten ein aus vielen Metallen zusam- 
mengesetztes Trinkhorn, in der linken den Bogen, neben ihm Sattel, Zaum 
und Schwenk, drei hundert Pferde und eben so viele Krieger seinem Dienst 
geweiht, vor allen ein weisses Pferd, das er selbst in Schlachten ritt, und 
das wahrsagend Auspicien über Krieg und Frieden gab. Dann bei den Ka- 
rantanern fctogewit mit siebenfachem Antlitz, sieben Schwerdter an einem 
Gehänge an seiner Seite, das achte <>ezogen in seiner rechten, der Gott des 
Krieges und der starke; weiter Porewit mit fünf Häuptern, aber ohne 
Waffen; endlich Porenut mit vierfachem Antlitz, ein fünftes auf der Brust, 
mit der linken auf der Stirne. mit der rechten das Kinn berührend; alle in 
ihrer Zusammensetzung auf die Bonne und die vier Jahrszeiten, die sieben 
Planeten und die fünf Kiemente deutend, beweisen früheren Verkehr mit 
persischen u. indischen Mythen, und die direc.te Verwandtschaft des Slawen- 
Stammes mit dem HinteVasiatischen." Auch die Gewohnheit der slaw. 
Weiher, sich mit der Leiche ihrer Männer auf den Scheiterhaufen zu werfen, 
weist auf Indien hin. 



13 

bei den südlichen Slawen, was Rusalki bei den Russen, 
Wolchw , Wolchowec, Zauberer, Weles, Wolos, der 
Gott des Viehes, Ziwa 9 QSiwä) die Göttin des Lebens 
bei den Polaben, verwandt mit dem indischen Schiva 
u. s. w. Krodo und Flintz sind keine slawische Gott- 
heiten. Unter allen waren Perun, der Donnergott, biely 
Bog, der Geber alles Guten, cemy Bog, der Schö- 
pfer des Bösen, in welchen sich ganz der persische Dua- 
lismus kund thut, und Swiatotvid, der Allsehende von 
Arkona auf der Insel Rügen, die höchsten Gottheiten. 
Die Namen gadanija, die Wahrsagungen, Koliada, 
Koleda, ein Fest, vorzüglich durch Geschenke gefeiert, 
Kupalo, das Johannisfest, der Sonne zu Ehren wegen 
der Sommersonnenwende, Trizna, eine Feier zum An- 
denken der Verstorbenen, u. s. w., beziehen sich offen- 
bar auf Gebräuche und Feste der damaligen Zeit. Den 
Gottesdienst versahen die Priester, (in den urältesten 
Zeiten unfehlbar zugleich Vorsteher des Volks, wie diess 
das bei den Slawen in zwiefacher Bedeutung noch übli- 
che Wort Kniaz, Knez (Knjie) Priester, Fürst, be- 
zeugt), in den hiezu erbauten Tempeln und in gehei- 
ligten Hainen. Gewöhnlich wurde dabei geopfert (zertwa, 
obet, Opfer), und geweissagt (we'stec, gadac Wahrsa- 
ger). Sie verbrannten ihre Todten und stimmten dabei 
Klaglieder an. Einzelne Spuren bei Nestor scheinen an- 
zudeuten, dass die alten Slawen mit der Idee der Un- 
sterblichkeit, wenn gleich den sinnlichen Begriffen der 
damaligen Zeit angemessen, bekannt waren. Den Eid 
Qprjsaha, kljatba) kannten und ehrten sie. 2 ) 



-) Vgl. Kayssarows Vers. e. slaw. Mythologie, Gott. 804. 8. Do- 
browskys Slawin S. 401—416. Durich bibl. slav. p. 338—351. — üeber 
die obotritischen, zwischen den J. 1687—97 in Prilwitz von dem Pastor 
Friedr. Sponholz gefundenen, und der Sammlung des Groszherzogs von 
Meklenburg-Strelitz einverleibten (verdächtigen) Denkmäler, worunter 
sich Abbildungen von Gottheiten und andere slaw. Alterthümer befinden, 
vgl. Ä. G. Masch die gottesdienstlichen Alterthümer derObotriten aus dem 
Tempel zu Rhetra am Tollenzersee, Berl. 771. 4. und J. Potocki voyages 
dans quelques parties de la Basse-Saxe pour la recherche des antiquites 
Slaves ou Vendes, Hamb. 795. 4. Alter's Miscellen S. 226 ff. Dobrowskvs 
Slowanka Th. II. S. 170—176. H. R. Schröters Friderico - Francisceuin, 
oder Grossherz. Alterthümersamml. aus der altgerm. u. slaw. Zeit Meklen- 
burgs zu Ludwigslust (Abbild, u. Text) 823. 



14 

In Hinsicht auf ihr politisches Leben ist es keinem 
Zweifel unterworfen, dass so wie die Indier bereits 
mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt im Besitze ei- 
ner hohen einheimischen Cultur waren, auch die Slawen 
nach ihrer Einwanderung nach Europa, mehrere Jahr- 
hunderte vor Christi Geburt, ein gebildetes Volk gewe- 
sen, Städte gehabt, ein patriarchalisches Leben gefuhrt, 
und daher auch leicht eine Beute anderer, in Wildheit 
und Barbarei versunkenen nOmadisir enden Völker, der 
Gothen, Hunnen und A waren geworden sind. Als be- 
ständige Nachbarn der Griechen, die ihre Colonien bis 
zum schwarzen Meer ausdehnten, haben sie sich fast 
gleichzeitig mit denselben, wenn gleich auf eine eigen- 
thümliche Weise, eultivirt. Die ältesten Schilderungen 
der Slawen sind von Prokop (502), K. Mauritius (582— 
602), K. Leo (886— 911) 3 ). Nach jenem hatten sie 
eine demokratische Verfassung, eigene Gesetze und Re- 
ligion, wohnten in schlechten Hütten und änderten ihre 
WOhnsitze noch oft, führten den Krieg meist zu Fuss 
mit Schilden und Wurfspiessen bewaffnet, waren lang 



3 ) Vgl. Prokop de jiello goth. L. III. c. 14. Mawitii Strategicon 
L. IL c. 5. Leonis Imp. de bellico apparatu, lat. a Jo. Checo, Basil. 595. 
12. A. F. Kollar amoenitates bist. Hung., Yindob. 783. 8. Stritter's Gesch. 
der Slawen in Schleyers allg. nord. Gesch. S. 351. ./. Rate istoria razBycfa 
slawenskich narodow, Wien 794—95. 8. lr. Bd. C. V. §. 6. ff. J. Votocki 
Fragments historiques 2r Bd. S. 10S ff. Durich bibl. slav. p. 2^—83, 259— 
392, Dobrowskvs Slawin, s. L96 212. Eb. Slowanka Th. I. S. 76-84. — 
Zwar haben mehrere, vorzüglich ausländische Schriftsteller den Slawen nicht 
nur alle frühere Cultur abzusprechen, sondern auch ihren redlichen Cha- 
rakter zu verdunkeln gesucht. Sie führen z. !>• an, dass Prokop sie an der 
Donau als noch nicht ganz an Ackerbau gewohnt schildert, Bonifacius im 
VIII. Jahrb. die Slawen in Deutschland vagos nennt. Prokop, Ditmar und 
Helmold Züge der Grausamkeit und Treulosigkeit von ihnen erzählen u. b. 
w. Allein dem ist nicht so. Von einzelnen Stämmen mag diess immerhin 
gelten, unbeschadel der Cultur anderer; denn gewiss waren alle Stamm* 

hierin einander Dicht gleich. Den ganzen Vorwurf hat schon Möller (von 
der hi>t. Grösse, im teilt. Mus. Lpz, 781. 2. Bd.) gewürdigt, in dein er sagt: 

„Nie würden unsere tapfern Vorfahren, die ehrlichen Slawen, den Kamen 

der treulosen in der Gesch. erhalten haben, wenn andrre : als Danen 
I ranken und Sachsen, als Helmold, Arnold n. Adam v. Bremen, ihre Gesch. 
verzeichne! hatten, deren Interesse e8 war, Sie ZU erniedrigen, zu bekehre): 
und onterwurfig zu machen." Die christlichen Missionarien, Griechen und 
Lateiner, haben alles, was Sie uns von den heidnischen Slawen gemeldet. 
verunstaltet So beecnuldigten die mechischen Mönche eben bo wie die la- 
teinischen die Cechen, Dulebier und Drewlier in Wolynicn u. Polesien der 
■ helosen Wildheit, weil sie die Sitte der Vielweibere'i. die dort herrschte. 
all eine regellose Ehe ansahen. 



15 

und starkgliedrig mit blonden Haaren; Redlichkeit ohne 
Tücke und Bosheit, war ein Hauptzug in ihrem Charak- 
ter; nach den zwei andern liebten sie die Freiheit- so 
sehr, dass sie auf keine Weise zur Dienstbarkeit oder 
zum Gehorsam gebracht werden konnten, waren vor- 
züglich tapfer, und konnten Beschwerlichkeiten, Hitze 
und Kälte, Blosse und Mangel leicht ertragen; gegen 
Fremde ungemein gütig und gastfrei, behielten sie ihre 
Gefangenen nie in Knechtschaft, sondern entliessen sie 
nach einer gewissen Zeit; sie lebten vorzüglich von der 
Viehzucht und vom Ackerbau; die Weiber waren den 
Männern ausserordentlich treu, oft starben sie freiwillig 
bei ihrem Tode; ihre Waffen waren Wurfspiesse, Schil- 
de, Bogen und Pfeile. Im Krieg hatten sie nicht nur 
Fussvolk, wie Prokop berichtet, sondern auch Reiterei, 
wie Constantinus Porph. P. II. c. 31. ausdrücklich bezeugt. 
Ausser den von Prokop genannten Waffen führten sie 
auch das Schwert und die Schleuder Qprak) mit. Dass 
unter ihnen von jeher ein Unterschied der Classen statt 
gefunden habe, folglich der Stand der Edlen (Knjaz, 
bojar, zupart, pan, slechtic) dem der freien Männer 
(clowjek, Ijudi) entgegengesetzt war, abgesehen von 
der Knechtschaft der Unterworfenen oder Unfreien (roh, 
rab\ leidet wo! keinen Zweifel. Eben so ist es klar, 
dass sie durch Gesetze, deren Spuren selbst Jaroslaws 
Rechtsbuch oder die sogenannte Prawda ruska enthal- 
ten mag, wenn es gleich schwer, ja unmöglich seyn 
möchte, sie einzeln nachzuweisen, regirt wurden, wie 
diess die Geschichtschreiber des VI. — XII. Jahrh. aus- 
drücklich und einstimmig behaupten. Selbst die Namen 
der Städte (grad von graditi umzäunen), als Stargrad 
Aldenburg (Oldenburg), Nowgorod, Nowjefumim, Kiew, 
Vineta 1 ), Arkona, Smolensk, Cernigow, Pskow, Izborsk 
u. m. a. weisen auf eine bedeutende Stufe der Civili- 
sation hin. Viele interessante Nachrichten über ihr häus- 
liches Leben, ihre Wohnungen, Nahrung, Bekleidung, 



*) Die Existenz der Stadt Vineta auf der Insel Wolin, die Herder 
das slaw. Amsterdam nennt, wollten Rumohr 1816, und Lewezow 1823 
zweifelhaft machen. Helmold, meinen sie, schreibt sie durch Irrthum für 
Jumne d. i. Julin. 



16 

(icbrüuche und Sitten, finden sich bei den alten Chro- 
nisten zerstreut , die zuerst Anton, hierauf die Hrn. 
Karamzin und Kakowiecki vollständig gesammelt und 
zusammengestellt haben. 

Demnach war Tapferkeit mit Friedensliebe verei- 
nigt ein hervorstechender Zug in ihrem Charakter, und 
Herder schildert sie eben so schön als treffend, wenn 
er sagt: „Trotz ihrer Thaten waren die Slawen nie ein 
unternehmendes Kriegs- und Abenteuervolk wie die Teut- 
schen; vielmehr rückten sie diesen stille nach, und be- 
setzten ihre leergelassenen Plätze und Länder. Allent- 
halben liessen sie sich nieder, um das von andern Völ- 
kern verlassene Land zu besitzen, es als Colonisten, als 
Hirten, als Ackerleute zu bauen und zu nutzen ; mit- 
hin war nach allen vorhergegangenen Verheerungen, Durch- 
und Auszügen ihre geräuschlose, fleissige Gegenwart den 
Ländern erspriesslich. Sie liebten die Landwirtschaft, 
einen Vorrath von Heerden und Getraide, auch man- 
cherlei häusliche Künste , und eröffneten allenthalben 
mit den Erzeugnissen ihres Landes und Fleisses einen 
nützlichen Handel. Längs der Ostsee von Lübeck an hat- 
ten sie Seestädte erbauet, unter welchen Vineta auf der 
Insel Rügen (richtiger Wolin) das slaw. Amsterdam war; 
^so pflogen sie auch mit den Preussen, Kuren u. Letten 
Gemeinschaft, wie die Sprache dieser Völker zeigt. Arn 
Dnieper hatten sie Kiew, am Wolchow Nowgorod ge- 
bauet, welche bald blühende Handelsstädte wurden, 
indem sie das schwarze Meer mit der Ostsee vereinig- 
ten, und die Producte der Morgen weit dem nord- und 
westlichen Europa zuführten. In Teutschland triebet! 
sie den Bergbau, verstanden das Schmelzen und Giessen 
der Metalle, bereiteten das Salz, verfertigten Leinwand, 
braueten Meth, pllanzten Fruchtbäume, und führten nacli 
ihrer Art ein fröhliches musikalisches Leben. Sie waren 
mildthätig, bis zur Verschwendung gastfrei; Liebhaber 
der ländlichen Freiheit, aber unterwürfig und gehorsam, 
des Rauhens and Plünderns Feinde. 44 Indess halfen den 
Slawen ihre Friedensliebe, ihr stilles häusliches Leben 
nicht gegen die Unterdrückung von aussen; sie waren 
es vielmehr, welche sie derselben am meisten ausgesetzt. 



17 

Darum sagt auch Herder weiter: „Da sie sich nie um 
die Oberherrschaft der Welt bewarben, keine kriegs- 
süchtigen erblichen Fürsten unter sich hatten, und lie- 
ber steuerpflichtig wurden, wenn sie ihr Land nur mit 
Ruhe bewohnen konnten; so haben sich mehrere Na- 
tionen, am meisten aber die vom teutschen Stamme, 
an ihnen hart versündigt. Schon unter Karl dem Gros- 
sen gingen jene Unterdrückungskriege an, die offenbar 
Handelsvortheile zur Ursache hatten, ob sie gleich die 
christliche Religion zum Vorwande gebrauchten; denn 
den heldenmässigen Franken musste es freilich bequem 
seyn, eine fleissige, den Landbau und Handel treibende 
Nation als Knechte zu behandeln , statt selbst diese 
Künste zu lernen und zu treiben. Was die Franken an- 
gefangen hatten, vollführten die Sachsen $ in ganzen Pro- 
vinzen wurden die Slawen ausgerottet oder zu Leibei- 
genen gemacht, und ihre Ländereien unter Bischöfe und 
Edelleute vertheilt. Ihren Handel auf der Ostsee zer- 
störten nordische Germanen ; ihr Vineta nahm durch 
die Dänen ein trauriges Ende, und ihre Reste in Teutsch- 
land sind dem ähnlich, was die Spanier aus den Peru- 
anern machten. Unglücklich ist das Volk dadurch wor- 
den, dass es bei seiner Liebe zur Ruhe und zum häus- 
lichen Fleiss sich keine dauernde Kriegs Verfassung ge- 
ben konnte, ob es ihm wol an Tapferkeit in einem 
hitzigen Widerstand nicht gefehlt hat. Unglücklich, dass 
seine Lage unter den Erdvölkern es auf einer Seite den 
Teutschen so nahe brachte, und auf der andern seinen 
Rücken allen Anfällen östlicher Tataren frei liess, unter 
welchen, sogar unter den Mongolen, es viel gelitten, 
viel geduldet." 5 ) 

Sprachüberreste aus der ältesten Periode der Slawen 
sind wol, einzelne bei ausländischen Schriftstellern zer- 
streute Wörter , meistens Eigennamen , ausgenommen, 
keine übrig 6 ). Eben darum ist das Urtheil über die 
Beschaffenheit der damaligen Mundarten sehr schwer; 



5 ) J. G. Herder Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit, 
Riga u. Lpz. 791. IV. Bd. Sechs?. B. IV. Slawische Völker. 6 ) Eine Samm- 
lung und kritische Beleuchtung der ältesten slaw. Wörter findet man bei 
Durich bibl. slav. p. 114—184, 211-258. 



18 

doch liegt es am Tage, dass ein so weit ausgebreiteter 
Volksstamm bereits im grauesten Alterthumc mehrere 
Dialekte gesprochen habe. Die ganz nahen zwei Stäm- 
me, die Prokop und andere Griechen besser kannten, 
und mit den Namen Slawinen und Anten belegten 7 ), 
mögen zwar damals völlig einerlei Sprache geredet ha- 
ben, allein diess lässt sich von entfernten Stämmen, 
z. B. dem Lechischen an der Weichsel, oder dem Cechi- 
schen an der Moldau in Böhmen nicht behaupten. Es ist 
wahrscheinlich, dass die Slawen eine Buchstabenschrift 
aus Indien mitgebracht haben; aber die Schriftkunde, 
die, wie natürlich, nur wenige besessen haben mögen, 
musste wol durch die ewige Wanderschaft unter so 
vielen Stämmen der Slawen bald verloren gehen, und 
es ist ungewiss, ob von diesem Uralphabet etwas auf das 
kyrillische übergegangen sey, oder nichts. Dass die ur- 
alten Gesänge, die erst in der neuesten Zeit bei den 
Böhmen und Russen glücklich entdeckt, und bei den 
Serben gesammelt worden sind, durch ihre Originalität 
und Gediegenheit auf eine viel frühere geistige Bildung 
der Nation hinweisen, als man gewöhnlich bis jetzt an- 
zunehmen sich für berechtigt hielt, das fällt wol jedem 
in die Augen, der diese Denkmale, deren viele ihrer 
Abfassung nach in die heidnische Periode gehören, und 
die wir an einem andern Ort ausführlicher beschreiben 
werden, näher kennen lernte. Denn sowol diese kost- 
baren Ueberreste der Poesie, als auch der Umstand, dass 
die Sprache der kyrillischen Bibelübersetzung schon das 
Gepräge einer nicht geringen Vervollkommnung und ei- 
nes grossen Wortreichthums trägt, deuten auf eine Pe- 
riode hin, zu deren Vorbereitung Jahrhunderte erfor- 
derlich sü\\\ dürften. Wie weit sich aber diese Sprach- 
und Geistesbildung erstreckte, das zu erforschen bleibt 



: > Prokop wusste von der Sprache der Slawinen und Anton nicht 
anderes zu sagen, als dass Bie Behr barbarisch {dxd%vcüg ßccgßagos) wäre. 
Damit wollte er eben nicht Basen, die Blaw. Sprache Bey nicht so gebildet, 
biegsam and wohlklingend, als die griechische, sondern Bie -»•> den Grie- 
chen unverständlich. Demi die Griechen oannten wol alles, was nicht 
Griechisch war, barbarisch, etwa bo, wie die Slawen alle fremde Völker 
( ml. Wl;nii. Mein, im Gegenstatz der Slowane, Völker FOD einerlei Spra- 

lowo^. .Mit dem Worte Cud bezeichneten sie Völker finnischer, mit 
Wlach gallischer und italischer, mitNiem ahm- besonders teutscher Abkunft 



19 

den Bemühungen anderer vaterländischen Gelehrten an- 
heimgestellt. 8 J 

§• 3. 

Slawischer Volksstamm Im dritten Jahrzehend des XIX. 

Jahrhunderts. 

Etwa um die Mitte des VII. Jahrh., mit dem J. 67 9, 
hörten die Wanderungen der Slawen auf, und vielleicht 
um dieselbe Zeit, oder auch schon früher, wurde der 
erste Versuch gemacht, die Slawen zum Christenthum 
zu bekehren. Dieser Versuch gelang zwar zu Anfange 
des IX. Jahrb., sowol im Süden als im Westen voll- 
kommen, aber nicht ohne grosse Veränderungen im In- 
nern der Stämme selbst. Die zwei grossen slawischen 
Reiche Gross-Kroatien und Gross-Serbien, beide im Nor- 
den der Karpaten, verschwanden schon zu Anfange des 
VI. Jahrb., zum Theil von den Franken, zum Theil von 
den Gothen und Awaren unterjocht. Eben so wurden 
die mit dem Namen der Wenden von den Ausländern 
bezeichneten Slawen, die im VI. Jahrh. in die von den 
Gothen und Sueven verlassenen Wohnsitze an der Elbe 
einrückten, und hier unter den Namen der Pomeranier, 
Luititzen, Wilzen, Weletaben, Obotriten, Sorben u. s. 
w» wohnten, nach einem grausamen Vertilgungskriege 
von den Franken und Sachsen bezwungen, und entwe- 
der ausgerottet, oder germanisirt. Ihre Sprache erlosch 
schon im XV. Jahrhundert. Die übrigen nordteutschen 
Wenden wurden im X. Jahrh. von Teutschlands Königen 
aus dem sächsischen Stamme bis über die Elbe gedrängt, 
und die Markgrafschaften Meissen, Lausitz und Branden- 



i 



8 ) Ausser den schon angeführten Schriften von Kayssarow, Durich, 
Potocki, Dobrowsky u. s. w. vgl. K. G. Antons erste Linien eines Ver- 
suchs über der alten Slawen Ursprung, Sitten , Meinungen u. Kenntnisse, 
Lpz. 783 — 89. 2. Thle. 8. Karamzin istorija ross. gosudarstwa, Ir Bd, 
und ganz vorzüglich J. JB. Rakowiecki prawda ruska, czyli prawa W. X. 
Jaroslawa Wladymirowicza , Warsch. 820 — 22. 2 Bd. 4. ein Hauptwerk, 
dessen lr Bd. ganz der Einleit. gewidmet ist, und das Beste über die Ge- 
bräuche, Sitten, Religion, Rechte und Sprache der alten slawischen Na- 
tionen enthält. W. Surowiecki sledzenie poczatku narodöw slowiariskich, 
Warsch. 824. 



20 

bürg errichtet. Dagegen erhielten sich die Cechen in 
Böhmen seil dem VI. Jahrb., und bildeten lange unter 
eingebornen Fürsten ein Königreich. Diejenigen Sla- 
wen, die sich in Steiermark, Kärnten und Krain nie- 
derliessen, unterjochte schon Karl der Grosse, und so- 
wol er als auch spätere Kaiser gründeten hier teutsche 
Markgrafschaften. Swatopluks grosses mährisches Reich 
zerstörte der teutsche Kg. Arnulph und die Magyaren 
am Ende des IX. Jahrh. Die südlich der Donau von den 
aus Gross-Kroatien und Gross-Serbien eingewanderten 
Slawen gestifteten Königreiche Kroatien , Slawonien, 
Dalmatien, Serbien, Bosnien, und Bulgarien, durchliefen 
im steten Wechsel des Glücks und beständigen Kampf 
mit den Griechen , Ungern , Venetianern und Türken 
eine Periode von 3 — 800 Jahren, bis sie zuletzt zum 
Theil an das Haus Oesterreich, zum Theil an die Türken 
verfielen. Langsam entwickelten sich Polen und Russ- 
land zu selbstständigen Staaten, und letzteres schwang 
sich binnen einer kurzen Zeit zu einer Höhe empor, 
die Bewunderung erregt. Die Zeit, die alles ändert, 
hat also auch diesen grossen, über halb Europa und 
ein Drittheil von Asien ausgebreiteten Völkerstamm bin- 
nen einem Jahrtausend beinahe bis zur Unkenntlichkeit 
verändert. Es ist aber dem Forscher des Slawenthums 
unumgänglich nothwendig, sich mit dem gegenwärtigen 
Bestand der Stämme, bevor er das Gebiet des geistigen 
Anbaues eines jeden betritt, in geo- und ethnographi- 
scher Hinsicht bekannt zu machen. Es ist natürlich, dass 
das Merkmal, wornach der Unterschied und die Anzahl 
der Stämme bestimmt wird, nicht nur die geographische 
Lage allein, sondern ganz vorzüglich die grössere oder 
geringere Verwandtschaft der einzelnen Zweige unter- 
einander ist. Diese aber wird wiederum nicht sowol 
auf dem Weg der Tradition und Geschichte über die 
Abstammung, indem letztere oft schweigt, erstcre aber 
irre führt, als vielmehr durch philologische Erforschung 
und Vergleichung der Mundarten der bestehenden Stäm- 
me gefunden , wornach nicht sowol diejenigen , die 
entweder ehedem neben einander gewohnt haben, oder 
noch jetzt wohnen, eben darum auch der Abstammung 



21 

nach einander am nächsten verwandt sind, sondern viel- 
mehr diejenigen, deren Sprechart und Sitten mehr mit 
einander übereinstimmen. Noch sind die Bewohner Russ- 
lands, Polens, Galiziens, Böhmens, Schlesiens, der bei- 
den Lausitzen, Mährens, des nördlichen Ungern, Sla- 
woniens, Kroatiens, Unter - Steiermarks, Unter - Kärn- 
tens, Krains , Dalmatiens , Bosniens , Serbiens, Bulga- 
riens u. s. w. entweder ganz oder zum Theil Slawen, und 
noch sprechen die von den östlichen Ländern am adria- 
tischen Meere bis zu den Ufern des nördlichen Eismeers, 
und von der schwarzen Elster an dem rechten Eibufer 
bis zu den Inseln des russischen Nordarchipels an der 
Westküste von Amerika wohnenden 20 — 30 slawischen 
Yölker und Völklein insgesammt slawisch; aber der 
Unterschied eines Böhmen und eines Russen, eines Po- 
len und eines Serben, ist der Abstammung und Spra- 
che nach nicht minder gross,, als der geographischen 
Lage, der Landeshoheit und der Religion nach. *) 



*) Die ältesten Geschichtschreiber , die der Slawen erwähnen , un- 
terscheiden bereits mehrere Stämme, und führen sie unter verschiedenen 
Namen auf. So kennt Prokop im VI. Jahrh. die Slawinen u. Anten. Später 
herab werden immer mehrere genannt, und so wie sich ihre Zahl vermehrt, 
wird auch ihre Unterscheidung und Bestimmung schwieriger. Namens-Ver- 
wandtschaften reichen nicht aus, sonst müssten die Serben in Serbien und 
die Sorben in der Lausitz die nächsten Stammverwandten seyn, was sich 
nicht erweisen lässt. Die gegenwärtigen Wohnsitze führen gleichfalls zu 
keiner Bestimmung; denn so wären die Polen und Russen näher mit ein- 
ander verwandt, als die Russen und Serben, dem nicht also ist. Wenn 
man bedenkt, dass schon im VII. Jahrh. Kroaten und Serben, die in die 
entvölkerten Provinzen des byzantischen Reichs über die Donau wanderten, 
als zwei Stämme von einander genau unterschieden werden, so darf man 
die nördlichen Serben in Meissen und in der Lausitz, als Nachbarn und 
nächste Geschlechtsverwandte der Cechen, mit den südlichen Serben nicht 
vermengen. Man darf diese, wenn sie gleich ehedem auch im Norden an 
den Karpaten sassen , nicht von jenen unmittelbar ableiten. Sie konnten 
sich auch damals nur mittelbar berühreD, weil zwischen ihnen noch andere, 
nämlich die lechischen Stämme lagen. Die Kroaten und Serben trennten 
sich zwar schon im VII. Jahrh. von den Slawen, die in Roth- und Klein- 
Russland zurückgeblieben sind, und auf die erst später der Name Russe 
übergegangen ist: aber ungeachtet dieser langen Trennung von beinahe 
1200 Jahren sind sie mit den Russen der Abstammung nach näher ver- 
wandt, weil sie beide zur einen Ordnung gehören, als die Lechen oder Polen, 
die ihrer Sprache nach nicht dahin gehören können. Auf diese Art können 
also die südlichen Serben nicht von den Sorben in der Lausitz, weil diese 
mit dem lechischen Stamme viel näher verwandt sind, abstammen, unge- 
achtet sie einerlei Namen führen. Noch weniger können die Serben, wie 
einige meinten, aus Böhmen nach Serbien eingewandert seyn, wenn auch 
Constantinus Porph. nicht ausdrücklich sagte, dass sie ehedem im Norden 
über ÜDgern hinaus gewohnt haben, weil diess gegen die Sprachverwandt- 



22 

Unverkennbar reihen sich alle slawische Völker- 
schaften nach gewissen constanten Merkmalen der Spra- 
che, die auf eine frühere geographische Verbindung die- 
ser Stamme hindeuten, an zwei Ordnungen an, welche 
Adelung unter der willkührlichen und zweideutigen Be- 
nennung britischer und Slawischer, die Hrn. Dobrowsky 
und Kopitar aber unter dem richtigem Ciassennamen 
südöstlicher und nordöstlicher Hauptast aufführen. Zur 
ersten Ordnung gehören als Zweige die Russen u. Russ- 
in aken , die Bulgaren, Serben, Bosnier, Dalmatiner, 
Slawonier , Kroaten und Winden in Krain , Kärnten, 
Steiermark und dem westlichen Ungern ; zur zweiten 
aber die Böhmen, Mährer, Slowaken, Sorben-Wenden 
in der Lausitz, und die Polen sammt den Schlesien!. 

A.) Südöstlicher Hauptast. 

Zweige. 

I. Russischer Stamm. 

1. Russen. Die Russen bilden die Hauptmasse der 
Bevölkerung des europäischen Russlands, und nehmen 
das ganze mittlere Russland, die Binnenproviuzen zwi- 
schen Urnen- und Belozerosee, au der Düna, Wolga, 
Moskwa und Okka, und die Gouvernements am Don ein, 
sind aber ausserdem durch das ganze Reich, auch den 
asiatischen Theil desselben, zerstreut, und unter den 
übrigen Völkerschaften ansässig. Dass diese Masse von 
etwa 32 Mill. Menschen ein Aggregat mehrerer Stämme 
und Stammfragmente sey, ist leicht zu errathen, und die 
Geschichte bestätigt es ; wenn gleich eine genetische De- 



schaft ist. Eben so können die heutigen Böhmen od. Cecheu nicht eine 
Colonie und Abkömmlinge der Kroaten seyn, wie es dem böhm. Meister- 
sänger Dalimil, Weleslawin, Jordan und Papanek schien, so wenig die 
Kroaten von Böhmen abstammen können, wie andere behauptet haben, weil 
sie nicht zu einer, sondern zu zwei Sprachordnungen, der Kroate zur er- 
sten, der Böhme zur zweiten gehören. Die Einwendungen Engels u. a. da- 
§egen sind unerheblich und schon längst widerlegt worden. Yrol aber sind 
ie Gränzen der dermaligen Wohnsitze der Stämme, ja bei einigen, na- 
mentlich den Kroaten u. Russniaken, auch jene der Sprache, so in einan- 
der verschoben, dass man auf eine erschöpfende Classification Verzicht lei- 
sten, und sich mit einer Approximation zufrieden stellen muss. S. Do- 
brow$h/s Lehrgebäude der böhm. Sprache, Prag 809. 8. S. VI — VII. Eb. 
Gesch. d. böhm. Liter. S. 31. 34. und vgl. §. f. Anm. 2. 



23 

duction der einzelnen Bestandteile besonders schwer 
seyn dürfte. Die Kosaken in den Statthalterschaften von 
Klein-Russland am Bog, dem untern Dniepr, am untern 
Don, am schwarzen und asowschen Meer u. s. w., sind 
zum Theil Abkömmlinge der Russen, also geborne Sla- 
wen, zum Theil aber der Sprache und Religion nach rus- 
sische Cerkassen und Tataren. Die Letten in Kurland, 
und die Littauer in Wilna, Grodno , Bialystok mit let- 
tischer Sprache, sind, wenn gleich manche, z. B.Hasse, 
sie für einen unkenntlich gewordenen Zweig des Slawi- 
schen erklären, richtiger mit Gatterer und üobrowsky, 
entweder für einen eigenen, oder einen finnisch-scythi- 
schen Volksstamm zu halten. Auch die serbischen Co- 
lonien in Ekaterinoslaw haben sich bereits russisirt. Die 
Russen sind insgesammt dem griechischen Ritus zugethan. 

2. Rvssniaken (Ruthenen, Klein-Russen). In Klein- 
Russland, Polen, Galizien, Bukowina, ferner im nord- 
östlichen Ungern, gegen 3 Mill., alle morgenländischen 
Ritus, und zwar zum Theil Griechisch-Katholische (ins- 
gemein Unirte genannt), zum Theil Nicht-Unirte. 

IL Serbischer Stamm. Hieher zählen wir die Bul- 
garen, Serben, Bosnier, Montenegriner, Slawonier und 
Dalmatiner. 2 ) 

1. Bulgaren, in dem ehemaligen Kgrch. Bulgarien, 
jetzt türkischer Provinz Sofia-Wilajeti, zwischen der Do- 
nau, dem schwarzen Meer, dem Balkangebirge und Ser- 
bien. Die hier ansässigen slawischen Stämme haben sich 
mit den angeblich von der Wolga 679 eingewanderten 
Bulgaren in Sprache und Sitten amalgamirt. Ihre Zahl 
mag sich auf 600,000 belaufen, wovon bei weitem der 
grössere Theil griechischen Ritus, und nur ein kleiner 
Theil katholisch ist. 



2 ) Diese Slawen werden, mit Ausschluss der Bulgaren, gewöhnlich 
Illyrier genannt. Allein die Namen: Illyrier , Illyrien, sind durch Ge- 
brauch und Missbrauch so vieldeutig geworden, dass es unmöglich ist, ei- 
nen bestimmten Sinn mit denselben zu verbinden, wesshalb ich mich ihrer 
lieber gänzlich enthalten habe. Die alten Illyrier, ein stammverwandtes 
Volk der Thracier, deren Abkömmlinge die heutigen Albaneser sind, wa- 
ren ohnehin keine Slawen. Sonst werden bald die Dalmatiner und Slawo- 
nier, bald diese und die Serben, bald aber und vorzüglich seit der Bil- 
dung des neuen Kngrchs. Illyrien, alle südliche Slawen, selbst die Kroa- 
ten und Slowenzen nicht ausgenommen, so genannt. 



24 

2. Serben. Diese hatten ursprünglich das Kgrch. 
Serbien, jetzt türkische Provinz Serf-Wilajeti, zu bei- 
den Seiten der Morawa, zwischen dem Timok, der Drina, 
dem Häuius, der Sawe und der Donau, inne $ sind 
aber schon sehr früh, und vorzüglich zu Ende des XVII. 
Jahrh., in grosser Anzahl nach dem östreichischen Sla- 
wonien und Südungern ausgewandert. Räczen werden 
sie von den Ausländern genannt, weil ein Theil dersel- 
ben an dem Flusse Raska sitzt, der ehemals das Land in 
Serbien und Rascien theilte. Das türkische Serf-Wilajeti 
zählt gegen 800,000, Ungern, mit Ausschluss von Sla- 
wonien, 350,000, also beides 1,150,000 Serben. Sie 
bekennen sich sämmtlich zur griechischen Kirche. 

3. Bosnier. Sie bewohnen das Land zwischen der 
Drina, Verbas, Sawe, Dalmatien und der Fortsetzung 
des Hämus. An der Zahl ungefehr 350,000 christlicher 
Religion sowol nach dem abendländischen, als nach dem 
morgenländischen Ritus. Gar viele derselben sind nach 
und nach zum Islam übergegangen, behielten jedoch bis 
auf die neuesten Zeiten ihre slawoserbische Sprache. 

4. Montenegriner (Crnogorci). So heissen die sla- 
wischen Bewohner des Gebirges Montenegro in der tür- 
kischen Provinz Albanien, welches sich von der Seeküste 
bei Antivari an gegen Bosnien hin erstreckt. Von den 
Türken nie ganz bezwungen, sind sie auch heut zu Tage 
noch ein freies Volk unter einem Bischof, ungefehr 
60,000 an der Zahl (nach Sommieres 1812 nur 53,1 68), 
ohne Ausnahme Christen nach dein inorgenländisch. Ritus. 

5. Slawonier. Die Bewohner des Kgrchs. Slawonien, 
sowol des Provincial- als des Militär- Gebiets, welches 
an Kroatien, und mittelst der Drawe, der Donau und 
der Sawe an Ungern, Serbien und Bosnien gränzt, und 
zu welchem auch das Hgthm. Sirmien zwischen der Bos- 
sut, der Donau und der Sawe, als Theil desselben, ge- 
hört, gegen !, Mill., bekennen sich zum Theil zum la- 
teinischen ( 253,000 J , zum Theil zum griechischen 
(247,000) Ritus. 

6. Dalmatiner. Längs dem aclriatisciun Meere, 
zwischen Kroatien, Bosnien und Albanien, in den vier 
Kreisen des Kgrchs. Dalmatien : Zara, Spalatro, Ragusa, 



25 

Cattaro, gegen 300,000, mit den unter der Bothmässigkeit 
der Türken stehenden 80,000 Dalmatinern in der Land- 
schaft Herzegowina, 380,000, wovon ungefehr 70,000 
griechischen, die übrigen aber lateinischen Ritus sind. 

III. Kroatischer Stamm. Das jetzige, von dem al- 
ten Kroatien des Constantinus Porph. verschiedene, 
Kngrch. Kroatien, zwischen Steiermark, Ungern, Sla- 
wonien, Bosnien, Dalmatien und dem adriatischen Meer, 
enthält in dem Provincial- und Militär-Gebiet , (den 
kleinen türkischen Antheil im Sandschak Banjaluka mit 
30,000 E., und die Colonien in Ungern mitgerechnet), 
ungefehr 730,000 slawische Einwohner. Hievon sind 
174,000 griechischen, die übrigen lateinischen Ritus. 

IV. Windischer Stamm (Slowenzeii). Die in den, 
ehemals unter dem Namen Inneröstreich begriffenen, 
Herzogtümern Steiermark, Kärnten und Krain, wovon 
letztere jetzt das Kgrch. Illyrien bilden, ferner im west- 
lichen Ungern an der Mur und Rab wohnenden Slawen, 
werden im Inland Slowenzi, im Auslande Winden ge- 
nannt. Ungefehr 800,000, sind sie, bis auf einige we- 
nige Protestanten in Ungern, sämmtlich der katholischen 
Religion zugethan. 

B.) Nordwestlicher Hauptast. 

Zweige. 

I. Böhmischer Stamm. 

I. Böhmen (Cechowe), 2. Mähr er. Das zwischen 
Sachsen, Schlesien, Ungern, Oesterreich und Baiern lie- 
gende Kgrch. Böhmen und die Markgrafschaft Mähren 
zählen ungefehr 3,700,000 slawische Einwohner, wovon 
2 fMfl], auf Böhmen, und 1,200,000 auf Mähren kom- 
men. Ausser 100,000 Protestanten sowol H. als A. C, 
sind sie insgesammt katholisch. 

II. Slowakischer Stamm. Die Slowaken besetzen das 
nördliche Ungern, und zwar die Gespannschaften Tren- 
cin , Turotz , Arva , Liptau und Sohl ganz , Neitra, 
Zips , Säros , Bars, Zemplin, Gömör und Hont aber 
der grössern Hälfte nach, ausserdem durch das ganze 
Land zerstreut, mit vielen Abweichungen in der Mund- 



26 



art. Ihre Anzahl belauft sich auf 1,800,000, wovon 
ungefehr f katholisch, und -J protestantisch ist. 

III. Polnischer Stamm. In dem eigentlichen Kgrch. 
Polen, in den 1772, 1793 und 1795 Russland einver- 
leibten Provinzen, in den preussischen Herzogthümern 
Posen und Schlesien, in dem österreichischen Kgrch. Ga- 
lizien und in dem Freistaat Krakau, in allem etwa 
10,000,000. Eine kleine Anzahl, etwa ^ Mill. Prote- 
stanten ausgenommen, der Masse nach kathol. Religion. 

IV. Sorben-Wendischer Stamm. Ueberreste der al- 
ten Soraben und anderer slawischen Stämme in den 
preussisch-sächsischen Markgrafthümern Ober- und Nie- 
der-Lausitz , stellenweise auch in Brandenburg. Unge- 
fehr 200,000 Protestanten und Katholiken. 3 ) 



3 ) Es wird nicht unzweckmässig seyn, die sämmtlichen Zweige in 
dreifacher Hinsicht, als Stammverwandte und Landsassen, als Unterthanen 
und als Religionsverwandte unter eine allgemeine Uebersicht zu bringen. 

I. Die Slawen als Stammverwandte und Landsassen. 

A) Südöstlicher Hawptast. B.) Nordwestlicher Hauptast. 

I. Russischer Stamm: I. Böhmischer Stamm: 

1) Russen ..... .32,000,00 ]) Böhmen 2,500,000 

2) Russniaken 3,000,00 2) Mährer 1,200,000 

Summa 35,000,000 Summa 3,700,000 

II. Serbischer Stamm : 

1.) Bulgaren 600,000 

2.) Serben II. Slowakischer Stamm: 

a.) in Ungern .... 350,000 Slowaken 1,800,000 

b.) in der Türkei . . 800,000 

3.) Bosnier 350,000 

4.) Montenegriner . . . 60,000 III. Polnischer Stamm: 

5.) Slavonier 500,000 Polen: 

6.) Dalmatiner: a) im Kgrch. Polen . 3,500,000 

a) in Oesterr. Dalm. . 300,000 b) in den russ. Gou- 

b) in der Türkei . . 80,000 vernements .... 1,500,000 

c) in Galizien und 

Summa 3,040,000 Oester. Schlesien . 3,000,000 

III. Kroatischer Stamm: d) in Preussen . . . 1,900,000 
Kroaten: e) in Krakau .... 100,000 

a) in Oesterr. Kroatien 

und westl. Ungern 700,000 Summa 10,000,000 

b) in der Türkei . . . 30,000 

Summa 730,000 iy. Sorben-Wendischer Stamm: 

IV. Windischer Stamm : Sorben-Wenden .... 200,000 
Winden: - 

a) in Steyermark . . . 300,000 

b) in Kärnthen .... 100,000 „ , . 

c) in Krain 350,000 Gesammtzahl der slaw. 

d; in Ungern 50,000 Erdbewohner in J E 4 ur .°Pa 

! und Asien 55,270,000 

Summa 800,000 



27 



i. 4. 



Slawischer Sprachstamm zu Anfange des XIX. Jahrhunderts. 

So wie ein jedes grössere Volk aus mehreren einzel- 
nen, durch das Band gemeinschaftlicher Abstammung 
verbundenen Geschlechtern besteht, eben so ist auch 
die Sprache desselben als das Aggregat von verschiede- 
nen Sprecharten zu betrachten. Dass demnach auch die 
Sprache der Slawen, eines so weit verbreiteten Volks, 
nothwendig in mehrere Mundarten gespalten seyn muss, 
leuchtet Jedermann ein. Aber nicht so leicht ist es, die 
Anzahl dieser verschiedenen Mundarten zu bestimmen, 
und sie auf eine gemeinschaftliche Quelle zurückzufüh- 
ren. Die älteste, und trotz der durch unsern hochver- 
dienten Sprachforscher, Hrn. Abbe Dobrowsky, begrün- 
deten besseren Ansicht, auch heut zu Tage noch hie und 
da herrschende Meinung ist die, dass wol alle jetzigen 
Mundarten der slawischen Sprache Töchter einer einzi- 
gen Urstamrn - Mutter , einer slawoslawi sehen Matrix 
seyn mögen; und dass diese diejenige unter den Slawi- 
nen seyn müsse, welche unter allen die ältesten Denk- 
male der Ausbildung und des Anbaues aufzuweisen habe. 



I. Russland: 

1) Küssen 32,000,000 

2) Eussniaken inKlein- 
Russland u. Polen . 2,260,000 

3) Polen: 

a) im Kgrch. Polen . 3,500,000 

b) in den russischen 
Gouvernements ._. 1,500^000 

Summa 39,260,000 

II. Oesterreich: 

1) Böhmen u. Mährer . 3,700,000 

2) Slowaken ' 1,800,000 

3) Polen in Galizien u. 
Schlesien 3,000,000 

4) Russniaken in Gali- 

zien u. Ungern . . 740,000 

5) Serben. 

a) in Ungern .... 350,000 

b) Slawonier .... 500,000 

c) Dalmatiner ... 300,000 

6) Kroaten 700,000 

7) Winden 800,000 

Summa 11,890,000 



II. Die Slawen als Unterthanen. 

III. JPreussen : 
1) Polen in Posen, Schle- 



sien und Preussen 
2) Sorben-Wenden 



1,900,000 
150,000 



Summa 2,050,000 

IV. Türkei : 

1) Bulgaren 600,000 

2) Serben 800,000 

3) Bosnier 350,000 

4) Dalmatiner .... 80,000 

5) Kroaten .... . . 30,000 

Summa 1,860,000 

V. Montenegro 60,000 

VI. Saclisen: 

Sorben- Wenden .... 50,000 

VII. Krakau ' 

Polen 100,000 



28 

Nun ist es wol wahr, dass diese unter allen Slawinen 
am frühesten cultivirte Sprache, deren Ueberreste wir 
besitzen, keine andere sey, als diejenige, deren sich Ky- 
rillus und Methodius im IX. Jahrh. bei ihren Ueber- 
setzungen bedienten, und die noch bis auf den heutigen 
Tag, freilich nicht ohne grosse Veränderungen, in den 
Kirchenbüchern der Slawen des griechischen Ritus vor- 
handen ist. Auch mag es erweisbar seyn, dass sie zu 
jener Zeit bei den an der Donau wohnenden Slawen, 
etwa den Bulgaren, oder Serben, oder Slowenzen, oder 
Slowaken, oder Mährern, denn für alle sind Gründe da, 
als eine lebende Sprache im Gebrauche war. Allein es 
wäre sehr übereilt, wenn man hieraus schliessen wollte, 



III. Die Slawen als Religionsverwandte. 



I. Griechischgläubige. 


Translatum 34,725,000 


1) Russen u. Russ- 


c) Bosnier 250,000 


niaken 33,000,000 


d) Montenegriner . . 60,000 


2) Serben: 


e) Slawonier .... 247,000 


a) Bulgaren .... 575,000 


f) Dalmatiner . . . 70,000 


b) Serben in Serbien 


3) Kroaten (Serben in 


und Ungarn . . 1,150,000 


Kroatien) .... 174,000 



Latus 34,725,000 Summa 35,526,000 

II. Römisch - Katholische und Unirte Slawen. 

1) Böhmen u. Mähr er 3,600,000 Translatum 16,525,000 

2) Slowaken 1,300,000 7) Slawonier 253,000 

3) Polen 9,500,000 8) Dalmatiner .... 310,000 

4) Russniaken .... 2,000,000 9) Kroaten 556,000 

5) Bulgaren 25.C00 10) Winden 785,000 

6) Bosnier .... ._. 100,00 11) Sorben-Wenden . . 50,000 

Latus 16,525,000 Summa 18,479,000 

III. Protestanten. 

Augsb. und Helvet. Conf. Translatum 1,100,000 

1) Böhmen 60,000 5) Sorben-Wenden . . 150,000 

2) Mährer 40,000 6) Winden in Ungern 

3) Slowaken 500,000 (Slowenci) . . . ._^_ 15,000 

4> Polen 500,000 Summa 1,265,000 

Latus 1,100,000 

Ausser den hier genannten Stämmen mögen noch einzelne Ueberreste 
und Colonicn der Slawen in Teutschland, Siebenbürgen, der Moldau und 
Walachei und weiter hinein in der Türkei leben; allein ihre ohnehin 
geringe Anzahl ist theils nicht leicht auszumitteln, theils gehört ihr De- 
tail nicht in diese Uebersicht. Dass übrigens bei allen diesen Angaben nur 
eine der Wahrheit so viel als möglich nahe kommende Rundzahl angenom- 
men worden ist, bedarf kaum der Erinnerung. Genauere Angaben gehö- 
ren in die Statistik ; uns sind Zahlen nur Nebensache. 



29 

dass sie in diesem Jahrh., oder auch ein paar Jahrh. frü- 
her, die allgemeine Sprache des ganzen slawischen Völ- 
kerstamms gewesen sey. Denn auch zugegeben, was 
zwar unwahrscheinlich ist, dass diejenigen Zweige, wel- 
che Bulgarien, Serbien 7 Bosnien und Pannonien inne 
hatten, damals völlig einerlei Sprache geredet haben; 
so lässt sich diess von den entferntem, z. B. dem Cechi- 
schen an der Moldau und dem Lechischen an der Weich- 
sel, keineswegs behaupten. Die beinahe gleichzeitigen, 
ja einige derselben in ihrer ersten Abfassung noch vor- 
kyrillischen böhmischen Heldengesänge in der Königin- 
hofer Handschrift und das Fragment von der Libusa be- 
weisen zur Genüge, dass die böhmische Mundart um 
diese Zeit der altslawischen Kirchensprache zwar viel 
ähnlicher, als jetzt, aber doch wiederum in Stoff und 
Form auch schon von ihr verschieden war. Wollte man 
solche Spuren weiter verfolgen, so würde sich zeigen, 
dass die ältesten vorhandenen russischen und serbischen 
Handschriften der biblischen Bücher schon einzelne gram- 
matische und orthographische Verschiedenheiten enthal- 
ten , die wol ihren Hausmundarten , aber nicht der 
ursprünglichen altslawischen Kirchensprache eigen sind, 
und dass demnach letztere schon im grauesten Alterthum 
von jenen beiden verschieden gewesen seyn müsse. Das 
jetzt sogenannte Altslawische mag demnach, wie unten 
bemerkt werden soll, als der am frühesten cultivirte 
Dialekt der slawischen Gesammtspraclie und Eigenthum 
der gelehrten Priesterkaste der noch heidnischen Slawen, 
die ältesten Wort- und Biegnngsformen enthalten 5 aber 
die unmittelbare und nächste Quelle aller übrigen slawi- 
schen Dialekte ist es nicht 5 diese haben sich nicht aus 
ihm, sondern neben ihm gebildet, und der Ursprung 
sowol des Altslawischen als auch der übrigen Mund- 
arten ist in entferntem Zeiten zu suchen. Die Böhmen 
und Polen nahmen das kyrillische Alphabet nie ganz an; 
weil sie nicht durch orientalische, sondern durch römi- 
sche Priester zum Christenthum bekehrt worden sind. 
Wie würde man auch nur die auffallend grosse Verschie- 
denheit des Altslawischen aus dem X — XII. Jahrb. und 
des Böhmischen oder Polnischen aus dem XI — XIII. Jahrh. 



30 

sonst erklären können, wenn man nicht mehrere Mund- 
arten schon vor Kyrillus und Methodius annähme? Bin- 
nen 2 — 3 Jahrhunderten ändert sich keine Sprache so 
sehr, als diess bei den genannten der Fall ist *). Frei- 
lich war ursprünglich der Unterschied der Dialekte weit 
geringer; der Sprachstamm war noch nicht in so viele 
Zweige getheilt : aber selbst in den ältesten Zeiten müs- 
sen schon nach Verschiedenheit der Hauptstämme we- 
nigstens zwei Hauptmundarten statt gefunden haben, 
die sich nach gewissen innern, constanten, einem je- 
den der vorhandenen Dialekte gemeinschaftlichen Kenn- 
zeichen leicht bestimmen lassen. Späterhin sind durch 
die Länge der Zeit, durch immer weitere Entfernun- 
gen, durch Verkehr und Nachbarschaft mit andern Völ- 
kern, wobei es an Anlässen entweder zur Aufnahme 
fremder Wörter, oder zu Nachbildungen nach andern 
Sprachen nicht fehlen konnte, die slawischen Mundarten 
dergestalt von einander abgewichen , ciass sich viele 
derselben gegenwärtig fast nicht mehr ähnlich sehen. 
Die zwei Ilauptmundarten zerfielen bald in mehrere Un- 
terarten, diese wiederum in Varietäten, und so erwuchs 
die Anzahl der slawischen Dialekte zu einer erstaunli- 
chen Grösse. Ein jeder derselben trägt das Gepräge der 
Zeit, und leicht sieht man es ihm an, welches Volk er 
zum Nachbar gehabt habe. Aber dessen ungeachtet ist 
der Unterschied der zwei Hauptstämme, und folglich 
auch der zwei Hauptmundarten noch immer unverkenn- 
bar, und wenn gleich an eine systematische Classi- 
fication aller slawischen Dialekte sammt ihren Varietä- 
ten bei dein Mangel an Idioticis und der Verschmelzung 



l ) Schon Eginhard, Karls des Grossen Schreiber (f839), nennt 
unter den Völkern, die Karl bezwang , Weletaben, Soraben , Abotriten, 
Böhmen; er legt ihnen aber nicht einerlei, sondern nur eine ähnliche 
Sprache bei. Sein gewählter Ausdruck: lingua guidem paene similes, deu- 
tet offenbar auf Verschiedenheit der Mundarten hin. Wenn daher Prokop 
im J. 562 von den ihm bekannten slaw. Stämmen der Slawinen und Anten 

"na est utrisque (Slavenis et Antis) lingua, so ist diess ganz je- 
nem gleich, wenn Aeneas Sylvias am das J. 1457 von den Böhmen (llist. 
Boh. i. ], schreibt, dass sie' einerlei Sprache mit den Dalmatiern redeten 
Uermo genti et Dalmatis unus). Jener konnte damit nur sagen, dass die 
Slawinen und Anten einerlei tiprache, aber nicht einerlei Mundart rede- 

iind dieser, dass die böhm. Sprache eine slaw. Mundart sey, so wie 
die dalmatische es ist. 



31- 

der einzelnen hier nicht gedacht werden kann, so ist 
es doch leicht, sie alle unter zwei Hauptordnungen so 
zu bringen, dass jedem eine bestimmte Stelle angewie- 
sen, die Uebersicht des Ganzen, und das Auffassen des 
Einzelnen möglichst erleichtert wird. Nach mehreren 
vorangegangenen, auf unh altbare Gründe gebauten Ver- 
suchen, die slawischen Dialekte genetisch zu classificiren, 
von Gesner, Megiser, Valvasor, Assemani, Dolci, Po- 
powic, Anton u. a., bahnte zuerst Hr. Dobrowsky den 
Weg zu einer richtigen Stellung der Classen 2 ). Nach 
ihm zerfällt die ganze slawische, oder besser sloweni- 
sche Sprache im weitesten Sinne in Idiome zweier Ord- 
nungen, der Ordnung A. und der Ordnung B. 



2 ) Gesner, Megiser, Valvasor, Assemaui, Hosius, Banduri, Katan- 
csics, Frisch, Popowiö, Anton u. a. stellen Ordnungen u. Classen der slaw. 
Völker u. ihrer Mundarten, ein jeder nach seiner Ansicht, auf, ohne dass 
auch nur einer von ihnen das Wahre getroffen hätte. Valvasor brachte 13 
slaw. Vaterunser auf, und gab zu der falschen Vermuthung Anlass, dass 
es 13 slaw. Mundarten gebe. Dolci spricht von mehr als 20 Mundarten der 
illyrischen Sprache, wo er doch nur die geringen Varietäten der Dalma- 
tisch-Bosnischen Mundart im Sinne hatte. Assemani träumte von beinahe 
unzähligen Dialekten, in welche das Altslawonische sich getheilt habe. Ho- 
sius (1558), der den Unterschied der südlichen (illyrischen) Dialekte u. 
des Polnischen bemerkte, u. Banduri, der die Slawonier, Kroaten, Bos- 
nier, Serben u. Bulgaren den Böhmen u. Polen gegenüber stellte, rückten 
schon der Wahrheit näher, wenn sie sich gleich in nähere Bestimmungen 
nicht einliessen, od. in denselben fehlten. Popowic stellt 2 Ordnungen auf: 
die Wendische, wozu nach ihm das Windische in Krain u. das Wendische 
in Nordteutschland gehört, und die Slawonische, zu welcher er das Böh- 
mische, Polnische, Russische u. Illyrische od. Dalmatische mit dem Kroa- 
tischen zählt. Katancsics stellt die Gattungsnamen : Illyrisch , mit dem Ser- 
bischen, Bosnischen, Dalmatischen, Kroatischen, Windischen, u. Sarma- 
tisch, mit dem Polnischen, Böhmischen, Mährischen und Russischen auf. 
Anton bringt die slaw. Sprachen unter 4 Ordnungen: 1) Norisch, als a) 
Russisch, b) Böhmisch, 2) Serbisch a) Polnisch, a) Kassubisch b) Ser- 
bisch selbst a) in der 0. Lausitz, ß) in der N. Lausitz, y) Polabisch, 
3.) Illyrisch nach seinen Stämmen, a) Serbisch, b) Chrwatisch u. s. w. 
4) Slowisch od. Windisch, a) in Krain, b) in Kärnten u. s. w. Schlözer 
(allg. Nord. Gesch. S. 332 ff.) zählt 9 Species auf: russisch, polnisch, 
böhmisch, lausitzisch, polabisch, windisch, kroatisch, bosnisch u. bulga- 
risch. Das Altslawische hält er für eine todte Mundart. — Eine richtige, 
auf die sorgfältigste Prüfung aller Mundarten gegründete Classification hat 
erst Hr. Dobrowsky aufgestellt, die auch von Adelung in s. Mithridates Th. 
IL S. 610 ff. und andern benutzt worden ist. Vgl. Durich bibl. slav., pag. 
265—271. Dobrowsky s Slowanka Th. I. S. 159—195. Eb. Lehrgebäude 
der böhm. Sprache, Gesch. der böhm. Liter., Instit. linguae slav., Vorr. u. 
Einl., Adelungs Mithridates a. a. 0. Wiener allg. Lit. Zeit. 1813. Aprilhft. 
N. 34 ff. — Die spätem Bemerkungen der Hrn. Wostokow u. Kopitar über 
dieselbe, dass sie nicht durchaus, namentlich beim Russischen u. Slowaki- 
schen, Stich halte, ändern die Sache im Ganzen nicht. Es mag immerhin 
wahr seyn, dass die Russen, die Hr. Dobrowsky zur Ordnung I. rechnet, 
als Russen lieber po3yiw, BbiAamH, und neben nrnnua schon vor Alters 



32 



Die Kennzeichen, 
gen bestimmen lassen, 
A. 

1. pa.3 : pa3pr. 

paßeH 

paöoma 

pacmy 

2. H3 : H3jjanra 

3. J epentheticuni. 

KOpaÖAB 

3e>rAa 
nocma.BAeH 
4, 

caAo, Kpiuo 

I^paBHAO 
MOAEIEHCa 

5. nennr, Monni 

nem, moid; 

6. 3B53 r ^a, in^m 

7. iiit, (inofi) 

8. neneA 

9. nimma 

10. ^ecmnia 



nach denen sich 
sind folgende: 



beide Ordnun- 



B. 



roz: rozum 
rowen 
robota 
rostn 

^\y: wydati 



korab 

zemia 

postawen 

d epentheticuni 

sadlo, kridlo 

prawidlo 

modliti se 

peci, mo ci 

pec, moc 

gwiezda, kwiet 

ten 

popel 

ptak 

studnica 

prawica 



nmoha u. noch jetzt auch nmaxa u. nmamha sagen, was sich dem nmaK 
der Ordnung IL wol nähert, auch haben die Russen das grobe 1, was die 
Südslawen (diese haben doch dafür ein o?) und selbst die Böhmen nicht 
mehr haben, mit den Polen gemein ; daher die Russen eher zur Ordnung 
II. gehören würden, wenn sie noch ein polnisches rz hätten; auch mag es 
scheinen, dass die Russen ihrem Hausdialekt nach ursprünglich ein Stamm 
der Ordnung II. sind, aber durch den Einfluss des Kirchenslawisch sich in 
die Ordnung I. herübergeschoben haben : allein sind die 32 Mill. Russen 
nicht ein Aggregat mehrerer Stämme, unter denen einige ursprünglich der 
Ordnung II. angehören können, und besteht die russische Gesammtsprache 
noch jetzt nicht aus mehreren entschieden verschiedenen Hauptmundarten, 
und diese wiederum aus mehreren Untermundarten, unter denen einige sich 
der Ordnung II. näher», während die übrigen der Ordn. I. folgen ? — Der 
Slowak scheint sich auch wegen seines raz: razsocka, rab, rastem ; sc: 
Maätje, Stuka , jascer ; et: pjeet , muoct st. pe$öi } moSdi; ja: chodja, 
uricMa; g: UgotaV sa, gagotaf ; r od. rj st. rz : rjeka, kridlo u. s. w., 
in die Ordn. L zu verlaufen : allein weder der Unterschied des I' und 1, h 
und g, noch des r und rz. darf als blosses Merkmal der Einzelmundarten, 
zum Kennzeichen der Ordnung erhoben werden , und die übrigen Ab- 
weichungen und Ausnahmen heben die Regel nicht auf. — Oder sollten 
derlei Abnormitäten wol eine Ilermaphroditenclassc zwischen A. u. B. be- 
gründen ? 



33 

Alle slawische Mundarten, so viel ihrer heute ge- 
sell rieben oder gesprochen werden, lassen sich, wenn 
man sie nach den angegebenen Merkmalen untersucht, 
unter diese zwei Ordnungen bringen. Zur erstem wer- 
den sich ohne weiteres bekennen 1) der Russe, Z) der 
Serbe und mit ihm der Bulgar, der Bosnier, der Dal- 
matiner und der Slawonier, 3) der Kroat und 4) der 
Winde oder Slowen in Krain, Kärnten, Steiermark u. 
Westungern, d. i. die Zweige des südöstlichen Stammes ; 
zur zweiten aber 1) der Böhme sammt dem Mährer, 
2) der Slowak, 3) der Ober-Lausitzer Wende, 4) der 
Nieder-Lausitzer Wende, und 5) der Pole sammt dem 
Schlesier, oder die Zweige des nordwestlichen Stammes, 
Hieraus ergibt sich von selbst folgende Tafel der slawi- 
schen Mundarten: 

SLAWISCHER SPRACHSTAMM. 

Ordnungen. / Mundarten. Unterarten. 

1. Altslawisch. 

L r> •• i (a) Grossrussisch. 

^b) Kl. russisch, Russniakisch. 
(c) Weissrussisch u. s. w. 

ia) Bulgarisch, 
b) Serbisch, Dalmatisch, 
Bosnisch u. s. w. 
14. Kroatisch. 

5. Slowenisch ia) 0. Krainisch. 
od. Windisch, b) U. Krainisch. 

\ d »i • i ( a ) Böhmisch. 
1. Böhmisch. >, < ,,.., . , 
(b) Mahrisch. 

Slowakisch. 

Sorbisch in der 0. Lausitz. 

4. Sorbisch in der N. Lausitz. 

j Va) Grosspolnisch. 

[5. Polnisch. <b) Kleinpolnisch. 

/c) Schlesisch u. s. w. 

3 



i. 

V 

3. 



34 

Es ist nämlich das G rossrussische, Kleinrussische 
(Kussniakische), Weissrussische eine Unterart (Dialekt?) 
des Gesammtrussischen, so wie wiederum das Suzdali- 
sche, Oloneckische, Nowgorodsche u. s. w. Varietäten 
dieser Unterarten sind. Das Bulgarische ist eine Unter- 
art des Gesammtserbischen; dahingegen sind das Dalma- 
tische, Bosnische, Slawonische u. s. w., nur Varietäten 
des eigentlichen Serbischen. Eben so zerfällt das Slowe- 
nische oder Windische und das Polnische in mehrere 
Sprecharten , die man nach Belieben Unterarten oder 
Varietäten (Dialekte sind es nicht) nennen kann. Das 
Slowakische bildet eine eigene Mundart, wenn gleich 
die Slowaken seit Jahrhunderten aus triftigen Gründen 
sich in der Literatur an die Böhmen angeschlossen ha- 
ben. Hieraus ergibt sich von selbst, welche von diesen 
Völkern einander leichter verstehen. In der Regel ver- 
stehen einander diejenigen am leichtesten, die ihrer Ab- 
kunft nach, ohne auf ihre jetzige geographische Lage 
Rücksicht zu nehmen, näher mit einander verwandt sind. 
Der Kroate wird also seinen nächsten Sprachverwand- 
ten, den Krainer, viel leichter verstehen, als den Rus- 
sen, aber diesen noch immer leichter, als den Böhmen, 
der Russe einen Serben und Slawonier leichter, als den 
Polen, ungeachtet dieser jetzt des Russen Nachbar ist ; 
denn die Völker der ersten Ordnung verstehen sich ge- 
genseitig weit leichter, als irgend eins der zweiten Ord- 
nung, und diese wiederum sich unter einander leichter, 
als irgend eins der ersten Ordnung. Aber selbst die 
einzelnen Mundarten der zwei Ordnungen sind mit ein- 
ander bald mehr bald weniger verwandt. So sieht z. B. 
das Sorben - Wendische in der 0. Lausitz dein \\ in- 
dischen in der Nieder-Lausitz sehr ähnlich; und den- 
noch nähert sich ersteres mehr dem Böhmischen, letz- 
teres aber dem Polnischen. Das Altslawische erhiell auf 
der Tafel den ersten Platz, weil es früher als das Rus- 
sische und Serbische eultivirt worden ist, das Polabische 
aber, welches ehedem von den Ueberresten der Obotri- 
ten in Lüneburg gesprochen wurde, als nunmehr völ- 
lig ausgestorben, gar keinen. Das Kassubische in Pom- 
mern ist eine blosse Abart des Polnischen. 



35 

Siebt man auf den Gehalt der slawischen Gesammt- 
sprache, um sie mit andern zu vergleichen, oder ihrem 
Ursprünge nachzuspüren , so hat sie zuvörderst , wie 
schon oben bemerkt worden, zwar eine auffallende Aehn- 
lichkeit in einzelnen Wörtern mit der altindischen Sans- 
kritasprache; allein, wenn gleich ihr asiatischer Ursprung 
unverkennbar ist, so ist doch ihre ganze jetzige Einrich- 
tung, gleich der lateinischen, griechischen und teutschen 
Sprache, mit denen sie auch die grösste Verwandtschaft 
hat, europäisch 3 ). Sie unterscheidet drei Geschlechter, 
sie hat die Pronomina possessiva zu förmlichen Adjecti- 
ven ausgebildet, sie setzt die Präpositionen nicht nur 
den Nennwörtern vor , sondern bildet vermittelst der- 
selben zusammengesetzte Verba. Dem Lateinischen kommt 
sie aber dadurch näher, als dem Griechischen oder Teut- 
schen, dass sie den Gebrauch der Artikel nicht kennt. 
Den Artikel haben nur germanisirende Mundarten, oder 
richtiger gesagt, germanisirende Schriftsteller in den 
beiden Lausitzen, in Krain , Kärnten und Steiermark 
angenommen. Man verwendet dazu das demonstrative 



3 ) Slawische Wurzeln , umsichtig mit griechischen , lateinischen u. 
teutschen verglichen , findet man in Dobrowskys Entwurf zu e. allg. slaw. 
Etymologicon, Prag 812. 8. Eb. Slowanka Th. 1. & 27 — 54. Instit. lin- 
guae slav. P. 1. Nächst ihm haben sich um die slaw. Etymologie verdient 
gemacht die Hrn. Linde u. Siskow. Auch Hr. Rakowiecki stellt in s. 
Prawda ruska Th. IL die Elemente der slaw. Sprache auf eine originelle 
Weise dar. Hiernach ist es ausgemacht, dass die slaw., griech., lat., und 
teutsche Sprache aus einer Urquelle geflossen, od. wenigstens, dass so lange 
Griechen, Römer u. Teutsche in Europa gewesen, auch die Slawen hier 
gewohnt haben müssen. Doch ist, ungeachtet der vielen gemeinschaftlichen 
Wurzelsylben, die Verwandtschaft dieser Sprachen nicht so gross, dass man 
mit Levesque die Lateiner für eine alte slaw. Colonie ansehen könnte. 
Gleiehwol will auch noch Solaric (Rimljani slawenstwowawsij, Ofen 818. 
8.) die lat. Sprache ganz aus der slaw. ableiten. Diejenigen, die das Slaw. 
als eine aus dem Griech. entstandene Sprache darstellen, haben sich er- 
stens durch die kyrillischen Buchstaben, die den griech. ähneln, zweitens 
durch die beträchtliche Menge von griech. Wörtern, die man in die slaw. 
Kirchenbücher aufnahm, täuschen lassen. Ausser Gelenius, dessen Lex. 
symphonum Bas. 557. 4. den ersten Versuch von Vergleichungen ähnlicher 
Wörter aus der lat , griech., teutschen und böhm. Sprache enthält, und 
Martinius, der ebenfalls in s. etym. Wörterb. der lat. Sprache slaw. Wör- 
ter häufig auf lat. und griech. Wurzeln zurückgeführt hat, haben Verglei- 
chungen der slaw. Mundarten mit andern europäischen Sprachen, vorzüg- 
lich der teutschen, in den neuern Zeiten angestellt: Temler, Sorgo, Sol- 
tau Ihre, Frisch, Adelung, W. Whiter (Etymologicon universale, Cam- 
bridge 811. 2 Voll. 4.), Berndt (Verwandtschaft der germ. u. slaw. Spra- 
chen, Bonn 822. 8.), die Ungenannten in dem Tripartitum. Wien 820. 
ff. 4. Voll, quer 4. u. a. m. 

3* 



36 

Pronomen ten, ta, to, Krainisch ta, ta, to. In Rück- 
sicht der Vocale hat die slawische Sprache keinen weiten 
Umfang. Sie kennt kein ä, ö, ü. Hingegen hat sie ein 
doppeltes t, nämlich ein feineres (böhm. und pol. t, 
russ. ize), und ein gröberes (böhm. und poln. y, russ. 
jery}, biti schlagen, byti seyn. Sie hebt selten mit ei- 
nem reinen a, nie mit einem e an, sondern gibt dem 
a oft, dem e immer den Vorschlag j: jaje Ei, jasti 
essen, jest 1 ist, est. Das o im Anfange sprechen zwar 
die meisten Stämme rein aus, wie in oko, aber der Lau- 
sitzer Wende spricht tvo, das auch der Böhme in der 
gemeinen Redesprache thut, wenn er gleich in seiner 
Schriftsprache das reine o noch immer beibehält: on 
er, für won. Der Kroate spricht wieder den Vocal u 
nie rein aus, sondern setzt ihm ein v vor: vuho Ohr, 
für uhn (ucho~). Bemerkens werth sind die vielerlei Be- 
stimmungen des », wenn es wie j ausgesprochen wird. 
Es dient den Vocalen nicht nur am Anfange, sondern 
auch nach verschiedenen Consonanten zum Vorschlage: 
biet od. bjel weiss, miaso od. mjaso Fleisch, niem od. 
njem stumm. Nach Vocalen bildet es Diphthonge: daj, 
stoj. Wenn es nach gewissen Consonanten verschlungen 
wird, so mildert es die Aussprache derselben: kort (für 
korif) Pferd, bud' sey, verkürzt aus budi, jest' (für jesti) 
ist, griechisch ig£. Daher wird des verschlungenen i we- 
gen der russische Infinitiv mit dem mildernden Jer' be- 
zeichnet. Die Slawen lechischen Stammes verändern in 
diesem Falle das t in c: dac, stac\ Nur der Slowak 
spricht es meist hart aus: wolat, chodit für wolati, cho- 
di'tt. In Rücksicht der Consonanten langt der Slawe mit 
den Lippenlauten w, b, p aus, und entbehrt in ursprüng- 
lich slawischen Wörtern den Laut f. Man vgl. ivru mit 
ferveo, bob mit faba, bodu mit fodio, pern mit ferio, 
plarnen mit flamma, piscala mit fistula, piest mit Faust 
ii. s. w. Selbst wenn er fremde Wörter aufnimmt, ver- 
ändert er oft das f\ Aus Farbe machte der Böhme bar- 
wa, aus Stephan Stepan. Seine 6 Sibilanten z, z, .?, s, 
(\ c) unterscheidet er genau, und liebt sie so sehr, dass 
er nicht nur seine drei Gurgellautc g (od. /*), ck und k 
sondern auch d und /, nach bestimmten Regeln in ana- 



37 

löge Sibilanten verwandelt. Man wird also auch zima 
mit hiems, wezu mit veho, zrno Qzerno) mit granum, 
zrati mit ygda> , syr mit Tvgög, plesci (plece) mit TtXdtcu, 
jucha mit jus, eist mit castus vergleichen dürfen Eben 
so fes^fa* mit liegen, zlato mit öo/^, srdee (serdee) mit 
xagdta Herz cor, cerketv mit Kirche. Unter den drei 
Gurgellauten (#, cA, Ar) gilt sein glagol entweder für 
g Qydpiia), oder für h nach Verschiedenheit der Mund- 
arten. Für goniti, gora, glawa, grad u. s. w. spricht 
der Böhme, Mähre und Slowak honiti, hora, hlawa, 
hrad, an die sich der Oberlausitzer Wende anschliesst 
Betrachtet man den Sylbenbau in Wörtern , die aus 
mehreren Consonanten bestehen, so wird man finden, 
dass der Slawe mehrere Consonanten lieber vor, als nach 
dem Vocal verbindet. Man vergleiche brada mit barba, 
Bart, breg Ufer mit Berg, iideko mit Milch, Igati mit 
lügen, fräse mit porcus, strach mit Furcht u. s> w. Da 
dem Griechen die Consonantenfolge sl in dem Worte 
Slowan fremd war, so nahm er sich die Freiheit ein x 
oder # dazwischen einzuschalten: öxlaßqvds, 0&t.aßög. 
Der Niedersachse, Schwede, Däne, Engländer sprechen 
und schreiben richtiger Slaive für Sclawe. (Vgl. §. 1 
N. 6.) Da l und r zwischen zwei andern Consonanten 
der Sylbe Haltung genug geben, und zugleich Stellver- 
treter der Vocale seyn können, so sind Sylben ohne 
Vocale, wie wlk, srp nicht ungewöhnlich. Doch schal- 
tet man hier in neuern Mundarten das euphonische o 
oder e gern ein: wölk, serp, oder bildet das l in u um: 
wuk, pun serbisch für wlk, pln. In der auf quantitirende 
Prosodie gebauten Verskunst sind in solchen Sylben 
die Halbvocale / und r immer für Vocale zu nehmen: 
twrdy, wjtr, zweisylbig. Vergleicht man die verschie- 
denen Abänderungs- und Abwandlungsformen der sla- 
wischen Wörter mit den Formen der griechischen, la- 
teinischen und teutschen, so ergibt sich, ausser dem oben 
Bemerkten, dass die slawischen Declinationen, eben weil 
sie des Artikels entbehren, und ihn durch angehängte 
Biegungssylben ersetzen, vollständiger sind, als im Grie- 
chischen und Teutschen. Für den Singular hat der Slawe 
7 Casus, für den Plural aber nur 6, indem der Nomi- 



38 

naliv zugleich den Vocativ vertritt. Im Dual lassen sich 
nur 3 Casus unterscheiden, der Nominativ, Genitiv und 
Dativ, indem hier der Accusativ dem ersten, der Local 
dem zweiten, und der Sociativ oder Instrumental dem 
dritten gleich ist. Ungeachtet der vielen Casus unter- 
scheidet der Slawe an den weiblichen Nennwörtern im 
Plural den Accusativ nicht vom Nominativ, da es doch 
der Grieche und Lateiner thun. Den Teutschen trifft 
dieser Vorwurf doppelt, indem er auch den männlichen 
Accusativ dem Nominativ gleich macht. Die Adjectiva 
werden im Slawischen, da sie einen unbestimmten und 
bestimmten Ausgang haben, nach zweierlei Muster ge- 
bogen. In der Steigerung der Adjective, welche ver- 
mittelst des angehängten tj oder sij geschieht, vertritt 
im Altslawischen der Comparativ auch den Superlativ. 
Neuere Mundarten bilden den Superlativ, indem sie dem 
Comparativ die Partikel naj vorsetzen: najmensij, böh- 
misch neymensj. Da der lateinische Ausgang issimns aus 
9i und mus zusammengesetzt ist, so floss die Sylbe si 
aus derselben altern Quelle, aus welcher das slawische 
si entsprungen ist. Durch die Endsylben n, esi, et, im 
Plural em, efe, ut, oder in, ist, it, Plur. im, ite. 
tat werden die Personen im Präsens bezeichnet. Im Prä- 
terito aber nach Verschiedenheit der Formen durch och, 
e, Plur. ochom, oste, ochu; iech, ie, Plur. iechom, 
teste, iechn; ich, i, u. s. w. ach, a, u. s. w. Endigt sich 
die Stammsylbe auf einen Vocal, so bekommt die erste 
Person nur ein ch: dach, pich, obuch, indem da, pi, 
obn, schon die 2te und 3te Person bezeichnen. Im Plur. 
chom, ste, chu: dachom, pichom , obuchom, daste, 
pisfe, obuste, dachn, picha, obuchu. Periphrastische 
Präterita verbinden das Hilfswort jeßm\ jesi, jesf mit 
dem Participio activo praeterito: kopal jesm ich habe 
gegraben. Wird biech damit verbunden, se entsteht das 
Plusquamperfectum \ kopal biech ich hatte gegraben. 
Wird aber bych damit verbunden, so erhält man das 
Imperfectum des Optativs; kopalby, er würde graben. 
Das einfache Futurum ist entweder das primitive Verbum 
selbst, wie budn ero, Hain, oder es wird vermittelst 
nu gebildet: bodnu, oder aber vermittelst einer Präpo- 



39 

sition: obuju, izuju. Das periphrastische besteht aus dem 
Infinitiv und dem Hilfswort budu oder choscu: budu ko- 
pati; in einigen neuem Mundarten auch budu kopal. 
Allein budu kopal ist eigentlich das Futurum ex actum 
anderer Sprachen, und entspricht dem lateinischen Fu- 
turo des Conjunctiv. Das Passivum wird entweder mit 
sia (se) umschrieben: spaset sia salvabitur, oder man 
verbindet die Hilfswörter mit dem Participio passivo: 
spasen byst', spasen budet. Da es dem Slawen an ite- 
rativen und frequentativen Formen nicht fehlt, so konnte 
er gar leicht das Verbum soleo ich pflege, entbehren. 
So ist bywati das Frequentativum von byti; und nositi, 
lamati sind Iterativa von nesu, lomiti. Die Adverbia 
qualitatis werden meistens vermittelst je gebildet: po- 
dobnie. Fast eben so der Lateiner: caste, plene. In der 
Fügung (Syntaxis) nähert sich der Slawe mehr dem 
Griechen und Lateiner, als dem Teutschen. In der Wort- 
folge hat er viel Freiheit. Die verneinende Partikel ne 
(nie) setzt er dem Verbo vor, selbst wenn schon eine 
andere Verneinung im Satze steht. In negativen Sätzen 
gebraucht er den Genitiv anstatt des Accusativs. Nur die 
ersten vier Zahlwörter betrachtet er als Adjective, alle 
übrigen als Substantive, daher nach ihnen das regirte 
Wort im Genitiv stehen muss: osm sot (set) 800. Un- 
ter den Partikeln, die dem Nennworte vorgesetzt, und 
vermittelst welcher auch zusammengesetzte Verba gebil- 
det werden, sind o, u, w, wy, po, na, za, s (su), 
ob, ot (od), iz, wz (woz), bez, pro, pre, pri, pod, 
nad, raz (roz), pred wahre Präpositionen; nur radi, 
dielia (dlia) sind Postpositionen. *) 

Die slawische Sprache hat unverkennbar viele gute 
Eigenschaften und Vorzüge, die unter den Ausländern 
vorzüglich von Schlözer gewürdigt worden sind (s. Nestor 
Th. III. S. 224). Ich zähle hieher ihre artikellose Decli- 
nation und pronomlose Conjugation, ihre reinen festen 
Vocalendungen, ihre durchgängig bestimmte, vom lo- 
gischen Ton der Wörter unabhängige Quantitirung der 
Sylben, woraus ihre Singbarkeit in der Oper und An- 
wendbarkeit auf altclassische Versmasse von selbst er- 



*) Nach Dobrowskys Gesch. d. böhm. Lit. S. 14. ff. 24 ff. 



40 

folgen, ferner ihren grossen Wortreichthiim, die Menge 
und Mannigfaltigkeit der Einzellaute und ihrer Verbin- 
dungen, zuletzt ihre Syntax 5 ). Mit welcher Genauig- 
keit und Feinheit sie vermittelst einiger wenigen einfa- 
chen Laute, die zu ßiegungssylben bei den Declinationen 
und Conjugationeii verwendet werden, überall die En- 
dung, die Zahl, die Person, das Geschlecht, die Zeit 
und die Art unterscheidet, ohne die schleppenden Pro- 
nomina zu Hilfe zu nehmen, braucht dem, der sich nur 
einigermassen in ihr umgesehen, nicht erst bewiesen zu 
werden. Um sich von ihrem Wolklang zu überzeugen, 
muss man sie im Munde der Nationalen hören. Freilich 
sind sich hierin nicht alle Stämme und Mundarten gleich, 
und zwischen der Animith des Serbischen und dem Voll- 
und Kraftklang des Russischen oder Böhmischen ist ein 
grosser Unterschied 5 aber darum darf der slawischen 
Sprache nicht gleich, wie es leider nur zu oft geschehen 
ist und noch geschieht, der Vorwurf „ursprünglicher 
Schroffheit und erstickender Kakophonien" gemacht wer- 
den. Denn Wolklang und weibische Weichheit der Spra- 
che sind zwei ganz verschiedene Dinge. 6 ) Allerdings 
herrschen in den meisten slawischen Mundarten, die 
serbische ausgenommen, die Consonanten vor ; betrach- 

') Welcher der reinste slaw. Dialekt in der weiten Slawenwelt seyn 
möchte, ist vielfältig gefragt worden. Diesen zu finden würde gar nicht 
schwer seyn, wenn uns die Geschichte ein slaw. Volk zeigte, das stets 
in seinem Ursitze gehlieben, niemals gewandert, nie mit andern sich ver- 
mischt, niemals unterjocht worden od. andere unterjocht hätte. Allein we- 
der die Karpaten noch die Crnagora, weder Russland noch Bosnien liefern 
solche slaw. Aborigines; überall spricht die Geschichte laut von Zügen u. 
Kriegen der Slawen von Ragusa bis an die Buchten des Eismeers, von der 
Elbe bis an die Irtisch. Alle jetzige slaw. Dialekte sind also nicht mehr 
ganz rein; denn Nachbarinen haben sie zum Theil gebildet, zum Theil 
verbildet. Die Gräcismen der altslaw. Kirchensprache, die Turcismen der 
serbischen , die Germanismen der böhmischen und polnischen , und die 
Tatarismen, Sueonismen, die von Peter dem Grossen eingeführten Germa- 
nismen, (iallicismen u. s. w. der russischen, wiegen einander gewiss auf. 
Am wenigsten dürften aber diejenigen Dialekte rein seyn, die am längsten 
unter unslawischer Herrschaft gestanden. Um so erfreulicher ist es zusehen, 
dass der besonnene und umsichtige Purismus auch unter den Slawen, vor- 
züglich den Russen, Polen u. Böhmen frische Wurzeln schläft, und gol- 
dene Früchte verspricht. Möge er in keinem Uebermass, in unseligem zu 
viel oder zu wenig sündigen! — Vgl. Dobroii'skos Slowanka Th. IL S. 213. ö'. 

r ') Kein Slawe darf über seine Sprache klagen , wie z. B. Herder, 

Jenisch, Schiller (im Vorworte zu d. Ueb. d. JEn.) über die tcutsche. Selbst 

Gijthc seufzt : — — — — — Ein Dichter war'' ich geworden , 

Hätte die Sprache sich nicht unüberwindlich gezeigt. 



41 

tet man aber die Sprache philosophisch, so erscheinen 
die Consonanten, als Zeichen der Vorstellungen und Be- 
griffe, und die Vocale als blosse Träger im Dienste der 
Consonanten, in einem ganz andern Lichte. Je mehr 
Consonanten, desto reicher ist die Sprache an Begriffen. 
Exempla sunt in promtu. Der Wollaut der einzelnen 
Sylben ist alsdann nur partiell und relativ; der Wol- 
klang der ganzen Sprache aber immer durch den Wol- 
laut der Perioden, der Wörter, der Sylben und der 
Eiuzellaute bedingt. Welche Sprache besitzt nun alle 
diese vier Elemente des Wolklangs in gleichem Masse? 
Zu viele Vocale tönen eben so übel, wie zu viele Con- 
sonanten; gehöriger Vorrath und Wechsel von beiden 
vollendet erst den harmonischen Klang. Selbst harte Syl- 
ben gehören zu den noth wendigen Eigenschaften einer 
Sprache ; denn auch in der Natur gibt es harte Töne, 
die der Dichter nicht anders, als mit harten Sprachlau- 
ten malen kann. Die Härten im Slawischen, über die 
von Ausländern so vielfältig geklagt wird , kommen 
demnach entweder einzig und allein auf die Rechnung 
ungeübter und geschmackloser Schriftsteller (denn kein 
Nationale von gesunden Sinnen wird je Thanrs: sfrc 
prst skrz krk, so wenig wie ein Teutscher Voltaires 
Waldberghoff'trabkdikbdorf sprechen oder schreiben ) ; 
oder sie sind lächerliche Irrthümer der des Slawischen 
unkundigen Leser (z. B. Schulzes und Jean Pauls im 
Polnischen), die den Klang mit den Augen, nicht mit 
den Ohren auffassen. Denn allerdings hat in einigen 
Mundarten die Bezeichnungsart der einfachen Laute durch 
mehrere Buchstaben (z. B. szcz, szkrz im Poln. für das 
altslaw. m>niKp; sc, skr) für den des Lesens unkun- 
digen etwas Abschreckendes, welches für den Kenner 
der Aussprache verschwindet 7 ). Die reine und be- 
stimmte Vocalisirung, die es nicht der Willkühr des 
Sprechenden überlässt, Vocale, wie im Teutschen, Frau- 



7 ) Ueber den Wolklang der slaw. Sprache im Allgemeinen und der 
poln., böhm., slowak. u. serb. in's Besondere, vgl. Burich bibl. slav. pag. 
40 — 47. S. Potocki's pochwaly, mowy i rozprawy (Warschau 816.) B. II. 
S. 376. ff. Dobrowskys Slowanka Th. II. S. 1 — 67. J. Kollars myslenky 
o libozwucnosti reci ceskoslowenske, in PresVs Krok, Hft. 3. S. 32 — 47. 
/. Caplovics Slawonien u. zum Theil Kroatien, Pesth 819. Th. I. S. 230—235. 



42 

zösischen und Englischen, auszusprechen oder auch aus- 
zustossen, ist zugleich Ursache der gleichsam genetisch 
und a priori, wie bei den Griechen, ausgeschiedenen 
Quantität der Sylben, wodurch die slawischen Sprachen 
zur Nachbildung der altclassischen Versmasse vorzüglich 
geeignet sind, wenn man gleich gestehen muss, dass diese 
Sache bis jetzt in den meisten Mundarten vernachläs- 
sigt oder mit zu wenig Einsicht betrieben worden ist. 
Jede slawische Sylbe ist nämlich schon ihrer Natur nach 
entweder kurz oder lang, indem jeder Vocal im Slawi- 
schen eine doppelte, kurze oder lange, Dauer hat, Diese 
natürliche Schärfung (Verkürzung) und Dehnung der 
Sylben ist aber, wie bei den Griechen, unabhängig von 
der grammatischen Hebung oder Senkung derselben, oder 
mit andern Worten , der prosodische Ton, die Quan- 
tität, ist durch die Natur der Aussprache, die längere 
oder kürzere Dauer des Vocals selbst, und nicht durch 
den grammatischen Accent begründet. Dieser letztere 
kann sowol auf prosodisch langen, als auf kurzen Sylben 
liegen. Beispiele der vollendeten Versification nach die- 
sen Grundsätzen haben erst neulich die Böhmen aufge- 
stellt; indem ehedem sowol diese, als auch die Russen 
und Polen, nach dem germanischen Grundsatz des lo- 
gisch-grammatischen Tones ihre Prosodie geregelt, und 
selbst die serbischen Dichter, bei sonst gerechter Be- 
rücksichtigung des natürlichen Zeitverhalts der Vocale, 
die Position vernachlässigt haben 8 ). Aus der Vereini- 
gung der Vocalendungen und der hieraus entspringen- 
den Mannigfaltigkeit des Reims mit den vollendeten For- 
men der Verskunst ergibt sich die Bedeutung der sla- 
wischen Sprache für die höheren Künste der Musik, des 
Gesanges und der Dichtung. Die grosse Anzahl der ein- 
fachen Grundlaute im slawischen Alphabet und ihre man- 
nigfache Verbindung, welche den Mund zu einer frühen 
vielseitigen Ausbildung aller zum Sprechen nöthigen Or- 



s ) Vgl. •/. Eigner a a K. Brodzinskiego rozprawa metrycznosci i 
rytmicznoBCi iezyka polskiego, Warsch. 810. 4. A. Wostokow opyt o rus- 
kom stichoslozenii, 2te A. S. Pet. 817. 8. Pocatkowe ceskeho bäsnictwj. 
PreBsb. 818. 8. S. Hnewkovskeho zlomkv o ceskem bäsnictwj, Prag 820. 8. 
./. J'-nqmnnna Slowesnost, Prag 820. S* XXVI. ff. J. S. Presla Krok. Hft. 
2. B 1-32, 141—163. 



43 

gane zwingen, machen es begreiflieb, wie es den Sla- 
wen möglich wird, diejenige Fertigkeit in andern Spra- 
chen zu erlangen, die man an ihnen bewundern muss, 
und die dem Franzosen, Teutschen und Magyaren, de- 
ren Sprachen an Grundlauten ärmer sind, nie oder nur 
selten gelingt. Der Reichthum der slawischen Sprache 
hat seinen Grund in der grossen Anzahl der Wurzel- 
silben, deren Hr. Dobrowsky bloss in dem Altslawischen 
1605 zählte, und diese wiederum in der Menge der Con- 
sonanten. Ueber die Bildsamkeit der Wurzeln, Gefügig- 
keit der Zusammensetzungen u. s. w., können die Gram- 
matiken der einzelnen Mundarten die triftigsten BeAveise 
abgeben. Die slawische Syntax ist rücksichtlich der Ver- 
einigung der grössten Bestimmtheit in der gegenseitigen 
Wortabhängigkeit mit der ungezwungensten , freiesten 
Wortstellung fast beispiellos. 

§. 5. 

Charakter und Cultur der Slawen im Allgemeinen. 

Wenn man bedenkt, wie viel Erfahrung und Men- 
schenkenntniss, welch' eine Selbständigkeit der Ansicht und 
des Urtheils dazu gehört, um den Charakter eines Volks 
der Natur und Wahrheit getreu zu zeichnen, ohne aus 
Unkunde, überspanntem Patriotismus, oder aus Kosmo- 
politismus, entweder an dem fremden, oder an dem ei- 
genen eine Ungerechtigkeit zu begehen und ihm weh zu 
thun ; so sollte man aus religiös-moralischer Scheu sich 
aller dergleichen Urtheile lieber ganz enthalten, oder 
nur mit der grössten Besonnenheit , Umsicht und Be- 
scheidenheit zu Werke gehen. Gleichwol zeigt es die Er- 
fahrung, dass in dem ganzen Bereich der Schriftstelleren 
so weit sich die Menschen- und Länderkunde erstreckt, 
die Sprecher der Oeffentlichkeit und Berichterstatter an 
dieselbe, nichts mit einer grösseren Eil- und Leichtfer- 
tigkeit zu behandeln pflegen, als gerade die so schwie- 
rige Menschen- und Völkercharakteristik. Nur gezwun- 
gen und schüchtern, um dieses Urtheil an der bisher 
vorzüglich von Ausländern versuchten Charakteristik der 



44 

Slawen zu erhärten, wage ich es, hier einige Worte 
über eine mir heilige Sache, nach meinem besten Wis- 
sen und Gewissen, niederzuschreiben. 

Der Slawe, der ein über die vaterländische Ge- 
schichte , Erdbeschreibung , Ethnographie, Statistik u. 
s. w., in einer fremden Sprache geschriebenes Buch zur 
ilaud nimmt — und wie viele thun diess täglich? - 
muss es mit gerechter Angst und Besorgniss thun, in- 
dem er gleichsam im voraus gewärtig seyn muss, das 
Volk , dem er angehört , darin beschimpft zu sehen: 
zwei Drittheile der in diese Fächer einschlagenden Werke 
enthalten, wenn sie der Slawen, gleichviel ob insge- 
sammt , oder nur der einzelnen Stämme , erwähnen, 
nichts als Entstellung und Herabwürdigung ihres Natio- 
nalcharakters. Keinem Volke unter der Sonne ist je diese 
lieblose Behandlung zu Theil geworden. Seit der Zeit, 
wo die Hunnen, Gothen, Awaren, Franken , Magyaren 
u. s. w«, sich über die harmlos dem Ackerbau u. Handel 
obliegenden slawischen Völker gestürzt und sie zum Theil 
zertrümmert haben, pflanzt sich der Hass und die Ver- 
folgung aus dem Leben in die Schriften, und aus den 
Schriften in das Leben fort, und es ist nicht der Mangel 
an gutem Willen der Schriftsteller der Nachbarvölker 
Schuld daran, dass nicht zu Anfange des XIX. Jahrb. 
die Scenen eines Karls des Grossen, Heinrichs des Vog- 
lers, Heinrichs des Löwen, Albrechts des Bären, Al- 
mus, Arpad, Zoltan u. s. w., für die Slawen erneuert 
werden. Vollständige Belege dazu zu liefern liegt ausser- 
halb des Zwecks dieser Schrift; einzelne Rosen u. Blu- 
men für die Dornenkrone aufzufinden ist eben nicht 
schwer. *) 

*) Um nur einiges anzuführen, so macht schon J. P. Ludwig die Sa- 
tzung der goldenen Bulle K. Karls IV., in welcher den Söhnen der Chur- 
fürsten neben andern gebildeten Sprachen auch die Erlernung der slawi- 
schen empfohlen wird, lächerlich, „indem, sagt er (Erläut. d. gold. Bulle, 
l'ikf. u. Lpz. 752. 4. S. 1416), ein Churprinz od. Churfürst sich geschämt 
haben würde, wenn ihm einer nachsagen sollen, dass er Zeit und Fleiss 
auf diese Knechtsprache gewendet, absonderlich, da die Wenden zu den 
Zeiten Karls IV. bereits in einer solchen Verachtung gewesen, dass man 
Bolehe gleich den Knechten und Hunden gehalten." — Taube in s. Be- 
achreibung von Slawonien spricht von der Vielweiberei der Slawonier, und 
lässt ihre Kinder im Winter nacket herumgehen. — Der Graf Teleky (Rei- 
seb. 701) kennt in ganz Slawonien nur drei gemauerte Städte u. Markt- 






45 

Sollte man nach den von unwissenden oder partei- 
ischen Reisebesch reibern und Ethnographen aufgestellten, 
nun so allgemein verbreiteten und tief wurzelnden Grund- 
zügen eines Charaktergemäldes der Slawen sich nicht 
versucht fühlen, dieses Volk aus der Classe der selbst- 
ständigen , civilisirten Völker auszumerzen , und den 
Barbaren oder wenigstens Halbbarbaren zur Seite zu 
stellen? — Das sey ferne von uns ! Die göttliche Vor- 
sehung, die unter Myriaden Blättern gleichwie unter 
Millionen von Menschen nicht zwei sich vollkommen 
gleiche geschaffen, hat noch viel weniger zwei sich voll- 
kommen gleiche Völker geschaffen; und dieselbe allwal- 
tende Macht, die den Einzelmenschen mit dem Haupte 
gegen das Himmelslicht emporgerichtet, und mit den 

flecken; auch die Dörfer verdienen, meint er, diesen Namen nicht. — 
Hacquet sagt in s- Beschreib, von Illyrien u. Dalmatien (Miniaturgemälde 
aus der Länder- und Völkerkunde, Pesth 816. 8. 13. ff.) unter andern Al- 
bernheiten: „die Slawen schmiegten sich darum beugsam und geduldig un- 
ter das Joch des hässlichsten Despotismus, weil sie sich keinen Begriff von 
einer besseren Herrschaft machen können. Sie seyen, wie die meisten Asia 
ten, ob sie gleich das Baden leidenschaftlich lieben, im höchsten Grade 
unreinlich. Die Ursache dieser Unsauberkeit seyen ihre zu engen Woh- 
nungen , denn in einer Hütte, ja in einem und demselben Zimmer, oft 
in der Mitte des Unflaths, schliefen häufig mehrere Familien. Unglücklicher- 
weise sey das Stehlen bei den Slawen allgemein verbreitet." Derselbe be- 
richtet a. a. 0., „dass alle Räczen, Männer und Weiber, einen ausgezeich- 
net trotzigen Charakter haben; dass die Männer so eifersüchtig sind, dass 
sie die Fenster ihrer Häuser beständig geschlossen halten ; dass die Räczen 
noch keine Bücher in ihrer Sprache besitzen" u. s. w. — A. Dugonics, ein 
Piarist, Prof. zu Pesth, predigte laut in seinen Schriften den Hass gegen 
die Slawen ohne Unterschied. In s. Etelka (3te A. Pesth 805. 8), einem 
vielgelesenen Roman, dessen Tendenz am Tage liegt, leitet er S. 9 — 10 
den Namen Morva Mähren von rnarha Vieh her, und ihm sind Morva, 
marha, Mähre, Schindmähre gleichbedeutende Wörter von einer Wurzel. 
S. 13 — 15 überhäuft er mit Schimpf und Spott den Swatopluk, und höhnt 
die Slawen mit Alexanders Diplom, gebährdet sich jedoch ängstlich vor den 
slawischen Flüchen, die es doch auf keinen Fall mit den magyarischen 
aufnehmen können. S. 18 — 19., stellt er die Russen und Russniaken mit 
den Zigeunern auf gleiche Linie ; russisiren, meint er, sey dem Magyaren 
soviel als zigeunern („most-is nälunk annyit teszen oroszkodni, mint czi- 
gänykodni"), eben so S. 460, slawisch od. zigeunerisch („tötosan vagy-is 
czigänyosan esik"). S. 92. zaubert er unverschämt genug das Schimpfwort 
Copak, Copakok, hervor, welches, wie er vorgibt, der gewöhnliche Schimpf- 
nahme der Cechen und Mährer bei den Magyaren seyn soll. S. 355 — 56., 
wärmt er höhnisch das alte Schandmährchen auf, wornach Swiatopluk und 
Salan das Slawenreich um 12 oder 1 Schimmelpferd an die Magyaren durch 
List verloren haben sollen, welches, auch als wahr erkannt, nur den Betrü- 
ger, nicht den Betrogenen entehrt. Die Slawen sind ihm überall die hun- 
grigen, ausgemergelten, strohhalmfüssigen, blitzspitzköpfigen u. s. w. („hit- 
väny, csapos, elhetetlen , köröläbü Totok, fejek mint az Isten' nyila he- 
gyosek"); die Magyaren Helden („vitezek, vitez Magyar", aber vitez ist 
nicht magyarisch, wjtez ist slawisch !), ihr Gott der Magyaren - Gott („a' 



46 

Füssen an die Erdennacht gefesselt hat, gab auch jedem 
Erdenvolke eine gedoppelte Seite, eine Licht- und Schat- 
tenseite, damit es durch das Gewahrwerden dieses Ge- 
gensatzes in allen seinen Individuen zum Leben erwa- 
che, und seine Kraft entwickele. Freilich sind der Ab- 
stufungen der aus der Mischung des Lichts und des Schat- 
tens entstandenen Charaktere der Völker unendlich viele; 
aber so wie kein Liebt ohne Schatten, und kein Schatten 
ohne Licht ein Gemälde geben kann, und das Licht nicht 
noth wendig eine Sonne, der Schatten nicht noth wendig 
Nacht u. Grauen ist: eben so kann auch kein Volk auf dem 
weiten Erdenrund weder eine reine Engelsphysiogno- 
mie ohne einige Menschen-Muttermaale, noch eine vol- 
lendete Teufelscarricatur ohne einige Strahlen des gött- 

Magyarok Istene"), wie Jehovah der Juden. — In den östr. vaterl. Blättern 
1812. Jul. N. 27., werden die Russniaken so geschildert: „Der Charakter 
der Russniaken kommt mit dem aller Slawen überein (Hört!) Misstrauisch. 
falsch, hinterlistig, voll Verstellung, ohne das mindeste von Sittlichkeit, 
ohne Religion, unfolgsam gegen die Behörden, dabei äusserst stupid und 
roh; dem Trünke und den Ausschweifungen des Geschlechtstriebes sind sie 
auf das äusserste ergeben, wobei niemand geschont wird. In der Ehe sind 
sie einander häufig ungetreu, und kennen darin keine Schranken, daher 
es auch kommen mag, dass die Venusseuche immer so stark unter ihnen 
herrscht. Eben so sind sie vorzüglich dem Branntweintrunke ergeben, mit 
welchem sie sich oft bis zur Sinnlosigkeit betrinken." Das Weitere von ih- 
ren Gebräuchen ist ganz diesem gleich. — Der berühmte Prof. K. H. L. 
Pölltz in Leipzig ruft in s. Weltgesch. für gebildete Leser u. Studirende. 
N. Bearb. Wittenb. 813. Th. I. S. 17. aus: „Freue dich, Jüngling, der 
du aus teutschem Blute stammest, deines Vaterlandes! Vergiss es nie, dass 
die slawischen Völker sich unmuthig und widerstrebend unter die Ueber- 
macht der teutschen Kraft beugen mussten ; dass die grossen Namen: Huss 
u. s. w., unserm Volke angehören!" Ein Mitarb. der Münchner allg Lit. 
Zeit. 1819. Weinmonat S. 71. meint: „dass die Zeit der babylonischen Sprach- 
verwirrung abermals gekommen wäre, indem jetzt nicht nur ein jedes Volk, 
sondern sogar ein jedes Völklein, die Cechen, Polen, Slowaken. Wala- 
chen u. s. w., ihre Sprache zu einem Werkzeug der Bildung zu erheben 
bemüht sind, und in derselben auf slowakisch und walachisch philosophi- 
ren. dramatisiron u. s. w." — Der Prof. K. v. Rottek zu Freiburg nennt 
in s. allg. Gesch. S. 466. die russische Sprache schlechthin eine Kneeht- 
sprache. — Tn diesem Sinn meint auch K. Neumann in s. Natur des Men- 
schen 815. Th. i. S. 59. 62., die slawischen Völker seyen wol aus andern 
Stoffen zusammengesetzt als die Teutschen, und ihnen sey eben darum von 
der Xatur eine andere Bestimmung, als diesen, angewiesen. Nur der Eu- 
ropäer, und unter diesen nur der germanische od. ostasiatische . keines- 
wegs aber der slawische Stamm, werde sofort in alle Ewigkeit eine Zierde 
der Schöpfung und Herr der Welt bleiben. — In der Mnemosyne Th. 1. 
S. 21. ff. berichtet Kreil, dass man wenig Oerter auf der Landcharte fin- 
den wird, wo die Natur so scharfe Gränzen zwischen zwei Völkern gezo- 
gen hätte, als auf dem Berge Plac in Steiermark. So wie man in das win- 
dische Städtchen Bistric eintritt, finde man auch das Ende der teutschen 
Reinlichkeit und Aufrichtigkeit, und fiihlc sich in ein böhmisches oder 
mährisches Dorf versetzt, zwischen jene unreinen Slawen, deren Gesichtern 



47 

liehen Ebenbildes haben. Nur der Menschen Schwach- 
heit, und der Menschen Eigendünkel und Uebennuth 
verwischt mit frevelnder Hand die Züge der Natur, die 
einem Volke angehören, und prägt in der krankhaften 
Phantasie das Urbild in ein Unbild um. Lasst uns ge- 
recht seyn und unsere Nation lieben ohne die übrigen zu 
hassen ! Welches Volk ist nicht stolz auf sich ? Die 
Franzosen sagen: Wir sind Franzosen! die Engländer: 
Wir sind Engländer! die Teutschen: Wir sind Teutsche! 
aber auch die Dänen: Wir sind Dänen! auch die Por- 
tugiesen: Wir sind Portugiesen! und wer wird ihnen 
diess verargen, so lange das stolze Selbstgefühl bloss ein 
Gefühl bleibt, welches den Patriotismus und hiemit die 
Nationaltugenden weckt, und nicht in — ich will nicht 

die Natur selbst das Gepräge der Knechtschaft aufgedrückt hat. — Der 
weltberühmte, hochgefeierte Statistiker und Politiker Crome in Giessen, 
stellt in einer Schilderung der Oesterr. Monarchie unter Franz I. im Wie- 
ner gemeinnützigen Hauskalender 1820. (also in einem vielgelesenen Volks- 
buche) S. 29. folgende Charakteristik auf: „1. die Teutschen, 5 Mill. an 
der Zahl, die sich durch Redlichkeit und Treue, Offenheit und Jovialität, 
Industrie und Wolstand, Sitten und Liebe zu den Wissenschaften auszeich- 
nen. 2. die Slawen, 11 bis 12 Mill. Bei diesen treten, als Folgen einer 
langen Dienstbarkeit und unterdrückten Cultur, sichtbar hervor: Roheit, 
Indolenz, Unreinlichkeit, grobe Sinnlichkeit und grosser Leichtsinn. Da- 
bei sind sie oft dem Trunk erg-eben; gewöhnlich etwas faul, verstockt, 
diebisch, kriechend und tückisch gegen ihre Obern u. s. w. „Gleichen Be- 
weis der Unparteilichkeit und Billigkeit in der Beurtheilung des Charak- 
ters der Slawen liefert der polygraphische Exminister de Praät in s. Hist, 
de l'Ambassade dans le Grand Duche Varsovie, 812. S. 71 — 73. „L'Eu- 
rope nie parut finir au passage de FOder. La commencent un langage etran- 
ger a l'Europe (ja wol etranger für Hrn. de Pradt!), des costumes difte- 
rens de ceux de l'Europe. La Pologne n'est plus l'Asie; ce irest pas encore 
l'Europe." Er fand bei den Polen : „l'oeil prive de tonte expression ; tou- 
tes les habitations autant d' asiles de la misere, de la salete et des inse- 
ctes; les villages ecrases sous le chaume et perdus dans la fange; les 
villes de bois, sans rogularite, sans ornemens, sans approvisionnemens au- 
dessus clu-plus grossier necessaire, les chäteaux ä - peu - pres comme en 
Espagne" u. s. w. — Selbst der brave Bisinger in s. vergleichenden Dar- 
stellung der Grundmacht od. der Staatskräfte aller europäischen Monarchien 
und Republiken, Pesth 823. 4., nachdem er übrigens dem Charakter clor 
Slawen Gerechtigkeit hat wiederfahren lassen, fügt aus trüben Quellen 
flüchtig hinzu: „Des Slawen grösste Fehler sind Sinnlichkeit, Unmässig- 
keit in hitzigen Getränken und starker Aberglaube, bei einigen Zweigen 
( — welchen ? — ) säuische Unreinlichkeit, niedrige Kriecherei und Hang 
zur Betrügerei und Dieberei" (S. 309), und beweist abermals, was der 
Slawe über sich selbst von den Ausländern lernen kann. — Doch genug 
der Dornen! — Bedarf dieses Gewebe von Unsinn, Irrthümern, Lügen. 
Verläumdungen und Niederträchtigkeiten vor dem gesunden Menschenver- 
stände einer ernstlichen Widerlegung? Wer wird den Eckel überwinden, 
und dieses hier aufgerüttelte alte, morsche, stinkende Todtengerippe Stück 
für Stück zerlegen, um es in seiner ganzen Nacktheit und Nichtswürdig- 
keit dem Auge des Lesers darzustellen? 



48 

sagen Verachtung — in blutige Verfolgungssucht und 
Gewalttätigkeiten gegen andere ausartet. — Wen wird 
es befremden, wenn er in dem Charaktergemäkie des 
Slawen manchen Schattenzug bemerkt? Aber dieser darf 
als Ausnahme oder Einzelheit nicht gleich zur Regel oder 
Allgemeinheit erhoben werden. Wie könnte es auch 
seyn, dass ein Volk, welches so weit verbreitet, von 
andern Völkern umrungen und durchflochten ist, nach 
so vielen Widerwärtigkeiten, so vielen Kriegen und Un- 
fällen überall auf einer Stufe des Glanzes, der Macht 
und des Ansehens stände, und frei von aller Schwäche 
wäre ? Wer las es nicht in der Geschichte des Mittel- 
alters, was in dem Lande der Wilzen, Obotriten, Po- 
laben, Pommern, Sorben und anderer Slawen zwischen 
dem baltischen Meer und deai Tatragebirg vorgefallen, 
bis aus ihren Ueberresten unter dem würgenden Schwerdt 
der Franken und Teutschcn ungefehr das geworden, was 
aus den Peruanern unter dem Schwerdt der Spanier? 
Hat man sie nicht für unehrlich erklärt, bis 1608. 1613 
von allen Zünften und Gilden ausgeschlossen, um sol- 
chergestalt auf alle Weise zu verhindern, dass sie nicht 
wiederum emporkommen möchten? 2 ) Hat nicht Russland 
seine Tatarenkriege, Polen seine Kozaken — Kreuzherrn- 
und Bürgerkriege gehabt? Wer kennt nicht Böhmens 
traurige Schicksale im XVII. Jahrh. ? Was würden erst 

2 ) Man lese hierüber selbst teutsclie Schriftsteller: Haquet, z. B. 
sagt in einem Seiner Majestät Franz I. gewidmeten Werke, Abbildung und 
Beschreibung d. Südwest- und östlichen Wenden, Illyrer und Slawen, Lpz. 
1. Th. 1. IL p. 8. folgendes: Ich könnte hundert Beispiele anführen, wie 
oft Teutsche in meiner Gegenwart, wider alle Vernunft mit Worten und 
Schlägen diese unterjochten Menschen (Slawen) misshandelten, bloss weil 
sie ihre Sprache nicht verstanden." — Prof. Woltmann Gesch. d. Teut- 
schen in d. sächsischen Periode, 1. Th. Gott. 1798. schreibt: „Es scheint 
Sitte bei den Teutschen gewesen zu seyn, dass sie ein slawisches Volk 
angriffen, so bald es ihnen in den Sinn kam einen kriegerischen Zug zu 
unternehmen. Es war ein trauriges Loos der Slawen, dass sie auf d. Land- 
seite von den kriegerischen Teutschen und von den damals noch sehr 
rohen Magyaren, an der Küste von den schwärmenden Normännern gehin- 
dert wurden, eine Cultur zu vollenden, welche sich schon so eigenthüm- 
lich bei ihnen entwickelt hatte, dass noch jetzt das Grundgewobe dersel- 
ben bemerkt wird, obgleich die -meisten slawischen Stämme seit acht Jahr- 
hunderten ein unterjochtes Volk und dem teutschen Staatskörper einver- 
leibt sind. Die Grausamkeit und Verachtung, womit ihre Ueberwinder sie 
behandelten — eine slawische Familie zum Verkauf ausgestellt, war für 
fen freien Teutschen ein Bild des höchsten Elends - reizte sie unaufhörlich 
das Joch derselben abzuwerfen." 



49 

die Serben, Bosnier und Bulgaren sagen, wenn sie ihr 
Elend klagen dürften! Ist es ein Wunder, ruft Herder 
bei der Betrachtung dieser Unfälle aus, dass nach Jahr- 
hunderten der Unterjochung und der tiefsten Erbitterung 
dieser Nation ihr weicher Charakter zur arglistigen, grau- 
samen Knechtsträgheit herabgesunken wäre? Und den- 
noch ist, fügt er weiter hinzu, allenthalben, zumal in 
Ländern, wo sie einiger Freiheit geni essen, ihr altes 
Gepräge noch kennbar. Ja wol ist es noch kennbar, die- 
ses alte Gepräge; und ich will nun versuchen, einiges 
zu seiner Erläuterung im Allgemeinen (das Specielle ge- 
hört in die Charakteristik einzelner Stämme) anzuführen. 
Die Leibesbeschaffenheit dieses grossen Volks ist sehr 
verschieden, nach dem Klima, welches die verschiede- 
nen Stämme desselben bewohnen. Im Allgemeinen sind 
die Slaw T en von mittlerer Grösse und starkem Knochen- 
bau, nach guten Verhältnissen gebaut, und von unge- 
mein grosser Spannkraft und Zähigkeit der Muskel. Das 
Princip der grösseren Empfänglichkeit oder Subjectivität, 
welches den Slawen durchgängig, physisch u. psychisch 
eigen ist, thut sich schon in dem Zurücktreten aller Be- 
gränzungslinien , vorzüglich jener des Gesichts, kund, 
die ungleich runder, sanfter und weicher sind, als bei 
den mit mehr nach aussen strebender Thatkraft begab- 
ten Teutschen. Das Merkmal der blonden Haare ist bei- 
nahe allen Slawen gemein, und selbst bei den südlichen 
Stämmen ist es weit weniger durch die Natur und das 
Klima, als durch die Kunst verwischt. Sowol diese, als 
die grössere Weisse der Haut vor andern Völkerstäm- 
men erinnern an ursprüngliche, oder nur langwierige 
Wohnsitze im Norden. Unter allen Slawen scheinen die 
östlichen, nördlichen und westlichen den allgemeinen 
physischen Stammtypus am reinsten erhalten, die südli- 
chen hingegen am meisten getrübt zu haben. — Zu den 
Grundzügen im Charakter des slawischen Gesammtvolks 
gehören: sein religiöser Sinn, seine Arbeitsliebe, seine 
härm- und arglose Heiterkeit, die Liebe zu seiner Spra- 
che und seine Verträglichkeit. Schon vor der Verbreitung 
des Christentums unter den Slawen war ihre Frömmig- 
keit und Anhänglichkeit an die Religion auch den Aus- 

4 



50 

[ändern bekannt. Eine solche Menge einheimischer, zur 
Bezeichnung der heiligen Gebräuche dienender Wörter, 
so viele und prächtige Tempel, so eifrige des Cultus we- 
gen angestellte Wallfahrten zu den entlegensten Oertern, 
so grosse Andacht bei Anbetung der Götter 3 J können 
nur wenige Nationen in diesem Zeitraum nachweisen. 
Als die Morgenröthe des Christenthums im Norden auf- 
zugehen anfing, warteten die Slawen nicht erst ab, bis 
die Apostel des Evangeliums zufällig zu ihnen kämen, 
sondern erbaten sich solche ausdrücklich, und die Ge- 
brüder Kyrillus und Methodius kamen auf der slawischen 
Fürsten heisses Verlangen nach Pannonien und Mähren 4 ). 
Diese Liebe zur Religion blieb den Slawen immer eigen. 
Die slawischen Völker erkauften das Christenthum mit 
dem theuersten, was das Leben hat: mit der physischen 
Freiheit , Selbständigkeit und Volksverfassung. Auch 
waren sie im Mittelalter unter den ersten, welche gegen 
verschiedene veraltete Missbräuche in Kirchensachen ihre 
Stimme laut erhoben ; und in Böhmen fing es an zu däm- 
mern, als es noch in ganz Europa, und vorzüglich in 
Teutschland finster war; denn Huss, dieser Begründer der 
neueren Literatur Böhmens, gehört, was auch Prof. Pölitz 
sagen mag, den Böhmen, nicht den Teutschen an. Einen 
Beweis der Frömmigkeit der Slawen können auch die 

3 ) Helmold L. 1. c. 6. Saxo Gramm. L. 14. Antequam rem divinam 
t'aeeret sacerdos Slavorum, scopis quam diligentissime fanum Svanteviti pur- 
gabat, spiritu oris compresso, quem quoties revocare opus erat, ad ostium 
decurrit, ne scilicet humano halitu numinis praesentia offenderetur. An an- 
dern Orten sagt Helmold : major flaminis quam regis veneratio apud ipsos 
est. — Jurationes difficillime admittuntur, nam jurare apud Slavos quasi 
perjurare est. 

4 ) Warum sich die Slawen an der Elbe und Ostsee dem Christen- 
thum so lange und hartnäckig widersetzt haben, kann man aus Helmold 
erfahren; man liess sie dafür mit dem Verluste der Sprache und des Volks- 
tums bezahlen, und Herder sagt ausdrücklich, die Religion sey nur der 
Vorwand politischer Absichten gewesen. Vgl. F. Durich bibl. slav. p. 64— G5. 
Der teutsche Bischof Otto v. Bamberg suchte die Slawen nicht durch das 
Evangelium, sondern durch den Mammon zum Christenthume zu bewegen, 
indem er bei 50 und mehr Wägen mit Tuch, Getreide -und andern Victua- 
lien hinter sich herführen liess. So lehrte man die Wenden äusserlich das 
I hristenthum heucheln, intlem sie im Herzen Heiden blieben. Siehe Cramer 
Pomm. Kirchen-Hist. L. 1. c. 29. Vernünftiger that diess der slawiseh- 
wend. König Godeschalk, der teutsche und latein. Bekehrer und Priester 
in Bein Land kommen liess und dann das, einem Regenten fremde Geschäft 
persönlich übernahm, sich neben den Redner zu stellen, und jede vom 
Prediger ausgesprochene Periode sogleich in slawischer Sprache seinem Volke 
zu wiederholen. Siehe Gebhardi Gesch. aller wend. slaw. St. 1. B. 2. Buch. 



51 

vielen Heiligen aus diesem Volke geben, deren Namen 
sowol die morgenländische, als auch die abendländische 
Kirche ehrt, z. B. h. Ludmila, h. Rozwita, h. Hedwig, 
h. Wenceslaw, h. Nepomuk, h. Stanislaw, h. Kazimir, 
h. Bolesläw, h. Wladimir, h. Sabbas, h. Lazar u. m. a. 
Wahr ist es, durch Berührung mit andern Völkern sind 
manche Stämme bald abergläubisch, bald lau und indo- 
lent in Religionssacben geworden; aber diess berechtigt 
keineswegs, das Gesammtvolk der Roheit, des Leicht- 
sinns und der Gottlosigkeit anzuklagen. Die Sonn- und 
Feiertage werden in der Regel bei den Slawen weniger 
entweiht, als bei andern Völkern, die Bibel fleissiger 
gelesen, die häusliche Andacht öfter ausgeübt, in der 
Kirche und beim Cultus herrscht eine grössere Stille und 
Andacht, die Ehrerbietung gegen die Religion in Tlniii 
und Sprechen ist inniger und zarter, das Fluchen und 
Höhnen, das Rauben und Plündern, das Morden und 
Blutvergiessen seltener. — Die Arbeitsliebe der Slawen 
ist allbekannt. Nicht zwar, als ob andere Nationen faul, 
auch im Einzelnen nicht fleissiger oder geschickter wä- 
ren; aber die durchgängige, von oben bis zu der un- 
tersten Volksciasse herab verbreitete Arbeitslust, ver- 
bunden mit der grössten Abhärtung des Körpers, ist 
wo] nirgends so gross, als hier. Bei so vielen Unglücks- 
fällen^ die das Volk und seine Bildung trafen, findet man 
doch in allen Fächern der Wissenschaften, Künste, Ge- 
werbe und Handwerke Männer unter den Slawen, die 
jenen anderer Nationen zur Seite gestellt werden kön- 
nen. Wie Herder den ländlichen Fleiss der alten Slawen 
gewürdigt, ist schon oben angeführt worden; aber auch 
heutzutage sieht man in den meisten slawischen Ländern 
das Haus und das Feld im Winter und Sommer von be- 
triebsamen slawischen Händen wimmeln, und während 
sich so manche andere Nationen ausschliesslich einem 
Gewerbe widmen , die Slawen alle Zweige der Industrie, 
Handel und Handwerke, Wissenschaften und Feldbau 
mit gleicher Liebe, gleichem Eifer umfassen. — Die 
härm- und arglose Heiterkeit ist, wie einst der Grie- 
chen, so jetzt der Slawen kostbares, beneidenswerthes 

Eigenthum. Der Slawe scheint von Natur mehr zum 

4* 



52 

geselligen Frohsinn und fröhlichen Lebensgenuss , als 
zum trüben Tiefsinn und grübelnder Speculation ge- 
schaffen zn seyn ; das gesunde und frische, kräftig in den 
Adern rollende Blut bringt jene Lebhaftigkeit und Reiz- 
barkeit der Muskel und Nerven, jene Behendigkeit und 
Gelenkigkeit der Glieder, jene Heiterkeit und Wärme 
des Blicks, jene Innigkeit und Leutseligkeit der Mienen, 
jene Gesprächigkeit der Zunge, jene Gemüthlichkeit und 
Gluth des Herzens hervor, die den Slawen so eigen- 
thümlich vor andern Nationen charakterisirt. Alles die- 
ses ist nicht die Frucht der Erziehung, des Studiums, 
der Uebung, sondern das Werk der reinen Natur. Das 
von Gefühlen überwallende Herz ergiesst sich leicht in 
Gesang und Tanz; daher sind beide bei den Slawen in 
einem hohen Grade zu Hause. Wo eine Slawin ist, da 
ist auch Gesang; sie erfüllt Haus und Hof, Berg u. Thal, 
Wiesen und Wälder, Gärten und Weingärten mit dem 
Schall ihrer Lieder ; oft belebt sie nach einem mühevol- 
len, unter Hitze, Schweiss , Hunger und Durst zuge- 
brachten Tag, die herandämmernde Abendstille während 
der Heimkehr noch mit ihrem melodischen Gesang. Welch' 
einen Geist diese Volkslieder athmen, kann man aus den 
bereits erschienenen Sammlungen derselben ersehen. Man 
kann ohne Widerspruch behaupten, dass die Naturpoe- 
sie bei keinem Volk in Europa in einem so hohen Grade 
und mit einer solchen Reinheit, Innigkeit und Wärme 
des Gefühls verbreitet sey, wie unter den Slawen. (Vgl. 
§. 13. Anm. 1.). Aus dieser Harmlosigkeit und Leben- 
digkeit des Gefühls, aus diesem Triebe nach geselligem 
Frohsinn und Lebcnsgenuss entspringt die Gastfrei heit 
gegen Stammverwandte und Fremde, die anerkannt von 
jeher, gleich jener griechischen, eine Zierde in dem Blu- 
menkranz der einheimischen Tugenden der Slawen ist ): 

5 ) lieber die Gastfreiheit der Slawen sprechen selbst fremde 
Schriftsteller mit einer Art von Begeisterung. Siehe Witichind, Ditmar, 
Ailjiiinis Bremensißj und besonders Ilelmold L.'l. c. 82. „Experiment» ipse 
didici, quod ante fama cqgnovi, quo-d nulla gens honestior Slavis in ho- 
spitalitatis gratia. In colligendis enim hospitibus onincs quasi ex senten- 
tia alacres sunt, ut nee hospitium quemquam postulare necesse sit. — Si 
quis vero, quod rarissimum est, peregrinum hospitio removisse deprehen- 
9us fuerit, lmjus domum vel facultafcea incendio consumere licitum est, atque 
in idomnium rota conspirant, Ulum inglorium, illum vilem, et ah omnibus 
exsibilanduni dicentes; quia hospiti partem negare non timuisset." — L. 1J. 
c. 42. „Hospitalitatis gratia et parentum cura primum apud Slavos virtutis 
locum obtinet. Nee ali(iuis egenus aut mendicus apud eos repersus est." 



53 

denn ein Volk, welches sich ganz der arglosen Heiter- 
keit und gefühlvollen Gemüthlichkeit hinzugeben pflegt, 
kann unmöglich, gleich jenein, dessen Gesicht und Her- 
zen das düstre Gepräge von Verschlossenheit und Melan- 
cholie, von Widerspenstigkeit und Hartsinn, oder von 
Stolz und Uebermuth aufgedrückt ist, in Tücke u. Grau- 
samkeit, in Fluch - Tob - Räch- und Mordsucht versin- 
ken. -- Der vierte Grundzug im Charakter der Slawen 
ist ihre Liebe zur Muttersprache und Eifer für ihre Er- 
haltung und Ausbildung. Niemand erstaune hier und 
wende ein, dass diess nur natürlich und allen Völkern 
gleich gemein sey. Wenn man weiss, welche Bedeu- 
tung Nationalsprachen in Bezug auf die Bildung der Völ- 
ker haben ; und nun bedenkt, dass die slawische Spra- 
che gleich dem gesammten Slawenthum von jeher den 
Angriffen der Fremden, dem Feuer und Schwert aus- 
gesetzt war; dass ganze Stämme von der Ostsee bis zu 
den Karpaten und von da bis zum adriatischen Meer 
hinab durch hundertjährige Kriege und Verfolgungen 
entweder grausam vertilgt oder unmenschlich geschändet 
und verstümmelt worden sind ; dass ferner auch das In- 
nere des östlichen und nordischen Slawenthums in Russ- 
land und Polen die Geissei der Mongolen und des Kriegs 
in hundertjährigem Kampf zerfleischt hat: so wird man 
sich wundern, aber es auch löblich finden, dass es nach 
so vielen Unglücksfällen heutzutage noch eine Zunge 
gibt, die slawische Laute spricht, und dass der Name 
Slawe nicht schon längst als eine Antiquität der Geschichte 
anheim gefallen ist. Je grösser die Verblendung dieser 
bedauernswürdigen Widersacher war, um so kräftiger 
wurzelte die Liebe zur Sprache bei den Slawen. Keine 
Sprache der Erde hatte so viele Feinde, erlitt so viele 
unverdiente Unbillen , musste mit so vielen Hindernis- 
sen kämpfen, verlor so viele Denkmale der geistigen 
Lebens- und Bildungsgeschichte durch Flammen und 
Schwerdt; und doch ging am Ende die muthige Beharr- 
lichkeit der Slawen in den meisten Ländern siegreich 
aus dem Kampfe mit Neid, Hass und Barbarei hervor. 
Als andere Völker das Evangelium annahmen, bequem- 
ten sie sich alle zur Ausübung des Gottesdienstes in 



54 

einer fremden, unverständlichen Sprache ; die einzigen 
Slawen machten hierin, nicht ohne grosse Anstrengun- 
gen , von jeher eine Ausnahme, und priesen Gottes 
Allmacht in ihrer Muttersprache. Ihre Sorgfalt war un- 
ermüdet auf die Bibel gerichtet, die sie, dem grössten 
Theil nach, gleich von ihren ersten Lehrern des Chri- 
stenthums, Kyrill und Method, übersetzt erhielten, und 
bis auf den heutigen Tag als das kostbarste Kleinod mit 
religiöser Scheu und Ehrfurcht bewahren. — Nicht min- 
der wichtig ist im Charakter der Slawen der Zug der 
Verträglichkeit und der Friedensliebe. So weit die äl- 
teste Geschichte dieses Volkes über seinen Ursprung, 
seine Sitten, seine Thaten und Kriege einiges Licht ver- 
breitet, finden wir nirgends bei demselben die Brand- 
male der Roheit, Grausamkeit und viehischen Brutali- 
tät; vielmehr war und ist eine gewisse stille Demuth, 
Milde, Leutseligkeit und Friedfertigkeit sein Eigenthum. 
Gaben gleich die Slawen hie und da glänzende Beweise 
von Tapferkeit und Heldenmut!), so durstete)) sie doch 
nie unaufgefordert nach Blntvergi essen und Verheeren, 
sondern führten die Waffe)), um sich gegen den Ueber- 
muth zu vertheidigen. Wol mögen andere darin ihren 
Ruh))) suchen, wenn sie die Zahl der ermordete)) Für- 
sten und Könige, die Ströme vergossene)) Blutes, die 
Menge verheerter Städte und geplünderter Länder auf- 
zählen können: die Geschichte der Slawen kann dem 
grössten Theil nach nur berichte)), wie viele Völker 
sie im ungestörte)) Genuss des Friedens gelassen, wie 
viele mit den Künsten und Gewerben der Häuslichkeit 
und des Feldbaus beglückt haben. Auch sie kämpften, 
wo es darauf ankam, herzhaft und unerschrocken, und 
kämpfen auch heute noch, aber nicht um andere freie 
Völker in das Joch der Sclaverei und Leibeigenschaft 
zu beugen, nicht um zu morden, zu brennen und zu 
plündern; sondern um sich, ihre Freiheit und Rechte, 
ihren Fürsten und das Vaterland, ihre Religion zu ver- 
theidigen. Aus dieser Eigenschaft, welche den Slawen 
zum wahren Erdbnrger im edlern Sinne des Worts er- 
hebt, lässt sich erklären, warum er nie nach gewaltsa- 
mer Unterjochung, Ausrottung oder Umstempelu ng an- 



55 

derer Nachbarvölker getrachtet, vielmehr sich an die- 
selben enger und zutrauensvoller geschmiegt, als es 
seiner Nationalität unbeschadet hätte geschehen sollen. 
Nichts ist dem Slawen fremder, als Schimpf und Spott über 
andere Nationen; seine Sprache hat nicht einmal Wör- 
ter und Ausdrücke, um lieblos und höhnisch mit anderer 
Völker Namen, Tracht, Sitten und Gebräuchen ein Ge- 
spötte zu treiben. Man gehe, wenn man will, die in 
das Fach der Länder- und Völkerkunde einschlagenden 
slawischen Werke der Russen, Polen, Böhmen u. Serben 
durch, und sehe nach, ob in denselben etwas den wol- 
verdienten Ruhm und die Nationalehre anderer benach- 
barten Völker Beeinträchtigendes vorkommt. Wenn je 
irgend ein Volk unter der Sonne, so ist es gewiss der 
Slawe, der ruhig und friedliebend Unrecht lieber duldet 
als thut, andere lieber schätzt als schimpft, Beleidigun- 
gen lieber vergibt und vergisst als rächt, dem Fürsten 
und der Regierung mit unerschütterlicher Treue ergeben 
ist, und sollte gleich seine Friedensliebe und Demuth 
andere ungestüme, übermüthige Nachbarvölker veran- 
lassen, sich oft harter Bedrückungen gegen ihn schuldig 
zu machen. Denn allerdings gibt es auch heutzutage noch 
viele , die seinen Namen und Ruhm unablässig zu ver- 
dunkeln bemüht sind, leichtsinnige Verläumder u. ge- 
dankenlose Nachschreiber, die bald mit seinen National- 
sitten und Trachten, bald mit seiner Sprache und Cul- 
tur ein schnödes Spiel treiben, verblendete Lästerer, 
von welchen es scheint, als hätten sie diesem grossen 
und grossmüthigen Volk ewigen, blutigen Hass geschwo- 
ren, Undankbare, die uneingedenk, dass sie einst sla- 
wische Milde und Friedensliebe dem Zustande der Wild- 
heit entrissen und in die ruhigen Wohnungen der zah- 
men Geselligkeit eingeführt , statt der rauhen Noma- 
dentracht mit dem gefälligen Gewand der Civilisation und 
milderer Gesittung umgehüllt, ihre verheerenden Schwer- 
ter in nützliche Pflugscharen umgestaltet, und statt zu 
plündern und brennen, Häuser und Städte bauen gelehrt 
hat, uneingedenk, dass sie auch jetzt noch einem gros- 
sen Theile nach slawischer Hände Schweiss und Schwie- 
len ernähren, dieses unschuldsvolle, harmlose, in viel- 



56 

facher Hinsicht unglückliche Volk verachten und drü- 
cken, und zur Schande der Menschheit sich mit dem 
Schimpfworte herumtragen , welches den Slawen bald 
für einen Sclaven, bald für einen Nichtmenschen erklärt. 
Zu diesen Grundzügen im Charakter der Slawen 
gesellen sich die übrigen Eigenschaften, die mit jenen 
vereint und zum Theil durch dieselben begründet das 
Ganze des Charaktergemäldes ausmachen ; ich meine die 
schon oben berührte Gastfreiheit, die selbst bei den nie- 
drigsten Yolksclassen durchgängig herrschende Sittsam- 
keit und Zucht , die Reinlichkeit im Hauswesen, die 
Einfachheit und Gemüthlichkeit ihrer häuslichen oder 
Volksgebräuche, die Ehrerbietung gegen das Alter und 
Verdienst, die Treue in der Freundschaft und Ehe, und 
die ruhige Ergebung in ihr Schicksal, die alle einzeln zu 
beleuchten nicht in den Kreis dieser Untersuchungen 
gehört. — Der Slawe kennt aber auch die Schattenseite 
seines Volkslebens. Diese ist die partielle Brechung und 
Trübung der Charakterstrahlen bei einzelnen Stämmen 
in tausendjährigem Unglück. Es gefiel der göttlichen 
Vorsicht, dieses grosse Volk während der bedeutungs- 
vollen Periode der Völkerwanderung in eine Lage zu 
bringen , in welcher seine wehrlose Friedensliebe an 
dem unbändigen Kraftandrang wilder Horden zu Trüm- 
mern gehen musste. Die Uebermacht dieser Horden ver- 
anlasste die unaufhörliche Verschiebung der Gränzen des 
alten Slawenlandes, diese die immer grössere Zersplit- 
terung des Volks und Vermischung mit andern Nachbar- 
völkern, wodurch es ihm unmöglich ward, zu jener 
scharfen Volkes - Sitten - Sprach- und Landesbegränzung 
zu gelangen, die sein Volksthum durch eine dauerhafte 
Verfassung gesichert hätte. Der Gesellschaftlichkeit unter 
den slawischen Stämmen fehlte es an Einheit; der Baum 
republicanischer Freiheit, den sie unter sich gepflanzt, 
stand ohne Wurzeln, und der Sturm hat ihn umgewor- 
fen. Von dem Meer abgeschnitten, fanden viele slawi- 
sche Stämme bald die Pulsadern ihres Lebens unterbun- 
den, ihre schiffbaren Flüsse verschlossen ; und auf Er- 
schöpfung ohne Mittel der Erhöh] ung folgte bald Schwä- 
che. Das Fremde gewann immer mehr und mehr Ein- 



57 

fluss auf das Einheimische, und lähmte nicht nur von 
oben herab — denn partielle Abtrünnigkeit einzelner 
Grossen thnt, den abgefallenen un- oder überreifen Früch- 
ten gleich, keinen Abbruch dem gesunden, lebenskräf- 
tigen Stamm — sondern vielmehr von unten herauf das 
Mark des Volkes, indem es seine Nationalität, die durch 
nichts ersetzt werden kann, gegen die Stimme der Na- 
tur, gebrochen, getrübt und verwischt hat. So wird die 
Halbheit, die nur einzelnen abgerissenen Zweigen, oder 
auch nur einzelnen Individuen zu Theil geworden, be- 
greiflich und erklärbar. Aber wo der gesundere Theil 
der gefallenen Stämme, das Volk, aus so vielen Stür- 
men und Gefahren mit der Erinnerung an die grossen 
Züge ihres Daseyns die glühendste Liebe zur Sprache, 
ein stolzes Selbstgefühl und sein Volksthum rettete ; da 
kann man noch nicht alles verloren geben. Darum und 
nur im Bezug auf diese Stämme mag Herders Trostspruch 
auch hier seinen Platz finden : „Das Rad der ändernden 
Zeit, sagt er, drehet sich unaufhaltsam ; und da die Sla- 
wen grösstenteils den schönsten Erdstrich Europas be- 
wohnen, wenn er ganz bebauet und der Handel daraus 
eröffnet würde; da es auch wol nicht anders zu denken 
ist, als dass in Europa die Gesetzgebung und Politik statt 
des kriegerischen Geistes immer mehr den stillen Fleiss 
und den ruhigen Verkehr der Völker unter einander be- 
fördern müssen und befördern werden: so werdet auch 
ihr so tief versunkene, einst fleissige und glückliche Völ- 
ker, endlich einmal von eurem langen trägen Schlaf er- 
muntert, eure schönen Gegenden als Eigenthum nutzen, 
und eure alten Feste des ruhigen Fleisses und Handels 
auf ihnen feiern dürfen. 44 

Ueber den Grad der intellectuellen und ästhetischen 
Bildung des slawischen Gesammtvolkes im Allgemeinen 
ein Urtheil zu fällen, ohne ins Detail einzugehen, ist 
unmöglich ; denn es leuchtet Jedermann ein, dass in den 
so weit aus einander liegenden slawischen Ländern und 
bei den verschiedenen Volksclassen hierin die auffallend- 
ste Verschiedenheit und der grösste Contrast, unbescha- 
det der Civilisatiou des Ganzen, statt finden muss. Die 
Natur entzog diesem grossen Volk keines der Talente, 



58 

mit welchen sie andere Erdbewohner ausgestattet hat ; 
und dass diese Talente nicht unbenutzt und vergraben 
liegen, sondern Künste und Gewerbe, Industrie u. Han- 
del bei den meisten Stämmen mannigfach blühen, kann 
wol jeder sehen, der Augen hat, wenn man gleich gerne 
zugesteht, dass dieselben bis jetzt nicht diejenige Stufe 
Her Vollkommenheit erreicht haben, auf welcher sie bei 
einigen andern Nationen Europas stehen. Die Slawen 
haben in allen Fächern und Verhältnissen des cultivir- 
ten Lebens einzelne Männer, als Fürsten und Helden, 
Staatsmänner und Priester , Gelehrte und Künstler, 
Handwerker und Kaufleute , Bauern und Ackersleute 
aufzuweisen, die jenen anderer Länder nicht im minde- 
sten nachstehen ; sollte gleich diese Cultur, den Zeit- und 
Ort umständen nach , noch nicht unter allen Stämmen 
und bei der grossen Masse des Volks auf gleiche Weise 
durchgreifend seyn, oder auf dem Gipfel des Glanzes 
sich befinden. Aber auch diese grosse Masse des Volks 
geniesst überall, selbst in der Türkei, die Früchte der 
christlichen Civilisation; und was im Laufe der neuesten 
Periode für die höhere Civilisation des slawischen Volks 
in Russland, Polen, Preussen und Oesterreich geschah. 
und mit dem rühmlichsten Bestreben noch geschieht, ist 
allbekannt. Die demnach über die Roheit des slawischen 
Volks schreien, bedenken nicht, dass der Stufengang in der 
Ausbildung und das Fortschreiten zum Bessern ein von 
der Natur bezeichneter Weg sey, indem durch die all- 
zuschnelle Civil isirung einer grossen Masse mancher Ring 
in der Kette der gleichmassigen Entwickelung übersprun- 
gen werden müsste, wenn die Bildung einer jeglichen 
Volksciasse nicht gleichen Schritt mit der Vervollkomm- 
nung aller übrigen gehen möchte. Den Massstab zur 
Beurtheilung der geistigen Bildungsstufe einzelner Stäm- 
me wird die lebersicht ihrer Literatur geben. 6 ) 



' Im Allg. — das Specielle gehört in die Literatur einzelner Stam 
mr — vgl, F. Durich bibl. sla?' ]>• 28 39. Dobrowskys Slawin und Slo- 
\\;ink;i a. in. (). Rakowieckts prawda ruska Tli. 1. A. Juttgmanns kdo 
-inj. kdo fcrpj kriwdu? in ./". Presl'a Krok Hft. 3. S. <il 67. ./. Kollar's 
dobr£ wlastnosti oarodu slowansklho, w PeSti <S22. 8. Uebe.r die ösferr. 
Slawen : CA Rohrer'a) Versuch über die Blaw. Bewohner der österr. Mo- 

•• Wien 804. 2. Th. 8. 



59 
§•6. 

Schicksale und Zustand der literarischen Cultur der Slawen 
im Allgemeinen. 

Die slawischen Mundarten sind weder alle zu glei- 
cher Zeit, noch einzelne mit gleichem Glück gebildet und 
angebaut worden. Ueber die Stufe der Geistes- und hie- 
init auch der Sprachbildung der heidnischen Slawen las- 
sen sich nur wenige, mehr oder minder zuverlässige 
Vermuthungen wagen, auf die schon oben verwiesen 
worden ist, und auf die wir unten zurückkommen wer- 
den. Mit der Bekehrung der Slawen zum Christenthumc 
beginnt eine neue Epoche in ihrer Culturgeschichte. 
Die südlichen Slawen waren die ersten, die durch grie- 
chische und italienisch-teutsche Mönche, ungewiss wenn, 
aber gewiss geraume Zeit vor Kyrill und Method, her- 
nach am zweckmässigsten durch diese selbst, in dem 
Christenthume unterrichtet worden sind. Um diese Zeit 
bekamen die Slawen entweder zu allererst, oder doch 
aufs neue, nach dem Verluste ihres indisch-slawischen 
Uralphabets, von Griechenland aus „die göttliche Wol- 
that der Buchstaben, diese Vorbedingung aller Cullur!" 
Der Stern eines neuen geistigen Lebens ging den Slawen 
in Serbien, Bosnien, Bulgarien, Pannonien und Mähren 
auf. Kyrill und Method lasen die Messe in der Landes- 
sprache; und der Dialekt der zwei Brüderapostel, des- 
sen sie sich bei Uebersetzung der h. Bücher bedienten, 
war auf dem Punkte, wie späterhin in Italien der tosca- 
nische und der obersächsische in Teutschland, für im- 
mer zur Büchersprache der Slawen erhoben zu werden, 
und so wenigstens eine geistige Gemeinschaft unter den 
losen Theilen der so weit verbreiteten Nation zu bilden: 
als plötzlich der Zwist der morgen- und abendländischen 
Kirche der Sache eine ganz andere Wendung gab, und 
die schöne Hoffnung vereitelte. Die Böhmen und Polen, 
von Priestern der römischen Kirche zum Christenthume 
bekehrt, nahmen das kyrillische Alphabet nie ganz an, 
sondern erhoben nach und nach ihre eigene Mundart 
zur Schriftsprache, und bedienten sich sofort der lateini- 



60 

sehen Schriftzöge nach eigener, lateinisch - teutonischer 
Combination. Das Kyrillische wurde sogar in Pannonien 
und Dalmatien, dessen Bischof noch bei Lebzeiten Me- 
thods für sein Land eine Abschrift des übersetzten Psal- 
ters nehmen liess, hart bedrängt, und ein Theil dieser, 
von den Verfechtern des Latinismus behaupteten Pro- 
vinzen, nahm, da ihm später die Ausübung des Gottes- 
dienstes in der Landessprache auf vielfaches Dringen be- 
willigt wurde, das glagolitische Alphabet an; während 
sich der andere, bei weitem grössere Theil die lateini- 
schen Charaktere nach beliebiger Combination zur Schrift 
aneignete. Nur Serbien und Russland, wohin Kyrills 
Alphabet und Bibelübersetzung hundert Jahre nach des- 
sen Entstehen verpflanzt wurde , ferner die Moldau, 
Walachei, und ein Theil von Pannonien und Polen, 
blieben dem kyrillischen Alphabet und der altslaw. Kir- 
chensprache getreu. So ward das Anschicken dieser gi- 
gantischen Nation, bei gleicher Religion, gleicher Schrift- 
sprache und — warum nicht auch unter einem einzigen 
Oberhaupte? ein Ganzes zu werden, durch unvorgese- 
hene Stürme zerstört. Aber es folgten ihrer noch andere 
nach Kyrills schöner Morgenröthe. Das eigentliche und 
grösste Unglück für die slawische Nation und ihre schöne 
Sprache war, dass diese friedlichen Acker- und Han- 
delsleute, die im Bewusstseyn ihrer Unschuld vergessen 
hatten auf Kriegsfälle vorzudenken, im Süden von Ma- 
gyaren und Türken, im Westen von Teutschen, und im 
Osten von Mongolen, zwar nicht zu gleicher Zeit, aber 
mit desto gleicherem Erfolge unterjocht wurden, und 
dass nun am Throne und in allen Staatsfunctionen die 
Sprache des ausländischen Siegers herrschte, die arme 
eingeborne aber in die Hütte des leibeigen erklärten Be- 
siegten vertrieben ward l ). 

Nach der Trennung arbeitete nun jeder Stamm iuv 
sich, so gut er konnte, an der Ausbildung der Sprache 
fort; aber vereinzelt, getrennt und einander fremd ge- 
worden durch Religion und politische Verhältnisse. Russ- 
land, durch Kyrills Bibelübersetzung und Liturgie ver- 

') Vgl. B. Kopitar's Gramm, der slaw. Sprache in Krain, Kärnten 
-i. Steiermark, Laibach 808. 8. Ein!. 8. XII. ff. 



61 

anlasst, bediente sich im Schreiben Jahrhunderte lang, 
den Serben gleich, des kyrillischen Kirehendialekts, und 
hat einige schöne Denkmale der frühesten Geistescultur 
aus dem Fache der Theologie, Poesie, Gesetzgebung 
und Geschichte aufzuweisen. Die Literatur der dalma- 
tisch-kroatischen Glagoliten hingegen blieb vom Anfang 
her lediglich auf Religionsbücher beschränkt. Desto mehr, 
da hier die Hemmung geringer war, wurzelten die Kei- 
me einer literarischen Cultur in Polen, und noch früher 
in Böhmen. Dieses bildete seinen Dialekt schon im XIIL 
und XIV, noch mehr aber im XV. Jahrh. zu einem ho- 
hen Grade der Vollkommenheit aus; das XVI. Jahrh. 
war nicht minder der Nationalcultur günstig ; aber mit 
dem darauf folgenden 30jährigen Krieg und den Reli- 
gionsspaltungen verfiel die Cultur in Böhmen gänzlich. 
Polen freuete sich eines schönen Wachsthums der Spra- 
che das ganze XVI. Jahrh. hindurch; es war im eigent- 
lichsten Sinne das goldene Zeitalter der polnischen Li- 
teratur, welches bis in die Mitte der Regierung Sigis- 
munds III. (f 1632) reicht. Mit ihm trat ein Schlum- 
mer ein, der bis August III. (-j- 1763) währte. Die 
Winden in Krain, Kränten und Steiermark fingen zwar 
kurz nach der Reformation an, das Studium der Spra- 
che zu betreiben; aber in den bald darauf erfolgten 
Religionsstürmen erstarb die angefangene Cultur. Eben 
so wenig geschah im Ganzen während der mongolischen 
Periode in Russland, und unter der Herrschaft der Tür- 
ken in Serbien. Erst mit dein Ausgang des XVII. Jahrh. 
fingen die Russen an neben der Kirchensprache auch in 
ihrer Landesmundart Bücher zu schreiben. Und schon 
seit 1700 übertreffen sie in ihrem Bücherwesen die 
Böhmen, nachdem diese bereits 1620 den Sieg den 
Polen gelassen. Seitdem schreitet die Nationalcultur und 
hiemit auch der literarische Sprachenbau in Russland 
glücklich vorwärts. Bei den österreichischen Serben fin- 
gen um 1764 einige patriotische Männer an, der Bil- 
dung der Sprache und des Volks Bahn zu brechen. Die 
etwa hundert Jahre früher auch in literarischer Hinsicht 
fröhlich blühende kleine slawische Republik Ragusa er- 
reichte ihr Ende ; Dalmatien, Kroatien, Slawonien und 



62 

die von Sorben-Wenden bewohnten Lausitzen, woselbst 
sieh zur Zeit der Reformation die Hausmundart zur 
Schriftsprache erhoben, blieben in der neuem u. neue- 
sten Periode so ziemlich arm an Geistespröduoten ; die 
Slowaken in Ungern hingegen, seit der Reformation in 
der Schriftsprache mit den Böhmen vereinigt, genossen 
stets in vollem Maasse die Früchte des Sprachanbaues, 
die ihnen das benachbarte Böhmen dargeboten. 

Allein so gross die Liebe unserer Vorfahren zur 
Sprache war, und so hoch die Werke der Ausbildung 
einzelner Dialekte in früheren glücklichen Jahrhunderten 
gestellt werden mögen ; so waren diese doch immer nur 
Vorbereitungen zu einer höheren Stufe der Nationalcul- 
tur und Nationalliteratur der Slawen: ein regeres gei- 
stiges Leben entwickelt sich bei den meisten slawischen 
Stämmen seit dem Anbruch (\q^ XIX. Jahrb., und es ist 
zu hoffen, dass bei dem dauerhafter als je befestigten 
allgemeinen Frieden in Europa, auch die beglückenden 
Künste der friedlichen Musen fröhlicher als je unter den 
Slawen gedeihen werden. Die grössten literarischen Schä- 
tze besitzen dermalen unstreitig die Russen und Polen, 
auf welche in einiger Entfernung die Böhmen folgen. 
Es gibt kein auf die geistige Civilisalion, der Gesammt- 
masse eines Volks kräftiger einwirkendes Mittel, und 
zugleich kein bleibenderes Denkmal der Ausbildung der 
Sprache, als die Bücher des Cultus, die Bücher der Re- 
ligion. Die Slawen können sich rühmen, die h. Urkun- 
den der christlichen Religion in solchen lebersetzungen 
zu besitzen, die das Wort der Wahrheit seit einer Reihe 
von Jahrhunderten in ursprünglicher Reinheit und ewig 
jugendlicher Frische und Kraft täglich zum Leben wer- 
den lassen. Die Bibelübersetzungen der Russen und Ser- 
ben . der Polen, Böhmen, Winden und Sorben sind 
zugleich eine unerschöpfliche Fundgrube und classisches 
Muster der Sprache desjenigen Stammes, dem eine jede 
derselben angehört. Kein Volk hat so viel Sorgfalt und 
I leiss auf die Reinhaltung und Veredlung dieser göttli- 
chen Wohlthal verwendet, als die Slawen. Nationalpoesie 
i>i anerkannt die erste Bildungsstufe eines zum Bewusst- 
>e\n eines höheren geistigen Lebens erwachten Volkes 



63 

and von der Naturpoesie aus geht der Weg durch ihre 
veredelten Formen in die geheiligten Hallen der stillen, 
ernsten Wissenschaften. Die Naturpoesie ist wol bei 
keinem Volke mehr zu Hause, als bei den Slawen ; 
aber auch die kunstreichem Musen des alten Hellas und 
Rom dürften sich neben ihrem Homer und Horaz so 
manches altern oder neuern slawischen Sängers nicht 
schämen. An die Sprache der Dichtkunst schliesst sich 
unmittelbar, obgleich etwas später , die Sprache der 
Beredsamkeit an. Auch hier dürfte selbst Demosthenes 
und Ciceros hinreissende Suada an Potockis rednerischem 
Genius einen Geistesverwandten finden. Was das erha- 
bene Feld der Volkslehrer, der Forscher und Weisen 
anbelangt , so beut dem Vaterlandssoline die goldene 
Ernte einiger „Vorläufer" so viele der Gaben dar, als 
nöthig ist, des Geistes heisse Sehnsucht zu stillen, ohne 
durch Uebersättigung den Muth, selbst an die Aussaat 
auszugehen, zu verlieren. Theologie , Philologie, Phi- 
losophie, Politik, Rechtskunde , Mathematik , Naturkun- 
de, Medicin und Geschichte sammt ihren Hilfswissen- 
schaften haben im Allgemeinen bei den Slawen in den 
neuesten Zeiten wackere Bearbeiter gefunden 2 j. Ein 
angenehmes Gefühl bemächtigt sich bei der Betrachtung 
der neuesten Epoche in der Nationalcultur der Slawen 



2 ) Es darf nicht unbemerkt gelassen werden, dass bei dem allge- 
meinen Wiedererwachen der slaw. Literatur ein grosser Theil der Schrift- 
steller sein Augenmerk auf den formellen Theil der Sprachbildung, auf 
Grammatiken und Wörterbücher richtet, was für die Zukunft, wenn die 
rege gewordene Masse von Meinungen und Untersuchungen eine festere Ge- 
stalt gewonnen, und der ganze slaw. Sprachschatz in seiner Gediegenheit 
und Reinheit beisammen seyn wird, gewiss nicht ohne grosse Folgen blei- 
ben wird. Nur ist zu wünschen, dass man hiebei des materiellen Theils 
des Sprachanbaues , der durch Wort und Schrift zu befördernden Volks- 
und Nationalbildung nicht vergessen möge. Nie ist die slaw. Philologie mit 
so viel Kritik und Einsicht bearbeitet worden, als in den neuesten Zeiten 
von den Hrn. Dobrowsky, Kopitar, Linde, Bantkie , Siskow, Wostokow 
u. m. a. Hrn. Dobrowskys unsterbliche Verdienste um die slaw. Sprachfor- 
schung haben einer umsichtigem und gründlichem Grammatologie und Le- 
xicologie die Bahn gebrochen ; und zu einem vollständigen Cyclus gram- 
maticarum symphonarum et lexicorum symphonorum gehören, nächst der 
Dobrowskyschen Grammatik für das Altslawische und Böhmische, der Puch- 
mayerschen für das Russische, und der Metelko'schen für das Windische, 
nur noch eine zu erwartende polnische und serbische nach dieser Methode, 
ferner ein vergleichendes Wörterbuch für alle Mundarten* wie es Hrn. 
Lindes vortreffliches Werk für die polnische ist. Wer wird diese grossen 
Erwartungen nach und nach erfüllen? -- 



64 

jeder patriotisch fühlenden Brust. Man kann nicht um- 
hin, zu gestehen, dass die Begeisterung für eine so schö- 
ne und heilige Sache, die wo nicht die Masse der Ein- 
zelstiimme selbst, so doch die vorzüglichem Glieder der- 
selben zum regeren Leben geweckt hat , nach einem 
trüben Morgen dem zwar tapferen, aber friedliebenden 
Volke einen sonnigen Tag bringen wird, einem Volke, 
in dessen ganzem Leben so viele Anklänge des jugend- 
lich - poetischen Griechenthums wieder tönen, und das 
nur noch der Stufe der ästhetischen und wissenschaftli- 
chen Cultur ermangelt, auf der einst die Griechen stan- 
den, um diesen in der Realisirung der Idee eines reinen 
Menschenthums nahe zu kommen. 

Aber wie ungleich sind die das geistige Leben ge- 
staltenden Umstände der Griechen und Slawen! Jeder 
der griechischen Stämme schrieb zwar in seiner Mund- 
art, wie die Slawen, aber alle Stämme gebrauchten ein 
und dasselbe Alphabet, eine und dieselbe Orthographie! — 
Und die Slawen! — Erstlich hat der doppelte Religions- 
ritus (denn die Protestanten folgten der von den katho- 
lischen Slawen gewählten Methode), bei ihnen auch ein 
doppeltes Alphabet festgesetzt, nämlich das kyrillische 
(wovon das glagolitische der katholischen Illyrier nur 
eine unkenntliche Abart ist), und das lateinische. Hierin 
ist einmal, nach menschlicher Wahrscheinlichkeit, nicht 
leicht eine Wiedervereinigung zu hoffen. Aber noch im- 
mer sind diese zwei Haupthälften einzeln ungleich grös- 
ser, als manche andere Nationen Europas, deren Spra- 
che und Literatur doch selbständig blühen. Die lateini- 
sche Hälfte hätte noch den Vortheil vor der kyrillischen, 
dass sie durch Annahme des lateinischen Alphabets, wel- 
ches man das europäische nennen könnte, sich die Com- 
mnnication und Annäherung der übrigen gebildeten Eu- 
ropäer erleichtert. Aber unglücklicherweise geschah diese 
Annahme bei den von jeher politisch getrennten, und 
ausser allem wechselseitigen Verkehr lebenden Zweigen 
der lateinischen Hälfte nur einzeln, ohne gegenseitige 
Nniiznehmung, und folglich mit ungleichförmiger, oft 
gerade entgegengesetzter (z. B. cz Pol. statt q, Croat. 
statt ii, .sc Pol. statt in, Croat. statt c) Comhination 



65 

der lateinischen Buchstaben zur Darstellung der original- 
slawischen Töne; welches macht, dass nun diese Zweige 
eines des andern Bücher nicht lesen können. Das latei- 
nische Alphabet hatte nämlich weniger Schriftzeichen, 
als die slawische Sprache braucht. Was thaten nun die 
Ottfriede der abendländischen Slawen! Diesen fiel es 
nicht ein, dass das lateinische Alphabet zu ihrem Be- 
darf nicht hinreicht; sie kannten die Buchstaben, aber 
nicht den Geist des Alphabets : statt also wie Kyrill 
(denn auch das griechische Alphabet hatte nicht genug 
Zeichen für slawische Laute), für neue Töne auch neue 
Buchstaben zu erfinden, suchten sie durch Aneinander- 
häufung mehrerer einen dritten, von dem Tone jedes 
der so zusammengehäuften Buchstaben wieder verschie- 
denen Ton darzustellen. Dadurch geschah es, dass ganz 
wider den Geist der Buchstabenschrift fast jeder Buch- 
stabe bald diesen, bald jenen Ton vertrat, je nachdem 
er diesen oder jenen Buchstaben zum Nachbar hatte. 
Man könnte sich damit trösten, dass auch die Orthogra- 
phie der Italiener, Teutschen , Franzosen , Engländer 
u. s. w. auf diese Weise entstanden; aber alle diese ha- 
ben bei aller Schwerfälligkeit und Unbehilflichkeit der 
Combination doch wenigstens ein und dasselbe Schrei- 
besystem; während die Slaw T en, wie schon gesagt wor- 
den, in Krain eines, in Dalmatien ein anderes, in Kroa- 
tien ein drittes , in Böhmen ein viertes, in Polen ein 
fünftes und in den Lausitzen ein sechstes haben. Noch 
mehr: in Dalmatien selbst z. B. schreibt ein Dellabella 
auf eine Weise, ein Voltiggi auf eine andere, und noch 
andere wieder anders; dasselbe findet in dem Windi- 
schen bei Bohorizh und P. Marcus statt ; selbst die Sla- 
wonier mischen in Katechismen und andern Schulbü- 
chern ihrer sonst dalmatischen Orthographie unnöthi- 
gerweise kroatische Buchstabenverbindungen bei, und 
schreiben so weder dalmatisch noch kroatisch; die Sor- 
benwenden in der Ober- und Niederlausitz weichen eben- 
falls in einigen Kleinigkeiten von einander ab; und was 
würde man erst von den Böhmen und Polen sagen müs- 
sen, wenn man hier die Schreibart eines Kochanowski, 
Gornicki, Januszowski, Dmochowski, Kopczyriski u. in. a., 
dort die Orthographie eines Hus, Weleslawjna , der 
böhmischen Brüder, Dobrowsky , Tomsa , Hromädko 

5 



66 

ii. a. in. gegen einander halten wollte! Dadurch werden 
Wörter unkenntlich, die nicht nur einerlei sind, son- 
dern auch auf einerlei Art ausgesprochen werden. Diese 
unselige, in der Isolirtheit der ersten Schreibemeister 
gegründete Discordanz ist jedem Slawenfreunde ein Aer- 
gerniss, sie schreckt den lernbegierigen Ausländer ab, 
sie ist das grösste so unglücklicherweise selbstgeschaffene 
Ilindcrniss vereinigter Fortschritte bei der lateinischen 
Hälfte. Die Gelehrten jedes unserer Dialekte klagen aus 
einem Munde über diesen verderblichen Missbranch 3 ). Es 
wird zur Erläuterung des Gesagten nicht undienlich seyn, 
alle slawische Alphabete unter eine Uebersichf zu bringen, 
ohne hiedurch eine erschöpfende Yergleichung der Ortho- 
graphien oder Schreibsysteme aller Dialekte zu beabsich- 
tigen ; denn diese würde ausser dem Parallelismus der blos- 
sen Buchstaben auch die Zusammenstellung der cd in billig- 
ten Consonanten, Diphthongen u. s. w. auf einer und dersel- 
ben Tafel erfordern, so dass mittelst derselben aus allen 
Schreibsystemen in alle übersetzt werden könnte. So eine 
Tafel, die gleichsam den Schlüssel zu einer vergleichenden 
Grammatik der slawischen Gesammtsprache bilden, aber 
auch für das Studium einzelner Dialekte nicht ohne we- 
sentlichen Nutzen seyn würde, bleibt füglich den Sprach- 
werken dieser Art selbst anheimgestellt.*) 

8 ) B. Kopitar's Grammatik S. XX. ff. 

*) In der vorliegenden Tabelle konnten z. B. weder die in der letzten 
Zeit bei den Serben versuchten, aber noch nicht allgemein angenommenen 
neuen Zeichen für die mit dem weichen Jer afficirten Mitlaute (^ für TL u. s. 
w.) noch die, allerdings sehr schwankenden Abweichungen der bei den Sla- 
woniern gangbaren Schreibweise von der dalmatischen u. kroatischen, noch 
endlich die Verschiedenheit der glagolitischen Uncial- und Cursivschrift dar- 
gestellt werden. Auf gleiche Art ist in derselben der numerische Wertb der 
kyrillischen Buchstaben, den man sich Behufs des Lesens altslawischer Hand- 
schriften u. älterer Drucke geläufig machen muss, übergangen worden, der- 
selbe richtet sich nach dem griechischen folgendermassen : a 1, b 2, r 3, ,\ 4. 

6 5, 5 6, %1, h8 ? *9, "10, Sil, £12, r.13, etc. J2Ö, 
™21, S 22, w23, etc., ,730, MO, ,7öO, £60, o<(), h SO, 
£90, JTlOO, c~200, 7300, ?400, * 500, ,7600, y 700, « 800, 

lfdOO, fTlOOO, ^2000, j^FSOOO, etc. Inder Reihe der kyrillischen 

Buchstabe!] Melit s nach>K , » nach T , £J nach N, die übrigen drei ©, ä 
T nach \. — Das auf der böhm.- mähr.- slowakischen Columne angeführte 
moaillirte f gehurt eigentlich den Böhmen un.l Mährern nicht aber den Slo- 
waken an, die es zwar in der Schrift der böhm. Grammatik zifolge zu 
bezeichnen, aber keineswegs auszusprechen pflegen. Auch ist zu bemerken, 
lie Böhmen und Slowaken, den Polen gleich, seit einigen Jahren statt 
der Bchwabacher-Buchstaben schon häufig die gefälligem lateinischen in Schrift 
u. Drink gebrauchen, u. in Zukunft hoffentlich immer mehr gebrauchen werden. 



67 





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69 

Aus dieser Tafel, auf der die bloss dem Altslawi- 
schen eigenen, in dem Neurussischen und Neuserbischen 
nicht gebräuchlichen sechs kyrillischen Buchstaben den 
letzten Platz erhielten, kann man ungefehr die Folge- 
widrigkeit der Bezeichnung eines und desselben Lautes 
in verschiedenen Mundarten abnehmen. Bei so bewand- 
ten Umständen ist es sehr schwer, sich aller Wünsche 
zu enthalten, aber noch ungleich schwerer, einen aus- 
zusprechen. Es ist im Rathe der Vorsehung beschlos- 
sen, dass die Slawen nicht der einstämmigen Palme, son- 
dern der vielästigen , weithinschattenden Eiche gleich, 
in die grösste Mannigfaltigkeit der Verzweigungen auf- 
gelöst, vielgestaltig emporblühen, und Früchte verschie- 
dener Art tragen sollen. Von diesem Standpunct aus 
betrachtet, ist die Vielzweigigkeit des slawischen Volks- 
und Sprachstammes sogar ein Vorzug, der zwar die Ge- 
sammtbildung der Nation um einige Jahrhunderte ver- 
späten kann, aber sie dereinst nur desto schöner, durch 
Verhütung der einseitigen Bildung der Kräfte oder ih- 
rer Richtung nach einem Puncte , zum Ziele führen 
wird. Rastloses Fortschreiten in der Sprach- und Volks- 
bildung der getrennten Stämme, und gegenseitige Be- 
nutzung des vorhandenen gemeinschaftlichen Sprachscha- 
tzes ist wol der nächste Wunsch, den man hegen kann. 
Zunächst an diesen würde sich dann der reihen, der im 
Laufe der Zeit ohne gewaltthätige Reformen zu bewerk- 
stelligenden Vereinfachung und Einigung der latinisiren- 
den und teutonisirenden slawischen Schreibsysteme zwar 
willig die Hände zu bieten; ohne jedoch jetzt schon an 
die Vermittlung des lateinischen und kyrillischen Alpha- 
bets, und Herstellung sowol einer allgemeinen gleich- 
formigen Orthographie, als auch einer gemeinschaftli- 
chen Büchersprache, einer wahren Pasigraphie im zwei- 
fachen Sinne des Worts, zu denken 4 ). Ist es aber dem 
wärmeren Slawisten gestattet, fromme Wünsche unmass- 
geblich auszusprechen, so gestehe ich, dass nach meiner 

4 ) Es ist sonderbar, dass während Grotefend das kyrillische Alpha- 
bet zur Bezeichnung der mannigfaltigen Laute in den orientalischen Spra- 
chen vorschlägt, und Klaproth in s. Asia polyglotta zu diesem Zwecke das 
3K, 111 und l I wirklich aufnimmt , einige slaw. Philologen für die slaw. 
Laute 2K, III. und T l noch immer Zeichen suchen. 



innigen Ueberzeugung das kyrillische Alphabet sich mehr 
zn einer Pasigrapbie für Slawen eigne, als das lateini- 
sche, und dass demnach jenem in dieser Hinsicht der 
Vorzug gebühre« 5 ) 

$• 3. 

Uebersicht einiger Beförderungsmittel der Literatur unter 

den Slawen. 

Zu den vorzüglichsten Beförderungsmitteln der lite- 
rarischen Cultur gehören unstreitig nächst der politischen 
Selbständigkeit und dem auf Industrie und Handel ge- 
gründeten Wolstand des Landes vorzüglich folgende : 
gut eingerichtete Unterrichtsanstalten , ausgezeichnete 
mächtige Freunde und Beförderung der Literatur unter 
den Grossen, Bibliotheken und Museen, gelehrte Gesell- 
schaften und Akademien, literarische und kritische Zeit- 
schriften, Vervollkommnung des Bücherwesens und des 
davon abhängenden literarischen Verkehrs. Eine noch 
so gedrängte geschichtliche Uebersicht aller dieser Beför- 
derungsmittel der literarischen Cultur in den von Sla- 
wen bewohnten Ländern würde ein eigenes Werk er- 
fordern; wir beschränken uns, mit Verweisung hin- 

*J Eine vollständige hist.-kritische Darstellung der Schicksale der 
slaw. Sprache und Literatur nach allen Mundarten ist zur Zeit noch nicht 
vorhanden. Ein solches Riesenwerk erfordert Zeit, Vorarbeiten und Mit- 
wirkung mehrerer Eingeweihten. Etwas ähnliches beabsichtigt Hr. Linde 
durch die Herausgabe der Special-Liter.-Geschichtcn einzelner Dialekte. 
Die Geschichte der russischen, polnischen und böhmischen Literatur haben 
bereits wackere Bearbeiter gefunden; und einen zwar gedrängten^ aber ge- 
haltvollen Umriss der slaw. Gesammtliteratur haben die Hrn. Kopitar und 
Rakowiecki geliefert. — Vgl. J. L. Frisch historiae 1. slavonicae Cont. I. 
de 1. slavonica et russica, Berol. 727. 4. Cont. II. de dialecto Yinidicn, 
ib 729. 4. Cont. III. de dialecto Yenedica, ib. 730. 4. Cont. IV. de dia- 
lecto hoheinica. ib. 734. 4. Cont. V. de lingua polonica, ib. 7ö6. 4. — 
./. /'. Kohl introd. in histor. et rem litter. Slavörum inprimis sacram. Alton. 
720. 8. — J. S. Assemani Kalendaria eccles. uuiversae. lJoniao 756. Voll. 
G. in 4. — A. L. Schlözer allg. nord. Gesch. (der allg. AVelthist. 31r Th.) 
Halle 771. 4. S. 322 — 334. - F. Durich bibl. slav., Vi'ndob. 795. 8. — 
F. K. Alter' s phik - krit. MiseeTlaneen, Wien 799. 8. — J. C. Adelungs 
Mithridates, 2r Th. von ./. S. Vater, Beißn 809. 8. S. 610 — 69G. — J. S. 
Vater Literatur der Grammatiken und Wörterbücher, Berl. 815. 8. — 
./. Dobrowskys Slawin, Trag 808. 8. FJ>. Slpwanka, Prag 814 — 15. 2 Bde. 8. 
( //. Kopitar 8\ Blick auf die slaw. Mundarten, Wien, Allg. Liter. Zeit. 
1831. Aprilh. N. 34. ff. -- ./. />. Rakowiecki prawda ruska, Warsch. 820 — 
22i 2 Bde. l. Bd. II. S. 119 - 316. 



71 

sichtlich der vier ersteren auf die Geschichte der Lite- 
ratur einzelner Stämme und Mundarten, hier bloss die 
letztem, d. i. die Bibliotheken, gelehrten Gesellschaften, 
Zeitschriften und Buchdruckereien, welche in den neue- 
sten Zeiten unter den Slawen vorhanden waren, und auf 
den Gang der Nationalliteratur mehr oder weniger un- 
mittelbar einwirkten, kurz aufzuzählen. 

L Bibliotheken. 

I. In Russland. 1.) Dorpat, Universitätsbibliothek, 
37,000 Bände mit 100 Msc. 2.) Kazan, Universitätsbibl., 
begründet 1804 durch den Ankauf der Bibl. des Staats- 
rats P. Frank. Eine andere Bibl. daselbst besitzt die 
geistliche Akademie. 3.) Moskau, a) Patriarckal- oder 
Synodalbibl., vom Car Alexjej (1645 — 76) gestiftet, 
mit kostbaren slawischen und griechischen Msc. b.) Bibl. 
der Universität. 4.) Nowgorod, die Bibl. bei der So- 
phienkirche. 5.) S. Petersburg, a) kais. off. Bibl., ge- 
gründet durch die ehemalige Zaluskische Bibl. in War- 
schau (1795), und durch die Dobrowskysche Manu- 
scriptensainmlung vermehrt, b) Bibl. in der Eremitage, 
nach Galetti 300,000, nach Hassel 80,000, nach Ebert 
70,000 Bände, vorzüglich merkwürdig durch die her- 
eingekaufte Bibl. von Diderot und Voltaire, c) Bibl. der 
Akademie der Wissenschaften, nach Bisinger 100,000, 
nach Ebert 35,000 Bände und 1,500 Msc. d) Bibl. im 
Alexander Newsky - Kloster mit Msc. 6.) Riga, Stadt- 
bibliothek, 17,000 Bde. mit einigen Msc. 7.) Wilna, Univ. 
Bibl. 50,000 Bände. Ausserdem noch mehrere andere 
Universitäts- Schul- und Klosterbibliotheken im Reiche. 
Unter den PrivatbibL zeichnen sich aus: die Bibl. des 
Reichskanzlers Grafen Rumjancow, 30 — 40,000 Bände, 
in S. Petersburg; die Bibl. des Grafen Th. Tolstoj in 
Moskau, reich an altern Drucken und Msc; die Bibl. 
des Fürsten A. J. Labanow - Rostowsky, erkauft von B. 
v. Wichmann 1817, des Fürsten Jussupow, des Fürsten 
Razumowsky, des Grafen Stroganovv, des Grafen Cere- 
metew u. a. m. II. In Polen und den ehemaligen Pro- 
vinzen Polens. 1.) Danzig, Stadtbibl., eine andere dem 



Gymnasium angehörig. 2.) Krakau, Universitätsbiblio- 
thek, 30,000 Bände, worunter schöne Incunabeln, und 
4,300 Msc. 3.) Krzemieniec in Wolynien, Gymnasial- 
bibl., durch den Ankauf mehrerer Privatsammlungen an- 
sehnlich vermehrt. 4.) Lemberg, Universitätsbibliothek, 
im J. 1786 durch die ehemalige Garellische Bibliothek 
in Wien und in der neuesten Zeit durch die für die pol- 
nische Literatur überaus wichtige Bibl. des Grafen Os- 
solinski in Wien ansehnlich vermehrt. 5.) Posen, Gym- 
nasialbibl. 1822 errichtet; enthält auserwählte polnische 
Werke. 6.) Warschau, a) Universitätsbibl. 150,000 
Bände und 1,500 Msc, erst seit 1796 gestiftet, und be- 
sonders durch mehrere Klosterbibl. vermehrt (1817). 
b) die Bibl. des Lyceum, gestiftet im J. 1804 auf Be- 
trieb des Hrn. Rectors Linde, über 15,000 Bände, wo- 
runter mehrere kostbare polnische Drucke, c) die Bibl. 
des Piaristencollegiums. d) die Bibl. der kön. Gesell- 
schaft der Freunde der Wissenschaften, im J. 1808 durch 
den von dem Fürsten A. Sapieha zum Geschenk erhal- 
tenen Rest von 5,000 Bänden der ehemaligen Sapiehi- 
schen Bibliothek zu Kodno gestiftet, und 1811 dem öf- 
fentlichen Gebrauch frei gestellt, 45,000 Bde. Ausserdem 
mehrere Schul- und Klosterbibliotheken im Lande. Von 
den Privatbibliotheken sind zu nennen: die Bibl. des Für- 
sten Czartoryski in Pulawy, im J. 1821 durch den An- 
kauf der gräfl. Thadd. Czackischen Privatbibl. zu Poryck 
in Wolynien ansehnlich vermehrt, eine der grössten Pri- 
vatbibliotheken in Europa (gegen 80,000 Bände), ent- 
hält eine für die polnische Literatur unschätzbare Fund- 
grube , nämlich alle Handschriften der Privatbibl. des 
Kgs. Stanislaus. Die Sammlungen des K. Kwiatkowski in 
Warschau, des Gr. Rzewuski in Lemb. 20,000 Bde. u. des 
Przemysler Bischofs 50,000 Bde., enthalten sehr schätzbare 
Werke aus der vaterländischen Literatur. III. In Böhmen, 
Mähren und der Slowakei. 1.) Bischofteinitz, Bibl. des da- 
sigen Kapucinerklosters. 2.) Brunn, Bibl. der Hauptpfarr- 
kirche zu S. Jakob, enthält 424 Msc. u. ausserdem an gedr. 
Werken bloss Incunabeln bis zum 1537. Sie ist überaus 
schätzbar. 3.) Olmütz, a) Bibl. (U's Lyceum, über 50,000 
Bde., nebst vielen Msc. cj Bibl. des Metropolitankapitels, 



. 73 

meist Incunabeln und viele sehr alte Msc. 4.) Ossek, 
Bibl. des dasigen Cisterzienser -Klosters, 10,000 Bände 
mit einigen schätzbaren Msc. 5.) Prag, a) Bibl. des Dom- 
kapitels, besteht aus einer altern, schon im XII. Jahrh. 
vorhandenen Sammlung, und aus der vom Pontanus von 
Breitenberg gestifteten pröpstlichen, und wurde 1732 
durch die des Erzb. Mayer vermehrt. Sie enthält zwar 
nur 4,000 Bände gedruckte Bücher, aber sehr wichtige 
Msc. b) Universitäts- oder kais. kön. öffentliche Bibl., 
150,000 Bände mit wichtigen Msc, gestiftet von Karl 
IV. 1370 durch Ankauf der Bibl. des Dechants Wilhelm 
von Hasenburg, 1621 den Jesuiten übergeben, aufs neue 
gebildet 1777 durch die 1560 gestiftete Prager Jesuiten- 
und Cleinentische Bibl., mit welcher zugleich alle übrige 
böhmische Jesuiten-Bibl., die gräfl. Kinskysche Familien- 
Bibl., 1778 die Steplingische, 1781 die Wrzeso witzische 
und Löwische, und 1785 die Bibliotheken anderer auf- 
gehobener böhmischer Klöster vereinigt wurden, c) Bibl. 
der Prämonstratenser Chorherren des Stifts Strahow, 
50,000 Bände mit schönen Incunabeln und mehr als 1,000 
Msc, gestiftet 1665, vermehrt 1775 durch die Klauser- 
sche, und 1781 die Heydelsche, so wie später durch die 
von Rieggersche Sammlung alter classischer Auetoren. 

d) die mit dem 1818 gestifteten böhmischen National- 
Museum verbundene Bücher- und Handschriften-Samm- 
lung. Den Grund zu ihr legte die Familie Kolowrat mit 
der Bibl. des zerstörten Raudnitzer Klosters, Graf Ca- 
spar Sternberg mit seiner grossen, an ausgezeichneten 
Werken reichen Sammlung u. a. m. Sie enthält über 8.000 
Bände, 300 Msc. und prangt bereits mit vielen Schätzen. 

e) die Fürsterzbischöfliche Bibl. auf dem Hradschin, ge- 
gen 6,000 Bände. Ausserdem mehrere Bibl. der Städte 
und Klöster sowol in Böhmen, als in Mähren. Von den 
Privatbibl. nennen wir : die Fürst Lobkowicische Bibl. 
in Prag, die Fürst Dietrichsteinsche Bibl. in Nikolsburg; 
die Fürst Colloredo - Mansfeldische Bibl. in Prag; die 
Bibl. des Gubernial-Secretärs Cerroni in Brunn u. a. m. 
Die Slowakei hat keine öffentliche, für das slawische Fach 
wichtige Bibl. aufzuweisen; doch verdienen bemerkt zu 
werden: l.J die Bibl. des evang. Lyceums in Pressburg, 



74 

wbgMi der durch Vermächtniss an sie gekommenen, an 
schätzbaren böhmischen Drucken reichen Privatbibl. des 
Fred. Institoris-Moschotzy; 2.) die Privatbibl. des Hrn. 
v. Jaiikovics in Pcsth, wegen des Ankaufs der Rybay- 
sclien Sammlung slowakischer Bücher für diesen Zweig 
der slawischen Literatur wichtig. 3.) die Privatbibl. des 
Jim. Palkowic, Canonicus in Gran. 4.) Bibliothek der 
böhm. -slawischen Gesellschaft des Bergdistricts in Schem- 
nitz neu angelegt. IV. In Oesterreich. Die kais. Hof- 
Bibl. in Wien, 300,000 Bände mit kostbaren Incunabeln 
und 12,000 Msc, gestiftet vom Maximilian I. und durch 
zahlreiche Privatbibl. ununterbrochen vermehrt, enthält 
sehr viele, in das Fach der slawichen Literatur ein- 
schlagende, schätzbare gedruckte und handschriftliche 
Werke. V. In Kram. Hier sind zu nennen: 1.) die 
Bibl. des Lyceum in Laibach. 2.) Die Baron Zoisische 
Privatbibl. in Laibach, reich an seltenen slawischen, ins- 
besondere windischen Drucken. VI. In Serbien. Die 
Bücher - Sammlungen der Klöster in Serbien sind uns 
gänzlich unbekannt. — In Ungern u. Slawon. sind 1.) die 
RIosterbibl. in Krusedol, Remete, Opowo, Jazak, Beseno- 
wo, Sisatowac, Kuwezdin, Pribina glawa, und Kakowac. 
2.) die Erzbischöfl. Bibl. in Karlowic, durch die Fürsorge 
Sr. Exe. des Erzb. und Metrop. Steph. v. Stratimirowic 
ansehnlich vermehrt, 3.) die Bibl. der Präparandenschule 
in Sombor, und 4.) die 1819 auf Betrieb der Professoren 
gestiftete Bibl. des Griechisch-Nicht-Unirten Gymnasiums 
zu Neusatz zu nennen. Unter den Privatbibl. ist jene des 
Hrn. Archimandriten 0. Administrators des Karlstädter 
Bisthums, Musicky, u. die des Hrn. v. Tököly in Arad we- 
gen serbischer Drucke, wichtig. — Eine mehr oder min- 
der reiche Ausbeute für slawische Studien liefern im Aus- 
lande die Bibliotheken auf dem Berge Athos, in Korn, Vene- 
dig, Paris, Oxford, Stockholm, Dresden, Nürnberg u. a. m. 

IL Akademien, gelehrte Gesellschaften, Museen. 

I. In Hitssiand. Diejenigen, die einen nähern Be- 
zug auf die slawische Literatur haben, sind ungefehr 



75 

folgende: 1.) die kais. Akademie der Wissenschaften zu 
S. Petersburg, errichtet von Peter dem Grossen 1724, 
eröffnet von Katharina I. 1725, von Katharina II. und 
Alexander I. neu organisirt; sie gibt ein periodisches 
Blatt: S. Peterburgskija wjedomosti, russisch u. teutsch, 
wöchentlich zweimal, fol. heraus. 2.) Die kais. russische 
Akademie zu S. Petersburg für die russische Sprache, 
gestiftet von Katharina II. 1783, gibt heraus: Socinenija 
i perewody, 823. 7 Bde ; Izwjestija rossijskoj Akademii, 
823. 11 Hfte, u. a. m. 3.) Freier russischer Verein (wol- 
noje rossijskoje sobranije) für Sprache, Geschichte, Al- 
terthümer, bei der Moskauer Universität auf Betrieb des 
Curators J. J. Melissino 1771 errichtet, dauerte bis 1785, 
und gab heraus: Opyty trudow, bis 785. 6 Bde. 4.) 
Freie ökonomische Gesellschaft zu S. Petersburg, gestif- 
tet 1765. 5.) Gesellschaft der Freunde der Wissenschaf- 
ten, Literatur und Künste zu S. Petersburg (Obscestwo 
ljubitelej slowesnosti, nauk i chudozestw), gestiftet 1801, 
gegenwärtig unter der Leitung des A. F. Izmajlow, gab 
in den J. 1802 - 803 heraus: Switok Muz, 2 Bde., 
im J. 1812: S. Petersburgskij wjestnik, später durch 
Zeitumstände unterbrochen. 6.) Gesellschaft für russische 
Geschichte und Alterthümer (obscestwo istorii i drew- 
nostej rossijskich) in Moskau, im J. 1804 unter dem 
Präsidenten P. P. Beketow gestiftet, und mit der Mos- 
kauer Hochschule verbunden, gab einen Band: Ruskije 
dostopamjatnosti, heraus, verlor aber durch die fran- 
zösische Invasion viele Erzeugnisse des rühmlichsten 
Fleisses. 7.) Kais. Gesellschaft der Naturforscher (Ob- 
scestwo ispytatelej prirody) im J. 1805. in Moskau un- 
ter der Leitung des Prof. Fischer gestiftet, gab heraus: 
Zapiski obsc. isp. pr., russisch und französisch, M. 809 — 
16. 5 Bde. 8.) Medicinische Gesellschaft in Wilna. 9.) 
Gesellschaft für Heilkunde und Naturwissenschaften in 
Moskau (Obscestwo sorewnowanija wracebnych i fizi- 
ceskich nauk), unter dem Vorsitze des Prof. und Staats- 
rats W. M. Richter. 10.) Gesellschaft der Liebhaber der 
vaterländischen Literatur (Obscestwo ljubitelej otecest- 
wennoj slowesnosti), in Kazan, gestift 1808, gab eine 
Sammlung ihrer Arbeiten 817. 2 Bde. heraus. 11.) Verein 



76 

der Freunde der russischen Sprache (Besjcda ljubitelej 
ruskago slowa), gestift. von G. R. Derzawin und A. 8. 
Siskow, zu S. Petersburg 1810, hörte mit Derzawins 
Tode 1816 auf; die literarischen Früchte dieses Vereines 
erschienen S. P. 1811 — 16. 20 Hfte. 12.) Gesellschaft 
der Freunde der russischen Literatur (Obscestwo ljubi- 
telej rossijskoj slowesnosti), in Moskau mit der Univer- 
sität verbunden, unter dem Vorsitz des Rectors A. A. 
Prokopowic Antonskij , gibt eine gehaltvolle Sammel- 
schrift: Trudy obsc. lj. r. sl. heraus, bis 822. 20 Bde. 
13.) Gesellschaft der Freunde der russischen Literatur, 
bei der Demidower Lehranstalt in Jaroslawl. 14.) Ge- 
sellschaft der Wissenschaften (Obscestwo nauk) an der 
Universität in Charkow, gab 815. einen Band ihrer Ar- 
beiten heraus. 16.) Freie Gesellschaft der Freunde der 
russischen Literatur (Wolnoje obscestwo ljubitelej ros- 
sijskoj slowesnosti), gestift. im J. 1816 zu S. Petersburg, 
deren Präsident jetzt Th. N. Glinka ist, gibt eine Zeit- 
schrift: Sorewnowatelj proswjescenija i blagotworenija, 
seit 818. in 8. heraus. 16.) Kais. Gesellschaft für die ge- 
sammte Mineralogie in S. Petersburg, gestift. 1818, de- 
ren Direct. der Coli. Rath L. J. Pansner ist. 17.) Phar- 
maceutische Gesellschaft in S. Petersburg, gestift. eben- 
falls 1818; ihr Präsident ist der Staatsrath A. J. Scherer. 
18.) Gesellschaft für Schulen nach der Methode des wech- 
selseitigen Unterrichts, gestift. 1819, steht unter der 
Leitung des Grafen Th. P. Tolstoj. 19.) Die russische 
Bibelgesellschaft, gestift. 1813 zu S. Petersburg, bestand 
1820 aus 53 Sectionen und 145 Filialvereinen, und hatte 
bis dahin an 430,000 Bibeln und N. Testamente in 26 
Sprachen, vorzüglich der slawischen, gedruckt und ver- 
teilt. II. In Polen. 1.) Kon. Gesellschaft der Freunde 
der Wissenschaften (Towarzystwo krölewskie przyiaciol 
nauk) in Warschau, gestift. 1801, vom Kais. Alexan- 
der I. bestätigt 1815, gibt ein Jahrbuch: Roczniki tow. 
kröl. prz. nauk, bis 821. ... Bde. heraus. 2.) Gesell- 
schaft der Wissenschaften in Krakau (Towarzystwo 
nuukowe s universitetem Krakowskim polaczone) gestift. 
1815 und mit der Krakauer Universität verbunden, 
gibt ebenfalls ein Jahrbuch: Roczniki tow. nauk., Kra- 



77 

kau bis 824. 9 Bde. heraus. 3.) Kön. Gesellschaft für 
den Ackerbau in Warschau (Towarzystwo kröl. rolnicze 
Warszawskie), gibt eine periodische Schrift: Dziennik 
tow. kröl. roln. Warsz. heraus. III. In Böhmen und 
der Slowakei l.)Die Gesellschaft der Wissenschaften in 
Prag unter Maria Theresia auf Borns Antrag als Privat- 
verein für Natur- und Vaterlandskunde gestiftet, und von 
Joseph IL zu einer öffentlichen böhmischen Gesellschaft 
der Wissenschaften erhoben , obwol von einer mehr 
universell wissenschaftlichen, als rein nationellen Ten- 
denz (die schönen Wissenschaften und Künste sind von 
ihr ganz ausgeschlossen), hat durch vortreffliche Arbei- 
ten einzelner Glieder die slawische, vorzüglich aber die 
böhmische Geschichte und Literatur wahrhaft bereichert. 
2.) Das böhmische National-Museum seit 1818 bezweckt 
die Aufstellung alles Ausgezeich neten in vaterländischer 
Wissenschaft und Kunst, und Alles Merkwürdigen, was 
Natur und menschliche Kunst und Gewerbfleiss in Böh- 
men hervorgebracht haben , zu möglichster Gemeinnü- 
tzigmachung , Beförderung der Cultur , Wissenschaft, 
Industrie und Vaterlandskenntniss. 3.) Das Institut der 
höhmisch-slowakischen Sprache und Literatur in Press- 
burg (Institut reci a literatury cesko-slowenske), ver- 
bunden mit einer böhmisch-slowakischen Lehrkanzel an 
dem evangelischen Lyceum daselbst, gestift. 1803, ging 
nach einem Jahrzehend ein. 4.) Der Verein für die slo- 
wakische Literatur, errichtet durch die Hrn. Lowich 
und Tablic ums J. 1812. 

III Jahrbücher, Journale, Zeitungen. 

I. Russische. Im J. 1824 erschienen in Russland 
folgende periodische Blätter in der Landessprache. 1.) 
Wjestnik Europy (der europ. Bote), von M. Kacenowsky, 
Moskau 24 Hfte. 2.) Istoriceskij, statisticeskij i geogra- 
ficeskij zumal, ili sowremennaja istorija swjeta, M. 12 
Hfte. 3.) Nowyj magazin jestestwennoj istorij, fiziki, 
chimii i w 7 sjech ekonomiceskich swjedenij, von J. Dwi- 
gubskij, 12 Hfte, 4.) Syn otecestwa, istoriceskij, poli- 
ticeskij i literaturnyj zumal, von N. Grec, S. Petersburg 



78 

52 Hfte, 5.) Literaiumyja pribawlenija k synu otecestwa, 
von eb., eb. 26 Hfte. 6.) Djestkij Muzeum, 12 Hfte. 7.) 
Zumal dlja djctej, S. P. 12 Hfte. 8.) Sjewernyj archiw, 
zurnal istorii, statistiki i putesestwii, von Th. W. Bul- 
garin, 24 Hfte; damit verbunden 9.) Literaturnyja listy, 
12 Lief. 10.) Blagonamjerennyj , literaturnyj zurnal, 
von A. E. Izmajlow, S. P. 24 Hfte. 11.) Sibirskij wje- 
stnik, von G. Spasskij, S. P. 24 Hfte. 12.) Sorewno- 
watelj proswjescenija i blagotworenija, herausg. von der 
S. Petersburger freien Gesellsch. der Freunde der russ. 
Liter. S. P. 12 Hfte. 13.) Otecestwennyja zapiski, von 
P. Swinin, 12 Hfte. 14.) Zurnal izjascnych iskustw, 
von W. Grigorowic, 6 Bde. 15.) Ukazatelj odkrytij po 
fizikje, chimii, jestestwennoj istorii i technologii, von 
Prof. N. Sceglovv in S. P. 6 Bde. 16.) Zurnal impera- 
torskago celowjekoljubiwago obscestwa, S. P. 12 Hfte. 
17.) Zurnal departainenta narodnago proswjescenija, 8. 
P. 12 Hfte. 18.) Christianskoje ctenije, von der S. P. 
geistliclien Akademie, 12 Hfte. 19.) Damskij zurnal, 
vom Fürsten 8alikow, M. 24 Hfte. 20.) Ucenyj i lite- 
raturnyj zurnal ross. imperii po casti putej soobscenija, 
russ. und franz., S. P. 12 Hfte. 21.) 8. Petersburgskija 
wjedomosti, russ. und teutsch, 8. P. 2mal wöchentlicli. 
22.) Moskowskija wjedomosti, u. m. a. Hieher gehören, 
ausser den von uns aus Mangel an Kunde übergangenen, 
in Charkow, Kazan u. s. w. erscheinenden Zeitblättern, 
die schon oben angeführten Denk- und 8ammelschriften 
der russ. Akademie und der gelehrten Gesellschaften. 
II. Polnische. Im J. 1822 erschienen folgende polnische 
periodische Blätter: 1.) Roczniki towarzystwa krölew. 
przyiacioi nauk, in Warschau. 2.) Dziennik towarzystwa 
kröl. rolniezego, eb. 3.) Pamietnik Warszawski, czyli 
dziennik nauk i umieietnösci, 12 Hfte. 4) Pamietnik 
naukowy, eb. 5.) Tygodnik polski i zagraniczny, eb. 
6.) Izis polska, eb. 7.) Gazeta Warszawska, eb. wö- 
chentlich 2mal. 8.) Gazeta korrespondenta Warszawskicgo 
i ziigranicznego, eb. wöchentlich 2mal. 9.) Dziennik Wi- 
lcnski, 12 Hfte. 10.) Tygodnik Wilcnski, von A. Kol- 
kowski. 11.) Pamietnik farmaceuticzny Wilcnski, 4 Bde. 
12.) Dzieie dobroczynnosci, Wilna 12 Hfte. 13.) Wia- 



79 

doniosci Brukowe, eb. 14.) Kuryer Litewski, eb. wö- 
chentlich 2mal. 15.) Roczniki towarzystwa naukowego 
s universitetem Krakowskim polaczonego , in Krakau, 
16.) Pszczola Krakowska, eb. 17.) Gazeta Krakowska, 
eb. 18.) Miesiecznik Polocki, in Polock. 19.) Gazeta 
Poznariska, in Posen. 20.) Pszczola polska, eine Fortse- 
tzung des Pamietnik Lwowski, in Leuiberg. 21.) Gazeta 
Lwowska, eb. mit einer Beilage ; Rozrnaitosci, Man- 
nigfaltigkeiten. Mehrere von diesen Zeitblättern haben 
in den letzten Jahren wol aufgehört, dahingegen sind 
auch andere an ihre Stelle getreten, die wir aus Mangel 
an Nachrichten nicht anführen konnten. III. Böhmische. 
1 .) Krok, spis wsenaucny, von Prof. J. S. Presl in Prag, 
in zwanglosen Heften. 2.) Hlasatel cesky, von K. Rath 
und Prof. J. Negedly eb. in zwanglosen Heften. 3.) Ce- 
choslaw, literarischen Inhalts, zugleich mit einem poli- 
tischen Blatt, von W. R. Kramerius eb. 4.) Wlastensky 
zwestowatel, politischen und literarischen Inhalts, redi- 
girt von J. Linda eb. 5.) Hyllos, von J. Hybl eb. 6.) 
Dobroslaw, von Dr. J. L. Ziegler, redigirt in Königin- 
grätz, gedruckt in Prag, hörte mit dem 12ten Hefte 
auf, und an seine Stelle trat: Prjtel mlädeze, eine pä- 
dagogische Zeitschrift, von eb. IV. Serbische. Die Ser- 
bische politische Zeitung, redigirt von D. Dawidowic in 
Wien, hörte mit dem J. 1822 auf. Ebenderselbe gab 
1817 — 21 einen serbischen Ahnaiiach : Zabawnik, 
heraus. Im J. 1824 fing Prof. G. Magarasewic in Neu- 
satz an im Vereine mit mehreren Gelehrten ein serbi- 
sches Jahrbuch: Ljetopis srbska, streng literarischen In- 
halts, mit besonderer Beziehung auf die Slawen, in 
zwanglosen Heften herauszugeben, 825. Ofen, Univers. 
Buchdr. 3 Hfte. 8. 

IV. Buchdruckereien. 

Da es nicht unser Zweck ist, hier eine detail lirte 
Geschichte der slawischen Buchdruckereien zu liefern, 
so wollen wir, mit Versparung der Nachrichten über 
die ältesten slawischen Drucke für die specielle Geschichte 
der Literatur eines jeden Dialekts, nur diejenigen Orte 



80 

namentlich anführen, welche in den drei letzten Decert- 
nien slawische Drucke geliefert haben. — Im europäischen 
Russland gab es in dem letzten Decennium 39 russische 
Buchdruckereien, und zwar in S. Petersburg 15, in Mos- 
kau 9, in Wilna 5, in Riga 4, in Reval 2, in Dorpat 
2, in Charkow 2; ausserdem wurde russisch gedruckt 
in Kazan und Warschau, und im Auslande in Leipzig 
und Prag. — Polnische Druckereien waren im Gange 
in Warschau, Wilna, Breslau, Krakau, Lemberg, Po- 
sen, Kalisz, Przemysl, Krzemieniec, Czestochowa, Ln- 
blin, Brieg, Danzig u. m. a., im Auslande wurde pol- 
nisch gedruckt in S. Petersburg, Leipzig, Königsberg 
u. s. w. — Böhmisch-mährisch-slowakische Buchdru- 
ckereien gab es in dieser Periode in Prag, Königingrätz, 
Pilsen, Pjsek, Brunn, Pressburg, Pesth, Ofen, Neu- 
sohl, Waitzen , Skalic , Tyrnau , Leutschau (jetzt in 
Rosenau) u. m. a.; ausserdem wurde böhmisch gedruckt 
in Wien, und im Auslande in Berlin. — Serbische Buch- 
druckereien waren in Wien (des D. Dawidowic, über- 
ging 1823 käuflich an M. Ch. Adolph in Rotz, und bei 
den PP. Armeniern) und Venedig (scheint jetzt einge- 
gangen zu seyn), ferner in Ofen (Univers. Buchdruck.); 
ausserdem wurde mit kyrillischer Schrift gedruckt in 
Lemberg. — Von den übrigen Slaweu hatten die Sor- 
benwenden Druckereien in Bautzen, Kotbus und Löbau; 
die Winden in Laibach, Grätz, Klagenfurt, Triest; die 
Kroaten in Ofen und Agram; die Slawoniten in Ofen 
und Essek; die Dalmatiner in Venedig und Ragusa. — 
Eine glagolitische Buclidruckerei befindet sich gegenwär- 
tig nur in Rom bei der Propaganda. — Die unter der 
ßotmässigkeit der Türken stehenden Slawen, die näch- 
sten Land- und Sprachverwandten Kyrills und Erben 
seiner Lehre und Schrift, haben demnach allein keine 
einzige Druckerei aufzuweisen. *) 

*) Es wäre hier der schicklichste Ort, etwas über den wolthätigen 
Einfluss des slaw. Buchhandels auf die Literatur, der sich in schnellerer 
Verbreitung der Bücher und Austauschung literarischer Ideen, in geringe- 
ren und ftxirten Preisen der Bücher, und in Belohnung des Talents und 
gelehrten Fleisses durch die in Teutschland, Frankreich und England ein- 
geführten Honorarien zeigen sollte, zu sagen, wenn derselbe nicht im .). 
1825 wie 1806 noch ein reines Non ens wäre, worüber sich höchstens des 
Hrn. Jungmann pium desiderium wiederholen lässt: ,.Deyz Buh, aby zlep- 
Jieno l>ulo .«loweruike knihkupcctv'j, nad in>z ive sivttt nie nenj daremnig- 

sjh<>." ' jih.s. ftesk. l'806. Tl). 111. s. :;;>:;. 



Erster Theil. 
Südöstliche Slawen. 

Erster Abschnitt 

Geschichte der altslawischen Kirchensprache und Literatur. 

§. 8. 
Charakter der altslawischen Kirchensprache. 

Der Ursprung der Sprache eines Volks ist, wie der 
Ursprung des Volkes selbst, gewöhnlich mit einem undurch- 
dringlichen Schleier bedeckt. Man kann ohne Bedenken 
zugeben, dass die slawische Sprache im urgrauen Alter- 
thum, wohin keine Geschichte reicht, nur eine war, aus 
der sich im Verfolge der Zeit die jetzt bestehenden Dia- 
lekte gebildet haben; allein ist dadurch der Ursprung 
irgend eines der letztern begründet, seine Entstehungs- 
art erklärt, sein Verhältniss zu der Stammsprache fest- 
gestellt? Man fühlt sich ganz vorzüglich in einen Strom 
von Meinungen, Zweifeln, Hypothesen und Behauptun- 
gen unwillkührlich hineingezogen, wenn man mit Auf- 
merksamkeit dem Ursprung derjenigen slawischen Mund- 
art, die zeither unter der Benennung der altslaprischen 
oder der Kirchensprache bekannt ist, nachspürt, und 
ihre Schicksale verfolgt. Gleichwol ist es unumgänglich 
nothwendig, sich mit dieser ehrwürdigen, vom Heili- 
genschein umstrahlten Mutter, bevor man das Gebiet 
der übrigen Slawinen betritt, genauer bekannt zu ma- 

6 



82 

chen. Denn sie ist es, welche ihres hohen Alterthums 
und innerer Vorzüge wegen für jeden Sprachforscher in- 
teressant, für den Slawisten aber dreifach und vierfach 
wichtig ist, und in den neuesten Zeiten mit Recht den 
Grundstein der gesamniten slawischen Sprachkritik und 
Philologie bildet. „Unter allen neuen Sprachen, sagt 
der grosse Geschichtsforscher und Sprachkenner, Schlö- 
zer (Nestor III. 224.), ist die slawonische {altslawi- 
sche) eine der aus gebildetsten (ihr Reichthum und an- 
dere Vorzüge gehen mich hier nichts an); wie sie dazu 
gekommen sey, wird aus dem Gange ihrer Cultur er- 
klärlich. Ihr Vorbild war die griechische Sprache, die 
ausgebildetste der damaligen Welt, wenn gleich Kedren 
nicht mehr wie Xenophon schrieb; und dieser ihre Ei- 
gentümlichkeiten und Schönheiten aufzunehmen , war 
sie, die slawonische Sprache, ganz besonders fähig. Da 
die Uebersetzer meist wörtlich übersetzten, nicht wie 
Kaedmon der Angelsachse, und der Teutsche Ottfried, 
poetisch metaphrasirten ; so mussten sie, sie mochten 
wollen oder nicht, ihre Sprache beugen, sie geschmei- 
dig machen, auf neue Wendungen sinnen, um das Ur- 
bild getreu nachzubilden u. s. w. Unter allen neueren 
Sprachen ist die slawonische zweitens am allerfrühesten 
zur Ausbildung gekommen. Wie sah es im XIII. XIV. 
Säe. mit dem Teutschen, Französischen, Englischen u. 
s. w. aus? Das frühe Voreilen der Russen hierin bewirkte 
ein Zusammenfluss glücklicher Umstände. Das Ueberse- 
tzen aus dem gebildeten Griechischen ging Jahrhunderte 
lang ununterbrochen fort; der Gottesdienst ward in der 
Landessprache gehalten; alle Chroniken, alle Urkunden 
wurden in der Landessprache (nicht lateinisch, wie im 
ganzen übrigen Europa) gefertigt. Wie sehr wir Teut- 
sche namentlich uns verspätet haben (denn wirklich 
schreiben wir erst seit 70 Jahren gebildetes Teutsch ; 
das haben wir meist durch Uebersetzen aus dem Fran- 
zösischen und Englischen gewonnen), fühle ich lebhaft, 
wenn ich eine russische Legende, etwa aus dem XIV. 
Säe, und dann eine teutsche Postille, gedruckt im J. 
1074, hintereinander lese (wobei ich vom possierlichen 
Inhalt der erstem ganz abstrahire, und beide nur im 



83 

Styl vergleiche). Dort finde ich Ordnung im Vortrag, 
geschlossene Perioden, Incident-Sätze durch lOlei Par- 
ticipien an einander gereihet, sonore Kraft- und Pracht- 
wörter u. s. w. 5 und nun dagegen der ärmliche teutsche 
Postillant , den damaligen Regensburger Canzlei-Mann 
nicht zu vergessen !" Mit Recht blickt demnach jeder 
Slawist auf sie, als auf eine Pyramide der Sprachbil- 
dung seiner Vorfahren, an der er die eigene Kraft 
durch fleissiges Studium zum fruchtbaren Bearbeiten der 
Hausmundart gross ziehen kann, freudig zurück. Aus- 
gebildet und der fernem Ausbildung , oder richtiger, 
nach mancherlei Entstellung der Wiederherstellung in 
ihrer ursprünglichen Reinheit fähig, reich an Wurzel- 
wörtern und Wortformen, ausgezeichnet durch männli- 
chen Klang, von fremdartigem Wortschlag und auslän- 
discher Farbengebung unter allen Slawinen am meisten 
frei, hat sie zwar einerseits im Strom der Zeiten durch 
ihr Zurücktreten aus dem geselligen Leben (denn ge- 
sprochen wird sie nirgends mehr, aber eine todte Spra- 
che in dem gewöhnlichen Sinne ist sie auch nicht), an 
äusserer Leichtigkeit und Geschmeidigkeit verloren, an- 
dererseits aber durch den religiösen Gebrauch an inne- 
rem Ansehen und Würde doppelt gewonnen. 

Ihre Verwandtschaft mit den übrigen südöstlichen 
Mundarten, so wie ihr Unterschied von denselben, er- 
hellet schon aus folgenden wenigen Kennzeichen : 
Altslawisch. Russisch. Serbisch. Kroat. Windisch. 



1. 


rof>a 




ropa l.hora 


ropa 




gora 


gora 


2. 


6cMh 




eCMB 




ecaMB (caML)jeszem (szem) 


fim 




Gen 




ecH 




ecn { 


Ich) 


szi 


fi 




6cTb 




ecinL 




ecm 


(e) 


jeszt (je) 


je 


3. 


»? 




a 




a 




ja 


jest (jes) 




TU 




mBi 




nm 




ti 


ti 




OH 




OH 




OH 




on 


on 


4. 


TI, TOH 




moni 




man 




ta (te) 


ta 




T», TÄÄ 




ma 




ma 




ta 


ta 




TO, T06 




mo 




mo 




to 


to 


5. 


• mh, -aa, 


-06 


lih, -aa, 


-oe 


-Hfl, 


-a, -o 


-, -a, -o 


-, -a, o 




-aro) -hui 


-areo 


aro-ol-aro, 


ora-e-ora, 


oga-e-oga, 


iga -e -iga 




Z. B. CBATfclfi 


u, s. w. 













6* 



84 



1 '». i|i : iioifi 


HO*IL HOIIIL 


noch 


nözh 


,\i|in 


ji;0Mr, Kiiii>M(Kmi»epi))kchi (kcherj 


hzhi(hzher) 


IHAB 


maBOAi, imiraBALe 


schav 


fhavje 


7. x. c»\ 


cyxLTfi cyß 


szuh 


iuh 


rp*,v 


ropox rpa 


grab. 


gräh 


oy,vo 


yxo yBO 


vuho 


vuhö 


8. ;\: nenerti» 


neneA neneo 


pepel 


pepel 


ELIA 


6hA 6tjo 


bil 


bil 


9. ti : iiociitii 


HOCIiniL HOCHIHH 


nosziti 


nofiti 


10. Gähn 


ojthh e^aii 


jeden 


eden 


6S6N 


0Aen eAeH 


jelen 


jelen 


1 Kbi;: Ki^Kiiniv B03jn3HHyy3jrHrHy 


zdisem (uz-) 


vzdignem 


12./TLCKJI 


jjocKa flacua 


deszka (daszkajdefka 


ÄW 


ÄOAr r \yv 


düg 


dovg (dolgy 


13.aTpa 


ne i ieHt 3KHrepHn;a 


jetra 


jetra 


CKfmil.il 


bhckm cAeue omi 


szlepe oclii 


fenzi 


Allein 


über nichts in der 


slawischen Literatur wa- 



ren die Meinungen der Gelehrten von jeher so getheilt, 
als gerade über diese Sprache der kyrillischen Bibelüber- 
setzung und der Liturgie aller Slawen des griechischen 
Ritus, namentlich der Russen und Serben. Die älteste 
und bis auf die neuesten Zeiten gewöhnlichste Meinung 
ist wol die, dass diess die Sprache sey, in welcher Ky- 
rill und Method in der zweiten Hälfte des IX. Jahrb. die 
Bibel übersetzt, die Liturgie eingerichtet und das Volk 
unterrichtet haben, und dass sie dem Ursprung nach 
demjenigen slawischen Stamme angehöre, in dessen Mitte 
Kyrill und sein Bruder zuerst das Bekehrungswerk be- 
trieben, und folglich auch dessen Sprache bei der Ue- 
bersetzung der liturgischen Bücher angewendet haben. 
Erst in den neuesten Zeiten hat man versucht, den Ur- 
sprung des Altslawischen und sein Verhältnis^ zu den 
übrigen Dialekten näher zu bestimmen; wobei eine grosse 
Anzahl , Hypothesen von Gelehrten und Sprachforschern 
aufgestellt worden ist, ohne dass eben dadurch, wie es 
scheint, die Sache bis jetzt ganz ins Reine gebracht wor- 
den wäre. Da indess alle diese Meinungen entweder auf 
grammatische Erforschung der Sprache, oder auf histori- 
sche Beleuchtung der Bekehrung der Slawen durch Ky- 
rillus und Mcthodius gestützt sind, und letztere notwen- 
dig der erstem vorangehen muss, so wollen wir zuvor- 



85 

derst die Ergebnisse der neuesten Forschungen über der 
letztgenannten zwei Slawen - Apostel Bekehrungswerk 
kurz zusammenfassen. 

§. 9. 

Kyrills und Methods Herkunft, Beruf und Mission. 

Ausser den frühern Bearbeitern der Lebens- und Be- 
kehrungsgeschichte Kyrills u. Methods, worunter Dobner 
uud Stredowsky als fleissige Sammler zu nennen sind, 
haben sich um diesen Zweig des slawischen Geschichts- 
studiums vorzüglich Schlözer und Dobrowsky verdient 
gemacht. Nach des letztern neuester Prüfung und Zu- 
sammenstellung aller altern und spätem Berichte über 
die zwei Brüder-Apostel ergibt sich über dieselben un- 
gefehr folgendes *) : 

Kyrill und Method waren aus Thessalonich gebür- 
tig, und zwar aus einem adeligen Geschlecht, wie diess 
die ältesten Legenden bezeugen. Constantin, welcher 
später in Rom den Namen Kyrill annahm, ward seiner 
Geistesfähigkeit und Gelehrsamkeit wegen Philosoph ge- 
nannt. Von seiner Sprachkenntniss reden mehrere. Sla- 
wisch hatte er wahrscheinlich zu Hause, zu Thessalo- 
nich, gelernt: denn in Macedonien wohnten bereits seit 
Jahrhunderten Slawen, (Bulgaren oder Serben? — diess 
ist, worauf alles ankommt, und was man bis jetzt un- 
berücksichtigt und unerörtert gelassen), und Thessalo- 
nich, noch jetzt eine berühmte Handelsstadt, war zu 
der Römer Zeiten die Hauptstadt Macedohiens, wo der 
Handel mehrere Sprachen, darunter auch die slawische, 
in Gang gebracht haben mag, so dass dortige Gelehrte 
zur Kenntniss des slawischen Sprache leicht kommen 
konnten. Chasarisch lernte Kyrill erst zu Cherson. Das 
Armenische war ihm gewiss nicht unbekannt, da er ei- 
nige Buchstaben aus dem Armenischen in das slawische 
Alphabet aufnahm. Bei reiferem Alter führen ihn seine 
Eltern in die Kaiserstadt, wo er Priester geworden. 
Method scheint in den Mönchsorden getreten zu seyn. 

*) Der Rec. von Hrn. Dobrowskys Kyrill u. Method in den Wien. 
Jahrb. d. Lit. 1824. erklärt die päpstl. Briefe an Method u. die mährischen 
Fürsten für unecht, und zieht Methods Weihe zum Bischof von Mähren u. 
Pannonien in Zweifel. 



86 

Es kommt eine Gesandtschaft von Chasaren unter Ks. 
Michael nach Constantinopel. Sie bitten um einen christ- 
lichen Lehrer. Constantin wird seiner Beredsamkeit we- 
gen zu dieser Mission bestimmt. Er geht dahin ab, und 
lernt zu Cherson, wo er sich einige Zeit aufhält, chasa- 
risch. Hier hatte er das Glück, den Körper des heil. 
Clemens zu entdecken. Er geht nun in das Chasaren- 
land, das er ganz bekehrt haben soll, obgleich noch 
lange nach ihm der grösste Theil keine Christen waren. 
Nach seiner Zurückkunft von der chasarischen Mission 
schickt der mährische Fürst Rastislaw zwischen 861 — 
863 seine Gesandten an Ks. Michael, und bittet sich ei- 
nen Lehrer aus, von dem sein Volk lesen lernen, und 
in dem christlichen Gesetze vollkommener unterrichtet 
werden könnte. So nach einer Legende, die die Bekeh- 
rung der Bulgaren ganz übergeht .; allein wenn auch die 
Gesandtschaft aus Mähren an Ks. Michael nicht etwa eine 
blosse Ausschmückung seyn sollte, so ist doch aus an- 
dern Berichten mehr als wahrscheinlich, dass Constantin 
und Method vor ihrer Abreise nach Mähren an der Be- 
kehrung der Bulgaren arbeiteten. Um sich mehr Eingang 
zu verschaffen , erfand Constantin, wo nicht schon zu 
Constantinopel, doch gewiss in der Bulgarei, die sla wo- 
nische Schrift, und übersetzte das Evangelium u. s. w. 
Die Einführung des slawischen Gottesdienstes musste na- 
türlich auch bei andern slawischen, schon eher getauften 
Völkern den Wunsch erregen, solche Lehrer zu erhal- 
ten. Diess gab Anlass, sie nach Mähren einzuladen, es 
möge nun durch eine Gesandtschaft an Ks. Michael, oder 
auf eine andere Art geschehen seyn. Nun gehen Con- 
stantin und Method 863 nach Mähren. Man nimmt sie 
mit Freuden auf. Vier und ein halbes Jahr bleiben sie 
daselbst, predigen und richten den Gottesdienst in sla- 
wischer Sprache ein. Sie werden endlich vom Papste 
Nicolaus 86? nach Korn beschieden. Sie treten nun die 
UH.se nach Rom an, finden aber den Papst Nicolaus todt; 
er st. am 13. Nov. 867 und am 14. Dec. folgte ihm 
Adrian. Als dieser vernommen, dass Constantin die Re- 
liquien des h. Clemens mitführte, ging er ihnen vor die 
Stadt mit der Clerisei und dem Volke entgegen. Beide 



87 

Brüder werden nun gleichsam aus Dankbarkeit zu Bi- 
schöfen geweiht, ihre Schüler aber, die sie mit sich 
nahmen, zu Priestern und Diakonen. Kyrill empfing die 
bischöfliche Weihe, nahm aber das ihm bestimmte Bis- 
thurn nicht an. Er hatte ein Vorgefühl seines nahen En- 
des. Mit Erlaubniss des Papstes nimmt er den Namen 
Kyrill an, und nach vierzig Tagen stirbt er am 13. 
Febr. 868. Aber sein Andenken blieb den Slawen hei- 
lig, und schon im Ostromirschen Evangelienbuch 1056 
wird im Kalender sein Gedächtniss am 14. Febr. gefeiert. 
Auch die Böhmen und noch früher die Mähren wurden 
Verehrer der zwei Slawenlehrer. 

Method, zum Bischof geweiht, säumte nicht, sich 
sogleich 868 nach Mähren zurückzubegeben. Da er Land- 
bischof (episcopus regionarius) war, so hatte er keinen 
bestimmten Sitz, wenn ihm gleich die spätem Legenden, 
keineswegs aber die altern, Welehrad, das sie zugleich 
für die Hauptstadt des Reiches erklären, willkührlich 
anweisen. Wir dürfen also weder Welehrad im Gebiete 
Rastislaws, noch die Stadt Morawa in Pannonien für 
den bischöflichen Sitz Methods annehmen, sondern wir 
müssen ihn Erzbischof von Mähren und Pannonien nen- 
nen, wie ihn der Papst Johann VIII. in seinen Briefen 
nannte. 

Im J. 869 wird Rastislaw von Karlmann angegrif- 
fen und geschlagen. Swatopluk, Rastislaws Neffe, ergibt 
sich und seinen Landesantheil an Karlmann. Rastislaw, 
darüber aufgebracht, stellt ihm nach, wird aber selbst 
gefangen. Swatopluk liefert seinen Oheim 870 an Karl- 
mann aus. Dieser wird in Banden nach Regensburg ge^ 
bracht, zum Tode verurtheilt, allein K. Ludwig begna- 
digt ihn, indem er ihm die Augen ausstechen und ihn 
in ein Kloster einsperren lässt, wo er sein Leben, man 
weiss nicht wann, endigte. Aber auch Swatopluk wird 
den Teutschen verdächtig, und desshalb 871 verhaftet. 
Die Mähren zwingen einen nahen Verwandten von ihm, 
den Priester Slawomir, die Regirung zu übernehmen, 
der sich nun, doch fruchtlos, bemüht, die Teutschen 
aus den eingenommenen Plätzen zu vertreiben. Swato- 
pluk, da ihn seiner Untreue niemand überweisen konn- 



88 

te, wird entlassen, und kommt mit einem bairischen Heere 
nach Mähren. Vor einer festen Burg angekommen, ver- 
lässt er die Baiern, geht in die Burg, macht mit mähri- 
schen Truppen einen Ausfall, zerstreut diess bairische 
Hilfscorps und behauptet sich als Herrscher von Mähren. 
In diesen äusserst unruhigen Jahren scheint sich 
Method in dem Gebiete Chocils (sonst Hezilo, bei den 
Russen Kocel und Kocel, im Troadnik bei Kaie Kocul) 
in Pannonien aufgehalten zu haben. Hier traf er auf 
teutsche Priester, die von dem Erzbischofe von Salzburg 
eingesetzt waren. Die von ihm eingeführte slawische 
Liturgie gab Anlass zu Klagen selbst bei dem Papste 
Johann VIII., der Method als von Adrian dahin gesen- 
deten Erzbischof in Schutz nahm. Schon 798 hat der 
Salzburger Erzbischof Arno auf K. Karls Befehl den er- 
sten Besuch bei den Slawen in Pannonien gemacht, Kir- 
chen eingeweiht, Priester ordinirt und angestellt. Von 
Luitprams Besuchen noch unter Privinna in den J. 840 — 
843 berichtet der Ungenannte de Conversione Bojoario- 
rum et Carantanorum. Noch 865 feierte der Salzburger 
Erzb. Adalvin, unter welchem 873 ein Salzburger Prie- 
ster in dem erwähnten Aufsatze die Diöcesanrechte der 
Salzburger Erzkirche vertheidigt, das Weihnachtsfest in 
Chocils Burg, Mosburg genannt. *) Er weiht wieder 
mehrere Kirchen ein und stellt Priester an. Seit 75 Jah- 
ren durfte kein fremder Bischof, der dahin kam, da- 
selbst das bischöfliche Amt ausüben. Kein Priester konn- 
te über drei Monate da verweilen, ohne bevor seine 
Dimissorien dem Salzburger Erzbischofe vorzuweisen. 
Diess ward dort so lange gehalten, bis Method mit sei- 
ner neuen Lehre auftrat. Ohne Zweifel hielt sich auch 
nachher Method oft genug zu Mosburg bei Chocil auf. 
Als Method die slawische Liturgie in Pannonien einführte, 
verfiel die lateinische und wurde verachtet. Der Erz- 



*) Privinna bekam einen Theil vom Unter-Pannonien von K. Ludwig 
zu Lehn, am Flüsschen Sala. Hier baute er eine Burg oder feste Stadt in 
einem Walde und am oder im See des Flüsschen Sala. Es lag also Mosburg 
am Plattensee, wo heute Salavär steht. Wenn man nun annähme, dass 
die Slawen dieses Mosburg Welehrad nannten, so wäre doch einigennassen 
erklärbar, wie man Methods Sitz zu Welehrad in Mähren suchen konnte. 
S. Dobrowskys Cyrill u. Method. Prag 823. 8. S. 87. — (Ist Welehrad 
nicht die alte Stadt Belehrad, Stuhlweissenburg, 3 Meilen nordöstlich vom 
Plattensee?) 



• , 89 

priester Richbald konnte die Geringschätzung des latei- 
nischen Gottesdienstes nicht ertragen, sah die Einfüh- 
rung der slawischen Liturgie durch Method als einen 
Eingriff in die Rechte des Salzburger Erzbischofs an, 
und machte sich lieber davon. Diess geschah unter dem 
noch lebenden Adalvin, also wol schon 872, da dieser 
873 starb. 

Ungeachtet die Papste ihr altes Recht auf die pan- 
nonische Diöcese, die schon in den ältesten Zeiten zum 
römischen Patriarchat gehörte, geltend zu machen such- 
ten, und desshalb Method beschützten, unterliessen es 
die Salzburger und andere teutsche Priester doch nicht, 
den Griechen Method bei dem Papste verdächtig zu ma- 
chen. Man beschuldigte ihn, dass er von der Lehre der 
römischen Kirche abweiche, das Volk zu Irrthümern 
verleite, anders lehre, als er mündlich und schriftlich 
vor dem apostolischen Stuhle zu glauben bekannt habe. 
Seine Verwunderung darüber bezeugt der Papst in ei- 
nem Briefe vom 14. Juny 879 an Tuventar, einen mäh- 
rischen Fürsten (Kniez), der seinen Priester Johann nach 
Rom geschickt hatte. Er ermahnt den Fürsten, dass er 
sich an die Lehre der römischen Kirche halte. Sollte 
aber ihr Bischof (Gorazd, ein Bulgar oder Grieche, den 
Method geweiht hat), oder irgend ein Priester etwas 
anderes zu verkündigen sich unterstehen, so sollten sie 
einmüthig die falsche Lehre verwerfen. Ihren Erzbi- 
schof aber, von dem er gehört, dass er anders lehre, 
habe er desshalb nach Rom beschieden. Der Brief an 
Method, womit ihn der Papst Johann nach Rom beschei- 
det, ist von demselben Dato. In diesem kommt auch 
noch ein zweiter Punct der Anklage vor, nämlich die 
slawische Sprache bei der Messe. Einen frühern, nicht 
vorhandenen Brief, Hess er Methoden durch Paul Bischof 
von Ancona einhändigen. Der Einladung gemäss stellt 
sich Method zu Rom. Mit ihm kain auch Swatopluks 
Getreuer Zemizizn. Durch Methods mündlichen klaren 
Bericht erfährt der Papst, dass Swatopluk und sein gan- 
zes Volk dem apostolischen Stuhle aufrichtig ergeben sey, 
dass er andere Fürsten dieser Welt verschmähend (sind 
wol die teutschen gemeint), sich den h. Apostelfürsten 



90 

Peter und dessen Stellvertreter zum Patron gewählt ha- 
be, wofür der Papst in väterlichen Ausdrücken dankt. 
Den Method befragte nun der Papst, ob er das Symbo- 
luiii des orthodoxen Glaubens so singe, wie es die römi- 
sche Kirche halte, und in den allgemeinen Kirchenver- 
sammlungen von den h. Vätern kund gemacht worden 
sey. Da nun Method bekannte, dass er der evangeli- 
schen und apostolischen Lehre gemäss, wie die römi- 
sche Kirche lehrt, und von den h. Vätern überliefert 
worden, das Symbolum halte und singe, ward er als 
orthodoxer Lehrer befunden, und abermal zur Leitung 
der ihm anvertrauten Kirche Gottes zurückgesandt, und 
den Gläubigen befohlen, dass sie ihn als ihren eigenen 
Hirten mit aller Ehrfurcht empfangen sollen, weil ihm 
das Vorrecht der erzbischöflichen Würde kraft aposto- 
lischer Auctorität bestätigt worden sey. Den Priester 
Wiching, den Swatopluk nach Rom sandte, weihte der 
Papst zum Bischöfe von Neitra, der in allem seinem Erz- 
bischofe gehorsam seyn solle. Dass nebst Wiching auch 
nur ein zweiter damals angestellt worden wäre, wissen 
wir nicht. In Ansehung des zweiten Punctes der Anklage 
gelang es dem Method durch seine Vorstellungen den 
Papst Johann zu bewegen, dass er den slawischen Got- 
tesdieust nun bewilligte. Möge nun Method dem Papste 
Johann die grossen Vortheile der slawischen Sprache bei 
seinem Lehramte unter den Slawen einleuchtend vorge- 
stellt, möge er auf das Beispiel der griechischen Kirche, 
die neben der griechischen Sprache bei allen gottesdienst- 
lichen Verrichtungen auch andere Sprachen , die syri- 
sche, koptische, armenische, slawische gestatte, hinge- 
wiesen, möge er endlich bei der Nichtgewährung des 
Gebrauchs der slawischen Sprache auf die nahe Gefahr 
einer Trennung von der lateinischen Kirche aufmerk- 
sam gemacht haben; so hatte Papst Johann nebst diesen 
Gründen auch noch andere Ursachen, die Griechen und 
die dem griechisch-slawischen Ritas ergebenen Slawen 
eben jetzt zu schonen. Es musste ihm an der Erhaltung 
der Kircheneinigkeit, die jetzt vielfach gefährdet war, 
alles gelegen seyn. Diess machte ihn selbst gegen Pho- 
tius so nachsichtig, dass er seine Wiedereinsetzung nach 



91 

dem Tode des Patriarchen Ignatius genehm hielt. Da- 
durch hoffte er die Einigkeit der Kirche zu erhalten, 
und die Bulgarei, aus der seit 870 alle lateinische Prie- 
ster weichen mussten, wiederum an das abendländische 
Patriarchat zu bringen. Kurz, Johann VIII. gab den Vor- 
stellungen Methods in Betreff des slawischen Gottesdien- 
stes nach, und fasste seine Erklärung darüber so be- 
hutsam ab, dass er nicht nur sich selbst wegen des vor 
kurzem, um unterdessen Methods Ankläger zu beschwich- 
tigen, gemachten, jetzt aber zurückgenommenen Ver- 
botes, sondern auch den von Adrian geweihten und in 
Pannonien eingesetzten Erzbischof wegen der eingeführ- 
ten und fortgesetzten slawischen Liturgie gleichsam recht- 
fertigte, Methods Ankläger eines bessern belehrte, und 
hoffen konnte, den Angeklagten dadurch gegen weitere 
Beschuldigungen von Seite der teutschen Priester sicher 
zu stellen. Von dringenden Umständen bewogen, ge- 
stattete zwar Papst Johann auf der einen Seite den sla- 
wischen Gottesdienst, aber auf der andern, da er wusste, 
dass in Mähren von jeher viele lateinische Priester an- 
gestellt waren, wollte er der lateinischen Sprache nichts 
vergeben. Er schliesst daher seinen Brief an Swatopluk 
mit diesen Worten: Wir befehlen aber doch, dass in 
allen Kirchen eures Landes, der grössern Würdigkeit 
wegen, das Evangelium zuerst lateinisch gelesen werde, 
und dann in slawischer Sprache übersetzt dem der latei- 
nischen Sprache unkundigen Volke zu Ohren komme, 
wie es in einigen Kirchen geschehen mag. Und wenn 
es dir und deinen Richtern gefällt, die Messen lieber in 
lateinischer Sprache zu hören, so befehlen Wir, dass 
dir das feierliche Amt der Messe lateinisch gelesen werde. 
Da Gorazd, den Method früher zum Bischöfe ge- 
weiht hatte, dem Wiching, Bischof von Neitra , wei- 
chen musste, so ist dieser wol der einzige Suffragan, der 
dem Erzb. Method untergeordnet war. Ein zweiter sollte 
erst zum Bischöfe geweihet werden, und mit diesen 
zweien sollte erst Method no ch mehrere ordiniren und 
an bestimmten Orten anstellen. Da aber Method keine 
gute Aufnahme in Mähren fand, und sich etwa schon 
881 zurückzog, so geschah von allem, was man vor- 



92 

hatte, nichts. Erst lange nach Methods Entfernung aus 
Mähren, 4 oder 5 Jahre nach Swatopluks Tode (st. 
894), ward in Mähren eine Metropole, d. i. ein Erz- 
bistliuni mit drei Bischöfen errichtet. Wenn gleich der 
höhmische llzg. Boriwog von Metliod, wahrscheinlich 
vor dessen zweiter Heise 879, wie Cosmas 230 Jahre 
nach dieser Begebenheit bezeugt, getauft worden, so 
folgt doch nicht, dass Method über Böhmen seine Ju- 
risdiction als Erzbischof ausübte, weil Böhmen seit der 
Taufe der vierzehn Herzoge (Fürsten), d. i. seit 845 un- 
ter den Sprengel von Regensburg gehörte. Ungeachtet 
der Empfehlung des Papstes Johann ist der von ihm be- 
stätigte Erzbischof von Mähren doch nicht so gut auf- 
genommen worden, als er es billig erwarten konnte. 
Selbst Swatopluk, von teutsch-lateinischen Priestern ge- 
leitet, scheint nicht die gehörige Achtung gegen Method 
bewiesen zu haben. Was eigentlich dem Method widri- 
ges widerfahren, ist wol kaum möglich genau zu be- 
stimmen. Doch so viel ist gewiss, dass er schon nach 
etwa sieben Monaten nach seiner Ankunft von Rom (880) 
Ursache hatte, sich mit einer Klageschrift an den Papst 
zu wenden, wie es aus Johanns VIII. tröstender Ant- 
wort erhellet. Der Brief ist datirt vom 23. Mai 881. 
Der Papst lobt Methods Seeleneifer, bezeugt grosses Mit- 
leid mit ihm verschiedener Unfälle und Begegnisse we- 
gen, sagt, er hätte weder Swatopluk noch Wiching ge- 
heime Instructionen gegeben. Man kann also nur rathen, 
was denn eigentlich gegen den griechischen Erzbischof 
der lateinische ihm untergeordnete Bischof Wiching un- 
ter Swatopluks Schutze unternommen habe. Der grie- 
chisch-slawische Ritus allein war den lateinisch - teut- 
schen Priestern, deren Anzahl in Mähren wahrschein- 
lich viel grösser war, als der slawischen, schon anstös- 
sig genug. Wiching brachte es dahin, dass der slawi- 
sche Bischof Gorazd und sein Anhang aus dem Lande 
geschaflet wurde. Method konnte jetzt, bei der Freund- 
schaft Swatopluks mit Arnulph, Herzoge von Kärnten u. 
Pannonien, dem er seinen Sohn Swentibald (Swato- 
pluk) aus der Taufe hob, auf keinem Schutz gegen Wi- 
ching rechnen, und fasste den klugen Entschluss, den 



93 

er dem Papste meldete, wiederum nach Rom zurückzu- 
kehren, da er befürchten konnte, dass man sich in Mäh- 
ren gegen die griechisch-slawischen Priester eben nicht 
gefälliger betragen würde, als sich im J. 870 die Grie- 
chen gegen die lateinischen Priester in der Bulgarei be- 
tragen haben. Was thut nun Method in seiner auss- 
uchen Lage in Mähren? Die Tröstungen des Papstes in 
dem angeführten Briefe vom J. 881 konnten sein Gemüth 
wol aufrichten, aber seine Lage blieb, wie sie war. Auch 
verspricht der Papst den Handel erst beizulegen, wenn 
Method nach Rom zurückgekommen seyn würde. Er 
säumte also nicht, sich dahin zu begeben, wo er auch 
sein Leben endete, und zwar, da nach dem J. 881 sei- 
ner nirgends mehr gedacht wird, in kurzer Zeit nach 
seiner Ankunft. Allein das eigentliche Todesjahr Methods 
bleibt immer ungewiss. — Method war als Erzbischof 
im J. 868 von Adrian eingesetzt, nach 12 Jahren darin 
von Johann bestätigt, gleich darauf im J. 881 von ihm 
getröstet und nach Rom beschieden, er konnte also sein 
Erzbisthum nicht länger, als 13 Jahre verwalten. Nimmt 
man noch die Jahre vor seinem Bisthum dazu, in wel- 
chen er sein Bekehrungswerk in Mähren trieb, so kom- 
men 18 Jahren heraus — . 2 ) 

Die so wichtige Frage, w 7 as eigentlich Kyrill, was 
Method, was endlich beide bei ihren Lebzeiten übersetzt 
haben, ist wol jetzt kaum genugthuend zu beantwor- 
ten. Nach dem fast einstimmigen Bericht der ältesten 
Zeugen gebührt die Ehre der Erfindung und Verferti- 
gung des slawischen Alphabets ausschliesslich dem Con- 
stantin, mit dessen Mönchs - Namen es späterhin auch 
benannt worden ist (Kyrillica, kyrillisches Alphabet) ; 

2 ) Ueber Kyrill u. Method sind zu vgl. Pesina Mars Moravicus 
Prag 677. fol. — Stredowsky sacra Moraviae historia, sive vita SS. Cyrill 
et Methudii, etc. Solisbaci 710. 4. — Th. Prokopovric razsmotrenije po- 
wjesti o Kirillje i Methodii, S. P. 722. — Kohl introd. in histor. et rem 
litter. Slavorum, Altona 729. — Assemani Kalendaria ecclesiae universae, 
Rom 755. T. III. — Dobner annales Bohemorum Hajeki, Prag 765. P. III. 
Ulmann Altmähren, Olmiitz 762 fol. — «- Acta SS., m. Martii "Tom.. II., ad 
IX. Mart. de „SS. Episcopis Slavorum Apostolis, Cyrillo et Methodio etc." 
Antw. 668. fol. — (Ewgenij) slowar istoriöeskij etc. (818) S. 421 — 431. 
Schlö.zer Nestor Th. III. S. 149 — 242. — Dobrowsky Cyrill und Method, 
der Slawen Apostel, Prag 823. 8. Die zwei letztern/ überaus schätzbaren 
Schriften sind, wegen der angeführten und sich gegenseitig ergänzenden 
Quellen beim Gebrauche zu verbinden. 



94 

allein an den Verdiensten, die sich die Gebrüder um 
die Slawen erworben, hat Method nicht nur eben so 
viel, sondern noch mehr Anthcil, als Kyrill; letzterer 
starb sehr früh, Methodius aber lebte noch wenigstens 
13 Jahre, und die Vollendung der slawischen Liturgie 
ist bloss sein Schöpferwerk. „ Willkommen also hier, 
rufen wir mit Schlözer (Nestor III. 187) aus, ihr un- 
sterblichen Erfinder der slawonischen Schrift, die ihr es 
zuerst wagtet, eine rohe Sprache, die eine Menge ihr 
eigenthümlicher Laute hat, dem Volke so zu sagen ans 
dem Munde zu nehmen, und mit griechischen Buchsta- 
ben zu schreiben, aber wie Genien dabei verführet, und 
für jene eigenthümliche Laute, die der Grieche in seiner 
Sprache nicht hatte, eigene Zeichen oder Buchstaben er- 
fandet; wie tief steht unter euch der Elsasser Mönch 
Ottfried, oder wer der Teutsche seyn mag, der sich zu- 
erst erkühnte, seine Sprache zu schreiben, aber dabei 
das lateinische ABC nur sclavisch copirte !" 3 ) Nach 
dem Exarchen Johann übersetzte Kyrill bloss eine Aus- 
wahl aus den Evangelien und dem Apostel, d. i. nur die 
Lectionen durch's ganze Jahr hindurch, wie sie aus den 
Evangelien der römische ruthenische Codex No. 1. ent- 
hält. Bei den Russen heissen sie AnpaKOC, bei den 
Griechen evayysha ixXoyudia. Ein solches Evangelien- 
buch ist das Ostromirsche auf Pergamen im J. 1056 
von Gregor Diakonus für den Nowogoroder Posadnik 
Joseph Ostromir geschrieben. Dass dieser Codex die un- 
veränderte kyrillische Uebersetzung grösstentheils ent- 
halte, daran ist gar nicht zu zweifeln. Kyrill übersetzte 
wahrscheinlich zuerst die ganzen vier Evangelien, wie 
sie der Codex vom J. 1144 in der Synodalbibliothek zu 
Moskau No. 404 enthält. Dasselbe gilt auch vom Apo- 
stel, worunter die Apostelgeschichte und alle Briefe der 
Apostel verstanden werden. Auch von diesem Buche 
lassen sich mehrere Lectionarien nachweisen, die zur 
Bequemlichkeit der Leser so eingerichtet sind, dass die 
Lectionen nach den Festen des Jahres fortlaufen. Diokleas 



3 ) Ueber das Verfahren Kyrills bei Einrichtung des slaw. Alphabets, 
30 wir über die Natur der slaw. Sprachlaute und ihre Bezeichnung mittelst 
Buchstaben s. die feinen und scharfsinnigen Bemerkk. des Hrn. Kopitar 
Gramm. S. 1 - 13, 161 — 212. 



95 

schreibt dem Kyrill die Uebersetzung der Evangelien, 
des Psalters, und dann des ganzen alten und neuen Te- 
staments, und der Messe (der griechischen Liturgie des 
Basiiius und Chrysostomus) zu, welche Meinung seit- 
dem herrschend geworden ist. Was das ganze alte Te- 
stament betrifft, daran ist wol zu zweifeln, da keine al- 
ten Codices nachgewiesen werden können. Und in Be- 
treff des neuen Testaments muss die Apokalypse ausge- 
nommen werden. In der dalmatischen Chronik werden 
anstatt des Psalters die Episteln genannt. Gewöhnlich aber 
wird von spätem Schriftstellern die Uebersetzung der 
zum Gottesdienst gehörigen Bücher beiden Aposteln zu- 
geschrieben. Nestor nennt unter den Büchern, die sie, 
als sie nach Rom gingen, in Mähren zur ückli essen, den 
Apostel, das Evangelium, den Psalter, den Oktoich (das 
achtstimmige Odenbuch), aber er setzt unbestimmt hin- 
zu : „und andere Bücher." Method , als Erzbischof, 
Hess wol noch einige Uebersetzungen durch andere be- 
sorgen, was er aber eigentlich selbst übersetzt habe, 
ist nicht bekannt. Alle übrige Werke, welche dem h. 
Kyrill noch sonst zugeschrieben werden, sind entweder 
Erdichtungen, oder fälschlich dem thessalonischen Kyrill 
beigelegte Werke anderer gleichnamiger Verfasser. 

Das heilige, von Kyrill und Method begonnene Be- 
kehrungs- und Uebersetzungswerk wurde nach ihrem 
Tod von andern fortgesetzt. Johann, Exarch von Bul- 
garien, übersetzte bereits im IX. Jahrh. die Bücher des 
Johannes Damascenus ins Slawische. Gegen das Ende 
des X. Jahrh. kamen die slawischen Kirchenbücher mit 
der christlichen Religion zu den Russen, deren Fürsten 
im XI. Jahrh. zahlreiche, der slawischen Sprache kun- 
dige Gottesgelehrten freigebig unterhielten, um die Ue- 
bersetzung der h. Bücher fortzusetzen. Ein gleiches ge- 
schah in Serbien, wo um diese Zeit noch einheimische 
Fürsten herrschten, und die Verbindung mit dem ge- 
lehrten Constantinopel fortdauerte. So kam nach und 
nach das ganze Corpus bibliorum, aber gewiss nicht 
vor Ende des XV. Jahrh., zu Stande. Die Uebersetzung 
der Sprichwörter Salomonis war schon im XII. Jahrh. 
vorhanden, wie man aus Nestor, der das Buch fleissig 



96 

citirt, ersehen kann. Das Buch der Weisheit, der Pre- 
diger, die Propheten und Hiob sind im XIII. XIV. Jalirh. 
in Serbien, die fünf Bücher iVlosis u. a. im XV. Jalirh. 
in Hussland oder Polen übersetzt worden. Vollständig 
wurden die bisher getrennten Theile der Bibel, nach 
Hrn. Dobrowskys Meinung, erst gegen das Ende des 
XV. Jahrb., und zwar nicht vor dem Druck der böhmi- 
schen Prager (1488) oder Kuttcnbcrger (1489) Bibel, 
gesammelt, nach deren Muster die einzelnen Bücher 
geordnet, die fehlenden ergänzt, und die meisten , ur- 
sprünglich aus dem Griechischen übersetzten Bücher des 
alten Testaments nach der Vulgata revidirt worden sind. 
Wahrscheinlich ist der Moskauer Codex der ganzen Bi- 
bel vom J. 1499, als der älteste vorhandene, zugleich 
der erste vollständig zu Stande gebrachte, woraus die 
zwei andern Codd. genommen worden sind, nach deren 
einem der Druck der Ostroger Bibel auf Befehl des Für- 
sten Constantin 1580 besorgt wurde. 4 ) Ausser der Bi- 
bel und den liturgischen Büchern wurden nun auch an- 
dere in der altslawischen Kirchensprache sowol bei den 
Küssen, als bei den Serben, entweder, wie die Chro- 
niken, neu abgefasst, oder, wie die Schriften der Kir- 
chenväter, übersetzt, wovon unten §. 11. die Rede seyn 
wird. 

§. 10. 

Verhältniss der altslawischen Kirchensprache zu andern 
slawischen Mundarten. 

Wie soll man nun die Sprache, in welcher die sla- 
wisch-serbischen , slawisch-russischen (beide mit ky- 
rillischen Buchstaben), die slawisch-dalmatischen Kir- 
chenbücher (mit glagolitischen Schriftzügen) verfasst 
sind, dem Dialekte nach nennen? — Hierüber sind und 
waren die Meinungen der Gelehrten und Sprachforscher 
von jeher sehr getheilt. Ein kleiner Theil derselben hul- 
digt der gewöhnliehen, auch heutzutage noch prüfungs- 
werthen Ansieht, dass diese Sprache die älteste der Sla- 

Dobtowaky institutiones I. slav. p. VI. XII. 701. 



97 

winen und die Urmutter aller jetzt bekannten Mundar- 
ten sey (Rakowiecki, Karamzin?), während der andere 
sie bloss für die Mutter eines einzigen Dialekts, und 
zwar bald des Russischen (Kohl), bald des Bulgarischen 
oder Serbischen (Jordan, Schlözer; Dobrowsky, Sola- 
ric), bald des Mährischen (Ewgenij, Kalajdowic), bald 
des Slowakischen (Jordan?, Dalimil , Caplowic), bald 
des Slowenischen oder karantanisch - windischen (Kopi- 
tar, Grimm) u. s. w. gelten lassen will. 

Die Ansichten derjenigen Schriftsteller, die, ohne 
tiefer in die Sache einzugehen, sich darüber nebenher 
haben vernehmen lassen, dürfen hier nur kurz berührt 
werden. Gegen die Benennung moskowi tisch oder ru- 
thenisch eifert Kohl, und will auch (Introd. S. 10.) von 
einem Russen, der in Slawonien (zwischen der Drawe 
und Sawe?) reiste, gehört haben, dass man dort noch 
dieselbe oder eine nur sehr wenig verschiedene Sprache 
rede, die er sonst die alte slawonische Büchersprache 
nennt. Nach S. 11. aber soll wieder mit der alten Bü- 
chersprache, wie Döderlein aus dem Munde eines hohen 
Russen vernommen haben will, der Kiowsche Dialekt 
in der Ukraine und dem Stücke Landes gegen Morgen 
in Moskau hinein , sonderlich übereinstimmen. Chri- 
stoph von Jordan meint, Kyrill habe sich vielleicht 
des bulgarischen Dialekts, den er in Constantinopel er- 
lernte, bedient, und setzt hinzu, die Mähren hätten 
diesen Dialekt hinlänglich verstehen können, wenn ihre 
gemeine Sprechart auch verschieden war. Orig. slav. P. 
IV. p. 126. Schlözer wollte (Nord. Gesch. S. 330) nicht 
bestimmen, ob sich die slawische Kirchensprache zu den 
noch lebenden bloss verhalte, wie eine alte Sprache zur 
neuen, wie Ottfried zu Luthern, oder ob sie ein ganz 
anderer Dialekt sey, meinte jedoch, wenn sie die Spra- 
che ist, in der Kyrillus predigte und übersetzte, so 
müsse man sie in der Bulgarei suchen. Später (Nestor 
I. 46 — 52) hält er sie „für die Mutter der übrigen 
Mundarten, zu der die übrigen Töchter noch jetzt ein 
näheres Verhältniss hätten, als unter sich selbst. Dass 
damals, fährt er fort, als die jetzige slawische Bibelüber- 
setzung gemacht worden, die altslawische Sprache eine 

7 



98 

Kedesprache gewesen aeyn müsse, verstellt sich wol von 
selbst: nur wo war sie das? KyrilJ machte unstreitig die 
erste Uebersetzung in der Mitte des IX. Jahrb., er mach- 
te sie namentlich für die Mahren und Bulgaren ; also 
müsste noch im IX. Jahrb. in Mähren und Bulgarien das 
biblisch Altslawische die allgemeine Volkssprache gewe- 
sen seyn." Ganz für das Mährische stimmt der Hr. Me- 
tropolit Ewgenij (Slowar istor. unter dem Art. Method 
S. 428 — 430). „Es wäre nicht nöthig, meint er, die 
Frage zu untersuchen, in welcher andern slawischen 
Mundart, als in der mährischen, Kyrill und Method die 
Kirchenbücher übersetzt haben, wenn nicht die Gelehr- 
ten hierin von jeher so verschiedener Meinung gewesen 
wären. Es sey bekannt, dass die zwei Brüderapostel 
Lehrer der mährischen und bulgarischen Slawen gewesen. 
Hiernach müsse man folgerecht mit Schlözer schliessen, 
dass sie in keiner andern, als in der diesen Slawen ver- 
ständlichen Mundart, geschrieben haben. Daraus, dass 
diese Sprache lange Zeit Schriftsprache der Serben ge- 
wesen, hätten einige abendländische Gelehrten, mit ser- 
bischen Büchern vertrauter als mit russischen, gefolgert, 
dass Constantin und Method ihre Bücher in der altser- 
bischen Mundart, der Mutter der jetzigen serbischen, 
abgefasst haben. Aber dieses könne mit keinen histo- 
rischen Gründen bewiesen werden. Wollte man auch 
annehmen, dass in der Gegend von Thessalonich bereits 
im VII. Jahrb. serbische Städte existirt haben: wornach 
Constantin und Method von Jugend auf in Thessalonich 
den serbischen Dialekt erlernt hätten ; so hätten sie doch 
nach ihrer Ankunft in Mähren die hiesige Mundart, 
schon wegen des damaligen geringen Unterschieds der 
slawischen Dialekte, zu ihrer Schriftsprache wählen müs- 
sen (?), und nicht umgekehrt erst den Mab reu durch 
Unterricht die serbische Sprache beibringen. u Dieser 
Ansieht pflichtet auch Hr. Kalajdoivic in s. Aufsatz über 
die slawische Kirchensprache bei. Noch gab es Andere, 
die in Erwägung der grossen Aehnlichkcit des heutigen, 
leider noch zu wenig gekannten slowakischen Volks- 
Dialekts in Ungern in unzähligen, in andern Mundarten 
bereits verschwundenen oder veralteten Wörtern und 



;.- u j 



99 

Flexionsformen mit dem Altslawischen, gleich wie des 
Umstandes, dass Mähren, des grossen Swatopluk gros- 
ses^ aber leider nur ephemeres Reich, wo doch nach 
der einstimmigen Aussage aller Berichterstatter Method 
am längsten verweilt, gelehrt und gewirkt haben soll, 
damals den grössten Theil der heutigen Slowakei, wo 
nicht die ganze, umfasst habe, und mit Berücksichtigung 
der , mit den Angaben anderer Chronisten von den 
Einfällen der pannonischen Slawen (Sarmaten) ins by- 
zantische Reich unter dem Ks. Justinian übereinstim- 
menden Sage Nestors „dass die donauischen Slawen die 
Urslawen und Stammväter der Auswanderer nach Nor- 
den sind", sich des Gedankens nicht er währen konnten, 
dass wol die altslawische Sprache zu der Slowakischen 
in einem andern Verhältniss stehen könnte, als man es 
bis jetzt allgemein geglaubt hat *). Lucius und Schön- 
leben weisen auf die nahen Gegenden um Thessalonich 
hin. Steph. Rosa, ein Ragusiner, hält sogar die kyril- 
lischen Uebersetzungen , der beigemischten thrakischen 
Wörter wegen, nicht für rein slawisch. Mathias Mie- 
chovita nennt die Sprache der russischen Kirchenbücher 
ohne Bedenken serbisch, wenn gleich das gemeine Ser- 
bische seiner Zeit schon mit türkischen Wörtern häufig 
gemischt und selbst auch in vielen Formen von dem Alt- 
slawischen oder Altserbischen abgewichen war. Selbst 
die heutigen Serben nennen ein altes serbisches Kirchen- 
buch Srbulja, das aber, wie Hr. Wuk bemerkt, dem 



l ) Nicht nur finden sich in dem Slowakischen Wörter, die andern 
Slawen entweder ganz, od. wenigstens in dieser Bedeutung unbekannt sind, 
im Altslawischen aber sich nachweisen lassen, sondern der ganze formelle 
und grammatische Bau dieser Mundart erinnert auffallend an das Kirchen- 
slawische. Schon J. Chr. Jordan sagt de orig. slav. Sect. 57. p. 127. „Hun- 
garo-slavonicam seu Hungariae Slovaconum dialectum inter omnes ad sla- 
vonicam accedentes proximam linguae matri esse." Und der Domherr 
Dalimil rühmt von dem slowakischen Dialekt : „His Hungariae incolis me- 
rito adhaesit nomen Slowak, „quum praecipue hi linguam slavonicam vi- 
deantur retinuisse." Hr. v. Caplowic sagt in s. aus mehrjähriger Erfah- 
rung abstrahirten Bemerkungen über die heutige serbische Sprache : „Die 
heutigen Serben in Slawonien und Kroatien sprechen eine Sprache, welche 
von ihrer Kirchenbüchersprache eben so verschieden ist, wie etwa die ita- 
lienische von der lateinischen. Die slowakische ist damit weit näher ver- 
wandt. Ein Slowak versteht ihre Evangelien besser, als der Serbe selbst, 
welcher die Kirchensprache nicht studirt hat." (Slav. u. Kroat. Th. 1. S. 
219 — 220.) Diese Behauptung ist nur unter gewissen Einschränkungen 
wahr. Vgl. auch unten, und vorzüglich §. 45. 



7* 



LafC. 



100 

serbischen Dialekt näher ist, als die neuen nissischen Aufla- 
gen. Ganz entschieden nimmt die altslawische Kirchen- 
sprache Solaric für die Serben in Schutz. „Es ist, sagt 
er (Rimljani slawenstwowawsi 1818. 8. S. 23 — 24), 
ein für allemal noth wendig, dass wir Serben, nach dem 
Sprichwort: „Reci bobu bob, a popu pop" uns in der 
Benennung der alten reinen, Sprache nicht irren, son- 
dern sie die alte serbische und keinesweges anders 
nennen. Sie ist zu allererst durch die h. Schrift in dem 
Herzen der illyrischen Halbinsel, wo später die serbi- 
schen Königreiche geblüht haben, bekannt geworden. 
Um dieses Vorzugs willen, wenn es gleich wahr ist, 
dass die damals nicht nur den Bulgaren, sondern auch 
den auf der ganzen Halbinsel von dem Meerbusen von 
Thessalonich und dem Pontus Euxinus bis zum adriati- 
schen Meer, ja zweifelsohne sogar den oberhalb der Do- 
nau wohnenden Slawen, welchen die christliche Religion 
und die h. Schrift in ihr verkündigt worden ist, ver- 
ständlich und gemein war, soll diese Sprache die ser- 
bische heissen; mit noch grösserem Rechte aber auch 
darum, weil uns unsere Ohren und Augen lehren, dass 
unsere jetzige serbische Landesmundart unmittelbar aus 
ihr entsprossen, und ihr näher, ähnlicher und verwand- 
ter ist, als alle andere. Dieses wird nur derjenige läug- 
nen können, der auch die Abstammung der heutigen 
italienischen Sprache von der alten römischen und ihre 
Verwandtschaft mit derselben läugnen kann. Uebrigens 
soll diese unsere Benennung der altserbischen Sprache, 
der reinsten Wurzel, zugleich aber auch der schönsten 
Blüthe des jetzigen gesammten Slawentums, keinen der 
übrigen slawischen Stämme hindern, dieselbe, falls er 
es schicklich oder erspriesslich findet, insgemein die sla- 
wische zu nennen: wir wissen, dass sie ganz vorzüg- 
lich uns angehört, und können nicht umhin, sie die 
unsrige zu nennen. " 

Hr. Dobrowsky prüfte die Meinungen seiner Vor- 
gänger strenger, und erforschte die Natur der slawi- 
schen Mundarten genauer, als irgend jemand vor ihm. 
Er stellte zuerst die zwei Ordnungen der slawischen Völ- 
ker auf: die südöstliche, zu der die Russen, Bulgaren, 



101 

Serben , Dalmatiner , Kroaten und Winden , und die 
nordwestliche, zu der die Polen, Böhmen, Slowaken u. 
Sorben-Wenden in den Lausitzen gehören. Er fand, 
dass die Völker der ersten Ordnung die altslawische Spra- 
che leichter, als die der zweiten Ordnung verstehen. 
Das Altslawische, sofern es bestimmter gedacht wird, 
oder die Sprache der kyrillischen Evangelien ist ihm nicht 
Gattung, unter welcher Serbisch, Russisch u. s. w., als 
Arten stehen könnten, sondern ist selbst nur eine Art, 
so wie die übrigen Mundarten. So betrachtet könne das 
Altslawische nicht Mutter von allen übrigen Mundarten 
seyn. Zudem gehöre das altslawische zur ersten Ord- 
nung, unter welche das Böhmische, Slowakische u. Pol- 
nische nicht gehören. Man dürfe hier nicht voraussetzen, 
dass zur Zeit, in welcher das Slawische zuerst geschrie- 
ben worden, nur einerlei Slawisch geredet worden sey, 
aus dem sich die jetzt so sehr verschiedenen Dialekte 
allmälich gebildet hätten. Nur das jetzige Serbische habe 
sich aus ihm gebildet und verbildet. Die übrigen ent- 
fernten Mundarten haben sich nicht aus ihm, sondern 
neben ihm gebildet und fortgepflanzt. Dass die heutige 
serbische Sprache der alten fast noch weniger ähnlich 
ist, als die russische, komme daher, weil die Russen 
nach und nach die alte serbischslawische Sprache nach 
dem grammatischen Leisten der ihrigen zugeschnitten, 
ihr Wörter und Ausdrücke nebst neuern Bedeutungen 
geliehen haben, die die alte, in den ältesten Handschrif- 
ten noch wenig oder gar nicht veränderte slawische Spra- 
che nicht hatte, nicht kannte. Die Sprache der Mähren 
oder heutigen Slowaken um Neitra herum könne auch 
im IX. Jahrh. mit der bulgarisch-slawischen oder ser- 
bischen nicht einerlei gewesen seyn. Kyrill brachte schon 
zu ihnen das übersetzte Evangelienbuch. Diess konnten 
sie nothdürftig, wenigstens zum Theile verstehen, wenn 
es gleich in makedonisch-serbischer Mundart abgefasst 
war. Den Slawen in Pannonien vom kroatischen Stamme 
sey diese Sprache viel verständlicher, als den Mähren, 
gewesen, deren Sprache die altslowakische, aber immer 
von der zweiten Ordnung seyn musste. Die slawische 
Kirchensprache sey ferner nie Redesprache der Russen 



102 

gewesen; denn sie kam erst mit den slawischen Kirchen- 
büchern unter Wladimir zn ihnen. Und so habe denn 
eigentlich der Serbe den gültigsten Anspruch zur Be- 
hauptung, dass die altslawische Kirchensprache sein 
ehemaliges Eigenthum war, woran er auch nie zweifeln 
konnte. Diese Sprache sey im IX. Jahrh. an dem rech- 
ten Ufer der Donau, von Belgrad gegen Osten bis zum 
schwarzen Meer, gegen Westen bis ans adriatische Meer, 
gegen Süden von der Donau bis gegen die Stadt Thes- 
salonich gesprochen worden, wo Kyrill sein Slawisch, 
wahrscheinlich von Jugend auf, gelernet haben mag 2 ). 
Dasselbe behauptet Hr. Dobrowsky 15 Jahre spater, in- 
dem er seinen ,, Kyrill und Method" mit folgenden Wor- 
ten schliesst: „Bei der Bearbeitung der slawischen Gram- 
matik, und durch fleissige Vergleichung der neuern Auf- 
lagen mit den ältesten Handschriften, habe ich mich 
immer mehr überzeugt, dass Kyrills Sprache der alte, 
noch unvermischte, serbisch - bulgarisch - makedonische 
Dialekt war, und muss bei dieser Ueberzeugung noch 
bleiben, selbst nachdem ich des Hrn. Kalajdowic neuen 
Aufsatz über die alte Kirchensprache gelesen habe. Wenn 
ich auch zugeben könnte, dass die Bulgaren, Serben u. 
Küssen ganz dieselbe Sprache im IX. Jahrh. redeten, 
so kann ich es in Rücksicht der Mähren (und der heu- 
tigen Slowaken) keineswegs gelten lassen, und kann 
daher auch nicht begreifen, wie er von einer mährischen 
Kirchensprache behaupten konnte , ihre Aehnlichkeit 
(l ebereinkunft) hätte dazu beigetragen, dass sie auch 
von den Bulgaren u. Russen angenommen wurde. Mäh- 
risch, slowakisch, böhmisch, polnisch gehören ja zu ei- 
ner ganz andern Sprachordnung, als das Bulgarische, 
Serbische, Dalmatische, Russische, wenn gleich beide 
Sprachordnungen zu der slawischen Sprachclasse im all- 
gemeinen gerechnet werden. Die slawonischen Kirchen- 
bücher kamen nicht aus Mähren zu den Bulgaren, son- 
dern umgekehrt, durch Kyrill und Method aus der Bul- 
garei nach Mähren, und später auch unmittelbar aus 
der Bulgarei und Serbien nach Russland»" 3 ) 

2 ) Dobrowekvß Blswin S. 362 — 38s. Kl,. Slowanka Th. 1. S. 166. ff. 
Eb. (iesch. der böhm. Liter. 6. 4. 6. 3 ) Dobrowsky» Cyrill u. Method, 8. 
135 - 136. 



103 

Hr. Kopitar, der im J. 1808 die Sprache der ky- 
rillischen Bücher ebenfalls für die altserbische hielt 4 ), 
nimmt 1822, bei Gelegenheit der Recension von Do- 
browskys altslawischer Grammatik 5 ), seine Meinung 
zurück und erklärt die Karantaner oder die heutigen 
Winden für die geraden Descendenten von Kyrills und 
Methods Sprachgenossen: „Wenn wir auch, sagt er, 
vor der Hand und bis auf weitere Belehrung der neue- 
sten Annahme folgen, dass die alten Pannonier und II- 
lyrier keine Slawen gewesen, sondern die eigentlich sla- 
wische Geschichte erst mit dem VI. Jahrh. nach Chr. be- 
ginnt, als die Slawen, die Donau übersetzend, mit den 
Byzantiern in Berührung kamen; so sind doch, selbst 
nach dieser neuen Kritik, die karantanischen Slawen an 
der obern, und die bulgarischen an der untern Donau 
die ältesten Niederlassungen der Slawen im Süden der 
Donau. Erst ein paar hundert Jahre darauf folgten die 
Colonien der Kroaten und Serben. Das Christenthum 
kam zu diesen Südslawen zuerst über Aquileja u. Salz- 
burg her. Aber um das J. 863 erschienen Constantin 
und Method in Pannonien, und gewannen des Volks be- 
sondere Zuneigung durch Einführung des Gottesdienstes 
in slawischer Sprache. Methods Gottesdienst erbaut noch 
heutzutage an 36 Mill. Slawen in Russland, Ostpolen, 
Ost- und Südungern, der Bulgarei, in Serbien, Bosnien, 
Montenegro, zum Theil in Dalmatien , Gränz - Kroatien, 
Slawonien. Nur in Methods eigenem Sprengel, bei den 
pannonischen, oder mit einem Ausdruck des Mittelalters, 
den Karantaner - Slawen ist er rein vergessen ! Kein 
Wunder daher, dass entfernte Sprach- und Geschichts- 
forscher bei der Frage: welcher der heute noch leben- 
den slawischen Dialekte der gerade Descendent des von 
Method gebrauchten sey, die anderthalb Mill., nach secjis 
bis sieben Mittelpuncten — Ungern, Kroatien, Steier- 
mark, Kärnten, Krain, Littorale , Görz und Gradiska 
— zerstreuten, auch darum an Literatur armen Karan- 
taner-Slawen ganz übersahen. Denn dass im IX. Jahrh. 
die heutigen Dialekte der Hauptsache nach bereits be- 

*) Gramm, der slav. Sprache in Krain u. S. XVI. XXX. 
5 ) Jahrb. d. Liter. Wien 822. XVII. Band. 



104 

standen, ist unter den Kennern des Gangs der Sprachen 
keine Frage. Daher auch Schlözer die Zumuthung, als 
ob das heutige Russische der Enkel des Altslawischen 
sey, mittelst der richtigen Erfahrung zurückweist, dass 
ohne ausserordentliche Begebenheiten, die er mit Recht 
selbst in Russland, ungeachtet der 200jährigen mongo- 
lischen Dienstbarkeit, nicht anerkennt, sich keine Spra- 
che in einem halben Jahrtausend so ändert, wie nun 
Russisch vorn Altslawischen verschieden sey. Nach Aus- 
schliessung dieses nun mächtigen Concurrenten — andere 
Nordslawen , Polen , Wenden , Böhmen, Mähren, Slo- 
waken, haben sich nie in Competenz gesetzt — und 
Dobrowsky glaubt mit Recht, dass Methods Rival, der 
Neitraner Bischof Wiching, den slawischen Gottesdienst 
in seinem Sprengel nie gestattete — bleiben die drei 
südslawischen Dialekte: Bulgarisch, Serbisch - Illyrisch 
und Slowenisch. Denn nur drei von einander in Gram- 
matik und Lexicon hinlänglich verschiedene südslawische 
Dialekte gibt es; welche aber zu allgemeiner Zufrieden- 
heit zu benennen, wegen der partiellen Nationalansprüche 
schwer ist. — Der bulgarische Dialekt ist vielleicht un- 
ter allen slawischen Töchtersprachen in seinem Baue, 
also in seinem Wesen, am tiefsten angegriffen. — Den 
serbischen oder illyrischen Dialekt sprechen 4 bis 5 Mill. 
Slawen, von denen in allem etwa die Hälfte Graeci Ri- 
tus noch jetzt den Gottesdienst in slawischer Sprache 
hält. Dieser Umstand mag zu dem vom Hrn. Abbe Do- 
browsky in seinen frühern Schriften oft wiederholten, 
und seitdem auch von einigen Russen vorgebrachten 
Ausspruch beigetragen haben: dass die slawische Kir- 
chensprache der serbische Dialekt sey, wie er im IX. 
Jahrh. gewesen. Aber wenn man andererseits bedenkt, 
dass 1.) ausser den Illyriern, im Süden der Donau, und 
zwar in Pannonien, dem eigentlichen Kirchensprengel 
Methods, der hier an dreissig Jahre in dem Weingar- 
ten des Herrn arbeitete, am südlichen und östlichen Ab- 
hänge der norischen und julischen Alpen, längs den 
Flüssen Sawe, Drawe, Mur, Rab u. s. w., zwischen de* 
Kulp und der Donau, noch jetzt anderthalb Mill. der äl- 
testen slawischen Metanasten leben und weben; deren 



105 

Sprache 2.) der kirchenslawischen noch jetzt näher ist, 
als die illyrische — eine Wahrheit, von der sich selbst 
der unparteiische Illyrier überzeugen wird , wenn er 
den nämlichen Satz z. B. zuerst ins sogenannte Kroati- 
sche, oder ins Krainische, und dann in seine Mundart 
treu übersetzt, und beide Uebersetzungen mit kyrilli- 
scher Schrift und Orthographie geschrieben gegen das 
Altslawische hält — , bedenkt man 3.) dass, nach den 
damaligen Sitzen der Südslaw 7 en, Kyrill und Method das 
Serbenland mit kemem Fusse berührten, sondern den 
Chroniken zu Folge nur durch das Land der Bulgaren 
reisten; dass 4.) die Chroniken und Legenden nur von 
Bekehrung der Chasaren, Bulgaren, Slawen in Panno- 
nien und Mähren, und nie von Serben sprechen; dass 
also 5.), da die Serben von dem Anspruch an Method, 
als ersten serbischen Schriftsteller, beinahe so gut, wie- 
wol aus andern Gründen, ausgeschlossen werden müs- 
sen, als die Chasaren, nur die Bulgaren und die panno- 
nischen Slowenen als berechtigte Prätendenten übrig 
bleiben; aber endlich 6.) ausser der grössern Sprach- 
ähnlichkeit auch noch besonders Germanismen, wie ol- 
tar Altar, krst Christ, krstiti Christen, taufen, cerkv 
Kirche , pop wol zunächst vom oberteutschen Pfoff, 
Pfaffe, mnich Mönch, post Fasten, stol Stuhl, Rim vgl. 
Römer, ocet acetum, upowati hoffen, penez Pfennig, 
plastyr Pflaster, plug Pflug u. s. w-, Germanismen, die 
wol in Pannonien, nicht aber in Mösien natürlich sind, 
entscheidend für Methods Diöcesanen sprechen: so lässt 
sich nur aus der heutigen literarischen und politischen 
Zerstückelung u. Unbedeutenheit derselben erklären, wie 
man sie bei Lösung der Frage in der Ferne so ganz verges- 
sen konnte. — So wäre denn Methods Sprengel zugleich 
auch die wahre Heimath der von ihm zuerst zur Schrift- 
sprache erhobenen slowenischen Sprache, und die heu- 
tige Sprache der Nachkommen seiner Diöcesanen in strei- 
tigen oder zweifelhaften Fällen mit Nutzen zu befragen." 
Dieser Ansicht tritt auch Hr. Grimm in der Vorr. zu 
Wuks serbischer Gramm. (Lpz. 824.) bei. 

Beinahe um dieselbe Zeit, als man im slawischen 
Südwesten Kyrill und Method die Ehre der ersten sla- 



106 

wischen Schriftgelehrten gerne Hess, und nur um das 
wah re Vaterland der kyrillischen Büchersprache mit aus- 
gebreiteter Gelehrsamkeit und gewandtem Scharfsinn 
stritt, erschien im Nordosten die freudige Morgenrot he 
einer historischen Forschung und philologischen Kritik, 
deren vorzüglich durch Hrn. Karamzin, Chodakowski 
u. a. bekannt gemachten Ergebnissen gemäss, Hr. Rako- 
wiecki der slawischen Cultur, und hiemit auch der sla- 
wischen Schrift, ja sogar der Bibelübersetzung ein viel 
höheres Alter vindicirt, als das Kyrillische ist. Wir wol- 
len die Hauptpunkte aus seiner Gedankenreihe mit sei- 
nen eigenen Worten ausheben. „Es sind keine, sagt Hr. 
Kakowiecki, Denkmale der Sprache aus den Zeiten des 
slawischen Heidenthums auf uns gekommen. 6 ) Nach 
dem Uebertritt der Slawen zum Christenthume sind die 
biblischen und liturgischen Bücher, aus dem Griechischen 
ins Slawische übersetzt, das älteste Denkmal, woraus 
wir entnehmen können, wie die Sprache vor der An- 
nahme des Christentums beschaffen gewesen, und wel- 
che Veränderungen sie seitdem erlitten habe. Wer nur 
immer die altslawische Kirchensprache ihrem Geiste 
nach erforscht und die verschiedenen slawischen Mund- 
arten mit derselben vergleicht, wird sich leicht überzeu- 
gen, dass sie, die Mutter aller übrigen Dialekte, zugleich 
eine unerschöpfliche Quelle ihrer ferneren Bereicherung 
und Vervollkommnung sey; es wird ihm von selbst 
der Charakter und die Stufe der geistigen Ausbildung 
der ältesten bekannten Slawenstämme, es wird die Falsch- 
heit der Meinung ausländischer Schriftsteller von der 
Wildheit derselben einleuchten , und er wird hinfort 
aufhören, seine Vorfahren wild und barbarisch mit ih- 
nen zu schelten. Jede historische Kenntniss, die wir von 
den alten Slawen haben, rührt von Fremden, und nicht 
\on slawischen Schriftstellern her, die insgemein die 
Slawen als wild und barbarisch schildern, und nur un- 
gern, unvermögend der Wahrheit zu widerstehen, ih- 
nen Tapferkeit, Gerechtigkeitsliebe, Milde, Gastfreiheit 

9 ) Hin. Rakowiecki waren, als er den lten Th. seines Werkes schrieb, 
die von Hrn. Hanka entdeckten, überaus wichtigen Fragmente der altböh- 
mischen heidnischen Dichtkunst noch unbekannt, auf die er sich aber schon 
im 2ten Th. oft beruft. 



107 

und Achtung jeglicher Rechte der Menschheit zugeste- 
hen. Was die Sprache anbelangt, so nannten sie diese, 
die sie nicht kannten und nicht kennen wollten, mit 
einem Worte „lingua barbara". Czacki und sogar die 
meisten russischen Schriftsteller, worunter Lomonosow, 
halten es dafür, dass die slaw. Sprache erst dann angefan- 
gen habe eine festere Gestalt zu erhalten und geregelt zu 
werden, als die Uebersetzung der Bibel zu Stande kam, 
dass mit ihr die Slawen neue Gedanken und Ansichten 
bekommen haben, wofür sie auch neue Wörter u. Aus- 
drücke erfanden. Ich achte die Meinung so grosser Schrift- 
steller, aber darf man nicht — unbeschadet dieser Ach- 
tung — weiter gehen und nach der Wahrheit forschen? 
Ich pflichte Czacki, Lomonosow und andern Schriftstel- 
lern bei, dass die Uebersetzung der Bibel ins Slawische 
der Sprache selbst viel Glanz und Bildung verliehen ; 
aber jch frage zugleich, ob es wahrscheinlich ist, dass 
man die h. Schrift, in der so viele hohe Gedanken und 
Kunstwörter, so viele rhetorische Stellen , und ganze 
Bücher im höhern poetischen Styl vorkommen, in eine 
bisher ungebildete, ungeschlachte, und wie die fremden 
Schriftsteller sie nennen, barbarische Sprache, mit sol- 
cher Leichtigkeit, Kraft und Schönheit habe übersetzen 
können, dass sie noch heute hierin zum Muster dient? 
War es möglich, ohne einen reichen Vorrath von Wör- 
tern und Ausdrücken für jeden Gedanken, jedes Gefühl 
des Menschen in Bereitschaft zu haben, sich an die Ue- 
bersetzung eines so grossen und erhabenen Werkes zu 
wagen? War es möglich, in einem solchen Fall, auf ein- 
mal und ohne Vorbereitung alle bis dahin unbekannte, 
nöthige Ausdrücke zu erfinden und zu schmieden! Es 
ist bekannt, dass die Sprachen nie anders, als mit dem 
Fortschreiten der Civilisation des Volks, allmälig, von 
Stufe zu Stufe, im Verhältniss zu der wachsenden Auf- 
klärung und Knnstbildung sich vervollkommnen. Wir 
haben in dem kurzen Abriss über der alten Slawen Sit- 
ten und Gebräuche gesehen, dass sie seit undenklichen 
Zeiten, lange vor ihrer Bekehrung zum Christenthum, 
die Bande der Civilisation, den Krieg und Ackerbau, 
den Handel und die Gewerbe gekannt, Dörfer u. Städte, 



108 

eigene Götter und Tempel gehabt haben, wo sie sich zu 
Opfern , Gerichten , und Volksberathungen versammel- 
ten; dass sie zwar Heiden, aber keineswegs Barbaren 
waren, denen die Idee einer höchsten Gottheit und ei- 
nes künftigen Lebens fremd gewesen wäre-, dass sie über- 
diess, von gleicher Abstammung, Sprache und Religion, 
durch den grössten Theil von Europa ausgebreitet, eben 
mit Hilfe dieser gemeinschaftlichen Sprache eine unun- 
terbrochene Kette ihrer ßundes-Staaten gebildet haben. 
Auf dieser Bahn eines so ausgedehnten und vielumfas- 
senden Wirkens konnte man unmöglich eine diesen Ver- 
hältnissen entsprechende Sprache entbehren, und die 
Slawen müssen daher, als sie nach Annahme des Chri- 
stenthums zu der Uebersetzung der h. Schrift scrhitten. 
schon eine ausgebildete, geläuterte und vervollkommnete 
Sprache gehabt haben. Diese Meinung von der Vollkom- 
menheit der Sprache unserer heidnischen Vorfahren ist 
keineswegs chimärisch; sie beruht auf unwiderleglichen, 
aus der Sprache selbst genommenen Gründen. Wenn 
man die vielfachen, aus dem uralten Heidenthum der 
Slawen herrührenden Ausdrücke und Benennungen, die 
sich auf ihr öffentliches und Privatleben beziehen, und 
die mit vielen Verzweigungen noch heutzutage in den 
slawischen Dialekten fortleben, gehörig auffasst; so er- 
gibt sich gleichsam von selbst der klare und überzeugende 
Schluss: dass das slawische Riesenvolk keineswegs ein 
nomadisirendes, von Ort zu Ort herumwanderndes Volk 
gewesen, sondern seit undenklichen Zeiten in ungeheu- 
rer Masse die ausgedehntesten Länder in Europa einge- 
nommen, und eben darum, weil es sich unvermischt 
und rein von andern fremden Völkern erhalten, auch 
seiner Nachkommenschaft Wörter und Redensarten aus 
dem urgrauen Alterthum hinterlassen habe; dass unter 
den europäischen Sprachen die slawische Stammsprache 
ihrem Ursprung und Wesen nach originell sey, als de- 
ren zahlreiche Aeste die heutigen Dialekte zu betrachten 
sind: dass sowol der künstliche, und doch naturgemässe 
Bau, als auch der Reichtham und rlie mannigfache Ver- 
zweigung jener Urausdrücke die Stufe der Civilisation 
und Bildung unserer Vorfahren hinlänglich beurkunden; 



109 

und dass alles das, was wir bis jetzt über ihre Sitten, 
Gebräuche, Religion u. s. w. gesagt haben, zur Genüge 
beweise, wie w r eit die Begriffe der heidnischen Slawen 
gediehen waren, und welchen Grad die Kunst, für Vor- 
stellungen Wörter zu erfinden, bei ihnen erreicht habe. 
Die Namen der Monate müssen bei ihnen schon mehrere 
Jahrhunderte vor Chr. in Gebrauch gewesen seyn. Man 
nehme, wenn man will, die Bibel, und sehe die kräf- 
tigen, salbungsvollen Worte, Ausdrücke und Redensar- 
ten nach; man zähle nur die dem höchsten Wesen bei- 
gelegten erhabenen Beiwörter, und urtheile selbst, ob 
eine wilde barbarische Nation, ohne höhere Verstan- 
desbegriffe, ohne eine reinere Idee der Gottheit, im 
Anfange der Uebersetzungskunst einen solchen Reich- 
thum der Sprache, eine solche Anzahl kräftiger und ei- 
gener Ausdrücke habe entwickeln können ? Man kann 
hier einwenden, dass die Bibelgesellschaften Ueberse- 
tzungen der h. Schrift in manche asiatische und andere 
Sprachen besorgen, die noch in der Wiege sind. Allein 
diese Uebersetzungen können nur so viel Kraft u. Schön- 
heit besitzen, als jene Sprachen an sich kräftig, schön 
oder reich sind; Hr. Siskow hingegen hat bewiesen, 
dass die slawische Uebersetzung der h. Schrift sogar die 
französische und teutsche übertreffe. Eben so haben bis 
jetzt fast alle Schriftsteller behauptet, dass die Slawen, 
als sie an die Uebersetzung der h. Schrift die Hand leg- 
ten, die Buchstaben oder das Alphabet mit gewissen 
Veränderungen und Zusätzen von den Griechen entlehnt 
haben, was dem h. Kyrill und Method zugeschrieben 
wird. Es ist hier nicht der Ort, diese durch Verjäh- 
rung und der Schriftsteller Anseilen erhärtete Meinung 
zu bekämpfen; diess würde ein eigenes Werk erfordern, 
zu welchem die nöthigen Materialien durch die Länge 
der Zeit und andere ungünstige Umstände verloren ge- 
gangen sind; aber daraus, was über den gesellschaftli- 
chen Zustand der alten Slawen gesagt worden ist, darf 
man wol, unbeschadet der Achtung, die man der zeit- 
herigen Meinung schuldig ist, wagen, den Widerspruch 
derselben zu lösen, und es wahrscheinlich finden, dass 
die Slawen vor der Annahme des Christenthums die 



110 

Kunst dos Schreibens gekannt und verschiedene, dem 
Grade ihrer Civil isation angemessene Schriften besessen 
haben. Abgesehen von den Inschriften auf Bildsäulen 
und Tempeln, deren verschiedene Chronisten erwähnen, 
konnten wol die Slawen auf der oben angegebenen Stufe 
ihrer gesellschaftlichen Verfassung und Civilisation die 
Schreibekunst entbehren? Konnten ihre Priester Bücher 
entbehren, aus welchen am Ende sowol das geistliche, 
als bürgerliche Recht geschöpft werden musste? Konnte 
ein civilisirtes Volk so weit eingeschüchtert und gegen 
eigenen Ruhm gefühllos seyn, dass es nicht besorgt ge- 
wesen wäre, den kommenden Geschlechtern durch schrift- 
liche Zeichen das Andenken ihrer Vorfahren und Hel- 
den zu hinterlassen? Die süsse Sehnsucht nach der 
Kunde von den Thaten der Väter ist allen Völkern gleich 
eingeboren, sie wurzelt tief im Herzen des Menschen, 
und der jedem von der Natur eingeprägte Kunstsinn 
gibt ihm Mittel an die Hand, leicht Zeichen zu erfinden 
mittelst deren er die Nachricht von seinen Thaten auf 
künftige Jahrhunderte fortpflanzen kann. Die alten Ame- 
rikaner, ohne Berührung mit civilisirten Völkern, ohne 
Wissen um eine andere Welt und die Bildungsstufe des 
menschlichen Verstandes daselbst, ohne Kenntniss der 
Buchstabenschrift , verstanden doch in ihren Hierogly- 
phen und Knoten die Thaten ihrer Ahnen zu lesen: was 
soll man von den Slawen sagen, die von jeher feste 
Wohnsitze inne hatten, und mit Völkern, die längst im 
Besitze der Schreibekunst waren, in vielfache Berüh- 
rungen kamen ; ein blosses Gewahrwerden einer solchen 
Kunst reicht für Menschen hin, die in grossen Massen, 
durch gesellschaftliche Bande festgehalten, dem Landbau, 
den Gewerben und dem Verkehr obliegen. Es ist bekannt, 
dass unter allen europäischen Völkern die Kunst des 
Schreibens bei den Griechen am frühesten aufkam, wel- 
che dieselbe, zufolge der einstimmigen Atissage der Ge- 
schichtschrciber, den Aegyptiern verdanken. Nun aber 
waren die Slawen von jeher die nächsten Nachbarn der 
Griechen, und ihre Sprache stammt mit der griechi- 
schen und lateinischen aus einer Quelle. Die griechischen 
Buchstaben sind den koptischen ähnlich; aber die kopti- 



111 

sehen sind noch mehr, als die griechischen, den slawi- 
schen ähnlich. Kann man nicht aus allen diesen Umstän- 
den schliessen, dass noch vor Kyrill und Method diese 
Charaktere den Slawen bekannt waren, mit welchen 
sie die für den gewöhnlichen Bedarf nöthigen Bücher 
schrieben? 7 ) Aber daran zu denken, um so mehr da- 
von zu sprechen, ist eine gewagte, den strengen Kri- 
tiker zum Lachen und Spott reizende Sache, der sofort 
nach Beweisen, nach schriftlichen Documenten, nach hi- 
storischen Belegen fragen wird. Wo sind die erwähnten 
Bücher, wird er sagen; warum kamen sie nicht auf 
uns? Sind sie etwa verloren gegangen? Warum sind 
nicht die hebräischen, griechischen, lateinischen, ara- 
bischen u. s. w. verloren gegangen? In der That eine 
wichtige Einwendung ; über ein Augenblick ruhiger Ue- 



7 ) An Versuchen, das Protoalphabet der Slawen zu entdecken, hat 
es nie gefeht. So nahm Stränsky eine ruthenische (altrussische, also je- 
tzige kyrillische) Schrift schon bei den heidnischen Böhmen an. Dobner 
meinte, Kyrill, der Erfinder eines neuen Alphabets, könne nicht die heute 
sogenannten kyrillischen, weil sie augenscheinlich, bis auf einige wenige, 
griechisch wären, sondern müsse die glagolitischen Buchstaben erfunden 
haben. Die kyrillisch-slawischen aber hätten die Anhänger der griech. 
Kirche, die Bulgaren, Serben oder Russen, aus dem griechischen und gla- 
golitischen Alphabete zusammengestoppelt. Auch Anton wollte dem glago- 
litischen Alphabet zur Ehre eines slaw. Uralphabets verhelfen. Hanke v. 
Hankenstein glaubte ein vorkyrillisches Alphabet in seinem russischen Co- 
dex, der sich später als dem XIII. Jahrh. angehörend erwiesen, gefunden 
zu haben. Andere suchten den heidnischen Slawen den Gebrauch der Ru- 
nenschrift zu vindiciren. Dagegen behauptete schon Schlözer, obgleich erst 
kurz zuvor Hr. Katancsich zwei Quartanten de lingua et literatura der al- 
ten Pannono- und Illyroslawen geschrieben: „Kyrill und Method sind die 
Erfinder der slawischen Schrift, vor ihnen konnte kein Slawe schreiben" 
(Nestor III. 188.), und Hr. Dobrowsky : „Vor Einführung des Christen- 
thums, d. i. vor 845, sey an keine Schreibekunst, und vor Kyrill, d. i. 
vor 860, an kein slawisches Alphabet zu denken" (Gesch. d- böhm Lit. 
S. 45). Auch in Russland rühmten sich einige die uralte slaworussische 
Runenschrift gefunden zu haben, womit Bojans Hymne und einige Weissa- 
gungen der Nowgoroder heidnischen Priester im V! Jahrh. geschrieben seyn 
sollen. Indem diese Runen eine Aehnlichkeit mit der slawischen Schrift ha- 
ben, waren einige der Meinung, der auch Hr. Rakowiecki nach dem oben 
angeführten zu folgen scheint, dass die Slawen noch vor ihrer Bekehrung 
zum Christenthume eine eigene Runenschrift gehabt haben, woraus Con- 
stantin und Method mit Hinzufügung einiger aus dem griechischen und an- 
dern Alphabeten entlehnten Buchstaben die jetzige slaw. Schrift etwa so 
geformt hätten, wie der Bischof Ulphilas im IV. Jahrh. für die Gothen in Mö- 
sien und Thracien die gothische Schrift aus nordischen Runen und grie- 
chisch-lateinischen Buchstaben eingerichtet hat. Mit solchen slaworussi- 
schen Runen erschien die lte Strophe des erwähnten Gesangs von Bojan, 
und der Spruch des slaw. Priesters im 6. B. „Ctenije w besjedje ljubitelej 
ruskago slowa" S. P. 812. — „No i sije otkrytije nikogo neuwjerilo u 
sagt Hr. Metropolit Ewgenij in s. Slowar istoric. (818) 1. B. S. 424 — 425. 



112 

berlegung wird auch sie beschwichtigen.' 4 8 ) Nachdem 
nun Hr. Rakowiecki ausführlich darzuthun bemüht ist, 
wie nach der Bekehrung der Slawen alle Runde des 
heidnischen Slawenthums , ja die Kenntniss der altsla- 
wischen Kirchensprache selbst , durch Bedrückungen 
von Seite der Sieger, durch Drangsale des Kriegs, durch 
absichtliches Ausrotten, und tausendfältige andere Un- 
fälle aus dem teutschen Slawenlande, aus Polen, Russ- 
land u. s. w. nach und nach gänzlich verschwunden ist: 
fährt er (Th. II. S. 177 ff.) fort: „Die Sprache des 
grossen und uralten Slawenstammes musste im grauen 
Alierthum nur eine seyn. Auf diese Einheit der Sprache 
führt uns nicht nur die Analyse der jetzt bestehenden 
Mundarten, sondern auch die geschichtliche Forschung 
verbunden mit der Berücksichtigung des bürgerlichen 
und politischen Zustandes der alten Slawen. Es ist aus- 
gemacht, dass die Slawen seit undenklichen Zeiten eine 
theokratisch - weltliche Verfassung gehabt haben. Ihre 
Lebensart ins Besondere bestand aus Ackerbau u. Vieh- 
zucht. Kriegerische Eroberungen waren nicht ihr Ziel; 
sie waren nur im Falle der Vertheidigung ihrer Freiheit 
und ihres Volksthums den auswärtigen Feinden furcht- 
bar, und wehrten ihnen den Einfall in ihr Gebiet ab. 
Selbst die Römer, diese Weltbezwinger, konnten sich 
mit ihnen nicht messen. Bei solchem Stand der Dinge 
musste die zunehmende Volksmenge des Stammes eine 
und dieselbe Sprache der Väter führen, dieselben Sit- 
ten und Gebräuche bew r ahren. Diese Sitten und Gebräu- 
che, auf die sich die eigenthümliche Lebensart des Volks 
gründete, entsprangen aus festen religiösen und bürger- 
lichen Einrichtungen, die von den Priestern und ersten 
Gesetzgebern des Volks herrührten; sonst wäre es un- 
möglich gewesen, eine so grosse Masse in gesellschaft- 
licher Gemeinschaft und Ordnung zu erhalten. Zu allem 
dem gehörte aber eine Sprache, so weit bereichert, aus- 
gebildet und vervollkommnet, als es die gesellschaftli- 
chen Bedürfnisse einer so ungeheuren Volksmasse erfor- 
derten. An grossen Männern konnte es einem solchen 

8 j J. li. Rakowiecki Prawda ruska, Warsch. 820 - 22. Th. I. 

S. 57. ff. 



113 

Volke nicht fehlen, deren Andenken aber für die Nach- 
kommenschaft verloren gegangen ist. Auch an Schriften 
konnte es nicht fehlen, in welchen die religiöse und po- 
litische Verfassung enthalten war. Sie mussten Gesänge 
und Hymnen haben, die man den Göttern zu Ehren bei 
festlichen Feierlichkeiten sang. Sie mussten Schriften 
über die ruhmvollen Thaten der Ahnen haben, die in 
den Stürmen des Mittelalters auf keine Weise bis auf 
uns erhalten werden konnten. Die ältesten, durch einen 
blossen Zufall entdeckten slawischen Sprachdenkmale, 
die einzigen, wenigen Ueberreste aus dem heidnischen 
Slawenthuin, sind die böhmischen Fragmente: Libusa's 
Volksberathung und Gericht, Cestmjr's Sieg über Wla- 
slaw, und Zaboj, Slawoj und Ludiek, die wenigstens 
dem Ursprung und der Abfassung nach gewiss in die 
vorkyrillische Periode gehören. Alle dort vorkommen- 
den Beziehungen auf damalige Sitten und Gebräuche 
sind reine Ausdrücke des Heidenthums, von dem die 
Verfasser durchdrungen waren. Auch sieht man zugleich, 
dass dergleichen Gesänge, deren es eine Menge geben 
musste, bei dem Volk sehr beliebt und geachtet waren; 
aber diese kostbaren Ueberreste der Sprache konnten, 
als hinfällige Denkmale, dem alles verderbenden Zahne 
der Zeit nicht widerstehen." Ueber die Bekehrung der 
Slawen und den dadurch bewirkten Sprachanbau stellt 
Hr. Rakowiecki folgende Betrachtungen an (Th. II. S. 
176. ff.): „Die Slawen stellten, während sie die christ- 
liche Religion nach dem griechischen Ritus annahmen, 
ihre Sprache in Betreff der Religionsbücher in gleichen 
Rang mit der griechischen. Diejenigen unter ihnen, die 
unter griechischer Botmässigkeit gestanden, wussten sich 
beim Hof Ansehen zu verschaffen, und bekleideten hohe 
geistliche und weltliche Aemter. Sie übersetzten aus dem 
Griechischen die Religionsbücher, und verrichteten den 
Gottesdienst in der Nationalsprache. Hr. Karamzin er- 
zählt in s. Geschichte (Th. I. 140. 141.): dass sich von 
jeher viele Slaw en aus Thracien, Peloponnes und andern 
Provinzen des griechischen Reichs bei Hofe und in der 
Armee befanden; dass im VIII. Jahrh. ein Slawe, Na- 
mens Nikita, Patriarch von Constantinopel war, und der 

8 



114 

orientalischen Kirche vorstand; dass im Anfange des X. 
Jahrh. Ks. Alexander zwei Slawen, Gabriel und Wasi- 
lic, anter seinen ersten Lieblingen hatte, deren letzte- 
ren er zu seinem Nachfolger bestimmt habe*). Wenn nun 
die Slawen bereits im VIII. Jahrh. im griechischen Kai- 
sertimm so viel Gewicht und Ansehen gehabt, dass ei- 
ner ans ihrer Mitte Patriarch und Vorsteher der orien- 
talischen Kirche ward, so ist es nicht wahrscheinlich, dass 
sie nicht schon früher, oder wenigstens jetzt theilweise 
Christen gewesen wären, und die Liturgie in der Mut- 
tersprache gehalten hätten, um so mehr, da man in der 
Geschichte keine Spuren von einer Verfolgung ihrer 
Sprache im Orient wahrnimmt. In der 2ten Hälfte des 
IX. Jahrh. baten die Fürsten der abendländischen Slawen 
den Ks. Michael um Lehrer, und der schickte ihnen die 
Gebrüder Constantin und Method aus Thessalonich zu. 
In Makedonien wohnten seit Jahrhunderten Sloweno- 
Serben, wo sich noch heutzutage die Stadt Serbica un- 
weit Thessalonich befindet. (Karamzin Gesch. Th. I. 502). 9 ) 
Es mussten dort seit langer Zeit slawische Mönche Klö- 
ster haben, und die Liturgie in ihrer Sprache verrich- 
ten, aus deren Mitte Constantin und Method , als am 
meisten in der h. Schrift und den Lehren des Christen- 
thums bewandert, zu der Sendung gewählt wurden. Sie 
haben nun die vorräthigen liturgischen Bücher mitge- 
nommen, das fehlende ergänzt, um es durch Abschrei- 
ben im slawischen Abendlande zu vervielfältigen. Es ist 
oben wahrscheinlich gemacht worden, dass die Slawen 

*) Die zwei griech. Kaiser aus slaw. Geblüt, Justinian u. Basilius, 
scheinen den Hrn. Karamzin u. Rakowiecki entgangen zu seyn. Dass Ks. Ju- 
stinian I. (527 — 565) ein geborner Slawe gewesen, ist bereits vielfältig 
und genügend erwiesen worden. Der Name scheint Ucbersctzung od. Anpas- 
sung des slawischen ynpaB/ia, byzantisch ovngaovdoi, vgl. praivda iusti- 
tia, uprawo recte, iuste ; sein Vater hicss Istok od. Sabbatius, hciiiok ser- 
bisch sol oriens und Sabbatius , vielleicht im Zusammenhang mit dem 
phrygischen Zaßcc^tog und dem Mitras. S. Stefanowic's serb. Gramm, von 
Grimm 824. S. IV. — Aber auch Ks. Basilius (867 — 886), im .!. 818. in 
der Nachbarschaft von Thessalonichi geboren, war ein Slawe, wie Hamza, 
ein arabischer Schriftsteller aus Ispahan zu Anfang des X. Jahrh. ausdrück- 
lich berichtet. & Engel' s Gesch. d. alten Pannonicns u. d. Bulgarei. Halle 
797. S. 316. 

9 ) Es wäre zu wünschen, die ältesten Wanderungen der Slawen über 
die Donau wären schon aufgehellt, wie viel Licht würde dieses über die 
Geschichte der altslawischen Kirchensprache verbreiten ! — Hr. v. Schwa- 
benau nimmt an. dass die Maeotiden, welche unter der Regirung des Gau- 



115 

bereits vor Kyrill und Method mit der Schreibekunst 
bekannt waren; hier ist es genug, auf die Unwahr- 
scheinlichkeit aufmerksam zu machen, dass Kyrill und 
Method im ersten Augenblicke ihrer Ankunft bei den 
abendländischen Slawen im Stande gewesen wären, auf 
der Stelle ein den slawischen Lauten angemessenes, wenn 
gleich aus dem griechischen entlehntes und umgestaltetes 
Alphabet zu erfinden; dass sie auf einmal, ohne voran- 
gegangene frühere Versuche, die slawische Rechtschrei- 
bung hätten so weit einrichten und festsetzen können, 
als sie es noch jetzt ist, wo doch in Böhmen und Polen 
die Regulirung der Orthographie nach Einführung des 
lateinischen Alphabets — wie es die Geschichte be- 
weist — drei volle Jahrhunderte gedauert hat. Auch 
davon abgesehen, ist es möglich, dass Kyrill u. Method 
gleich bei ihrer Ankunft im slawischen Abendlande ver- 
mocht hätten, die Liturgie und h. Schrift in der slawi- 
schen Sprache allenthalben zu verbreiten und einzufüh- 
ren, ohne diese Bücher schon fertig und in Bereitschaft 
zu haben; ist es möglich, dass dieselben, mitten unter 
den ihrem Beruf und Geschäft eigenen Mühseligkeiten 
und Beschwerden, bloss mit Hilfe zweier Mönche, wie 
Nestor sagt, binnen sechs Monaten ein so grosses Werk, 
als die h. Schrift ist, aus dem Griechischen ins Slawi- 
sche hätten übersetzen, und bei einem Volke, das al- 
ler Kenntniss der Schrift ermangelte, mittelst eines frem- 
den Alphabets einführen können? Das Unstatthafte der 

dius Tacitus 276 die Gränzen des römischen Reichs beunruhigten (Flav. 
Vopiscus in Tacit., Amm. Marceil. L. 19. c. 11.), keine andern, als die 
Venadi Sarmatae, späterhin Sarmatae limigantes genannt, hiemit Slawen 
waren. Man weiss, dass ein Theil der Sarmaten (Slawen), nach der Em- 
pörung ihrer Knechte, die sie gegen die Gothen bewaffnet haben, sich un- 
ter den Schutz Constantins des Gr. begeben, und von diesem (334) 300,000 
Menschen stark durch Thracien, Makedonien u. s. w. vertheilt worden sind. 
(Vita Const. M. L. IV. c. 6.) Hr. Kopitar beweist (Wien. Jahrb. d. Lit. 
822. B. XVIL), dass das Neugriechische mit Slawischem stark versetzt, 
und der tschakonische Dialekt, den andere Griechen nicht verstehen, im 
Osten des alten Sparta, beinahe gewiss ursprünglich slawisch sey. Die Namen 
der tschakonischen Städte Kastänica, Sitina, Gorica u. Prasto sind slawisch ; in 
ihrer Gegend ist sogar ein Ort Namens 2n%ccßo%<oQi (Slawendorf), und 
andere slaw. Ortsnamen in ganz Griechenland, wie Leake bemerkt, z. B. 
Kamenica bei Patras u. s. w. Hieraus folgert nun Hr. Kopitar : Sollten sich 
mehrere dergleichen materielle und formelle Slawismen im Neugriechischen 
finden , so werden die ältesten slawischen Einwanderungen vor und unter 
Justinian (527 — 565) ungleich beträchtlicher angenommen und der By- 
zantiner eigene mehrfache Geständnisse von der Slawisirung des ganzen Grie- 

8* 



116 

bis jetzt darüber vorgebrachten Meinungen bat schon 
Karainzin in s. Geschichte (Th. [. 361 — 364) naher 
beleuchtet. Setzt man noch hinzu, wie schwer sogar jetzt 
slawische Werke mit kyrillischer Schrift bei den Slawen 
die sich des lateinischen Alphabets bedienen, Eingang 
finden, und eben so auch umgekehrt die mit lateinischer 
Schrift gedruckten Bücher von kyrillischen Slawen nicht 
gelesen werden; so ist, in Verbindung mit dem oben 
angeführten, der überzeugende Schluss nahe: dass Me- 
thod und Kyrill keinesweges so geschwind eine neue Lese- 
und Schreibekunst bei den Slawen hätten einführen kön- 
nen, wenn nicht vor ihnen die slawischen Stämme mit 
derselben schon zum Theil bekannt gewesen wären." Aus 
diesen und andern Stellen geht des Hrn. Rakowiecki Mei- 
nung von dem hohen Alter der altslawischen Kirchen- 
sprache und ihrem Verhältniss zu den jetzigen Mundarten 
deutlich hervor. 

Ohne mich berufen zu fühlen, über die Meinungen 
dieser würdigen Forscher ein Urtheil zu fällen, will ich 
nur, bevor ich zu den Schicksalen der altslawischen Kir- 
chensprache seit Kyrill u. Method übergehe, bemerken, 
dass aus allen bis jetzt angeführten Untersuchungen fol- 
gendes hervorzugehen scheint: 

1.) Dass die Slawen lange Zeit vor ihrer Bekehrung 
zum Christenthume eine im Verhältniss zu ihrer Civili- 
sation ausgebildete Sprache, und wo nicht geschriebene 
Religions- und Gesetzbücher (denn die aus Indien mit- 
gebrachte Schrift mag, als Eigenthum der Priester, bei 
ihren Wanderungen bald verloren gegangen seyn), doch 
wenigstens zahlreiche, der Weihe der Dichtkunst nicht 
ermangelnde Volksgesänge gehabt haben, wie ersteres 

chenlanda (wie z. S. Constantins des Purpurgebornen Them. II. , 6* 

io&lccßaid-T) 7tdocc 7] %(üqcc (der Peloponnes im VIII. Jahrh.) xcci ysyov 
ßägßaQog. Oder des Epitomators des Strabo : Hai vvv rff (ums J. 1000') 
ndcav Hnsipov aal EXXdSa G%t$6v, aal U.^\onövvr\Gov hol Maxsdoviav 
Zw,vftai. ZnXäßoi vsfiovxai.) viel ernster uud strenger verstanden werden 
müssen, als bisher gewöhnlich geschehen. — Im ,J. 473 bekriegte Theode- 
rich die Slawen oberhalb Mösien, weil sie sieh jenseits der Dumm auszu- 
breiten Buchten. (Jan enim Baepe Hunni, Antae ei Sclavini trajeeto iluvio 
(Danubio) Romano pessime foediBsimeque vexarant. Ptocop. de bell. Goth. 
L. III. c. 14. Wie ist aber hiemit L. 111. c. 38. zu reimen, wo er sagt: 
ante illud ternpus, quod Bupra dixi (534) numquam (hi harbari) cum ex- 
ercitu fluvium Istrum videutur trajccisseV) 



1.17 

die Prawda ruska, Igors und Olegs Tractat, letzteres 
aber die böhmischen Fragmente: Libusa, Cestmjr, Za- 
boj, Slawoj und Ludiek, ferner der russische Helden- 
gesang Igor beurkunden. 

2.) Dass die Bekehrung der Slawen allmälig, wahr- 
scheinlich zuerst von Constantinopel aus, lange vor Ky- 
rill und Method, eingeleitet worden ist, und als bei 
wachsender Empfänglichkeit der Slawen dafür im Abend- 
lande gleiche Versuche von der römischen Kirche ge- 
macht wurden, die slawischen Fürsten in Pannonien und 
Mähren, der Verschiedenheit des griechischen und rö- 
mischen Ritus (d. i. dort der slawischen, hier der la- 
teinischen Sprache beim Gottesdienst) nicht unbewusst, 
ausdrücklich darum nach Constantinopel um Religions- 
lehrer geschickt haben, weil ihnen die Liturgie in der 
slawischen Sprache, deren Fortschritte in Griechenland 
(Makedonien, Bulgarien, Serbien) sie kannten, annehm- 
barer als in der lateinischen geschienen. 

3.) Dass Kyrill und Method, als sie, auf ausdrück- 
liches Verlangen der mächtigen slawischen Fürsten (wenn 
anders nicht die ganze Mission eine Fabel ist) nach Pan- 
nonien und Mähren geschickt wurden, im Werke der 
Bekehrung und in der slawischen Sprache keine Anfän- 
ger mehr, sondern längst geübt und bewandert gewesen 
seyn müssen; sonst würde man ihnen kein so hochwich- 
tiges Werk, bei dem es sich um die Ehre des Kaiser- 
thums und des Christenthums handelte, anvertraut haben. 

4.) Dass demnach wahrscheinlicherweise auch meh- 
rere Vorläufer an der Umschmelzung der griechischen 
Buchstaben zum slawischen Gebrauch und der successi- 
ven Uebersetzung der Kirchenbücher theilgenommen ha- 
ben; wenn man gleich nicht in Abrede stellen kann, 
dass Kyrill und Method bei der Vollendung dieses Al- 
phabets und der theilweisen Uebersetzung der h. Bücher, 
wie auch bei der Verbreitung der christlichen Religion 
unter den Slawen sich das grösste Verdienst erworben 
haben, wesswegen später auch dem Alphabet der Name 
des kyrillischen in den Ländern, wo Kyrill vorzugsweise 
gepredigt und gewirkt hat, beigelegt worden ist. 



118 

5.) Dass aber über die Sprache der kyrillischen Bü- 
cher und ihr Verhältniss zu den jetzigen Mundarten bis 
dahin das Urtheil verschoben werden muss, bis einerseits 
die Natur dieser Mundarten selbst mit Zuziehung neuer 
Hilfsmittel genauer ergründet , anderseits aber die Un- 
tersuchungen über der ältesten Slawen Cultur und Wan- 
derungsperioden geschlossen seyn werden ; obschon es 
wahrscheinlich ist, dass dieser Dialekt, selbst wenn man 
ihn für den Ertrag einer frühern Sprachcultur der noch 
heidnischen Slawen gelten lassen wollte, zu Kyrills und 
Methods Zeiten bei demjenigen Stamme, der am frühe- 
sten und am weitesten in das griechische Thrakien, Ma- 
kedonien und Illyrien vorgedrungen, mehr zu Hause 
war, als bei den andern 10 ). 

Doch dem sey, wie ihm wolle — die schwierige 
Etymologie und die noch dunklere Geschichte lässt uns 
hierüber in Ungewissheit - immer bleiben die goldenen 
Worte J. S. Bantkies dem beherztem Slawisten ein Denk- 
und Wahlspruch: „Gott gebe, dass der slawische Kir- 
chendialekt, als die erste, oder wenigstens die älteste 
uns bekannte Quelle der slawischen Sprache, von allen 
slawischen Völkern gelernt und gekannt sey, nicht um 
der Einheit der Kirche willen, sondern um der höhern 
wissenschaftlichen Bildung willen, um der Erhaltung des 
slawischen Volksthums willen, auf dass wir uns nicht 
verteutschen, nicht vertatern , nicht vertürken (ich se- 
tze hinzu: nicht verfranken und vermagyern), auf dass 

10 ) Will man aber , nach dem jetzt bestehenden Unterschied der 
bulgarischen u. serbischen Mundart, entscheiden, welche von beiden die 
gerade Descendentin von Kyrills erhabener Kirchensprache sey ; so dürfte 
vielleicht vor dem Endspruch die Bemerkung der Beachtung nicht unwerth 
scheinen, dass wol das Bulgarische und Serbische ursprünglich und noch zu 
Kyrills Zeiten nur eine Mundart gewesen sey. Unter den slaw. Geschlech- 
tern in Mösien, Makedonien u. Illyricum werden frühzeitig die Sjewerane 
und Dregowicen (alt Drgowiöen), jene als der heutigen Bulgaren, diese 
als der Serben Vorfahren genannt. Nun sassen aber die zurückgebliebe- 
nen Verwandten dieser Sjeweranen und Dregowiöen noch lange Zeit darauf 
in Roth- und Weissrussland an der Desna, Sema, Sula und Pripet' zu- 
sammen (Nestor Cap. V. IX.), waren demnach nicht nur Nachbarn, son- 
dern auch Stamm- und Sprachgenossen. Auch die frühern Colonien in Thra- 
kien u. Mösien, vorzüglich jene ums J. 540, mögen nur abgerissene Zwei- 
ge, gleichsam Vorläufer und Wegweiser dieser ihrer Nachfolger gewesen 
seyn. Wie sich das Bulgarische, vorzüglich seit der Vermischung der mu- 
sischen Slawen mit den eigentlichen Bulgaren, einer tatarischen Nation, 
nach und nach so weit von dem Serbischen entfernt habe, als wir es heute 
sehen : wird aus dem Gange der politischen Geschichte beider Stämme klar. 



119 

wir nicht abfallen von der gemeinschaftlichen Quelle der 
Volkstümlichkeit, die trotz der Stürme von zehn Jahr- 
hunderten nicht versiegt ist." Darum sind die Bemü- 
hungen unserer geachtetsten Sprachforscher um die Her- 
stellung und Reinhaltung dieser Sprache, die allerdings 
im Laufe der Zeit und in der Fremde manches Fremde 
angenommen, ein wahres Verdienst um die Gesammtlitera- 
tur der slawischen Völker, zu welchen ich nun übergehe. 

$. H. 

Schicksale der altslawischen Kirchensprache und lieber- 
sieht einiger Denkmale derselben. 

Kaum war die slawische Sprache durch Kyrill und 
Method auf den Weg gebracht, allgemeine Schrift- und 
Kirchensprache aller Slawen zu werden, als sie schon 
mit vielfältigen, unüberwindlichen Hindernissen zu käm- 
pfen hatte. Method wurde, wie bekannt, zu Rom von 
der Salzburger Geistlichkeit als ein griechischer Eindring- 
ling und Neuerer zu wiederholtenmalen angeklagt. Bei 
seinen Lebzeiten beschwichtigte er glücklich alle Ankla- 
gen, aber nach seinem Tod unterlag die gute Sache dem 
unseligen Eifer der Salzburger und anderer Gegner. Die 
teutschen Bischöfe wachten äusserst eifersüchtig über die 
Gränzen ihrer geistlichen Gebiete. Den bairischen Bi- 
schöfen in Passau und Salzburg waren unläugbar alle dor- 
tige Slawen, als zu ihren Sprengein gehörig, angewie- 
sen. Kein Zweifel, dass sie gleich nach Methods Abreise 
aus Mähren und seinem Tode den slawischen Gottesdienst 
daselbst durch Wiching, diesen erklärten Gegner der 
Griechen , unterdrückten. Der Erzb. Johann und die 
beiden Bischöfe Daniel und Benedict, die P. Johann IX. 
im J. 899. nach Mähren schickte, waren schon Römer. 
Etwa 100 Jahre nachher schrieb P. Johann XII. in der 
Bulle, durch die er die Stiftung des Bisthums Prag er- 
laubte: Verumtamen non seeundum ritus aut seetam Bul- 
garicae gentis, vel Russiae, aut Slavonicae linguae, sed 
magis sequens instituta et decreta apostolica, unum po- 
tiorem totius ecclesiae ad placitum eligas in hoc opus 



120 

clericum , latinis apprime litteris eruditmn. Ein glei- 
ches traf, wahrscheinlich noch früher als in Mähren. 
die slawische Liturgie in Pannonien und Karantanien. 
Allein der Kampf würde gewiss sowol hier als dort viel 
länger gedauert haben , wenn ihn nicht unerwartete 
schreckliche Vorfälle — der Einbruch der Magyaren und 
die Besetzung von Mähren (der jetzigen Slowakei) und 
Pannonien — abgebrochen hätten. Die Italiener und 
Teutschen bemächtigten sich nun völlig der Kirche im 
slawischen Abendlande. Von diesen verfolgt, suchten die 
slawischen Priester in verschiedenen Ländern Zuflucht 
und Obdach. Auch in Dalmatien und Kroatien konnte 
sich die slawische Liturgie nicht lange erhalten. Auf 
die Abmahnungen des Papstes trat sogar ein Fürst in 
Slawonien zum lateinischen Ritus über. Was soll man 
endlich von dem gehässigen Urtheil einer um das J. 1060 
zu Salona in Dalmatien gehaltenen Synode, die den Mc- 
thod für einen Ketzer ansah, sagen? Es ward da be- 
schlossen, dass Niemand mehr in slawischer, sondern 
nur in lateinischer und griechischer Sprache Messe lesen 
soll. Dicebant enim, wie der Archidiakon Thomas er- 
zählt, gothicas litteras a quodam Methodio haeretico fuis- 
se repertas, qui liiuita contra catholicae fidei normam in 
eadem slavonica lingua manendo conscripsit. Quam- 
obrem divino iudicio repentina dicitur morte fuisse da- 
mnatus. Diesen Leuten war gothisch und slawisch einer- 
lei; auch mochten sie nicht wissen, dass Mcthods Recht- 
gläubigkeit selbst der Papst Johann VIII. anerkannt habe. 
Um die Slawen von der griechischen Liturgie abzuhal- 
ten, fand man es hier für nöthig, das kyrillische Alpha- 
bet mit einem andern zu vertauschen, welches in der 
Folge den Namen des ijluyolitischen erhielt. Es verfiel 
nämlich ungefehr 350 Jahre nach Kyrill irgend ein Dal- 
matier auf den Gedanken, i'iir die Anhänger der latei- 
nischen Kirche, die doch den Gottesdienst in ihrer Mut- 
tersprache nicht fahren lassen wollten , das römische 
Missal ins Slawische zu übersetzen und einzuführen. 
Zum Behuf der neuen Liturgie schien es ihm rathsam, 
um das aus kyrillischen Büchern Geborgte besser zu ver- 
hehlen, auch neue Buchstaben zu erkünsteln, und sie. 



121 

um ihnen leichler Eingang zu verschaffen, dem grossen 
Kirchenlehrer u. Bibelübersetzer Hieronymus zuzuschrei- 
ben. Da sich gleich anfangs mehrere Geistliche zu die- 
sem patriotischen Zwecke vereinigt haben mochten, so 
kam auch das Brevier hinzu, in welches sie den Psalter 
nach der bereits vorhandenen kyrillischen Uebersetzung 
aufnahmen, und nur die Stellen, wo er von der Vul- 
gata abwich, veränderten. So verbreitete sich auch all- 
mälig der falsche Ruf von einer dalmatischen Bibelüber- 
setzung, die den h. Hieronymus zum Urheber habe. In— 
dess hatte doch die Sache die Folge, dass sich in Dal- 
matien die altslawische Literalsprache wenigstens bei ei- 
nein Theil der Priester, den Glagoliten, bis auf den heu- 
tigen Tag erhalten hat. In Böhmen, das seine Bekehrung 
teutschen Priestern verdankt, scheint Kyrills altslawische 
Kirchensprache nie allgemein eingeführt worden zu seyn. 
Zwar bauete der h. Prokop um das J. 1030 den slawi- 
schen Mönchen ein Kloster zu Sazawa; allein kaum zwei 
Jahre nach seinem Tode, im J. 1055, wurden sie von 
dem Hzg. Spitilmew als Ketzer aus dem Lande verwie- 
sen, und der slawische Abt durch einen teutschen ersetzt. 
Sie wurden zwar unter dem Hzg. Wratislaw 1061 zu- 
rückberufen, jedoch von Bretislaw, seinem Nachfolger, 
abermal vertrieben. Unter Karl IV. wurde 1347 ein 
Kloster Emaus auf der Neustadt Prag zu Ehren des h. 
Hieronymus, Kyrill, Method u. s. w. für slawische, aus 
Kroatien geflüchtete Beuedictiner, die sich aber der gla- 
golitischen Schrift bedienten, gestiftet; nachdem aber die 
alten Kroaten ausgestorben waren, nahm man geborne 
Böhmen ins Kloster auf, die bald den slawischen Got- 
tesdienst mit dem lateinischen vertauschten. Der Einfluss 
der slawischen Kirchensprache auf die Bildung der böh- 
mischen war also ganz unbeträchtlich. I) In Polen baue- 
ten die slawischen Priester zu Anfange des X. Jahrb. die 
Kirche zum h. Kreuz in Krakau, und verrichteten hier 
den Gottesdienst in slawischer Sprache. Zwar hatte we- 
der zu dieser Zeit, noch später, die slawische Liturgie 
in Polen, die russischen Provinzen desselben ausgenom- 
men, vor der lateinischen den Vorzug; indess wurden 

x ) Dobrowsky Slawin S. 434 ff. Dess. Gesch. der böhm. Lit. S. 46. ff. 



122 

Hie slawischen Priester hier doch mehr, als irgend sonst 
im Abendlande, geduldet, sowol wegen der Nähe der 
russischen Provinzen Polens, als auch in der Absicht, 
die Russen und andere Slawen des griechischen Ritus 
auf diesem Wege der Milde und Verträglichkeit Rom 
geneigter zu machen. Aus diesem Grunde haben die sla- 
Avischen Priester in Krakau, als dem Mittel punct zwi- 
schen Russland und andern Slawen des griechischen Ri- 
tus, bis auf die Zeiten Dlugosz's (f 1480) und noch spä- 
ter eine Kirche gehabt, woselbst sie den Gottesdienst in 
ihrer Sprache versahen, und zu allererst nach Erfindung 
der Buchdruckerkunst eine Druckerei für Kirchen- und 
sonstige Bücher mit kyrillischen Typen errichteten, die sie 
nun in alle Slawenländer verschickten. 2 ) Nur bei den 
nordöstlichen Slawen des griechischen Ritus , bei den 
Serben, Bulgaren und Russen, fand Kyrills Literalspra- 
che Schutz und Pflege, und blieb bis auf den heutigen 
Tag in der Kirche, in den frühern Jahrhunderten aber 
auch am Throne und in der Stube des Gelehrten herr- 
schend. In Russland nahm 980 der Grossfürst Wladimir 
die christliche Religion nach dem griechischen Ritus an, 
und führte den slawischen Gottesdienst in seinen Län- 
dern ein. Wir übergehen die fernem Schicksale der sla- 
wischen Liturgie in diesen Ländern, namentlich die Ge- 
schichte der Union, und wenden uns zu der Sprache. 
Sowol in Serbien, als in Russland, fuhr auf der von 
Kyrill und Method betretenen Bahn vorzüglich die Geist- 
lichkeit fort, liturgische Schriften und Chroniken in sla- 
wischer Sprache abzufassen. Den Zuwachs demnach, der 
seit dieser Zeit der altslawischen Kirchensprache zu Theil 
ward, haben wir allein den Russen und Serben zu ver- 
danken. Was ungefehr bei Kyrills und Methods Lebzei- 
ten, was zunächst nach ihrem Tode von der Bibel und 
den übrigen heiligen Büchern übersetzt worden seyn 
mochte, ist bereits oben §. 10. angegeben worden; die 
Aufzählung einiger der wichtigsten Denkmäler dieser 
Sprache wird unten folgen. 

Es war natürlich, dass im Laufe der Zeit und in 
der Fremde Kyrills und Methods liturgische Sprache 

2 ) Rakiowecki Prawda ruska Th. II. S. 181 - 182. 



123 

manches ihrem ursprünglichen Charakter Fremde ange- 
nommen habe; ja dass dessen im Ganzen nicht viel mehr 
geworden, ist nur aus ihrer heiligen Bestimmung und 
ihrem von Method und seinen Gehilfen fest aufgedrückten 
Typus zu begreifen. Methods heilige Bücher wurden 
nämlich im Ganzen mit frommer Gewissenhaftigkeit ge- 
nauer abgeschrieben, als sonst bei profanen Gegenstän- 
den von sprachverwandten Abschreibern zu geschehen 
pflegt, und nach dem Typus derselben die slawische Li- 
teratur, mit Hintansetzung der Volkssprachen , selbst 
von gebornen Serben, Bulgaren, Walachen, Russen u. 
s. w. fortgesetzt, bis zuletzt auch hier die Landesspra- 
chen ihr Recht geltend machten, auch Schriftsprachen 
zu seyn, hier früher, dort später nach Umständen, aber 
überall natürlich später, als dort, wo — wie bei Ka- 
tholiken — die Redesprache nicht erst eine heilige Kir- 
chensprache zu beschwichtigen hatte. Man denke an die 
Literatur der Böhmen im XIII — XIV., der Polen im 
XVI. Jahrb., Krainer, Kroaten, Serben latini ritus (Ra- 
gusa) u. s. w., davon die jüngsten an drei hundert Jahre 
zählen, während die Russen erst seit etwa hundert Jah- 
ren ihren Dialekt schreiben, und die Serben noch bis 
auf diesen Tag um die Rechte der Volkssprache streiten. 
Aber eben seitdem die Kirchensprache bei ihren Beken- 
nern der weltlichen Dienste durch die einzelnen Landes- 
sprachen enthoben, und bei den übrigen Slawen ohne- 
hin von jeher reine Antiquität ist, wurde das Bedürf- 
niss fühlbar, sie ungetrübt von den profanen Interessen 
und Rücksichten des Nationalstolzes, für ihre Bekenner 
auf ihre Urgestalt unter Method zurückzuführen, und für 
die übrigen ebenfalls als reine Antiquität, entkleidet von 
allem Unslawischen, was ihr durch Tausend Jahre zu 
sogenannten praktischen Zwecken in der Fremde umge- 
hangen worden, darzustellen. Mit einem Worte, man 
sah und sieht immer mehr ein, dass es an der Zeit ist, 
mit hundert Bänden das zu machen, was die Teutschen 
mit einem Bande ihres, freilich an fünfhundert Jahre 
altern, Ulfilas längst gemacht haben. Zwar fehlt es be- 
reits in frühern Jahrhunderten, vorzüglich in Russland, 
nicht an Versuchen, die altslawische Literalsprache in 



124 

den liturgischen Büchern zu verbessern. So ward der 
griechische Mönch Maxiin auf des Caren Basilius Joan- 
nowic Begehren vom Patriarchen von Constantinopel 
unter allen Mönchen des Berges Athos 1512 ausgesucht, 
um die durch unwissende Abschreiber während der mon- 
golischen Dienstbarkeit 1238 — 1477 in die Kirchen- 
bücher eingeschlichenen Fehler nach den griechischen 
Originalen zu verbessern, fiel aber nach neun Jahren 
seines Aufenthalts zu Moskau in Ungnade, und starb im 
Gefängnisse nach drei und dreissig Jahren. Die Verbes- 
serung der Kirchenbücher kam immer wieder zur Spra- 
che, mit dem meisten Aufsehen unter dem Patriarchen 
Nikon 1652, was aber zur Entstehung der Kaskolniken 
Anlass gab, welchen der Correctionen endlich zu viele 
wurden, als man ihnen sogar den als 1c«ct. angeeigne- 
ten Namen Jesu in den griechischem , dreisylbigen 
ihchct. umcorrigirte. Die Revision der Kirchenbücher 
ward 1667 beendigt, die der Bibel erst 1751. Diese 
Verbesserung ist aber so zu verstehen: dass von Leu- 
ten, die eine fast blinde Verehrung mehr für die Wör- 
ter, als für den Sinn der griechischen Originalien hegten, 
nicht nur die sinnlosen oder unrichtigen, sondern auch 
die, wie so oft in der Vulgata, mehr Sinn für Sinn als 
Wort für Wort übersetzten Stellen, ängstlich-wörtlich 
nach dem Griechischen, und die Sprache selbst aber- 
mals nach der in den Flexionen und sonst stark russisi- 
rendcn Grammatik von 1648 geändert ward. An philo- 
logische Achtung für eine gegebene, heilige, todte Spra- 
che ist da nicht zu denken, nicht an Achtung für den 
slawischen Sprachgenius bei so sklavischen Verbesseren). 
Maximus Schüler, der Kusse Silvanus, der gegen solche 
Wort abgölte rey für den Sinn eifert, ist ein Prediger in 
(\er Wüste. Niemand weiss von Kyrill und Method, man 
glaubt nur veraltetes Russisch vor sich zu haben, was 
man erneuern könne und müsse, «im es verständlicher 
zu machen; nicht einmal die letzten Revisoren der Bibel 
1751 kennen Kyrillus, sie glauben die erste Ueberse- 
tzung unter Wladimir 988, also in Kussland und in alt- 
russischer Sprache gemacht, und bedauern, dass das 
Exemplar aus Wladimirs Zeit, woraus 1581 die Ostro- 



125 

ger Bibel abgedruckt worden, nachher verloren gegan- 
gen sey, während doch das Exemplar, wornach der 
Druck der Ostroger Bibel besorgt worden , höchstens 
vom J. 1499 oder noch jünger ist, und in Moskau noch 
existirt. 3 ) Bei den Glagoliten in Dalinatien haben im 
XVII. Jahrh. Pastrich und Levacovich die erste Revi- 
sion des Missais und Breviers vorgenommen. Der letzte 
Revisor, Caraman, war in Petersburg gewesen, und 
konnte sich aus kyrillischen Büchern helfen; dafür aber 
brachte er, in der falschen Meinung, der russische Text 
der Kirchenbücher wäre der echte, alte, eine Unzahl 
Russismen in das glagolitische Missal von 1741. (Vgl. 
unten §. 28. über die glag. Schrift und Lit.) Die Russen 
sehen die Verbesserung der Kirchenbücher seit 1751 für 
beendigt und geschlossen, während die Sprachkritik und 
Philologie sie erst recht aus dem Grunde neu wiederho- 
len muss. Da indess für die Russen mit dieser Wieder- 
herstellung ausser dem geistigen auch noch ein geistliches 
Interesse verbunden ist, so ist's einleuchtend, dass sie 
nicht übereilt werden dürfe. 4 ) Mittlerweile sind die 
Bemühungen einzelner Sprachforscher, die dunkeln Par- 
tien der altslawischen Kirchensprache und Literatur auf 
historischem Wege aufzuhellen , und die ehrwürdige 
Sprache selbst, mit Hilfe der gesunden Sprachkritik, in 
ihrer Urgestalt wieder herzustellen, mit einem um so 
höhern Dankgefühl zur gehörigen Benutzung aufzuneh- 
men. Was durch die frühern, meist sehr dürftig bear- 
beiteten Grammatiken, worunter die des Meletius Smo- 
trisky vom J. 1613 lange für classisch galt, für die 
Wiederaufnahme und Cultur dieser Sprache geschah, 
kann hier füglich übergangen werden; wir begnügen 
uns, auf die grossen Verdienste, welche sich um die Er- 
forschung und Reinstellung dieses Dialekts die Hrn. Do- 
browsky, Kopitar, Siskow, Wostokow u. a. in. in den 
neuesten Zeiten erworben haben, hinzuweisen. Nicht 
minder erspriesslich dem Studium dieser Sprache sind 
die antiquarischen und paläographischen Untersuchungen 
der Hrn. Koppen, Kalajdowic, Strojew u. a. m. Besäs- 
sen wir nur auch schon ein Wörterbuch dieses Dialekts, 



3\ 



Dobrowsky instit. 1. slav. p. LH. ff. 701. (Kopitar) Rec. der 
Gramm, v. Dobrowsky in den Wien. Jahrb. der Lit. B. XVII. 



Kopitar a. a. 0. 



126 

das dem jetzigen Standpunkt der slawischen Philologie 
und der Wissenschaftlichkeit des Jahrhunderts angemes- 
sen, sich würdig an die Grammatik der altslawischen Kir- 
chensprache vom Hrn. Abbe Dobrowsky reihen möchte ! 5 ) 
Die Geschichte der altslawischen Kirchensprache und 
ihres literarischen Anbaues zerfällt nach Hrn. Wostokow 
in folgende drei Zeiträume: 1.) Von Kyrill oder dem 
IX. Jahrh. bis zum XIII. Jahrh. 2.) Von XIII. bis zum 

XVI. Jahrh., 3.) Von da bis auf unsere Zeiten. Dieser 
Unterscheidung gemäss nimmt Hr. Wostokow drei Arten 
des Kirchenslawisch an: 1.) ein altes, welches in den 
Handschriften vom X — XIII. Jahrh. vorkommt: 2.) ein 
mittleres, das sich unmerklich durch russische Abschrei- 
ber vom XIV. bis ins XV. und XVI. Jahrh. hinein bil- 
dete; 3.) ein neues, der (in Polen und Russland) ge- 
druckten Kirchenbücher, besonders seit der sogenannten 
Verbesserung derselben. Das erste sey natürlich das ein- 
zig echte, das mittlere schon nicht ohne Neuerungen 
(Kussismen), das neue schon stark metadialektisirt, und zum 
Theil sogar Erzeugniss der geschäftigen Grammatiker. 6 ) 

Die schriftlichen Documente des Kirchenslawischen 
fangen erst in der Mitte des XI. Jahrh. an. Die ältesten 
bekannten slawischen Denkmale sind: 1 .) Das sogenannte 

5 ) Sprachbücher, Grammatiken: L. Zizania grammatika slowenska, 
Wilna 596. 8. — M. Smotrisky grammatiki slawenskija prawilnoje synta- 
gma, w Jewju (b. Wilna) 618. 8. Neu aufgelegt Moskau 721. Rimnik 
755. 8. (von P. Nenadowic, Erzb. u. Metrop. von Karlowic). — Pismenica, 
Kremieniec 638. 8. Wahrscheinlich nach Smotrisky. - Grammatica slavo- 
nica (auct. anon.), Mosquae 648. 4. — Gramm, slav. 719. 8. — Th. Ma- 
ximovj grammatika slawenska, S. Pet. 723. 8. A. Mrazowic rukowodstwo 
k slawenstjej grammaticje, Wien 794. 8. Ofen 811. 821. 8. — P. Wino- 
gradow kratkaja gramm. slawenskaja, S. P. 813. 8. — J. Dobrowsky in- 
stitutiones linguae slavicae dialecti veteris, Vindob. 822. 8- — Eine neue 
Gramm, des Kirchenslawischen haben wir vom Hr. Wostokow zu erwarten. 
Wörterbücher : P. Beryndae lex. slaveno- russicum, Kioviae 627. 2. A. im 
Kuteinischen Kloster 653. — Th. Polycarpi dictionar. trilingue, h. e. <li- 
ctionum slavic., graec. et latin. thesaurus, Moscov. 704. 4. — {Ewgenij) 
kratkoj Biowar slawianskoj, S. P. 784. dem zugleich eine kurze Gramm, 
angehängt ist. — Slowar akademii rossijskoj, S. P. 806 — 822. ist eigent- 
lich russisch, enthält aber auch viele altslaw. Wörter. S. die russ. Liter. — 
P. ÄUasjejew slowar cerkownyj, S. P. 773. 8., 2 A. eb. 794. 3 B. 8., 3 A. 
M. 815 -- 16. 4 B. 8., 4 A. S. P. 817 — 19. 5 B. 8. — (Anon ) niemecki 
i serbski slowar. Wien 790. 8. ist ein Zwitter zwischen dem Altslawischen 
und Serbischen. — Ein Wörterbuch dieser Sprache haben wir ebenfalls von 
den Uni Wostokow und Kopitar zu erwarten. 

6 ) „Uebor die altslaw. Sprache, wie sie sich aus dem, bisher ältesten 
Evangelien-Codex des Nowgoroder Posadniks Ostromir vom J. 1056 ergibt" 
ron A. Wostokow in den „Abhandl. der Gesellsch. der Liebhaber russ. Lit." 

XVI I. llft. Mosk. 820. Wostokow meint, die Russen hätten bereits zu Me- 



127 

Ostromirsche Evangelium vom J. 1056., welches für den 
Posadnik (Aldermann , Bürgermeister) von Nowgorod, 
Ostromir, einen nahen Anverwandten des Grossf.lzjaslaw 
geschrieben ward, und nun in der kais. off. Bibliothek 
zu S. Petersburg aufbewahrt wird. Diesen Ostromirschen 
Codex hält Wostokow für die dritte, oder höchstens 
vierte Abschrift der von Kyrill übersetzten Evangelien. 
Kyrills Exemplar sey nämlich in der Bulgarei oder in 
Mähren geblieben, davon sey nach hundert Jahren eine 
Abschrift für Wladimir in Kiew, davon noch später ei- 
ne für die Sophienkirche in Nowgorod, und endlich von 
dieser eine für den Posadnik Ostromir durch den Diako- 
nus Gregor genommen worden. 2.) Die Inschrift auf 
dem Steine von Tmutorokan (dem Tamatarcha Constan- 
tins Porph.) vom J. 1068., welche auf der Halbinsel Ta- 
man liegt, und worin es heisst, dass damals vom Für- 
sten Gljeb die Breite des gefrornen Bosporus gemessen 
ward. 3.) Der Sbomik oder Sammlung geistlicher Schrif- 
ten vom J. 1073., gehörend dem Nowowoskresenskischen 
Jerusalemskloster unweit von Moskau, von Hrn. Kalaj- 
dowic 1817 entdeckt. 4.) Ein ähnlicher Sbornik vom J. 
1076., v welcher früher dem Reichshistoriographen Für- 
sten Scerbatow angehörte, und nun das Eigenthum der 
kais. Eremitage-Bibl. zu S. P. ist. 5.) Das Mstislawsche 
Evangelium, geschrieben vor dem J. 1125 für den Für- 
sten Mstislaw Wladimirowic, befindlich zu Moskau im 
Archangelskoj Sobor. 6.) Aelteste Urkunde zwischen J. 
1128 — 1132, welche eine Schenkung an das Juriklo- 
ster bei Nowgorod von Seiten des Nowgorodschen Für- 
sten Mstislaw Wladimirowic und seines Sohns Wsewo- 
lod Mstislawic betrifft. 7.) Ein Evangelium vom J. 1143, 
gehörend der Patriarchal- oder Synodalbibliothek zu 
Moskau. 8.) Ein Kreuz der h. Euphrosyne in Polock vom 
J. 1161 mit slawischer Inschrift. 9.) Die Inschrift am 
sogenannten Rogwolodschen Stein vom J. 1171 vom Po- 

hods Zeiten TOpOß (horod), Iie*I (peö), BO'M (woz), OJKe (oze) u. s. w. 
gesagt. Aber ausser diesen geringen lexicalischen Unterschieden seyen die 
Grammatiken der verschiedenen Stämme einander viel näher gewesen, als 
300 — 400 Jahre später, oder gar heutzutage ; so dass sich damals die Sla- 
wen aller Stämme untereinander so verstanden hätten, wie etwa ein Russe 
vom Archangel od. vom Don einen Moskauer od. Sibirier verstehe. Die alte 
Sprache unterscheide sich von der neuem vorzüglich durch tu.»» statt 
und e, z. B. TAacbKi, iBßhM'B, E'Bflfn», ferner dadurch , dass sie nach 
K, X, r immer U, nach a;> W, q, i|, t|i immer h od. H schreibt u. s. w. 



128 

lockischeu Pursten Rogwolod, liegend neben dem Wege 
von Orsa im Mogilewschen Gonv. nach Minsk. 10.) Die 
in der Düna gelegenen Sieine mit .slawischen Inschriften 
von dem J. 1225. 11.) Vertrag des Smolenskischen Für- 
sten Mstislaw (in der Taufe Theodor) Dawidowic mit 
der Stadt Riga vom J. 1229. 12.) Die älteste Urkunde 
des moskauischen Archivs des kais. Reichscollegiums vom 
J. 1265. Ein Vertrag des Twerschen Grossf. Jaroslaw 
Jaroslawic mit der Stadt Nowgorod. 13.) Die älteste Ab- 
schrift der Rormcaja kniga und dabei der Gesetze Ja- 
roslaws, bekannt unter dem Namen Prawda rnskaja (rus- 
sisches Recht), vom J. 1280. 14.) Ein zu Riga aufbe- 
wahrter, auf Papier geschriebener Vertrag des Smolenski- 
schen Fürsten Iwan Alex andro wie mit der Stadt Riga 
zwischen den J. 1330 — 59. 15.) Der Laurentische Co- 
dex, oder die älteste aller bis jetzt bekannten Abschrif- 
ten der Nestorschen Jahrbücher. Diese ward im J. 1377 
für den Grossf. Dimitrij Konstantinowie verfertigt, und 
befindet sich jetzt auf der kais. off. ßibl. zu S. P. (Schlö- 
zer hat im 1. B. seines Nestors Notizen über mehrere der 
bekanntesten Abschriften russischer Jahrbücher, so wie 
über die der Fortsetzer Nestors mitgetheilt.) 7 ) Aus- 
ser diesen ältesten Sprachdenkmalen gibt es noch viele 
andere, die dem Ursprung nach in diese oder auch eine 
frühere Periode gehören, wenn sich gleich von ihnen 
keine so alte Abschriften erhalten haben. Hr. Kalajdo- 
wic hat erst unlängst die l Übersetzung eines Buches 
(Nebesa) des Johann Damascenus, vom Johann Exar- 
chen von Bulgarien im IX. Jahrh. verfertigt, entdeckt; 
obgleich Hr. Wostokow an dem vorgegebenen Alter des 
Ms. zweifelt, und es ans philologischen Gründen nicht 
für das Original des Exarchen Johann hält. Derselbe Hr. 
Kalajdowic hat auch die Schriften Kyrills, Bischofs von 
Turow und russischen Redners aus dem XII. Jahrb., fer- 
ner das Sendschreiben des Metropoliten Niki p bor an Wla- 
dimir Monomach von dev Trennung der morgen- und 
abendländischen Kirche, die Fragen des Mönchs Kyriak 
an Niphont, Bischof von Nowgorod u. a. sammt Antwor- 
ten, das Sendschreiben des Metropoliten Johann an P. 
Alexander 111. von den brrthttmern der römischen Kir- 



7 ) /'. i<. Kappen über Alterthum u. Kunst in Kussland, Wien 822 S. 7—9. 



129 

che u. s. w., säiimitlich aus dem XII. Jahrh., herausgege- 
ben. (Pamiatniki rossijskoj slowesnosti XII. wjeka, M. 
821.) — Die Menge der Sprachmonumente nimmt seit 
dem XII. Jahrh. beträchtlich zu. Die meisten Handschrif- 
ten sind in den Bibliotheken Russlands, in den Klöstern 
Serbiens , Makedoniens und Sirmiens vorhanden ; aber 
auch die Bibliotheken anderer Länder, vorzüglich Oe- 
sterreichs, Italiens, Frankreichs, Englands u. s. w. ent- 
halten manches schätzbare slawische Ms. — Die zahlrei- 
chen Handschriften in den Bibliotheken und Klöstern 
Russlands können hier nicht aufgezählt werden. Die Sy- 
nodal- oder Patriarchalbibliothek in Moskau enthält ge- 
gen 700 slawische Codices, worunter viele aus dem 
XIII. — XIV. Jahrh. sind. Einige derselben hat Gries- 
bach in seinem N. T. verzeichnet. Das Evangelium vom 
J. 1143 ist schon oben erwähnt worden. Von dem A. 
Testament reicht, ausser dem Psalter, kein Codex über 
das XV. Jahrh. hinaus. Hier befinden sich auch die drei 
bis jetzt bekannten ganzen slawischen Bibeln. Die älteste 
ist vom J. 1499, unter dem Grossf. Johann und dem Me- 
tropoliten Simon zu Nowgorod im Hause des Erzb. Gen- 
nadius geschrieben; die zweite vom J. 1558, die dritte 
ohne Jahrzahl. Die Bibliothek der Akademie zu S. Pe- 
tersburg zählt gegen 250 slawische Msc, worunter ein 
Evangelistarium vom J. 1317, ein Evangelium vom J. 
1392, ein Menaeum für April, vom J. 1396, eins für 
März vom J. 1348, Ephrem Syrus vom J. 1377, ein 
Oktoich vom J. 1387 u. s. w. — Die literarischen Schätze 
dieser Sprache, die in den Klöstern Serbiens, Bulga- 
riens und auf dem Berge Athos begraben liegen, hat 
noch niemand untersucht. Merkwürdig sind wegen ih- 
res hohen Alters des Basilius Hexaemeron mit einer Vor- 
rede Johanns , Exarchen von Bulgarien, geschrieben im 
Kloster Chilendar 1263 , jetzt in Moskau; ferner ein 
Apostel vom Hieromonach Damian auf Befehl des Erzb. 
Nikodem unter dem v Kg. Stephan Uros im J. 1324 ge- 
schrieben, jetzt in Sisatowac; des Kgs. Stephan Dusan 
Silny (Nemanic IX.) zwei Schenkungsbriefe an das Klo- 
ster Chilendar vom J. 1348 in dem Karlowicer Metro- 
politan - Archiv (das eine im Original, das andere in 

9 



130 

Copie; der dritte daselbst befindliche, noch ältere Schcn- 
kungsbrief des Kgs. Milutin Stephan Uros IL, vom J. 
1302, ist ebenfalls nur Copie); desselben Zakon u. Ustaw, 
Gesetze nnd Verordnungen, vom J. 1349, im Familien- 
archive des Hrn. v. Tököly zu Arad. Ven den Klöstern 
in Sirmien zählt Krusedol gegen 51 Handschriften, darun- 
ten vier Evangelien, zwei ohne Jahrzahl, eins vom J. 
1540 und eins vom J. 1579, eine Scala coelestis (mct- 
KHija) vom J. 1453 , auf Kosten des Despoten Bran- 
kowic aus dem Griechischen übersetzt, Jus canonicum 
vom J. 1453, das Leben des h. Chrysostomus, in Se- 
mendrien unter dem Despoten Lazar 1458 geschrieben, 
ein Typicon 1574 u. a. in.; Remeta unter 9 Codd. ein 
Evangelium vom J. 1684, zwei Psalter ohne Jahrzahl, 
die Homilien des Gregor von Nazianz vom J. 1629, 
einen Minej vom J. 1568; Opowo unter 17 Codd. drei 
Evangelien, eins vom J. 1630, eins vom 1675, zwei 
Psalter von den J. 1622 und 1637, einen Panegyricus 
vom J. 1509, einen Oktoich, ein Typicon, einen Tro- 
par 1615, das Jus canonicum (^kohiihk) in Jassy durch 
den Grammatiker Damian im J. 1495 geschrieben; Ja- 
zak unter JO Codd. zwei Evangelien aus dem XVI. Jahrh., 
zwei Apostel, einen vom J. 1541, zwei Psalter, des 
Ephrem Syrus Buch an die Mönche vom J. 1577, meh- 
rere Menaeen, Prologe u. s. w. ; Besenowo vier Evan- 
gelien, von den J. 1536, 1575, 1592, das vierte ohne 
Jahrzahl, Apostelgeschichte und Briefe vom J. 1652, 
sieben Menaeen, Jus canonicum, Typicon u. s. w.; Si- 
satowac zwei Evangelien vom J. 1560, worunter dem 
einen der Apostel vom J. 1324 beigeblinden ist, Apo- 
stelgeschichte und Briefe vom J. 1670, Menaeen, Litur- 
giarien u. m. a. ; Kuwezdin einen Psalter, zehn Menaeen, 
wovon dreie aus dem XVI. Jahrh.; Pribina glawa ein 
Evangelium vom J. 1560, einen Apostel vom J. 1646, 
mehrere Psalter von 1643, 1646 u. s. w. ; Rakowac einen 
Apostel, zwei Psalter u. s. w. — Die kais. Bibliothek in 
Wien besitzt zwei Evangelien vom J. 1535 und 1651, 
zwei Apostelgeschichten und Briefe, einen Psalter aus 
dem XV. Jahrh., einen Oktoich aus dem XIV. Jahrh., 
einen Oktoich sammt Lectionen aus den Evangelien und 



131 

dem Apostel aus dem XII — XIII. Jahrh. — In der Pra- 
ger Bibliothek befinden sich zwei Evangelien. — Mont- 
faucon verzeichnete (bibl. bibl. Mss.) aus der Coislinia- 
nischen Bibliothek zu S. Germain ein A. Testament, drei 
Evangelien, einen Tobias u. s. w., ausserdem die Werke 
vieler Kirchenväter. Ueber ihr Alter hat man bis jetzt 
keine Aufschlüsse. Derselbe sah einen Codex de officio 
divino zu Modeiia, und einen Psalter zu Bologna. Bibl. 
bibl. Mss. S. 1042. berichtet er, dass sich zu S. Germain 
eine slawische Uebersetzung der Komödien des Aristo- 
phancs befinde, worüber, so viel mir bekannt, neuere 
Aufschlüsse fehlen. Das berühmte slawische Evangelien- 
buch zu Rheims, worauf die Könige von Frankreich den 
Eid ablegten, ist in den Stürmen der Revolution unterge- 
gangen. — In der königl. Bibliothek zu Berlin ver- 
zeichnet la Croze die Disputation des Gregentius ; in der 
ehemaligen Zaluskischen Janocki: zwei Rituale in fol., 
einen Canon apostolicus, ein Synaxarium, ein Officium, 
ein Menologium. — Die Vaticanische Bibliothek in Rom 
enthält mehrere Evangelien, Evangelistarien, das Chro- 
nicon des Constantinus Manasses, im J. 1350 geschrie- 
ben, und von dem Uebersetzer dem König von Bulga- 
rien Johann Alexander gewidmet, die Apostelgeschichte 
und Briefe vom J. 1406, das N. Testament sammt Psal- 
ter, die Canones, das Officium u. a. in. — In der Bi- 
bliothek bei S. Marcus in Venedig befindet sich ein N. 
Testament sammt mehreren angehängten Erzählungen $ 
und Solaric wollte bei J. Pericinotti eine Bibel vom J. 
1429 gesehen haben, was aber ohne Zweifel nur ein 
Theil vom N. Testamente war. — Die Bodlejische Bi- 
bliothek in Oxford zählt unter ihren Handschriften zwei 
slawische Codd., die Lambethsche einen Apostel. 8 ) 

Was die Druckwerke anbelangt, so fing der glago- 
litische Bücherdruck früher an , als der kyrillische. 9 ) 
Das älteste glagolitische Missal ist vom J. 1483 ohne 
Druckort. Die erste kyrillische Druckerei errichtete zu 
Krakau Schwaipold Feol um das J. 1490; denn vom J. 

8 ) S. Dobrowsky instit. 1. slav. p. IX. ff. °) Ueber die Geschichte 
des kirchenslawischen und slawisch-russischen Bücherdrucks vgl. ausser 
Dobrowsky instit. 1. slav. p. XXXIV. {Ewgenij) slowar o bywsich w Ros- 
sii pisateljach, Th. I. S. 273 — 302. 

9* 



132 

1491 gibt es drei daselbst gedruckte Werke: einen Psal- 
ter , einen Oktoich und ein Horologium (yacocAOB). 
Wahrscheinlich rührt auch das Tetraevangeliuin von Bie- 
gner, und das Breviarium vom J. 1493, dessen Murr 
erwähnt, aus dieser Officin her. Fast gleichzeitig, näm- 
lich um das J. 1492, wurde in Serbien und Hercegowina 
mit kyrillischen Typen gedruckt. Die ältesten Drucke 
dieser Art sind: ein Oktoich in 4. vom J. 1493, auf Be- 
fehl des Fürsten Georg Crnojewic, zu Zeta (Zenta) in 
Hercegowina, gedruckt; ein Oktoich in fol. durch ebend. 
und an demselben Orte im J. 1494; und ein Psalter in 8. 
zu Cetin, vom J. 1495. In Ugrowlachien gab 1512 
auf Befehl des Wojwoden Basaraba der Hieromonach Ma- 
karius die vier Evangelien in 4. heraus. Im J. 1519 er- 
richtete der Wojwode Bozidar Wukowic in Venedig eine 
kyrillische Druckerei, und es sind daselbst erschienen: 
ein Liturgiar oder Sluzebnik 1519 in 4., ein Psalter 1521, 
ein Trebnik 1524, ein Oktoich 1537, ein Minej 1538. 
Nach dem Tode Bozidars setzte sein Sohn Vincentius die 
Druckerei fort, und gab 1547 ein Gebetbuch in 8., 1561 
einen Psalter in 4., 1561 ein Triodion in fol., ein Calen- 
darium, Officia B. Mariae, Septem Ps. poenitent. u. s. w. 
heraus. Zwischen den J. 1517 — 1519 gab Franz Sko- 
rina von Polock einige Bücher des A. Testaments in Prag 
(in Böhmen , nicht bei Warschau, wie noch bei Grec 
S. 69. aus Versehen steht) in 4. heraus. Für die serbi- 
schen Kirchen gab der Hieromonach Mardarius aus dem 
Kloster Mrksina crkwa die Evangelien heraus, zuerst in 
Bielgrad (welchem?) im J. 1552 fol., dann in Mrksina 
crkwa 1562 fol.; wahrscheinlich wurde auch der Penti- 
kostar vom J. 1566 fol. hier gedruckt. Im Kloster Mi- 
lesewo sind erschienen: ein Trebnik vom J. 1545 in 8., 
ein Psalter 1545 in 8., 1558 in 8. In den J. 1561-1564 
wurde die Uebersetzung der h. Schrift von Anton Dal- 
mata und Stephan Consul in Tübingen oder Urach mit 
kyrillischen und glagolitischen Typen für die Kroaten 
und Dalmatiner gedruckt. Zu Nicswiez in Littauen er- 
schien im J. 1562 ein Katechismus in 4. In Russland 
machte man bereits im J. 1553 Anstalten zu einer ky- 
rillischen Druckerei; aber das erste daselbst in Moskau 



133 

erschienene Buch ist ein Apostel vom J. 1564 in fol. 
Die Buchdrucker waren Johann Fedorow und Peter Ti- 
mofejew Mstislawcew* Ersterer druckte darauf in Lem- 
berg 1573 den Apostel in fol.; letzterer in Wilna die 
Evangelien 1575 fol. Im J. 1577 erschien in Moskau 
der Psalter in 4., zwei Triodien 1590 und 1592 in fol., 
ein Oktoich 1594 in fol., ein Apostel 1597 fol., ein Mi- 
nej 1600, ein Liturgiar 1602, das Tetraevangelium 1606. 
Derselbe Johann Fedorow, der in Lemberg den Apostel 
1573 druckte, gab die erste vollständige Bibel zu Ostrog 
in Wolynien im J. 1581 (eigentlich 1580) in fol. heraus. 
Seitdem wurde die ganze Bibel öfters aufgelegt, und 
zwar in Moskau 1663 fol., eb. 1751 fol. (enthält den 
revidirten Text), eb. 1756 fol., eb. 1757 fol., Kiew 1758 
fol., M. 1759. 3 Bde. 8., eb. 1762 fol, eb. 1766 fol., eb. 
1778 5 Bde. 8., eb. 1784 fol., K. 1778 5 Bde. 8., M. 
1790 fol., eb. 1797 fol., eb. 1802 fol., Ofen 1804 5 Bde. 
8., M. 1806. 4 Bde. 8., eb. 1810 fol., S. Petersb. 1816. 
8. Stereotypausgabe, bis 1820 eilfmal wiederholt. 

Noch blieb übrig, die wichtigsten theologischen und 
sonstigen Schriften, die in dieser Sprache in den letz- 
ten Jahrhunderten bei den Russen und Serben erschie- 
nen sind, anzuführen; allein theils liegt ihre Aufzählung 
ausser dem Zweck dieses Werks, und ist vollständig in 
Sopikows russ. Bibliographie 1. B. enthalten, theils wird 
von den spätem Schriftstellern, die sich im Schreiben 
der altslawischen Kirchensprache bedienten, in der Li- 
teratur ihrer Stämme Meldung geschehen. 10 ) 

10 ) Quellen. Eine eigentliche, erschöpfende Literaturgeschichte des 
Kirchenslawischen gibt es bis jetzt nicht. Ausser den oben §. 6. Anm. 5. 
nahmhaft gemachten Schriften, die sich alle mehr oder weniger über die- 
sen Dialekt verbreiten, sind noch ins Besondere zu vergleichen : A. L. 
Schlözers Nestor, russ. Annalen , Götting. 802 — 809. 5 Bde. 8. — A. 
Siskow razsuzdenije o starom i nowom slogje rossijskago jazyka, S. Petersb. 
802. 2 A. 813. 8. — Pamiejnik Warszawski na rok 1815. T. 1. (v. Bantkie). 
P. v. Koppen über Alterthurn und Kunst in Russl., Wien 822. (in den Jahrb. 
d. Lit., auch besonders abgedruckt). — Jos. Dobrowsky instit. linguae 
slav. Vindob. 822. 8. (Die Prolegomena). — (JB. JKJopitar) Recension der 
slaw. Gramm, v. Dobrowsky, in den Wien. Jahrb. der Lit. XVII. Bd. 822. 
A. Wostokow über die altslaw. Sprache, im XVII. Hefte der Abhandl. der 
Gesellsch. d. Liebh. russischer Liter. Moskau 820. — J. B. Rakowiecki 
Prawda ruska, Warsch. 820 — 22. 2 Bde. 4. — Bibliographie, ausser der 
Vorr. zu Dobrowskys Gramm., enthalten: JB. St, Sopikoiu opyt ruskoj bi- 
bliografii, S. Petersb. 813 — 21. 5 Bde. 8. — (Ewgenij. Metrop. von Kiew) 
slowar istoriceskij o bywsich w Rossii pisateljach duchownago cina Greko- 
rossijskija cerkwi, S. Petersb. 818. 2 Bde. 8. 



Zweiter Abschnitt. 

Geschichte der russischen Sprache und Literatur. 

§. 12. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Seit uralten Zeiten, auf welche keine Geschichte ein 
Licht wirft, wohnten im europäischen Norden Slawen, 
und bildeten kleine Staaten, die durch Volksberathungen 
und erwählte Oberhäupter, gemäss den Sitten der da- 
maligen Zeit und der Stufe der Volksbildung, regirt wur- 
den. Nach kriegerischen Thaten nicht durstend, genos- 
sen sie die Früchte ihrer Freiheit im Frieden, in den 
Städten Gewerbe und Handel, auf dem Lande Ackerbau 
und Viehzucht treibend, bis ungefehr im III — VI. Jahrh. 
die Gothen , Alanen u. Hunnen die von ihnen bewohn- 
ten Provinzen des heutigen Russlands durchzogen, und 
die ursprünglichen Bewohner derselben, die slawischen 
Stämme , weiter nach Westen und Norden drängten. 
Von Natur friedliebend, zahlten diese an die Barbaren 
und Eroberer einen jährlichen Tribut , um nur ihren 
gewöhnlichen Beschäftigungen ruhig obliegen, ihre alte 
Lebensart ungestört fortsetzen zu können. So finden wir 
im IX. Jahrh. die Nowgoroder den Normännern oder 
Warägern, die Sieweranen und Radimitschen hingegen 
den (hazaren zinsbar. Nach einem vergeblichen Versuch, 
die Einfälle der schlauen und unternehmenden Waräger 
zurückzuschlagen, und nach entstandenem Streit um die 
Oberherrschaft unter sich, wählten die Nowgoroder Sla- 
wen den Waräger Rurik im J. 862 zu ihrem Oberhaupte, 
der nun die Herrschaft über den ersten slawisch - russi- 



135 

sehen Staat übernahm. *) Ruriks Nachfolger, Oleg, 
vereinigte Kiew mit Nowgorod, und wählte ersteres zu 
seiner Residenz. Bald entwickelte sich die Macht des 
neuen Reichs ; russische Heere erscheinen vor den Tho- 
ren Constantinopels 5 eine Menge Völker werden zinsbar 
gemacht 5 die Russen führen einen regelmässigen Handel 
nach den Küsten des schwarzen Meeres ; sie erbauen 
Städte , verschönern die vorhandenen , und geben sich 
Gesetze. Durch zwei Prinzessinen : Olga, die Gemahlin 
Igors (um 950) und die griechische Prinzessin Anna, die 
Gemahlin Wladimirs des Grossen, des Grossenkels von 
Rurik (98 t — 1015), kam das Christenthum von Con- 
stantinopel nach Russland. Mit dem Tode Wladimirs des 
Grossen wurde der rasche Gang der Nation durch die 
Theilung des Staats unter dessen Söhne gehemmt. Russ- 
land zerfiel in mehrere Fürstenthümer, deren Beherr- 
scher sich Care nannten. Aber bei den fortdauernden 
Familienuneinigkeiten konnten dieselben nicht der ein- 
dringenden Macht der Mongolen widerstehen, die nun 
zwei hundert Jahre hindurch (1237 — 1462) die Geis- 
sei von Russland wurden. Während dessen wurden Now- 
gorod und Pskow beinahe Freistaaten«, Littauen riss die 
Ukraine ab; Kreuzritter und Schweden drangen im We- 

*) Nach der gewöhnlichen , von Schlözer sorgfältig geprüften und 
erhärteten Annahme (Nestor I. 192 ff. 178 ff.) waren die Waräger Normän- 
ner, und zwar aus Schweden. Erst seit der Ankunft der Waräger in Now- 
gorod erhielt die Gegend den Namen Russland, der in der Folge auch auf 
Kiew und alle übrige Eroberungen der Nachfolger Ruriks ausgedehnt wurde. 
Der Name Russ, Russland schreibt sich von den Finnen her, in deren 
Sprache Ruotzi die Bewohner Schwedens , und Roslagen die schwedische, 
Finn- und Estland gegenüber liegende Küste genannt werden. Ewers hin- 
gegen leitet die Waräger von den Chazaren ab. Schwabenau hält den Namen 
Russi, Rossi, mit des Claud. Ptolemaeus Savari, was zerstreut, aus einan- 
der wohnend seyn soll, für gleichbedeutend! (Hesperus 819). Noch zur 
Zeit des Ks. Constantin Porph., der die Wasserfälle des Dniepers ums Jahr 
950 in russischer und slawischer Sprache nennt, ist ' qcq6ictl nicht das, was 
wir jetzt russisch nennen, sondern warägisch (normannisch); gk1cc§ivlozi 
aber bei demselben ist diejenige Sprache, aus der sich das jetzt sogenannte 
Russische nach und nach gebildet hat. A. Moller , diss. de Varegia, Lund. 
731. 4. — A. Scarin diss. de orig. Varegor. Aboae 734. 4. Bayer de Va- 
ragis, in Comm. Ac. Peir. T. IV. a. 735. Penzel diss. de Varangis, Halae 
771. 4. — Müller v. Warägern, in Büschings Mag. XVI. Halle 782. — 
Schlözer a. a. 0. — J. Rh. Ewers vom Ursprung des russ. Reichs, Riga und 
Lpz. 808. — A. Ch. Lehrberg izsljedowanija sluzaseija k objasneniju rusk. 
istor. (teutsch u. russ. v. Jazykowj S. P. 814. 818. — St. Sestrencewic Bo- 
gus izsljedowanije o proischozdenii rusk. naroda. S. P. 818. — C. M. Frähn 
Ibn Fosslans u. a. Araber Berichte üb. d. Russen älterer Zeit, S. P. 824. 4. — 
M. Pogodin o proischozdenii Rusi, M. 825. 



136 

slen ein. Da stand 1462 der Fürst von Moskau, Joan 
Wasiljewic HL, auf, und befreite Rnssland, das er glück- 
lich vereinigt hatte, nicht nur von der Herrschaft der 
Mongolen, sondern überwältigte auch Nowgorod. Sein 
Sohn Wasilij Joannowic (1505 — 1520) dehnte die nörd- 
lichen Gränzen des Reichs bis über Archangel aus. Des- 
sen Nachfolger, Joan Wasiljewic IV. (1533 — 1584), 
beförderte die CiviJisation seines Volks; teutsche Hand- 
werker, Künstler und Gelehrte gingen nach Russland, 
Buchdruckereien wurden angelegt, Gesetze gegeben und 
der Handel durch einen Vertrag (1553) mit Elisabeth 
von England zuerst begründet. Eben derselbe Car ero- 
berte Kazan (1552) und Astrachan (1554), die Erobe- 
rung Sibiriens, von ihm eingeleitet, ward erst unter sei- 
nen Nachfolgern vollendet. Mit Feodor Joannowic en- 
digte sich (1598) Ruriks Mannsstamm. Nach manchen 
Kämpfen und bürgerlichen Unruhen ermannten sich die 
Russen, und erhoben den Feodorowic Romanow, einen 
Abkömmling des Rurikschen Hauses (1613 — 1645), auf 
den Thron. Sein Enkel, Peter der Grosse (1682 - 1725), 
schuf ganz Russland um: er bildete ein neues Heer; er 
gründete die russische Seemacht, bauete (1703) S. Pe- 
tersburg zu seiner neuen Residenz, veranstaltete Fabri- 
ken , und stiftete die Akademie der Wissenschaften. 
Schweden musste ihm Liefland, Estland, Ingermanland 
und Kexholm abtreten. Er war der erste russische Kai- 
ser, Schöpfer der jetzigen russischen Macht. Katharina 
IL (1762 1796) legte die letzte Hand an Peters des 
Gr. Werk, und hob nicht nur den Wolstand ihres Reichs 
durch eine weise Regirung, sondern vergrösserte dasselbe 
auch durch mehrere glücklich geführte Kriege und er- 
folgreiche Unterhandlungen ausserordentlich. Wass Russ- 
land seinem jetzigen Beherrscher, Alexander L, verdankt, 
und wie seit seinem Regirungsantritte das Volksleben in 
dem uiiertn esslichen Reich mit Riesenschritten vorwärts 
schreitet, ist bekannt genug. 2 ) 

2 ) Die Schicksale der russ. Historiographie bis 1800 erzählt Schlözer 
( Nestor I. 85. ff.). Mit Verweisung auf ihn nennen wir, ausser den altern 
Quellen (Nestor, s. Fortsetzer u. neuere Boarbeiter, Dlugosz, Stryikowski 
u. s. w.) G. F. Müller 1 s orig. gentis et norainis Russorum 749. Eb. Samml. 

(fesch. S. P. 732 — 764. 9 Bde. 4. — (A. L. Schlözer' s) Gesch. von 
Russl. lr Th. Gott. u. Gotha 769. 12. (Eb.) Handb. d. Gesch. d. Kaiser- 



137 

So geschah es im Laufe der Zeit, dass dasselbe Russ- 
Jand, welches im J. 1462 kaum 18,000 Q.M., und nach 
dem Tode Peters I. 280,000 Q.M. austrug, unter Ale- 
xander I. zu der erstaunlichen, in der gesammten Ge- 
schichte unerhörten Grösse von 340,000 Q.M. Flächen- 
raum heranwuchs. Von den, auf diesem ungeheueren 
Raum, in Europa und Asien wohnenden 53 Mill. Men- 
schen (im J. 1722 zählte Russland nur 14 Mill. Einw.), 
die in 80 — 100 der Abkunft und Sprache nach ver- 
schiedene Stämme zerfallen, ist bei weitem der grösste 
Theil, nämlich 36 Mill., Slawen, und hiemit — die an- 
derthalb bis zwei Mill. Polen, in den westlichen, ehe- 
mals polnischen Provinzen, abgerechnet — 34 Mill. Rus- 
sen, das Herz des Reichs, das ganze mittlere Russland 
in Masse einnehmend, aber zugleich durch alle Länder 
und Provinzen des Kaiserstaats verbreitet. Darum kann 
das Gemisch so vieler Völker, obschon es dem Geschäfts- 
gang der Regirung Hindernisse eigener Art in den Weg 
legt, indem alle diese Völker ihre besondere Religion, 
Sprache, Sitten und Gebräuche haben, doch keinen nach- 
theiligen Einfluss auf den Fortgang der Cultur des herr- 
schenden Stammes, des Russen, haben, weil jene Völ- 
ker meistens in den Gränzprovinzen zerstreut sind, die 
Russen hingegen, ohnehin an Zahl weit überwiegend, 
die Mitte des Reichs bewohnen, und die unschätzbaren 

thums Russl., a. d. Russ., Gott. 801. 8. — C. Schmidt' s Einl. in d. russ. 
Gesch. Riga 773. 2 Bde. 8. — D. E. Wagner 's Gesch. v. Russl. (allg. Welt- 
gesch. 16r Bd.) Lpz. 786 — 87. 2 Bde. 8. — (Z>. J. MerkeVs) Gesch. d. russ. 
Reichs, Lpz. 795. 3 Bde. 8. — Levesque histoire de Russie, Par. 782. 5 Bde. 
12. — Ledere hist. de la Russie ancienne, Par. 783. 3 Bde. 4. — J. Mül- 
ler alt russ. Gesch. nach Nestor, Berl. 812. 8. — J. P. G. Ewers Gesch. d. 
Russen. Dorpat 816. 8. — A. J. Chilkow jadro ross. istor., geschr. vor 1718, 
gedr. M. 770, teutsch M. 782. 8. — B. N. Tatiscew istor. ross., geschr. vor 
1739, gedr. M. 769 — 84. 4 Bde. 4. — Lomonosow kratk. ross. Lietopis, 
S. P. 760. 8. teutsch Lpz. 765. 771. 8. — TL A Emin ross. istor., 767. 3 
Bde. 8. — M. M. Scerbatow ross. istor. S. P. 770 — 92. 15 Bde. 4. — B. 
Tredijakowskij razsuzd. o drewnostjach ross., S. P. 773. 8- — J. N. Boltin 
prinrjeöanija u. s. w. (Kritik der Gesch. v. Leclerc) S. P. 788. 2 Bde. 4. — 
Jakowkin Jjetocislitelnoje izobrazenije, 798. 8. — J. G. Stritter ross. istor. 
S. P. 800 — 3. 3 Bde. — (Anon. ) ross. istor. M. 799. 819. — S. Glinka 
ruskaja istor., M. 817 — 19. 10 Bde. 8. — G. Konstantinow kratk. istor. 
ross. gosudarstwa, S. P. 820. 2 Bde. 8. — P. Strojew kr. istor. ross. M. 
819. — P. Athanasjew chron. obozrenije ross. istor., M. 822. 8. — B. Wich- 
mann's chron. Uebersicht d. neuesten russ. Gesch., Lpz. 821. 2 Bde. 4. — 
N. M. Karamzin istor. gosud. ross., 2 A. S. P. bis 823. 11 B. 8. (teutsch 
Riga), im Auszug v. A. W. Tappe: Sokrasöenije istor. gos. ross. N. M. Ka- 
ramzina, 2 A. S. P. 825. 2 Bde. 8. 



138 

Vortheile der ungestörten Vereinigung zu einem Ganzen 
vollkommen gemessen. Der Religion nach bekennen sich 
die Russen, etwa 33 Mill. (nach Arsenjew im J. 1818 
32 Mill.), zu der griechischen Kirche, deren oberste 
Aufsicht der zu S. Petersburg residirenden heiligst — 
dirigirenden Synode anvertraut ist. 3 ) 

§. 13. 

Charakter der russischen Sprache. 

Die russische Landessprache, die allmälich neben der 
altslawischen Kirchensprache, und ganz vorzüglich seit 
des unsterblichen Peters des Gr. Schöpferepoche zur 
Schriftsprache erhoben ward, umfasst mehrere, von ein- 
ander merklich abweichende Mundarten (Idiome oder 
Varietäten ?), unter welchen sich vorzüglich drei aus- 
zeichnen : die eigentliche russische oder grossrussische, 
die kleinrussische und die w eissrussische Mundart. 1.) 
Die grossrussische Mundart, im ganzen mittlem Russ- 
land, namentlich in Moskau und den umliegenden Ge- 
genden (Grossrussland enthalt die Statthalterschaften 
Moskwa, Archangel, Wologda, Olonec, Kostroma, Now- 
gorod , Pskow , Smolensk , Twer , Niznij Nowgorod, 
Wladimir, Tula, Kaluga, Jaroslaw, Kursk u. Woronez 

3 ) Ueber die Landes- und Volkskunde Russlands vgl. B. F. J. Her- 
manns stat. Schilderung v. Russl, S. P. 790. 8. — A. W. HupeVs Staats - 
verf. d. russ. Reichs, Riga 791 — 93. 2 Bde. 8. — A. Storch' s stat. Ueber- 
sicht. d. russ. Reichs, Riga 795. Eb. hist.-stat. Gemälde des russ. Reichs- 
Lpz. 797. — 803. 8 Bde. 8. — J. Heyms Versuch v. geogr.-topogr. En- 
cyclop. des russ. Reichs, Gott. 796. 8. — J. G. Georgis geogr.-phys. u. na- 
turh. Beschr. des russ. Reichs, Königsb. 797 — 801. 3 Bde. — Tableau ge- 
neral de la Russie, Par. 802. — T. F. Ehrmann's neueste Kunde vom russ. 
Reiche, Weim. 807. 8. — G. Hassels stat Abriss. des russ. Kaiserthums. 
Nürnb. u. Lpz 807. 8. — M. Benekens geogr.-stat. Uebersicht des russ. 
Reichs, Riga 808. 8. — B. v. Wichmanns Darstell, d. russ. Monarchie. 
Lpz. 813. 2 Bde. 4. — Th. Tumanskij ruskoj magazin, 792. — Plescejew 
obozrenije ross. imp. 787. teutsch Lpz. 790. — E. Zjablowski stat. opisanije 
Rossii, S. P. 808 2 A. 815. 5 Bde. 8. Eb. nowjejseje zemleopisanije ross. 
imp. S. P. 807. 2 Bde. Eb. zemleopisanije ross. imp. dlja wsjech sostojanii, 
S. P. 810. G Bde. Eb. rukowodstwo k geograrii ws. i 'ross., S. P. 820. 821. 
K. Arsenjew nacertanje statistiki ross. gosudarstwa S. P. 818. 2 Bde. 8. — 
K. Th. Hermann stat. zurnal ross. imp. S. P. 807. 1 Bde. Eb. stat. izslje- 
dowanija otnositeljno ross. imp. S. P. 819. ff. — Maximoiuic slowar ross. 
U" nd. M. 788. 6 Bde. — A. Scekatow geogr. pol. i stat. slowar ross. gosud. 
M. 801 — 9. 7 Bde. Nowyj i polnyj slowar ross. gosud., S. P. 822. 



139) 

mit ungefehr 16,895,000 Einw.) herrschend, ist seit 
Peter dem Gr., freilich nicht ohne Beimischung vieler 
Slawismen, die eigentliche Literatursprache der Russen. 
Eine Abart dieser grossrussischen Mundart ist die Suz- 
dalische Varietät, in der Provinz Suzdalj des jetzi- 
gen Gouvernement Wladimir. Sie ist vorzüglich unrein 
und mit fremden Wörtern vermischt. Einige "Wörter be- 
finden sich in dem Vocab. Petrop. Nr. 10. Eben so 
weicht die Oloneckische Sprechart, die stark mit finni- 
schen Wörtern vermischt ist, von der grossrussischen ab. 
2.) der kleinrussischen Mundart bedient sich ganz Süd- 
russland von der Mitte Galiziens an bis zum Kubanflusse- 
Im weitesten Verstände begreift Kleinrussland den gan- 
zen südlichen Theil von Russland (die Statthalterschaf- 
ten Orel, Rjazan, Tambow , Slobodsk - Ukrajne , Cer- 
nigow, Poltawa u. Kiew mit ungefehr 10,430,000 Einw.) 
und dem ehemaligen Polen vom Don an bis an die schle- 
sische Gränze, nebst Galizien (Halic) und Lodomiriem 
(Wladimir) oder Rothreussen, im engern aber nur den 
östlichen Theil oder die eigentliche Ukrajne, worin Kiew 
der Hauptort ist. In diesem östlichen Theile waren ehe- 
dem die Poljanen, Drewlier, Tiwertzen und Siewerier, 
als besondere Völker bekannt , welches auf mehrere 
Mundarten schliessen lässt. Da derselbe von 1471 bis 
1654 unter Polen stand; so isl auch die Sprache sehr mit 
der polnischen vermischt worden , welche Vermischung 
in dem westlichen, den Polen länger unterworfenen 
Theile, noch sichtbarer ist. Die kleinrussischen Kozaken, 
und die den Polen ehedem nur zu bekannten Zaporoger 
oder Hajdamaken, sind in östlicher Ukrajne einheimisch; 
dagegen die donischen Kozaken (512,000 an der Zahl), 
von den Grossrussen abstammen, und mit Tataren ver- 
mischt sind. Der Unterschied dieses Dialekts von dem 
grossrussischen besteht vorzüglich in der abweichenden 
Aussprache gewisser Vocale (z. B. i st. ie, bida st. bieda\ 
e st. ie, nenawizu st. nienawizu), Consonanten (A st. 
g, hod st. god), und vielen veralteten Redensarten, die 
wol in dem Altslawischen, nicht aber im Russischen zu 
finden sind, daher die Behauptung einiger, die auch 
Adelung wiederholt, dass derselbe mit der altslawischen 



140 

Kirchensprache am nächsten verwandt sey. im Ganzen 
kommt aber diese Mundart der böhmischen, oder über- 
haupt den Dialekten der Ordnung II. eben so nahe, we- 
nigstens näher, als die übrigen Mundarten der Ordnung 
I. Sie ist vorzüglich reich, vielleicht am reichsten unter 
allen Slawinen, an Volksgesängen aller Art, die insge- 
sammt einen elegischen Charakter haben. *) 3.) Die 

! ) Es wäre zu wünschen, diese Volksgesänge wären sorgfältiger ge- 
sammelt, als es bis jetzt geschah. — Von einem ungemein grossen Nutzen 
zur Aufhellung des altern und Charakterisirung des neuern Slawenthums 
sind Sammlungen von Volksliedern , Volkssagen und Sprichwörtern. In 
den Volksliedern, vorzüglich den altem, an welchen die slaw. Stämme 
vielleicht reicher sind, als irgend ein Volk in Europa, findet man nicht 
nur Spuren des Alterthums, die Namen der slaw. Götter und historischer 
Personen, das Andenken von Ereignissen und Thatsachen, wenn gleich mit 
Sagen und Mährchen untermischt, wesshalb sie für den Geschichtschreiber 
von geringerem Belang sind, sondern man findet in ihnen vorzüglich das, 
was den Dichter, den Psychologen und den Volksfreund am meisten inter- 
essirt, den reinsten Ausdruck aller nationalen Sitten, Gebräuche u. Ge- 
fühle sowol der Vorzeit als der Gegenwart. Den Philologen gehen sie noch 
näher an, denn sie sind die wahren, echten Idiotica der respectiven Mund- 
arten. Von diesem Gesichtspunct sollen diejenigen ausgehen, die sich dem 
Sammeln und Herausgeben dieser Volksgesänge unterziehen. Schätzbare Bei- 
träge dieser Art haben bereits einige Stämme geliefert; aber ihre Verglei- 
chung und kritische Benutzung ist noch der Zukunft vorbehalten. Hieher 
gehören I. Russische: Nowoje i polnoje sobranije ross. pjesen, M. 780. 6 
Bde. 8. ; Drewnija ross. stichotworenija, sobr. K. Danüowym, izd. K. Ka- 
lajdowicem , N. A. M. 818. (mite. Abhandl.) ; Popow, ross. Erata; 
Nowjejsij wseobscij i polnyj pjesennik, S. P. 819. 6 Bde. (zum Theil); Pje- 
sennik dlja prekrasnych djewusek, M. 820. 2 Bde. (zum Theil) ; Pjesni ruskija 
narodnyja, 2 Bde. ; N. Certelew opyt sobranija starinnych malorossijskich 
pjesen, S. P. 819. (sehr schätzbar) ; Skazki ruskija, M. 820. 5 Bde. u. a. m. 
IL Serbische: W. Stefanowic Karadzic narodne srbske pjesme (zuerst Wien 
814 — 15. 2.,Bde. 8.), Lpz. 823— 24. 3 Bde. 8. III. Böhmische und mähri- 
sche: F. L. Celakoiuskyho slowanske närodnj pjsne, w Praze 822 — 25. 2 B. 8. 
Närodnj pjsne, sehr. Ritjrem z Rittersbergu, Prag 825. 8. IV. Slowakische: 
Pjsne swetske lidu slowenskeho w Uhfjch, w Pesti 823. 12. V. Dalmati- 
sche: A. Kacich Miossich razgovor ugodni naroda slovinskoga, Ven. 801. 
4. (zum Theil). Die Polen, obgleich an Volksgesängen eben so reich, wie 
andere Slawen, haben sich bis jetzt um eine Sammlung derselben nicht 
bekümmert. — Die Wichtigkeit einer Samml. von Sprichwörtern für den 
slaw. Sprach- und Volksfreund hat schon Rakowiecki (II. 101) erkannt. 
Was in dieser Hinsicht bis jetzt geschah, verdient bemerkt zu werden. Es 
sind im Druck erschienen : 1. Russische: Sobranije 4291 drewnich poslo- 
wic, M. 787, 8.; Sobranije ruskich poslowic i pogoworok, S. P. 822. (5365 
Sprichw.) II. Polnische: S. Rysinski przypowiesci polskie, w Lubczu 618. 
629. 4.; G. Knapski adagia pol. selecta, Krak. 632. 4.; A. M. Fredro przy- 
slowia, Kr. 860. 8. ; /. R. Zaivadzki gemmae lat. sive proverbia pol., Warsch. 
728. 8. ; A. Zeglicki adagia tarn lat. quam polon., ed. 2. Warsch. 751. 8. ; 
W. J. Mareiuicz przysiowia i maxymy, W. 788. 12. III. Böhmische: aus- 
ser den altern Samml. von J. Srnec 582., 599., D. Sinapius 678., A. Horny 
705., P. Dolezal 746., vorz. J. Dobrovjsky ceskych prjslowj zbjrka, w Praze 
804. 8. IV. Slowakische von A. Bernoläk als Anhang zu s. Gramm, sla- 
vica, Poson. 790. 8. G. Rybay Ms. V. Serbische : J. Muskatirowic priöte 
iliti po prostorau poslowice," Wien 787. 8. Ofen 807. 8. W. Stefanowic 



141 

weissrussische Mundart ist in ganz Littauen (begreift 
die Statthalterschaften Wilna, Grodno und Bielostok mit 
ungefehr 2,441,400 Einw.) und einem Theile von Weiss- 
russland (Schwarz- und Weissrussland begreift die Gouv. 
Mohilew, Witebsk, Minsk, Wolyn, Podol mit ungefehr 
6,146,100 Einw.) vorzüglich Wolynien herrschend. In 
ihr ist das littauische Statut, die Archive und alle li- 
tauischen Actenstücke verfasst. Einige russische Schriftstel- 
ler des XVI — XVII. Jahrh. bedienten sich gleichfalls der- 
selben. Diese Mundart ist neuer, als die übrigen, und 
fing sich an vorzüglich seit der Vereinigung Littauens 
mit Polen zu bilden-, daher denn auch die vielen Polo- 
nismen in derselben. 2 ) Die russniakische Mundart in 
Ostgalizien und dem nordöstlichen Ungern ist nur eine 
Varietät des Kleinrussischen. 3 ) 

Karadzic narodne srbske pripowijetke, Wien 821. 8. VI. Dalmatische hat 
A. Dellabella in s. Wörterb. (Ven. 728 4.) häufig angeführt und G. Fer- 
rich lateinisch (Fabulae ab illyr. adagiis desumtae, Rag. 794. 8.) bear- 
beitet. (Vgl. Ch. K. Nopitsch Liter, d. Sprichw. Nürnb. 822. 8.) 

2 ) Die Sprachdialekte Russlands verdienen näher geprüft und mit je- 
nen der übrigen slaw. Völker in Parallele gestellt zu werden. Was Adelung 
Mithridates II. 629., Bantkie Pamietnik Warsz. 815. Th. 1. S. 3., Rako- 
wiecki II. 190. und Grec Ist. rusk. lit. S. 12. darüber sagen, ist unge- 
nügend. Ueber den kleinruss. Dialekt gab' Hr. Kalajdovric e. Abhandl. im 
I. B. der Schriften des Moskauer Vereins 822. heraus. J. Kotljarewski 
travestirte Virgils Aeneis ins Kleinruss. (Virgiljewa Eneida na malorossijskij 
jazyk perelozennaja, S. P. 809. 4 Bde. 8.), und A. Patulowski schrieb e. 
Grammatik dieses Dialekts: Gramm, maloross. narjecija, S. P. 818. 8. 

3 ) Die Russniakei in Ostgalizien, Bukowina und Nordungern ist in 
sprachlicher und historischer Hinsicht noch eine terra incognita. In Gali- 
zien und Bukowina machen die Russniaken den zahlreichsten Theil der Ein- 
wohner aus. Die Russniaken in Ungern zwischen dem Hernät u. der Theiss, 
in den Gespannschaften : Bereg, Marmaros, Ung, wo sie die Mehrzahl, und 
Zemplin, Säro§, Ugoca , Zips , Satmar , Sabolö , Gömör , Bihar , Torna, 
wo sie die Minderzahl der Einwohner, insgesammt gegen 350,000 , aus- 
machen, sind die Fortsetzung ihrer rothrussischen Brüder. Ueber ihre Her- 
kunft schreibt ein als Historiker hochgefeierter Teutsch-Unger (Th. I. S. 65) : 
„Almus erster Plan ging darauf aus, sich in der heutigen Ukraine fest- 
zusetzen, und die Kiewer Russen zu bezwingen. Oleg, der Fürst der Kiewer 
Russen, zog Kumaner od. Polowzer an sich; Russen und Kumaner wurden 
jedoch geschlagen, die übrigen in Kiew eingeschlossen. Die Russen mussten 
sich zu einem jährlichen Tribut bequemen. Mehrere reiselustige Russen ent- 
schlossen sich den Zug mitzumachen. Der Marsch ging nun über Wladimir 
und Haliö. Zwei Tausend bewaffnete russische Bogenschützen u. 3000 Bauern 
sollten ihnen den Weg zeigen, die Strasse ausbessern, und die Gehpfade 
erweitern. Die Russen wurden in Marmaros" und Ung zurückgelassen, wo 
ihre Nachkommen, die Russniaken, noch leben." „Wichtig, wenn es wahr 
ist!" müssen wir hiebei mit unserer überseeischen Antipoden-Brüder ge- 
wöhnlichem Leib- und Leberspruch ausrufen. Ueber den ganzen Hergang 
der Sache muss man, um den Anonymus , aus dem diese Nachricht ge- 
flossen ist, und seinen Sachwalter würdigen zu können, Schlözers Nestor 



142 

Beachtet man die Eigenschaften der jetzigen russi- 
schen Sprache, so ist ihre Anlage zu einem einfachen 
und deutlichen Ausdruck der Gedanken, der in dersel- 
ben nicht bloss möglich, sondern ihr ohne Zwang und 
ohne überladende Wiederholung besonders natürlich ist, 
der Nachdruck, den sie ihrer Darstellung durch Kraft 
und Kürze geben kann, die Erhabenheit, deren sie vor- 
züglich fähig ist, und der grosse Reichthurn, den sie an 
Wörtern überhaupt und besonders an bestimmten Ablei- 
tungsformen hat, unverkennbar. 4 ) Einfachheit und Na- 
türlichkeit des Ausdrucks ist in der russischen Sprache 
begreiflich, da sie, noch nicht ein volles Jahrhundert 
zur Schriftsprache sich ausbildend, von dem Einflüsse 
verzärtelnder Culturverhältnisse, der Mode, oder auch 
blosser Stubengelehrsamkeit noch nicht so beherrscht seyn 
kann, dass sie nicht der Natur treu bleiben dürfte, die 
weder Kürze, noch Nachdruck, noch Schmuck, noch 
Witz erkünstelnd sucht, wo er sich nicht selbst darbie- 
tet. So zeigt sich der Ausdruck in der russischen Spra- 
che, w r enn er nicht geziert oder fremdartig ist. In hel- 
lem Ebenmasse folgen die Worte den Gedanken. Der 
russischen Sprache mangelt, wenn diess ein wesentlicher 
Mangel ist, die Anlage zu einem so häufigen Gebrauche 
periodischer Verbindungen, wie sie das Griechische und 
Lateinische haben. Er würde ihr, so wie den andern 
neuen lebenden Sprachen, erst aufgedrungen werden 
müssen. Besonders plan ist im Russischen die Verbin- 
dung der Sätze. Es vermag zwar zu diesem Zwecke bei 
manchen Arten der Sätze einen sehr angemessenen Ge- 
brauch von seinen Gerundiven und Participien zu ma- 
chen. Auch mangeln ihm keinesweges die Conjunctionen, 



III. Cap. IX. S. 107 — 148 nachlesen. Unstreitig sitzen die Russniaken 
so lange in Marmaros u. s. w., als ihre Brüder in Rothrussland, und diese 
hier so lauge, als ihre Brüder in Kiew. — Das Russniakische in Ungern 
ist stark metadialektisirt. Schade, dass ihre Voklslieder nicht gesammelt 
sind ! Sie hekennen sich zur griechisch-katholischen od. unirten Religion, 
und haben eine kyrillische Druckerei in Lemberg, von wo, wie von Ofen, 
sie mit liturgischen Büchern versehen werden. Interessante Notizen in eth- 
DOgraphischer Hinsicht liefert über dieselben Rohrer in s. Vers, über die 
Blaw. Bewohner der österr. Monarchie, Wien. 804. 

*) /. S. Vater 's russ. Leseb. Lpz. 81G. S. 3 ff. — A. Siskow o sta- 
rom i nowom slogje. S. P. 813. Eb. o krasuorjecii S. Pisanija, S. P. 811. — 
Th Korlawin o jazykje rossijefrom u. a m 



143 

durch welche das jedesmalige Verhältniss der Sätze an- 
gezeigt, und der natürliche Periodenbau bewirkt wird. 
Aber bei der geringen Anzahl ihrer Conjunctionen fällt 
ihre Beziehung um so leichter in die Augen und ver- 
bietet sich ihre zu grosse Häufung von selbst. Die völ- 
lig freie Stellung der Wörter nützt nicht bloss dem Nach- 
druck , sondern auch der Deutlichkeit, und erlaubt das 
zusammen gehörende, z. B. auch die zu einem Verbal- 
substantive tretenden Bestimmungen, genauer, als es in 
andern Sprachen möglich ist, zwischen dasselbe und sein 
Adjectiv zu stellen, so dass ein Missverständniss ganz 
unmöglich ist. Da jedes Wort die Stelle erhalten kann, 
die für die Folge der Vorstellungen die natürlichste ist, 
se fliesst die ganze Rede leicht daher, auch nicht durch 
Hilfsverben oder Artikel aufgehalten. Ausserordentlich 
gross ist der Reichthum der russischen Sprache. Ihre 
Wurzelwörter sind aus mehreren Stammsprachen ent- 
lehnt, und sie hat demnach deren eine weit beträchtli- 
chere Anzahl, als die mit ihr verschwisterten Sprachen 
der übrigen Slawen. Erworben zu einer Zeit, wo die 
russische Nation der Aufnahme dieser Wörter bedurfte, 
ohne dass passendere einheimische dadurch verdrängt 
wurden, sind sehr viele nicht slawische Wörter zum 
wahren Eigenthum der russischen Sprache geworden, 
doch so, dass der National spräche dadurch nicht gescha- 
det, wo! aber ihr Reichthum vermehrt wird. Nachdruck 
ist bald Wirkung der Kürze des Ausdrucks, bald einer 
ungewöhnlichem Wiederholung und Setzung der Wör- 
ter, wenn eine Sprache bei der mehr oder weniger freien 
Stellung derselben, die vorzüglich wichtigen Gedanken 
hervorheben, und vor Auge und Ohr mit ausdrückli- 
chem Ansprüche auf Aufmerksamkeit hervortreten lassen 
kann. Die russische Sprache hat es, gleich den übrigen 
slawischen, bei der freien Stellung ihrer Wörter ganz 
in ihrer Gewalt, die Hervorhebung der Begriffe, die 
hervorstechen sollen, zu bewerkstelligen. Sie hat da- 
durch, dass sie z. B. Personalpronomina bei den Perso- 
nen des Verbum setzen oder weglassen kann u. s. w , so 
wie durch beliebige Entfernung von der sonst gewöhn- 
lichen einfachsten Art des Ausdrucks, der Mittel mehre- 



144 

re in den Händen für Nachdruck. Aber sie hat auch 
noch den Vorzug vor andern Sprachen , eine reiche 
Quelle der Erhabenheit des Ausdrucks zu besitzen. Die 
altslawische Bibelübersetzung ist nicht nur eine schätz- 
bare Quelle altertümlicher , religiöser Sprache , die 
schon in sofern etwas Erhebendes in sich hat: sondern 
es ist ein völlig eingeführtes Herkommen, dass die rus- 
sische höhere Poesie ihre Ausdrücke beliebig aus Wor- 
ten der slawischen Bibelübersetzung entlehnt, welche 
der gewöhnlichen Umgangssprache unbekannt oder ent- 
schwunden, dort fortleben. Unverkennbar ist die Anla- 
ge der wolklingenden, melodischen russischen Sprache 
zur Poesie; die Volksgesänge, nicht ohne natürliche Rei- 
ze des musikalischen Numerus, bahnten längst der höhe- 
ren Dichtkunst den Weg 5 aber ob der geniale Russe statt 
der bisherigen französischen Muster für die Zukunft 
sein Augenmerk mehr auf die Schriften des classischen 
Alterthums, diese unschätzbare Quelle echter Ausbil- 
dung und geläuterten Geschmacks, richten wird, um an 
denselben seinen Geist grosszuziehen, und das Kräftige 
des Stoffes mit dem Anmuthigen der Form zu einigen, 
bleibt dahingestellt. — Der russische Sprachschatz hat 
sowol in grammatischer, als lexicalischer Hinsicht in 
den neuesten Zeiten treffliche Bearbeiter gefunden. 5 ) 

5 ) Sprachbücher. Grammatiken : Die ältesten in Russl. gedruckten 
Gramm, sind alle kirchenslawisch. H. W. Ludolf war der erste, der in 
s. Grammatica russica, Oxonii 696. 8. die Erlernung der russ. Redespra- 
che den Ausländern möglich machte. — Anfangsgründe der russ. Sprache 
(im Anhange zu dem teutsch-lat.-russ. Weissmaonischen Lexicon ) S. P. 
731. 782. 4. — M. Grüning russ. Gramm, (schwedisch), Stockh. 750. 4. — 
M . Lomonosow ross. Gramm., S. P. 755. 8. 5 A. 788. teutsch von J. N. 
Stavenhagen S. P. 764. franz. 769. griech. von Anastas M. 795. 804. - 
Charpentier elemens de la langue Russe, S. P. 768. 787. 791. 795. 805. 8. 
Kurganow's kurzgef. Sprachl. in s. Pismownik, S. P. 769. 777. 788. 8. — 
Barsow's russ. Gramm, für Gymnasien, M. 771. 8. mehr als lOmal wieder 
aufgelegt. — Kratkija prawila u. s. w., M. 773. 8. 8 A. 808. 8. — Roddes 
russ. Sprachl. für Teutsche, Riga, 773. 778. 784. 789. 790. 8. — Kratkaja 
ross. Gramm., für die Nationalschulen, S. P. 787. 790. 793. 801. 806. — 
P. J. Sokolows naöalnyja osnowanija ross. gramm., S. P. 788. 792. 797. 
800. 808. 810. 8. Eb. Kratk. ross. gramm., 809. u. oft. — L. Lubowicz 
grammatyka rossyiska, w Poczaiowie 778. 4. — Astachow's neue russ. 
Gramm, für Franzosen, S. P. 788. — Russ. Gramm, für Polen, Polock 
789. — J. HeymsYUSS. Sprachl. für Teutsche mit einer Chrestomathie, M. 
789. Riga 791." 804. S. - timir/omS kratkija prawila, M. 790. S. P. 795, 
8. -- Apollos Einl. zur Kenntniss der slawisch-russ. Sprache (russ.), 
Kiew 794. 4. — /. B. Maudru'a elemens raisonnees de la langue Russe 
J*or. 802. 2 Bde. 8. verkürzt für die russ. Jugend, M. 808. 8. — Ros3. 



145 

§.14. 

Epochen der russischen Literatur. Der ersten Periode 
erste Abtheilung: Von Rurik bis auf Wladimir 850 989. 

Die Geschichte der russischen Literatur kann in zwei 
Hauptperioden getheilt werden: von der Erfindung der 
kyrillischen Buchstaben bis zur Einführung des Civilty- 
pus, oder, in politischer Hinsicht, von der Gründung 
des russischen Reichs bis auf Peter den Grossen 5 und 
von diesem bis auf die neuesten Zeiten. Diese Periode 
unterscheidet sich von der ersten durch die Begründung 
einer selbständigen Nationalliteratur in russischer Spra- 
che. Die erste Periode hat drei Abteilungen : die erste 
geht bis zur Einführung der christlichen Religion in Russ- 
land; die zweite bis zur Besiegung und Vertreibung der 
Tataren; die dritte bis Ende der Periode. Die zweite 
Periode hat ebenfalls drei Abtheilungen: die erste er- 
streckt sich bis auf Lomonosow, die zweite bis auf Ka- 
ramzin, die dritte bis auf unsere Zeiten. 

gramm. socinennaja imp. ross. Akademijeju (russ. Gramm, herausg. v. d. 
russ. Akad.), S. P. 802. 809. 819. 8. griech. von P. Nitzogla M. 810. — 
G. Glinka Elementarbuch d. russ. Sprache, Mitau 805. 8. — BrodowskVs 
russ. Gramm, (poln.), Wilna 805. — Nacalnyja prawila u. s. w. Anfangs- 
gründe d. russ. Sprache zum Nutzen der Zöglinge der adeligen Pensionsan- 
stalt, M. 807. 808. 12. — J. S. Vater's prakt. Gramm, der russ. Sprache, 
Lpz. 808. 814. 8. — K. M. Memorskij neue russ. Gramm, in Frag. u. Antw. 
(russ.), M. 808. 12. Eb. polnaja ross. gramm. s prisowokuplenijem kratk. 
istor. slawjano-ross. jazyka, M. 823. 8. — Russ. Gramm, von der Schuldi- 
rection herausg. (russ.)/S. P. 809. 3 A. 818. — M. Butowski's russ. Gram, 
(russ. u. poln.), Poczaiew 809. 8. — J. B. Dworzecki gramm. igzyka ross., 
Wilna 809. 811. 8. — D. A. W. Tappe neue theor.-prakt. russ. Sprachl. 
für Teutsche, S. P. 810. 814. 820. 8. — Th. Bozanow russ. Gramm., M. 
810. 8. — N. Grec Versuch üb. d. russ. Conjug. (russ.), S. P. 811. 12. — 
J. Langen manuel de la langue Russe, 3 A. S. P. 825. 8. — Leilo Anfangs gr. 
d. russ. Gr. (franz.), S. P. — J. A. E, Schmidts prakt. Gramm, d. russ. 
Sprache, Lpz. 813. 8. — Ä. Weltzieris neue prakt. Gr. d. russ. Spr., Riga 
u. Lpz. 816. 8. — J. Pozarskij ross. Gramm., S. P. 819. 821. 8. — A. J. 
Puchmayers Lehrgebäude der russ. Sprache, Prag 820. 8. — Nowaja ross. 
gramm. dlja Anglican, S. P. 822. — N. Grec russ. Gramm, (russisch) S. 
P. 823. — Wörterbücher: Holländisch-russisches Wörterb., S. P. 717. — 
Latein-russ. Wörterb. M. 724. — E. Weissmanns teutsch-lat.-russ. Wör- 
terb. S. P. 731. 782. u. oft. 4. - Wolckoiv nouveau dictionaire Frangois- 
Allemand-Latin, S. P. 755. 8. 778. 2 Bde. 4. — Russ. - franz. Lexicon, 
S. P. 762. 2 Thle. — Russ. - Griech. - Lat. - Franz. - Teutsch- und Engl. 
Wörterb., S. P. 763. — M. F. Hölterhofs Cellarii lib. mem. russisch, S. 
P. 768. 8. u. oft. Eb. Russ. - Teutsch - Latein. Wörterb., M. 778. 2 B. 8. - 
J. Nordstädfs russ. - teutsch. - franz. Wörterb. 780 — 82. 2 Bde. 4. M. 
Gabrielow neues teutsch - fanz. - ital. - ital. - russ. WB., M. 789. 8. — Di- 

10 



146 

Den Anfang der russischen Literatur bezeichnet in 
politischer Hinsicht die Gründung des russischen Reichs 
durch drei warägische Fürsten : Kurik, Sineus u. Truwor. 
Kriegerische Nonnänner suchten und fanden in Russ- 
land Nahrung für ihre Ruhmbegierde und Kampflust. 
Oleg unterwarf sich Südrussland, und zog gegen Con- 
stantinopel ; Igor folgte seinem Beispiel ; Swiatoslaw ver- 
ewigte durch Tapferkeit und Grossmuth seinen Namen 
in der Geschichte; Wladimir erhob durch eine weise Re- 
girung, Friedensliebe und vorzüglich durch die Einfüh- 
rung des Christenthums das Land zu einer ansehnlichen 
Stufe politischer Bedeutenheit. Die Niederlassung der 
Waräger in Russland wirkte wohlthätig auf die Regi- 
rungsform und Gesetzgebung der daaialigen Russen; aber 
die eigentliche Aufklärung der Nowgoroder und Kiewer 
Slawen konnte sie nicht fördern, denn die Waräger stan- 
den selbst auf keiner höhern Stufe der Bildung, als jene. 
Der Verkehr mit Constantinopel und ganz vorzüglich die 
Einführung des Christenthums in Russland öffneten den 
Wissenschaften und Künsten den Weg. Wladimir führte 
Schulen ein; Baukunst, Bildhauerei und Malerei ver- 
schönerten die neuen Kirchen Kiews ; Künstler und 

ctionnaire complet Francis et Russe, S. P. 780 — 86. 4 Bde. 4. — J. Rod- 
des russ.-teutsch. u. teutsch-russ. Wß., Riga 784. 2 Bde. 8. — Slowar 
akademii rossijskoj (WB. d. russ. Akad.), S. P. 789 — 94. 6 Bde. 4. N. A. 
806 — 22. 6 Bde. 4. — J. Noivikoiv's franz.-russ. Lexicon. M. 802. 8. - 
Russ.-teutsches WB., M. 803. 8. — N. Janowskifs neuer Dolmetscher der 
russ. Sprache, S. P. 803 — 6. 3 Bde. 8. — J. Hevni's teutsch-russ. u. russ.- 
teutsches Würterb., Riga 795 — 98. 5 Thle in 2 Bden. 8. 2 A. 801. 3 A. 
Lpz. 803 — 5. Eb. neues vollst. WB. 1 Abth. Teutsch-russ. -franz., Riga 
u. M. 796 — 97. 4., 2 Abth. Russ. franz. teutsch. M. 799 — 802. 813. 4., 
3 Abth. Franz.-russ.-teutsch, M. 799 — 80^. 819. 3 Bde. 4. Eb. Taschen- 
wörterb. (Karniannyj slowar.) Russ. - franz. - teutsch, Teutsch - franz. - russ. 
u. Franz. - russ. - teutsch, Riga 804 — 5. 4 Bde. 12. (Der russ. Theil auch 
u. d. T. Rucnyj slowar, Riga u. Lpz. 812. 12.) — A. F. Schmidt now. 
kann. Slowar ross. niem. i niem. ross., Lpz. 815. 2 Bde. 12. — M. Pare- 
nogo Lex. anglinsko-ross., M. 808 — 17. 4 Bde. — P. Kalajdowic opyt 
slowarja ruskich synonym, M. 818. — TL Rozanow Lex. lat.-ross., 5 A. 
M. 8iy. 2 Bde. — J. Tatitcew Lexicon ili slowar franz. - ross. M. 816. 
2 Bde. — J. Kronenberg Lexicon latinsko-rossijskij, M. 819 — 20. 2 Bde. 
folnyj niem.-rossijskij Lexicon, iz boljsago grammatikaljno - kriticeskago 
Slowarja G. Adelung asostawlennyj, S. P. 798. 2 Bde.— J. Soc's Lexicon ili slowar 
nowyj na franc, ital., niem., Latin, i rossijskom jazykach, M. 2 Bde. — Slo- 
wari srawiiiteliiYJe wsjech jaz., Imp. Ekater. 11., izd. P.ß. Pallas S. P. 787. 
2 B. 4. — P. Zdanow angl.-ross. S. P. 784. 8. — A. üiskow angl.- franc. - 
ross. S. P. 795. 2 B. 4. — D. Sinjkowskij . lat.- ross. M. 796. 3 B. 8. - 
R. Cebrikow niem.- ross. S. P. 812. 2 B. 8. — /. Giganow ross.- tatar. S. 
1'. B04. 4. — J. Tatiscew franc- ross. 2. A. M. 816 ' 2 B. 4. — Oldekopp 
russ.-teutsch S. P. 825. 2 B. 



147 

Schriftgelehrte wanderten aus Griechenland ein. Die Be- 
schaffenheit der damaligen russischen Sprache ist uns 
völlig unbekannt; ihr Anbau, der immer und überall 
mit der Cultur des Volks gleichen Schritt hält, war den 
spätesten Zeiten vorbehalten. Der Einfluss der warägi- 
schen auf dieselbe ist unbeträchtlich; einzelne Wörter 
sind heutzutage die einzigen Spuren desselben; die ohne- 
hin geringe Anzahl der Ankömmlinge mag sich bald un- 
ter den Insassen verloren haben, und die Enkel Ruriks 
(Swiatoslaw, Jaropolk u. s. w.) hatten bereits 955 slawi- 
sche Namen. Eine weit wichtigere Veränderung der rus- 
sischen Sprache wurde durch die Einführung der von 
Kyrill und Method in der altslawischen Sprache verfass- 
ten liturgischen Bücher bewirkt. (Vgl. §. 9. ff.) Dadurch 
wurden in Russland zwei Sprachen gleichsam einheimisch: 
die altslawische Kirchensprache, welche lange Zeit aus- 
schliessend Schrift- oder Literalsprache der Russen ge- 
blieben ist, und die eigentlich russische, welche das 
Volk gesprochen hat. Die Büchersprache hatte zwar ei- 
nen grossen Einfluss auf die Gestaltung der Landesmund- 
art; nichts desto weniger behielt diese fortwährend ihre 
Originalität. Weit mehr veränderte sich die russische 
Mundart im Laufe der Zeiten, der Natur der nur ge- 
sprochenen, nicht geschriebenen Sprachen gemäss, durch 
den Gebrauch selbst; während die altslawische, in der 
Bibel und den Kirchenbüchern fixirt, mit geringen Ab- 
weichungen, sich so ziemlich gleich geblieben ist. Diese 
Abtheilung hat kein eigentliches Denkmal der russischen 
Sprache aufzuweisen; einige Volkslieder, in welchen der 
heidnischen Gottheiten, Wladimirs Tafelrunde und der 
Helden seiner Zeit Erwähnung geschieht, können wol 
dem Ursprung nach diesem Zeitraum angehören, aber 
sie kamen nicht in ihrer Urgestalt auf uns, sondern durch 
mündliche Fortpflanzung vielfach geändert. Auch das 
altslawische Schriftthum konnte selbst aus Griechenland, 
wo bereits die Literatur abgeblüht hatte, und nur noch 
Kirchenbücher und dürftige Chroniken gefertigt wur- 
den, ausser der aus dem Griechischen ins Slawische über- 
setzten h. Schrift und den Kirchenbüchern, keinen neuen 
Zuwachs erhalten. Nebst diesen Büchern gehören noch 

10* 



148 

zwei Denkmale der altslawischen Kirchensprache in diese 
Zeil: die Tractate der Fürsten Oleg und Igor mit den 
Griechen in den J. 912 und 945, und die Hede Swia- 
toslaws an seine Kampfgenossen, obschon es wahrschein- 
lich ist, dass Nestor erstere aus dem Griechischen ins 
Slawische übersetzt, in der letzten aber nicht die eige- 
nen Worte des Helden wieder gegeben habe.*) 

§. 15. 

Zweite Abtheilung. — Von der Einführung des Christen- 
tums bis zur Besiegung der Tataren. 989 — 1462. 

Wladimirs Nachfolger, Jaroslaw, vcrgrösserte zwar 
bei seinen Lebzeiten den Umfang des Reichs; aber auf 
dem Sterbebette legte er durch die Theilung Russlands 
unter seine Söhne den Grund zu dessen Fall. Anarchie, 
Zwietracht und Blutvergiessen zerrütteten das Land, wel- 
ches nach zweihundertjährigem Widerstand endlich der 
Uebermacht der Mongolen unterlag. Selbst der hochher- 
zige Alexander Newskij, und der weise Johann Kaiita 
konnten an keine Befreiung denken, und mussten sich 
begnügen, durch Unterwerfung und Tribut die Beute- 
lust der wilden Eroberer befriedigt, und das schwere, 
schmähliche Joch erleichtert zu haben. Der Grossf. üe- 
metrius Joannowic legte durch seinen Sieg über die Ta- 
taren (1380) den Grund zur Befreiung des Vaterlandes, 
und der Grossf. Johann Wasiljewic bestieg 1462 den freien 
und unabhängigen Thron Russlands. — Jaroslaw (1018 — 
1054) liebte die Religion und hiemit auch die Bildung; 
er berief viele Griechen aus Constantinopel nach Russ- 
land, liess die Uebersetzung der Kirchenbücher ins Sla- 
wische fortsetzen und in Kiew zum allgemeinen Gebrauch 
aufstellen, erreihtete in Nowgorod eine Lehranstalt für 
300 Jünglinge, verschickte die Geistlichen durchs Land 
und liess das Volk belehren. Das wichtigste Denkmal sei- 
ner Zeit ist die Prawda ruskaja (russisches Recht). i ) 

*) N. Grec opyt kratkoj istorii ruskoj literatury, (S. P. 822. 8.) 
S. 15. ff. 

') Die Prawda ruskaja entdeckte Tatiiötw in der Nowgorodschen 
Chronik, und überreichte sie 1738 der Akad. d. Wissensch. Die lte Ausg. 



149 

Zu Anfange dieser Abtheilung stand Russland auf einer 
höhern Stufe der Cultur, als die meisten übrigen Län- 
der Europa's. Die Geistlichkeit Russlands zeichnete sich 
auch zu dieser Zeit durch eine grössere Liebe zu den 
Wissenschaften und durch eine ausgebreitetere Gelehr- 
samkeit vor ihren andern Zeitgenossen aus. Während 
das Land von inneren Unruhen gewaltsam erschüttert 
wurde, beschäftigten sich die Mönche in der Stille ihrer 
Gemäuer mit den Wissenschaften und Künsten ; einige 
trieben die Heilkunde , andere bereisten die entfernten 
Gegenden, die meisten zeichneten in ihren Zellen die 
Thaten der Vorfahren auf. 2 ) Unter den russischen Für- 
sten thaten sich nächst Jaroslaw durch Liebe zu den 
Wissenschaften hervor: Constantin Wsewolodowic (1217- 
1218) und Wladimir Wsewolodowic Monomach (1114 — 
1125); der letzte nimmt eine namhafte Stelle unter 
Russlands frühesten Schriftstellern ein, des ersten Ge- 
schichte der russischen Fürsten ist in den Stürmen der 
Zeit untergegangen. Die Tataren vernichteten beinahe 
alle Denkmale der Volkscultur, verheerten die Städte 
mit Feuer, und vertilgten die schriftlichen Urkunden. 
Die Zerstörung des Reichs zog den Verfall der Sitten, 
dieser die schauderhafte, die Menschheit erniedrigende 
Strenge der Strafen nach sich ; die Wiederkehr der Sitt- 
lichkeit, der Vaterlandsliebe und des Nationalmuths ist 
Russland der christlichen Religion schuldig. Im Laufe des 
XIII — XIV. Jahrh. gab es in ganz Russland keine öf- 
fentliche Schule. Die Tataren, durch schlaue Politik ge- 
leitet, schonten die russische Geistlichkeit, die Zahl der 
Klöster wuchs, und die Kirche bereicherte sich ansehn- 
lich. Die Verbindung mit Constantinopel dauerte fort; 
von da bekam man geistliche und sonstige Bücher. In 

besorgte Schlözer, S. P. 767; die 2te erschien im lten Bd, der fortgesetz- 
ten alten russ. Biblioth. ; die 3te aus der alten Handschr. der Kormcaja 
kniga eb. im 3ten Bde; die 4te mit Anmerk. von Boltin und einer Ueber- 
setzung ins Russische S. P. 792. neu aufgel. 799.; die 5te im lten Bd. der 
russischen Denkwürdigkeiten M. 815. aus der Kormcaja kuiga; die 6te von 
Rakowiecki nach der Boltinschen, mit einer polnischen Uebersetzung, vie- 
len Anmerkungen, Erläuterungen, einer vorangeschickten Abhandl. über 
die Cultur der alten Slawen u. s. w., Wars. 820 — 22. 2 Bde. 4. 

2 ) Sie lieferten dem Lande Schriftkundige , Diak genannt, die welt- 
liche Aemter von verschiedenen Abstufungen bekleideten, und im Range 
ungefehr unsern jetzigen Secretären gleich kamen. 



150 

Moskau wurde eine Metropolitan- späterhin Patriar- 
chal-Bibliothek errichtet, die vorzüglich an alten Hand- 
schriften reich ist. — Im Laufe dieses Zeitraums erlitt 
die russische Sprache mehrere Veränderungen. Sie ent- 
fernte sich immer mehr von den übrigen slawischen Dia- 
lekten. Viele Flexionsformen, Wörter und Redensarten 
wurden aus dem Altslawischen in die Landessprache auf- 
genommen. Die Herrschaft der Tataren , die übrigens 
mit der Entrichtung des jährlichen Tributs zufrieden, 
abgeschieden an den Ufern der Wolga ihr nomadisches 
Lager (Kapcak) bewohnten, führte ihr zwar einzelne ta- 
tarische Wörter zu, aber diese verdrängten die einhei- 
mischen nicht ganz, und konnten den Geist der russi- 
schen Sprache, ihren grammatischen Bau und ursprüng- 
liche Reinheit nicht ändern. Auch dieser Abtheilung fehlt 
es noch an Sprachdenkmälern der Landesmundart, um 
über ihre Gestaltung urtheilen zu können. Die Bücher- 
sprache blieb fortwährend die altslawische; der alte Styl 
derselben überging im XIV. Jahrh. in den mittlem, der 
bis ins XVII. Jahrh. währte. — Die eigentliche Litera- 
tur gewann in diesem Zeitabschnitt einen grösseren Spiel- 
raum; neue theologische Schriften, Jahrbücher und Ge- 
dichte kommen zum Vorschein. Während der Herrschaft 
der Tataren wuchs die Anzahl der Kirchenbücher und 
der Uebersetzungen aus dem Griechischen; die Einbil- 
dungskraft, unter dem drückenden Joch der Ungläubi- 
gen seufzend, ergoss sich in zahlreichen Gesängen. Wla- 
dimir der Gr. war für die Sänger Russlands, was Ar- 
thur für die Sänger des Westen von Europa. Uralte Ge- 
sänge von den Thaten der vaterländischen Helden, de- 
ren Trümmer der Verwesung entgangen sind, bewei- 
sen, dass auch die Russen ihre Troubadoure gehabt ha- 
ben. Zu den schätzbarsten poetischen Denkmälern die- 
ser Zeit gehört das Heldengedicht Igor (Slowo o polku 
Igora, Igors Zug gegen die Polowcer), ausgezeichnet 
durch Kühnheit, Kraft und Anmuth sowol der Gedan- 
ken als des Ausdrucks. 3 ) Schriftsteller, deren Erzeug- 

3 ) Diesen Ileldengesang entdeckte der Graf A. J. Musin-Puskin im 
J. 1796 in einem Chronographen. Die erste Ausg. erschien M. 800., die 2te 
§iihow S. P. 805., und mit einer böhmischen Uebersetzung von Hanka, 
Prag 821., die 3te von N. Grammatin M. 823. mit c. Abb. und dem Frag- 
ment Libusa. 



151 

nisse sich zum Theil erhalten haben, sind: Lukas Zid- 
jata oder Zirjata, Bischof von Nowgorod (gest. 1059), 
hinterliess eine Schrift: Poucenije k bratii. — Nestor, 
der Vater der russischen Geschichte, Mönch im peceri- 
schen Kloster bei Kiew (geb. 1056, gest. wahrscheinlich 
1111), in der griechischen Sprache und Literatur be- 
wandert, schrieb eine russische Chronik in altslawischer 
Sprache, welche, für die gesammte Geschichte des Mittel- 
alters überaus wichtig, die Grundlage der slawischen 
Geschichte bildet, herausg. S. P. 767, M. 781, S. P. 786, 
M. 784., S. P. 796-, von Schlözer mit einer teutschen 
Uebersetzung und historisch-kritischem Commentar Gott. 
802 - 9 5 Bde. 8. (russ. v. Jazykow S. P. 809 - 19. 
3 Bde.]. — Basilius, wahrscheinlich ein Mönch oder 
Geistlicher zu Ende des XL Jahrh., beschrieb die gleich- 
zeitigen Begebenheiten des südlichen Russlands. — Syl- 
vester, Bischof von Perejaslawl (gest. 1124), Niphont, 
Johann, Priester von Nowgorod, Timothej u. a. m. wer- 
den als Fortsetzer der russischen Jahrbücher genannt, 
welche bis Alexjej Michajlowic (1645 — 1676) unun- 
terbrochen fortlaufen, und in Bezug auf die slawisch- 
russische Geschichte, als Quellen derselben, das schätz- 
barste Vermächtniss jener Zeiten sind. — Nikiphor, Me- 
tropolit von Kiew und ganz Russland, von Geburt ein 
Grieche (gest. 1121), hinterliess zwei Schriften in sla- 
wischer Sprache theologischen Inhalts. — Wladimir 
Wsewolodowic Monomach, Grossf. von Russland (geb. 
1053, gest. 1125)-, sein Unterricht (poucenije) für seine 
Kinder ist ein beredter Erguss der Gefühle eines Vaters 
und Fürsten, den Erfahrung und Nachdenken weise ge- 
macht haben. — Daniel, Hegumen, unternahm im An- 
fange des XII. Jahrhunderts eine Reise nach Palästina, 
deren Beschreibung handschriftlich aufbewahrt wird 4 ). 
— Simon, Bischof von Suzdalj u. Wladimir (gest. 1226), 
und sein Anverwandter Polykarp, pecerischer Mönch, 
verfertigten Biographien einiger pecerischen Mönche, die 
unter dem Titel: Pecerskij paterik bekannt und häufig 
gedruckt sind. — Von Kyrill, Metrop. von Kiew und 

*) Einige hier nicht genannte schriftliche Denkmale verschiedener 
Verfasser aus dem XII. Jahrh. gab Hr. Kalajdowi6 u. d. T. Pamjatniki 
ross. slowesnosti XII. wjeka, M. 821. heraus. 



152 

ganz Russland, einem geborenen Russen (gest. 1281), 
erhielten sich Synodalreden, voll lebhaften Gefühls und 
wahrer Beredsamkeit. — Kyprwn, Metrop. von Kiew 
und ganz Russl., von Geburt ein Serbe (gest. 1406), 
brachte viele slawische Handschriften mit nach Russland, 
und hinterlicss in den Stufenbüchern eine Biographie des 
Metrop. .Peter. — Pholius, Metrop. von Kiew und ganz 
Russl. (gest. 1431) ist Vf. von sechzehn Vorträgen (pou- 
cenije) an die Fürsten und Bojaren, die Geistlichkeit und 
das Volk. - Gregor Samblak oder Semiwlak, Metrop. 
von Kiew r , von Geburt ein Bulgar (gest. 1419), ist Vf. 
von 27 Reden. — Demetr. Zoograph, wahrscheinlich 
ein Geistlicher, übersetzte ums J. 1385 — 1402 aus dem 
Griechischen ein Gedicht des Georg Pisides, Metrop. von 
Nikomedien im VII. Jahrb., unter d. T. Mirotworenije. 
— lynatius, Diakon des Metropoliten Pimen, lebte im XV. 
Jahrb., und beschrieb die Reise des genannten Metropo- 
liten nach Constantinopel. — Jesaias, Hieromonach auf 
Athos, von Geburt ein Serbe , brachte 1417 mehrere 
slawische Handschriften nach Russland , darunter seine 
Uebersetzung des Areopagiten Dionysius. — Sophronius, 
Priester in Rjazan, gegen das Ende des XV. Jahrb., 
schrieb ein Gedicht: Istorija ili powjest o nasestwii bez- 
boznago Carja Mamaja s bezcislenymi Agarjany 5 ). 

§• 16. 

Dritte Abtheilung. Von der Besiegung und Vertreibung der 

Tataren bis auf Peters des Grossen Alleinherrschaft. 

1462 - 1689. 

Mit der Befreiung Russlands vom Joche der Mon- 
golen beginnt eine neue Epoche in politischer, sittlicher 
und literarischer Hinsicht. Russland nahm wieder die 
ihm gebührende Stelle unter den europäischen Machten 
ein. Im Laufe dieser Periode erhielt die Nationalbildung 
einen neuen, höhern Schwung. Gelehrte und Künstler 
kamen aus Griechenland und Italien nach Russland, und 
weckten unter den Eingebornen die Sehnsucht nach glei- 

*) N. Grec opyt ist. rusk. slow. S. 21. ff. 



153 

eher Ausbildung. Baukünstler und Maler traten nun 
selbst unter den gebornen Russen auf: nur die ernstem 
Wissenschaften, die Philosophie, Sternkunde, Naturleh- 
re und Medicin lagen noch in der Wiege, der künftigen 
Pflege harrend. Unter Johann IV. Wasiljewic (1533 - 
1584) kamen englische und teutsche Heilkünstler und 
Apotheker nach Russland. Er Hess in den Städten Schu- 
len für die Jugend aus allen Ständen eröffnen. *) Die 
erste russische Typographie kam 1564 in Moskau zu 
Stande. Die kirchliche und bürgerliche Gesetzgebung 
ward vervollständigt. Car Boris (1598 — 1605) Hess 
achtzehn adelige Jünglinge im Auslande studiren; er selbst 
liebte vorzüglich die Mathematik, und liess seinem Sohne 
die zweckmässigste Erziehung geben. In den darauf fol- 
genden politischen Stürmen verstummten die Musen, die 
Flüsse rauchten vom Blut, die Städte gingen in Flammen 
auf, und Künste und Gewerbe verschwanden vom russi- 
schen Boden. Michael Theodorowic von Romanow (1613 
— 1645) rettete den sinkenden Staat. Der Handel und mit 
ihm die Städte blühten auf. Im J. 1643 wurde in Mos- 
kau eine griechisch-lateinisch-slawische Lehranstalt er- 
richtet. Unter Alexjej Michajlowic (1645 — 1676) wur- 
den Fabriken angelegt-, teutsche Officiere, Künstler und 
Handwerker nach Russland berufen; viele ausländische 
Bücher ins Russische übersetzt: aber die Russen blieben 
ihren alten, wenn gleich rauhen Nationalsitten treu. 
Das wichtigste Denkmal seiner Regierung ist das Sobor- 
noje ulozenije, eine Sammlung russischer Landesgesetze, 
gedruckt M. 649. Er und sein Nachfolger Theodor Alex- 

x ) Im J. 1545 schickte er an den Ks. Karl V., als dieser eben ei- 
nen Reichstag zu Augsburg hielt, einen Sachsen, Namens Schiit, um die 
Erlaubniss nachzuholen, Gelehrte, Künstler und Handwerker in Teutschland 
anzuwerben, und nach Russland zu verpflanzen. Ks. Karl V. stellte das Be- 
gehren des Cars dem Reichstag anheim, der nach vielen Schwierigkeiten 
endlich dem Gesandten Schiit einen statt und im Namen des Cars gelei- 
steten Eid abnahm, dass die aus Teutschland nach Russland berufenen Män- 
ner weder von da nach der Türkei gelassen, noch ihre Talente zum Nach- 
theil des teutschen Reichs gebraucht werden sollen. Unter diesen Bedin- 
gungen erlaubte man dem Schiit Männer für sein Vorhaben zu suchen, de- 
ren er ungefehr Hundert zusammen brachte. Als er aber mit ihnen in Lü- 
beck ankam, um von da nach Liefland zu schiffen, wurde er hier, auf Ver- 
anstalten der Hansa und des liefländischen Ordens, von dem Lübecker Rath 
verhaftet, worauf sich die Begleiter zerstreuten , und das Unternehmen 
scheiterte. Johann erfuhr den Verlauf der Sache erst 1557, in welchem Jahr 
Schiit aus seiner Haft entwich. 



154 

jejewie (1676 — 1682) waren windige Vorgänger Pe- 
ters des Grossen, die die Materialien vorbereiteten, aus 
welchen dieser den Bau seines grossen Werks vollen- 
dete. Die Wissenschaften und Künste schlugen, vorzüg- 
lich nach Einverleibung von Kleinrussland und der Kie- 
wer theologischen Akademie (gestift. 1588), immer tie- 
fere und festere Wurzeln im Lande; auf der Moskauer 
griechisch-lateinisch-slawischen Akademie wurden Gram- 
matik, Rhetorik, Poetik, Dialektik, theoretische Philo- 
sophie und sowol die geoffenbarte als die natürliche Theo- 
logie gelehrt. Während der Regirung der Sophia Alex- 
jejewna (1686 — 1689) wirkte der Fürst W. W. Golicyn 
auf die Verbesserung des Geschmacks in der Baukunst. 
Die Buchdruckereien in Moskau, Kiew, Cernigow, Now- 
gorod und einigen Klöstern hielten gleichen Schritt mit 
den ausländischen. — Die russische Sprache blieb jedoch 
in der Bildung hinter der böhmischen und polnischen 
zurück. Der ununterbrochene Verkehr mit Polen , die 
Herrschaft der letztern im südwestlichen Russland, die 
Betreibung der Kirchen-Vereinigung durch die Katho- 
liken, und die bewältigende Macht der Bildung und der 
Wissenschaften wirkten entscheidend auf die Gestaltung 
der russischen Mundart nach der polnischen: dieses Ue- 
bergewicht des Polnischen dauerte bis zum Anfange des 
XVIII. Jahrh. fort. Die ersten slawisch-russischen Sprach- 
bücher erschienen in den polnisch-russischen Provinzen. 
Viele unter den geistlichen Schriftstellern bedienten sich 
ausschliessend der polnischen Sprache, und hielten die 
einheimische für zu ungeschlacht, um in derselben hö- 
here, abstracte Wahrheiten vorzutragen. Doch wurde 
in Moskau fortwährend die Landesmundart in allen schrift- 
lichen Verhandlungen und Urkunden gebraucht; und es 
gab demnach in diesem Jahrh. schon drei Schriftspra- 
chen in Russland : die altslawische Kirchensprache in 
den liturgischen Büchern und allen theologischen Schrif- 
ten; die eigentliche russische im Munde des Volks und 
in den Civilschrifteii; und die weissrnssische in den Wer- 
ken russischer Schriftsteller in den polnisch-russischen 
Provinzen. Erst in der zweiten Hälfte des XVII. Jahrh. 
fing die russische Sprache allmälich an, die Fesseln der 



155 

polnischen abzuwerfen und sich selbständig zu gestalten. 
Zu Ende des XVI. und im Anfange des XVII. Jahrh. 
war die Literatur beinahe ganz in den Händen der Geist- 
lichkeit , im Laufe des XVII. Jahrh. kommen neben 
den theologischen auch schon historische und poetische 
Werke zum Vorschein. Die quantitirende Prosodie, die 
Zizania und Smotriski vorgeschlagen haben, fand keinen 
Beifall, um so mehr die bloss reimende polnische; aber 
das russische Volk fuhr fort in den Nationalliedern sich 
des zeitherigen, einheimischen und originellen Versmaas- 
ses zu bedienen. (S. §. 19. Anm. 4.) Im Anfange des 
XVII. Jahrh. zeigen sich die ersten Spuren der drama- 
tischen Kunst ; theatralische Vorstellungen kamen aus 
Polen nach Kiew, Studenten spielten hier geistliche Dra- 
men. In Moskau wurde erst 1676 auf Verwendung des 
A, Sergjejewic Matwjejew der Anfang mit der Schau- 
spielkunst gemacht. Unter Theodor Alexjejewic wurde 
das erste nicht geistliche Drama : Molieres Arzt wider 
Willen, ins Russische tibersetzt, und auf dem Privat- 
Hoftheater gegeben. — Namhafte Schriftsteller dieses 
Zeitabschnittes sind: Wassian genannt Rylo, Erzb. von 
Rostow (gest. 1481), hinterliess ein Sendschreiben an 
den Car Johann, und eine Biographie seines Lehrers 
Paphnutius Borowski. — Der h. Joseph Sanin, erster He- 
gumen des Klosters Wolokolamsk (geb. 1440, gest. 1516), 
verfasste die Geschichte der jüdischen Ketzerei des XV. 
Jahrh., und 15 Reden gegen dieselbe. — Gennadius, 
Erzb. von Nowgorod und Pskow (gest. 1506), schrieb 
ebenfalls gegen die jüdische Ketzerei. — Agathon, Prie- 
ster in Nowgorod, verfertigte 1540 einen Kirchenka- 
lender Paschalija, auf 8000 Jahre. — Georgius, ein 
Mönch, brachte ein russisches Jahrbuch bis 1533 zu 
Stande. — Makarius, Metropolit von Moskau und ganz 
Russl. (gest. 1564), hochverdient um die Kirche, be- 
wandert in der Literatur und ausgezeichnet durch glän- 
zende rednerische Talente, verfasste die Lebensbeschrei- 
bungen der Heiligen unter dem Tittel: Cetii minei oder 
Zitija swiatych, Msc, schrieb verschiedene Reden und 
besorgte die Abfassung und Ergänzung der Stufenbücher 
(stepennyja knigi) herausg. M. 775. — Laur. Zizania, 



156 

Erzpriester zu Korec in Littauen, gab eine slawische 
Grammatik, Wilna 596., ein Abcdarium, eb. 596. und 
einen Katechismus in weissrussischer Sprache, M. 627 
heraus. — Maximus der Grieche, ein Mönch vom Berge 
Athos, von Geburt ein Albanese, gebildet in Paris und 
Florenz, und von dem Grossf. Wasilij Joannowic nach 
Moskau berufen, übersetzte mehrere Kirchenbücher ins 
Altslawische, wurde bei der Verbesserung der slawischen 
Version der Bibel gebraucht, fiel aber in Ungnade und 
starb in der Verbannung (1536); er schrieb Abhand- 
lungen über den Nutzen der grammatischen, rhetorischen 
und philosophischen Studien, gedruckt in der Smotris- 
kischen Grammatik. Job, erster Patriarch von Russ- 
land (gest. 1607), beschrieb das Leben des Cars Theo- 
dor Joannowic, welche Schrift den Jahrbüchern Nikons 
(\^\. unten) einverleibt ist. Fürst Andrej Michaj- 

lowic Kiirbskij (geb. 1529) ein Bojar und Wojwoda un- 
ter dem Car Johann Wasiljewic, fiel um 1564 in Un- 
gnade und flüchtete sich nach Polen, wo er die Geschich- 
te des Cars verfasste, die handschriftlich in verschiede- 
nen Bibliotheken aufbewahrt wird. — Tryphon Koro- 
bejnikow und Georg Grekow, Moskauer Kaufleute, be- 
reisten Syrien, Palästina und Aegypten, und verfertig- 
ten ein Tagebuch ihrer Reisen im J. 1583, welches im 
12 Bd. der alten russ. Biblioth. S. P. 783 erschienen ist. — 
Franz Skorina aus Polock, Doct. der Med., übersetzte 
die Bibel ins Russische, und Hess einige Theile dersel- 
ben in Prag (in Böhmen) 517 — 525 drucken. — Äthan. 
Nikifin, Kaufmann in Twer, reiste ums J. 1470 nach 
Ostindien, war in Dekan und Golkonda, und hinterliess 
die Beschreibung seiner Reise. — Abr. Palicyn, Mönch 
im Sergiewschen Dreifaltigkeitskloster (gest. zwischen 
1621 — 29), schrieb die Geschichte seiner Zeit, herausg. 
M. 784. — Fürst Const. Constantinowic Oslrozskij, Woj- 
woda von Kiew und Marschall von Wolynien, der grösste 
Beförderer der literarische» Cultur im westlichen Slawen- 
laudc seiner Zeit, errichtete zu Ostrog eine kyrillische 
Buchdruckerei, und liess, ausser vielen andern Büchern, 
die allslawische Bibel, zum erstenmal ganz, im J. 1581., 
daselbst drucken. — Nikon, (Her Patriarch von Russ- 



157 

land (geb. 1605, gest. 1681), unternahm die Revision 
der altslawischen Kirchenbücher nach dem Griechischen, 
besorgte die Uebersetzung mehrerer historischen und 
geographischen Werke, veranstaltete eine Sammlung der 
russischen Jahr- und Stufenbücher und der griechischen 
Chronographen bis 1630, bekannt unter d. T. Nikonow 
spisok, und herausg. S. P. 767 — 92. 8 Bde. — Eptph. 
Slawineckij oder Slawianickij (gest. 1676), Hieromo- 
nach im pecerischen Kloster bei Kiew, gebildet in Kiew T 
und im Auslande zu Anfange des XVII. Jahrh,, besorgte, 
von dem Bojaren Theod. Michajlowic Rliscew 1649 nach 
Moskau berufen, die Uebersetzung mehrerer Schriften 
aus dem Griechischen des Joh. Chrysostomus, Gregorius 
Nazianzenus, Basilius des Grossen, Joh. Damascenus u. 
m. a., verfasste ein Griechisch - slawisch - lateinisches, 
und ein philologisches Lexicon, die beide handschriftlich 
vorhanden sind, unternahn die Uebersetzung der gan- 
zen h. Schrift aus dem Griechischen, die aber nicht zu 
Stande kam. — Peter Mogila , Metrop . von Kiew, Ga- 
licien und Kleinrussland, gebürtig aus der Moldau (geb. 
um 1590, gest. 1647), studirte in Paris; ihm verdankt 
die Kiewer Akademie ihre neue Einrichtung; er Hess 
einen Katechismus in weissrussischer und polnischer Spra- 
che drucken; beabsichtigte die Herausgabe der Zitija 
swiatych, verfasste verschiedene Gedichte im polnischen, 
sylbenzählenden Versmaass u. s. w. — Innoc. Gizel, Ar- 
chimandrit des Kiewopecerischen Klosters (gest. 1684), 
schrieb eine: Synopsis ili kratkoje opisanije o nacalje 
slawjanskago naroda, Kiew 674. von 718. bis 810. 10- 
mal gedruckt. — Lazar Baranowic, Erzb. von Cernigow 
und Nowgorod (gest. 1693), ausgezeichnet durch Ge- 
lehrsamkeit und Verteidigung der russischen Kirche ge- 
gen die Gegner, schrieb Reden in weissrussischem, po- 
lemische Abhandlungen in polnischem Dialekt, Gedich- 
te, worunter ein Trauergedicht auf den Tod des Cars 
Alexjej Michajlowic, Kiew 676*) 4. — Simeon Polockij 
aus Polock (geb. 1628, gest. 1680), Hieromonach, Er- 
zieher des Carewic Theodor Alexjejcwic, schrieb Ge- 
dichte, geistliche Dramen, und Hess drucken : Zezl praw- 
lenija, M. 668. fol., Psaltyr w stichach, M. 680. fol., 



158 

Objed duchownyj, M. 681., Wecera duchownaja, M. 683. 
u. a. in.; in der Handschrift hinterliess er ein Rhythmo- 
logion, sieben geistliche Dramen n. s. w. — Sylvester 
Medwjedew, Vorsteher eines Klosters in Moskau (1691 
wegen Theilnahme an der Empörung der Strielcen enth.) 
verfasste mehrere Gelegenheitsgedichte, beschrieb den 
Aufstand der Strielcen u. s. w. — Sergij Kubasow, Bo- 
jarensohn aus Tobolsk, brachte einen Chronograph oder 
Lietopisec von der Erschaffung der Welt bis auf seine 
Zeiten zu Stande. — Theod. Kassianowic Gozwinskij, 
übersetzte im J. 1608 Aesops Fabeln aus dem Griechi- 
schen, und des P. lnnocentius Tropnik aus dem Polni- 
schen. — Fürst Semen Sachowskij lebte im Anfange des 
XVII. Jahrb., fiel in Ungnade beim Car Michael Theo- 
dorowic, wurde verbannt ins Cudische Kloster, wo er 
mehrere Sendschreiben, darunter an den Patriarchen, 
Erzb. von Sibirien und den Schah von Persien verfasste. 
— Iwan Pellin, ein Kozak, bereiste 1620 die Gränzen von 
Sibirien, und schrieb ein Tagebuch darüber, abgedruckt 
im sibirischen Boten, S. P. 818. — Theod. Isakjewic 
Bajkow, Wojwoda von Sibirien, hielt sich als russi- 
scher Gesandte drei Jahre in China auf, und schrieb 
ebenfalls ein Tagebuch seiner Reisen, in der alten rus- 
sischen Bibliothek 4 Bd. und im sibirischen Boten 818. 
abgedruckt. — Theod. lwanowic Gribojedow verfertigte 
unter dem Car Theodor Alexjejewic eine Uebersicht der 
russischen Geschichte, Msc. — Andr. Lyzlow, Priester 
in Smolensk, in der 2ten Hälfte des XVII. Jahrb., ver- 
fasste eine Geschichte der Skythen, herausg. von Nowi- 
kow, S. P. 776. M. 787. 3 Bde. 8. - Artemon Serg- 
jejewic Matwjejew, Bojarin und Gouverneur mehrerer 
russischen Städte, Reichssicgelbewahrer (geb. 1625. erm. 
1682), als Minister des Cars Alexjej Michajlowic um die 
Bildung der russischen Nation und den Anbau der Spra- 
che hochverdient, ein Beschützer der Künstler, voll war- 
men Gefühls für Menschenwol , berief die ersten Schau- 
spieler nach Russlaud, verfasste selbst mehrere Werke 
geschichtlichen, diplomatischen und heraldisch-genealo- 
gischen Inhalts. — Noch sind als Schriftsteller dieses 
Zeitabschnitts zu nennen: Zach. Kopystenskij, Ignat. 



159 

Jowlewic) Joannikij Goliatowskij, Kyrill Tranquillion, 
Wladimir Gusew, Sabbas Jesipow, Basti. Burcew, Se- 
men Remezow, Nikiph. Matwjejewic Tolocaninotv, Ale- 
xjej Iwanowic Jewlew, Iwan Korniljewic Suserin, Pe- 
ter Zolotarew u. m. a. 2 ) 

§. 17. 

Zweite Periode. Von Peter dem Gr. bis auf unsere Zeiten. 

Erste Abtheilung. Vom Anfange der zweiten Periode bis 

zur Thronbesteigung Elisabeths. 1689 — 1741. 

Mit dem Regirungsantritte Peters des Grossen beginnt 
die glänzendste Epoche Russlands in allen Beziehungen. 
Was er als Herrscher für die Vergrösserung und Befe- 
stigung des Reichs gethan, ist allbekannt. Aber nicht 
eitle Ruhmsucht und Eroberungen waren der Zweck 
der Unternehmungen dieses hochherzigen Monarchen, 
sondern die Wolfart des Vaterlandes, die Bildung seiner 
Unterthanen. Er verdient mit Recht den Namen des 
Schöpfers der russischen Nationalbildung. Sein ganzes 
Streben war auf die Aufklärung seines Volks gerichtet. 
Während seiner 36 Jahre langen Regirung schwang sich 
Russland mächtiger empor, als früher während zwei 
voller Jahrhunderte, und trat in die Reihe der gebil- 
deten Völker im europäischen Staatensystem. Die Macht 
des Monarchen befreite sich von ihren bisherigen Fes- 
seln; die Gesetzgebung und Verwaltung wurden gere- 
gelt ; der Nationalkunstsinn erwachte ; Fabriken u. Ma- 
nufacturen blühten auf; die rauhen Sitten der Eingebor- 
nen machten den mildern europäischen Platz ; Reisen ins 
Ausland wurden häufig unternommen ; die Wissenschaf- 
ten und Künste siedelten sich auf dem russischen Boden 
fester an. Die vorzüglichste Sorge des Monarchen war 
auf die Verbreitung gemeinnütziger Kenntnisse mittelst 
des Druckes gerichtet 1 ). Zum Behuf des Unterrichts 

2 ) N. Grec opyt ist. rusk. slow. S. 39. ff. 

l ) Bevor Peter der Gr. in Kussland eine russische Druckerei errich- 
tet hatte, gab er dem Amsterdamer Buchdrucker Tessing ein Privilegium von 
15 Jahren auf russische Werke, woselbst auch das erste eigentlich russi- 
sche Buch: Kratkoje wwedenije wo wseobscuju istoriju 699. 4. erschienen 
ist« Nach Tessings und seines Gehilfen, El. Kopijewic, Tode, dauerte das 



160 

der Jugend aller Stände worden verschiedene Lehran- 
stalten errichtet, deren es gegen das Ende der Regirung 
Peters 51 in den Gouvernements- und Provincialstädten 
gab. Peter der Gr. kaufte wahrend seines Aufenthalts 
in Holland das anatomische und zoologische Kabinet des 
berühmten Ruysch und des Apothekers Seba, und legte 
so den Grund zuai S. P. Museum. — Nach einem von 
dem grossen Leibnitz entworfenen Plan errichtete der 
Monarch die Akademie der Wissenschaften, aber der 
Tod verhinderte ihn, dieselbe zu eröffnen ; diess that Ka- 
tharina I. im J. 1725., und fügte ihr ein der Bildung 
künftiger Lehrer gewidmetes Gymnasium, welches bis 
1762 Universität hiess, bei. Die Einführung der Lan- 
desmundart in Civilschriften begründete die eigentliche 
Nationalliteratur 2 ). Die achthundert Jahre lang neben 
der Kirchenslawischen heranwachsende russische Landes- 
sprache war bei dem Regirungsantritt Peters bereits so 
weit gediehen, dass sie ohne Anstand zur öffentlichen 
Geschäfts- und Schriftsprache erhoben werden konnte. 
Sie erlitt aber im Laufe dieser Periode viele, zum Theil 
nicht vortheilhafte Veränderungen. Sowol auf Befehl 
des Monarchen, als auch aus eigenem Antrieb, über- 
setzten die Russen eine Menge Schriften aller Art aus 
den neuern europäischen Sprachen, namentlich aus dem 
Teutschen, Französischen und Holländischen, in ihre 
Landesmundart. Allein Peter der Gr. sah, indem er auf 
diese Weise nach Russland europäische Sitten, Künste, 

Drucken russischer Werke in Amsterdam noch bis 1710 fort. — Im J. 1711 
wurde eine Buchdruckerei in S. P. errichtet, und das erste hier gedruckte 
Buch ist: Kniga Marsowa, 713. Die Sankt-Pctershurgskija wjedomosti er- 
schienen seit 1714. Bald darauf entstanden mehrere Buchdruckereien in S. 
P. Vgl. (Eivgenij) slowar istoric. Th. I. S. 273 — 302. 

2 ) Ungefehr im J. 1704 entwarf Peter der Gr. die Grundzüge zu dem 
jetzt sogenannten Civiltypus der russischen Druckschrift, indem er den ky- 
rillischen Buchstaben nach Art der lateinischen mehr Rundung und Ge- 
schmeidigkeit gab. Nach seiner Angabe wurden von holländischen Künst- 
lern in Amsterdam neue russische Lettern gegossen, mit welchen der erste 
Bogen der russischen Zeitungen in M. 17ü5 gedruckt worden. Ein volles 
Jahrzehend wurde mm an der neuen Schrift geändert und gebessert, bis 
man seit 1711 anfing, nicht nur in M., sondern auch in S. P., alle nicht 
kirchliche Werke mit denselben zu drucken. Die Kirchenbücher behielten 
ihren alten Typus. Dasselbe thaten auch die Serben mit geringen Abwei- 
chungen. Seitdem unterscheidet man den Givil&yfms, der graidanshiji von 
dem Kirclientypus, der erkivennyj bei den Bussen und Serben heisst. Vgl. 
Bwgearj ;>. a. 0. 



161 

Gewerbe und Kenntnisse verpflanzte, nicht sowol auf 
die Gestalt (Worte und Styl), als vielmehr auf den Ge- 
halt der übersetzten Werke. Auf diese Art wurden sehr 
viele ausländische Wörter und Redensarten, vorzüglich 
in den nautischen und strategischen Wissenschaften aus 
dem Holländischen und Englischen ins Russische aufge- 
nommen. Im Lehr-, Umgang- und Geschäftsstyl zeigte 
sich eine Buntheit ohne Gleichen; altslawische, gemein- 
russische und ausländische Wörter bildeten ein Chaos, 
das selbst bei den Geschichtsschreibern und Rednern herr- 
schend wurde. Aber diese Mischung entsprang nicht so- 
wol aus Armuth der russischen Sprache, als vielmehr 
aus der Leichtfertigkeit und Eile, mit welcher man das 
Geschäft des Uebersetzens betrieben hat. Zwischen den 
Verfechtern der altslawischen und gemeinrussischen Spra- 
che entstand überdiess ein Streit; der einzige Kantemir 
und einige Kanzelredner schufen sich eine eigenthümli- 
che, echtrussische Sprache für ihre Erzeugnisse ; an ei- 
ne russische Grammatik dachte Niemand; die Orthogra- 
phie blieb fortwährend schwankend, wie die Schreibari 
selbst. Das sylbenzählende Reimen beherrschte die Dicht- 
kunst; Trediakowskij wies auf griechische und römi- 
sche Formen hin, aber ohne Erfolg. — Künste und Wis- 
senschaften lassen sich, durch Herbeirufung gelehrter 
Männer, aus einem Lande ins andere verpflanzen; die 
eigentliche Nationalliteratur aber , bestehend aus der 
Dichtkunst, Beredsamkeit und Geschichte, ist eine Frucht 
des vaterländischen Bodens, und kann nicht durch Aus- 
länder erzwungen werden. Peter der Gr. bereitete den 
Boden für die Nationalliteratur, aber er selbst sah sie 
nicht; die Schriftsteller seiner Periode, Zöglinge des vo- 
rigen Jahrhunderts, tragen alle Zeichen der Zeit, der 
sie angehören. Ein russisches Theater gab es unter Pe- 
ter nicht; dasselbe ist die üppige Frucht der verfeinerten 
Bildung und des Luxus — Peter hatte nur die Bedürf- 
nisse seines Volks vor Augen. In den Seminarien wurde 
das AufFühren geistlicher Dramen fortgesetzt. Im J. 1730 
wurde beim Hofe ein italienisches, und 1738 ein teut- 
sches Theater eröffnet. 

11 



162 

Vorzüglichere Nationalschriftsteller 3 ) dieses Zeit- 
abschnitts sind: der h. Deine frius, Metro p. von Hostow 
(geb. 1651, gest. 1709), geschmückt mit hohen christli- 
chen Tugenden, reich an Kenntnissen, schrieb in der 
Kirchensprache leicht, correct, anmuthig; seine Haupt- 
werke sind: Cetii minei, oder Zitija swiatych, Kiew 711- 
16. 4 Bde. fol., M. 759. u. öfters aufgelegt; Alphabet 
duchownyj, Kiew 710. 713. S. P. 719. Kiew 747. 755., 
Ljetopis kelejnoja, M. 784. 800. S. P. 796. 2 Bde., Pou- 
citelnyja slowa, M. 786. 805. 807. 6 Bde., Ostalnyja so- 
cinenija, M. 804. u. a. m. — Steph. Jaivorskij, Metrop. 
von Rjazan und Präsident der h. Synode (geb. 1658, 
gest. 1722), behauptet eine namhafte Stelle unter den 
geistlichen Rednern ; von ihm ist erschienen : Kamen 
wjery, M. 713., Propowjedy, M. 804. 3 Bde. 8. - Gab. 
Buzinskij, Bischof von Rjazan und Murom, gebürtig aus 
Kleinrussland (gest. 1731), übersetzte Puffendorfs Einl. 
in die Gesch. der europ. Staaten, S. P. 718, ferner: O 
dolznosti celowjeka, von eb., S. P. 726., Theatron ili 
pozor istoriceskij, S. P. 724.; seine Reden kamen M. 784. 
heraus. — Theophan Prokopowic, Erzb. von Nowgorod 
(geb. 1681, gest. 1736), einer der aufgeklärtesten Män- 
ner seiner Zeit, Peters des Gr. treuer Gehilfe bei der 
Begründung der Nationalcultur, von seinen Zeitgenos- 
sen der russische Chrysostomus genannt, einer der reich- 
haltigsten Schriftsteller Russlands im theologischen, hi- 
storischen und politischpragmatischen Fach, von dessen 
60 Werken ungefehr 30 in Druck erschienen sind. — 
Fürst Antioch Dmitrijewic Kantemir, der erste Dichter 
seiner Zeit (geb. 1708, gest. 1744), originell, geistvoll, 

■) Hr. Grec, dem ich hier, obwol mit Zuziehung auch anderer 
Hilfsmittel, grösstenteils gefolgt bin, rechnet zu der Literatur nur die 
Dichtkunst, Beredsamkeit und Geschichte sammt ihren Hilfswissenschaften; 
die übrigen Fächer des Wissens gehören, sagt er, zu der Geschichte der 
Cultur überhaupt. Ob ich gleich hierin einer andern Meinung bin. und 
glaube, dass fürs Erste auch die Dichtkunst, Beredsamkeit und Gechichte 
zu der Culturgesch. überhaupt gehören, fürs Zweite aber es ungerecht sey, 
die wissenschaftlichen Prosaiker aus dem Gebiete der Nationalliter, auszu- 
schliessen, indem jede SprachdarateUwng (folglich auch die Nationallitera- 
tur) 'in die Sprache der Dichtkunst, der Beredsamkeit mid der wissen- 
schaftlichen Prosa zerfällt: so wollte ich doch in diesem Grundriss der 
allgemeinen Geschichte der slaw. Literatur innerhalb der vom Hrn. Grec 
gesteckten Gränzen der Nationalliteratur, rücksichtlich des Kussischen, blei- 
ben, um nicht den Umfang desselben über die Gebühr auszudehnen. 



163 

der wahre Gründer der russischen profanen Dichtkunst, 
schrieb Satyren, S. P. 764. 4., übersetzte 10 Briefe von 
Horaz, S. P. 744. 788., Fontenelles Werk von der Mehr- 
heit der Welten, M. 730. S. P. 761.; andere Ueberse- 
tzungen der Classiker hinterliess er handschriftlich. - 
Fürst Andr. Jakowlewic Chäkow (gest. 1718) schrieb: 
Jadro ross. istorii, öfters aufgelegt. — El. Theodorowic 
Kopijewic oder Kopijewskij aus W'eissrussland, studirte 
in Holland, wurde Protestant und Pastor zu Amsterdam 
(gest. 1701); er übersetzte auf Peters des Gr. Verlangen 
mehrere Sprach- und Geschichtsbücher ins Russische, 
die 699 — 700 bei Tessing in Amst. erschienen sind; 
anderes hinterliess er handschriftlich. — Pet. Buslajew, 
Diakonus in Moskau, schrieb ein gereimtes Gedicht : O 
pereselenii w wjecnuju zizii Bar. M. J. Strogonowoj, S. 
P. 734. — Semen Klivnowskij, ein Kozak, lebte um 1724, 
dichtete leichtere Lieder im Naturstyl. — Kyrül Danilow 
aus Kiew, ebenfalls Kozak, diente in Sibirien zu Anfange 
des XVIII. Jahrh. und sammelte russische Gesänge aller 
Art, die mit den seinigen erschienen M. 804. 717. — 
Leont. Philippowic Magnickij, Lehrer der Mathematik 
(geb. 1669, gest. 1739), gab die erste russische Arith- 
metik mit arabischen Ziffern M. 703. heraus. — Ernst 
Abt Glik (Glück), Pastor in Liefland, in dessen Hause 
Katharina I. erzogen war, gerieth in die russische Gefan- 
genschaft und lebte in Moskau, wo er Luthers Kate- 
chismus, Komensky's Orbis pictus und Janua linguarum 
u. a. m. ins Russische übersetzte. — Iwan Kyrillow, Ober- 
secretär des Senats, später Staatsrath (gest. 1738), sam- 
melte geographische Notizen über Russland und verfer- 
tigte einen Atlas des Reichs 734. 745. — Basti Grigo- 
rowic auf Kiew (geb. 1702, gest. 1747), brachte 24 
Jahre auf Reisen im Auslande zu; sein Tagebuch gab 
Ruban S. P. 778. 785. heraus. — Nikodem Sellij, Ale- 
xandronewskischer Mönch (gest. 1746), sammelte an Vor- 
arbeiten zur russischen Geschichte, gab 1736. in Reval 
ein Schediasma litterarium de scriptoribus, qui historiam 
polit. eccles. Rossiae scriptis illustrarunt, heraus, rus- 
sisch M. 815.; ferner Istoriceskoje zercalo ross. gosuda- 
rej; de Rossorum hierarchia u. a. in. — Basil. Nikiiic 

11* 



164 

Tatiscew, geh Kaili (geb. 1686, gest. 1750), sein Haupt- 
werk ist : Istorija rossijskaja, lierausg. v. Müller M. und 

8. P. 769 — 84. 4 Bde. 4., mit vielem Fleiss zusammen- 
getragen, und auch jetzt nicht ohne Werth; femer: Le- 
xicon ross. istor. polit. i grazdanskij, reicht nur bis L 
hin, 8. P. 793., Atlas des russ. Reichs 745. ; T. schrieb 
auch Erläuterungen zu der Pravvda ruska und zum Su- 
debnik, nach s. Handschr. herausg. M. 7G8 80. — 
Steph. Petrowtc Krasenmmkow, Prof der Botanik in S. 
Petersburg, gebürtig aus Moskau (geb. 1713, gest. 1755), 
schrieb correct und rein: Opisanije zemli Kamcatki, 8. 
P. 755. 2 Bde.; Slowo o poljzje nauk i chudozestw 750.; 
übersetzte den 0. Curtius u. m. a. — Basti. Kyriilowic 
Tredzakowskij, Hofralh und Prof. der Eloquenz, gebo- 
ren in Astrachan (1703, gest. 1769), beleuchtete der 
erste die Natur der russischen Verskunst und zeigte die 
Unzulänglichkeit des syllabischen Reimens; aber er er- 
mangelte der höheren Dichtertalente, um seine bessern 
Grundsätze durch gelungene Original werke durchzuse- 
tzen; sein Styl ist geregelt, aber dabei unrein, schwer- 
fällig, langweilig, die Poesien ohne Geschmack; Sposob 
ross. stichoslozenija, S. P. 735. ; Razgowor ob ortografii 
starinnoj i nowoj, S. P. 748.; Deidamija, eine Tragö- 
die, und Telemachida, nach Fenelon in Versen mit quan- 
titirender Sylbenmessung, S. P. 750.; Razsuzdenije o 
ross. stichoslozenii, 8. P. 755. ; Oden, Idyllen und Fa- 
beln in verschiedenen Schriften zerstreut; er übersetzte 
Rollins A. Geschichte 8. P. 749 - 62. 7()1 6? 26 Bde., 
Barclays Argenis, Boileaus l'Art poetique u. in. a. J ) 

§. 81. 

Zweite Abtheilung. Elisabeths und Katharina's II. Regi- 

rungszeit ; oder von Lomonosow bis auf Karamzin. 

1741 1796. 

Glänzende Siege im Auslande und friedliche Milde im 
Innern charakterisiren die Regirüng der Tochter Peters 
des Glossen, Elisabetha Petrowna. Sie liebte die Wis- 

i torii ruakoj slowesnosti S. 89. ti 



165 

Seilschaften und Künste, und erachtete sie nicht nur fin- 
den tüchtigsten Hebel der Regirungskunst, sondern auch 
für eine besondere Zierde ihres mit Pracht und Glanz 
umgebenen Hofes. Desshalb vermehrte sie 1747 die Ein- 
künfte der Akademie der Wissenschaften, stiftete 1752 
das Seecadettencorps, 1755 die Moskauer Universität mit 
zwei Gymnasien, und legte den Grund zu der S. Peters- 
burger Akademie der Künste 1758. Der grosse Mäcen 
Suwalow reichte der Monarchin bei der Ausführung so 
edler Werke die thätigste, hilfreichste Hand. — Katha- 
rina IL fasste Pe(ers des Gr. kühnen Plan in seinem gan- 
zen Umfange auf. Sie gab der russischen Politik eine 
Selbständigkeit und Consequenz, und erweiterte die Grän- 
zen des Reichs. Sie beglückte das Land durch Begün- 
stigung des Mittelstandes, durch Beförderung des Han- 
dels, der Künste und Wissenschaften, durch Vermeh- 
rung der Erziehungs- und Unterrichtsanstaiten. Achtung 
für das Schöne und Nützliche und reger Eifer für die 
grossen Zwecke des Nationalwols wurden in dem die 
grosse Frau umgebenden Kreise immer allgemeiner ; die 
Namen der Orlow, Rumjancow, Potemkin, v Dolgorukij- 
Krimskij, Soltykow, Suworow, Repnin, Cicagow, Pa- 
nin, ßezborodko werden neben dem Ihrigen noch von 
der spätesten Nachwelt mit Ehrfurcht genannt. Sie liebte 
die Wissenschaften an sich und als Mittel der Veredlung 
der Sitten und hiemit der Wolfahrt des Volks. Ein ehr- 
würdiges Bestreben von Ausländern zu lernen, und mit 
angestrengter Thätigkeit ihnen nachzueifern beseelte durch 
sie den edlern Theil der Nation. Von den durch sie ent- 
weder neugestifteten, oder besser eingerichteten Erzie- 
hungs- und Lehranstalten nennen wir das Artillerie- und 
Ingenieur-Cadetten-Corps 1762, das Erziehungshaus in 
Moskau 1764 und S. Petersburg 1770, die Gesellschaft 
für Erziehung adeliger und bürgerlicher Mädchen 1764, 
die Akademie der Künste, erweitert 1164, das Berg- 
werks-Institut 1772, das Gymnasium für ausländische 
Glaubensverwandte, die S. Petersburger Akademie der 
Wissenschaften , deren Glieder Pallas , Falk , Georgi, 
Güldenstädt , Ryckow , Rumowskij, Gmelin, Lepechin, 
Kraft , Inochodcew , Ozereckowskij, Hermann auf Be- 



166 

fehl der Monarchin wissenschaftliche Reisen in verschie- 
dene Gegenden des Reichs unternehmen, und die darüber 
geführten Tagebücher herausgeben mussten, die Moskauer 
Universität mit der daselbst gestifteten freien russischen 
Gesellschaft, die kais. russische Akademie zur Vervoll- 
kommnung der Sprache und Geschichte, gestiftet 1783, 
die Gesellschaft für Oekonomie 1765, die chirurgische 
Lehranstalt u. m. a. Im J. 1783 wurde die Errichtung 
der Buchdruckereien freigegeben, eine Commission für 
Normal- oder Volksschulen ernannt, und bald darauf ein 
Seminarium für Volksschullehrer sammt mehreren Nor- 
malschulen eröffnet. Allmälig wurden nun die Volks- 
schulen durch das ganze Land ins Werk gesetzt, und 
fingen an auf die Verbreitung der Civilisation selbst unter 
dem Volk wolthätig, kräftig einzuwirken. — Während 
der Regirung Pauls I. (1796 — 1801) kamen ebenfalls 
mehrere ßildungs- und Lehranstalten zu Stande, darun- 
ter die Universität zu Dorpat. — Den Anfang dieses 
Zeitabschnitts bezeichnet die Gestaltung der russischen 
Sprache und Schreibart durch Lomonosow. Er wagte 
zu allererst zwischen dem Altslawischen und Russischen 
eine genaue Gränze zu ziehen, und letzteres auf feste 
Grundsätze zurückzuführen. Er schrieb der erste eine 
reine, echte russische Prosa, gab der Lyra ein eigen- 
thümliches Versmaass, und entwarf die Regeln der rus- 
sischen Grammatik. Die Dichtkunst, die Beredsamkeit, 
die Geschichte und die Naturwissenschaften haben ihm 
gleichviel zn verdanken. Aber verkannt von seinen Zeit- 
genossen, ging Lomonosow, schon hier ein strahlendes 
Gestirn, nebelumhüllt unter, um nach seinem Tode von 
der Nachkommenschaft als ein Stern erster Grösse erkannt 
und desto mehr bewundert zu werden. Trediakowskij's 
schwerfällige, holprichte Schreibart, und Theophans n. 
Gabriels Sprachamalgam trübten noch lange die russische 
Prosa. Um diese Zeit fing Sumarokow an, dramatische 
Versuche in alexandrinischen Versen zu schreiben. Die- 
ses Maass und Lomonosows Jamben und Choräen behaup- 
teten bis auf die neuesten Zeiten auf dem russischen Par- 
nass die Alleinherrschaft. Lomonosow fühlte die Zauber- 
kraft des Hexameters, und würde ihn mit der Zeit ge- 



167 

wiss gebraucht haben, wenn der Tod sein Leben nicht 
abgekürzt hätte. — Das Lustspiel, der Dialog, die Er- 
zählung, der Brief ermangelten noch immer einer pas- 
senden, leichten Sprache; in den damaligen höhern Zir- 
keln wurde nicht russisch, sondern bei Lebzeiten Anna's 
teutsch, bei jenen Elisabethens und Katharina's hinge- 
gen italienisch und — wie noch heute — französisch 
gesprochen. — Die meisten Schriftsteller aus dem Zeit- 
alter Katharina's traten allmälig in die Fussstapfen Lo- 
monosows, und richteten sich nach den von ihm ent- 
worfenen Regeln und gegebenen Mustern. Jelagin schrieb 
rein russisch, aber noch immer schwerfällig 5 der diplo- 
matische Geschäftsstyl wurde durch Teplow, Bezborodko, 
Zawadowskij und Chrapowickij vortheilhaft ausgebildet; 
die Sprache der Lyra erhielt durch Derzawin neues Le- 
ben; Knjaznin veredelte den Dialog des Trauerspiels; 
Bogdauowic und Chemnicer ragen durch Einfachheit und 
Leichtigkeit der Schreibart über ihr Zeitalter hervor. 
Die russische Akademie lieferte eine Grammatik und ein 
Wörterbuch der russischen Sprache. — Mit Elisabeth 
fängt die russische Literatur an, sich zu einem selbstän- 
digen, geschlossenen Ganzen zu gestalten 5 bis dahin sah 
man nur Bruchstücke. Lompnosow, Sumarokow u. Tre- 
diakowskij weckten und nährten die Liebe zu den schö- 
nen Wissenschaften; Müller fing an, ein russisches Lite- 
raturblatt herauszugeben 1755, mehrere folgten seinem 
Beispiele. Ein russisches Theater kam auf, zuerst durch 
Theodor Wolkow in Jaroslawl 1746, dann durch eben- 
denselben in S. Petersburg (wo schon früher Sumaro- 
kows Trauerspiele von Dilettanten gegeben wurden) or- 
ganisirt, und durch einen kais. Ukaz 1754 bestätigt. Im 
J. 1759 erfolgte die Errichtung des Moskauer russischen 
Theaters. - Katharina IL belebte die Literatur durch 
freigebige Unterstützung der Schriftsteller und eigenes 
Beispiel 1 ). Zu den Sängern Elisabeths gesellten sich 
Petrow, Cheraskow, Derzawin. Die Zahl der Zeitschrif- 



*) Ein unsterbliches Denkmal Katharinens Fürsorge für gelehrtes 
Wissen und eigener literarischen Bildung bleibt unter andern das ver- 
gleichende Wörterbuch, S. P. 787 — 89 und 790, zu welchem Werke sie 
den Entwurf selbst gemacht, und aus vielen Wörterbüchern dazu gesam- 
melt hat. 



168 

teil vermehrte sich. Die russische Akademie zählte die 
ausgezeichnetsten Literaturen unter ihren Mitgliedern. 
Die geistliche Beredsamkeit fand an Piaton , Georgi, 
Anastasius und Levvanda rüstige Bearbeiter. Die russi- 
sche Geschichte gewann an Materialien, und reifte unter 
den Bemühungen Müllers, Schlözers, Basilows, Strit- 
ters, Scerbatows, Boltins, Nowikows zur Vollendung 
heran. Das russische Theater wurde aus einem Hof- 
zu einem wahren Nationaltheater. Nur eine kurze 

Zeit trübten die unglücklichen Folgen der französischen 
Revolution den Schauplatz der literarischen Cultur Russ- 
lands. 

Die Zahl der Nationalschriftsteller wächst in diesem 
Zeitabschnitt dergestalt, dass wir uns auf eine gedrängte 
Aufzählung einiger der vorzüglichsten beschränken müs- 
sen. — Mich. Wasüjewic Lomottosow aus Denisow, 
Staatsrath, Prof. der Chemie bei der Akademie der Wis- 
senschaften (geb. 1711, gest. 1765), lernte das Lesen 
und Schreiben von dem Pfarrer seines Geburtsortes, be- 
gab sich, durch den gereimten Psaltyr von Polockij für 
Poesie begeistert, der Studien wegen nach Moskau und 
Kiew, und von da nach S. Petersburg, verweilte zwei 
Jahre auf der Universität zu Marburg, erwarb sich durch 
sein poetisches Talent den Namen des Vaters der neuern 
russischen Dichtkunst, nicht minder berühmt durch seine 
prosaischen Schriften, die sich alle durch Correctheit 
und Wolklang der Sprache auszeichnen; noch ist er als 
Lyriker unübertroffen, aber auch die epischen, drama- 
tischen und epigrammatischen Poesien haben einen hohen 
Werth; s. Schriften erschienen zuerst einzeln, gesam- 
melt von der Akad. d. Wiss. 3 Ausg. S. P. 803. 6 Bde. 4. 
Alex. Petrowic* Sumarokow, wirklicher Staatsrath u. 
Ritter (geb. 1718, gest. 1777), schrieb in Prosa und 
Versen : Geschichte, Abhandlungen vermischten Inhalts, 
Reden, Lust- und Trauerspiele, Idyllen, Satyren, Epi- 
gramme u. s. vv.; hochverdient um das russische Drama, 
das ihm seine Veredlung verdankt ; sämmtliche Werke 
herausg. von Novvikow M. 787. 10 Bde. Gedeon K?y'~ 
nowskij aus Kazan, Bisch, von Pskow (geb. 1726, gest. 
1763), seine Reden zeichnen sich durch einen christlich- 



169 

frommen Sinn und hohe moralische Würde aus, der 
Styl ist ungleich, aher deutlich und nicht entblösst vom 
rednerischen Schmuck, gedr. M. 760. 2 Bde — Demetr. 
Sjecenow, Metrop. von Nowgorod und Mitgl. der h. Sy- 
node (geb. 1708, gest. 1767), nicht sowol durch rhe- 
torische Kunst, als vielmehr durch die natürliche Kraft 
seines Feuereifers ausgezeichnet; s. Reden erschienen ein- 
zeln. -- Niki, Nikific Popowskij, Prof. in Moskau (geb. 
um 1730, gest. 1760), übersetzte Popes: Opyt o celo- 
wjekje, M. 757. 787. 803., einige Oden aus Horaz und 
dessen Brief an die Pisonen, Lockes Erziehungskunst, 
M. 759. 768. 2 Bde.: schrieb zwei Reden, die ganz be- 
sonders die Feinheit seines Geschmacks beurkunden. — 
Georg Konisskij aus Njezin, Erzb. von Weissrussl. und 
Mitgl. der h. Synode (geb. 1717, gest. 1795), beschrieb 
die Mohilewer Eparchie S. P. 775., verfasste geistliche 
und weltliche Reden u. in. a. — Piaton Leivsin aus Cas- 
nikow, Metrop. von Moskau, mehrerer Orden Ritter, 
(geb. 1737, gest. 1812), einer der fruchtbarsten Schrift- 
steller Russlands im theologischen Fach, sämmtl. Schrif- 
ten M. 779 — 807. 20 Bde., enthaltend Reden, Abhand- 
lungen, Biographien, Katechismen, Dogmatik u. s. w., 
ausserdem erschien von ihm: Cerkownaja ross. istorija, 
M. 805. 2 Bde. - Anast. Bratanowskij aus Barysewka, 
Erzb. von Astrachan, Ritter des h. Anna-Ordens, Mitgl. 
der h. Synode und der russ. Akad. (geb. 1761, gest. 1806), 
der erste geistliche Redner Russlands, der sich von der 
Härte und Rauheit des altern theologischen Styls zu der 
Geschmeidigkeit der neuern Schreibart herabzulassen wag- 
te; er gab heraus: Reden, M. u. S. P. 796 - 807. 4 
Bde. 8., Rhetorik, lat. M. 806. 8., verschiedene theolog. 
Abhandl. S. P. u. M. 794 — 805. — Joh. Wasiljewic 
Lewanda aus Kiew, Erzpriester in Kiew, Ritter des h. 
Anna-Ordens (geb. 1736, gest. 1814), ein Redner voll 
tiefen Gefühls, unerschöpflich an neuen, kräftigen Ge- 
danken, seine Schreibart ist nicht ganz rein, aber er 
bemächtigt sich des Gemüths und Herzens durch die Ue- 
bermacht seines Geistes; sämmtl. Reden S. P. 821. 3 Bde. 
— Mick. Matwjejewic Cheraskow, wirkl. geh. Rath und 
Ritter, Mitgl. mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1733, gest. 



170 

1807), einer der fruchtbarsten Schriftsteller seiner Zeit, 
verfasste vermischte prosaische Aufsätze, Oden, Erzäh- 
lungen, Lustspiele, Trauerspiele, didaktische Gedichte 
und zwei Epopöien: Rossijada in XII Gesängen, M. 785., 
und Wladimir in XVIII Gesängen, M. 786. 3te A. 809., 
die zwar im ganzen den Ansprüchen der Kritik an ein 
vollkommenes Epos nicht entsprechen, dessen ungeachtet 
aber im Einzelnen nicht ohne poetischen Werth sind. — 
Wasilij Petrowic Petrow aus Moskau, Staatsr. u. Mitgl. 
der russ. Akad. (geb. 1736, gest. 1799), schrieb Oden, 
in welchen die Fülle und Kraft der Gedanken den öftern 
Mangel eines geglätteten Ausdrucks ersetzen, und poeti- 
sche Episteln, zusamm. 8. P. 811. 3 Bde.; ausserdem 
übersetzte er Virgils Aeneis S. P. 781 — 86. 2 Bde. — 
Iwan Senienowic Barkow (gest. 1768), schrieb eine Bio- 
graphie des Fürsten Kantemir und Anm. zu dessen Saty- 
ren, verfasste eine kurze Gesch. von Russl. Msc, über- 
setzte Horazens Satyren in Versen S. P. 763., Phädrus 
Fabeln eb. 764., Holbergs Universalgesch. 8. P. 766, 796 
ii. m. a. — Hippolit Theodor owic Bogdanowic aus Pere- 
wolocna , Collegicnrath, Mitgld. der russ. Akad. (geb. 
1743. gest. 1803), unter seinen zahlreichen prosaischen 
und poetischen Schriften steht das romantische Lieblings- 
gedicht der Nation: Dusenka (Psyche), obenan, gedr. 
778. sämmtl. Werke M. 809 - 10. 6 Bde., 2 A. 818.4 
Bde. — Iwan Iwanowic Chemntcer, Collegienr., Mitgl. 
der russ. Akad. (geb. 1744, gest. 1784), ein trefflicher, 
origineller Fabeldichter: Basni i Skazki. 778. 3 A. S. P. 
799. 3 Bde. 4 A. S. P. 819. 3 Bde. -- Denis Iwanowic 
von Wizin aus Moskau, Staatsr., Mitgl. der russ. Akad. 
(geb. 1745, gest. 1792), der erste Prosaiker seiner Zeit, 
um die Vervollkommnung des russischen Lustspiels be- 
sonders verdient, schrieb Episteln, Erzählungen, Reden, 
Briefe, Satyren und Lustspiele, übersetzte aus dem Eng- 
lischen und Französischen mehrere Dramen und Erzäh- 
lungen, die von 1762 bis 1803 einzeln erschienen sind; 
sein berühmtestes Werk ist: Nedorosl, ein Lustspiel, 
783. - Gabriel Romanowic Derzawin aus Kazan, wirkl. 
geh. Kath und Kitter mehrerer Orden, Mitgl. beinahe al- 
ler gel. Gesellseh. Russlands, im J. 1802. Justizminister 



171 

(geb. 1743, gest. 1816), der gefeierteste Dichter Russ- 
lands unter Katharina IL, schrieb lyrische, didaktische 
und dramatische Gedichte, die insgesammt zu den un- 
sterblichen Denkmälern der russischen schönen Literatur 
aus Katharina's Zeit gehören, sämmtl. Schriften: S. P. 
810 — 15. 5 Bde., N. A. 824. - Was. Wasiljewic Kap- 
nist, (geb. 1756, gest. 1823), Staatsr., Mitgl. der r. Aka- 
demie und mehrerer gel. Gesellsch., lebte ganz den Mu- 
sen auf seinem Landgut Obuchowka in Rleinrussl., ist 
als Lyriker nächst Derzawin zu nennen, dem er zwar 
an Kühnheit der Gedanken nachsteht, aber an zarter Ge- 
müthlichkeit und Reinheit der Sprache gleichkommt; s. 
Oden erschienen S. P. 806., zwei Dramen: Abjed, ein 
Lustspiel S. P. 799., Antigone, ein Trauersp. 815. — 
Jermil hvanowic Kostrow, Provincialsecretär (gest. 1796), 
übersetzte Homers Ilias I — VI Rhaps., treu und flies- 
send, doch nicht im Versmaasse des Originals, sondern 
gereimt, S. P. 787., Apulejus gold. Esel, M. 781., Os- 
sians Bardengesänge, aus dem Franz., M. 793., S. P. 818. 
2 Bde., Voltaires Taktik in Versen, M. 779., vermischte 
Gedichte, M. 802. 2 Bde. — Jakob Boris o wie Kniaznin 
aus Pskow, Hofr. und Mitgl. der russ. Akad. (geb. 1742 
gest. 1791), schrieb 6 Trauerspiele, 4 Lustspiele, 4 
Opern und ein Melodram, ausserdem Fabeln, Oden, 
Episteln u. a. m. ; er nimmt neben Sumarokow den 2ten 
Platz unter den Dramatikern dieses Jahrhunderts ein, 
und übertrifft ihn an Reinheit und Adel des Styls, wird 
aber auch oft schwülstig und frostig, sämmtl. Schriften 
S. P. 802. 5 Bde. — Noch verdienen folgende dramati- 
sche Dichter dieser Zeit eine Auszeichnung : Niki Pe- 
frowic Nikolew (geb. 1758, gest. 1816), schrieb Trauer- 
spiele, worunter das beste: Sorena, 781. — Was. Iwa- 
nowic Majkow (geb. um 1725, gest. 1778), verfasste 2 
Trauer- und eben so viele Lustspiele, zusamm. S. P. 809. 

— Alex, Anisimowic Ablesimow (gest. 1784), schrieb Er- 
zählungen, Elegien, Sinngedichte und Lustspiele. — Dem. 
Wladimorowic Jefimjew (gest. 1804), lieferte mehrere 
Lustspiele. — Alex. Iwanowic Klnsin (gest. 1804), ver- 
fasste zwei Lustspiele, schrieb lyrische Gedichte u. m. a. 

— Pet. AlexjejewicPlawilscikow (geb. 1760, gest. 1812) 



172 

verfasste, selbst ein Schauspieler, mehrere Trauer- und 
Schauspiele. — Jury Ale xandrowic Neledinskij-Meleckij, 
wirk!. Staatsr. n. Senator (geb. 1751), erwarb sich gros- 
sen poetischen Ruhm durch gelungene Lieder und Ro- 
manzen voll Zartheit und feurigen Gefühls, die einzeln 
in verschiedenen Zeitschriften erschienen sind. — Semen 
Sen/jejemc Bobrow, Collegien-Assessor (gest. 1810), mit 
der englischen Literatur innig vertraut, besass eine glü- 
hende Einbildungskraft und kraftvolles, tiefes Gefühl, 
aber sein nicht immer deutlicher und correcter Styl ver- 
fallt oft aus Erhabenheit in Schwulst; s. Hauptwerk ist 
ein Lehrgedicht: Chersonida, S. P. 803.; lyr. Gedichte 
unter d. T. Razswjet polunoci, S. P. 804. 4 Bde., Drew- 
naja noc wselennoj 807 — 9. 4 ßde. — Fürst Iwan Mi- 
chajlowic Doigorvkij, geh. Rath und Ritter, Mitgl. meh- 
rerer gel. G. (geb. 1764, gest. 1823), schrieb philosophische 
Oden und Episteln im Nationalgeschmack, die sich durch 
gediegene Gedanken, tiefes Gefühl und eine einfache, na- 
türliche Darstellung vorteilhaft auszeichnen. — Graf 
Dmitr. Iwanowic Chwostow, geh. Rath, Senator u. Rit- 
ter, Mitgl. der russ. Akademie und mehrerer gel. Ge- 
sellsch. (geb. 1757), schrieb in seiner Jugend Lustspiele 
in Versen und Prosa, später lyrische und didaktische 
Gedichte, die sowol dem Gehalt als der Sprache nach zu 
den besten Erzeugnissen in dieser Gattung gehören, über- 
setzte mehrere classische Werke aus dem Französischen; 
sämmtl. Schriften S. P. 817. 4 Bde. — Gerhard Friedrich 
Müller aus Westphalen, wirkl. Staatsr. und Ritter, russi- 
scher Historiograph, Mitgl. mehrerer gel. Gesellsch. und 
Akad. (geb. 1705, gest. 1783), erwarb sich, ein Aus- 
länder, unsterbliche Verdienste um die russ. National- 
literatur durch die Herausgabe vieler handschriftlichen 
Geschichtswerke: Sibirskaja istorija, S. P. 750., Sudeb- 
nik, M. 7()S.. Tatiscews istor. ross., M. 768 — 74.. Chil- 
kow's jadro ross. ist . M. 7<1.. Polunyn's geogr. Lt>\. von 
Russland, M. 773.. Stepennaja kniga, M. 771 74. 2 
Bde., u. a. m., derselbe gab die erste russ. literarische 
Zeitschrift: Jezemjesjacnyja socinenija, S. P. 755. heraus. 
Forst Mich, Mich ajlowic Sc erbat ow, geh. Rath, Senator 
und Ritter, Mitgl. mehrerer Akad. (geb. 1733, gest. 



173 

1790), weihte sich von Jugend auf der Bearbeitung der 
russischen Geschichte, die in einem schwerfälligen Styl, 
ohne tiefere Forschung- und mit wenig Geschmack ge- 
schrieben, 770 - 92. 15 Bde., die kritische Feder Bol- 
tins weckte, und viele, der russischen Geschichte äus- 
serst erspriessliche Erläuterungen veranlasste; ausserdem 
gab Sc. mehrere historische Werke mindern Umfangs 
heraus, — Theod. Alexandrowic Emin (geb. um 1735, 
gest. 1770), schrieb ausser mehreren Romanen, eine 
Geschichte Russlands, die aus unlautern Quellen geflos- 
sen, jetzt durch bessere Bearbeitungen verdrängt ist ; 
Ross. istor., S. P, 767 — 69. 3 Bde. — Timoth. Semeno- 
wic Maljgm, Collegienass. u. Mitgl. der russ. Akad. (gest. 
1820), vertasste: Zercalo ross. gosudarej, S. P. 791. 794., 
Opis starinuycli sudebnych mjest ross. gosud., S. P. 803., 
drewnosti monety w ross. gosud., S. P. 810. — Mich. 
Dimitrijewic Culkow , Obersecretär des Senats (gest. 
1793), gab eine Gesch. des russ. Handels, 8. P. 781. 21. 
Bde. heraus. — Peter Iwanoivic Rycfcow, Staatsr. (gest. 
1778), verfasste einen Versuch der Gesch. von Kazan, 
S. P. 767. — Iwan Nikitic Boltin, Generalmajor, Mitgl. 
der russ. Akad. (geb. 1735, gest. 1792), ein ehrwürdiger 
Forscher und Wahrheitsfreund, dem die älteste Geschichte 
Russlands einen grossen TJieil ihrer Aufhellung verdankt, 
schrieb eine wichtige Kritik auf Leclercs histoire an- 
cienne et moderne de la Russie 787., S. P. 788. 2 Bde. 4. 
unterwarf Scerbatows russ. Gesch. seiner Prüfung, S. P. 
789 und 793 — 94. 2 Bde. 4., nahm an der Herausgabe 
der Prawda ruskaja Theil, S. P. 792.; mehreres hinter- 
liess er handschriftlich. — Iwan Iwanoivic Golikow, Hofr. 
(geb. 1735, gest. 1801), verfasste die Lebensgeschichte 
Peters des Gr. unter d. T. Djejanija Petra W., M. 788— 
90. 12 Bde., dazu gehört: Bopolnenija k djejanijam P. 
W., M. 790 - 98. 18 Bde., und Anekdoty P. W. M. 798., 
die weitschweifig und in einem panegyrisch-declamato- 
rischen Ton geschrieben, nur als eine vollständige Samml. 
von Materialien zur eigentlichen Gesch. Peters des Gr. 
zu betrachten sind. — Iwan Ferßljewic Jelagin, wirkl. 
geh. Rath, Senator und Ritter (geb. 1728, gest. 1796), 
machte sich durch gelungene llebersetzungen ausländi- 



174 

scher, vorzüglich lettischer und französischer Werke um 
die russische Literatur verdient. — Jakob Iwanowic 
Bulj/akow, wirklicher geh. Ratli, Ritter , Ehrenmitgl. 
der Akad. der Wiss. (gest. 1809), übersetzte aus dem 
Französischen des Abbe de Ja Porte : Wsemirnyj pute- 
sestwennik, 8. P. 778. 4 A. 813. 27 Bde., Ariosto s 
Wljublennyj Roland, S. P. 797., 3 A. 800. 3 Bde., Bar- 
dons Obrazowanije drewnich narodow, S. P. 795. 4 Bde. 
— Mich. Iwanowic Werewkin, Staatsr. (gest. 1795), und 
Sergij Sawic Wolckow, Collegienrath und Secretär der 
Akad. der. Wiss. (gest. 1773), bereicherten die vater- 
ländische Literatur mit gelungenen Uebersetzungen zahl- 
reicher Werke des Auslandes. — S er $ij Plescejew, wirkl. 
geh. Rath u. Ritter (geb. 1752, gestl 1802), schrieb die 
erste genaue und gründliche Statistik Russlands, S. P. 
790. — Niki. Iwanowic Nowikow (geb. 1744, gest. 1818), 
ein kenntnissreicher, unermüdet thätiger Patriot, belebte 
den russischen Buchhandel, beförderte die Herausgabe 
vieler wichtigen Werke, war selbst ein geschickter Schrift- 
steller: Opyt istoric. slowarja o ross. pisateljach, S. P. 
772., Drewnaja ross. biblioth., S. P. 773 — 75. 10 Bde. 
fortges. eb. 786 — 93. 9 Bde.; verschiedene Journale 
von 1769 — 82. — Was. Grigorjewic Ruban, Colle- 
gienr. und Ritter (geb. 1739, gest. 1795), redigirte meh- 
rere Journale, gab eine Sammlung von Inschriften 771., 
eine Beschreib, von Kleinrussl. S. P. 773. 777., von Mos- 
kau 782. ii. m. a. heraus. 2 ) 

§. 19. 

Dritte Abtheilung. Das Zeitalter Alexanders, oder von 
Karamzin bis auf unsere Zeiten. 

Die Regirongszeit Alexanders, durch glänzende Besie- 
gung des Feindes der Ruhe von Europa im Auslande ver- 
herrlicht, macht im Innern des Landes eine neue Epo- 
che der Xationalcultur. Ks. Alexander I. sah gleich im 
Anfange seiner Regirung die Aufklärung der Nation für 
den wichtigsten Theil der Wol fahrt des Reichs an, und 

2 ) N. Gred opyl ist. rusk. litcr. S. 129 ft'. 



175 

übertrug die Sorge dafür einem eigenen Ministerium 1802 
(1816 mit dem Ministerium 'des Cultus vereinigt), dem 
alle Lehr- und Bildungsanstalten Russlands (die theolo- 
gischen, militärischen und metallurgischen , ferner die 
unter der Specialfürsorge der Ksn. Maria Theodorowna 
stehenden ausgenommen) , untergeordnet wurden. Mit 
Begründung der Universitäten (deren es jetzt 7 gibt : 
S. Petersburg, Moskau, Dorpat, Wilna, Charkow, Abo 
und Kazan), ging ein neues Licht im Osten Europas 
auf, dessen Glanz kein Freund der Finsterniss mehr zu 
trüben vermag. Diess gehört unter allem Grossen mit 
zu dem Grössten, was Russland seinem gesegneten Ale- 
xander verdankt. Wie viel die übrigen Lehr- und Bil- 
dungsanstalten Russlands, als die Gouvernementsschulen 
oder Gymnasien, die Kreisschulen, die Pfarr- oder Rirch- 
spielschulen, die vier theologischen Akademien mit 36 
Eparchialseminarien und mehreren kleinern Schulanstal- 
ten u. s. w. zur Verbreitung nützlicher Kenntnisse und 
moralischer Bildung beitragen, ist an sich klar. Dem 
Beispiele des Monarchen folgend, errichteten einzelne 
begüterte Patrioten oder Gemeinden verschiedene Lehr- 
anstalten in den Gouvernements- und Kreisstädten. Es 
bildeten sich mehrere neue gelehrte Vereine, von denen 
die meisten mit den Sammlungen ihrer literarischen Ar- 
beiten die vaterländische Literatur bereits bereichert ha- 
ben. (Vgl. §. 7). Nicht minder vorteilhaft wirkte auf 
die Aufklärung der Nation die zweckmässigere Gestal- 
tung der seit 1797 vernachlässigten russischen Akademie 
für Vervollkommnung der Sprache und Geschichte 1801, ^ 



x ) Zu den vorzüglichsten Beschäftigungen dieser Akademie gehört 
die Untersuchung der Grundsätze der Etymologie, als Grundlage eines von 
derselben beabsichtigten vollständigen etymologischen Wörterbuchs der sla- 
wisch-russischen Sprache. Als Probe dieser Arbeiten erschienen seit 1819 
vom Hrn. Min. u. Adm. Siskow etymologische Tabellen, die in aufsteigender Li- 
nie die Elemente der Sprache bis auf die einfachsten Grundlaute zurück- 
führen, und wobei sich öfters erweist, dass aus einer einzigen Wurzel über 
2000 Wörter abgeleitet werden können. Der Druck des etymologischen Wör- 
terbuchs nach diesem Plan hat unter Mitwirkung und Theilnahme aller 
Glieder der Akademie bereits begonnen. Dieselbe Akademie hat auch Ue- 
bersetzungen mehrerer schätzbaren Werke der altern und neuern Literatur 
veranlasst und herausgegeben, z. B. der römischen Geschichte des Livius, 
Tasso's befreit. Jerusalem, (Brosses) traite mecanique ü. s. w. Das grosse 
alphabetisch geordnete Wörterbuch der russ. Sprache ist von ihr neuerdings 
1822 in 6 Quartanten besorgt worden; aber auch die Herausgabe von Wör- 



176 

das Censurgesetz 1804, die Eröffnung der kais. Biblio- 
thek in S. P. 1811, die Errichtung der Lehrkanzel für 
morgenländische Sprachen in S. P. 1818; um andere, 
unmittelbar hieher nicht gehörende Ansialten und ihr 
folgenreiches Wirken, worunter die russische Bibelge- 
sellschaft beachtenswert!] ist 2 ), zu übergehen. Was in 
dem Geiste des hochherzigen Regenten Russlands einzel- 
ne Grosse des Reichs für die Nationalliteratur bis jetzt 
gewirkt haben, und noch fortwirken, diess auszuführen 
ist hier der Ort nicht. Wem ist der Name des grossmü- 
thigen, allgemein geachteten Beschützers der Wissen- 
schaften, des Reichskanzlers Grafen Rumjancow unbe- 
kannt? Was er für das Gedeihen der Nationalliteratur 
gethan, wird noch die späteste Nachwelt gewiss mit be- 
sonderem Danke anerkennen. Wichtig ist, vorzüglich 
für den russischen Geschichtforscher, seine Bibliothek 
in 8. Petersburg, die bereits gegen 40,000 Bde. zählt. 
Hiernächst sind des patriotisch gesinnten Grafen Tolstoj 
Bemühungen mit Achtung zu nennen, dessen Bücher- 
sammlung in Moskau vorzüglich reich an altern Dru- 
cken und Msc. ist. — Gegen das Ende des XVIII. Jahrh. 
begann in Moskau, der Mitte des Landes, wo das rein- 
ste, regel massigste Russisch gesprochen wird, die leichte 
didaktische russische Prosa sich zu entwickeln. Karam- 
zin ist der Schöpfer dieser neuen, jetzt allgemein herr- 
schenden russischen Prosa. Er zog den französisch-eng- 
lischen Periodenbau dem griechisch-lateinischen in der 
russischen Sprache vor, und befreite dieselbe von den 
schwerfälligen Fesseln, in die man sie zeither geschlagen 
hat. Nur in der Dichtkunst wollte er ihr die Freiheiten 
der alten Sprachen lassen; in der didaktischen Prosa 
hingegen drang er auf die den neuern europäischen Spra- 

terbüchern anderer verwandten Mundarten beabsichtigt sie. Noch ist die 
Unterstützung, die sie andern Schriftstellern und ihren Arbeiten werden 
lässt, zu rühmen. Sie gibt heraus: Izwjestija ross. akad. bis 823 XI Ilfte.. 
und Socinenija i perewody, bis 823. 7 Bde. 

2 ) Die russ. Bibelgesellschaft hat im Einverständniss mit den obern 
geistlichen Behörden darauf Bedacht genommen, der altslav. Version eine 
oeuraSB.. aas jener gemachte, an die Seite zu stellen. Das N. T. war bereits 
1822 vollendet Später hat der Kaiser den Druck der russ. Bibel, auch ohne 
beigefügten altslaw. Text, vornehmlich für Schulen, erlaubt. S. 18ter Be- 
richt der Bibeiges. 822. - Lpz. Lit. Z. 823. No. 110. Lpz. Rep. d. Lit. 
823. No. 14. 



177 

eben eigene logische Fügung der Worte und Sätze. Al- 
lein was er mit Einsicht in das Wesen der Sprache und 
mit Umsicht gethan, das übertrieben seine zahllosen Nach- 
ahmer, die nur die schwache Seite ihres Vorbildes auf- 
gefasst haben. Indem man den griechisch - lateinischen 
Periodenbau verbannen wollte, hielt man offenbare Gal- 
licisinen in der russischen Sprache nicht nur für erlaubt, 
sondern sogar für nothwendig 3 ). Schon war das Ue- 
bergewicht des Gallicismus in derselben beinahe entschie- 
den, und der National styl drohte von seiner Reinheit zu 
einem leichtfertigen , oberflächlichen , dem Slawismus 
fremden Sprachhunzen herabzusinken, als noch zu rech- 
ter Zeit Hr. Admiral u. Minister Siskow, Präsident der 
russischen Akademie, mit seiner gehaltreichen Schrift: 
Rasuzdenije o starom i nowom siogje 1803 (womit sein 
Pribawlenije 1804 zu verbinden ist), auf den Geist der 
Schriftsteller, und hieinit auf den Gang der Sprachbil- 
dung und Literatur sowol kräftig als wolthätig einwirkte. 
Bald darauf erschien das Werk des Hrn. Stanjewic: Ra- 
suzdenije o ruskom jazykje l v 808, worin in Bezug auf 
die obige Schrift des Hrn. Siskow die Mittel und der 
Gang der Sprachbildung überhaupt, und der russischen 
ins Besondre mit Scharfsinn und Kritik geprüft und be- 
leuchtet werden. Genannte Schriften weckten den For- 
schungsgeist der Russen ; die Lust und Liebe zur fernem 
Reinhaltung und Gestaltung der Landessprache nimmt 
bei den einheimischen Schriftstellern mit jedem Jahre zu. 
Der Streit der Petersburger und Moskauer Partei scheint 
soweit beigelegt, und die leichte Prosa Karamzins hat 
über Sumarokows und Trediakowskijs Slaweno-Russisinus 
für jetzt den Sieg getragen. — Während Karamzin die 
russische Prosa bearbeitete , gewann die Sprache der 
Dichtkunst unter der schöpferischen Hand Dmitrijews, 
Ozerows, Krylows, Zukowskijs und Batuskows eine ganz 

3 ) Sehr charakteristisch sind die Worte eines Ungenannten in dem 
Sorewnowatelj proswjescenija, 823. 1 Hit. S. 101, der bei Gelegenheit der 
Revision eines Aufsatzes über die Gesch. der russ. Liter, von A. Bestuzew 
in der roljarnaja zwjezda 823, das Urtheil Bestuzews über Karamzin : „Ka- 
ramzin blesnul na horizontje prozy, podobno radugje poslje potopa", durch 
folgende ersetzen zu müssen glaubt: „Karamzin, kak blagotwornaja rosa, 
ozlwil suchoje polje nasej prozy, no wrazdebnyj wjetr nagnal tuci wjalych 
podrazatelej — i oni zatopili eto polje". 

12 



178 

neue Gestalt. Die russische Metrik fand an Wostokow 
einen neuen, genialen Bearbeiter; Wojejkow und Gnje- 
dic nahmen sich der altclassischen Versinaasse mit an- 
scheinendem Glück an 4 ). Auch der höhere Geschäfts- 



*) Der russ. Versbau hielt nicht immer gleichen Schritt mit der russ. 
Dichtkunst. Hr. Wostokow unterscheidet in der russ. Verskunst vier Gat- 
tungen : 1.) die numerösen Nationalgesänge oder die Voikspoesie ; 2.) die 
quantitirende Prosodie Smotriskijs ; 3.) die franz. -polnische Reimpoesie; 
und 4.) die accentuircnde Prosodie Lomonosows und seiner Nachfolger. Die 
russ. Volkspoesie hatte eine selbständige Form bis auf Peter den Gr. und 
Lomonosow, nach welcher Zeit dieselbe durch den Einfluss von Sumaro- 
kows, Popows, Neledinskijs und Dmitrijews Gedichten* auf den Volkston 
eine bedeutende Veränderung erlitt. Der Versbau in den alten, aus der 
Periode vor Peter dem Gr. herrührenden Gesängen ist originell. Ihnen ist 
der Reim noch fremd, und der Numerus wird durch den Ton (ictus, uda- 
renije) bewirkt. Der russ. Vers zerfällt in den lyrischen (piesennyj), wel- 
cher den Liedern, und epischen (skazocnyj), welcher den erzählenden Ge- 
dichten eigen ist. In beiden ist der Pyrrhich vorherrschend ; in beiden kom- 
men nicht über 2 — 3 durch den Ictus bestimmte Längen vor. Der Unter- 
schied beider besteht darin, dass die Ictus des erstem unbeweglich, die des 
letztern hingegen beweglich sind. Dieser entspricht völlig dem griechischen 
Hexameter. Ob das Gedicht Igor in Versen oder Prosa geschrieben sey, lässt 
Hr. Wostokow dahin gestellt seyn, glaubt aber doch, dass es sich leicht 
und mit Nutzen in Verszeilen theilen Hesse. — Mel. Smotriskij, sagt Hr. 
Wostokow weiter, versuchte (Gramm. 1619) der erste die griech. Prosodie 
auf das Kirchenslawische zu übertragen, sey es, dass dieses damals dafür 
empfänglicher gewesen, als jetzt, oder, wie Hr. Wostokow meint, aus Un- 
bekanntschaft mit dem Geiste dieser Sprache — tvas man daraus ersehe, 
weil er keine Nachfolger hierin gefunden (!) ("Und doch war Smotriskij 
auf dem richtigen Weg, die slawische Prosodie nach dem natürlichen Zeit- 
verhalt der Sylben, nicht nach dem ihr fremden Tone, zu begründen. Vgl. 
§. 4. Anm. 7. Gesteht doch Hr. Wostokow selbst, dass, trotz seiner Be- 
hauptung, die russ. Sprache habe keine gedehnte Sylben, die russ. Bauern 
in Archangel, in Sibirien, in der Ukraine, die Vocale vielfach dehnen und 
Spondäen haben, ja dass selbst der gebildete Moskauer od. S. Petersburger 
Russe im recitirenden Vortrag gewisse Sylben lang, andere kurz ausspreche. 
Wenn die russ. Grammatiker und Dichter in der Lehre vom russischen Ton 
und Zeitmaass nicht zu helleren Begriffen gelangt sind, als die Hrn. Do- 
browsky, Puchmayer und Negedly in der vom böhmischen, so steht es 
schlecht um unsere slaw. Verse — und Ohren.) Etwa 150 Jahre nach Smo- 
triskij verfiel Trcdiakowskij auf den Gedanken, russ. Hexameter zu machen. 
Ihm folgte Sumarokow, und übersetzte zur Probe Bruchstücke aus der Tele- 
machide. Noch schrieben N. N. Murawjew (M. 770), und W. G. Ruban 
(Virg. Ekl. Tityr 793) in diesem Jahrh. Hexameter. Galinkowskij übers, 
die schon einmal versuchte Ekl. Virgils (813) : Wojejkow gab Bruchstücke 
aus Virgils Georg. (816) heraus, und N. J. Gnjedic wagte sich, auf S. S. 
Uwarows Antrieb, an den Homer. Aber alle 'diese nahmen den Ton als 
obersten Grundsatz der Quantität an, und lieferten bisweilen flüssige He- 
xameter, noch dazu tüchtig mit Trochäen durchspickt. (Kein Wunder, 
dass bei solcher unhellcnischen Handhabung der Verskunst die zartgebaute 
griech. Kalliope in dem rauhen germanischenTonkürass hei gebildeten Na- 
tionalen wenig Glück machte. Griechische Formen wollen durchaus nach 
'hu Grundsätzen der griech. Prosodie und Metrik behandelt seyn.) — Die 
ersten Reime in Russl. erschienen in Skorina's Hiob Prag 517. und in der 
Ostroger Bibel 581. von Geras. Danilowic. Auf diese folgt Sergej Kubasow, 
Vf. eines Chronographen. Durch die Vermischung der Russen in Klein- und 
Weissruesland mit den Polen, gelangte die poln. Keimkunst, die selbst der 



m 

und Kanzleistyl wurde unter Alexander gedrängter und 
geschmeidiger. Die Theorie der Sprache gewann durch 
die grammatisch-lexicalischen Arbeiten der russischen 
Akademie und der Hrn. Wostokow 7 , Sokolow , Born, 
Nikoljskij, Heym, Vater, Linde, Tappe, Puchmayer. 
Mit ästhetischer Kritik beschäftigten sich die Hrn. Siskow, 
Makarow, Martynow, Merzljakow und Ostolopow, mit 
der Bibliographie und Literaturgeschichte die Hrn. Ew- 
genij, Sopikow, Anastasewic, Grec, Certelew. Die Mos- 
kauer Universität war von jeher die Pflanzschule der 
russischen Dichter und Redner. Im J. 1791 und 1792 
gab Karamzin in Verbindung mit Cheraskow, Derza- 
win und Dmitrijew daselbst ein literarisches Journal her- 
aus, und brach der neuern Prosa die Bahn. Im J. 1802 
redigirte er den Wjestnik Ewropy, der nicht wenig zur 
Verbreitung nützlicher Kenntnisse und Verfeinerung des 
Geschmacks beitrug. Im J. 1803 erschienen die Tragö- 
dien Ozerows, 1805 die Gedichte Zukowskijs und Batus- 
kows, und zeigten die russische Poesie in einem neuen, 
schöneren Lichte. In ihren Werken verklärte sich die 
russische Muse, und die erkünstelte Empfindelei vieler 
ihrer Vorgänger wich hinfort vor der wahrhaften Begei- 
sterung für höhere Ideale und reinere Formen. Das Stu- 
dium der griechischen und römischen Classiker, dieser 
unverwelklichen Muster der vollendetsten Schönheit und 
Erhabenheit, erwachte unter den gebildeten Nationalen, 
und wirkt folgenreich auf die Gestaltung des Nationalge- 

elenden französischen nachgeäfft ist, nach Russland, und beherrschte 100 
Jahre lang den russischen Helikon. Der Metrop. Peter v. Mogila bahnte ihr 
den Weg (629) und S- Polockij brachte sie in Schwung (wjenec 670, rhyth- 
mologion 678.) Männer eines bessern Schicksals werth, wie Theophan, 
Kantemir, Buslajew, haben an diesem Klingklang ihre Federn stumpl ge- 
schrieben. — Lomonosow bestimmte die Längen und Kürzen nach dem Ton 
(die gehobene Sylbe gilt lang, die gesenkte kurz, wie bei den Teutschen), 
wobei er nicht so auf die Natur der Sprache, als vielmehr auf den teut- 
schen und franz. Gebrauch Rücksicht nahm. Sein und Cheraskows und Pe- 
trows Beispiel half den Afüssigen Jamben (lyrisches Maass) und den 6- 
füssigen Alexandrinern (episches Maass) auf die Beine. Später führten 
Der:zawin, Dmitrijew und Karamzin die Verskunst auf einheimische For- 
men, doch mit Beibehaltung des Tongrundsatzes, zurück, und Wostokow 
suchte dem freien Numerus der alten Volkslieder in Verbindung mit Vers- 
maassen neuerer Art in der höhern Poesie Eingang zu verschaffen. Vgl. 
Trediakowskij o drewnem, srednem i nowom stichöslozenii ross. 775. Eb. 
Kratkaja rusk. prosodia M. 798. 8. — A. Wostokow opyt o rusk. stichöslo- 
zenii, 812. 817. 8. — J. Rizskij nauka stichotworstwa. S. P. 811. 8. — 
Fürst N. Certelew opyt obscich prawil stichotworstwa, S. P.820. 

12* 



180 

schniacks. Nur eine kurze Zeit verdunkelten die Kriegs- 
wolken 1812 — 13 den heitern Himmel Kusslands, um 
einen desto fröhlichem Tag herbeizuführen. Die meisten 
Schriftsteller Russlands ergriffen das Schwerdt zur Ver- 
teidigung des Vaterlandes, und kehrten lorbeerbekränzt 
in den Dienst der Musen zurück. — Die geistliche Be- 
redsamkeit gedieh zu einer höhern Stufe der Vollen- 
dung; Philarets und Ambrosiiis salbungsvolle Reden zei- 
gen sie in ihrem höchsten Glänze; die russische Geistlich- 
keit bereicherte mit zahlreichen Werken die vaterländi- 
sche Literatur. — Durch des grossen Schlözer energisches 
Einwirken auf das russische Geschichtsstudium erwachte 
die historische Kritik in Russland; Karamzins neueste 
russische Geschichte, ein National werk, dem er beinahe 
die Hälfte seines Lebens gewidmet hat, ist die herrlich- 
ste Frucht dieser Kritik. Noch glänzen auf der Bahn der 
Erforschung der vaterländischen Geschichte in allen Be- 
ziehungen die Namen: Ewgenij, Joh. Potocki, Sestren- 
eewie, Musin - Puskin, Bantys - Kamenskij, Malinowskij, 
Kacenowskij , Timkowskij , Buturlin , Richter, Glinka, 
Ewers, Krug, Lehrberg , Adelung, Wichmann, Kop- 
pen u. in. a., und als Statistiker: Storch, Hermann, Zjab- 
lowskij u. m. a. — Das russische Theater verdankt in 
den neuesten Zeiten seine Vervollkommnung dem Für- 
sten Sachowskoj. 

Aus dem grossen Gebiet 5 ) der russischen Litera- 
tur in diesem Zeitabschnitt wird es für unsern Zweck 
hinreichend seyn, einige vorzüglichere Natioiialschrift- 
steller nahmhaft zu machen. Niklas Micliajlowic Karam- 
zin, kais. Historiograph, wirk!. Staatsr. n. Ritter, Mitgl. 
mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1765), weihte sich von 
Jugend auf dem Dienste der vaterländischen Musen, re- 

8 ) In welchem Verhältniss die Verbreitung der gelehrten Bildung in 
Russland steigt, mag das einzige Beispiel der Zahl in russ. Sprache geschrie- 
bener Werke zeigen. Im J. 1787 zählte man deren 4000, und mehr als 
das Doppelte (8000) sollte 1^l ; o die Nationalliteratur besitzen. Im J. 1822 
rechnete man 350 Lebende Schriftsteller, die meisten aus dem Adel, 1 / s aus 
der Geistlichkeit. In Abu In der Literatur, d.i. der Menge, dem Umfange 
und der Vorzüglichkeit origineller Geisteswerke der letztem Jahrh. steht 
Etussl. andern europ. Nationen, namentlich den Teutschen, Franzosen und 
Engländern (nicht aber den Ungern, wie Vater in 8. russ. Leseb. S. 10. 
irrig behauptet), freilich weit nach. Alier nicht die Schuld der russ Spra- 
che ist es, dass ihre Liter, noch hinter diesen zurücksteht, auch nicht die 
Schuld des .jet/t leitenden Geschlechts, unter welchem sich reger Eifer für 



181 

digirte in den J. 1792 — 803. die Zeitschriften: Mos- 
kowskij zurnal, Aglaja, Aonidy, Pantheon inostrannoj 
slowesnosti und Wiestnik Ewropy, gab 1804 s. sämmtl. 
kl. Schriften heraus, 3 A. 820. 9 Bde., enthaltend Ge- 
dichte, Briefe , Erzählungen , Reden , Biographien und 
historische Bruchstücke; er übersetzte die Erzählungen 
Marmontels M. 794. 815., der Frau Genlis M. 816, ver- 
schiedener Vff. M. 816.; s. Hauptwerk ist: Istorija go- 
sudarstwa Rossijskago, S. P. 816 — 18. 8 Bde., 2 A. 819- 
23. 11 Bde., reicht bis 1606 hin, und wird fortgesetzt, 
teutsch Riga 823. 6 Bde; die Schriften K. machen nach 
Stoff und Form Epoche in der russischen Literatur, s. 
Prosa ist rein, fliessend, lebendig, mit einem Wort mu- 
sterhaft; s. Poesien sind tief geschöpfte Gedanken eines 
Weisen in das lieblichste Gewand der Phantasie gehüllt; 
kein Schriftsteller Russlands hat so vielfach, wie er, auf 
seine Zeitgenossen gewirkt. — Iwan Iwanoiuic Dmitri- 
jew, wirklicher geh. Rath und Ritter, Mitgl. mehrerer 
gel. Gesellsch. (geb. 1760), schrieb Episteln, Satyren 
Fabeln, Erzählungen, Lieder und Epigramme , sämmtl. 
Sehr. M. 795. 6 A. 822. 3 Bde.; in s. Gedichten sprechen 
sich Verstand und Herz auf eine sinnige, einfach edle 
Weise aus, der Versbau ist kunstlos, dabei doch regel- 
mässig. — Mich. Nikitic Murawjew aus Smolensk, geh. 
Rath, Senator, Curatur der Mosk. Univ., Ritter u. Mitgl. 
mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1757, gest. 1807), schrieb 
als Erzieher der Grossf von Russland verschiedene Wer- 
ke pädagogischen, moralischen, historischen und ästhe- 
tischen Inhalts, die alle durch Adel der Gesinnung, Tiefe 
des Gefühls, Schärfe der Gedanken und Vollendung der 
Sprache das Gepräge des Classischen tragen; sie erschie- 
ne Wissenschaften über weit von einander entlegene Theile des grossen 
Reichs verbreitet hat; auch nicht die Schuld der Männer, welche schon vor 
einem halben Jahrh., und welche in grösserer Anzahl jetzt Geist, Urtheil 
und Witz mit einer vertrauten Kenntniss ihrer Muttersprache verbinden. 
Wie Aeste vom Stamme, so gehen die Bestrebungen der Schriftsteller einer 
sich in dieser Hinsicht erhebenden Nation von frühem aus; erst mit ihrer 
Zertheilung in recht viele Zweige wächst ihr Umfang, der Früchte ihrer 
Blüthen werden mehrere, und so streut sich immer mehr Saamen aus, für 
die kommenden Geschlechter. Mit Recht sagt daher Wachler (Handb. d. 
lit. Cult. 2 B. S. 803) : „Russlands politisches Uebergewicht, verbunden 
mit dem Emporstreben der Nation zur höhern Civilisation , lässt ahnen, 
dass im nächsten Jahrh. eben so viele russ. Sprachmeister, als jetzt fran- 
zösische, in Eur. Beschäftigung haben können." 



182 

nen zuerst einzeln 789 — 810, gesamm. S. P. 820. 3 Bde. 
Wladimir llexandrowic Ozerow, Gen. -Major u. Rit- 
ter, Ehrenmitgl. mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1770, 
gest. 1816), schrieb Trauerspiele im alexandrinischen 
Versmaass (Sinert' Olega , Oedip w Athinach, Fingal, 
Dimitrij Donskoj und Polyxena), nebst einigen lyrischen 
Gedichten; übersetzte Colardeau's Epistel der Heloise an 
Abelard; sämmtl. Sehr, vom Fürsten P. A. Wiazemskij 
S. P. 818. 2 A. 824. 2 Bde.; als Tragiker ragt er durch Ori- 
ginalität, Würde und Fülle der Gedanken, durch mei- 
sterhafte Situationen hoch über seine Vorgänger u. Zeit- 
genossen hinaus, und macht Epoche auf dem russischen 
Theater ; s. Versbau ist zuweilen ungleich, schwerfällig, 
hart. — Alex. Semenowic Siskow, Admiral und Ritter 
verschiedener Orden, Minister des Cultus und der Auf- 
klärung, Präsident der russischen Akad. und Mitgl. meh- 
rerer gel. Gesellsch. (geb. 1754), nimmt eine der er- 
sten Stellen unter den vaterländischen Schriftstellern u. 
Forschern ein; in den Jüngern Jahren übers, er Campe's 
Kinderbibl. N. A. S. P. 808. 2 Bde.; Gessners Daphnis; 
schrieb kleinere Gedichte u. ein Drama: Newoljnicestwo; 
darauf widmete er sich dem Seedienst, übers, und ver- 
fasste mehrere Werke aus diesem Fach : Morskoje iskustwo, 
von Ch. Romme, S. P. 795. 2 Bde.; Trejazycnyj morskij 
slowar, engl, franz. russ., S. P. 795. 2 Bde., Sobranije 
morskich zurnalow, S. P. 800. 2 Bde., Istor. spisok ko- 
rabljom u. m. a. ; zuletzt verlegte er sich auf Philologie 
und ästhetische Kritik: Rasuzdenije o starom i novom 
slogje ross. jazyka, S. P. 802. 2 A. 813. 3 A. 818., Pri- 
bawlenije k socin. o starom i nowom slogje r. j. S. P. 
804. ; Perewod dwuch statej iz Laharpa, S. P. 808., Raz- 
gowory o slowesnosti, S. P. 811., Pribawlenija k raz- 
gow. o slowes., S. P. 811., noch übers, er Tasso's be- 
freites Jerusalem in Prosa aus dem Ital. S. P. 818. 2 Bde., 
und Hess mehrere philo!. Abhandl. in den xNachrichten 
der russ. Akad. drucken. — Ambrosij Podobjedow, Me- 
trop. von Nowgorod, Mitgl. der h. Synode und Ritter 
mehrerer Orden (geb. 1742, gest. 1818), ist Vf. von 
Rukowodstwo k cteniju Sw. Pisanija, M. 779. 2 A. S. 
P. 803., Sobranije pouciteljnych slow, 2 A. M. 816. 3 



183 

Bde., Sobranije rjecej, M. 810. 818. — Mich. Desnickij, 
Metrop. von Nowgorod, S. Petersburg, Estland u. Finn- 
land, mehrerer Orden Ritter, Mitgl. der h. Synode (geb. 
1752, gest. 1821), s. Reden erschienen unter d. T. Bes- 
jedy w raznych miestach i w raznyja wremena goworen- 
nyja, S. P. 816 — 20. 10 Bde. — Philaret Drozdow aus 
Kolomna , Erzb. von Moskau und Kolomna , mehrerer 
Orden Ritter, Mitgl. der h. Synode, der russ. Akad. und 
mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1782), schrieb : Razgowory 
o prawoslawii Greko - ross. Cerkwi, S. P. 815., Na- 
certanije cerkowno - biblejskoj istorii, S. P. 816. 819., 
Zapiski na knigu Bytija, S. P. 816. 819., Pouciteljnyja 
slowa, S. P. 820. u. m. a. - Ambrosij Protasow, Erzb. 
von Kazan und Simbirsk, Ritter (geb. 1769), Hess mehre- 
re gediegene Reden in verschiedenen periodischen Schrif- 
ten drucken. — Ewgenij Bolchoivitinow, Metropol. von 
Kiew, mehrerer Orden Ritter, Mitgl. der russ. Akad. 
und mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1767), einer der ge- 
achtetsten vaterländischen Forscher, gab ausser mehre- 
ren, in verschiedenen Zeitschriften zerstreuten Abhandl. 
historischen und kritischen Inhalts, ausser den Schriften 
des Tychon Zadonskij S. P. 799., des Bisch. Innocentius, 
Woronez 799., des Metrop. Ambrosius M. 810., und aus- 
ser einigen theol. und histor. Werken mindern Umfangs 
folgendes wichtige Werk heraus: Slowar istoriceskij o 
bywsich w Rossii pisateljach duchownago cina Greko-ros- 
sijskija Cerkwi, S. P. 818. 2 Bde. 8. — Stanislaw Se- 
strencewic Bogus, Metrop. der röm.-kath. Kirche in Russl., 
mehrerer Orden Ritter, Mitgl. der russ. Akad. und meh- 
rerer gel. Gesellsch. (geb. 1731) ist Vf. von Istorija o 
Tawrii, S. P., 806. 2 Bde., Izsljedowanije o proischoz- 
denii rusk. naroda, S. P. 816. — Iwan Andrej ewic Kry- 
low aus Moskau, kais. Bibliothekar, Hofr. und Ritter, 
Mitgl. der russ. Akad. u. s. w. (geb. 1768), der originellste 
Fabeldichter Russlands, schrieb auch Lustspiele u. Opern, 
nahm Theil an der Herausgabe mehrerer Journale u. s. w. 
Basni, N. A. S. P. 819. 6 Bde. — Wasilij Andrej ewic 
Zukowshij, Hofrath und Ritter, Mitgl. d. russ. Akad. 
u. s. w. (geb. 1783), nach dem Urtheil seiner Zeitgenos- 
sen bis jetzt der grösste Dichter auf russischem Boden, 



184 

schrieb seit 1802 Poesien verschiedenen Inhalts, Oden, 
Lieder, Episteln, Romanzen und Balladen, vermischte 
Gedichte , mehrere ästhetisch-kritische Abhandl., über- 
setzte Schillers Johanna d' Are, einige Gedichte Byrons 
(822), Bruchstücke aus dem Roman Lalla Rookh von Th. 
Moore u. m. a.; sämmtl. Seh. S. P. 816. 2 A. 819. 4 Bde., 
3 A. 824. 3 Bde. 8.; er redigirtc 1808 den Wiestnik 
Ewropy allein, und 1809—10 mit Kacenowski. — Kon- 
stantin Nikolajewic Bafushow aus Wologda, Hofr. und 
Ritter (geb. 1787), ein classisch gebildeter, genialer 
Geist, dem Vorhergehenden in vielfacher Hinsicht gleich- 
kommend, schrieb in Prosa Reden, Abhandl., Charakte- 
ristiken und Briefe, in Versen Elegien, Episteln, Erzäh- 
lungen, lyrische Gedichte, Epigramme u. s. w., die zuerst 
einzeln, dann gesammelt von N. J. Gnjedic S. P. 817. 
2 Bde. erschienen sind. — Fürst Peter Andrej ewic Wja- 
zemskij aus Moskau, Collegienr. und Ritter, Ehrenmitgl, 
der Mosk. Univ. u. s. w. (geb. 1792), ein geistvoller Dich- 
ter und Prosaist, dessen Erzeugnisse in verschiedenen 
russ. Zeitschriften zerstreut sind. — Fürst Alex. Alex an' 
drowic Sachowskoj aus ßezzaboty, wirkl. Staatsr., Mitgl. 
der russ. Akad. u. s. w. (geb. 1777), schrieb, ausser ei- 
nigen komischen Erzählungen und Satyren, für das russ. 
Theater bis 1825 mehr als 50 Stücke, darunter die mei- 
sten Lustspiele in Versen, 4 in Prosa, 4 Trauerspiele 
in Versen, 8 Opern und 14 Melodramen nebst 2 roman- 
tischen Lustspielen; s. poetisches Talent ist vorzüglich 
in den Lustspielen glänzend, in welchen er alle seine 
Vorgänger weit hinter sich gelassen hat. — Niki. Iwa- 
nowic Gnjedic aus Poltawa, kais. Bibliotheksadjunct, 
Hofr. und Ritter, Mitgl. der russ. Akad. u. s. w. (geb. 
1784), schrieb: Razsuzdenije o pricinach zamedljajuscich 
uspjechy proswjescenija w Rossii, 814., Rozdenije Ho- 
mera, ein lyr. Gedicht, S. P. 817., übers. Shakespeares 
Lear, S. P. 809., Voltaires Tankred, S. P. 816., Pjesny 
prostonarodnyja nynjesnich Grekow S. P. 825., von Ho- 
mers llias VII — XI Rhaps. im alexandrinischen Vers- 
maass, als Forlsetzung der Uebers. Kostrows 810.; im 
J. 1813 unternahm er auf des Präsidenten der Akad. der 
Wiss. S. S. Uwarows Aufforderung die Lebers. der Uias 



185 

aufs Neue im Versmaass des Originals (nach dem Ton- 
princip der Quantität), wovon einige Bruchstücke in pe- 
riod. Schriften bereits erschienen sind. — Alexjej Theo- 
dor owic Merzljakow aus Dalmatow, Collegienr. u. Ritter, 
Prof. der Poes, und Eloquenz in Moskau, u. s. w. (geb. 
1778), ein geschmackvoller Kenner des classischen Al- 
terthums, als Kritiker hochverdient um die schöne Lite- 
ratur Russlands, übersetzte zahlreiche Schriften des Al- 
terthums und der neuern Literatur, darunter Aristoteles 
Poetik, Horazens Brief an die Pisonen, Virgils Eklogen 
M. 807., die Idyllen der Ant. üeshoulieres M. 807., aus- 
erwählte Stücke ans Aeschylus, Sophokles und Euripides, 
Podrazanija i perewody iz grec. i lat. stichotworcew M. 
825. 2 Bde., Eschenburgs Theorie der schönen Wiss. M. 
820. 823., Tassos befreites Jerusalem in Versen u. m. a.; 
verfasste mehrere Reden, redigirte die Zeitschrift Am- 
phion 815., schrieb Vorträge über die russ. Literatur 4 
Bde. u. in. a. — Niki. J. Grec, Hofr., redigirt zwei pe- 
riod. Schriften: Syn otecestwa, und Literaturnyja pri- 
bawlenija k synu otec., beide in S. Petersburg, gab ein 
Lehrbuch der russ. Literatur: Ucebnaja kniga ross. slow. 
S. P. 819 - 22. 4 Bde. 8 (der 4te auch unter dem T. 
Opyt kratkoj istorii rusk. literatury 822), eine russ. Gramm. 
1. Th. S. P. 825. u. a. m. heraus. — Alex. Theodorowic 
Wojejkoiv aus Moskau, Collegienr., Mitgl. der russ. Akad. 
u. s. w. (geb. 1773), übersetzte Deiilles: Sady, S. P. 816., 
Virgils Eklogen, Georgica und Aeneis im Versmaass des 
Originals (einzelne Bruchstücke erschienen in verschie- 
denen Zeitschriften] ; schrieb ein Lehrgedicht: Iskustwa 
i nauki, Satyren und Episteln, wovon letztere muster- 
haft sind; gab mit W. Kozlow: Nowosti literatury, S. P. 
822. 2 Bde. u. m. a. heraus. — Alex. Jefimovic hmajlow 
aus Moskau, Collegienrath und Ritter, Mitglied mehre- 
rer gel. Gesellsch. (geb. 1779), ein trefflicher Fabel- 
dichter (Basni S.P. 4A.821). — Alex. SergjejewicPuskin 
aus S. Petersburg, Collegiensecretär (geb. 1799), ver- 
fasste mehrere, mit allgemeinem Beifall aufgenommene 
romantische Gedichte: Ruslan i Ludmila , S. P. 820., 
Kawkazskij pljennik, 822., ßakcisarajskij Fontan, M. 824. 
Ewgenij Onjegin , S. P. 825. — Was. Sergjejewic 



186 

Podsiwalow aus Moskau, Staatsr. und Ritter (geb. 1765, 
gest. 1813), gab 1794 eine liter. Zeitschrift heraus, 
schrieb seine eigene Biographie, mehrere Abhandl. über 
die russ. Gramm, und Poesie u. s. w.; Obers. Campe's Psy- 
chologie M. 789., Meissners Bianca Capello M. 793., eb. 
Romane und Erzählungen M. 803. 8 Bde.; seine Aufsä- 
tze zeichnen sich durch Schärfe und Richtigkeit der Ge- 
danken, durch Zartheit des Gefühls und eine regelmäs- 
sige, kunstlos anmuthige Schreibart aus ; die Uebers. 
sind rein und fliessend. — Alex. Christ ophorowic Wosto- 
kow aus Arensburg , Hofralh und Ritter, Mitgl. der 
russ. Akad. u. s. w. (geb. 1781), ein geschmackvoller 
Dichter, beschäftigt sich seit 1808 mit philologischen 
Studien, hat eine altslawische Grammatik und ein Wör- 
terbuch in Msc. fertig, gab heraus: Opyty lyriceskije, 
805 - 6. 2 Bde., Opyt o rusk. stichoslozenii, S. P. 817. 
8., Stichotworenija 821., mehrere wichtige Abhandl. in 
verschiedenen russ. Zeitschriften und einzeln gedruckt. — 
Pet. Iwanowic Sokolow aus Moskau, Staatsr. und Ritter, 
wirkl. Mitgl. und Secretär der russ. Akad. u. s. w. (geb. 
1766), nahm an der Abfassung der Grammatik und des 
Wörterbuchs der russ. Akad. Theil, gab heraus: Nacal- 
nyja osnowanija ross. grarnm. 788. 5 A. 810., Kratk. ross. 
gramm. 809. und oft. ; Pcela, eine Zeitschrift ; übers. 
Ovids Verwandlungen 808., und beabsichtigt die Heraus- 
gabe des russ. Livius und Virgilius. — Iwan Martino- 
wic Born, Staatsr. und Ritter, verfasste : Kratk. ruko- 
wodstwo k ross. slowesnosti 808., enthaltend die Gram- 
matik, Rhetorik, Poetik und Geschichte der russ. Sprache. 
— Alexjej Serqjejewic Nikoljskij, wirkl. Staatsr. und 
Ritler, Mitgl. der russ. Akad. (geb. 1755), schrieb: 
Osnowanija ross. slowesnosti, 3 A. S. P. 816.; übersetz- 
te, ausser mehreren Schriften Beausobres, Laharpes und 
Hollins, de Brosses traite de la formation mecanique 
des langues, u. m. a. Iwan Andrejewic Heym aus Braun- 
schweig, Professor in Moskau, Staatsr. u. Ritter (geb. 
1758, gest. 1821), verfasste, ausser mehreren russ. Sprach- 
biichcrn (vgl. §. 13 Anm. 5.): Rukowodstwo k kommer- 
ceskoj naukje, M. 804., Nacertanije wseobscago zemleo- 
pisanija, M. 817., Nacert. statistiki, M. 821. lr Bd. — 



187 

Pet Iwanowic Makarow, Major (geb. 1765, gest. 1804), 
gab 1804 ein Journal : Moskowskij Merkurij, heraus ; 
übersetzte mehrere Werke aus dem Franz. ; sä m mtl. Wer- 
ke 2 A. M. 817. — Iwan Iwanowic Martynow aus Pe- 
rewolocna, wirkl. Staatsr. und Ritter, Mitgl. der russ. 
Akad. u. s. w. (geb. 1771), übersetzte Longins negl tov 
vipovg aus dem Gr. mit Anm. S. P. 802., Anakreons Lie- 
der S. P. 802., Chateaubriands Atala S. P. 802., einige 
Werke Rousseau's S. P. 801., Lafontaines S. P. 802., 
Aesops Fabeln, aus dem Gr., S. P. 823., Kallimachos 
Hymnen, Fb. 823., Sophokles Oedip Eb. 823., von Ho- 
mers Ilias I — VI Rhaps.; gah heraus : Technobotaniceskij 
sTowar, S. P. 820., Botanika S. P. 821; redigirte mehrere 
Journale u. s. w. — Niki. TheodorowicOstolopow, Staatsr. 
und Ritter (geb. 1782), gab unter andern folg. Schrif- 
ten heraus: Voltaires Versuch üb. die epische Poesie S. 
P. 802., Tassos Phantasien, 2 A. S. P. 819., Sobranije 
stichotworenij, S. P. 816., Slowar drewnej i nowoj poe- 
zii, S. P. 821. 3 Bde., redigirte ein periodisches Blatt u. 
s. w. — Was. Stephanowic Sopikow, Buchhändler, zu- 
letzt kais. Bibliotheksadjunct (gest. 1818), verfasstc: 
Opyt rusk. bibliografii, S. P. 813 - 21. 5 Bde. Den 5- 
ten Bd. redigirte Was. Grigorjewic Anastasewic aus 
Kiew (geb. 1775), auch als Uebersetzer von Racines 
Phädra, Herausgeber eines Journals, und Vf. des ersten 
systematischen Katalogs russ. Bücher S. P. 820. bekannt. 

— Graf Jlexjej Iwanowic Musin- Puskin, wirkl. geh. 
Rath und Ritter (geb. 1744, gest. 1817), ein eifriger 
Forscher und Sammler vaterländischer Alterthümer, 
dessen literarische Schätze 1812 beinahe alle ein Raub 
der Flammen wurden, entdeckte den Heldengesang Igor, 
schrieb über die Lage der Stadt Tmutarakan S. P. 794., 
gab die Prawda rusk. S. P. 792. M. 799. u. a. m. heraus. 

— Niki. Nikolajewic Bantys - Kamenskij aus Njezin, 
wirkl. Staatsr. und Ritter (geb. 1738, gest. 1814), be- 
arbeitete mehrere Theile der russischen Diplomatik, stand 
dem Moskauer Archiv vor, und gab heraus : Istor. iz- 
wjestije o wozniksoj w Poljsje unii, M. 795. — Alexjej 
Tb eodorowic Malin owskij aus Moskau, geh. Rath, Sena- 
tor u. Ritter, Vorsteher des Moskauer Archivs (geb. 1763), 



188 

verfasste, ausser mehreren in die russische Geschichte 
und Diplomatik einschlagenden Werken , die Biogra- 
phie des Fürsten Pozarskij M. 817., unter seiner Mitwir- 
kung gaben Const. Theodor oivic Kalajdowic und Paul 
Michajlowic Strojew das Sobranije ross. gosudarstwen- 
nych grammat, M. 813. ff. fol. heraus; dieselben Vff. ga- 
ben 1819 in M. des Grossf. Joan Wasiljewic Gesetzbuch 
und Sudcbnik, und neuerdings Opis. slaw.-ross. rukopi- 
sej w bibl. Gr. Tolstowa, M. u. S. P. 1825 heraus; er- 
st erer besorgte ausserdem die Herausgabe der Gedichte 
des Kirsa Danilow M. 818., der Schriften Johanns, Ex- 
archen von Bulgarien, M. 1824., und letzterer schrieb 
eine Kratk. ross. istor., M. 819., Sofijskij wremennik, 
M. 820. u. in. a. — Pef. Koppen, Hofr. und Ritter u. s. 
w., gab heraus: Materiali dlja istor. proswjescenija w 
Rossii, 819., Spisok ruskim pamjatnikam M. 820., Biblio- 
graficeskije listy S. F. 1825. 4. u. a. m. — Mich. Trophi- 
mowic Kacenowskij aus Charkow, Prof. in Moskau, Mitgl. 
der russ. Akad. u. s. vv. (geb. 1775), ist der Herausgeber 
von Wjestnik Ewropy, Vf. von Anekdoten und Erzäh- 
lungen; auch übersetzte er mehreres aus dem Franz. .— 
Dimitrij Pe fr owic Buf urlin aus 8. Petersburg, kais. Flü- 
geladjutant, Generalmajor, mehr. Ord. Ritter (geb. 1790), 
beschäftigt sich mit der Geschichte der Kriegs- und Feld- 
züge aller Zeiten und Nationen, deren einzelne Theile 
in franz. und russ. Sprache 1810 - 21 erschienen sind. 

Sergij Nikolajeivic Glinka aus Smolensk, Major und 
Ritter (geb. 1774), ist Vf. mehrerer gelungenen Dra- 
men, Erzählungen, Biographien, einer russ. Gesch. für 
die Jugend M. 817 - 18., eines Leseb. f. d. Jug. M. 821. 
12 Bde., eines Teatr swjeta, M. 823. 8 Bde.; er über- 
setzte Youngs Nachtgedanken in Versen 1806 u. m. a. - 
Dmifr. hvanowic Jazykow, Collegienr. u. Ritter (geb. 
1773), hat sich durch Uebersetzungen von Schlözers 
Nestor und Lehrbergs Untersuchungen verdient gemacht. 

Karl Theodorowic Hermann aus Danzig, Mitgl. der 
Akad. der Wies., Prof. in S. Petersburg (geb. 1767), 
schrieb in russ. Sprache: Statist, zumal ross. Imp., S. P. 
807. 4 Thle., Statist, opisanije .laroslawskoj gubernii. 
S. P. 808., geogr. i statist. opis. Kawkaza, S. P. 209., 



189 

Statist, izsljedowanija, S. P. 819. u. m. a. ~ Ewdokim 
Philipp owic Zjablowskij, Staatsr. u. Ritter (geb. 1763), 
gab mehrere, in die allgemeine und besondere Geogra- 
phie und Statistik einschlagende wichtige Werke S. P. 
804 — 20 heraus. 

Eine umständliche Aufzählung aller Dichter u. Pro- 
saisten dieses Zeitraumes gehört nicht in diese Ueber- 
sicht; ich begnüge mich noch einige Namen der russi- 
schen Schriftsteller aus dem Zeitalter Alexanders anzu- 
führen. Hieher gehören als Lyriker \ Iwan Petrowic 
Pnin, Collegienr. (geb. 1773, gest. 1805), Pankratij 
Sumarokow, Zacharij Alexjejewic Burinskij, Unterbi- 
bliothekar in Moskau (gest. 1808), Mich Wasiljewic 
Milonow , Titularrath, Mitgl. mehrerer gel. Gesellsch. 
(geb. 1792, gest. 1821), Denis Wasiljewic Dawydow 
aus Moskau , Generalmajor und Ritter (geb. 1784), 
Wasilij Lwowic Puskin aus Moskau, ColJegienassessor, 
Mitgl. mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1770), Niki. Mi- 
chajlowic Satrow aus Moskau, Collegienrath (geb. 1765), 
Fürst Dmitr. Petrowic Gorcakow aus Moskau, Major 
(geb. 1762), Anna Petrowna Bmiina, Fürst Sergij Ale- 
xandrowic Sichmatow, Flotte-Capitain-Lieutenant, Mitgl. 
der russ. Akad., Wlad. Iwanowic Panajew aus Tetju- 
si, Titularrath (geb. 1792); als Dramatiker : Matwjej 
Wasiljewic Krjukowskij aus S. Petersburg (geb. 1781, 
gest. 1811), Mich. Jeivstafjewic Lobanow aus S. Peters- 
burg, kais. ßibliotheksadjunct und Ritter (geb. 1787), 
Thedor Thedoroivic Kokoskin aus Moskau, Collegienr., 
Kammerherr u. Ritter, Ehrenmitgl. der Mosk. Univ. (geb. 
1773), Niki. Iwanowic Chmelnickij aus S. Petersburg, 
Staatsr. und Ritter (geb. 1791), Paul Alex androwi&Ka- 
tenin aus S. Petersburg, brist und Ritter (geb. 1792), 
Steph. Iwanowic Wiskowatow aus Storozewka, Titular- 
rath, Mitgl. mehrerer gel. Gesellsch. (geb. 1786), Niki. 
Iwanowic Iljin, Staatsr. u. Ritter, Mitgl. mehrerer gel. 
Gesellsch. (geb. 1773), Lew Nikolajewic Newachowic, 
Titularrath, Thedor Thedorowic Iwanow, Collegienrath 
(geb. 1777); als Prosaiker: Iwan Matwjej ewic Mti- 
rawjew-Apostol, geh. Rath und Ritter, Mitgl. der russ. 
Akad., Spiridon Jurjewic Destunis aus Corfu, Collegienr, 



190 

und Ritter, Generalconsul in Smyrua, (der Uebersetzer 
Plutarchs S. P. 814 - 20. 13 Bde., geb. 1783), Thedor 
Nikolajewic Glinka, Obrist und lütter mehrerer Orden 
u. s. w. (geb. 1788), Alex. Alexandrowic Pisarew aus 
S. Petersburg, Generalmajor, mehrerer Orden Ritter, 
Mitgl. der russ. Akad. u. s. w. (geb. 1782), Was. Mi- 
chajloivic Golownin, Capitain-Commandeur und Ritter, 
(geb. 1776), Wlad. Bogdanowic Bronewskij, Flotte- 
Capitain und Ritter (geb. 1786) , Wlad. Wasiljewic 
Izmajlow aus Moskau, v Premier - Major (geb. 1773), 
Fürst Peter lw ano wie Sali kow u. m. a, 6 ) 



fi ) Kamenski appendix de notitia librorum Rossicorum systematice 
expositorum, in J. F. Burgii elem. orat. Moscuae 776. 8. S. 228 — 271. — 
H. L. C. Backmeister' s russ. Bibliothek, Riga 772 — 87. 11 Bde. 8- - J. 
Richters russ. Miscelleu, Lpz. 803 — 4. 9 Htte. 8. — H. Storch's Uebersicht 
der russ. Literatur vom J. 1801 — 805. lr Bd. russ. Liter. S. P. 810. 8. 
(Der 2te enthält die Lit. in andern Sprachen.) — N. J. Nowikow opyt isto- 
riceskago slowarja o ross. pisateljach, S. P. 772. 8. — B. S. Sopikoiu opyt 
ross. bibliografii, S. P. 813 — 21. 5 Bde. 8. — B. G. Anastaseiuic rospis 
ross. knigam systematiceskim porjadkom , S. P. 820. — (Ewgenij) Biogra- 
phien aller russ. Schriftsteller in alphab. Ordnung, in dem: Drug pro- 
swjescenija, M. 805 — G. (Nur bis zum Buchstaben K.) Eb. Slowar istori- 
epskij o bywsich w Rossii pisateljach duchownago Cina, S. P. 818. 2 Bde. 8. — 
N. .7. Grec opyt kratkoj istorii ruskoj literatury, S. P. 822. 8. polnisch mit 
Zusätzen von &. B. Linde, Warschau 823. 2 Bde. 8. (Ist eigentlich der 4. 
Tbl. vondesVfs. ucebnaja kniga ross. slowesnosti, S. P. 819 — 22.) — A. 
Tli. Merzljakow ctenija o slowesnosti. — N. A. Certelew istoriceskaja karti- 
na ross. slowesnosti. — N. Grammatin razsuzdenije o drewnej rusk. slowes- 
nosti, M. 809. — P. Koppen materiali dlja istorii proswjescenija w Rossii, 
M. 819. Eb. Spisok ruskim pamjatnikam , M. 821. — J. M. Borns krat- 
koje rukowodstwo k ross. slowesnosti 808.; J. Levntskij's kurs ross. slo- 
wesnosti, 2 Bde. ; /. Tolmacews prawila slowesnosti S. P. 815 — 22. 4 Bde. 
u. m. a. enthalten gleichfalls einen Abriss der russ. Literaturgeschichte. — 
Noch gehören hieher die russ. Journale und Denkschriften der gelehrten 
Gesellschaften, S. §. 7. No. II. 



Dritter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der Slawo- Serben 
griechischen Ritus. 

§. 20. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Da die Literatur der Slawen morgenländischen Ritus 
im Süden der Donau und in ihren Colonien in Ungern, 
d. i. der Serben, Bosnier, Montenegriner und Bulgaren, 
ferner der Slawonier und Dalmatiner dieses Ritus, da- 
durch, dass sie sich sämmtlich der kyrillischen Schrift 
bedienen, ein zusammenhängendes Ganzes ausmacht; so 
wollen wir hier die Hauptzüge zu einer historisch-eth- 
nographischen Orientirung über diese Stämme in Kürze 
zusammenstellen. 

In dem alten Illyricuui im weitem Sinne des Worts, 
d. i. in den Ländern vom adriatischen Meer längs der 
Sawe und Donau bis zum schwarzen Meer, erscheinen 
ungefehr um die Mitte des Vllten Jahrh. slawische Völ- 
ker unter den Namen der Bulgaren, Kroaten u. Serben, 
und bilden nach und nach sechs verschiedene Königrei- 
che — Bulgarien, Serbien, Bosnien od. Rama, Kroa- 
tien, Slawonien und Dalmatien — von denen heute nur 
Trümmer zu sehen sind. 

Um zuerst bei dem Namen „Serb u in dem Sinne 
des Wortes zu bleiben, in welchem auch die Bosnier, 
Slawonier, Dalmatiner, und , der Sprache nach, auch 
ein grosser Theil der heutigen Kroaten darunter verstan- 
den werden 5 so ist schon oben (§. 10 Anm. 9.) ange- 
deutet worden, dass geraume Zeit vor der Ankunft die- 



192 

ses Stammes slawische Völkerschaften, südlich der Donau 
vorgedrungen, Thrakien, Makedonien und lllyricum be- 
setzt haben. Erst unter K. Ileraklius begannen die Wan- 
derungen der heutigen Bulgaren, Kroaten und Serben 
über die Donau-, allein weder ihre nächste Veranlassung, 
noch die alten Wohnsitze dieser Stämme sind bis jetzt 
hinlänglich aufgehellt worden. Constantinus Porphyr, u. 
Chalkokondylas sind unter den Byzantiern die ersten, wel- 
che der frühern Sitze der Serben, wenn gleich nicht 
ganz übereinstimmend, erwähnen 1 ). Constant. Porphy- 
rogenitus setzt die Serben (Welo- od. Belo-Serben, d. i. 
Gross- od. Weiss-Serben) hinter , d. i. nördlich den 
Ungern (Turcia) , an den Ort, der von ihnen Boiki 
Bolkyi genannt wird, und sagt, dass sie an Franken und 
Gross-Kroatien gränzen. Adelung 2 ) deutet diese Stelle 
so, dass er die Sitze der Serben vor ihrer Auswande- 
rung über, oder jenseit Ungern, zwichen die Karpa- 
ten, den Prut und die Weichsel, nach dem nachmali- 
gen Klein- od. Rothrussland, oder dein heutigen Ostga- 
lizien, die der Kroaten hingegen in die Gegenden um 
das karpatische Gebirg selbst verlegt, wobei er auf die 
Verwandtschaft der Namen Clirwat, Chrobat u. Karpat 
Gewicht legt. Nach Worbs hingegen war der Sitz der 
Serben in Böhmen, in den Lausitzen und dem Meissni- 
schen; so wie jener der Kroaten nördlich dem Karpa- 
tengebirge, besonders in Kleinpolen und Schlesien. Die- 
ser Annahme ist die abweichende Sprache der heutigen 
Sorben-Wenden in den beiden Lausitzen entgegen (vgl. 
§. 3. Anm. 1.)-, doch konnte dieser polnisch-cechische 
Stamm nach der Entvölkerung jener Provinzen einge- 

l i Das Wort Srb, Scrb, Sorab leiten einige von Srp Sichel, an- 
dere von Sibir, Seiner Nord, andere von Sahir, Sahiren, anclere von Sar- 
ntnf ab; Cunstant. Porph. von Serbulja (Sericutja), einer Art Schuhe od. 
Socke: dir übrigen Byzautier von Nervus Knecht; Dobrowskv gesteht, die 
Bedeutung der, unstreitig slawischen Wurzel, Srb, bis jetzt nicht gefun- 
den zu haben: „Significatum radieis Srb, consultis etiam dialectis Omni- 
bus, nonduin lieuit eruere." Inst. ling. slav. 1 1 S22) p. 154. — Bei Pli- 
nius (80; p. Chr.) kommt das Wort Serbi zuerst vor. „A Cimmerio ae- 
colunt Maeotici, Vau, Serbi, Areclii, Zingi, Psesii. a Bist. N. P. I. L. VI. 
c. 7. Dobrowskv meint nun, die ältesten bekannten Sitze der Slawen wä- 
ren gerade da zu Buchen, wo Plinius den Serben ihre Wohnplätze anweist. 
Gesch. d. bühm. Lit. (1618) S. 9. Vgl. ob. §. 1. Anm. 7. Dawidowii 
djejaniia k istorii srbskoga oaroda (1821) S. 7 ff'. 

2 ) Addtmg's Mithndates Tb. II. S. 633 ff. Dawidowti- S. 27 fl". 



193 

wandert, 'und wiederum nur, wie oft, geographisch mit 
dem Stammnamen ihrer russisch - bulgarischen Brüder, 
der Sorben (Serben), belegt worden seyn. Als Ursa- 
che der Auswanderung der Serben fuhrt man bald die 
Ueberschwemmung der nördlichen Länder durch die 
Awaren, bald das Vordringen der östlichen von den 
WI ach en und Bulgaren (nach Nestor) hart bedrängten 
Slawen in Polen, Schlesien und den Marken an, wo- 
durch den dort wohnenden Kroaten und Serben der 
Raum zu enge geworden. Die Serben setzten nun im 
Jahre 640 über die Donau und drangen mit Heraklius 
Bewilligung bis nach Thessalien und Makedonien vor, 
wo sie eine Stadt, Namens Serbica, erbaueten. Etwas 
später jedoch zogen sie sich zurück, und nahmen die Län- 
der zwischen den Bulgaren und Kroaten, die schon früher 
hieher eingewandert waren, inne. Die älteste Geschichte 
der illyrischen Serben ist sehr dunkel, Nach Raic war 
ihre älteste Verfassung demokratisch; aber Const. Por- 
phyrogenitus sagt, sie wären in ihren alten Wohnsitzen 
kurz vor ihrer Auswanderung von zwei Brüdern be- 
herrscht worden. In dem heutigen Serbien waren sie 
anfangs von den oströ mischen Kaisern von Constantino- 
pel abhängig, hatten jedoch ihre eigenen Beherrscher 
od. Zupane, und ob sie den Römern Tribut zahlten, ist 
ungewiss. Leber ihre ersten Beherrscher Woislaw, Ra- 
doslaw und Prosega sciiweigt die Geschichte. Unter dem 
Zupan Wlastimir (870 — 880) finden wir die Serben 
unter griechischer Botmässigkeit; ein Theil von ihnen 
war bereits früher zum Christentbum bekehrt, der an- 
dere wurde jetzt durch griechische Missionäre getauft. 
Unter ihm entspann sich auch der erste Krieg mit den 
Bulgaren, aus welchem nach dreijährigen Kämpfen die 
Serben siegreich hervortraten. Wladimir (1015) nahm 
den Königstitel an. Nachdem die Serben eine Reihe von 
Jahren hindurch, obgleich von eigenen Fürsten regirt, 
unter der Oberherrschaft der oströmischen Kaiser gestan- 
den hatten, suchten sie sich derselben (1150) unter dem 
Kg. Cedomil, der sich mit den Ungern gegen den grie- 
chischen Kaiser Manuel Komnenus verband, zu entreis- 
sen. Manuel kam dess wegen mit einem Heere nach Ser- 

13 



194 

bien, schlug (1151) v die Serben, und machte im v Zwei- 
kampf den Zupan Cedomil zum Gefangenen. Cedomil 
unterwarf sich dem Kaiser aufs neue, und erhielt da- 
durch seine Freiheit wieder. Ein gleicher wiederholter 
Versuch der Serben, sich unabhängig zu machen, miss- 
lang ebenfalls. Der griechische Feldherr, nachmaliger 
Kaiser, Isaak Angelus, schlug sie (1192) an der Mo- 
rawa. Doch wurde der Friede wieder hergestellt, und 
der König Stephan Nemanja I. erhielt den ausgezeichne- 
ten Titel Despot (1192). Sein Nachfolger Stephan Ne- 
manic I. wurde von den Ungern vertrieben, und der 
Bruder desselben, Wuk (Wolkan) Nemanic II. erhielt 
Serbien unter dem Titel eines Königs, aber unter ungri- 
scher Oberherrschaft (1204 — 1205), trat jedoch in 
Kurzem seinem Bruder Stephan die Regirung wiederum 
ab. Während dieser und der folgenden Zeit hatte Ser- 
bien seine Gestalt nicht wenig verändert. Bereits im XI. 
Jahrb. wurde das Land in verschiedene Theile, Herzog- 
tümer und Königreiche, getheilt. Einen Theil desselben 
nannte mau Bosnien, welches durch Statthalter (Baue) 
regirt wurde, die sich in der Folge der serbischen Ober- 
herrschaft entzogen. Dieser Theil ward auch Rama ge- 
nannt, welches nach der ersten Abmarkung nur das süd- 
liche Bosnien od. Hercegowina war, aber im Canzleistyl 
bald für ganz Bosnien galt. Der südliche Theil Serbiens 
erhielt von dem ihn durchströmenden Flusse Raska den 
Namen Rascia. Bei der zunehmenden Ohnmacht der 
griechischen Kaiser hatten die Serben von diesen wenig 
zu besorgen, desto mehr aber von den Ungern, unter 
deren Oberherrschaft Bosnien und ein anderer angrän- 
zender Theil Serbiens, doch unter eigenen Regenten, 
kamen. In der Folge wurde Milutin Stephan Uros II. 
(Nemanic VII. 1275 — 1321), König von Serbien, im 
Anfange des XIV. Jahrh. von dem ungrischen Könige 
Karl I. gezwungen, einen Theil Serbiens abzutreten. 
Doch andere Kriege, welche die Ungern beschäftigten, 
hinderten sie an den serbischen Angelegenheiten grös- 
sern Antheil zu nehmen. Kg. Stephan Dusau Silnyj (Ne- 
manic IX. 1336 — 1356) unternahm mehrere glückliche 
Feldzüge gegen die griechischen Kaiser, und unterwarf 



195 

sich einige benachbarte Provinzen. Er nahm den Titel 
Car (I. Zar, welches Wort, bei den Slawen, gleich wie 
bei den Persern, von jeher einheimisch, nicht aus Caesar 
entstanden, folglich auch nicht durch Kaiser zu über- 
setzen ist), an, und theilte das Reich in verschiedene 
Statthalterschaften, legte aber dadurch den Grund zu 
dessen Verfall und nachmaliger Auflösung. Unter einem 
seiner Nachfolger, Lazar (1371 — 1389), drang der 
türkische Sultan Murad I. auch in Serbien ein, und er- 
oberte einen Theil desselben. Er schlug die Serben (den 
15. Juni 1389) auf dem Amselfelde (Kosowo), und der 
in der Schlacht gefangene Lazar wurde in dem Zelte des 
Siegers, der selbst unter dem Dolche eines Serben, Mi- 
los Obilic, fiel , hingerichtet. Bajazeth, Murads Nach- 
folger, theilte hierauf Serbien zwischen Lazars Sohn 
Stephan, und Eidam, Georg Brankowic $ beide mussten 
ihm Tribut zahlen, und sich zur Heeresfolge verpflich- 
ten. Von dieser Zeit an konnten die Serben sich dem 
türkischen Joch nicht wieder entziehen. Spätere Versu- 
che desswegen wurden immer verderblicher für das Land, 
das in den Kriegen zwischen Ungerns Beherrschern und 
der Pforte stets der unglückliche Schauplatz war. Zwei 
Jahre nach Brankowic's Tode (1459), wurde Serbien von 
den Türken gänzlich unterworfen, und als eroberte Pro- 
vinz behandelt. Von den eigentlichen Einwohnern blie- 
ben nur die geringsten übrig, die alten, edlen Geschlech- 
ter wurden vertilgt, oder wanderten nach Ungern aus, 
wo sie eine freundschaftliche Aufnahme fanden. Branko- 
wic besass schon ansehnliche Ländereien in Ungern, und 
sowol unter ihm, als auch nach seiner Zeit siedelten 
sich viele Serben im mittägigen Ungern an. Unter Kg. 
Matthias Corvinus machte der Commandant von Temes- 
var Kinis aus der Familie Brankowic (welchen man 
Knez Pawo, Pawel?, nannte), im J. 1481 einen Streif- 
zug gegen die Türken in Serbien; das Resultat mehrerer 
glücklichen Gefechte war, dass man bei 50,000 serbische 
Colonisten herüber brachte, aus denen der König meh- 
rere Fahnen Soldaten bildete. Unter Leopold I. gingen 
im J. 1689 einige Tausend Serben unter der Anführung 
des Despoten Georg Brankowic zur kaiserlichen Armee 

13* 



196 

über. Im folgenden Jahr (1690) kam der Patriarcli Ccr- 
nowic mit etwa 36,000 serbischen Familien herüber, 
welche sich in Syrmien, in Slawonien, bei Ofen und in 
St. Andreac niederliessen. Bald bewirkten Eugens Hel- 
denthaten, dass Oesterreich im Frieden zu Passarowic 
(1718) den grössten Tlieil von Serbien erhielt; aber im 
.1. 1739 kam derselbe wiederum an die Türken. Zu An- 
fange dieses Jahrhunderts (1813) erhielten die Serben, 
nach misslungenen Versuchen sich von der türkischen 
Botmässigkeit loszumachen (1801 ff.), durch Ver- 
mittlung der christlichen Monarchen beträchtliche Er- 
leichterung, und eine eigene Regirung unter einheimi- 
schen Knezen, deren Oberhaupt jetzt Milos Obrcnowic 
ist. 3 j 

Bosniens älteste Schicksale sind in die Geschichte 
von Serbien verflochten. Ungefehr um 1138 wurde der 
südwestliche, an Dalmatien glänzende, am Bosnaslrom 
liegende Theil des bisherigen Serbiens zu einem eigenen 
Herzogthum für Ladislaw, Sohn Belas II Königs von 
Ungern, und der serbischen Prinzessin Helena, nach 
einer wahrscheinlich mit Uros getroffenen Uebereinkunft, 
ausersehen, und in den Privilegien bald Ducatus Bosncn- 
sis, bald Ducatus Ramae genannt. Im J. 1262 kam Bos- 
nien an die Familie Ratislaws, Bans von Machow. Im J. 
1280 ward zwar die Kgn. von Ungern Elisabeth zur Her- 
zogin von Bosna erklärt; allein ihr Ansehen blieb wir- 
kungslos, und Stephan Milutin, Kg. von Serbien, brach- 
te durch seine Vermählung mit einer ungrischen Prin- 
zessin Bosnien wieder an sich (1286), welches er durch 

3 ) Vgl., ausser andern, §. 25. Anni. 4. angeführten Schriften: Sfrit- 
teri Serbica II. 111. — 418. — Daniels, Krzb. von Serbien unter Uros und 
Steph. Decanski (1272 — 1336) Rodoslow, Msc. in Chilendar auf Athos und 
in Karlowic. — Anon. Ljetopis, Msc. in Chilendar. — Carostawnik oder 
Troadnik Msc. — Gregors Chronik, Msc. in der Lawra Studenica in Ser- 
bien. — Georg Brankovnc Gesch. v. Scrb.. Msc. in Karlowic. — P. Ritter 
Stemmatograp'hia, Vind. 701. 4. Serbisch v. Zefarowic eb. 742. 4. — J*. Ju- 
linac wwdenije w ist. slaweno- serbskago naroda Ven. 765. 8. Gebhardi 
in d. allg. Weltg. von Guthrie u. Gray B. XV. Abth. 3. — Pejachevich 
bist. Serbiae, herausg. Katona 790. fol. — J. Haie kratkaja Serblii, llas- 
sii, Bosny i Rajny istor., Wien 793. 8. Eb. istor. slawenskich narodow, 
najpaoe linigar, Coorwatow i Sefbow, Wien 794 — 95. 4 Bde. 8. — J. Ch. 
v. EngejA Gesch. v. Seih. u. Bosn. (als 3tor Th. d. Gesell, von Ungern, 
und 4!» d. allg. Weltbist.) Halle 801. 4. — Ath. Neikowii istor. slaweno- 
bolgarskog naroda Of. 801. 8. - 1> Dawidoviü djejanija k istor. srb.skoga 
ii;u oda, Wien 821. 12. (im Xabawnik v. 1821.) 



197 

Baue verwalten Hess. Einer von diesen, Twarlko, machte 
sich von Serbien los, und liess sich 1376 zu Milesewo 
zum König krönen. Nach langwierigen Unruhen gelang 
es dem Ks. Sigismund sich Bosnien ganz zu unterwerfen. 
Aber bald beschäftigten ihn bosnische Aufrührer aufs 
neue, deren einer, Herwoja, die Türken nach Bosnien 
rief. Ein türkischer Sandschak wurde über Bosnien be- 
stellt; doch gelang es Sigismund, die Türken auch diess- 
mal aus Bosnien zu verjagen. Im J. 1439 wurde Bosnien 
von Murad hart bedrängt; und nach Twartkos Tod 
(1443) entspannen sich Religions- und politische Händel 
in Bosnien, die mit der völligen Unterjochung des Reichs 
durch die Türken, und der Enthauptung des letzten bos- 
nischen Königs Stephan Tomasewic (1463) endigten. 
Matthias Corvinus jagte zwar die Türken aus Bosnien 
heraus, und verwandelte das Land in ein ungrisches Ba- 
nat (1463) und in ein Königsthum (1473); allein un- 
ter Ferdinand 1. (1528) ging Bosnien für Ungern ganz 
verloren, und die Versuche zur Wiederherstellung von 
Bosnien im XVIII. Jahrh. haben alle gescheitert. *) 

Während so Serbien und Bosnien der türkischen 
Uebermacht unterlagen, behaupteten die serbischen Be- 
wohner des Gebirges Montenegro (Crnagora) in Alba- 
nien fortwährend ihre Unabhängigkeit, und konnten so- 
wol ihres kriegerischen Muthes, als auch der natürlichen 
Beschaffenheit des Landes wegen, nie ganz von den Tür- 
ken bezwungen werden. Im J. 1767 trat ein Abentheu- 
rer, Steffano Piccolo, unter ihnen auf, der sich für den 
russischen Kaiser Peter III. ausgab, und einen Aufstand 
anstiftete, der nur nach grossem Blutvergiessen gedämpft 
werden konnte. Umsonst wollte der grausame und hin- 
terlistige Ali Pascha von Janina das Land unterjochen ; 
seine Versuche scheiterten alle an dem unbezwingbaren 
Muthe der Montenegriner. Die Regirung besteht aus dem 
Wladyka (Bischof), dem Statthalter, den fünf Serdaren 
od. Kreishauptleuten der fünf Districte, welche so wie 
der Statthalter von den Knezen, diese von den Woje- 

*) Vgl. Ph. ab Ochievia epitome vetustatum Bosnensis provinciae, 
Anc. 776. 4. — Alex. Schimek politische Gesch. d. Kön. Bosnien u. Rama, 
Wien 787. 8. — Gebhardi in d. allg. Weltg. Bd. XV. S. 108. ff. — Engel 
in d. serb. Geschichte. 



198 

woden, und diese von den Gemeinden gewählt werden. 
Der dermalige Wladyka Peter Petrowic machte nicht nur 
sein Land von den Türken, sondern auch sich selbst 
von dem Ansehen und Einflüsse des Statthalters unab- 
hängig. 5 J 

lieber die Herkunft und Abstammung der Bulgaren 
sind die Meinungen der Geschichtsforscher getheilt. Die 
meisten, wie Schlözer 6 J und Engel 7 J , halten sie, 
nach Angabe der Byzantier, für Asiaten tatarischen, 
Thunmann ungrisch-finnischen Stammes, die sich erst 
nach und nach durch Vermischung mit Slawen in der 
heutigen Bulgarei (den 7 Generationen am rechten Do- 
nauufer in Niedermösien, Stritter II. p. 508.) slawisirt 
hätten-, andere hingegen, wie der Nationalschriftsteller 
der serbisch-bulgarischen Geschichte Raic, für einen rei- 
nen Slawenstamm. — Schon sehr frühe überschritten 
einzelne Slawenstämme die Donau, und schlugen zum 
Theil ihre Wohnsitze in Mösien auf. Unter der Kegi- 
rung des Heraklius liessen sich aber die Sewerier und 
sechs andere slawische Stämme zwischen der Donau und 
dem Hämus nieder. Die eigentlichen, asiatischen Tata- 
ro-Bulgaren bauen ibre ältesten Wohnsitze in den Step- 
pen zwischen der Wolga (Bulga, woher ihr Name) und 
Kuban. Ihre erste Erscheinung in Europa mag nicht 
lange vor dem J. 500 geschehen seyn; bald nachher 
fangen ihre Uebergänge über die Donau an, und nun 
wurden sie den Byzantiern furchtbar. Um das J. 562 
wurden sie von den A waren unterjocht, die ihnen je- 
doch eigene Fürsten (Chane) liessen. Um das Joch der 
Awaren abzuschütteln, nahm einer dieser Cbane 619 die 
cbristliche Religion an, und kam mit Byzanz in engere 
Verbindung. Unter Kubrat (Kuvrat) erfolgte ein all- 
gemeiner Aufstand der Bulgaren gegen die Awaren, und 

• , ) S. Voyage historiquo et politique au Montenegro, par M. le Co- 
lon! 1 L. G. Viaaa de Sommiares, Paris 820. 2 Bde. 8. (auch tcutsch im 
Au-zngc.) r ') Sa/ilözers Nestor Tli. I. 114. T ) Emjels Gesch. dos alten 
Pännon, u. d. Bulgarei (1797) 8. XII. Nach Engel wird die Slawischwcr- 
dung dir bmlgarißchen Nation, so wie jene der russischen od. warägischen, 
begreiflich, wenn man annimmt, dass dieselbe theils in geringer Anzahl 
angekommen, theils durch die vielen Kriege mit den Byzantiern bald so 
sehr verringert wurde, dass ihre Unterthanen, die Slawen, über sie eine 
Art von Uebcrgewicht erhielten, endlich slawische Fürsten aus Bojaren- 
familien über die Bulgarei aufstanden. 



199 

ein bulgarisches Reich wurde in dem meist von Slawen 
bewohnten Mösien gestiftet (679). Dasselbe vergrösser- 
te sich mit Zagorien und Sewerien. Nach Erlöschung 
des Stammes der Kubratiden folgten Fürsten aus ver- 
schiedenen Stämmen. Krumus erweiterte (813) die Grän- 
zen des Reichs bis zu der Theiss, und siegte über den 
griechischen Kaiser Nikiphorus. Boris od. Bogoris nahm, 
wie die Legende erzählt, durch ein Wunder bewogen, 
862 die christliche Religion an, die schon früher beim 
Volk Eingang gefunden, aber von den Chanen gewalt- 
sam unterdrückt worden war. Die Kriege mit Griechen- 
land wurden erneuert, und mit Ungestüm fortgesetzt, 
bis Johann Tzimetzes das Land besiegt (971), und Basi- 
lius, nach vollendeter Eroberung, dasselbe in eine by- 
zantinische Provinz verwandelt hat (1018). Als sich 
aber in diesem und folgenden Jahrh. die Wlachen mit 
ihnen verbanden, erwachte ihre Kraft von neuem, und 
sie stifteten ein unabhängiges walachisch -^bulgarisches 
Reich (1186). Gegen die vom Ks. Andronikus auf das- 
selbe gemachten Versuche behauptete sich Swatoslaw> 
und zwang ihn durch wiederholte Siege zur Ruhe (1299 — 
1322); allein Mich. Strasimir, sein Nachfolger, wurde 
in dem Krieg mit Serbien getödtet, und Sisman, der 
mit Car Lazar gegen die Türken gemeinschaftliche Sa- 
che gemacht, brachte das Land nach der unglücklichen 
Schlacht v bei Kosowo (1389) unter türkische Oberherr- 
schaft. Sisman wurde von Bajazeth gefangen 1392. Ver- 
geblich bemühte sich Sigismund die Bulgarei an sich zu 
bringen; die Schlacht bei Nikopol 1396 entschied das 
Schicksal des Landes; die Türken vollendeten die Be- 
zwingung desselben, und Bulgarien verschwand aus der 
Geschichte. 8 ) 

Das jetzige Serbien (Serf- Wilajeti) in der türki- 
schen Statthalterschaft Rumili enthält in den vier Sand- 
schaks Semendria, Perserin, Veldschterin und Aladscha- 
hissar ungefehr 8 — bis 900,000 serbische Einwohner. 
Sie sind sämmtlich der griechischen Kirche zugethan, 

8 ) Stritteri Bulgarica II. 441 — 890. — Gebhardi allg. Weltg. Bd. 
XV. S. 1 — 232. — Raic a. a. 0. — /. Ch. Engel Gesch. d. alten Pannon, 
u, d. Bulgarei (als lr Th. s. Gesch. Ungerns) Halle 797. 4. 



200 

und Stehen, mit einer eigenen Landesverfassung, unter 
türkischer Hoheit. Ein grosser Theil der Seihen wanderte 
zu verschiedeneu Zeiten, wie oben gesagt worden, nach 
Ungerti aus, und besetzte zum Theil das während der 
türkischen Kriege verödete Syrmien und Slawonien, zum 
Theil aber die südlichem Gespanschalten Ingenis. Die 
Zahl der im eigentlichen Ungern, mit Ausschluss von 
Slawonien , wohnenden Slawo-Serben griechischen Ri- 
tus mag sich auf 350,000, derer in Syrmien und Slawo- 
nien auf 247,000 Seelen belaufen. Im J. 1759 zog ein 
Theil der Serben aus den österreichischen Staaten nach 
Russland, und bevölkerte dort Neuserbien; allein sie 
schmolzen nach und nach in Sprache und Sitten mit ih- 
ren Sprachverwandten, den Russen, zusammen. — - Bos- 
nien, ehedem auch Raina, nach dem Flusse Rama, ge- 
nannt , jetzt ebenfalls eine türkische Statthalterschaft, 
umfasst ausser den Sandschacks Trawnik, Srcbernik, 
Zwornik, N. ßazar, auch Banjaluka oder Türkisch-Kroa- 
tien, und Hersek od. flercegowina zwischen der Xeret- 
w 7 a und Trebinjstiea, ehedem Ducatus S. Sabbae. Die 
ßosniaken sind zum Theil Christen griechischen (250,000?), 
und lateinisch. Ritus (100,000? nach Engel im J. 1776 nur 
50,000, nach Stein im J. 1824. 77,000), zum Theil Isla- 
miten. Nur die beiden ersten, nicht die slawisch reden- 
den mohammedanischen Bosnier, gehen uns hier eigent- 
lich an. — Montenegro, zwischen Antivari, dem Boja- 
na-See, der Bocche di Gattaro und llercegowina, zählte 
im J* IS 12 nach Viaila de Sommieres auf einem Flä- 
chenraum von 418 0. M. nur 53,168 Einwohner, sümmt- 
lieli griechischen Ritus; nach andern Angaben soll ihre 
Anzahl 150,000 betragen. - Noch gehören der Litera- 
tur nach zu dieser Abtheilung die Serben griechischen 
Ritus in Dalmatien (Ragusa, Bocche di Cattaro) unge- 
lehr 70,000; ferner in Kroatien, ungefehr 174,000 See- 
len 9 ). — Die heutigen Bewohner der Bulgarei, einer 
Provinz in iWv türkischen Statthalterschaft Rumili, sind 
allen Berichten zufolge sehr verschieden, als Slawen od. 

■i L)ie Serben waren aus Rascien hauptsächlich von Siegmund Her- 
berstein 1597 dann vom General Lenkovich ums J 1600 una von seinen 
Nachfolgern im General- Commando nach ivi < -ar ;. ü verpflanzt l'.,,<<>i Th. 
HJ. 6 



201 

Bulgaren, Osmanen, Walachen, Helenen n. Armenier; 
doch sind die ersten an Zald überwiegend, und können 
zu 600,000 angeschlagen werden. Sie bekennen sich der 
Masse nach zum griechischen, nur ein kleiner TheiJ zum 
lateinischen Ritus. Jene zu 575,000 angenommen, und 
die obigen Slawoserben in Oesterreich und der Türkei 
mit 1,951,000 hinzugerechnet, ergibt sich die ungefehre 
Gesammtzahl 2,526,000 für Serben u. Bulgaren griechi- 
schen Ritus, die sich der kyrillischen Schrift bedienen. 10 ) 

§. 21. 

Charakter der serbischen Sprache. 

Das Band des kyrillischen Alphabets und des griechi- 
schen Ritus umschlingt, wie wir gesehen haben, mehre- 
re an der untern Donau wohnende Slawenstämme, worun- 
ter die Serben und Bulgaren die vorzüglichsten sind. Da 
indess die Bulgaren, wenigstens nach der bisherigen An- 
sicht und Kunde, sowol in Hinsicht der Abstammung 
als auch der Landesmundart von den Serben verschieden 
sind; so wollen wir die Sprache und Literatur der Ser- 
ben von jener der Bulgaren trennen, und besonders be- 
trachten. 

Die Stelle, welche die serbische Sprache in der 
Reihe der slawischen Mundarten einnimmt, ist bereits 
im 4. §. angegeben worden. Sie ist unstreitig mit der 
russischen und windischen, als mit den südöstlichen 
näher, als mit der böhmischen und polnischen, oder 
den nordwestlichen Mundarten , verwandt. Von dem 



10 ) Vgl. St. Milosewic statistiöeskoje opisanije Serbije (a. d. Teut- 
schen) Ofen 822. 8. — B. Kamenskij putesestwije w Mold. Walach. i Ser- 
biju Moskw. 810. 8. — Hist.- top. Beschr. v. Bosn u. Serb. Wien 821. 8. — 
Ph. ab Ochievia epitome vetust. Bosn. provinciae, Anc. 776. 4. — illyrien 
u. Dalm. (in dem Miniatur gem. d. Völker u. Länder) Pesth 816. 2 Bde. 
12. — J. v. Csaplovics Slawonien, und zum Theil Kroatien, Pesth 819. 2 
Bde. 8. — R. v. H**g Reisen durch das österr. Illyr. Dalm. u. Alban., 
Meissen 822. 2 Bde. 8. — Viaila de Sommieres voyage historique et politi- 
que au Montenegro, Par. 820. — Bdw. Brown's Reisen, Nürnb. 711. 4. — 
Boscovich Reise von Constantinopel durch Bulgarien nach Lemberg. Lpz, 
779. — Sauveboevf Reisen in d. Türkei, Persien u. Arab. während d. J. 
17£2 — 8ci — Will. Hunters Reisen, übers, von Gruber, Lpz. 797. 8. — 
H. v. Reimers Reisen d. k. russ. Gesandsch. an cl, Pforte im J. 1793., S, 
P. 803. 3 Bde. 4. 



202 

Dalmatischen aher kann sie, wie unten angezeigt werden 
soll, höchstens als eine Varietät, nicht aber als ein Dia- 
lekt, unterschieden werden. Aber selbst in ihr lassen 
sich mehrere Varietäten nachweisen. H. Wuk Stephano- 
wic nimmt drei Mundarten, die hiernach besser Unter- 
arten heissen würden, des Serbischen an. Er theilt näm- 
lich das Serbische 1.) in das Ilercegowische, welches 
von den in Ilercegowina, Bosnien (sowol christlichen, 
als mohammedanischen Bosniaken) , Montenegro , Dal- 
matien und Kroatien, ferner von den in Serbien in dem 
Macwaer Landstrich bis nach Waljewo und Karanowac 
wohnenden Serben gesprochen wird; 2.) in das Resa- 
wische, welches den Serben in den übrigen Theilen Ser- 
biens, namentlich in dem Landstrich Branicewo, an der 
Rcsawa, in dem Landstrich Lewac, an der obern Mo- 
rawa, im Parafiner Bezirk und am Schwarzbach bis nach 
Negotii] eigen ist ; 3.) in das Syrmische, welches in 
Syrmien und Slawonien, in Bäcka, Banat und Mittel- 
ungern , ferner in Serbien an der Sawe und Donau bis 
zur Morawa gang und gäbe ist. Die grösste und fast 
einzige Verschiedenheit dieser Varietäten ist durch die 
Aussprache des I> (je) begründet, welches im Hercego- 
wischen dreifach modificirt wird 1) als jV, wenn es kurz 
ist, z. B. bjelilo, cwjetovvi, pjewati, umjeti u. s. w.; wo- 
bei das ,{ in r T,t, a in ab, h in hb, ih in 1» verändert, 
und das je als ein reines e ausgesprochen wird, z. B. 
,u»e;i, ded , KOABeno koljeno , no^eAeHBemu pozeleneti, 
HpT»enm wrfjeti u. s. w.; 2.) als ije, wo es lang ist, z. 
B. bije'lo, dijete u. s. w. ; 3.) als i vor a ja, z. B. sijati, 
(jrijati u. s. w. Derselbe Laut wird im Syrmisch-slawo- 
niseben nur auf zweifache Weise ausgesprochen: 1.) als 
ein reines e, z. B. wera, mera, seme, pewati u. s. w.; 
2.) als ein i, z. B. letiti, wrtiti, widiti, razboliti se 
u. s. w- Das Resa wische unterscheidet sich von beiden 
darin, dass es überall ein reines e an die Stelle des je 
setzt, z. B. (e/efi, irideli, wrtett, pozeleneti, razboleli 
se, stydeti se u. s. w. Ausserdem wird im Resawischen 
in den Nennwörtern der ersten Declination das g und k 
in Nur. in 2 und e verwandelt; roze, Turce, opance st. 
roge, Türke, opanhe ; und der Dat. und Loc. der 2ten 



203 

Decl. hat ein e st. t : na glawe, na Morawe, u Resawe 
st. na glaivij na Morawi, u Resaivi 1 ). Hieraus sieht 
man, dass sich das Hercegowische durch die Mannigfal- 
tigkeit des Lautes je, das Resawische durch den Umlaut 
z und c und die Dativ- und Localendung e dem Altsla- 
wischen nähert. 

Nimmt man die Redesprache der heutigen Serben, 
so wie sie im Munde des Volks lebt — denn über das 
Verhältniss der altslawischen Kirchensprache zu ihr wird 
noch immer gestritten — so ist der Einfluss des südli- 
chen Himmels auf ihren nordöstlichen Urstoff unverkenn- 
bar. Und wie konnte es auch anders seyn! Man erwäge 
das begeisternde, nicht berauschende Land, mit der rech- 
ten Mitte zwischen armer Steppe und erdrückender Fülle, 
so wie zwischen Glut und Frost und zwischen ewigen 
Wolken und einem leeren Himmel, eine Mitte, die nichts 
zu wünschen übrig lässt; ein Land zugleich voll Gebirge 
als Scheidemauer mannigfacher Nachbarvölker und als 
Schutz- und Treibmauern der Freiheit und Kraft, und 
zugleich voll Zauberthäler als weiche Wiegen der Volks- 
Dichtkunst — ferner die klimatisch mitgegebene Mitte 
zwischen einem Normann und einem Griechen oder Ita- 
liener, gleichsam eine stille, warme Sonnengluth zwi- 
schen kaltem Mondschein und sengendem Erdenfeuer — 
zuletzt den Einfluss der durch Schrift und Glauben be- 
freundeten Griechen, und der durch Handel und Meer 
benachbarten Italiener, und ihrer reichen, melodischen 
Sprachen auf die Befruchtung der kräftigen Keime einer 
nationalen , einheimischen Sprach- und Volksbildung : 
man erwäge alles das, und man wird ahnen können, 
was aus einem Volke, dem die Natur alle zur Entwicke- 
lung einer reinen Menschheit nöthige Kräfte in Fülle 
verliehen hat, und dem westlich das Meer und die eine 
Welt, östlich der Donau-Riesenstrom und die andere 
Welt offen standen, — was aus seiner Sprache gewor- 
den wäre, wenn es nicht das Schicksal zugleich in die 
Mitte zweier Völker gestellt hätte, deren Werk nur das 

l ) S. Stephanowic serbisch - teutsch - lateinisches Wörtern., Wien 
818. Vorr. S. XVI. - XVII Eb. narodne srpske pjesme (823 Lpz.) Th. I, 
S. XXXV. 



204 

Zerstören, (leren Lebe» mir der Tod anderer war, bis 
auch ihre Stunde geschlagen. - So ist nun die Sprache 

der beinahe einzige gerettete Rest der unter tausend- 
jährigen Rümpfen, unter Strömen des edelsten Blutes 
mühsam fortgeführten Volksthums. — Die Sprache ist, 
ungeachtet des spätem Einflusses der türkischen, im 
Ganzen dennoch rein und voll tönender Anmuth. Im- 
merhin mag ihr die Polytonie der - ich möchte sagen- 
klingcnden, säuselnden, spielenden Polnischen mangeln; 
sie übertrifft gleichwol an Weichheit, Milde und melo- 
dischem Klang, der aus der ebenmässigen Verkeilung 
der ( onsonanten und dem wechselnden Spiel der volle- 
ren Vocale entspringt, weit ihre übrigen Schwestern, 
und kann nach gelungener Ausbildung — wobei das 
kräftige Altslawische gewiss nicht ohne Einfluss auf sie 
bleiben wird - in Rücksicht auf Wolklang den ersten 
Rang unter den Slawinen bebaupten 2 ). Ich will über 
keinen der slawischen Dialekte den Stab brechen ; jedem 
ist der Zugang zu diesem Vorzug frei, aber sie nähern 
sich ihm oder entfernen sich davon auf verschiedenen 
Wegen. Ich möchte den Klang den Serbischen im Gesang 
und der Poesie mit dem Ton der Violine, des Altslawi- 
schen mit dem der Orgel, des Polnischen mit dem der 
Cither vergleichen; oder - ist das Altslawische in den 
dawidischen Kirchenhymnen dem hallenden Sturz eines 
Waldstroms , das Polnische eines Felinski dem reizen- 
den Gelispel und Gesäusel einer Quelle ähnlich, so ist 
das Serbische im Munde der ländlichen Erato dem sanf- 
ten Murmeln und Girren eines Baches durch die Blu- 
menwiesen des Thals gleich; das erste trifft, erschüt- 
tert und überwältigt wie der Sturm; das zweite weckt, 
ergreift und bezaubert wie das Rauschen des Windes 
durch herbstliche Zitterpappeln; das dritte beschlcicht, 
erwärmt und entzückt , wie ein leichtes Weben und 



-) Unstreitig ist die serb. Mundart im türk. Serbien u. österr. Dal- 
matien die vokalreichste unter allen Slawinen, und kommt in dieser Hin- 
sieht der italienisehen Sprache am nächsten. Man vgl. z. B. nur das Ser- 
bische pao mit padl, rasla mit rostla, niko mit nikdo, brat mit bratr, 
wuk mit wlk, wetar mit ujtr, ecm ewi mit wiecken wückni, krilo mit 
<fjdlo skrtydlo, dmnij mit drazsj u. s. w. Lautverbindungen wie wstfyc 
• './r/t/ iprcM, .mihi, od. pstny, szcziuaxn i <}■<!:". dzdfal, dzdzysty 
ommen in derselben gar nicht vor. 



205 

Wogen der Mailuft. — Der durchgängig und scharf un- 
terschiedene, kurze oder lange Zeitverhalt der Sylben- 
vocale macht diesen Dialekt ganz geeignet, altclassische 
Versmaasse nachzuahmen, und der Nationaldichtkunst, 
durch Uebertragung der quantitirenden Metrik auf die- 
selbe, eine höhere, idealische Gestalt und Würde zu 
geben; obschon auch hier, wie beinahe überall bei den 
Slawen, die Sache bis jetzt nicht in der Art und Aus- 
dehnung, die sie verdiente, beachtet worden. 3 ) 

§. 22. 
Schicksale der serbischen Sprache und Literatur. 

Ob und wiefern die jetzige serbische Sprache von je- 
ner im .1. 640, als die Serben ihre neuen Wohnsitze im 
Illyricum und Mösien bezogen haben, verschieden sey, 
kann aus gänzlichem Mangel an Sprachüberresten dieses 
Zeitraumes nicht beurtheilt werden. Die Byzantiner wa- 
ren um Ueberlieferungen aus dem Sprachgebiete fremder 
Völker nicht im mindesten besorgt ; sie nannten alles, 
was nicht griechisch war, barbarisch, und würdigten 
es weiter keiner Beachtung. Alles, was sie darüber ver- 
zeichnet haben, beschränkt sich auf die Aussage, dass 
die Serben slawischen Stammes sind, dass ihre Sprache 
eine slawische Sprache ist, und dass sich alle Slawen 
gegenseitig verstehen. Die Serben selbst waren zu dieser 
Zeit, wenn auch nicht unempfindlich für eigenen Ruhm 
und fahrlässig bei dessen Fortpflanzen auf die Nachkom- 
men, doch unvermögend, bei dem Drucke der gewalti- 
gen Awaren, der auf ihnen lastete, und bei so vielen 
Wanderungen, den Künsten des Friedens, dem Schrift- 
thtim obzuliegen. Sie waren nicht darauf bedacht, die 
Geschichte der eigenen Thaten zu schreiben, damit ihre 
spatesten Nachkommen sehen möchten, wie sie gelebt 

3 ) Sprachbücher. Grammatiken : W. Stefanowic pismenica serbsko- 
ga jezika, Wien 814. 8. Eb. Srpska grammatika, vor dem Wörterbuch, 
Wien 818. 8 Tcutsch von J. Grimm : Witks Stephanoivlc kleine serb. 
Gramm.. Berl. u. Lpz. 824. 8. — Wörterbücher: Des Ungenannten „Nieme- 
ckij i Serbskij slowar," Wi<°n 790. 8. ist ein Zwitter zwischen dem Altsla- 
wischen und Serbischen. W. Stephanowic Srpski rjeenik, istolkowan nie- 
maökim i latinskim rjeema, Wien 818. 8. (Enthält auch die Grammatik.) 



200 

und geleibt , gesprochen und geschrieben haben. Im 
Mittelalter schrieben zwar die Serben die Geschichte ih- 
res Landes, aber in einer Sprache, die ein Gemisch ist 
aus der Landesmundart und der Sprache der Kirchen- 
bücher oder der kyrillischen Bibelübersetzung, so dass 
es schwer hält, sich daraus über die Natur der Landes- 
mundart und ihr Verhältniss zum Kirchenslawisch zu 
belehren *). Erst im vorigen Jahrhundert , als bereits 
der Abstand des Altslawischen vom Serbischen zu gross 
war, und einige Schriftsteller in der gangbaren Landes- 
mundart oder Volkssprache im strengsten Sinne des Wor- 
tes Bücher zu schreiben anfingen, wurde die wichtige 
Frage wegen Alt- od. Kirchenslawisch und Neuserbisch, 
und ihrer Rechte auf Schriftsprache aufgeworfen, und 
von verschiedenen, sowol einheimischen als auch stamm- 
verwandten Gelehrten auf verschiedene, oft entgegenge- 
setzte Weise beantwortet. 

Es ist an einem andern Orte (§. 10.) wahrschein- 
lich gemacht worden, dass die südlich der Donau vor- 
gedrungenen Slawen geraume Zeit vor Kyrill und Me- 
thod t heil weise zum Christentum» bekehrt worden seyen, 
und eine von ihren heidnischen Vorfahren bedeutend aus- 
gebildete Sprache überkommend , dieselbe auch beim 
christlichen Gottesdienst eingeführt und in den Kirchen- 
büchern, der Bibel, den Chroniken und andern Schrif- 
ten gebraucht haben. Auf diesem Wege kam das Chri- 
stenthum zu den neueingewanderten Bulgaren und Ser- 
ben, nach den Legenden und der Tradition erst durch 
Kyrill und Method, um die Mitte des IX. Jahrb., nach 
kritischer Erforschung der Umstände und nach andern 
Angaben aber schon — wenigstens theilweise - früher. 
Es unterliegt aber keinem Zweifel, dass, so wie die 
heidnischen Slawen zum Christcnthmn übergetreten sind, 
auch die Schrift der Kirchenbücher bei ihnen Platz ge- 
griffen habe, weil die Liturgie in slawischer Sprache 
gehalten wurde. Was ins Besondere die Bekehrung der 
Sorben zum Christcnthmn anbelangt, so ist der Anfang 
derselben, beim gänzlichen Stillschweigen der Chronisten, 
in tiefes Dunkel gehüllt. Nach der Annahme der einhei- 

l ) S. Dawiäowic djejanija k istorii srbskoga naroda (821.) 8. 5 — 7. 



207 

mischen Kirchengeschichtslehrer wären schon in den er- 
sten Decennien nach der Einwanderung* der Serben im 
Illyricum die Constantinopolitaner Patriarchen, nach En- 
gel hingegen 2 ) die römischen Bischöfe bemüht gewe- 
sen, dieselben zu bekehren. Gewiss ist, dass die Serben 
um das Jahr 868 unter der Regirung des griechischen 
Kaisers Basilius durch griechische Missionäre getauft 
wurden, wenn es gleich, nach den damaligen Sitzen der 
Südslawen zu urtheilen, ausgemacht zu seyn scheint, dass 
Kyrill und Method das Serbenland mit keinem Fusse be- 
rührten, sondern den Chroniken zufolge nur durch das 
Land der Bulgaren reisten. Doch dem sey, wie ihm 
wolle, so viel ist klar, dass die Schreibekunst unter den 
Serben erst nach ihrer Bekehrung, und nach Kyrills 
Erfindung oder Einrichtung seines Alphabets Wurzeln 
geschlagen habe. Aber eben dieser Anfang des serbischen 
Schreib- und Schriftwesens ist mit einer Nacht bedeckt, 
in die kein Auge einzudringen vermag. Die ältesten 
Sprachüberreste, die von serbischen Schriftstellern her- 
rühren und auf serbischem Boden entsprossen sind, und 
die insgesammt das XIII. Jahrh. nicht übersteigen, sind 
entweder ganz in der altslawischen Kirchensprache, oder 
in einem Gemisch aus derselben und der serbischen Lan- 
desmundart abgefasst. Dass bereits in den ältesten Zei- 
ten vorzüglich die Geistlichkeit Serbiens der griechischen 
Sprache und der geistlichen Literatur nicht unkundig, 
vielmehr fast in steter Verbindung mit Constantinopel 
und den Klöstern Makedoniens (Athos) gewesen sey, 
unterliegt keinem Zweifel. Wie weit sich aber dieser 
Einfluss des Griechischen auf das Serbische in dieser Pe- 
riode erstreckte, ist schwer auszumitteln. Des Basilius 
Hexaemeron von 1263 und der Apostel in Sisatowac 
von 1324 in altslawischer Kirchensprache, sind schon 
oben §. 11. angeführt worden. Hiemächst ist das älteste 
und hiemit wichtigste Sprachmonument der Slawoser- 
bischen Literatur das Geschlechtsregister „Rodoslow" 
von Daniel, Erzbischof von Serbien, Zeitgenossen der 
serbischen Könige Uros , Dragutin , Milutin und De- 

2 ) Vgl. Engels Gesch. v. Ungern u. s. Nebenländ. Th. II. 453. 4G2. 
III. 180. 



208 



V, 



y 



canskij zu Ende des XIII. und im Anfange des XIV. 
Jalirli. (1272 — 1336), worin er als Augenzeuge die 
Rcgirung der benieldeien vier Könige erzählt. Die Hand- 
schrift hievon in fol. findet sich im Chiljendarischen Klo- 
ster auf dem Berg Athos. Das Original selbst hat Haie 
zum Behuf seiner serbischen Geschichte benutzt, und 
durch ihn ist auch die in der erzbischöllichen Bibliothek 
zu Karlovvic befindliche Abschrift bekannt worden. Hr. 
Ropitar vermuthet aus guten Gründen, dass derselbe 
Erzb. Daniel auch der erste Uebersetzer der Korm- 
caja Kniga sey ; (Wien. Jahrb. der Literatur 1823.) Et- 
wa gleichzeitig mit diesem Geschlechtsregister mag das 
gewöhnlich sogenannte, (von Haie benutzte) chiljenda- 
rische Jahrbuch ,,Ljetopis u seyn, ein ganz kleines Büch- 
lein in einigen Blättern bestehend, und ebenfalls im chi- 
ljendarischen Kloster aufbewahrt ; aber viel später der 
„Carostawnik" (sonst auch Troadnik genannt) d. i. Für- 
stenregister, von einem alten, ungenannten Vf., in wel- 
chem nach Capiteln serbische, griechische, bulgarische 
und russische Kegenten aufgezählt, und ihre Hegirun- 
gen beschrieben werden. Unter dem ersten serbischen 
Car, Dusan dem Mächtigen, (1336 — 1356), erstieg 
nicht nur die Macht des Landes den höchsten Gipfel, son- 
dern auch die Nationalcultur und hiemit die Literatur 
fingen an fröhlicher zu gedeihen. Bei so vielen Kriegen 
gegen das Ausland verwahrlosete Dusan das Innere sei- 
nes Reiches nicht. Man hat von ihm ein Gesetzbuch aus 
dem J. der Welt 6837, d. i. n.^ir. 1349, welches um 
so wichtiger ist, da es über den innern Zustand des 
Reichs und über die damals erstiegene Stufe der inne- 
ren Cultur Aufschlüsse gibt, während die übrigen hin- 
tcrblicbenen historischen Nachrichten nur von Kriegen 
und rauschenden Begebenheiten handeln. Ungern und 
andere Länder haben kein so frühes Gesetzbuch aufzu- 
weisen 3 ). In dem ganzen Gesetz weht ein edler und 
milder Geist der Menschlichkeit, zuerst wird für das 



3 ) Im IV. Th. s. Gesch. S. 242 ff. beschenkte uns Raic mit einem 
Abdruck dieses Gesetzbuchs nach der im Archive dm- serbischen Edelleute 
Peter n. Sabbas \. Tököly zu Arad vorfindlichen Handsch., und Engel lie- 
ferte eine teutsche üebers. desselben Th. II. S. 2<Vd ff. Vgl. auch W. Ste- 
phcm&ivid WB. 8. III. Eine andere Hschr. besitzt die Neusatzer Gymn.-Bibl. 



209 

Christenthum und die Kirche gesorgt, und vom geistli- 
chen Gericht , von Metropoliten und Bischöfen , von 
Presbytern gehandelt ; Gefangene oder Sclawen , die, 
aus der Gefangenschaft entwischt, sich an den Hof des 
Cars, oder zu einem Diener des Cars, zu einem Geist- 
lichen oder Edelmann geflüchtet hätten, sollten frey seyn; 
Fremde übergaben beim Ankommen in einer Stadt oder 
einem Dorf ihre Sachen dem Wirth, der für sie haften 
inusste; wenn ein Grundbesitzer einen Reisenden nicht 
beherbergen wollte, so hatte dieser das Recht, sich in 
seinem Dorf einzuquartiren, verlor er etwas, so musste 
es der ersetzen, der sich geweigert hatte, ihn aufzuneh- 
men; Kaufleute und ihre Waaren wurden vorzüglich 
durch das Gesetz geschirmt, und Gewalttätigkeiten und 
Räuber durch die Strenge der Strafen abgehalten u. s. 
w. 4 ) Kein Zweifel, dass in dieser Periode der blühen- 
den Macht des serbischen Carthums mehrere Kirchen- 
schriftsteller die Sprache mit ihren Werken bereicherten; 
namentlich gehört die Erweiterung und Vollendung der 
Kirchenbücher in dieses Jahrhundert; selbst Russland 
bezog die meisten Handschriften u. die tüchtigsten Schrift- 
gelehrten aus Serbien, wie es das Beispiel des im Jahr 
1376 aus Serbien nach Russland berufenen Kyprian, 
Metrop. v. Kiew u. ganz Russland (gest. 1406), und 
mehrerer anderer beweist 5 J : aber die Stürme der Zeit 
und die alles verheerenden Muselmänner Hessen nur we- 
nige Trümmer dieser ehemaligen Sprach- und Geistes- 
cultur auf uns kommen. Und selbst diese, wie zerstreut 
sind sie durch die entlegensten Klöster des dem Auslän- 
der nur selten und mit Gefahr zugänglichen Landes! 
Reisende, sagt Raic, die aus den serbischen Gegenden 
kommen, versichern, dass sich solche alte Handschrif- 



*) Von demselben Fürsten befinden sich, wie bereits oben §. 11. 
bemerkt worden, in dem Karlowicer Metropolitanarchiv zwei Schenkungs- 
briefe an das Kl. Chilendar vom J. 1348, der eine im Original, dor andere 
in Copie ; der Schenkungsbrief von s. Vorgänger Milutin Steph. Uros vom 
J. 1302 an dasselbe Kloster in demselben Archiv ist nur eine Copie. Das 
in der Wiener Bibl. befindliche Wappenbuch von Illyrien, das Marcus Sko- 
rojewiö vor der Mitte des XVII. Jahrh. geschrieben und dem römischen 
König Ferdinand IV. dedicirt hat, soll angeblich aus einem von Ruböic, 
Wappenherold des Stephan Dusan, verfassten und in Chilendar aufbewahr- 
ten Original entnommen seyn. Engel (I. 202) bezweifelt jedoch die Exi- 
stenz dieses Originals. 5 ) S. Grec opyt istor. rusk. liter. S. 36. 

14 



210 

ten vorzüglich in folgenden serbischen Klöstern finden : 
1.) in der serbischen Lawra Studenica, 2.) in Decan, 
3.) in Ipek (eigentlich in Epirus), dein vormaligen Si- 
tze des Patriarchen. Aber auch in den zahlreichen Klö- 
stern auf Athos müssen noch Ueberreste der serbischen 
Literatur vergraben liegen. Wie viel ist hier für einen 
künftigen serbischen Philologen und Paläographen noch 
übrig zu thun! Serbische Diplome reichen bis in das 
XIII. Jahrh. hinauf; aus einer von Car Lazar dem Klo- 
ster Rawanica an der Resawa in Serbien ertheilten Ur- 
kunde vom J. 1381 führt Hr. Stephanowic (Wörterb. 
S. IV.) Sprachproben an. Aus der spätem Zeit befindet 
sich noch eine Urkunde der Exsultanin Mara, Tochter 
des Despoten Georg, vom Jahr 1479 in Chilendar ; 
Raic III. 322 — 23. Nicht minder erwähnt Branko- 
wic in seiner handschriftlichen Geschichte von Serbien 
eines Geschichtschreibers, Gregor, Igumen des Klosters 
Studenica, der in diese Periode gehört. Die unglückli- 
che Schlacht bei Kosowo stürzte das Land in unabseh- 
bares Elend; die romantischen Gefilden und Auen Ser- 
biens wurden nun Jahrhunderte lang der Schauplatz der 
blutigsten Kriege und Verheerungen; alle schon ange- 
fangene Cultur der Landes erstarb. Die Geistlichkeit ret- 
tete, was noch zu retten war, und etwa fünfzig Jahre 
nach Erfindung der Buchdruckerkunst erschienen sowol 
iu Serbien als auch in den benachbarten und von Stamm- 
verwandten bewohnten Provinzen von Zeit zu Zeit sla- 
wische Kirchenbücher in Druck , die zum Theil oben 
§. 11. verzeichnet sind» Aber bald erfolgte eine Todes- 
stille bis auf den letzten Despoten Serbiens, Georg Bran- 
kowic, welcher eine serbische Geschichte vom Anfang 
des Volks bis auf die Zeiten des Kaisers Leopold I. im 
alten slawo-serbischen Styl hinabgeführt hat; das Msc., 
fünf Quartbände stark, ist in der Erzb. Bibliothek zu 
Karlowic befindlich, und von Kaie bereits benutzt 6 ). 



r. Brankowic (geb. 1G45) war eine Zeit lang Abgesandter des 
Apafi, Fürsten von Siebenbürgen, beim türkischen Hofe , dann aber brauchte 
ihn Ks. Leopold I. in Geschäften in der Türkei sowol, als vorzüglich in 
Serbien, indem er durch ihn Serbien mit der ungrischen Krone vereinigen 
wollte. Er war es, der in Verbindung mit dem Erzb. v. Ipek bewirkte, dass 
3G,000 serbische Familien sich in Nieder-Ungerns öden , von den Tür- 
ken verwüsteten Gefilden niederliessen. Für diese Dienste und für seine im 



211 

Mit Brankowic kann man füglich die erste Periode der 
slawo-serbischen Literatur schliessen, die zweite, oder 
die neuere, fängt mit Zefarowic an, und dauert bis auf 
unsere Zeiten. Zweierlei bietet sich hier dem Beobach- 
ter gleich im Anfange dar: einmal erscheint die neuere 
serbische Literatur ganz auf die Serben in Oesterreich 
beschränkt — serbische Schriftsteller und Druckereien 
in der Türkei hören ganz auf — ; dann aber wird die- 
ser Zeitraum durch die förmliche Trennung der Lan- 
desmundart von der Kirchensprache und das Erheben 
der erstem zur Schriftsprache charakterisirt. Auf die 
Herausgabe von Zefarowic Stein matographie , die aus 
Mangel an beweglichen Typen und wegen der vielen 
Abbildungen der Wappen in Kupfer gestochen zu Wien 
1742. in 4. erschien, folgte eine lange Pause. Im Jahr 
1755, als unter Maria Theresia das Licht der Wissen- 
schaften auch ihre „tapfern und vielgeliebten Illyrier" 
erreichte, liess der Karlowicer Erzbischof und Metropo- 
lit Paul Nenadowic, da in der ganzen weiten Monarchie 
keine Druckerei mit slawischen Lettern versehen war, 
in der Druckerei des Bischofs von Rimnik in der Wa- 
lachei die Smotriskische Grammatik „zum Nutzen und 
Gebrauch serbischer Knaben" auflegen. Bevor die Ser- 
ben in Oesterreich eine Druckerei erhielten, gelang es 
den aus Hercegowina und Bosnien nach den Küsten des 
adriatischen Meeres eingewanderten Dalmatiner-Serben 
morgenländischen Ritus eine in Venedig zu errichten. — 
Demeter Theodosijew , ein Grieche aus Janina, Factor 
der griechischen Buchdruckerei des Glika in Venedig, 
unternahm es im J. 1758, nach Bozidar der erste, mit 
Erlaubniss der Republik, den kyrillischen Bücherdruck 
aufzufrischen und ins Leben zu rufen. Er schrieb nach 
Russland und bekam kyrillische, er schrieb nach Rom, 
und bekam glagolitische Typen; und sofort richtete er 
seine griechisch-slawische Druckerei ein. Das erste, was 
hier gedruckt worden, ist „Plac Serbie" ohne Druck- 
Krieg bezeugte Tapferkeit ward er zum Freiherrn und dann zum Grafen 
ernannt, und mit dem ungrischen Indigenat beehrt. Bald darauf (1689) 
aber warf das Ministerium auf ihn einen schweren Argwohn, und er war 
Staatsgefangener zuerst in Wien, dann zu Eger in Böhmen, in welchem 
letzten Ort er seine Geschichte zusammenschrieb und verstarb (1711). 

14* 



212 

ort und Jahrzahl, von einem Ungenannten S. 8. S. im 
J. 1761. Nun folgten hierauf, ausser einigen Elemen- 
tar- und Kirchenbüchern: Orphelin o sedmych tain- 
stwach 763., Julinac istor. slaw.-serb. naroda 765. u. an- 
dere. Später ging die Druckerei an seinen Neffen, Pa- 
tie-Theodos?jew, über 7 ). Als im J. 1769 ein „illyri- 
scher Nationalcongress'- in Gegenwart des k. Hofcom- 
missars, Generals der Cavallerie, Grafen Andr. Hadik, 
in Karlowic abgehalten, und das erste sogenannte „Na- 
tionalregulament" für die Serben in Ungern zu Stande 
gebracht worden; da wurde auch die erste serbische 
Druckerei in Oesterreich, und zwar als Hofbuchdru- 
ckerei, in Wien im J. 1771 errichtet; die bald darauf 
an Kurzbeck und Nowakowic, nach 25 Jahren aber, im 
.1. 1796, au die k. Universität zu Ofen überging, bei 
welcher das Privilegium und Monopol für alle altslawi- 
sche und serbische Kirchen-, Schul-, Volks- und wis- 
senschaftliche Werke bis jetzt verblieben ist 8 ). — Ei- 
nen grossen Einfluss auf die Gestaltung und den Gang 
der neuern serbischen Literatur seit 1764 hatten unstrei- 
tig Kaie und Obradowic, seit 1813 aber Dem. Dawido- 
vvic und Wnk Stephanowic. Unter Kaics zahlreichen 
Werken ist vorzüglich seine Geschichte der Slawen be- 
achtenswerth. Er befleissigte sich des kirchenslawischen 
Styls, aber sein Kirchenslawisch ist nicht rein, sondern 
stark mit Rassismen und Serbismen versetzt, weil Haie 
sein Werk auch andern Slawen, namentlich den Russen, 
ferner dem serbischen Volk, zugänglich machen wollte. 
Obradowic war der erste, welcher von der bis dahin 
üblichen Methode, Kirchenslawisch od. Slawoserbisch zu 
schreiben, gänzlich abwich, und die gemeine Landes- 
mundart zur Schriftsprache erhob. Es fanden sich nun 
mehrere , welche die von ihm eröffnete , von andern 
lebhaft bestrittene Bahn betraten, worunter Dawidowic 
und Stephanowic die vorzüglichsten sind, während an- 
dere sich mehr oder weniger fest entweder an das Kir- 

7 ) S. Solarid pominak kniieskij o slawenoserbskom w Mletkach pe- 
ftatanijn, Ven. 810. 8. s ) Die Buchdruckerei in Ofen hat 1798 ein Ver- 
zeichnisa der Blawoserbischen Bücher drucken lassen, in welchen auch einige. 
die Knrzbeck verlegt hat, stehen. Seitdem enthält der Catal. lihror. der 
i niversitätsbuchdruckerei nur die ascetischen und Elementarbüchlein, 



213 

chenslawische, wie Terlaic, Kengelac u. m. a., oder an 
das hergebrachte Gemenge von Slawoserbisch, wie die 
meisten, hielten. — Den entschiedensten Einfluss auf das 
Wachsthum der Literatur haben unstreitig gut einge- 
richtete Schulen. Von unten auf, aus dem Keime, er- 
wächst und erblüht die Palme. Es ist hier nicht der Ort, 
über die altern serbischen Schulen in den österreichi- 
schen Staaten zu berichten, dergleichen es bekanntlich 
seit 1733 in Karlowic (mit Lehrern aus Kiew besetzt), 
Belgrad , Essek und Dalja gab, die, bis auf die Karlo- 
wicer Schule, alle nach und nach eingegangen sind; für 
unsern Zweck reicht es hin, auf das im J. 1791 gleich- 
sam aus dem Staube und der Verwesung zum neuen Da- 
seyn gerufene Gymnasium in Karlowic zu verweisen, 
dessen Schöpfer der um die griechische Kirche und die 
serbische Nation in Ungarn und Oesterreich hochver- 
diente Karlowicer Erzbischof und Metropolit, Se. Exe. 
Herr Stephan Stratimirowic von Kulpin ist. Aber lei- 
der ist sowol auf dieser, als auch auf der nach ihrem 
Muster in Neusatz 1818 errichteten höhern Lehranstalt, 
die beide für die Verbreitung wissenschaftlicher Cultur 
unter den Serben zu sorgen ganz eigentlich berufen sind, 
dem Studium der National spräche zu wenig Spielraum 
gegönnt. Doch werden auf der ebenfalls von dem ge- 
nannten Erzbischof und Metropoliten 1794 errichteten 
Karlowicer Klerikalschule und den übrigen theologischen 
Schulen die slawische Grammatik ex professo, und alle 
Lehrgegenstände in dieser Sprache vorgetragen. Die Or- 
ganisation der serbischen Nationalschulen wurde zwar 
schon in dem dritten Jahrzehend des XVIII. Jahrh. ein- 
geleitet , und durch des patriotischen Schuldirectors, 
Wujanowskij, Wachsamkeit und Eifer ist die slawische 
Sprache für dieselben gerettet worden (die man daraus 
vorzüglich 1790 - 91 gänzlich hat verbannen, und die 
magyarische als Muttersprache der Serben einführen wol- 
len) 5 allein das grösste Verdienst um diese heilige Sache 
blieb unsers jetzt regirenden Landesherrn Majestät vor- 
behalten, der, um dem Mangel an Unterrichts- und Bil- 
dungsanstalten gänzlich abzuhelfen, für gut fand, die 
Oberaufsicht über die Nationalschulen griechischen Ritus 



214 

in Ungern in einem Individuum zu concentriren (1810), 
(bis 1825 Uros v. Nestorowic, k. Rath), ihm die Bezirks- 
Directoren zu unterordnen (1812), und zur Bildung der 
Volksschullehrer, eine serbische sogenannte Schola prae- 
parandorum zuerst zu St. Andreae (1813) , dann nach 
Zombor verlegt (1817), zu errichten 9 ). — In Serbien 
war man immer, so viel es die Umstände zuliessen, sorg- 
fältig darauf bedacht, wissenschaftliche Cultur auf den 
vaterländischen Boden zu verpflanzen, und höhere Bil- 
dungsanstalten zu errichten ; aber nach der wiederholten 
Unterwerfung des hartbedrückten und verheerten Lan- 
des unter die alle literarische Cultur vernichtende ma- 
homedanische Regirung, erstickten diese — zarten Blü- 
then des Friedens, der Ruhe und der Milde — im Keime. 
Die jetzt bestehende Regirung ist eifrig bemüht, das 
Verlorne zu ersetzen: möge der glücklichste Erfolg ihre 
heilvollen Bemühungen krönen! 10 ) 

Während nun aber in der allerneuesten Zeit von 
Jahr zu Jahr zahlreichere Blumen auf den Gefilden der 
serbischen Nationalliteratur in den Provinzen des men- 
schenfreundlichen, milden Oesterreichs zu entspriessen 
begannen, zeigten sich auch Schwierigkeiten doppelter 
Art, schon aus dem Vorigen entnehmbar, und drohen 
das Emporbringen der guten Sache auf lange Zeit hinaus 
zu vereiteln. Zuvörderst wurde der Druck und die Ver- 
breitung serbischer Werke ungemein dadurch erschwert, 
dass in dem Mittelpunct der jetzigen Sitze der Serben 
keine Buchdruckerei aufkeimen konnte. Zwar gelang es 
einem eifrigen Serben , Dem. Dawidowic, im J. 1813 
eine serbische Druckerei Behufs der, in den zwei Jahren 
1792 — 93 von Steph. Nowakowic herausgegebenen Zei- 
tung, zu bewirken, die, zuerst in Wien, gegenwärtig 
an M. Chr. Adolph in Rotz überging; auch druckte die 
Klosterbuchdruckerei der Armenier in Wien fortwäh- 
rend mit kyrillischer Schrift, und in Venedig bestand 



°) Ueber das Schulwesen der Serben ist zu vergleichen: Caplowic 
Slawonien und Kroatien (1819) II. B. S. 230 ff. 

10 ) Von dem Schrif'twesen der Bosnier und Montenegriner seit dem 
XVII. Jahrb. kann gar nichts Erhebliches gemeldet werden. Ihre Kenntniss 
des Slawischen beschränkt sich auf die Kirchenbücher, die sie aus andern 
Staaten, Kussland und Oesterreich, beziehen. 



215 

die Pane-Theodosijewsche Officin bis auf die neuesten 
Zeiten; allein alle diese waren tlieils zu beschränkt, theils 
zu entfernt, um Verkehr und regeres Leben in das ser- 
bische Schriftthum zu bringen, oder es im eigentlichen 
Herzen der Wohnplätze der Serben zu verbreiten. Auf 
gleicher Stufe der Beschränktheit und Unvollkommen- 
heit steht der serbische Buchhandel, der eigentlich, im 
wahren Sinne des Worts, gar nicht existirt. — Ein zwei- 
tes, ungleich wichtigeres Missverhältniss entwickelte sich 
seit Dosithej Obradowic, vorzüglich aber seit den letz- 
ten literarischen Unternehmungen der beiden serbischen 
Volksschriftsteller, Dem. Dawidowic und Wuk Stepha- 
nowic, die den Grundsatz „man müsse schreiben, wie 
man spricht" theoretisch und praktisch verfechtend, die 
geineine Landesmundart an die Stelle der bisher übli- 
chen kirchenslawischen, od. slawoserbischen, zur Ehre 
der Schriftsprache erheben wollten. Denn bald bildete 
sich eine Gegenpartei, welche sich verpflichtet glaubte, 
dem umsich greifenden Entslawisiren des Schriftthums, 
als einer nacht heilbringenden Neuerung einen Damm ent- 
gegen zu setzen. So entstand eine Erhitzung der Gemü- 
ther, die zwar auf der einen Seite nicht ohne gute Fol- 
gen geblieben ist, indem sie einen literarischen Streit 
verursachte, der den Fleiss mehrerer unserer geach- 
tetsten Gelehrten auf die tiefere Erforschung der kir- 
chenslawischen Mundart, ihres Ursprungs und Verhält- 
nisses zu der jetzigen serbischen und den übrigen Sla- 
winen, hinlenkte; andererseits aber dadurch, dass die 
Parteien, entweder in der ersten Aufwallung, oder im 
Vollgefühl des vermeintlichen Rechts und Unrechts, 
sich, wie gewöhnlich, gegenseitig erbitterten, und vie- 
le sonst patriotisch gesinnte Herzen, noch mehr aber 
die Schwachen, von der Theilnahme an der einheimi- 
schen Literatur abwendig machten, der guten Sache 
nicht wenig Eintrag gethan hat. Weit entfernt von ei- 
nem anmaassenden, tadelhaften Absprechen in einer so 
hochwichtigen Sache, vielmehr die Beschränktheit der 
eigenen Kraft und Kenntniss auf dem weiten Gebiet 
der slawischen Sprachforschung wol erwägend, erachte 
ich es für Pflicht, mich des Urtheils über diese Streit- 



216 

frage gänzlich zu enthalten, und ihre Entscheidung ein- 
geweihtern Kennern zu überlassen. Ich begnüge mich, 
schliesslich auf diejenigen Schriften zu verweisen, aus 
denen man sich über den ganzen Verlauf und Stand 
der Sache genau und gründlich unterrichten kann. 11 ) 

§. 23. 

Uebersicht der neuesten serbischen Literatur. 

Ueberblickt man die Erzeugnisse der serbischen Lite- 
ratur seit etwa einem halben Jahrhundert (1770), so 
findet man, dass, dem natürlichen Gange der Sache ge- 
mäss, bis jetzt überhaupt nur wenige Fächer des mensch- 
lichen Wissens, und von diesen nur einige erträglich, 
andere gar zu dürftig, die meisten gar nicht bearbeitet 
worden sind. Theologie, Pädagogik, Geschichte u. Geo- 
graphie , Dichtkunst l ) , von den Naturwissenschaften 
die Naturgeschichte und Physik, haben bald mehr, bald 
weniger aufzuweisen. Ungleich mehr betrübend, als 
diese Armuth der beginnenden Literatur, ist die Anar- 
chie in der Schreibart, und die Folgewidrigkeit in der 

n ) Vgl. Nachricht von Stephanowic's neuserb. Wörterb. in dem österr. 
Beobachter 1818. N. 119. Eine Stimme dagegen in eb. österr. Beob. N. 2(iO. 
Antwort hierauf bei Gelegenheit der Rec. von Stephanowiö's Wörterb. in 
den Wien. Jahrb. d. Lit. 1818 , auch besonders abgedruckt. Die Vorr. zu 
Wuks Stephanowic's Wörterb. Verschiedene, meist Pseudonyme Aufsätze in 
den Beilagen zu der serb. Zeitung des Dem. Dawidowic in den J. 1819 — 21. 
Jac. Grimms Vorr. zu der Grammatik der serbischen Sprache von Wuk 
Stephanowiö u. m. a. — S. auch Solaric's Pominak knizeskij (1810) S. 56 
ff. 66 ff. Eb. Rimljani slawenstwowawsii (1818) S. 56 — 57. 

*) Die gesainmten Producte der bisherigen serbischen Dichtkunst zer- 
fallen, ausser einigen gereimten und in Prosa geschriebenen Schauspielen, 
in Nationallieder und Oden. Dort sind die „wunderschönen Nationalgc- 
sänge aller Art" zu nennen, die Hr. Stephanowic Lpz. 823. in 3 Bd. bekannt 
gemacht u. Talvj (Th. v. Jakob) Hall. 825 ins T. übers, hat, die aber vollstän- 
dig gesammelt wol über ein Dutzend Bände füllen würden. Alle diese Gesänge 
,iim1 reimlos, gleichwol nicht ohne Numerus, wie diess schon die in (lern 
lOsylbigen, nach der Anzahl der Kinger in 5 Versfüsse abgetheilten, älte- 
sten epischen Verse der Slawen, der auch in den böhm. Fragmenten und 
rosa. Volksgesängen vorkommt, regelmässig beobachtete Caesur im 2ten Vers- 
fußfi beweist. Vgl. .hingmann slowesnost (1820) S. XXVI. — Hier reprä- 
sentirt Musicky's classische Muse gleichsam den ganzen serb. Painass, und 
es ist um so mehr zu bedauern, dass der Genius dieses Dichters die engen 
Fesseln des germano-russischen Tonprincips nicht abwerfen, und die freiem 
1 Lüge] der griech. Prosodie im Geiste der slaw. und serb. Sprache, 
li<' bestimmt ausgeschiedene Kürzen und Längen, und eine Position — doch 
keine Elision und Ekthlipse — hat, nicht annehmen konnte od. wollte. — 



217 

Orthographie , die die meisten literarischen Produkte 
dieses Zeitraums entstellt. Von den ungefehr 400 seit 
1742, od. eigentlich seit 1761 bis jetzt gedruckten ser- 
bischen Büchern mögen etwa V 8 in der altslawischen 
Kirchensprache, und eben so viele in der gemeinen 
Volksmundart geschrieben seyn; die übrigen balanciren 
in der Mitte zwischen den beiden andern, durch un- 
zählige Stufen, Formen und Farben nuancirt. 

Die Reihe der serbischen Schriftsteller eröffne : Joann 
Rate" aus Kariowic (geb. 1726, gest. 1801), er studirte 
zu Komorn bei den Jesuiten, in Oedenburg in der dasi- 
gen ewangelischen Schule, und in Kiew, besuchte hier- 
auf. Chiljendar auf Athos, und ward zuletzt Archiman- 
drit des Klosters Kowil im Cajkistenbataillon; s. Haupt- 
werk ist : Istorija raznych slawenskich narodow, najpa- 
ceze Chorwatow, Bolgarow i Serbow, Wien 1792 — 95. 
4 Bde. 8. Der lte B. wurde in S. Petersb. nachgedruckt. 
Kaie hinterliess handschriftlich voluminöse theologische 
Werke in slaw. Sprache, die in der Karlowicer Bibl. 
aufbewahrt werden, und gab ausserdem heraus: Slowo 
o grjesnom celowjeku, Ven. 764. 4., Boj zmaja s orlowy, 
W. 791. 8., Katichisis, W. 1791., Kratk. Serblii, Rassü, 
Bosny i Ramy istor., W. 793. 8., Tragedija, o smerti 
Carja Urosa V., Of. 798. 4., Cwjetnik, Of. 802. 8., Pro- 
powjedy s Rossijskago (o. 0. u. J.) 3 Bde. 8., Kant o smerti, 
Pjesny u. m. a. ~ Dosithej Obraäowic (geb. 1739, gest. 
1811) aus Cakowo in Temesvarer Banat, ward 1753 
Mönch in Opowo, verliess aber bald das Kloster und 
seine Landsleute, um anderer Menschen Städte u. Sitten 
kennen zu lernen, durchwanderte zum Theil zu wieder- 
holten Malen Griechenland, Albanien, Italien, die Tür- 
kei, Russland , Teutschland , Frankreich und England, 
kehrte nach 25 Jahren zu seinen Landsleuten zurück, 
und starb zu Belgrad als serbischer Senator, Ober-Schu- 
lenaufseher und Erzieher der Kinder des Cerny Georg ; 
er schrieb: Basne Ezopowe i procich raznich basnotwor- 
cew, Lpz. 788. 8., Ziwot i prikljucenija D. Obradowiea 
(Selbstbiographie). Lpz. 783. 8., Etika, Ven. 803. 8. So- 
wjeti zdrawago razuma, Of. 806. 8. 2 A. 808., Pjesna 
na ins. Serb., Ven. 807. 8. Sobranije raznich nrawouci- 



218 

teljnich wescej, Wien 793. 8. Of. 808. 8., Mezimac Of. 
818. 8. — Gregor Terlaic aus Mohol in Bacser Gesp. 
(geb. 1766, gest. 1811.) studirte in Ofen und Wien, 
ward Secretär des russ. Gesandten Fürst. Golicyn, begab 
sich hierauf als Prof. nach S. Pet., und st. in Charkow, auf 
der Rückreise ins Vaterland; er gab heraus: Idea, ili 
muzeskaja i zenskaja dobrodjetel (a. d. Teutschen), W. 
793. 8., Zabawlenije jedinago ljetnago utra, W. 793. 8., 
Numa Pompilius, Of. 801. 8., einige Oden, mehreres hin- 
terliess er handschriftlich. — Zachuria Orphelin, schrieb: 
Sjetowanije mladago coweka (a. d. Russ.), Ven. 764. 8., 
Nastawlenije o sedmych tainstwach, W. 773. 8., Wjecny 
Kalendar, W. 783.817. 8., Iskusny podrumar Of. 808: 8., 
einige Gelegenheitsgedichte u. s. w. — Sleph. Wujanow- 
skij, emeritirter Director der serbischen Nationalschu- 
len, schrieb der erste eine Anleitung zur teutschen Spra- 
che für seine Landsleute: Niemeckaja grammatika W. 
772. 8., verfasste eine Gramm, der altslawischen Kirchen- 
sprache, die aber nicht gedruckt wurde, übersetzte aus 
dem Russischen: Kratkaja cerkownaja Istorija, W. 793. 8. 
— Abrah. Mrazowic, emeritirter Director der serbi- 
schen Nationalschulen und Senator in Zombor, lieferte 
mehrere gemeinnützige Schriften, worunter: Magazin za 
djeeu, W. 793. 2 A. Of. 806 ff. v 2 Bde. 8., Pastirska igra 
(a. d. Teutschen), Of. 803. 8., Celowjekomerzost i raska- 
janije (a. d. Teutschen), Of. 808. 8., Rukowodstwo k 
slawenstjej grammatieje, W. 794. 8. N. A. 0. 821. 8., 
Rukowodstwo k slawenskomu krasnorjeeiju, Of. 821. 8., 
Rukow. k domatjemu i polskomu strojeniju, Of. 822. 8., 
mehrere Gelegenheitsoden u. s. w. Paul Solaric, ein 
thätiger Schriftsteller, Hess ans Tageslicht treten: No- 
wo grazdansko zemleopisanije, Ven. 804. 8., Kljucic u 
moje zemleopis., Ven. 804. 8., J. G. Zimmermann o sa- 
mosti, Ven. 809. 8., Mudroljubac Indijskij, Ven. 809. 8., 
Swerch wospitanija k celowjekoljubiju, Ven. 809. 8., 
Rimljani slawenstwowawsii, Of. 818., Pominak knizeskij, 
Ven. 810. 8., Ulog uma celowjeeeskog u. m. a. — Lu- 
teum Musickij, Archimandrit von Sisatowac und Admi- 
nistrator des Karlstädter Bisthums, erwarb sich seit 1798 
durch salbungsvolle Oden und Gedichte anderer Art, so- 



219 

wol im kirchenslawischen, als auch im neuserbischen 
Styl, um die serbische Dichtkunst grosse Verdienste; zu 
bedauern ist es, dass seine Gedichte, einzeln oder in 
verschiedenen Almanachen und Zeitschriften gedruckt, 
auch handschriftlich verbreitet, bis jetzt nicht gesam- 
melt worden sind. — Prokop Bolic, Archimandrit von 
Rakowac, ist Vf. von: Sowersen winodjelac, Of. 816. 
2 Bde. 8. — Paul Kengelac, Archim. von St. Georg, 
schrieb: Jestestwoslowije, Of. 811. 8., eine allg. Welt- 
gesch. u. m. a. — Vikent Rakic, Hegumen zu Fenek, ein 
sehr fruchtbarer Schriftsteller , schrieb unter andern : 
Swjascena istor. (a. d. Russ.), Ofen 797. 8., Zertwa Abra- 
amowa (a. d. Gr.), 3te A. Of. 811. 8., Chranilisce duse (a. 
d. G.), Ven. 300. 4, Istor. o razorenii Jerusalyma , Ven. 
804. 8., Besjedownik illiricesko-italianskij, Ven. 810. 8., 
Cudesa pr. Bogorodici, Ven. 808. 4., Propowjedi, Ven. 
809. 4., Molitwi, Ven. 808. 8., Besjeda o zloupotreblenii 
duwana, Ven. 810. 8., Zitije sw. Josifa, Ven. 804. 8., 
Ljestwica, Ven. 805. 8., Nastawlenije o ispowjedi u. s. w. 

— Steph. Rate, Pfarrer zu Essek, schrieb: Razsuzde- 
nije o nedostatcje wospitanija, W. 794. 8., Molitwi, Of. 
804. 8., Nrawoucitelna knizica za decicu, Of. 805. 8., Sa- 
tyr t. j. ukoritel zlych nrawow, Of. 807. 8. — Basti. 
Damjanowic aus Zombor gab heraus: Aritmetika serbs- 
kaja, Ven. 767. 8. — Paul Julinac, Officier, schrieb : 
Wowedenije w istor. slaweno-serb. naroda, Ven. 765. 8. 

— Mich. Maximowic, Insp v . der Zemliner Contumaz, 
übersetzte a. d. Teutschen: Cto jest papa, W. 784. 8. — 
Alexius Wezilic, Normal-Schulen-Direktor: Kratkoje opi- 
sanije o spokojnoj zizni, W. 788. 8. u. in. a. — Joh.Muska- 
tirowic, Advocat, hinterliess: Razrnyslenije o praznici, W. 

786. 8., Pricte iliti poslowice, W. 787. 2 A. Of. 807. 8. - 
Emm. Jankowic, Doct. d. Med. u. d. Hall, naturforschen- 
den Ges. Mitgl., verfasste mehreres, worunter: Fizicesko- 
je soc. o izsuseniju i razdjeleniju wode u wozduchu, Lpz. 

787. 8., übersetzte mehrere Lustspiele aus Goldoni: Ter- 
gowei, Blagodarny syn, Rozdannik, Zao otac newaljao 
syn u. s. w. — Mich. Wladisawlewic, gab 1791 — 92. eini- 
ge Gedichte einzeln heraus. — Steph. Nowakowic über- 
setzte a. d. Teutschen: Rukowodstwo k domostroitelstwu, 



220 

Of. 809. 8. - Mark. Stojqdinowic: Serb. niein. razgo- 
wori W. 793. 8. — Kir. Ziwkowic, Bisch, von Pakrac, 
liess drucken: Swjascennomucenika Petra Ep. Dam. dwje 
knigi o celowjeceskom razumje, Of. 803. 4. Kosma 
Josic: prawila cestnog obchozdenija, W. 794. 8., Prawi- 
la uciliscnaja, Of. 805. 8. — Vikent. Lustina : Gramm, 
italian., W. 794. 8. — Georg Petrowic: Wengerskaja 
Gramm., W. 795. 8. — Niki. Lazarewic übers, a. d. T. 
Ziwot Robinsona Knizoe, Of. 799. 8. — Äthan. Stoj- 
kowic aus Ruma (geb. 1773), Staatsr. u. Prof. in Charkow, 
jetzt in S. P., schrieb in serb. Sprache: Fizika, Of. 801 —03. 
3 Bde. 8., Aristid i Natalija, Of. 801. 8., Kandor, Of. 
800. 8., serbskij Sekretär, Of. 802. 8., verschiedene Ge- 
dichte: seine russ. Schriften gehören nicht hieher. — 
Ant. Josifowic iihers. a. d. T. Strjelci, Of. 804.8. Äthan. 
Neskoivic: Istor. slaweno-bolgarskognaroda, Of. 801.8. — 
Paul Hadzic übers, a. d. T. Katichisis zdrawija, Of. 802. 
8. — Georg Michaßewic: Azdaja sedmoglawa, Of. 808. 4. 
Georg Zacharieivic: Plutarch o wospitaniju djetej, 
fsokr. o blagonrawiju junosti, Of. 807. 8., Plutarch. Zer- 
calo supruzestwa, Of. 808. 8. — Mich. Witkowic, Advo- 
cat in Ofen, gab, ausser mehreren Gedichten in serb. 
Sprache heraus: Spornen Milice, Of. 816. 8. — Joh. 
Beric, Aktuar bei der Ober-Direction der serb. Nor- 
malschulen in Ofen: Pedagogika i Metodika, Of. 813. 8., 
Srekowa istorija (a. d. T.), Of. 817. 8. — Paal Berte] 
Advocat, verfasste mehrere Gedichte, und übers. Wie- 
lands: Agaton, Of. 820. 8. (lr Bd.) — Milowan Wida- 
kowic schrieb: Istor. o Josifu, Of. 810. 8., Usamljenyj 
junosa, Of. 810, ßlagowonnyj krin, Of. 811., Ljubovv 
k mladoj Muzy serbskoj, Of. 812., Ljubomir u Elysiumu, 
Of. 814 — 23. 3 Bde.* 8. — Joach. ' Wm'c verfasste : Ru- 
kowodstwo k franc. gramm., Of. 805., Basne Kakaserui, 
Of. 809. 8., Mladyj Robinzon (a. d. T.), Of. 810. 8., Je- 
stesrwoslowije (a. d. T. des Raff), Of. 810. 8., Ucilisce 
dobrodjeteli, Of. 822. 8., Now. zemlje opisanije Of. 825. 8. 
mehrere Lustspiele: U.S. w. — Niki. Sitnic: Ikonostas slaw- 
nych lic, Of. 807. 8., Aristej. Of. 806. 8., u. a. m. 
Gabr. Kowadewic, Buchhändler in Zcmlin, schrieb: Ju- 
dit, Of. 808., Stiehl o povvedenii Kn. Lazara, Of. 810. 8., 



221 

Pjesnoslowka (a. d. Dalin. des Kachich), Of. 818. 8. — 
Geras. Beckereki, Hieromonach in Gergetek, gab heraus: 
Hufelanda chudozestwo ko produzeniju ziwota, Of. 807. 
8., Filoz. nauka, Of. 809. 8. — Äthan. Wlahowic, Pfar- 
rer in Bece : Rjec na grobu J. Grigorijewica, Of. 807. 8., 
SIowo o ljubwi Christijanow, Of. 811. — Joh. Dosenowic 
hinterliess: Cislenica ili nauka racuna, Of. 809. 8., Azbu- 
koprotres, Of. 810. 8. u. m. a. — Aron Elenic: Pjesni o 
izbawenii Serbii, Ven. 807. 8. — Moyses Ignjatowic: 
Agar u pustini, drama (a. d. Russ.), Of. 801. 8., Nastaw- 
lehije k blagonrawiju, u sest razgoworow, Of., 813., Ar- 
tello, Of. 813. 8. u. s. w. — Sabb. Lazarewici Nacalo 
ucenija niem. jaz., W. 774. 8. — Ephr. Lazarewici Ta- 
tije Suworowa, Of. 799. 8., Moralnaja filozofija, Of. 
807. 8., Sobranije moralnich wescej, Of. 809. 8., Glas 
porfyronosca, Of. 810. 8., Sodruzestwa drewnich bogow, 
Of. 810. 8. — Joh. Ziwkowic übersetzte Herders: Pal- 
inowo listije, Of. 807. 8. — Steph. Ziwkowic-. Prikljuce- 
nija Telemaka, Of. 814. 8-, ßlagodjetelna Muza, W. 815. 
8. — Konst. Marinkoivic) Pfarrer in Neusatz, gab her- 
aus: Plac Rachili, Of. 808. 8., Otkrowenije Amerike 
(v. Campe) IrBd., Of., 809. 8. - Joh. Rukoslaw über- 
setzte Plutarchs: O wospitanii djece Of. 808. 8. — Eu- 
thym. Iwanowic, Pfarrer in Karlowic, übersetzte a. d. 
T. Nowyj PJntarch lr Bd., Of. 809. 8. - Abr. Maxi- 
mowic, Pfarrer in Zombor, ist Vf. eines: Pcelar, Of. 
810. 8. — Dem. Daividowic) Secretär des Hospodars 
von Serbien, Milos, redigirte in den J. 1814 - 22 die 
serbische Zeitung in Wien, übers. Eisenmanns: Nastaw- 
Jenije k blagonrawiju, Of. 812. 8., gab einen serb. Al- 
manach: Zabawnik, W. 815 — 21. u. m. a. heraus. — 
Wnk Stephanowic, Doct. der Pbilos. und Mitgl. m. gel. 
Ges., verfasste eine serb. Gramm, Pismenica. W. 814. 8., 
ein Wörterb. Srpski rjecnik, W. 818. 8., sammelte die 
serb. Volkslieder W. 814 — 15. 2 Bde. 8., N. A. Lpz, 
823. 3 Bde. 8. u. m. a. — Matth. Damjanowici Donio- 
stroitelstwo, Of. 814. 8. — Laz. ßoic: Pamjatnik mii- 
zem u slaweno-srbskom knizestwu slawnim , W. 815. 
8. — Dem. hajlowic: Istor. tergowine, Of. 816. 8. — 
Eustachra Arsic, d. Bürgermeisters in A. Arad Gattin, 



222 

gab heraus: Matcrnyj sowjet obojcmu polu junosti, Of. 
816. 8. — Paul Athanackowic, Pfarrer in Zoinbor, über- 
setzte: Tysutja i jedan dan, Of. 820 — 22. 2 Bde. 8., 
Ogledalo cestnosti, W. 823. 8. — Georg Magarasewic, 
Prof. in Neusatz, übersetzte Napoleon's Lebensgesch. Of. 
822. 8., verfasste : Istor. europ. najwaznij prikljucenija 
ot g. 1809 do 1821 W. 823. 8., Srbska Jjetopis 3 Hft. 
Of. 824 ff. 8. — Greg. Lazic, Prof. in Karlowic, schrieb : 
Kratko nastawlenije fizike, Of. 822. 8. — Steph. Mito- 
se wie 'übersetzte : Statisticeskoje opisanije Serbie, Of. 822. 
8. — Joh. Miokowic gab heraus: Zitije Ezopowo, Of. 

814. 8. — Sabb. Merkail: Salo debeloga Jer, Of. 809. 8. 
— Ewg. Gyurkoivic, Advocat in Pesth, schrieb : Prawo 
nasljedija Of. 823. 8. — Geras. Zelic, Archimandrit, ver- 
fasste eine Selbstbiographie: Zitije G. Z. ? Of. 823. 8. — 
Laz. Miletic, Otpustnago slowa archierejskago primjer, 
W. 821. 8., Slowo o wjeenom blazenstwje, W. 821. 8. — 
Pantel. Michajlowici Enkyklopedija, Of. 818. 8. — Ge- 
org Popowic: Put u raj, Of. 815. 8. 

Die übrigen Schriftsteller dieses Zeitraumes sind: 
Theod. Abrahamowic, Petr. Asimarkowic, Gabr. Bajce- 
wic, Steph. Baleowic, Mich. Bojadzi, Basil. Bulic, 
Petr. Witkowic, Dem. Georgiewic) Sabb. Georgiewic, 
Dem. Niki. Darwar, Mark. Dobric, Greg, Jaksic, Joh. 
Joannowic, Laz. Kowacewic, Basil, Kowacewic, Bened. 
Kraljewic, Man. Malesewic, Alex. Maximowic, N. 
Messarowic, Joh. Milivoin, Paw. Milinkowic, Joach. 
MÜkowic, Petr. Miloradowic, Joh. Michajlowic, Dem. 
Nalbanowic, Uros Nestorowic, Steph. Nowakowic, Petr. 
Petr o wie, Simeon Petrowic, Abrah. Petrowic, Jak. Pe- 
jakowic, Sophr. Popowic, Dion. Popowic, Milos Popo- 
wic, Joh. Popowic, Sabb. Popowic, Jos. Putnik, Max. 
Rasic, Raph. Raskowic, Niki. Stamatowic, Petr. Sa- 
randa, N. Sekeres, Gabr. Stanisawlewic, Sabb. 7V>- 
koly, Const. Filippowic, Steph. Vilippowic, Gabr. Chra- 
nislaw u. Dem. Carnojetvic. 2 ) 

2 ) Eine gedruckte Literaturgeschichte wird man da nicht erwarten, 
wo es noch keine gedruckte Bücherkataloge gibt. Vgl. indess P. Solarir 
pominak knizeskii o slaweno-serbskom w Mletkach pecataniju, Ven. 810. 8. 
L. Boic pamjatnik muzem u slaweno-serbskom knizestwu slawnini, W. 

815. 8. J. v. tfaplowic Slawonien u. zum Theil Kroatien (1819) II. Bd. 
S. 2G5 — 297. G. Magarasewic Serbska Ljetopis ls Hft. 824. S. 156—160. 



223 
§• 24. 
Sprache und Schriftwesen der Bulgaren. 

Der bulgarische Dialekt, der in Bulgarien und Make- 
donien von etwa einer halben Million Slawen gesprochen 
wird, erlitt, nach der Bemerkung des Hrn. Kopitar, im 
Laufe der Zeit vielleicht unter allen slawischen Mundar- 
ten in seinem grammatischen Bau, also in seinem Wesen, 
die grösste Veränderung und Umgestaltung. Er hat z. B. 
einen Artikel, den er gleich dem Walachen und dem Al- 
baneser hinten anhängt, von den sieben slawischen Casi- 
bus hat er, ausser dem Nominativ und Vocativ, alle ein- 
gebüsst — und ersetzt sie, wie der Franzose, Italiener 
u. a. durch Präpositionen. Slawische Materie in albane- 
sischer Form ! *) Diese Entslawisirung des Bulgarischen 
findet die natürliche Erklärung in der gewöhnlichen An- 
nahme, dass die jetzigen Bulgaren ein Gemisch aus Sla- 
wen, Rumunen und Tataren seyen, und sich die Sprache 
der erstem an denen der zwei letztern abgestossen und 
fremdartige Elemente in sich aufgenommen habe. 

Die frühern Schicksale des bulgarischen Dialekts 
ruhen im tiefen Schweigen. Da das Hauptvolk, welches 
die Länder der heutigen Bulgarei im VII. Jahrh. inne 
gehabt, Slawen gewesen, und das Licht des C bristen - 
thums, nach Ritters und Schlözers Angabe (Nestor IL 
148), bereits 861, „wo der Car Michael mit Heeres- 
macht zu Land und zu Wasser gegen die Bulgaren an- 
zog, und ihren Knäz, alle Bojaren und alle ihre Leute 
bekehrte", zu ihnen gedrungen ist ; so unterliegt es kei- 
nem Zweifel, dass die, wie oben (§. 10.) als wahr- 
scheinlich angenommen, schon früher bei den bekehrten 
politischen und makedonischen Slawen eingesetzte slawi- 
sche Liturgie auch bei ihnen eingeführt, und hiemit der 
erste Grund zur Schriftkunde gelegt worden. Kyrills und 
Methods Bekehrung der Bulgaren , die den Chroniken 
zufolge in diese Zeit fällt, ist nach den neuesten Unter- 
suchungen des Hrn. Dobrowsky eine erwiesene und un- 
widerlegbare Thatsache; hiemit fallen Schlözers Bedenk- 

*) S. Recens. d. slaw. Gramm, v. Dobrowsky in den Wien. Jahrb. 
d. Lit. Bl\ XVII. 



224 

Henkelten und Zweifel dagegen zusammen. Vielmehr 
scheint, allen historischen Combinatiönen zufolge, das 
eigentliche alte Bulgarien so recht der wahre Schauplatz 
der apostolischen Bekehrungsthätigkeit der zwei Brüder 
gewesen zu seyn. So lange sich die Bulgaren zur orien- 
talischen Kirche bekannten, hatten sie einen eigenen, 
von jenem zu Constantinopel unabhängigen Patriarchen, 
der zehn Bisthümer in seinem Sprengel zählte, und die 
slawische Sprache fand wenigstens bei der Geistlichkeit 
schon wegen des Cultus thätige Pflege — Johann, Ex- 
arch von Bulgarien, übersetzte bereits im IX. Jahrh. das 
Buch Nebesa aus dem Johannes Damascenus (l)obrowskv 
inst. 1. slav. p. VIII. vgl. ob. §. 11); als aber Johann 
1157 Bulgarien der römischen Kirche zuführte, und 1203 
das ganze Land unter einen Primas von Ternowa ge- 
stellt wurde, da musste der slawische Cultus dem latei- 
nischen weichen, bis Johann Asan 1235 die völlige Tren- 
nung von den Lateinern bewirkte. Bei dem Volk hin- 
gegen scheint die slawische Sprache nie einer andern ge- 
wichen zu seyn: noch im J. 1016 schrien die Kundschaf- 
ter des bulgarischen Fürsten Johann athemlos im Lager: 
„Bezite, Cesar !" (fliehet, der Kaiser kommt !). Diese 
ganze Zeit hindurch blieb gelehrtes Wissen dem Lande 
fremd; nur bei der Geistlichkeit finden sich schwache 
Spuren davon. Einzelne Fürsten gewannen bisweilen 
die Wissenschaften lieb, und schickten ihre Söhne Stu- 
dien halber nach Constantinopel. Kg. Alexander (1385) 
liess den byzantinischen Chronikenschreiber Constantin 
Manas ins Bulgarische übersetzen ; die Handschrift davon 
befand sich in der Vaticanischen Bibliothek (Assemani 
kalend. Univ. V. 203). Demnach musste hier um diese 
Zeit die Cultur der altslawischen Kirchensprache in Auf- 
nahme seyn, und gleichen Schritt mit der Pflege, wel- 
che diese Sprache in dem benachbarten Serbien fand, 
halten: ja Galeotus Martins berichtet ausdrücklich (Cap. 
28. p. 267.). dass die Türken zur Zeit Matthias Corvi- 
mis. Kg. von Ungern, ihre Diplome in der bulgarischen 
(kirchenslawischen?) Sprache geschrieben haben, und 
Matthias selbst der bulgarischen Sprache kundig gewe- 
sen sey. Als aber im .1. 1392 Bajazeth dem Bulgarischen 
Reich ein Ende machte, zahlten die Einwohner der Bul- 



225 

garei in den ersten Jahren der türkischen Regirung zwar 
nur einen massigen Zins, und genossen sogar einen Schat- 
ten von Freiheit; allein sobald der Sultan zuerst in Adria- 
nopel, dann gar in Constantinopel seinen Sitz aufschlug, 
endigte sich dieser Vorzug. Viele von ihnen traten frei- 
willig zur muharnmedanischen Religion über , andere 
wurden dazu gezwungen; der grösste Theil blieb aber 
bei seinem griechischen Ritus und Verfassung. Seitdem 
verschwand das Schriftwesen in der Bulgarei vollends; 
die bulgarische Geistlichkeit bezieht jetzt ihre liturgi- 
schen Bücher aus andern Ländern, meist aus Russland. 
Von der römischen Curie geschahen noch im Anfange des 
XVII. Jahrb. Versuche, die Bulgaren zu gewinnen, und 
diesem Streben verdanken die von P. Bogdan Baksich, 
Min. Obs. Gustos der Bulgarei, in die vulgär- bulgarische 
Sprache übersetzten Meditationes S. Bonaventurae, Ro- 
mae typ. propag. 1638., ihre Entstehung. — Ausser Da- 
niels, und auch in Leakes Research es in Greece wieder- 
abgedruckten Tetraglosson — griechischem Comenius, 
möchte man fast sagen - enthalten die literarischen Bei- 
lagen zu der in Wien erschienenen serbischen Zeitung 
1820 IT., nebst der bulgarischen Uebersetzung der 285 
Wörter des Petersburger vergleichenden Wörterbuchs 
aller Sprachen, auch Proben in Prosa und Versen, und 
grammatische Bemerkungen, gesammelt von dem serbi- 
schen Lexicographen, Hrn. Wuk Stephanowic, die aber, 
wie Hrn. Koppen (Kunst u. Alterth. in Russl. S. 27.) 
sachkundige Bulgaren, welche den Ternauer Dialekt (wol 
nur Varietät) allen übrigen vorziehen , versicherten, 
hauptsächlich nur diejenige Mundart (Varietät) betref- 
fen, die an der Gränze Serbiens gesprochen wird. — 
Das von Ge. Körnern in Wellers Acten aus allen Thei- 
len der Gesch. Th. II. 809. für bulgarisch ausgegebene 
N. Testament, Moskau 1702. 8,, ist nicht in der bulga- 
rischen, sondern in der altslawischen Kirchensprache. 
Ihn verleitete die von dem bulgarischen Bischöfe Theo- 
phylactus dem Evangelisten Matthaeus vorgesetzte Vor- 
rede. (Mithridat. II. S. 642.) — In den neuesten Zei- 
ten hat die russische Bibelgesellschaft in S. Petersburg 
das N. Testament in bulgarischer Sprache übersetzen und 
drucken lassen. 

15 



Vierter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der katholischen Slavvo- 
Serben (Dalmatiner, Bosnier, Slawonier) und der Kroaten. 

§. 25. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Die zwei, geschichtlich verschiedenen, sprachlich sehr 
nahe verwandten Stämme, der Stamm der Serben abend- 
ländischen Ritus in Dalmatien, Ragusa, Bosnien und 
Slawonien, und der Stamm der Kroaten an der Sawe 
und Kulpa, hängen in Hinsicht der Geschichte und des 
Schrift wesens dermassen zusammen, dass die Betrach- 
tung beider nicht bequem getrennt werden kann. 

Bereits im III. und IV. Jahrh. nach Chr. beunru- 
higten slawische Völker die römischen Provinzen des al- 
ten Illyricums, und wol mag um diese Zeit, und in den 
darauf (olgenden Jahrhunderten ein grosser Theil des 
ehemaligen alten Griechenlands von ihnen wenigstens 
strichweise bevölkert worden seyn (vgl. §. 10. Anm. 9.); 
aber erst um die Mitte des VII. Jahrh. gelang es dem 
serbischen und kroatischen Stamm ausgebreitete, feste 
Wohnplätze im Süden der Donau und der Drawe ein- 
zunehmen. Da über die frühern Sitze der Serben und 
ihre Einwanderung in das alte lllyricum bereits oben (§. 
20.) das Nöthige angeführt worden ist: so beschränken 
wir »ms hier auf die Aushebung einiger Angaben aus 
der kroatischen, oder richtiger kroatisch-dalmatischen, 
ferner der slavvonischen und ragusinischen Geschichte. 



227 

I.) Dalmatien und das alte (wahre) Kroatien. 

Die ältesten Sitze der Kroaten 1 ) scheinen nach Con- 
stantin Porphyr., der sie jenseh Bagibariam (welches 
den westlichen Theil des karpatischen Gebirges, Babie 
gory, bedeuten soll) stellt, nördlich dem karpatischen 
Gebirge, und besonders nach Kleinpolen und Schlesien 
gesetzt werden zu müssen. Seit wie langer Zeit sie diese 
Gegenden inne hatten, ist nicht bekannt ; aber Jemandes 
sagt schon, dass die Wenden nördlich den Karpaten vom 
Ursprünge der Weichsel an, in unermesslichen Räumen 
wohnten, und Prokopius erzählt, dass als die Gesand- 
ten der Heruler 494 vom Marchfelde aus zu den War- 
nern ins Meklenburgische gingen, wo ihr Weg sie durch 
Mähren und Schlesien führte, sie lauter slawische Völ- 
ker fanden. Sie hatten ihre eigenen Fürsten ; einige der- 
selben schickten 620 — 639 an den Ks. Heraklius, und 
baten ihn um Wohnplätze. Er wies ihnen Dalmatien an, 
welches die A waren den Römern weggenommen hatten. 
Es machten sich nun fünf grosse Stämme (den Chroni- 
ken zufolge unter Clucas, Lobelus, Kosentzes, Muchlo, 
Chrobatos und den zwei Schwestern Tuga und Buga) 
auf, und wanderten, wahrscheinlich durch die slawi- 
schen Länder Oesterreich, Kärnten , Steiermark hinab, 
um ihre neuen Sitze aufzusuchen. Diese Oberhäupter wa- 
ren vorher mit dem Ks. Heraklius darüber übereinge- 
kommen, dass sie Dalmatien den Awaren entreissen, und 
dann das Land unter kaiserlicher Oberherrschaft besitzen 
sollten. Was die Ursache dieser Aus Wanderung gewe- 
sen, wird zwar von Constantin nicht angegeben; da aber 
nach Nestor im J. 627 unzählige Schwärme von Slawen, 
welche an der Donau wohnten, durch die barbarischen 
Misshandlungen, die sie von den Wlachen und Bulgaren 
erfuhren, gezwungen nach Norden zu wanderten, Polen, 

r ) Constant. Porphyr., Joh. Lucius und Anselm. Banduri leiten das 
Wort: Kroat, Krobat von dem Griechischen %(6ga (01 xr\v Ttollijv %cöooiv 
ytcctsxovng), sonderbar genug, ab. Andere meinen, es komme von gora 
Berg her. Adelung bringt es mit Karpat in Verbindung. Nach Dobrowsky 
weisen die Namen : Chrwat im Altslawischen, Chanvat im Dalmat. und 
Böhm., Chorwat im Kroat., Chrowat im urämischen auf die Stammsylbe 
xpB Chrw hin, deren Bedeutung sich nicht angeben lässt. S. Dobrowsky 
inst. ling. slav. p. 213 — 14. 

15* 



228 

Pommern und die Marken erfüllten, da G34 auch ein 
avarischer Befehlshaber, Kovrat, die Anten und Slawen, 
welche nördlich dem schwarzen Meere sassen, vertrieb, 
und diese ihre Zuflucht grösstenteils nach Norden zu 
nahmen; so mochte wol den Kroaten an der Weichsel 
und in Schlesien der Raum zu enge werden, und sie 
darum wenige Jahre nach jener Einwanderung den Ent- 
schluss fassen , auszuwandern 2 ). Der Krieg mit den 
Awaren dauerte einige Jahre, nach deren Besiegung die 
dalmatischen Slawen kroatischen Stammes einen eigenen 
Staat organisirten, patriarchalisch in Zupanien vertheilt, 
jedoch unter byzantinischer Oberherrschaft, und sich zum 
Christenthum bekehrten (630 — 640. 3 ) Bald darauf 
langten, durch das Beispiel ihrer Brüder, der Kroaten, 
bewogen, die Serben an, und nahmen die von den Kroa- 
ten noch nicht besetzten Länder ein, namentlich das alte 
Mösien unter Belgrad (Serbien) , Zachulmien (Herce- 
gowina), Terbunia, das Land der Narentaner und der 
Diokleaten von Hagusa bis Dekaterä, Durazzo u. Anti- 
vari. Kurz darauf halfen die Kroaten dem Exarchen von 
Ravenna wider die Longobarden, wanden sich allmälich 
vom orientalischen Reiche los, und machten auch im Chri- 
stenthum Rückschritte. Der erste bekannte kroatische 
Erzzupan ist Mislaw um das J. 820. Unter einem seiner 
Nachfolger Crescimir kettete sich Dalmatien wieder an 
das orientalische Reich und den orientalischen Glauben, 
erklärte sich aber schon unter Branimir 879 für die oc- 
cidentalische Kirche. Im J. 904 verwüsteten die Ungern 
Dalmatien. Von 1000 — 1100 behaupteten die Venetia- 
ner das Küsten-Dalmatien und die Inseln ; die kroati- 
schen Fürsten das innere Land. Allein Koloman, Kg. von 



2 ) Im IX. Jahrh. geschieht noch der Kroaten in Schlesien Meldung. 
Nach Worbs gab es zwei Provinzen dieses Namens, eine in Kleinpolen, die 
andere in den Gebirgen Oberschlesiens. 

3 ) Nach Engel haben die Kroaten bereits um das J. 630 unter Po- 
rinus nach Rom geschickt, und Hessen um Lehrer und Täufer bitten. Die 
Bitte zwar ward ihnen gewährt, und eine Anzahl Bischöfe hingeschickt, 
vermuthlich aber wurden sie von Rom aus an den Kaiser angewiesen, durch 
den sie die weitern Schritte zu machen hätten. Heraklius, angegangen von 
den Kroaten, schickte einen eigenen Gesandten nach Rom, erhielt von da 
aus mehrere Priester, und so setzte er aus den Kroaten selbst Erzbischöfe, 
Bischöfe, Priester und Diakonen. Damals war BChon Porgas oborstor Fuhrer 
der Nation. Th. II. 8. 464r-64. 



2^9 

Ungern, eroberte nach einer Schlacht mit dem kroati- 
schen Fürsten Peter die Städte Zara, Trau, Spalato 
1102 — 1105, und die Ungern wurden nun Meister des 
festen Landes und der Seeküste vom nördlichen Dalma- 
tien, die Veneter von den Inseln, jedoch unter bestän- 
digen Kriegen und Abwechslungen 1100 — 1421. In 
der darauffolgenden Periode 1420 — 1797 verloren so- 
wol diese, als auch jene beinahe alles an die Türken, 
denn nur ein kleiner Theil von Dalmatien verblieb Ve- 
nedig, und Ungern nur Slawonien und ein Theil von 
Kroatien. Der Friede von Campo Formio brachte end- 
lich das venetianische Dalmatien nebst seinen Inseln bis 
Cattaro unter Oesterreichs Herrschaft, dagegen die Re- 
publik Frankreich den Rest sich zueignete. Im J. 1809 
beschloss Napoleon in seiner erträumten Allmacht das 
alte Illyricum aus dem Grabe zu wecken, und errich- 
tete die illyrischen Provinzen aus den Ländern jenseits 
der Drawe, dem Littorale, dem Kreise Villach u. Krain. 
Nach Napoleons Sturz sind diese Provinzen Oesterreichs 
rechtmässigem Scepter von neuem unterworfen. 4 ) 

2.) Das neue Kroatien. 

Die heutigen sogenannten kroatischen Comitate Za- 
grab, Kreuz, Warasdin, wurden vor Zeiten unter dem 
Namen Slawonien mitbegriffen, und waren durch die 

*) Vgl. im Allg. die Schriften von Assemanus, Andr. Dandulus 
Seb. Dolci, Karl du Fresne Seigneur du Cange, Szäszky unter dem Namen 
des Graf. v. Keglevich (Pressb. 1746), Dan. Farlatus, Cas. Freschot, For- 
tis, Keri, Kercselics, Lourich, Joh. Lucius, Mauro-Urbinus (Ragusius, Ab- 
bas Melitensis, bei d. Italien. Orbini, dessen : Regno degli Slavi, Pesaro 
601. f., russisch v. Th. Prokopowic S. P. 722. 4.), Marcus Marulus, Thomas 
Archidiaconus v. Spalato, u. m. a. — Der älteste dalmatische Chronist ist 
der anonyme Presbyter aus Dioklea, der eine Gesch. von Dalm. in slaw. 
Sprache geschrieben (um 1161), übers, ins Latein, v. Marulus 1510, er- 
schien in Schwantneri Script, rer. hung. T. III. — Andr. Cacich razgovor 
ugodni naroda slovinskoga, Ven. 759. 801. Lat. v. Em. Pavich, descriptio 
regum, banorum et heroum illyric, Budae 764. 8. ; mehr Poesie als Gesch. — 
V. Priboevii orat. de orig. successibusque slavor. Ven. 532. 4. Ital. eb. 595. 

— Gr. Batkay mem. regum et banor. reg. Dalm , Croat. et Slav. Wien 
652. 773. 4. — Ph. Riceputi prospectus Illyr. sacri , Patavii 720 fol. — 
(Gianantonio Bomman) storia civile ed ecclesiastica della Dalmazia, Croa- 
zia e Bosna, Ven. 775. 8. — S. J. v. Hohenhausen Illyrien, d. i. die Gesch. 
dieses Landes, Essek 777. 4. — Gebhardi in d. allg. W. G. Bd. XV. S. 384 ff. 

— J. Ch. v. Engel Gesch. d. ungr. Reichs u. s. Nebenländer, 2r Th. Gesch. 
von Dalm. Kroat. u. Slawon., Halle 798. 4. Vgl. auch §. 20. Anm. 3. 



230 

Kolpa so begrenzt, dass alles, was schon über der Kulpa 
lag, bis an das Gebiet der Seestädte, deren Ufer sammt 
Gebiet das eigentliche Dalinaticn bildete , zu Kroatien 
gehörte. Hieraus folgt von selbst, dass das wahre alte 
Kroatien nur im Süden der Kulpa, unbestimmt wie tief 
hinein in Bosnien, Dalmatien und Istrien zu suchen, und 
die Geschichte des damaligen Kroatiens mit der Geschichte 
des heutigen Dalmatiens eins sey. Die Geschichte der heu- 
tigen kroatischen Coinitate, oder des Provincialkroatiens, 
hängt hingegen mit der Geschichte des heutigen Slawo- 
niens zusammen. 

Das Reich der Awaren in Pannonien fand seinen 
Untergang durch die Franken. Karl der Grosse fiel 79t 
mit einem grossen Kriegsheer den Awaren ins Land ein, 
siegte allenthalben über sie, und drang bis zum Einflüsse 
der Raab in die Donau vor. In den darauf folgenden 
Jahren vollendete der italienische König Pipin, Karls 
Sohn, die awarische Eroberung. Er erhielt von seinem 
Vater den Befehl, das eroberte Land in eine Provinz zu 
verwandeln , und sorgte daher für neue Pflanzbürger, 
welche er von der Raab bis an die Sawe und Drawe der 
Gerichtsbarkeit des Erzbischofs von Salzburg in geistli- 
chen Sachen unterwarf. Unter diesen Umständen fand 
die Bitte der Kroaten, welche seit 640 sich in Dalmatien 
niedergelassen und sehr vermehrt haben, und nun um 
Sitze in der Pannonia Savia zwischen der Sawe u. Drawe 
baten, um desto eher Eingang; sie durften in diesen 
Gegenden sich niederlassen, nur musstc ihr Fürst frän- 
kische Oberherrschaft erkennen. Auf diese Weise ent- 
stand das nachmalige Kgrch. Slawonien durch kroatische 
(Kolonisten im J. 798. — Die Ungern besetzten schon 
sehr früh das Land bis an die Kulpa; denn schon ums J. 
901 verwüsteten sie Kärnten und Krain. Sicher ist es, 
dass Ladislaus nach dem Tode Zwonimirs Slawonien bis 
an die Kulpa besetzte (I091). Koloman befestigte den 
neuen Besitz durch Eroberung von Kroatien und Dalma- 
tien. Sein Bruder Alm US, Herzog von Slawonien, legte 
den ersten Grund zu einer eigenen Municipalverfassung 
dieses Landes unter apanagirten Prinzen. Unter den Kö- 
nigen aus verschiedenen Häusern wurden die apanagir- 



231 

ten Prinzen seltener; und Ludwig I. trachtete Slawonien 
oder das heutige Kroatien immer mehr zur Einförmig- 
keit mit Ungern zu bringen, aber unter Sigismund ging 
alles zurück. Erst Matthias Corvinus brachte Slawonien 
auf einen gleichförmigen Fuss mit Ungern. Unter Oester- 
reich hiess das alte Slawonien lange Kroatien und Slawo- 
nien, nach Wiedereroberung des heutigen Slawoniens 
Kroatien allein ; und geniesst nun nach viel vergossenem 
Blute unter dem sanften Scepter der österreichischen Re- 
genten eine beglückende Ruhe. 5 ) 

3.) Slawonien. 

Die drei Comitate Syrmien , Pozsega , Veröcze, 
machen seit einer Reihe von Jahrhunderten einen inte- 
grirenden Bestandtheil von Ungern aus. In den ältesten 
Zeiten erhielt sich Syrmien, selbst unter den Awaren, 
immer unter byzantinischer Hoheit. Nach Vertilgung 
der Awaren siedelten sich hier Slawen an. Das Land war 
von den Bulgaren sehr mitgenommen; hatte aber eigene 
Fürsten an Borna, Ljudewit, Ljudemysl. Auch mit den 
Mähren in Pannonien kamen die Slawonier zum Zusam- 
menstoss. Endlich wurden sie den Ungern unterworfen, 
mit Ausnahme von Syrmium, welches sich unter dem 
Schutze von dem heutigen Belgrad noch immer unter 
byzantinischer Hoheit hielt. Dass die Ungern schon auf 
ihren ersten Streifzügen bis nach Spalato gelangten, und 
also auch Slawonien sich unterwarfen , leidet keinen 
Zweifel. Nach Kercselics hat schon der h. Stephan Sla- 
wonien besessen. In den Reichsunruhen nach seinem Tode 
mag diese Provinz durch Crescimirs, Erzzupans von Kroa- 
tien und Dalmatien, Eroberung verloren, unter den fol- 
genden Königen aber wieder zurück geholt worden seyn. 
Im XII. Jahrh. wurden Syrmien und Slawonien an die 
Byzantiner abgetreten, aber 1165, als Bela III., der by- 
zantinische Client, den Thron bestieg, kam alles wieder 

5 ) M. P. Katancsich in veterem Croatarum patriam indagatio phi- 
lologica, Zagrab. 790. 8. — Vitezovich (v. Ritter) kronika aliti szpome- 
nek vszega szveta vekow, Zagrab. 762. — Blaskowich dissert. VII. de Savia 
provincia et republ. Andautonia, Zagrab. 781. fol. — Die hieher gehören- 
den Mss. hat Kercselich polit. inst. L. II. und daraus Engel Th. II. S, 
145 ff. verzeichnet, 



232 

ans ungarische Reich. Neue erschütternde Auftritte für 
Slawonien kamen von den Türken her, die im XV. Jahrh. 
öftere Einfalle in dasselbe thaten. Im J. 1521 fiel Belgrad, 
und bald darauf, nämlich 1524 ganz Slawonien den Tür- 
ken in die Hände. Nach der Schlacht bei JMohacs (1526) 
ging die Veränderung im Namen und in der Sache vor. 
dass die drei Comitate Zagrab, Kreuz und Varasdin sich 
dem österreichischen Schutz unterwarfen, und auf sie, 
ungeachtet sie bis dahin den Haupttheil von Slawonien 
ausgemacht hatten, der Name Kroatien angewandt war. 
Unter Slawonien hingegen fing man an, die unglückli- 
chen Comitate Syrmien, Pozsega, Veröcze und Valpo zu 
verstehen, welche fortdauernd unter dem türkischen Joche 
schmachteten. Leopold I. entriss den Türken seit 1683 
in 15 Kriegsjahren Slawonien, und behielt dasselbe auch 
im Karlowizer Frieden 1699. Die Uebersiedelung der 
Serben, 1690, noch ehe ganz Slawonien zurückerobert 
war, gab dem während der türkischen Unterjochung 
ganz verödeten Lande einigermassen seine Einwohner 
wieder; und in den J. 1745 — 55, und zuletzt 1807 er- 
hielt sowol das jetzige Slawonien, als auch Kroatien, 
seine gegenwärtige, militärisch-politische Verfassung. 6 ) 

4.) R ag u s a. 

Das alte Rausia, wohin sich die Einwohner des Epi- 
dauros, von Barbaren gedrängt, geflüchtet hatten, wurde 
im VII. Jahrh. von Slawen serbischen Stammes bevöl- 
kert. Durch Handel mit benachbarten Völkern erblühte 
hier ein Staat, der frei gegen das Ausland, in seiner glän- 
zendsten Periode nicht über 70,000 Einwohner zählte. 
Die Republik Venedig suchte zwar den kleinen Freistaat 
an sich zu bringen; allein dieser hielt sich lieber au das 
griechische Kaiserthuin. Die innere Verfassung war ari- 
stokratisch nach Art der venetianischen; die Gesetze 
wurden 1272 gesammelt. Im J. 1357 begab sich die Re- 
publik unter ungrischen. und bald darauf unter türki- 
schen Schutz. In tinsern Tagen fand sie in den von Frank- 

") Engel a. a. (). C. B. v. Hietzinger Statistik der Militärgränzc 
dee Ö8terr. Kaiserthuma Wien 817 -- 22. 2 'Bde. 8. 



233 

reich ausgehenden gewaltigen Erschütterungen ihr Ende. 
Nachdem sie eine Zeitlang dem fanzösisch-italienischeu 
Reiche einverleibt gewesen, fiel sie dem österreichischen 
Staate auheim, und bildet nun einen Kreis des zu die- 
sem Staate gehörenden Königreichs Dalmatien. In lite- 
rarischer Hinsicht ist Ragusa vorzüglich als die Wiege der 
dalmatisch-ragusanischen Nationalliteratur merkwürdig. 7 ) 
Das Königreich Dalmatien, ein Küstenland am adria- 
tischen Meere, enthält in den vier Kreisen: Zara, Spa- 
latro, Ragusa und Cattara, ungefehr 300,000 slawische 
Einwohner, das Menschencapital des türkischen Antheils, 
Sandschak Hersek (Hercegowina) mit der Hauptstadt 
Trebinj (gegen 80,000) nicht hinzugerechnet. Ausser 
70,000 griechischen Ritus, die ihren Bischof in Sebenico 
haben, bekennen sich die übrigen Dalmatiner (gewöhn- 
lich Moriachen, Morlacken, auch wol Montenegriner ge- 
uannt) sömmtlich zur römisch-katholischen Kirche. — 
Das heutige Kroatien, ein zur ungrischen Krone gehö- 
riges Königreich, mit etwa 700,000 slawischen Einwoh- 
nern, zerfällt nun, nach der Rückgabe des illyrischen 
Civilkroatiens (des neuen Karlstädter Kreises, zwischen 
der Sawe und der Karlstädter Banalgränze, welcher eine 
Zeit lang zum Königreich Illyrien gehörte), in das Pro- 
vincial-Kroatien (die drei Comitate Zagrab, Kreuz, Va- 
rasdin) mit gegen 303,000 Einw., und in das Militär- 
Kroatien (aus dem Karlstädter u. Varasdiner Generalat, 
und der Banalgränze bestehend), mit gegen 397,000 Einw., 
wozu noch, in ethnographischer Hinsicht , der türkische 
Antheil, Sandschak Banjaluka im Westen von Bosnien, 
mit ungefehr 30,000 Einw. hinzuzählen ist. Auch die 
Kroaten bekennen sich der Masse nach, mit Ausnahme 
der 174,000 Griechischgläubigen im Karlstädter Bisthum, 
zur römisch-katholischen Religion. — Slawonien, ein 
ebenfalls der ungarischen Krone zugehöriges Königreich, 
und wie Kroatien in das Provinciale (die Gespanschaf- 
ten Veröcze, Pozsega , Syrmien) mit gegen 280,000 
Einw., und Militare (das Peterwardeiner Generalat be- 
stehend aus den drei Regimentern: Brod, Gradiska und 
Peterwardein) mit gegen 210,000 Einw., eingetheilt, ent- 

7 ) J. Ch. v, Engel Gesch. d. Freistaates Ragusa, Wien 807. 8. 



234 

hält insgesammt nngefehr 500,000 slawische Individuen, 
die sich zum Theil (253,000) zur römisch-katholischen, 
zum Theil aber (247,000) zur griechischen Religion be- 
kennen. — Nimmt man alles Obige zusammen, schliesst 
die in Dalmatien, Kroatien und Slawonien wohnenden, 
in literarischer Hinsicht schon oben (§. 20 ff.) unter den 
Slawoserben mitbegriffenen, Griechischgläubigen aus, und 
schlägt die religions- und schriftverwandten katholischen 
Bosnier hinzu; so ergibt sich daraus das gesammte Men- 
schencapital der katholischen Slawoserben (Dalmatiner, 
Kroaten , Slawonier , Bosnier) zu 1,219,000 , wobei 
jedoch die katholischen Bulgaren nicht mitbegriffen 
sind. 8 ) 



8 ) Vgl. ausser den allg. Werken (Korabinskys geogr. hist. und Pro- 
ducten-Lexicon von Ungern, Pressb. 786. 8. Eb. geogr. hist. u. Producten- 
Lcxicon von Kroat. Slawon. u. Dalmat,, Wien 789. Bisinger Generalstati- 
stik d. österr. Kaiserth., Wien 807 — 09. 2 Bde. 8. Eb. Grundlinien e. Sta- 
tist, d. österr. Kaiserth., Wien 816. Rumy geogr. stat. W. B. d. österr. Kai- 
sorth , Wien 809. Andre geogr. Statist. Beschr. d. österr. Kaiserth., Weimar 
813. — /. 31. v. Liechtenstern Handb. d. neuesten Geogr. d. österr. Kaiser- 
staats, W. 817 — 18. 3 Bde. 8. — G. Hassel vollst, u. neueste Erdbeschr. 
d. österr. Kaiserth.. Weim. 819. 8.), ins Besondere über Dalmatien: Engel 
Staatskunde von Dalmatien, Kroatien u. Slawon. im 2ten Th. d. Gesch. von 
Ung. 798. — Die illyr. Provinzen u. ihre Bewohner, Wien 812. 8. — A. For- 
tis Reise nach Dalm. a. d, Ital., Bern. 777. 8. Eb. Sitten d. Morlaken, Bern 
775. 8. — J. Wvnne Gräfin v. Ursini u. Rosenberg, die Morlaken, a. d. Franz. 
v. S G. Bürde, "Bresl. 790. Halberstadt 794, Lpz. u. d. Titel : Jella od. das 
morlak. Mädchen 797. 8. — Hacguct Abbildung u. Beschreib, der südwestli- 
chen u. östlichen Wenden, Illyrer u. Slawen, Lpz. 801. ff. 5 Hfte. — Illy- 
rien u. Dalmatien (in dem Miniaturgemälde der Völker- und Länderkunde), 
Pesth 816. 2 Bde. kl. 8. — Bartenstein Bericht von der Beschaffenheit d. illyr. 
Nation in d. k. k. Erblanden, Frankf. u. Lpz. 802. (762). - (Rohrer) Ver- 
such über d. slaw. Bewohner der österr. Monarchie, Wien 801. 2 Bdchen 8. — 
Teleki Reisen durch Ungern u. einige angränzende Länder, Pesth 805. - 

/'. /•'. Germar Reise nach Dalmat. u. Ragusa Lpz. 817. 8. — R. F. H**g 
1 'eisen durch d. österr. Dalm. Illyr. Alban., Meissen 822. 5 Bde. 8. — Ueber 

Kroatien'. Vukassovich Beschreibung des Karlstädter Generalats, im ungr. 
Magazin 781. III. Bd. — Gr. Vinc Battyany über d. ungr. Küstenland in 
Briefen, Pesth 805. 8. — Demian Statist. Beschreib, der Militärgränze, Wien 
806—07. 2 Bde. — Marcel de Serres voyage en Autriche, Paris 814. 4 Bde. — 
C. B. v. Hietzinger Statistik der Militärgränze des österr. Kaiserth., Wien 
^17—22. 2 Bde.' 8. — Ueber Slawonien: F. W. v. Taube hist.-geogr. Be- 
schreibung des Kgr. Slawonien u. d. Hzg. Syrmien, Lpz. 777 — 78. 3 Bde. 
8. — [ter ]><r Poseganatn Slavoniae provinciam 1782 susceptum a M. Piller 
et L. Mitterpacher, Budae 783. 4. — C. B. v. Hietzinger Stat. d. Militär- 

rrfinzc. — filyrien und Dalmatien im Miniaturgem. d. Völker- und Länder- 
kunde. — J; v. Vaplovii Slawonien u. zum Theil Kroatien, ein Beitrag 
:-:ur Völker- und Länderkunde, Pesth 8)9. 2 Bde. 8. 



235 

$. 26. 

Sprach- und Stammverwandtschaft der Dalmatiner u. Kroaten. 

Bei der Untersuchung der frühern und neuem Schick- 
sale der Sprache der katholischen Slawoserben u. Kroaten 
in Dalmatien, Slawonien u. Kroatien stösst man auf Ver- 
wickelungen, die den Gegenstand äusserst schwierig ma- 
chen. Das seltsame Gewirre von Grenzverrückungen, 
Volksübersiedelungen , vom Glaubens-, Regirungs- und 
Verfassungswechsel u. s. w., spiegelt sich ab in dem Ge- 
bilde der Sprache dieser vielfach in und durch einander 
verschobenen Slawenzweige. Wirft man einen Blick auf 
die Länder, die von den Dalmatinern,, Kroaten u. Sla- 
woniern bewohnt werden, und hält sich bloss an ihre 
Namen, so sollte man glauben, dass man hier mit drei 
verschiedenen Stämmen, den Dalmatinern, Kroaten und 
Slawoniern, und eben so vielen slawischen Mundarten 
zu thun habe; allein die Geschichte und die Erforschung 
der Sprache läugnen diese getrennte Existenz der drei 
Stämme und Mundarten. Denn zuvörderst sind die Dal- 
matiner und heutigen Slawonier, so wie die Ragusaner 
und Bosnier, nach aller Geschichte und Erfahrung Sla- 
wen serbischen Stammes; die Bewohner des wahren 
(alten) Kroatiens im Süden der Kulpa hingegen, die 
Kroaten, sollten nach Constantin Porphyr, für einen be- 
sondern Stamm gehalten werden, während nach unserer 
Erfahrung die Sprache in diesen Gegenden weder in 
Grammatik, noch in Lexicon sielt bedeutend genug von 
der serbischen der Dalmatiner unterscheidet. Der Pro- 
vincialkroate aber, der jetzt schlechthin Kroate genannt 
wird, heisst noch nicht drei Jahrhunderte nur geogra- 
phisch so, und wurde bis dahin selbst geographisch zu 
den windischen Slowenzen gerechnet, wohin er auch der 
Sprache nach gehört. Dem zufolge ist die Sprache der 
heutigen sogenannten Kroaten, die augenscheinlich in 
Militär-Kroatien (in dem Karlstädter u. Varasdiner Ge- 
neralat und in der Banalgränze) mit der serbisch-dal- 
matischen, in Provincial - Kroatien (in den Comitaten 
Zagrab, Kreuz und Varasdin) aber mit der slowenisch- 



236 

windischen .Mundart zusammenfallt, allenfalls nur eine 
schwache Nuance dieser beiden, keineswegs aber ein für 
sich bestellender Dialekt: was im geraden Widerspruche 
mit Constantin Porphyr. Ausscheidung des kroatischen 
Stammes von andern slawischen Völkern steht. Selbst 
Slawonien, wiewol jetzt meist mit serbischen Flüchtlin- 
gen und Colonisten bevölkert, ist nur ein Theil des alten 
windischen Landes, daher ihm auch der Name geblieben.*) 
Da es indess bei unserer Betrachtung der Schicksale der 
slawischen Literatur in diesen Ländern nicht auf das 
Scharfe der Dialektenstellung ankommt, da ferner die 
Bewohner dieser drei slawischen Königreiche, die im 
Laufe der letzten drei Jahrhunderte zu ihrer jetzigen Ge- 
stalt und Begränzung gekommen sind, nach und nach 
eine eigene, besondere, bald nach lateinisch-italienischer, 
bald nach lateinisch-ungrischer Combination eingerich- 
tete Orthographie eingeführt und hiedurch den Unter- 
schied ihres Schriftw r esens — zum grossen Ueberfluss 
und wahren Aergerniss aller Slawisten — begründet 
haben : so wollen wir die Ergebnisse ihres geistigen Le- 
bens, sofern sich dasselbe in der Nationalsprache kund 
that, nach ihrer heutigen geographischen Stammbegrän- 
zung betrachten. 

§• 27. 

Charakter der Sprache der Dalmatiner und Zweige der 
dalmatisch-kroatischen Literatur. 

Die Sprache der Dalmatiner ist mit einigen geringen 
Abweichungen die serbische Mundart. Diese Abweichun- 
gen betreffen vorzüglich die Aussprache des Vocals /' statt 
je oder e\ lipo st. Ijepo od. Irpo; diwojka st. djewojka 
od. dewojka, und einige von den nächsten Nachbarn ent- 
lehnte fremde Wörter. Das Serbische in Dalmatien zer- 
fällt aber wiederum, wie jede lebende Sprache, in meh- 
rere Varietäten; so unterscheidet Caraman das Dalmati- 
nische (jwslal sam, rekal sam) von dem Ragusanischen 

*) [Kopitar] K<rens. d. slaw. Gramm, von Dobrowsky in d. Wie- 
ner Jahrb. d Liter. Bd. XVII. 1822. 



237 

(poslo sum, reko sam) und dein Narentanischen (posin 
sam, rekä sam,) Die Eigenschaften dieser Sprache kön- 
nen nun nach dem oben gesagten keine andern seyn, 
als die der serbischen. Eine Auszeichnung verdient vor 
allem der Wolklang der Landesmundart, eine Frucht 
der italienischen Nachbarschaft. Wenn man die Stimmen 
der Inländer (Appendini, Stulli, Sorgo u. a.) hört, so 
muss man freilich die dalmatische Mundart allen andern 
Slawinen vorziehen. Zu stolz auf ihre Abkunft u. Sprache, 
geben sie sich selbst das Zeugniss, sie seyen die ältesten 
aller Slawen, und ihre Sprache der reinste aller slawi- 
schen Dialekte, und die Ausländer, des Widerspruchs 
nicht gewahr, schreiben und sprechen ihnen dieses ohne 
Bedenken nach. Unrühmlich wäre es, wenn die italie- 
nische Nachbarschaft keine Spuren in der Sprache zu ih- 
rem Vortheil hinterlassen hätte; aber Wolklang ist noch 
kein Voll- oder Allklang der Sprache, so wie der Schön- 
heitssinn noch kein Gesammtsinn des menschlichen Gei- 
stes ist. Die gebildet und möglichst vollkommen seyn 
sollende Sprache hat überhaupt in ihrer dreifachen Ge- 
stalt, als Sprache der Prosa, der Oratorie und der Dicht- 
kunst, mehrere Bedürfnisse des menschlichen Geistes zu 
befriedigen, als den des Klanges allein. Bis demnach, zur 
Entscheidung, ob denn der Dialekt der Dalmatiner wirklich 
der älteste, reichhaltigste, reinste u. schönste sey, die übri- 
gen neun od. zehn Mitinteressenten ihre Stimmen abgeben, 
bleibt die Sache immer einigem Zweifel unterworfen. 

Das dalmatische, und, wie unten bemerkt werden 
soll, zum Theil auch das kroatische Schriftwesen theiit 
sich von jeher in die Kirchen- und die Profanliteratur. 
Jener ist die altslawische Kirchensprache mit einem be- 
sonderen - glagolitischen, dieser die gemeine Landes- 
mundart mit lateinsichein Alphabet eigen. 

§. 28. 

Ursprung und Schicksale der glagolitischen Literatur der 
Dalmatiner und Kroaten. 

Die erste Bekehrung der Dalmatiner und Kroaten ge- 
schah, wie oben (§. 25. Anm. 3.) gesagt worden, von 



238 

Korn aus, entweder schon im VII. Jahrb., oder sicherer 
erst zu Anfange des IX. Jahrh. Unter Branimir nämlicb 

(879 — 86) war ganz Dalinatien und Kroatien katho- 
lisch. Hieraus ist klar, dass in diesen Gegenden die Cul- 
tur der Landesmundart um diese Zeit, noch nicht hegin- 
nen konnte, indem die lateinische Sprache die des Cultus 
und der Hegirung geworden ist. Aber kaum waren Me- 
thods Erfindung und Unterricht in diese Gegenden ge- 
drungen, so rissen sich die dalmatischen und kroatischen 
Slawen von der lateinischen Sprache bei der Liturgie 
los, und schlössen sich willig an die slawische an, wozu 
die damals äusserlich noch bestehende Kircheneinheit 
nicht wenig beigetragen haben mag. So war denn (\\v 
Literalsprache der Slawen auch hier eingeführt. Sobald 
die lateinischen Eiferer auf die entfernten Folgen der 
Unternehmung aufmerksam wurden, setzten sie sich aus 
allen Kräften dieser Neuerung entgegen. Zwar wurde die 
slawische Liturgie bei Kyrills und Methods Lebzeiten in 
einigen Gegenden, wie in Mähren, vom päbstlichen Stuhl 
zugelassen, in andern, wie in Bulgarien, einstweilen ge- 
duldet; aber in Dalmatien und Kroatien selbst erfuhr sie 
den heftigsten Widerspruch. Eine zur Zeit Johanns X. 
abgehaltene Synode untersagte den Gebrauch derselben 
gänzlich. Nichts desto weniger brauchte man in den kroa- 
tischen Gegenden im XL Jahrh. beim Gottesdienst noch 
immer die slawische Sprache. Die dalmatischen Seestädte 
klagten darüber bei dem Pabst, und Nikolaus II. schickte 
1059 den Abt Mainard von Casino, der nach der Hand 
Bischof von Selva wurde. Dieser hielt zu Spalato aber- 
mals eine Synode, und verbot die slawische Liturgie 
nochmals, erklärte ihre Erfinder für Ketzer, und befahl 
die Kirchen zu schliesscn, wo der Gottesdienst kroatisch 
gehalten werden würde. Die slawischen Priester waren 
so unwissend, dass sie sich nicht einmal auf den K) ril- 
lus und Methodius und die schon damals von Rom aus 
gegebene Entscheidung in dieser Sache zu berufen ver- 
standen. Der kroatische König bestätigte ohne weiters 
die Synodalschlüsse. Im J. 1061 ff. wollte ein fremder 
Priester, Ulfus (vielleicht ein tcutscher Wolfgang), hel- 
len, und reiste nach Kom ; nach seiner Rückkehr (donn 



239 

der Pabst wollte erst nähern Bericht von einigen Natio- 
nalen selbst erwarten), veranlasste er eine Zusammen- 
kunft der Kroaten in einer Ebene von Zeng, von wo aus 
sie zwei Abgeordnete an den Pabst abfertigten, nämlich 
einen unwissenden Geistlichen, Cededa, aus ihrem Mit- 
tel, den sie zum Bischof vorschlugen, und einen Bene- 
dictiner-Abt. Die zwei Abgeordneten kamen nach Rom, 
und Ulfus machte ihren Dolmetsch. Der Pabst Alexan- 
der IL beharrte auf dem Eifer wider den Slawonismus, 
und schnitt dem Cededa selbst die Haare seines Bartes 
weg. Ulfus der Dolmetscher hingegen, machte dem Ce- 
deda weiss, dass durch diesen Actus der Pabst alles gut 
gcheissen, und ihn zum Bischof bestätigt habe. Cededa 
fing also nach seiner Rückkehr an, sich als Bischof auf- 
zuführen, ja sogar in die Rechte und den Sprengel des 
Bischofs von Veglia einzugreifen. Durch diess Benehmen 
war der Betrug gar bald entdeckt; Ulfus ward, laut 
Schlusses einer Synode zu Salona unter dem Vorsitz des 
Cardinais Johannes, 1064 gegeisselt, gebrandmarkt und 
ins Gefängniss geworfen; Cededa aber in den Bann ge- 
than, und das Verbot des slawischen Rituals wiederholt. 
Dennoch erhielt sich Cededa unter dem Schutze seiner 
Landsleute bei diesem Amte, bis zu seinem bald hernach 
erfolgten Tode. Um diese Zeit, scheint es, verfiel irgend 
ein Dalmatier auf den Gedanken, zum Behuf der slawi- 
schen Liturgie und für die Anhänger der lateinischen 
Kirche, neue, von den kyrillischen verschiedene Buch- 
staben zu erkünsteln, um das aus den kyrillischen Bü- 
chern geborgte besser zu verhehlen, und sie, um ihnen 
leichter Eingang zu verschaffen, dem grossen Kirchen- 
lehrer und Bibelübersetzer Hieronymus zuzuschreiben. 
Diess ist das sogenannte glagolitische, dem jetzt bei den 
Russen und Serben griechischen Ritus gebräuchlichen 
kyrillischen entgegengesetzte Alphabet, dessen sich die 
slawischen Priester der abendländischen Kirche in Kroa- 
tien und Dalmatien bis jetzt bedienen. Man schrieb nun 
die liturgischen Bücher mit diesen Schriftzügen um, die 
Sprache aber blieb, bis auf einige wenige Abweichun- 
gen, die altslawische. Ueber den Ursprung und die Be- 
nennung dieses Alphabets sind übrigens zu allen Zeiten 



240 

die mannigfaltigsten Hypothesen aufgestellt worden. Die 
älteste Meinung ist wol die von Glagoliten (Priestern 
in Dalmatien, die aus slawischen Missalen nach dein rö- 
mischen Kitus die Messe lesen), vorgegebene, dass der 
h. Hicronymus der Erfinder dieses Alphabets, und hie- 
m it der Urheber der glagolitischen Literatur sey; eine 
Meinung, die an sich unhaltbar und schon längst gründ- 
lich widerlegt worden ist. Der Graf Grubissich stieg 
noch höher hinauf, und suchte den Ursprung der gla- 
golitischen Schriftzüge bei den Phrygen und Thraken, 
in den Runen der Geten und Gothen. Dobner u. Schi- 
mek vertheidigten das Alphabet gegen die Beschuldigung 
eines vorsätzlichen frommen Betrugs, welcher damit ge- 
spielt worden seyn soll, wenn sie sich gleich nicht ge- 
traueten, das Entstehen desselben bestimmt anzugeben. 
Dr. Anton hielt es, selbst mit hieronymischem Alter nicht 
zufrieden, für uralt, für ursprünglich slawisch. Alter 
leitete es aus dem Lateinischen ab, Linhard aus dem 
Griechischen: beide versetzten es ins V. Jahrb., kurz 
nach Hicronymus Tod. Durich, anfangs ein Gegner der 
angeführten Hypothesen, änderte kurz vor seinem Tode 
die vorgefasste Meinung, verlegte dessen Entstehen ins 
IX. Jahrb. und wollte es in dem Runischen und Osci- 
schen finden. Aber alle diese Muthmassungen sinken in 
ihr Nichts zurück, sobald man die Gründe der Gegen- 
partei gehörig erwägt. Lange schon zweifelte man an 
einem so hohen Alter dieses Alphabets. Frisch leitete es 
aus dem kyrillischen ab, so zwar, dass es seiner Mei- 
nung nach aus diesem durch absichtliche Verzierung od. 
durch nachlässige Verstümmelung der Abschreiber nach 
und nach entstanden wäre. Ihm folgten Kohl, Voigt, 
Schlözer und Andere, die es aber für das Werk eines 
spätem Reformators erklärten. Dobrowsky bewies mit 
unumstößlichen Gründen, dass man die glagolitischen 
Buchstaben im XIII. Jahrb., ungefehr um das .1. 1220 
in Dalmatien, vielleicht auf dor Insel Arbe, erfunden, 
und mit ihnen einen frommen Betrug gespielt habe. Sic 
sind ohne Zweifel die Erfindung eines Mönchs, der die 
schon seit 360 Jahren vorhandenen kyrillischen Schrift- 
zuge nach Willkühr. jedoch auch mit einiger Kücksicht 



241 

auf andere, vorzüglich koptische Muster, umbildete, und 
hie mit dem ganzen Alphabet eine neue, gekünstelte, 
dabei äusserst schwerfällige Gestalt gab. Allein der Ur- 
heber that absichtlich auf die Ehre der Erfindung Ver- 
zicht, und nun wurde die neue Missgeburt dem h. Hie- 
ronymus zugeschrieben. Man hoffte die Slawen des grie- 
chischen Ritus dadurch zu gewinnen, und wollte ihnen 
zwar den Gebrauch ihrer Sprache beim Gottesdienste 
lassen, aber zugleich mit diesen neuen Buchstaben den 
abendländischen Ritus bei ihnen einführen. Der Pabst 
Innocenz IV. genehmigte dieses Vorhaben um das J. 1248, 
entweder aus Ehrfurcht für den h. Hieronymus, oder 
aus Eifer für seine Kirche, die er auf solche Art vor 
dem Uebergang der Slawen zur griechischen Religion zu 
sichern glaubte; und seitdem wurde nun auch bei den 
römisch-katholischen Slawen die Messe in der altslawi- 
schen Kirchensprache, aber nach glagolitischen Formu- 
laren, gelesen. Um diese Zeit mag auch die Benennung 
glago lisch, glagolitisch, im Gegensatz des kyrillischen, 
das sonst schlechthin das Slawonische hiess, aufgekommen 
seyn; wenn man gleich den Grund dieser Benennung 
nicht leicht angeben kann. ] ) 

Das älteste, mit diesen Schriftzügen geschriebene, 
bis jetzt ausfindig gemachte Denkmal ist ein Psalter, mit 
welchem ein Klerikus von Arbe um das J. 1220 ans 
Licht trat, und welches später für ein Werk des h. Hie- 
ronymus ausgegeben wurde. Diess konnte um so leich- 
ter geschehen, da Hieronymus in einem seiner Briefe 
wirklich von einem Psalter spricht, den er Leuten von 

x ) Glagol heisst das Wort, auch wol der Buchstabe; folglich wäre 
nach Hrn. Dobrowsky, glagolisch od. glagolitisch so viel, als mit Figuren, 
Buchstaben, Wortzeichen, die Glagoli "heissen. Aber schwierig bleibt diese 
Erklärung immer, weil man nicht einsieht, warum es gerade glagolitisch, 
und nicht immerfort hieronymisch, im Gegensatz des kyrillischen, geheis- 
sen habe, um so mehr, da man den h. Hieronymus zum Erfinder macht. 
— Hr. Kopiar hält es für eines der mildern Sobriquets. Glagol heisst in 
der Kirchensprache das Wort, die Rede, ist aber allen heutigen südslawi- 
schen Dialekten durchaus fremd. Wenn daher dem Nachbar in der glago- 
litischen Kirche bei jedem Evangelio nach dem ihm verständlichen: W ono 
ivreme das fremde: glagola Isus, d. i. in illo tempore dixit Jesus — ans 
Ohr schlug, so wars naturlich, dass er seine Landsleute , die beim Gottes- 
dienste so viel glagolirten, als die Glagoler bezeichnete. Das lateinische 
Glagolitae ist nach der Analogie von Israelitae, Lechitae, Silesitae u. s. w. 
gebildet. 

16 



242 

seiner Sprache, nach den LXX. verbessert, übergeben 
haben soll. Nun bezog man, weil Hieronymus aus Illy- 
ricum stammte, den Ausdruck auf die slawisch redenden 
Dalmatier, da doch Hieronymus selbst darunter immer 
nur die Lateiner versteht. Später fing man an, sogar 
von einer ganzen Bibelübersetzung zu sprechen, die Hie- 
ronymus in der dalmatischen Sprache verfertigt haben 
soll. Man wünschte diess, und glaubte es gern. Allein 
neuere Untersuchungen haben deutlich gezeigt, dass der 
Psalter bloss mit glagolitischen Schriftzügen aus der ky- 
rillischen Uebersetzung neu abgeschrieben, und hie und 
da in abweichenden Stellen nach der Vulgata verändert 
worden sey 5 und die gesunde Kritik hat es längst be- 
wiesen, dass Hieronymus vvol die alte lateinische Ueber- 
setzung nach den LXX. verbessert, aber nie eine slawi- 
sche Zeile geschrieben, geschweige denn die ganze Bibel 
ins Dalmatische übersetzt habe. Eine hieronymisch- dal- 
matische Uebersetzung der Bibel ist also ein Unding. Man 
fand ausser dem erwähnten Psalter des Nikolaus v. Arbe, 
ausser einem Codex, der die Sonn- und Festtags-Evan- 
gelien enthielt, ausser Missalen und Brevieren, so sehr 
man sich auch Mühe gab, schlechterdings Nichts mit gla- 
golitischen Buchstaben geschriebenes. Allerdings wurde 
die Bibel späterhin ins Dalmatische übertragen, nur ist 
bis auf den heutigen Tag eine solche nicht im Druck er- 
schienen. So wollte ein Priester aus Dalmatien im J. 1557 
die Bibel mit glagolitischen Buchstaben in Tübingen dru- 
cken lassen, welches aber unterblieb; und die Ueber- 
setzungen von Bartholomaeus Cassius 1640 und Stephan 
Rosa 1750 hatten ein gleiches Schicksal. Wo sich diese 
jetzt befinden mögen, ist ungewiss. 

Der Gebrauch der glagolitischen Schrift fand an- 
fangs, wie gesagt, sogar an den Päpsten seine Beschützer, 
(liinocenz 1248). Bereits im J. 1483 erschien ein gla- 
golitisches Missal in Fol. ohne Angabe des Druckorts. 
Diess ist das erste Druckwerk in der altslawischen Kir- 
chensprache, um 8 Jahr älter, als der erste kyrillische 
(Psalter, Oktoich, Horologium Krakau 1491), und um 
8 Jahr älter als der erste polnische (Kalender Krak. 1490), 
aber um 8 Jahr jünger, als der erste böhmische Druck 



243 

(Neues Testament o. Druckort 1475). Im J. 1507 begab 
sich der Magister Georgius von Venedig zum Archidia- 
kon Sylvester Bedriccich nach Zeng, und druckte hier 
drei glagolitische Werke. Im J. 1528 erschien bei Bin- 
doni und Pasyni in Venedig ein Missal in 4to, und ein 
Azbukwidarium in 4to; im J. 1531 aber das dritte Mis- 
sal durch Simon Cosicich, Bischof v. Modrusa, in Fiume. 
Als die Exx. hievon ausgegangen, Hess der Bischof von 
Zeng, Johann Agalich, eine neue Auflage ,unter der Lei- 
tung des Minoriten Franz Glavinich veranstalten; bei 
welcher Gelegenheit hie und da der Ausdruck u. Dialekt 
nach einem alten handschriftlichen Exemplar aus der Bi- 
bliothek des Erzherzogs Karl von Oesterreich verbessert 
wurde. Die von Anton Dalmata u. Stephan Consul über- 
setzten, und mit glagolitischen Typen zu Tübingen und 
Urach 1562 — 1564 gedruckten Bücher sind in der ge- 
meinen Redesprache abgefasst 2 ). Ausserdem wurde 
noch glagolitisch gedruckt zu Rom, wo die Propaganda 
glagolitische Typen, die aus Venedig stammten, vom Ks. 
Ferdinand II. ungefehr im J. 1621 zum Geschenk erhielt, 
und wo noch heutzutage glagolitische Missale für die Gla- 
goliten in Dalmatien und Istrien gedruckt werden. 3 ) 

Es war nämlich von jeher bei der Propaganda ent- 
schieden, dass man zur Erleichterung der Union alle 
Missale und Breviere in der altslawischen Kirchensprache 
herausgeben solle. Solcher Bücher bedienten sich alle 
Basilianer und die aus ihnen gewählten Bischöfe in den 
polnisch - russischen Provinzen , welche sich alle vier 
Jahre einen General- oder Protoarchimandriten zu wäh- 
len pflegten, und deren Generalprocurator als Rector 



2 ) Die hieher gehörigen, dalmatisch-kroatischen, mit glagolitischen 
Typen gedruckten Bücher findet man verzeichnet in Kopitars krain. Gramm. 
S. 438-449. 

3 ) Diess ist die einzige noch vorhandene glagolitische Buchdrucke- 
rei. Daher werden auf den dalmatischen Inseln die Bücher noch gegenwär- 
tig abgeschrieben, wie vor der Erfindung der Buchdruckerei; es fängt auch 
das kyrillische Alphabet an, Eingang zu finden, weil man liturgische Bü- 
cher aus Russland bezieht, und vielleicht wird die glagolitische Schriftart 
am Ende ganz abkommen. In der Bar. Zoisischen Samml. in Krain befin- 
den sich, nebst mehreren handschriftlichen u. gedruckten Missalen, Brevie- 
ren u. s. w., auch glagolisch geschriebene Briefe, die etwa vor 70 Jahren 
zwischen den kais. u. türk. Gränzcommandanten, meistens über Viehent- 
führungen, gewechselt wurden. Kopitar a. a. 0. 

16* 



244 

der Kirche des h. Sergius und Bachus zu Rom wohnte. 
Als zu Anfange des XVII. Jahrh. der bis dahin edirten 
Missalen zu wenig war, wählte die Propaganda unter 
Urban VIII. den P. Raphael Levakovich zum Corrector 
und Reformator librorum ecclesiasticorum linguae illy- 
ricae, und beförderte ihn nachmals zum Titular-Erzbi- 
schof von Achrida. Levakovich hatte bewirkt, dass Fer- 
dinand II. der Propaganda ein Geschenk mit glagolitischen 
Typen machte. So erschien sein Missale 1631. Allein 
als er einen altern Psalter eingesehen, und vorzüglich, 
als er den Bischof von Chelm, Methodius Terlecki, hat- 
te kennen lernen, so kam ihm der Slawenismus des her- 
ausgegebenen Missais selbst nicht mehr ganz echt, viel- 
mehr als noch viele vulgar-dalmatische Ausdrücke in sich 
fassend vor; es kam ein besseres Brevier mit eingedruck- 
tem Psalter 1648 mit Genehmigung Innocenz X. vom 22, 
Febr. 1618 heraus. Späterhin schrieb Levakovich auch 
eine Apologie dieses Breviers wieder die Ausstellungen 
eines gewissen Theseo, der einen verdorbenen Codex 
vor sich hatte 4 ). Im .1. 1668 erschien die zweite Aufl. 
dieses verbesserten Breviers unter der Aufsicht des Ab- 
bate Pastrizio mit den seitdem neuzugekommenen 2\ Of- 
ficiis de praecepto und 12 Officiis ad libitum. Jos. Pa- 
strizius (f 1708) aus Spalato, ein Durich der altern 
Zeiten, ganz der Erforschung der Schicksale der altsla- 
wischen Kirchensprache hingegeben, sagt bei der Gele- 
genheit: iniror sane tot seculis squaluisse nostras regio- 
nes in praecipuo coronae nostrae radio, nempe in litte- 
rali dialecto. Quoties enim antiqua manuscripta pervolvi 
Breviaria, tot erroribus conspersas lineas et in Ortho- 
graphia et in Grammatica reperi, ut stomachum mihi 
moveret. Im J. 1706 erschien die zweite Auflage von 

*) Terlecki sagt in dem über die Arbeiten des Levakovich ausgestell- 
ten Zeugniss : Nam explosis nonnullis vulgaris sermonis dalmatici vocabulis, 
quae scriptorum licentia in vetusta illyrica Breviaria intrusa fuerunt, quae- 
que R. P. Raphael suae translationi inseruerat, pura, quae in incorruptis 
apud me habebantur, slavonica eorum loco reposuimus. In der päbstlichen 
Genehmigung sind folg. Phrasen zu merken: Quum illyricarum gentium 
libros sacros, iam inde a I). Hieronymi temporibus, ut pervetusta ad nos de- 
tulit traditio, vel certe a Pontificatu Joannis VIII., uti ex eiusdem data 
super ea re epistola constat, ritu quidem romano, sed idiomate slavonico 
et charactere S. Hieronymi vulgo nuncupato conscriptos, opportuna recogni- 
tione indigere compertum sit etc. Engel Gesch. d. ungr. Reichs III. 462. 



245 

Levakovich's Missali. Es fehlte aber auch an Widersa- 
chern der slawischen Liturgie der Glagoliten nicht. So 
führte Peter Marianovich , Bischof von Zeng und Modrus 
oder Corbavien, und Rath Ferdinands III., zu Fiume 
und an andern Orten seiner weitläufigen Diöcese das 
Studium der lateinischen Sprache ein, und wollte keinen 
Priester ordiniren, der nicht wenigstens lateinisch lesen 
konnte. Er wurde desswegen zu Rom als ein Feind und 
Yerderber des slawischen Rituals angeklagt. Der Cardi- 
nal- Vorsteher der Propaganda machte ihm 1654 hier- 
wegen Vorstellungen, die er in einem gelehrten Schrei- 
ben beantwortete, und sich vornehmlich darauf bezog, 
da ss, da in der slawischen Sprache sonst nichts, als das 
Missal und Brevier vorhanden wäre, die Priester, die 
sich damit begnügten, und nicht lateinisch lernten, not- 
wendig unwissend bleiben müssten, und nicht einmal ihr 
eigenes, geschweige denn das Gewissen ihrer Zuhörer 
leiten könnten. Dieser Grund war zwar an sich wahr, 
er bewies aber nicht das, was er beweisen wollte, son- 
dern vielmehr jenes, dass man bei dem anerkannten Vor- 
theile, den Gottesdienst durch die Muttersprache für Sla- 
wen zu popularisiren, dafür hätte sorgen sollen, auch 
die übrigen theologischen und philosophischen Wissen- 
schaften in eben dieser Sprache zu lehren. Glücklicher- 
weise vereinigte sich mit dem Vortheile der slawischen 
Sprache auch der Vortheil der abendländischen Kirche, 
welche ihre Bemühungen, auch die Russen und die rus- 
sischen Einwohner von Polen in ihren Schoos hineinzu- 
leiten, und hiezu den Weg durch Bewilligung des slawi- 
schen Rituals zu bahnen, auf verschiedene Weise fort- 
setzte. Nächst Levakovich erwarben sich die Erzbischöfe 
Zmajevich und Caraman um die glagolitische Literatur 
die grössten Verdienste. Vincenz Zmajevich, Visitator 
von Albanien, hernach Erzbischof von Zara und Com- 
missarius Apostolicus in Albanien, Serbien und Make- 
donien, Bulgarien und Bosnien, schätzte die vulgär- und 
die literalsla wische Sprache jede nach ihrem Werth. Er 
empfahl öfters die neuern ragusinisch-sla wischen Schrift- 
steller, verglich den Joh. Gondola an Majestät des Ge- 



246 

sangs dein Virgil, den Junius Palmota an Leichtigkeit 
dem Ovid, den Abbate von Meleda Ignazio Giorgi an 
Höhe der Gedanken dem Horaz. Ihm dedicirte Giorgi 
seine Magdalena penitente illyrica ; ihm legte Della Bella 
sein Lexicon vor dem Druck vor. Aber nicht geringer 
war sein Eifer für die altslawische Kirchensprache. Er 
errichtete ein slawisches Seminarium zu Zara, und sorgte 
für dessen Dotirung durch Verleihung von zwei Klöstern 
von Benedict XIII. und durch die Diminuzione de quin- 
denni von Benedict XIV. Er drang bei einer neuen Aus- 
gabe des Missais auf eine Verbesserung des Textes, so 
wie Levakovich selbst sie schon beim Brevier vorge- 
nommen hatte, und ersah biezu den Matthaeus Caraman, 
als einen Spalatiner Geistlichen aus, welcher mit Vor- 
wissen der Propaganda 1732 nach Moskau als Missionär 
und um dort den slawisch russischen Dialekt zu lernen 
gegangen war. Dieser ward nach seiner Rückkunft im 
Collegio urbano aufgenommen, und dort arbeitete er an 
einer richtigem Ausgabe des Missais. Seine Revisoren 
waren die zwei aufeinander gefolgten General-Procura- 
toren der ruthenischen Basiliten, Maximilian Zawadzki, 
Consultor der Provincia Lituana, und Cesareo Hebnowski, 
Archimandrit von Onuphria $ ferner Innocenz Piehowicz, 
Archimandrit von Minsk, und Sylvester Rudnicki, Bi- 
schof von Luck. Es blieb aber nicht nur beim Druck des 
.Missais 1741, sondern in einer Partikular-Congregation 
der Propaganda unter dem Vorsitz des Papstes im Sept. 
1742 ward die Errichtung einer slawischen Catheder 
beim Collegio urbano, und die Ucbersetznng der ganzen 
Bibel zum Behuf dieser Catheder beschlossen. Caraman 
ward zur Belohnung für seine Dienste Abt von zwei Klö- 
stern, Bischof von Osero, untl apostolischer Visitator der 
Collegien zu Assisi, Loreto und Fermo; nach drei Jah- 
ren aber Erzbischof von Zara (f 1771), wo er in sei- 
nem Lieblingsseminarium für die altslawische Kirchen- 
sprache und deren Verbreitung sorgen konnte. • Cara- 
mans treuester und thätigster Mitarbeiter an den Bemü- 
hungen für diese Sprache war der 1774 als Archidiakon 
auf Osero verstorbene Matthaeus Sovich, so wie sein 



247 

heftigster Gegner der Ragusaner Priester Steplu Rosa. 5 ) 
Um diese Mundart verständlicher zu machen, und die 
slawischen Kleriker in der Grammatik zu unterrichten, 
errichtete auch der Bischof Cacich ein Seminarium zu 
Almissa. 

Die Literalsprache der Glagoliten hatte verhindert, 
dass einerseits die Reformations versuche des Trüber, An- 
ton Ualmata u. s. w. in Dalmatien nicht durchgriffen, an- 
dererseits die Cultur der gemeinen Redesprache nicht 
vor dem XVI. Jahrh. beginnen konnte. Nichts desto we- 
niger wurden auch von Katholiken, ja sogar von Geist- 
lichen Versuche gemacht, die dalmatische Volksmundart 
in Schriften einzuführen. Diess führt zur Betrachtung 
der dalmatischen Profanliteratur. 6 ) 

§. 29. 

Schicksale der Sprache und Nationalliteratur der Dalmatiner 
und Ragusaner. 

Der Sieg des neuern glagolitischen Alphabets über das 
ältere kyrillische in Dalmatien, Kroatien u. Istrien dauerte 
nur eine kurze Zeit. Italiens Nachbarschaft u. die Schwer- 



5 ) M. Sovich hinterliess eine neue Adornation der Smotriskischen 
Gramm, mit einer latein. Uebersetzung; das Msc. befindet sich in der Bar, 
Zoisischen Sammlung. Besonders wichtig ist die Vorr., wegen der slaw. 
Codd. u. Bücher, die Sovich theils kannte, theils selbst besass. — £. Rosa 
drang in einer Schrift: Annotazioni betitelt, auf den Gebrauch der gemei- 
nen Redesprache. Caraman beantwortet s. Einwürfe in s. Considerazioni, 
Msc. vom J. 1753. Interessante Auszüge daraus hat Engel Th. III. S. 457 ff. 
geliefert. Die alten Missale waren den dalm. Priestern viel verständlicher, 
weil sich die Sprache darin ihrem Dialekte näherte. Caraman aber, in der 
irrigen Voraussetzung, nur in russ. Kirchenbüchern sey die alte slaw. Sprache 
unverändert erhalten worden, brachte in sein Missal so viel Russisches, 
dass die illyr. Klerisei es nicht anders, als mit Widerwillen aufnehmen konnte. 

6 ) Quellen. J. L. Frisch origo characteris slavonici, vulgo Cyrillici, 
et glagolitici, Berol. 727. 4. — J. P. Kohl introductio in rem liter. Sla- 
vorum, — Cl. Grubissich in orig. et histor. alphabeti slavonici glagolitici 
vulgo Hieronymiani disquisitio, Venet. 766. 8. — F. Durich dissert. de sla- 
vo-bohemica S. Codicis versione, Pragae 777. 8. (§. 3) — Abhandlungen 
einer Privatgesellschaft u. s. w. lr Bd. 775. 8, S. 164 — 199. von Voigt. — 
Abhandlungen der böhm. Gesellschaft der Wiss. auf das J. 1785. Prag. 8. 
von Dobner. — K. G. Anton 1 s erste Linien e. Versuchs üb. d. alten Slawen 
2r Th. S. 103. ff. — A. Linhard Vers. e. Gesch. v. Krain 2r Th., Laibach 788. 
8. S. 357. — 58. — Ch. F. Schnurrer slaw. Bücherdruck in Würtemberg im 
XVI. Jahrh., Tüb. 799. 8. - J. Ch. Enqel Gesch. d. ungr. Reichs 798. IL 
472. III. 457 ff. — J. Dobrowsky Glagolitica, üb. d. glagol. Liter,, Prag 
807. 8. 



248 

fälligkeit der glagolitischen Schriftzüge selbst, bewirkten 
gar bald, dass es sich aus dem gemeinen Leben verlor, 
und nur in den Kirchenbüchern gebraucht wurde; und die 
Dalmatier fingen allmälig an, im gemeinen Leben ihre 
Landesmundart mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, 
freilich nach einer eigenen Combination , verschieden 
von jener, welche sich die Polen, Böhmen und Winden 
angeeignet haben. Seitdem sind allen slawischen Genos- 
sen der lateinischen Kirche, die wenigen Glagoliten aus- 
genommen, sie mögen Dalmatiner oder Kroaten, Slawo- 
nier oder Bosnier seyn, lateinische Buchstaben eigen. In 
der Folge gingen aber die drei ersten noch weiter, und 
sonderten sich, zum grössten Ueberfluss, in der Ortho- 
graphie und Schreibart dergestalt von einander ab, dass 
sie sich gegenseitig das Lesen ihrer Bücher, wo nicht un- 
möglich gemacht, doch sehr erschwert haben. *) 

Es ist schwer auszumitteln, von wem und um wel- 
che Zeit die lateinischen Schriftzüge in Dalmatien zur Be- 
zeichnung der slawischen Laute eingeführt worden seyen. 
Da indess der Gebrauch der lateinischen Sprache und 
Schrift im IX — X. Jahrb. in Europa schon beinahe all- 
gemein war, und anderwärts, z. B. in Böhmen und bei 
den Winden Versuche , das Slawische mit lateinischen 
Buchstaben zu schreiben, bereits sehr früh und vor dem 
IX — X. Jahrh. gemacht wurden; so ist nicht unwahr- 
scheinlich, dass schon bei der ersten Bekehrung der Dal- 
matier, falls sie von Korn aus geschah, in Briefen, Ur- 



*) Die hieher und zum §. 27. gehörigen Sprachbiic/wr sind kurz fol - 
gende. Grammatiken: B. Ca*sii institutionum linguae illvricae L. IL, Ro- 
mae 604. 8. — F. M. Avpendini Grammatik der illyrischen Sprache (ita- 
lienisch), Ragusa 808. 8. u. oft. — Starcsetich nuova gramatica ilirica. 
Triest 812. 8. — Auch haben Micalia, Della Bella, Voltiggi und Stulli 
ihren Wörterbüchern Orthographien und Grammatiken vorangeschickt. -- 
Wörterbücher : F. Verantii Dictionarium quinque nobilissimarum Europar 
linguarum, Latinae, Italicae, Germanicae, Dalmaticae et Ungaricae, Venet. 
595. 4. — Dasselbe von P. Loderecker mit dem Böhm, und Poln. vermehrt 
unter d. T. Diction. septem linguarum, Pragae 606. 4. — J. Micalia the- 
saurus linguae illyricae, in quo verba illyrica italice et latine redduntur, 
Laureti 649. 8. Geendigt zu Ancona 651. — P. A. Della Bella Dizionario 
Italiano, Latino, lllirico, Ven. 728. 4. N. A. von C. A. Occhi Ragusa 
785. 2 Bde. 4. — /. Voltiggi Ricsoslovnik illyrieskoga, italianskoga i ni- 
maeskoga jezika, u Becsu (Wien) 803. 8. — J. Stulli Lexicon Latino-Ita- 
lico-Illyricum, lr Theil : Illyr.- Lat- Italienisch, Ragusa 806. 2 Bde. 4. 3r 
Theil : Vocabulario Italiano - lllirico - Latino. , Ital.-Illvr. Lateinisch, Ra- 
Kiisa 810. 2 Bde. 4. 



249 

künden und Diplomen slawische , auf Dalmatien Bezug 
habende Eigennamen mit lateinischen Schriftzügen nach 
einer neuen Combination geschrieben worden seyen, was 
auch hier, wie bei den Polen, Winden und Böhmen, 
leicht zur Bezeichnung aller Laute der Landesmundart 
mit römischen Schriftzeichen, und zur successiven An- 
nahme des lateinischen Alphabets führen konnte. Was 
die Winden, Böhmen und Polen anbelangt, so versuch- 
ten es eifrige Geistliche schon längst hie und da das nö- 
tigste zum Unterricht des Volks mit lateinischen Buch- 
staben zu schreiben. Diess thaten zwei Merseburger Bi- 
schöfe, Boso vor dem J. 971, und Werner vor 1101. 
Von erstem sagt sein Nachfolger Ditmar ausdrücklich: 
slavonica scripserat verba. Er lehrte die Slawen in ihrer 
Sprache das Kyrie eleison singen. Vom Werner heisst 
es in der Chronik der Merseburger Bischöfe : Libros sla- 
vonicae linguae sibi fieri iussit, ut latinae linguae cha- 
ractere idiomata linguae Slavoruin exprimeret. Am un- 
widerleglichsten bezeugen diess die merkwürdigen, mit 
lateinischen Buchstaben geschriebenen windischen Frag- 
mente aus der Münchner Handschrift, auf die wir unten 
kommen werden. Zwar wurde, wie oben bereits ange- 
geführt worden, im IX. Jahrh. mit der Einführung der 
slawischen Liturgie auch das kyrillische Alphabet in Dal- 
matien, Istrien und Kroatien gang und gäbe; allein die- 
ses musste später dem neugeformten glagolitischen, und 
jene der römischen weichen; die schwerfällige Bukwica 
aber blieb stets lediglich auf die Kirchenbücher, folglich 
auf die altslawische Kirchensprache, eingeschränkt, und 
wurde im gemeinen Leben wenig oder nie zur Schrei- 
bung der Landesmundart angewendet. Solaric meint 
(Pominak knizeskij S. 35), der Versuch, das Slawoser- 
bische mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, könne 
weder seit lange her , noch leicht ausgeführt worden 
seyn. Die Bukwica sey augenscheinlich nur wegen ihrer 
Unförmlichkeit verlassen worden, indem sie sonst von 
den ältesten Zeiten her bis auf die neuesten bei den sla- 
wischen Priestern der römischen Kirche in Dalmatien und 
Kroatien in Gebrauch ist. Was die Kyrillica betrifft, so 
lassen sich, meint er, ihre Spuren in der römisch-ka- 



250 

tholischen Kircbe bis zum 1716 hinab verfolgen; viele 
Meeresbewolmer lesen dieselbe bis auf den heutigen Tag, 
andere bewahren sie als ein uraltes Vermächtniss in fri- 
schem Andenken 2 ). Die Unart, fügt er endlich hinzu, 
slawo-serbisch mit lateinischen Buchstaben zu schreiben, 
datire sich erst seit der Mitte des XVII. Jahrh., also wo 
Micalia's Dictionarium sammt Grammatik erschienen ist. 
Gleichwol fehlt es nicht, was Solaric entgangen ist, an 
altern Versuchen, die dalmatische Landesmundart mit 
lateinischen Schriftzeichen zu schreiben. Der älteste dal- 
matische Schriftsteller ist ein unbekannter Priester zu 
Dioklea, der auf Verlangen seiner Mitbürger ums J. 1161 
eine Geschichte der südlichen Slawen zuerst in slawischer, 
nachher aber in lateinischer Sprache verfasst hat. Die 
slawische Urschrift 1510 in der Krajna gefunden, und 
von Marcus Marulus ins Lateinische übersetzt, (befind- 
lich in der Vaticana zu Rom unter N. 7019), weicht 
aber nicht nur von der lateinischen Chronik des Dioklea- 
tes, sondern auch von andern slawischen Abschriften be- 
deutend ab, wesswegen die Echtheit besagter Version 
von vielen bezweifelt wird. Caraman (in s. Considera- 
zioni 1753) erwähnt des Frater Bernardinus de Spalato 
Episteln und Evangelien (freilich in der altslawischen 
Kirchensprache), gedruckt 1495 zu Venedig mit latei- 
nischen Lettern. Hundert Jahre darauf erschien des Fau- 
stus Verantius Dictionarium quinque nobilissimarum 
Europae linguarum, Latinae, Italicae, Germanicae, Dal- 
maticae et Hungaricae, Ven. 1595. 4. (Megisers Dictio- 
narium quatuor linguarum, Graecii 1592. 8. enthält un- 
ter der Benennung „illyrice" nicht dalmatische , son- 
dern krainisch- windische Wörter). 

Aber selbst diese Versuche sind nicht die ältesten 
und ersten in ihrer Art; es ist vielmehr am wahrschein- 
lichsten, dass die Gewohnheit, das Slawoserbische mit 
lateinischen Schriftzügen zu schreiben, zu allererst in 
dem kleinen Freistaat Ragusa aufgekommen sey. Denn 

2 ) An&reas Zmäjevich, geb. zu Perasto, erzogen in Collegio der Pro- 
paganda, Erzb. von Antivari u. Dioklea, Primas von Serbien, schrieb im 
XVI. Jahrb. in vulgär- dalmatischer und lateinischer Sprache, ersteres mit 
kyrillischen Buchstaben, Annales ecclesiasticos vom Anfang der Welt bis 
auf seine Zeiten, die in der Biblioth. der Propaganda aufbewahrt werden. 



251 

bereits im XIV — XV. Jahrh. hatte diese Republik, aus 
der durch ein unerbittlich strenges Gesetz alle Orienta- 
lisch-Gläubigen auf ewig ausgeschlossen waren, unter 
dem Schutz der ungarischen Krone den höchsten Gipfel 
der Bevölkerung, des Handels und der Reichthümer er- 
reicht, und war im Besitze einer von altersher mit rö- 
misch-italienischen Lehrern besetzten Schule. So war 
Joh. von Ravenna, ein Schüler und Hausgenosse des be- 
rühmten Petrarca, und zuletzt Professor der Beredsam- 
keit und Kanzler zu Padua, zwischen 1370 — 1400 
Professor zu Ragusa und Secretär des Senats; im J. 1434 
wurde Philippus de Diversis de Ouartigianis, ein gebor- 
ner Luccheser, vom Senat als Artium Doct. und Profess. 
der Rhetorik nach Ragusa berufen. Nicht minder erspriess- 
lich für die beginnende literarische Cultur Ragusas war 
die gastfreundliche Aufnahme, die der ragusanische Se- 
nat den fliehenden Griechen, worunter die Gelehrten Jos. 
Laskaris, Demetr. Chalkokondylas, Emmanuel Marulus, 
Theod. Spanducinus und Paul Tarchaniotes, eine Zeit 
lang zu Theil werden Hess. Die ragusanische Schule 
wurde fortan mit italienischen Gelehrten besetzt. Der Ge- 
brauch der lateinisch-italienischen Sprache und Schrift 
führte natürlich auf ihre Anwendung in der Landesmund- 
art. Dass diess frühzeitig geschehen, lässt sich aus meh- 
reren Umständen entnehmen. Es ist bekannt, dass, weil 
die slawische Sprache im XV. Jahrh. sogar in den Ge- 
richten überhand genommen, der Senat 1472 ein Gesetz 
gab: dass wenigstens die Deliberationen und Beschlüsse 
des Senats in italienischer Sprache gehalten und abgefasst 
werden sollten 3 ). Nichts desto weniger, als die Wis- 
senschaften , vom Reichthum unterstützt , ununterbro- 
chen fortblühten, da schwang sich zu Anfang des XVI. 
Jahrh. auch die Nationalliteratur neben jenen zusehends 
empor. Besonders war diess mit der Dichtkunst der Fall. 
Dieselbe wurde durch Blasius Darxich (geb. 1474), 
Sigismund Menze (geb. 1475, gest. 1524), Mauro Ve- 
tranich (geb. 1482, gest. 1576) und Stephan Gozze, 
Vf. des berühmten slawischen Gedichts : die Derwischiade 
(1500 — 25), zum erstenmal mit Glück bearbeitet. In 

3 ) Appendini notizie istorico-critiche, Rag. 802. I. 205. ff. 



252 

den hierauf folgenden Zeiten der Ruhe und des Friedens, 
besonders während der Zeit, als der gelehrte Ludwig Be- 
catelli 1555 — 60 Erzbischof von Ragusa war, erreich- 
ten die lateinischen Studien, und in ihrem Gefolge auch 
die slawische Nationalliteratur die höchste Stufe. Für die 
gute Besetzung der Schulen ward fortwährend gesorgt. 
Im J. 1560 kamen die ersten Jesuiten nach Ragusa; al- 
lein bis zum J. 1684 gelang es ihnen nicht ein förmli- 
ches Collegium in Ragusa zu errichten, und sich auf die 
Bildung der Jugend Einfluss zu verschaffen. Der Geschicht- 
schreiber Nikol. Ragnina, der Vater der neuern ragu- 
sanischen Geschichte, schrieb damals seine Chronik in 
lateinischer Sprache, die bis 1545 reicht. Andr. Giubra- 
novich verfasste damals seine Jegjupka oder Aegypterin 
(Zigeunerin), ein scherzhaftes slawisches Gedicht in 158 
Ouartreimen, gedruckt zu Venedig 1559, und Martinus 
Darxich seine Tyrhena, eine Tragikomödie *). Diese 
glückliche Periode dauerte bis Ende des XVI. Jahrh. fort: 
während dieses Zeitraumes lebten die drei Geschichtschrei- 
ber: Franz Gondola, Seraph. Razzi und Euseb. Caboga, 
in lateinischer und italienischer Sprache; Dominicus Zla- 
tarich (geb. 1556, gest. 1608) huldigte den schönen 
Wissenschaften in slawischem Gewände; er übersetzte 
Tassos Amyntas, die Elektra von Sophokles, die Lie- 
besgeschichte des Pyramus und der Thisbe, gedruckt 
Ven. 1598, schrieb Idyllen u. m. a.; sogar eine Epigram- 
mendichterin hatte Ragusa in diesem Zeiträume aufzu- 
weisen, die Floria Zuzzeri, verheirathete Pescioni, gleich 
bewandert im slawischen und im italienischen Versbau 
1577 - 1600 5 ). 

Den dalmatischen Glagoliten lag es zwar ob, den 
Gebrauch ihres Alphabets und der altslawischen Kirchen- 
sprache zu schützen; nichts desto weniger gab es auch 
in Dalmatien schon jetzt nicht nur unter den Laien ei- 
frige Verfechter der Landesmundart, und der lateinischen 
Schrift, sondern selbst unter den Geistlichen Freunde 
und Nachalnner. Ausser den oben angeführten Episteln 
und Evangelien des licriiurdinus de Spalato sind noch zu 

4 ) Appendini a. ;•. <>• ./. C/>. Engel Gesch. d. Freistaats Ragusa, 
Wien 807. S. 197. 21(i ffi 

■) ylppendini a. a. O. Enael S. 228 ff. 



253 

nennen: des Minoriten Bandulovic, eines Bosniers aus 
Skopi, Episteln und Evangelien zu Venedig 1613, mit 
lateinischer Schrift, des Matthaeus Albati aus Spalato 
Officia zu Ehren der h. Jungfrau und die Leidensgeschich- 
te, dedicirt der Republik Ragusa 1616; des Barth. Cas- 
sio, Jesuiten aus Pago gebürtig, bosnisches Ritual, 1640 
zu Rom gedruckt, für den Ragusaner Gebrauch. Dieser 
Gassius hatte auch die h. Schrift A. und N. T. übersetzt, 
und lud die illyrische Geistlichkeit ein, „a supplicare 
dalla Propaganda, che fosse impressa la sua Biblia"; aber 
die Bischöfe setzten sich gegen deren Druck, indem sie 
aus Clemens VIII. Indice librorum prohibitorum die 
Stelle anführten: „Biblia vulgari lingua edita non pos- 
sunt legi, neque retineri, neque episcopi, neque inqui- 
sitores, neque regularium superiores dare queunt licen- 
tiam." Levakoviah gab selbst 1628 eine vulgär-kroati- 
sche (dalmatische?) Uebersetzung der Christenlehre des 
Bellarminus , 1635 aber ein Directorium sacerdotum, 
welches Simon Budineus, ein Priester aus Zara, verfassl 
und herausgegeben hatte, mit römischer Schrift und in 
der Vulgarsprache heraus. Von Anton Cacich, einem 
Zögling des Collegiums der Propaganda, und zuerst Bi- 
schof von Trau, dann Erzbischof von Spalato, hat man 
eine Moraltheologie In vulgarer Sprache gedruckt. Dabei 
drang er aber im Seminario auf den Jiteralslawischen 
Unterricht. Joh. Tomcus Marnavitius, aus einer serbi- 
schen nach Slawonien übersiedelten Familie stammend, 
zuerst Titular-Canonicus von Sebenico, dann 1622 Ca- 
nonicus von Zagrab, 1631 Bischof von Bosnien und Re- 
formator auctoritate apostolica der illyrischen Rcligions- 
bücher, auch Protonotarius apostolicus (gest. in Rom 
1639) gab die doctrinam Bellarmini im Vulgarillyrischen 
heraus, ob er gleich im Li teralsla wischen sehr erfahren war. 
Landessprachen , die zu Schriftsprachen erhoben 
werden, können, vorzüglich wenn sie sich fremde Schrift- 
zeichen aneignen, nur nach und nach in Grammatik und 
Lexico geregelt werden. Lange dauerte es in Dalmatien, 
bis eine bestimmtere Orthographie eingeführt wurde, und 
noch heut zu Tage wie schwankend ist sie nicht, selbst 
nach einem Della Bella, Voltiggi und andern! Den er- 



254 

sten Schritt hiezu machte der oben genannte Jesuit, 
Barth. Cassius, mit seinen Instit. linguae illyr. 1604. 
Nach ihm wollte um die Mitte des XVII. Jahrh. der Je- 
suit Micalia die dalmatische Rechtschreibung zweckmäs- 
siger einrichten. Sein Thesaurus linguae illyricae erschien 
1 049 (eigentlich 1651). In der Vorrede nennt er den 
Dialekt, in dem er geschrieben, zwar durchgängig slo- 
vi/t$ki\ sagt aber zugleich, man behaupte allgemein, dass 
die bosnische Mundart (besser Varietät) die schönste 
sey; es wate demnach die Pflicht aller illyrischen Schrift- 
steller, sich dieser Mundart im Schreiben zu bedienen, 
wessen auch er sich in diesem Wörterbuche beflissen ha- 
be. In der hierauf folgenden Abhandlung über die dal- 
matische Orthographie klagt er laut über die zeitherige 
Unbestimmtheit und Schwerfälligkeit derselben (inalo 
ich se nachodi, koi se pogadjaju u nacinju ot pisanja, 
i zu to je pomucnije stiti knige nasega jezyka slowi- 
ma diackirn upisanne), und verspricht eine passendere 
Combination der römischen Buchstaben, wobei die na- 
türlichen Laute der lateinischen sowol als der dalmati- 
schen Sprache gehörig berücksichtigt worden seyn sollen 
— die aber im Grunde nicht viel besser, als die vor- 
hergehenden, am allerwenigsten natürlich, leicht und 
erschöpfend ist; er schreibt z. B. für '& sg und sgj, aber 
dasselbe auch für tu, trrinje statt mpirfe, krriv statt 

KpB U. S. W. 

Im Laufe des XVII. Jahrb., wo die Ruhe der Re- 
publik Ragusa im Ganzen fortdauerte, blühte auch die 
Literatur bei d en Ragusanern fort, und hob sich sogar 
zusehends. Der Dichter Joh. Gondola, Sohn des oben 
genannten Geschichtschreibers Franz Gondola (gest. 1638), 
übersetzte Tasso's Jerusalem, und versorgte das slawische 
Theater zu Ragusa, das erste unter den Slawen, mit ver- 
schiedenen Dramen, z. B. Ariadne, Raub der Proser- 
pina, Galatea, Arinida, Ceres, Kleopatra, Sylvana und 
Amors Opfer. Eben derselbe besang in einem slawischen 
Epos, betitelt die Osmanide, in XX. Gesängen, die Tha- 
ten Osmans und der Polen in dem Feldzuge des J. 1621. 
Der Senat soll hievon den XIV. und XV. Gesang, aus 
allzuängstlicher Schonung gegen die Türken, unterdrückt 



255 

haben. Noch hat man von ihm einzelne kleinere Gedichte : 
Dubravka eine Idylle, Pjesni pokorne, Snze sina raz- 
metuoga u. m. a. — Junius Palmota (gest. 1657), der 
Sänger der Christiade, gedruckt zu Rom 1657, einer 
Art slawischer Messiade aus dem Lateinischen des M. H. 
Vida (Christiados L. VI. Cremon. 535. 4. Antw. 536. 8.) 
übersetzt, lieferte auch für das Theater mehrere Stücke, 
zum Theil aus dem Alterthum, z. B. Achilles, Oedipus, 
der Raub der Helena, zum Theil aber auch aus der Na- 
tionalgeschichte der südlichen Slawen entnommen: als 
Danica, Tochter der Ostoja, Paulimir und Zapüslawa. — 
3 oh. Bona (gest. 1658), verfasste Eklogen und andere 
kleine Gedichte, betitelt: Plandovagne oder Früchte der 
Müsse. — Raimundus Zamagna (gest. 1644), ein Domi- 
nicaner, liess die Regeln der slawischen Orthographie 
1639 zu Venedig drucken. — In Rücksicht der Schule 
in Ragusa ward in diesem Zeiträume das System, be- 
rühmte italienische Philologen zu berufen, aufgegeben. 
Um die Mitte des XVII. Jahrh. brachten es die Jesuiten 
dahin, dass ihnen die Besorgung der Schule anvertraut 
ward. Hier trieben sie vorzüglich nur lateinische Lite- 
ratur, und legten dadurch den Grund zum nachmaligen 
Verfalle der slawischen Literatur und des slawischen 
Theaters in Ragusa. Das schreckliche Erdbeben von Ra- 
gusa 1667 vernichtete den Wolstand der Republik in ei- 
nigen Minuten auf Jahrhunderte hinaus. Der Geist der 
slawischen Literatur wehte zwar noch, aber immer schwä- 
cher und schwächer über Ragusa. Jakob Palmota (gest. 
1680) schrieb sein treffliches elegisches Gedicht: Du- 
brownik ponovljen oder das erneuerte Ragusa, in XX. 
Büchern, aber unvollendet. - Joh. Gondola der Jüngere 
(gest. 1721), verfasste vier illyrische Dramen, betitelt: 
Suncianica, Radmio, Raklica u. Otto, ferner eine Idylle: 
die Thränen des Schäfers Radmio, und mehr and. kleine 
Gedichte. — Niki. Jo. de Bona schrieb ein Gedicht : Grad 
Dubrownik vlastelom u tresegnu, d. i. die Stadt Ragusa 
an ihre Beherrscher nach dem Erdbeben, gedruckt 1667. 
— Ant. Glegljevich, aus einer bürgerlichen Familie, lie- 
ferte die Dramen: Olympia, Damira und Zorrislava; da 
er aber auch Satyren schrieb, ward er 1728 eingeker- 



256 

kert, und starb bald darauf. — Marinus Tudisi, ein 
Senator von Ragusa, brachte ebenfalls auf das slawische 
Theater, dessen Stütze er war, einige slawische Ueber- 
setzungen von Moliere : seit seiner Zeit, deren Anden- 
ken noch in Ragusa lebt, verfiel das slawische Theater 
samint seiner Literatur. Dafür hat gegenwärtig Ragusa 
ein italienisches Theater. 6 ) 

In diese Periode fallen nun noch manche andere, 
meist - selbst in der Poesie — asketische Produkte der 
dalmatischen Nationalliteratur, als da sind die Werke 
und Schriften des Archidiakon Albertus, Michael Bahn- 
lina di Bona, J. Vucich Bona, Joli. Vucich Bona d. J., 
Marl. Bor es eich, Niki Dimifri, Petr. Eklorovich, Ge. 
Darxich, F. Angelo Gucetich (Andachtsbuch), Joh. 
Ivaniscevich, Alex. Komuli, Franz Lukari, Marl. Ma- 
xibradich, Vladisl. Mincetich (Trublja slovinska, Zorka 
u. s. w.), Niki. Naljesckovich (Lustspiele u. a. m.), Scisko 
Mincetich, Dinko Ragnina u. m. a. — Der Bischof von 
Makarska, Biankovich, gab eine Christenlehre im Vul- 
gär - dalmatischen, Ven. 708. heraus. — Andr. Cacich 
Mio s sich, ein Franciscaner und geborner Dalmatier aus 
ßrista, Lector der Theo!, in verschiedenen Klöstern sei- 
nes Ordens, hat eine schätzbare, doch nur mit kritischer 
Prüfung zu benutzende Sammlung verschiedener, meist 
eigener und neuer Nationalgesänge 7 ), welche die Tha- 
ten illyrischer Fürsten und Helden darstellen, veranstal- 
tet : Razgovor ugodni naroda slovinskoga, Ven. 759. N. 
A. von Ant. Puarich eb. 801. 4. - Im J. 1728 gab der 
Jesuit Ardelio de IIa Bella sein Dizionario Italiano-Lati- 
no-Illirico sammt einer vorangeschickten Grammatik in 
Venedig heraus. Er verliess die von MicaJia vorgeschla- 
gene Orthographie, und schuf sich eine neue, die nichts 
weniger als einfach und natürlich ist. — Aber den gröss- 
ten Freund und Verfechter fand die Landesmundart um 
die Mitte des XVIII. Jahrb. an Stephan Rosa, Priester 
und Sacresta an der Kathedral-Kirche zu Ragusa, wel- 
cher es sogar darauf anlegte, die Vulgarsprache statt 
der bisher in glagolitischen Büchern üblichen altslawi- 

6 ) Appendini a. a. 0. Enyel 8. 19. 235. 253 ff. 

T ) S. W. Stephanowic Srpske pjesrae I. S. XXXVIII. 



257 

sehen einzuführen. Zu diesem Zwecke verfertigte er eine 
Uebersetzung der h. Schrift in dalmatischer Landesmund- 
art, und Hess sie 1750 dem Papste Benedict XIV. über- 
reichen mit der Bitte, dass sie gedruckt werden möge. 
Er beging aber dabei die Unklugheit, seine Bemerkun- 
gen über die slawische Version im neuesten Missal unter 
dem Titel: Annotazioni in ordine alla versione slava 
del Missale Romaho, beizulegen, worin er Caramans gla- 
golitisches Missal vom J. 1741 sehr heftig tadelte, um die 
Notwendigkeit einer neuen Uebersetzung darzuthun. 
Selbst in Zara, wohin er mit den Abgeordneten von 
Ragusa gekommen war, streute Rosa den Inhalt seiner 
Kritik aus, das neue Missal enthalte Irrthümer u. Ke- 
tzereien, und sollte desshalb verbrennt werden. In sei- 
nen Annotazioni wollte Rosa mit untermischter vieler 
historischen Unwissenheit und Verdrehung glauben ma- 
chen: dass der echt-slawische Dialekt im ragusanisch- 
bosnischen fortlebe, und dass der ragusanisch-bosnische 
Dialekt nach Micalia und Della Bella der schönste unter 
allen slawischen sey; dass Kyrillus sich aus dem Slawisch- 
Thrakisch-Griechischen einen besondern Dialekt gebildet, 
in demselben seine Lehren nach dem Sinne der griechi- 
schen Kirche vorgetragen, und so eine verdorbene Kir- 
chensprache eingeführt habe; daher Caraman in seinem 
Missal sehr unschicklich kyrillische Sprache sowol als 
Uebersetzungsmethode befolge, ^e^en den Sinn der von 
Johann VIII. ertheilten Erlaubniss, „che Je cose sacre 
si celebrassero in lingua slava, e fossero bene interpre- 
tate", indem das Volk nicht einmal den Gottesdienst, 
der in solcher kyrillischen Sprache verrichtet würde, 
verstände 8 ). Noch in demselben Jahr wurden dem Erz- 



8 ) Hingegen schreibt der Erzb. Anclr. Zmajevich in einem Brief an 
Pastritius : Satius est et Dalmatiae utilius, dialecto illyrica literali missam 
peragere, quam usuali: nam populi eam audientes quaedam verba intel- 
ligunt, et in quorumdam pia contemplatione remanent. Auch Benedict 
XIV. schrieb in dem Tractat über die Messe, den er noch als Cardinal 
herausgegeben: Non esser espediente che la Messa sia tradotta in lingua 
volgare. Man schützte auch die bei einer Uebers. möglichen Fehler vor. Der 
gallicanische Klerus wollte das Missal, welches ein gewisser Dominicus Voi- 
sin 1660 ins Franz. übersetzt hatte, nicht leiden, sondern klagte beim 
Papst Alexander VII. und ruhte nicht, bis dieser 1661 die Uebers. ver- 
dammte, und der König die Verdammungssentenz exequiren liess. Rosa 
wird von Caraman mit Quesnel in Frankreich verglichen, welcher auch be- 

17 



258 

bischof Caraman, als er in Geschäften in Venedig war, 
die Annotazioni des Rosa nebst einem Briefe von der 
Propaganda mit dem Auftrage zugestellt, sie zweckmäs- 
sig zu beantworten. Diess that er in s. Considerazioni, 
die er 1753 dem Papste gewidmet hat. Caraman läug- 
net in dem ganzen Ms. nicht, dass der Unterricht des 
Volks in vulgarer Sprache geschehen könne. Er gibt 
sogar selbst Nachricht, dass das Rituale von Cassius ins 
Vulgare übersetzt worden, weil man in der rein slawi- 
schen Sprache nur ein Bruchstück eines solchen Rituals 
hatte, dass man das Todten-Officium in vulgarer Sprache 
singe, ja sogar die Formeln des Credo, Gloria u. s. w. 
auf den dalmatischen Altären in vulgarer Sprache hin- 
gemalt seyen, und dass man 1750 in Venedig auch ein 
vulgar-dalmatisches Missale drucken wollte , welches 
aber Caraman verhinderte. Er dringt nur darauf, dass 
das Missale und Brevier in der altslawischen Kirchen- 
sprache ferner verfasst, und die Geistlichkeit im Ver- 
ständniss dieser Sprache unterrichtet werden möge. Seine 
Hauptgründe bestehen darin: dass die altslawische Kir- 
chensprache die Mutter aller andern slawischen Sprachen 
sey, und dass, wenn vulgär-slawische Missale und Bre- 
viere gestattet würden, fast jede Gegend ihre eigene Ue- 
bersetzung des römischen Breviers haben müsste 9 ). Dass 
hingegen die altslawische Kirchensprache allen slawischen 
Völkern vom adriatischen bis zum Eismeer gemein sey, 
welches dem apostolischen Stuhl Aussichten und Wege 

hauptet: eripere simplici populo hoc solatium jungendi vocem suam voci 
totius ecclesiae, est usus contrarius praxi apostolicae et intentioni Dei: 
welcher Satz aber , nebst vielen andern , von der röm. Curie verdammt 
worden. 

9 ) Quanto rumore, heisst es §. 79., non farebbe la sola DalmaziaV 
Li Ragusei vorebbono la prelazione. Li Montenegrini la contra starebbono 
con archibugiate. Li popoli che sono fra li fiurni Narenta e Cherca (Titio) 
sosterebbono il proprio dialetto. Quelli, che sono fra la Cherca e Zerma- 
gna (Tedanio) non la cederebbono. Altri, che si dilatano dalla Zermagna 
fino al Arsa, riservarebbono a se stessi la gloria ; ne minor contrasto au- 
rebbono le Isole del Adriatico, le quali nel parlare non s'uniformano col 
Continente ne" tampoco fra se medesime. Altri vorebbono il dialetto d'Atha- 
nasio Giorgicei, il quäle tradusse e stampo in Vienna 1629 Tommaso a Kern- 
pis; altri quello del catechismo fatto tradurre et imprimere con caratteri 
cyrilliani da Gregorio VIII. Pont. (Summa doctrinae christianae Petri Ca- 
nisii traducta ex latina lingua in slavonicam 1583, von welchem Catechis- 
mus die Provincial-Synode von Aquileja 1596 beschloss: quem cupimus a 
clero illyrico frequenter tractari et legi, ut sit haec materna lingua sacer- 
dotibus lllyriae in promtu ad populos docendos.) 



259 

zur Vereinigung der noch schismatischen slawischen Na- 
tionen eröffne, indem die römischen Missale und Breviere 
in einer auch diesen verständlichen Sprache übersetzt 
wären. Hiernächst machte er auf die Nachtheile auf- 
merksam, die daraus entstünden, wenn die illyrische 
Klerisei, die man ohnediess nur mit Mühe dahinbringen 
könnte, sich mit dem neuen Missale zu versehen, indem 
sie sich lieber an die alten hielten, in dem Gebrauche des 
gemeinen Dialekts bei der Messe bestärkt würde. Man 
kann hieraus ungefehr abnehmen, mit welchen Waffen 
Caraman seine Gegner bekämpfte. Ueber beide Schrif- 
ten wurde das Gutachten gelehrter Männer eingeholt. 
Diess stellten Ant. Tripkovich, erwählter Bischof von 
Nona, und Basilius Bosichcovich, der ruthenischen Con- 
gregation Generalprocurator, im J. 1754 am 2. July aus. 
Dem Bischof von Nona, Anton, ward auch die Rosi- 
sche Uebersetzung des N. Testaments auf Befehl des Pap- 
stes zur Revision übergeben, um über den Dialekt der- 
selben sein Urtheil zu fällen. In seinem darüber ausge- 
stellten Zeugnisse vom 3. August sagt er, dass er die Ue- 
bersetzung gelesen, geprüfet und befunden, dass sie in 
ganz gemeinem, illyrisch-bosnischen, oder ragusanischen, 
jederman geläufigen und allgemein gebräuchlichen Dia- 
lekte abgefasst sey (eamque prorsus vulgari dialecto il- 
lyrica Bosnensi seu Ragusina omnibus pervia et usuali 
confectam reperi). In dieser Hinsicht konnte also die 
Rosische Uebersetzung sich keine Genehmigung verspre- 
chen, die sie denn auch nicht erhielt. Seit 1754 hat für 
eine illyrisch-dalmatische Uebersetzung der Bibel zum 
Gebrauche der Katholiken in Dalmatien, Bosnien u. Sla- 
wonien niemand gesorgt. So wurde denn die gemeine 
Landesmundart meist nur auf die Civilliteratur einge- 
schränkt. 

Allein die Blüthezeit der dalmatisch-ragusanischen 
Literatur war nun vorüber, und selbst in Ragusa, das 
sich in dem Frieden 1724 — 1763 bedeutend erholt hat, 
stand der Landesmundart keine günstige Aufnahme be- 
vor. Die Pfleger und Leiter der Wissenschaften waren 
und blieben noch immer die Jesuiten. Ihre Erziehung 
förderte mehr die lateinische als die slawische National- 

17* 



260 

Literatur. Seit Peter Boscovich (gest. 1727), dem Ue- 
bersetzer von Cid und von einigen ovidianischen Hero- 
lden, und Ignat Giorgi (gest. 1737), zuerst Jesuit, 
dann Benedictiner (Magdalena, Leben des h. Benedict, 
Psalmen u. s. w.), versuchten sich ohne vorzüglichen Ruhm 
Ignat. u. Anna Boscovich ums J. 1758, dann die Frauen 
Lucretia Bogascini, Maria Faccenda, Katharina Sorgo, 
und die Brüder Joseph (gest. 1764) und Damian Bet- 
tondi in kurzen slawischen Gedichten, meistens heiligen 
Inhalts. Junius Resti (gest. 1735), Seraph. Cerva (gest. 
1759) und Sebast. Bold (gest. 1777) bearbeiteten die Ge- 
schichte von Hagusa in politischer, kirchlicher, und letz- 
terer auch in literarischer Hinsicht, lateinisch. — Seit 
der Aufhebung der Jesuiten (1772) hob sich in Ragusa 
auch die slawische Nationalliteratur in etwas; die Sena- 
toren Petr. Ignat Sorgo und Luc. Bona (gest. 1778), 
waren Freunde und Kenner derselben, der erstere hat 
die zwei fehlenden Gesänge der Osmanide ergänzt. Ei- 
nen höhern Aufschwung konnte jedoch die dalmatische 
Literatur nicht gewinnen; die meisten Gelehrten von 
Ruf wählten zu ihrer Schriftsprache lieber die italieni- 
sche und lateinische, als die Landesmundart. 10 ) 

In den allerneuesten Zeiten haben sich um die dal- 
matisch - ragusanische Mundart vorzüglich Appendini, 
Voltiggi und Stulli verdient gemacht. Der Piarist Franz 
Maria Appendini, Rector u. Praefect zu Ragusa, gab 1808 
eine brauchbare Grammatik heraus. Derselbe schickte 
1806 dem Stullischen grossen Wörterbuche eine Ab- 
handlung: de praestantia et vetustate linguae illyricae, 
voraus, die freilich manche gewagte und übertriebene Be- 
hauptungen enthält. Ungleich besser sind s. Notizie isto- 
rico-critiche solle antichita storia e 1 letteratura de' Ra- 
gusei, Rag. 802 — 03, 2 Bde. 4., brauchbare Nachrichten 
von illyrischen Schriftstellern enthaltend. Des Istrianers 
Jos. Voltiggi Wörterbuch (Wien 1803) enthält auch eine 
Grammatik und darin eine Anweisung zur Orthographie 
die von jener des Micalia und Della Bella bedeutend ab- 
weicht. Das neueste und wichtigste Werk in der dalma- 
tischen Literatur ist das grosse Wörterbuch von Joa- 

10 ) Appendini a. a. 0. Engel 8. 28. 261. 272 ff. 



261 

chim Stulli, einem Franciscaner von Ragusa, eine Ar- 
beit, auf welche der 80jährige Greis 50 volle Jahre ver- 
wendet hat. Er Hess alle seine Vorgänger weit hinter sich 
zurück. In der Zueignung an Se. Majestät Ks. Franz dankt 
Stulli für die ihm in österreichischem Kaiserthum seit 
1782 gewordene Unterstützung und Belohnung. 11 ) 

Schliesslich fügen wir noch die Namen einiger, meist 
geistlichen dalmatisch - ragusanischen Schriftsteller bei, 
deren Schriften Dellabella und Stulli zum Theil ver- 
zeichnet haben. Es sind folgende: Vital. Adriasci Francisc. 
in Ragusa, Joh. Luc. Anticca Ragusaner, Ign. Aquilini 
Dominicaner in Rag., Steph. Badrich Francisc. in Dernisc, 
Ge. Barakovich aus Zara, Ge. Bassich Jesuit in Rag., 
Ign. Bedekovich, Sab. Bendeviscevich genannt Gozze, 
Steph. Benessa Rag., Bar. Better e Rag., Mich. Aug. 
Bnecsanin Kapuziner, Pet. Thom. Bogascinovich, Sim. 
Budineus aus Zara, Mich. Bunich Patrizier in Rag., Cau- 
scich Benedictiner, Cosmas Erzb. v. Spalato, Mich. Dra- 
gicevich Franc, aus Vergorac, Innoc. Garghich Francisc. 
in Ragusa, Äthan. Georgijew, Franz Glavinich Francisc. 
aus Istria, Timoth. Gleg Franc, in Rag., Vin. Gozze Domin. 
in Rag., Basti. Gradi Bened. in Rag., Ge. Grisich Prie- 
ster in Rag., Joh. Franz Gundulich, Joh. Luc. Guaragnin 
Erzb. v. Spalato, Pet. Knexevich Franc, aus Knin, Hyac. 
Komenius Dominic. in Rag., Franz Lallich, Pasch. Prirn. 
Latinich, Vlad. Letunich Franc, in Rag., Steph. Marge- 
iich Franc. Joh. Mattet Jesuit in Rag., Horaz Maxibra- 
dich genannt Scjuljag Ragusaner, Pet. Palikuchi, Lud. 
Radich Franc, in Rag., Bern. Riciardi, Mich. Scimunich, 
Joh. Sciumonoinch Priester in Rag., Bern. Sorgo Benedict, 
in Rag., Franz Pierko Sorgo, Joh. Stulli Ragusaner, Luc. 
Ter sich Priester in Spalato, Andr. Vitalich, Pet. Vule- 
tich, Givan Zadranin, Joh. Zanotti Canonicus in Zara 
(übers. Virgils Aeneis in Versen) , Mart. Zlatarich, 
Bern. Zuzzeri Jesuit in Ragusa u. in. a. 

ll ) Quellen. Ign. Giorgi, sulle antichita Jllyriche, Ms.; Eb. zählt 
in der Vorr. zu seinem illyr. Psalter über 30 gelehrte Ragusaner bis 1500 
auf. — Seb. Dolci de illyr. ling. vetustate et amplitudine, Ven. 754. Fasti 
literario-Ragusini, s. viror. literat. usque 1766. in Ragus. ditione prospe- 
ctus, Ven. 767. 4. — F. M. Appendini notizie istorico-critiche sulle anti- 
chita storia e' letteratura de' Ragusei, Rag. 802 — 03. 2 Bde. 4. — /. Ch. 
v. Engel Gesch. d. Freistaats Ragusa, Wien 807. 8. 



262 

§• 30. 
Sprache und Schriftwesen der Bosnier abendländischen Ritus. 

Die Bosnier abend], Ritus hielten sich in Sprache und 
Schrift fortwährend entweder an die Dalmalier, oder 
an die Kroaten. Ihre Literatur, bestehend aus lauter 
asketischen Schriften, bietet demnach, so wie ihre Mund- 
art, kein Ganzes, sondern nur einen Theil der dalma- 
tisch-kroatischen dar. Die meisten Nachrichten über die 
altern, durchgangig theologischen Schriftsteller Bosniens 
verdankt man dem bosnischen Franciscaner Philipp von 
Ochievia, der in s. Epitome vetustatum Bosnensis pro- 
vinciae im V. Cap. §. 5. einen Katalog derjenigen bos- 
nischen Schriftsteller liefert, die ihre Werke durch den 
Druck bekannt gemacht haben. Joh. Bandilovich gab 
Evangelien und Episteln heraus; Paul Passilovich, Mich. 
Radich, Steph. a Jaice, Matth. Divkovich, Joh. An- 
rieh, Ant Bachich, Laur. a Buda, Thomas Babich, 
Laur. a Gljubuski, Steph. Villov, Niki. Kessich, Hie- 
ronym Lipovcich, Ant. Papuclich, Luc. Glich , Fat. 
Hier, a Rama, schrieben verschiedene Erbauungsbü- 
cher. Ochievia selbst war ein fleissiger bosnischer theo- 
logischer Schriftsteller. *) 

§. 31. 

Sprache undSchriftwesen der Slawonier abendländischenRitus. 

Das Slawonische in dem ungrischen Krch. Slawonien 
ist keine besondere slawische Mundart, sondern nur eine 
Nuance der serbisch-dalmatischen. Die Slawonier gric- 



*) S. Epitome vetustatum Bosnensis provinciae, seu brevissimum com- 
pendium historico-chronologicum de antiquitate variisque suis vicissitudi- 
nibus et consistentia usque ad hacc tempora. Locupletata in bac nova edi- 
tione rionnullis additionibus , multoque pluribus locupletanda fuisset, ni 
carentia moniinentorum, ob ratioues in prologo iudicandas, cassum reddi- 
disset omne Studium. Congesta et compilata a P. Fhüippo (Laztrich) ab 
Ochievia, Provincialatu funeto, etc. Anconae 1776. 4. 



263 

einsehen Ritus gebrauchen im Schreiben die kyrillischen 
Schriftzeichen, und ihre Geistesproducte sind unter der 
Aufschrift „Serbisch" §. 23. mitbegriffen worden. Die 
katholischen Slawonier hingegen bedienen sich des latei- 
nischen Alphabets, nach einer eigenen, der dalmatischen 
und kroatischen am nächsten kommenden Combination. 
Sie haben nämlich das s für c, x für ac, z für 3, c für 
ij, ch für eil od. ^ mit den Dalmatinern, dahingegen 
dasyy statt des dalmatischen dj, gj, ly statt Ij, ny statt 
nj, sh statt sc mit den Kroaten gemein. Zur Zeit des K. 
Maximilian war die Reformation bereits bis nach Slawo- 
nien gedrungen, und hatte der Nationalliteratur unter 
die Arme gegriffen; allein sie wurde gar bald unterdrückt, 
und die Protestanten späterhin sogar von Aufenthalt und 
Gütern in den drei slawischen Königreichen: Slawonien, 
Kroatien u. Dalmatien ausgeschlossen. Die spätem Schrift- 
steller Slawoniens, ja einige sogar aus dem XV — XVI. 
Jahrh., schrieben ohne Ausnahme lateinisch, ßalth. Adam 
Kercselich gibt in s. Polit. instit. (Ms.) L. II. T. IX. §. 
17 ff. ein Verzeichniss derer, die sich vorzüglich mit ge- 
schichtlichen Forschungen befasst haben. Die ,,Collectio 
scriptorum ex regno Slavoniae (Zagrab 1774)" enthält 
kurze biographische Notizen von den sla wonischen Schrift- 
stellern in dem gedachten Zeiträume, deren Erzeugnisse 
alle lateinisch sind. In den neuern Zeiten erschienen ei- 
nige asketische Schriften sammt einigen wenigen Volks- 
büchern belehrenden und unterhaltenden Inhalts in der 
Buchdruckerei zu Essek und zu Ofen, welche letztere 
fortwährend alle Religions- und Unterrichtsbüchlein für 
Slawonien, als da sind Katechismen, Lese- und Gebet- 
bücher , druckt. In diese letzte Periode fällt auch die 
Abfassung der wenigen Sprachbücher von Relkovich, 
Angielich, Lanossovich. *) 

Von den hieher gehörigen slawonischen Schriftstel- 
lern neuerer Zeit, die beinahe ausschliesslich im Fache 
der Gottesgelehrtheit und der religiösen und Volks-Poesie 

*) Sprachbücher. Grammatiken: M. A. Relkovich neue slawonisch- 
deutsche Gramm., Agram 767. 8. N. A. von F. Angielich, Wien 774, 8. 
789. 8. — P. M. Lanossovich Einl. zur slawon. Sprache, Essek 778. 8. 2 A. 
789. 8. 3 A. Of. 795. 8. — Lexicon: {M. A. Relkovich) deutsch-illyrisches 
(d. i. slawonisches) u. illyr.-deutsches WB., Wien 796. 2 Bde. 4. 



264 

geschrieben haben, beschränken wir uns zu nennen : 
Anton Kanislich aus Pozega, Jesuit, hierauf Consisto- 
rialassessor ebendaselbst, verfasste ein erzählendes Ge- 
dicht: Sv. Roxalia Panormitanska, Wien 780. 8., und 
ein voluminöses Werk: Kamen pravi smutnye velike, 
iliti pocsetak i uzrok istiniti rastavlyenya cerkve istocsne 
od zapadne, Essek 780. 4. — Matth. Pet. Katancsiclu 
Franc, u. Prof. an der Pesther Univ., (gest. 1825) gab, 
ausser mehr. lat. Werken (In veter. Croat. patriam indaga- 
tio, Zagr. 790. 8., Specim. Piniol. Pannon. s. de orig. lin. et 
liter. Croat., Zagr. 795. 4., De Istro eiusque accolis, Of. 
798. 4., Orbis Antiquus, Of. 824. 4.), eine Sammlung 
origineller Gedichte heraus, worunter sich slawonische 
Idyllen in Hexametern u. a. Volkslieder befinden : Fru- 
ctus autumnales, Zagr. 791. 8. — Jos. Ant. Vlassich, 
Pfarr. in Kamenic u. Archidiakon, übers, des Innocen- 
tius III. Gedicht: Contemtus mundi, Essek 785. 8. — 
Jos. Steph. Relkovich v. Ehrendorf, Stabspfarr. in Vin- 
kovce, verfasste ein ökonomisches Werk: Kuchnik, in 
Reimen, Ess. 790. 8. — Math. Ant. Relkovich v. Eh- 
rendorf, Hauptmann, schrieb, ausser den schon genann- 
ten Sprachbüchern: Satir, in Versen, 3 A. Essek 822. 8. 
Nekje svashta Eb. 805. 8., Postanak naravne pravice, Eb. 
794. 8. — Alex. Tomikovich, Franciscaner der Capis- 
traner Provinz, übers, a. d. Italienischen: Xivot Petra 
V., Essek 794. 8. — Dan. Emir Bogdanich gab: Do- 
godjaji svieta, Wien 792. 8. heraus. — Karl Pavich, 
Pfarrer und Vice-Archidiakon in Mitrovic, übers, a. d. 
Teutschen : Politika za dobre lyude, Pesth (o. J.) 8. — 
Ivan Velikanovich aus Brod, Franciscaner der Capistra- 
ner Provinz, übers, ein geistliches Drama aus dem italie- 
nischen in Versen und Prosa: Sv. Teresia divica, Essek 
H03. 8. — Ivan Marevich, Domherr u. Prof. der Theol. 
in Fünfkirchen, übers, a. d. Lateinischen : Dila sv. inu- 
cstMiikah, Essek 800. \\ Bde. 8. — Ad. Philippomch von 
Heldenthal schrieb: Bazgovor priprosti, Ess. 822. 8. in 
Versen, Xivot Velikoga Biskupa Ant. Mandicha, Fünf- 
kirchen 823. 8. ebenf. in Versen. — Mich. Mihühjevich, 
Pfärr. in Drenja, gab: Dilorednik za kripostlyubnu za- 
bavu, Ess. 823. 8. heraus. — Adalb. Horvafh, Francis- 



265 

caner der Capistraner Provinz, verfasste geistliche Re- 
den : Nediljna govorenja, Of. 824. 2 Bde. 8., Korizmena 
govorenja od muke i smerti Gosp. Isu Kersta, Eb. 824. 
8., Sv. Govorenja od razlicsiti svetkovina, Eb. 824. 8. 

§. 32. 
Schicksale der Sprache und Literatur der Kroaten. 

Wie vieldeutig und schwankend das Wort Kroatien 
und kroatisch nach der altern Geschichte und unserer Er- 
fahrung sey, ist bereits oben §. 26 gesagt worden. Wir 
haben gesehen, dass das Kroatische in Gränz- od. Mili- 
tärkroatien ganz dem Dalmatischen, jenes hingegen, wel- 
ches in Provinciaikroatien, namentlich in den Gespan- 
schaften Agram, Kreuz und Varasdin und den angrän- 
zenden Districten gesprochen wird, dem Windischen ähn- 
lich, und nur eine Varietät desselben sey. Letzteres 
knüpft gleichsam das Serbisch-dalmatische an das Win- 
disch - krainische an. So haben z. B. die Kroaten, den 
Winden gleich, das harte / in Präteritis und am Ende 
anderer Wörter durchgängig beibehalten, wofür die übri- 
gen südlichen Slawen o sprechen: igral st. igrao. 1 ) 

Die pannonischen Slawen, welche bald nach Me- 
thods und Swatopluks Tode politisch unter teutsche und 
ungrische, kirchlich unter römische Botmässigkeit ka- 
men, fingen geraume Zeit vor der Reformation an, die 
übliche Landessprache mit lateinischen Buchstaben — 
aber leider fast in einer jeden Provinz nach einem an- 
dern System — zu schreiben. Seit dieser Zeit gebrau- 

l ) Die sogenannten Wasserkroaten in Ungern (Wieselburger , Oe- 
denburger, Raaber, Baranyer Gesp.), — nach Kollar (amoenit. iur. publ. 
I. 116.) Abkömmlinge der Bissener, die er für Slawen aus Bosnien hält, 
nach Bei (not. Hung. V. 14.) wahre Kroaten, „tum in istas oras tra- 
ducti, quum post cladem Ludovici IL arctiores fierent termini Plungariae, 
nach Hrn. Rumy gar directe Nachkommen der Russen (Ruthenier), die 
sammt den übrigen Russniaken im Gefolge der Magyaren nach Ungern ge- 
kommen seyn sollen — sind kein für sich bestehender, von den übrigen 
charakteristisch verschiedener slawischer Stamm, sondern nur eine Abart 
der eigentlichen Kroaten, daher denn auch ihre Mundart nur eine gebro- 
chene, und wegen ihrer Vermischung, mit Teutschen und Ungern bereits 
sehr getrübte Unterart der kroatischen ist, und den Uebergang von der- 
selben zu der krainisch-windischen bildet. 



266 

eben die katholischen Kroaten (denn die Slawoserben 
griech. Ritus im heutigen Kroatien gehören in sprachli- 
cher Hinsicht nicht hieher, sondern zu ihren anderwei- 
tigen Brüdern), ohne Ausnahme das lateinische Alphabet 
in ihrem Schriftwesen. Das glagolitische Alphabet konn- 
te, wie oben gesagt worden, seiner Unbehilflichkeit 
wegen, in Kroatien nie popularisirt werden. Zwar wur- 
de im XVI. Jahrh. von Primus Trüber zu Tübingen eine 
slawische Buchdruckerei mit lateinischen, kyrillischen 
und glagolitischen Typen errichtet, an welcher auch 
Steph. Consul, Ant. Dalmata und der Baron Hans Un- 
gnad einen thätigen Antheil nahmen, und welche die 
Verbreitung des lutherischen Lehrsystems unter den sla- 
wischen Völkern an der Sawe und Donau, ja selbst un- 
ter den Türken zum Zweck hatte. Merkwürdig sind, als 
die ersten Druckproben dieser Officin, der serbische Ka- 
techismus vom J. 1561. 8. mit kyrillischen, und der kroa- 
tische von d. J. mit glagolitischen Lettern 2 ). Indess 
fand diese Anstalt bald ihren Untergang, und die da- 
malige Religions-Gährung, die der kroatischen National- 
literatur gleichsam einen Schwung gegeben hatte, wurde 
bald erstickt. Einer von den eifrigsten Beförderern der 
neuen Lehre in diesen Gegenden war Mich, Brichich. Er 
war katholischer Pfarrer zu Muraköz. Als derselbe zum 
helvetischen Glaubensbekenntniss übergetreten, und das- 
selbe mit Predigten und Schriften verbreitet, so wurde 
er nach mehreren kanonischen Erinnerungen im J. 1574 
durch den Bischof Georg Draskovich, der erst 1563 von 
dem Tridenter Concilio zurückkehrte, auf einer Synode 
verdammt , seinem Werke eine Widerlegung entgegen- 
gesetzt, und die wider ihn gefällte Sentenz dem König 
Maximilian zur Bestätigung vorgelegt. Maximilian, des- 
sen duldsame Gesinnungen in Religionssachen zur Genüge 
bekannt sind, verfügte nichts widriges gegeu Michael, 

2 ) Die hieher gehörigen Drucke hat Hr. Kopitar in s. Gramm. S. 
438 ff. vollständig verzeichnet. Die wichtigsten darunter sind: a.) mit gla- 
gol. Buchstaben 1.) der Katechismus v. 1561. 2) der erste Theil des N. T. 

1562. 4 3.) der zweite Theil des N. T. 1563. 4. 4.) Augsb. Conf. 1562. 
5.) Apologie der Augsb. Confess. 1564. 8. 6.) Postille 1562. 4. b.) mit ky- 
rillischer Schrift: 1.) Katechismus 1561. 2.) der erste Theil des N. T. 

1563. 4. 3.) der erste Theil des N. T. 1563. 4. 4.) die Augsb. Conf. 
1562. 5.) Postille 1563. 4. u. s. w. 



267 

vielmehr (wie der Pauliner Venantius Glavina, der die 
Acten der Synode 1771 mit Noten und Corollarien her- 
ausgegeben, in s. 3ten Corollar bemerkt) schlug die 
protestantische Religion in Steiermark, Kärnten, Kroa- 
tien und Slawonien immer festere Wurzeln. Zu dem 
waren die Grafen Zriny starke Gönner und Anhänger 
des Protestantismus. Unter ihren Flügeln entstand zu 
Nedelic od. Nedelische eine Buchdruckerei, in welcher 
viele kroatische Bücher aufgelegt wurden, unter denen 
die kroatische Uebersetzung des Verböczischen Tripar- 
titums vom J. 1547 bemerkenswerth ist. Die zahlreichen 
Produkte waren Katechismen, und andere protestantisch- 
theologische Bücher, darunter auch jenes von Mich. Bu- 
chich. Georg Zriny hatte mit Beirath eines gewissen 
Malkötzy die ganze Insel Muraköz zur evangelischen Lehre 
gebracht ums J. 1580; sein Sohn, der jüngere Georg, 
ward 1623 wieder katholisch; auch seine Frau ward 
1646 katholisch. Auf den Landtagen 1607 und 1610 
protestirten die Bane von Kroatien, Erdödy und Dras- 
kovich , heftig gegen die protestantische Lehre, und 
schwuren ihr den Untergang 3 ). Nach dem Reichstage 
1687 hat der Bischof Martin Barkovich den reichen Steph. 
Jankovich, wegen seines evangelischen Glaubensbekennt- 
nisses auf einem kroatischen Landtage gezwungen „au- 
ctoritate (sagt Bedekovich in s. Nat. sol. s. Hieronymi 
752. fol.), qua instar Primatis ex speciali Leopoldi I. 
gratia pollebat' c , aus Kroatien zu wandern, und die 
Güter seinem katholisch gewordenen Sohn zu überlassen. 
So wurde gar bald ganz Kroatien und die Insel Mura- 
köz wiederum katholisch. Die literarische Cultur des 
Landes war nun in den Händen der Geistlichkeit und 
der Mönche. Mehrere Bildungsanstalten, freilich keine 
Pflanzschulen für die Nationalliteratur, aber doch we- 
nigstens Receptakeln des theologischen Wissens, kamen 
auf. — Beinahe alle kroatischen Schriftsteller des nun 
eintretenden Zeitraums schrieben nicht mehr in ihrer 
Muttersprache, sondern lateinisch. Ein grosser Theil der- 
selben beschäftigte sich mit der vaterländischen Geschichte. 
Interessante Nachrichten darüber (heilt der schon genannte 

3 ) 8. Engel Gesch. d. ungr. Reichs III. 469. 



268 

Balth. Ad. Kercselich in s. Polil. Inst. L. IL T. IX. §. 17 ff. 
und aus ihm Engel Gesch. d. ung. Reichs III. 145 — 47 
mit. Unter den von ihnen angeführten sind: der Dom- 
herr Joh. de Gnerche, Paul v. Ivanich, Bened. Vinco- 
vich, Petr. Petrecsich, Christoph, Kupinich, Alex. Mi- 
kulich, Thom. Kovacsevich, Paul Bar. Ritter, Georg. 
Mar cell 'ovich, Jos. Roich, Balth. und Alex. Batavich 
u. in. a. Ihre Schriften blieben meistens ungedruckt. Die 
meisten Versuche, die kroatische Sprache zur literari- 
schen Ehre zu bringen, und das Licht der intellectuellen 
Cultur in seinem Vaterlande anzufachen , machte um 
diese Zeit der Baron Paul Ritter. Geboren in Zeug und 
in Belgien erzogen, brachte er den Geschmack an Wis- 
senschaften in das noch rohe Kroatien. Er musste seinen 
wahren Vorsatz unter der Maske literarischer Charlata- 
nerie verstecken. Er fing von der Heraldik an, und fa- 
bricirte Stammbäume aus dem Kopf, um zu den Archi- 
ven zu gelangen. Nach seiner Agentie in Wien kaufte er 
sich zu Zagrab ein Haus und das Gut Schitjarevo. Im J. 
1691 erhob man ihn zum Vicegespan und Freiherrn. 
Er beredete die Stande der drei Reiche dazu, zu Zagrab 
eine Druckerei zu errichten ; hiedurch zog er sich aber 
nach der Hand viele Verdriesslichkeiten zu. Er ist der 
erste Herausgeber der zuerst unter dem Namen Paul 
Vitezovich (Ritter) erschienenen: „Kronika, aliti szpo- 
menek yszega szveta vekov." Ritter berief sich auf eine 
ältere dalmatische Chronik. Steph. Raffay, chori eccle- 
siae Zagrabiensis Praebendarius, setzte sie bis 1744 fort, 
und gab sie in demselben Jahre heraus. Niki. Lauren- 
chich, ein Jesuit, der sie mit Balth. Kercselich bis 1762 
fortsetzte und herausgab, liess den Namen Vitezovich 
(Ritter) weg. Noch gehört unter die gedruckten Werke 
Ritters: Sibylla, in kroatischer Sprache. Von den 16 
Msc, die er hinterlassen, ist hier sein: Lexicon slavoni- 
cuiii puritati suae sacrum restituens idioma, ferner seine: 
Grammaüca croatica, zu nennen. Er starb zu Wien im 
J. 1713 4 ). Der Verfasser d. ältesten kroatischen Sprach- 

*) Von ihm schreibt Kercselich: Scripsit pluriina. Mcditabatur hi- 
storiam Slavoniac : sed visa eius vulgari lingua edita ab illo chronica, item 
vulgo Sibylla, tantus in immortalis memoriae virum concitatus ab iis, qui- 
bus doctrinae et literae vi vocationis ineumbunt , est livor atque odium, 



269 

bnchs, eines kroatisch - lateinischen Wörterbuchs , ist 
Georg Habdelich 1670. Auf ihn folgte der Pauliner Joh. 
Bellosztenecz , mit s. Gazophylacium s. Latino-illyrico- 
rum (d. i. kroatischen) onomatum aerarium Zagrabiae 
1740. Ein Jahr darauf erschien des Jesuiten Andr. Jam- 
bressich Lexicon Latinum interpretatione illyrica (d. i. 
kroatischen), germanica et hungarica locuples, durch Vor- 
schub der Landstände von Kroatien auf der Landesuni- 
versität gedruckt. Der hinten angehängte, kleine kroa- 
tische Index ist 1739 von Franz Sussnik verfertigt, von 
Jambressich aber beibehalten und vervollständigt wor- 
den. Jambressich gibt den Unterschied zwischen dem 
Kroatischen und Dalmatisch-illyrischen nicht an , wie 
Bellosztenecz, sondern mischt beides untereinander. Da- 
für setzt er eine neue kroatische Orthographie fest, von 
welcher er am Ende auf 7 Seiten handelt. Natio illyrica 
sind auch bei ihm bald alle Slawen, bald nur die Kroa- 
ten, Dalmatiner und Slawonier. Lange schon war die 
kroatische, meist nach der im Ungrischen üblichen Com- 
bination der lateinischen Buchstaben eingerichtete, Recht- 
schreibung durch den Gebrauch und Lexica fixirt, als 
die ersten kroatischen Grammatiken von Sz. Märtony 
(1783) und Kornig (1795) erschienen 5 ). Als nach 
dem Tode Joseph II. die ungrischen Reichsstände auf 
die Einführung der magyarischen Sprache in allen öffent- 
lichen Geschäften statt der bis jetzt üblichen lateinischen, 
und beim Unterricht der Jugend statt der Muttersprache, 
nicht nur in dem eigentlichen Ungern, sondern sogar in 
allen seinen Nebenländern drangen; da erklärten sich 
die Abgeordneten der drei Königreiche Kroatien, Dal- 
matien und Slawonien auf dem Landtag 1790 heftig ge- 
gen diese Maassregel 6 ). Nichts desto weniger konnte, 

ut prope infinitis calunmiis et iniuriis affectus Viennam abiret, ibidem mor- 
tuus 1715. S. Engel Gesch. d. ungr. Reichs IL 145. 

5 ) Sprachbücher, Grammatiken : Auleit. zur kroat. Rechtschreibung 
Of. 780. 8. — (Szent- Märtony) Einl. zur kroat. Sprachlehre, o. Dr. (Va- 
rasdin) 783. 8. — F. Kornig kroat. Sprachlehre, Agram 795. 8. 810. 8. — 
S. Gyurkovechky kro. Gr. Of. 825. — Wörterbücher : G. Habdelich Dictio- 
narium (kroat.-lat.). Grätz 670. 8. — J. Bellosztenecz Gazophylacium s. 
Latino-illyricor. onomatum aerarium, Zagrab. 740. 4. — Andr. Jambressich 
Lex. Lat. interpretatione illyrica, germ. ethung. locuples, Zagrab. 742. 4. 

e ) Die lateinische Sprache, sagten sie, ist durch den Gebrauch von 
800 Jahren Constitutionen geworden; die Kroaten sind keine Unterthanen, . 
sondern Bundesgenossen Ungerns; die Gründe, die vom Hofe, von Galicien, 



270 

aus leicht begreiflichen Ursachen, auch späterhin der 
Cultur der kroatischen Mundart kein grösserer Spielraum, 
als jener, den sie in Unterrichts- und Erbauungsschrif- 
ten schon längst gehabt hat, gewonnen werden. Die 
katholischen Kroaten haben zwar ihre eigenen, d. i. in ih- 
rer Mundart gedruckten Evangelien und andere Bücher 
für den gemeinen Mann, aber noch immer keine ganze 
Bibel. Sie lesen meistens dalmatische Bücher, da der Un- 
terschied der Mundart äusserst gering ist. Ausser der 
Buchdruckerei in Agram, wo bisweilen kroatische Bü- 
cher religiösen Inhalts gedruckt werden, liefert die Uni- 
versitätsbuchdruckerei zu Ofen alle Elementarbücher und 
Katechismen für den Unterricht der kroatischen Jugend. 7 ) 
Unter den Nationalen, welche im verflossenen und 
gegenwärtigen Jahrhundert in kroatischer Sprache ge- 
schrieben haben, sind noch zu nennen: Jak. Pejacsevich 
Jesuit, P. Stephan Kapuciner und Prediger in Zagrab, 
gab eine Sammlung s. Predigten: Hrana duhovna ovehiez 
kerschanszkeh Zagr. 715-34. 5 Bde. 4. heraus, Ge. 
Mulich Jesuit, Marc. Krajachich, Franz. Tauszi, Zagr. 
Bischof, Ant. Tellitenovich Franciscaner, Ant. Nagy Ad- 
vocat, mehrerer Gespannschaften Gerichtstafelbeisitzer und 
kön. Bücherrevisor in Ofen, A. v. Mthanovich, k. k. Gu- 
bernial-Secretär in Fiume, Vf. mehrerer Abhandlungen 
über die Verwandtschaft der slawischen Sprache mit der 
Sanskrita, besitzt in der Handschr. ein kroatisches Epos 
von hohem poetischen Werth, betitelt: Syrene, S. Gyur- 
kovechky, Pfarrer zu Szamaric in der kroat. Gränze, Thom. 
Koschiak, National-Schulen-Inspector im Zagraber Bezirk 
u. s. w. 



Serbien u. s. w. und von Ungern selbst hergenommen werden, gehen die 
Kroaten nichts an, nur l /< von Ungern sollen geborne Ungern seyn , nur l /a 
aller Einwohner ungrisch reden; die ungrische Sprache ist noch keine ge- 
lehrte Sprache ; die Kroaten würden von den Geschäften verdrängt u. s. w. 
7 ) Quellen. M. P. Katancsich Specimen philologiae et geographiae 
l'annoniorum, in quo de origine, lingua et litteratura Croatorum disseritur. 
Zagrab, 795. 4. Etusd. de Istro eiusque accolis commentatio, üf. 798. 4. — 
J. Ch. v. Engel Gesch. d. ungr. Reichs Th. II. 



Fünfter Abschnitt. 

Geschichte der windischen Sprache und Literatur. 

§. 33. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Der südliche Theil des nachmaligen österreichischen 
Kreises, das heutige Kärnten, ist seit uralten Zeiten der 
Sitz desjenigen slawischen Stammes, der bei den Auslän- 
dern der Stamm der Winden heisst, sich selbst aber den 
Namen der Slowenzen beilegt *). Ob das alte Karanta- 
nien slawisch gewesen, darüber sind die Meinungen ver- 
schieden; so viel scheint jedoch gewiss zu seyn, dass die 
ersten Ansiedelungen der Slawen in diesen Gegenden be- 
reits ins V. Jahrh. nach Chr. fallen. Als nämlich nach 
Attilas Tode die Gepiden Dacien, die Gothen Pannonien, 
die Sciren, Satagaren und Alanen Niedermösien besetz- 
ten, überging ein Theil derjenigen Slawen, die zwischen 
der Theiss und Aluta ihre Wohnsitze aufgeschlagen hat- 
ten, und von den angränzenden kriegerischen Völkern 
gedrängt sich nicht auszubreiten vermochten, nach Steier- 
mark, Kärnten und Krain, und schlössen sich an die 
schon früher in Makedonien, Thrakien, Illyrien u. s. w. 

l ) Die zum Citiren so bequeme Benennung der Winden ist nicht 
ganz richtig. Nur die Steirischen und Kärntischen Slawen werden zum Un- 
terschiede von ihren teutschen Mitbürgern Winden d. i. Slawen genannt; 
(denn Wende, Winde ist das teutsche Synonymon für Slawe:) eben dess- 
wegen nennen sich die Winden selbst Slowenzi, d. i. Leute vom slaw. Volks- 
stamme. In Krain hingegen, wo das ganze Land von Slawen bebaut wird, 
fiel dieser Anlass weg , und der Specialname J£rainer , Krajnzi gilt aus- 
schliessend seit Mannsgedenken. Sprache, Kleidung, Lebensart ist die näm- 
liche bei den Winden , wie bei den Krainern, aber nie wird der Krainer 
Slowenz im speciellen Sinne, und umgekehrt der Slowenz nie Krajnz ge- 
nannt. Kopitar's Gramm. Vorr. S. VI. 



272 

angelegten slawischen Colonien an. Mit dieser Annahme 
stehen die späteren Einwanderungen der Winden bis 611 
und ihre snecessiven Niederlassungen an der Mut, Sawe 
und Drawe nicht im Widerspruch : denn es ist bekannt, 
dass die Uebersiedelungen der Slawen in neue Gegenden 
nicht auf einmal geschahen, sondern Colonien auf Colo- 
nien in verschiedenen Zwischenräumen folgten. Die 
Windischen in Kärnten und Steiermark geriethen sammt 
den Krämern schon unter Dagobert 629 mit den Fran- 
ken in Streit, und nachher völlig unter ihre Herrschaft. 
Zur Zeit, als in Mähren das grosse slawische Reich ent- 
stand, scheint auch Kärnten zu ihm gehört zu haben: 
von der. andern Seite erstreckte sich die Herrschaft der 
Awaren bis in diese Länder^ allein Karl der Grosse be- 
setzte diese Länder, und bald nach seinem Tode ent- 
stand die Karantaner Mark, die sich über Cilli bis zu 
der Sawe erstreckte. Die Markgrafen waren aus verschie- 
denen Häusern; bis 976 war Kärnten sogar mit Baiern 
vereinigt. Später führten die Markgrafen den herzogli- 
chen Titel, und Markward machte das Herzogthum 1073 
in seinem Stamm erblich, der aber schon 1127 erlosch. 
Ks. Rudolph gab 1276 das Land dem Grafen Mainhard 
von Tyrol; nach Erlöschen seines Stammes fiel es Oester- 
reich zu im J. 1335. — Steiermark gehörte anfangs zu 
der Karantaner Mark; der erste Markgraf von Steier- 
mark ist Ottokar I. 974. Die Mark von Untersteier wur- 
de 1180 zum Herzogthum erhoben. Nach dem Tode Ot- 
tokars VI., der 1192 ohne Erben verstarb, kam die Mark 
an Oesterreich, doch mit Beibehaltung der einheimischen 
Verfassung. Nach dem Erlöschen des österreichischen 
Haunstamines bemächtigte sich ihrer Ottokar, Kg. von 
Böhmen, der aber 1276 von Rudolph von Habsburg 
gänzlich vertrieben wurde. Seitdem verblieb Steiermark 
hei Oesterreich. — Das alte windische Land, oder die 
Krainer Mark, hatte zur Zeit der Longobarden u. Fran- 
ken eigene Fürsten. Karl der Grosse unterwarf sich auch 
dieses Land, und gab es dem Hzg. von Friaul. Später 
wurden eigene Markgrafen ernannt, die ihren Sitz zu 
krainburg hatten. Mit dieser Mark war Istrien und 
Friaul häufig verbunden, allein Krain sonderte sich ab, 



273 

wurde zerstückelt, und fiel, von dem tapfern Friedrich 
von Oesterreich erobert, nachher dem Rudolph von Habs- 
burg zu. Im J. 1364 wurde Krain ebenfalls ein Herzog- 
thum. - In den neuesten Zeiten erzwang Napoleon im 
Pressburger Frieden die Abtretung von Krain, dem Vil- 
lacher Kreis, Friaul, Istrien und Kroatien südwärts der 
Sawe, und verwandelte diese Districte in eine eigene 
Provinz seines Reichs, der er den alten Namen Illyrien 
gab, und zu der er noch Dalmatien, das Littorale und 
Theile von Tyrol schlug. Nachdem aber Oesterreich 
1813 den rechtmässigen Besitz dieser Länder wieder er- 
langte, trennte es Dalmatien und die übrigen Districte 
davon, und erhob Kärnten, Krain, österreichisch Friaul 
und Trieste unter dem Namen Illyrien zu einem unauf- 
löslich mit seiner Monarchie verbundenen Königreiche. 
Das Hzgm. Steiermark verblieb bei seiner vorigen Be- 
gränzung und Verfassung. — Die Winden dehnten sich 
bereits in den ältesten Zeiten ausserhalb Steiermark, 
Kärnten und Krain in den westlichen Comitaten Ungerns, 
vorzüglich in Szala und Eisenburg (160 Ortschaften), 
bis an die Thore Wiens aus, dessen Wochenmärkte sie 
besuchen. Ungefehr 800,000 an der Zahl, nämlich 300,000 
in Untersteiermark, 100,000 in Unterkärnten — denn 
die obern Theile dieser Provinzen sind von Teutschen 
besetzt — 350,000 in Krain und 50,000 in Ungern, 
sind sie, bis auf 15,000 lutherische in Ungern, sämmt- 
lich der katholischen Religion zugethan. 2 ) 

2 ) Em. Frölich specimen Archontologiae Carinthiae, W. 758. 2 Bde. 
4. — (Anselm) Gesch. d. Hzg. Kärnten, W. 781. 8. — K. Mayers Gesch. 
von Kärnten, Cilly 785. 8. — M. Hansitz analecta s. collect, pro hist. Ca- 
rinth., Mrnb. 793. 8. — A. J. Caesar annal. duc. Styriae 768. 3 Bde. fol. 
Eb. Staats- und Kirchengesch. d. Hzg. Steiermark, Grätz 786 — 88. 7 Bde. 
8. — J. v. Baumeister s Vers. e. Staatsgesch. von Steierm. W. 780. 8. — 
J. W. Valvasor\s Ehre d. Hzg. Krain, herausg. von E. Francisco Laib. 
689. 4. fol. — A. Linhart Vers. e. Gesch. von Krain, Laib. 788 — 91. 2 Bde. 
8. — J. M. Liclüenstem Handb. d. Geogr. d. österr. Kaiserstaats, W. 817 — 
18. 3 Bde. 8. — Eb. allg. üebersicht d. Hzg. Steiermark. W. 799. 8. — A. 
J. Caesar Beschreibung von Steiermark,Gratz 773 — 86. 2 Bde. 8. — J. K. Kin- 
dermann hist. u. geogr. Abriss d. Hzg. Steierm., Grätz 779 — 80. 3 A. 787. 
8. Eb. Beiträge zur Vaterlandskunde für Inner- österr. Einw., Eb. 790. 2 
Bde. 8. Eb. Repert. d. Steierm. Gesch. Geogr. Topogr. Statist, u. Naturhist.', 
Eb. 798. 8. Eb. Vaterl. Kalender für die Steierm. Eb. 799 - 800. 8. - H. 
G. Hofs hist. stat. topogr. Gemälde von Krain u. Istrien, Laib. 808. 2 Bde. 
8. N. A. Wien 3 Bde. 8. — Diewald d. Hzg. Krain, mit Görz u. Gradiska, 
Nürnb. 807. — J. Rohr er s Abriss d. westl. Provinzen d. österr. Staates, 
Wien 804. 8. — Die illyr. Provinzen u. ihre Bewohner, W. 812. — J. A. 

18 



274 

§. 34. 

Charakter der windischen Sprache. 

Die windische Sprache im weitem Sinne, wie sie von 
den Slowenzen in Unterkärnten und Untersteiermark, 
ferner in den westlichen Gespanschaften Ungerns, und 
von den Krajnzen in Krain gesprochen wird, bildet nur 
eine Mundart. Allerdings zerfällt das Windische in Kram 
in zwei Sprecharten, in das Ober- und Unterkrainische; 
aber diese können höchstens als zwei Varietäten einer 
und derselben Mundart, und keineswegs als zwei ver- 
schiedene Species gelten. Die unterkrainische Varietät 
zeichnet sich durch Verziehung der Wörter und durch 
eine besondere Abneigung vor dem o aus, wofür die 
Unterkrainer meistens u, manchmal auch «, je nachdem 
das o sich nämlich in der guten Aussprache mehr dem u 
oder dem a nähert, sprechen, als kust, slabüst, dabrü- 
ta, si vidil mja mater, psheniza nu prudaj pejlem, st. 
kost, slaböst, dobröta, si vidil mojo inater, pshenizo na 
prodaj feiern; dagegen liebt der Oberkrainer das o wie- 
der zu sehr, und räumt ihm sehr oft den Platz des u 
ein, als proti sonzo, kaj mo je\ st. proti sonzu, kaj mu 
je, Laibach ist der Scheidepunct der beiden Hauptva- 
rietäten, woselbst aber schon unterkrainisch gesprochen 
wird. Die windischen Schriftsteller mögen geglaubt ha- 
ben, die Sprache der Hauptstadt müsse Schriftsprache 
seyn, daher in den windischen Büchern durchgängig die 
unterkrainische Varietät herrschend ist, der nur in ety- 
mologischer Hinsicht der Vorzug vor der mehr abge- 
schliffenen Oberkrainischen gebühren mag. Die windi- 
sche Mundart in der engsten Bedeutung, nämlich die 
in Kärnten, Steiermark und westlichen Ungern, ist dem- 
nach nichts, als eine Fortsetzung der krainischen, und 
zwar gehört das Windische in Kärnten zum Oberkraini- 
schen, das in Untersteier zum Unterkrainischen. Dass 

Demjan stat. Darstell, d. illyr. Provinzen (in d. europ. Annalen 810, St. 1.) 
— F. X. Sartori Gec-gr. von Steiermark, Grätz 816. 8. — J. M. v. Lichtenstem 
stat. geo#r. Landesschematism. d. Hrz. Steierm., Wien 818. 8. — B. Hacquet 
phye. polit. Reise durch d. Jul. Karn. u. s. w. Alpen, Lpz. 785. 2 B. 8. — 
{Rohrer) Vers, üb d. slaw. Bewohner d. österr. Monarch., W. 804. 2 B. 8. 



275 

aber besondere Grammatiken der windischen Sprache 
existiren, kommt daher, weil diese Slawen politisch und 
hierarchisch eine Zeitlang in andere Wirkungskreise ge- 
hörten, als die Krainer. Nur auf jener Classifications- 
stufe, auf der die oberkrainische Mundart von der un- 
terkrainischen zu trennen seyn wird, wird man auch 
auf die individuellen Nuancen der windischen Rücksicht 
zu nehmen haben. So scheint das Windische im Südosten 
von Steiermark, auch an der Mur und Raab, den Ue- 
bergang vom Krainischen zum Kroatischen zu bilden. — 
Das Gebiet des windischen Dialekts wird demnach durch 
den Isonzo, die obere Drawe, durch Kroatien und das 
adriatische Meer begränzt. *) 

§. 35. 

Schicksale der windischen Sprache und Literatur. 

Ueber den Anfang des windischen Schriftwesens waren 
die Meinungen der slawischen Philologen lange Zeit ver- 
schieden. Ehedem schien es ausgemacht, dass die win- 
dische Mundart vor der Reformation nicht aufs Papier 

*) S. Kopitar's Gramta Vorr. XXXVI. Nachschr. S. 457. Sprachbü- 
cher: Grammatiken. 1.) Von Winden, O. Gutsmann wind. Sprachl., Kla- 
gend 777. 8. Dieselbe u. d. T. Anleit. z. wind. Spr., Cilly 786. — G. Sellenko 
Slovenska gramm., Cilly 791. 8. — J. L. Schmigoz theor. prakt. wind. 
Sprachl., Grätz 812. — Peter Dainko (Weltpriester, Kaplan in der Stadt- 
pfarre zu Radkersburg) Lehrbuch der windischen Sprache, ein Versuch zur 
gründlichen Erlernung derselben für Teutsche, zur vollkommeneren Kennt- 
niss für Slowenen, Grätz 824. 8. IL) Von Krainern. A. Bohorizh ar- 
cticae horulae succisivae de latino-carniolana litteratura, Viteb. 584. 8. — 
(P. Hippolytusl) Gramm, lat.- germ.- slavonica, Lab. 715. 8. — Grammatica 
od. wind. Sprachl. Klagenf. 758. 8. — P. Marcus krainska gramm., Laib. 
768. 8. 2 A. 783. 8. — B. Kopitar's Gramm, der slaw. Sprache in Krain, 
Kärnten u. Steierm., Laib. 808. 8. — V. F. de Weissenthnrn Saggio gram- 
maticale Italiano-Cragnolano, Triest 811. 8. — V. Vodnik pismenost ali 
gramm. sa perve shole, Laib. 811. 8. — Franz Seraph. Metelko (Welt- 
priester, Professor der slawischen Sprache und Literatur am k. k. Lyceum 
zu Laibach) Lehrgebäude der slowenischen Sprache im Königreich Illyrien 
und in den benachbarten Provinzen, nach dem Lehrgebäude der böhmischen 
Sprache des Herrn Abbe Dobrowsky (1825.) 

Wörterbücher: I.) Von Winden. 0. Gutsmann deutsch, wind. W. B. 
Klagenf. 789. 4. II.) Von Krainern. H. Megiseri dictionarium quatuor 
linguarum, vid. germ. lat. illyr. (d. i. krainisch od. windischj et itali- 
cae, Graecii 592. 8. N. A. Klagenf. 744. 8. — P. Marcus kl. Wörterb. in 
drei Sprachen (krainisch-deutsch.-lat.) Laibach 761. 4. Dazu d. Supple- 
ment: Glossarium slavicum, Wien 792. 4. 

18* 






276 

gebracht worden sey. Allein spätere Erfahrungen zeigten 
zur Genüge, dass der Anfang der Schreibekunst bei den 
Karantaner - Slawen wo nicht in die vorkyrillische Pe- 
riode, so doch in diese hinaufgeruckt werden müsse. 
Diess ist durch die Entdeckung der überaus wichtigen 
windischen Fragmente in München ausser allen Zweifel 
gesetzt worden. Hier w r ar man nämlich so glücklich, in 
einer alten Handschrift, die Jahrhunderte lang im Stifte 
Freisingen aufbewahrt war, drei kurze slawische Aufsä- 
tze aus den ältesten Zeiten im windisch-krainischen Dia- 
lekte zu entdecken. Im neuen Literar. Anzeiger 1807. 
N. 12. S. 190 findet man die erste Anzeige dieser Denk- 
mäler der slawischen Vorzeit. Später prüfte Hr. Do- 
browsky die Handschrift an Ort und Stelle, und berich- 
tete darüber in der Slowanka Th. I. S. 249 fF. Seitdem 
beschäftigt sich Hr. Kopitar mit einer kunstgerechten Er- 
klärung dieser unschätzbaren Denkmäler seiner Mutter- 
sprache. (Rec. d. Dobrowsk. Gramm, in d. Wien. Jahrb. 
XVII. Bd.) Es sind drei mit lateinischen Buchstaben ge- 
schriebene windische Aufsätze, von zwei Missionären, 
deren jeder seine eigene Orthographie hat: 1.) eine of- 
fene Beichte, die die Gemeinde dem Priester nachzube- 
ten gleich in der Ueberschrift aufgefordert wird , 35 
Quartzeilen; 2.) eine Homilie von dem zweiten Schrei- 
ber, 113 Zeilen auf 7 Columnen oder 3 '/ 2 Ouartseiten; 
3.) ebenfalls vom zweiten Schreiber: eine andere Beicht- 
formel, 74 Zeilen auf 5 Columnen. Das Ganze ist ein 
Bruchstück auf neun Ouartseiten des nordkarantanischen 
Vademecum eines Freisinger Missionärs, sehr wahrschein- 
lich in erster Abfassung vorkyrillisch — im J. 769 liess 
sich der Abt von Scharnitz in Tyrol die Gegend um In- 
niclien vom Hzg. Thassilo schenken, namentlich um die 
Slawen zu christianisiren, und auch die andern Stiftun- 
gen im Slawcnlande erhielt Freisingen vor dem J. 1000 
— und in dem Münchner Codex von einer Hand des X. 
Jahrb. abgeschrieben. Die Orthographie ist sehr ungleich, 
und die häufige Verwechslung des b mit p verräth einen 
Schreiber, der kein geborner Slawe seyn konnte — wie 
hätte er sonst bod anstatt pod, ho anstatt po schreiben 
können? — Der Besitzer dieser Handschrift war all t 



277 

Wahrscheinlichkeit nach ein Geistlicher aus dem Bisth. 
Freisingen, der sich zu seiner Agenda diese Formeln bei- 
schrieb, um unter den Winden in Kärnten und Krain, 
oder bei den bairischen Slawen seinem Berufe gemäss 
davon Gebrauch zu machen. Denn dass Kärnten in den 
Jahren 772 — 976 grösstenteils einerlei Regenten mit 
Baiern gehabt habe, ist eine geschichtlich erwiesene 
Tbatsache 1 ). Das Licht des Christenthums und in sei- 
nem Gefolge die erste Morgenröthe der aufgehenden Cul- 
tur kam also zu den südwestlichen Donausiawen zuerst 
über Salzburg, wahrscheinlich schon um die Mitte des 
VIII. Jahrh., aus Teutschland her 2 ). Allein aus diesem 
ganzen Zeitraum erhielt sich, ausser den schon genann- 
ten Fragmenten , weiter Nichts , was uns über den da- 
maligen Zustand der Sprache dieser Slawen Aufschlüsse 
geben könnte. Um das J. 870 scheint sich Method, 
Erzb. von Mähren und Pannonien, in dem Gebiete des 
slawischen Herzogs Chocil in Pannonien aufgehalten, und 
die slawische Liturgie sowol hier, als in Krain u. Kärn- 
ten eingeführt zu haben. Allein, schon bei Lebzeiten 
Methods von den Salzburger Erzbischöfen, welche die 
Verdrängung der lateinischen und Einführung der sla- 
wischen Liturgie als einen Eingriff in ihre Rechte be- 
trachteten, mit Unwillen angesehen, und nach seinem 
Tode um so nachdrücklicher bekämpft, musste sich der 
slawische Gottesdienst bald aus diesen Ländern flüchten, 
ohne bleibende Spuren seines ehemaligen Daseyns hinter- 
lassen zu haben. Hrn. Kopitars Beweise für die Karan- 
tanität der altslawischen Kirchensprache, die auf der 
Aunahme beruhen, dass Methods Kirchensprengel auch 
das alte Karantanien umfasste, haben wir bereits oben 
%. 10. angeführt. — Jahrhunderte des tiefsten Schweigens 
folgen auf die ohnehin wenig aufgehellte Vorzeit. Denn 
was der krainische Geschichtschreiber Linhart von dem 
Gebrauch der glagolitischen Schrift in Krain bis ins XVI. 
Jahrh. vorbringt , ist unerheblich. Seine Behauptung 

*) Eigentlich war Kärnten nur unter Thassilo von 772 — 788 Baiern 
einverleibt. Später (863) wurde Karlmann, Kg. der Baiern, zugleich Hzg 
v. Kärnten, letzteres wurde aber immer als eine selbständige Provinz betrachtet. 

2 ) Anonymus de Conversione Bojoariorum et Carantanorum, in den 
Scriptor. hist. Franc. Par. 636. T. 2. und öfters. 



27 8 

gründet sich bloss auf zwei von alten Bücherbünden ab- 
gelöste, mit glagolitischen Charaktem beschriebene Per- 
gamentblätter, die nun in der Baron Zoisischen Bücher- 
Sammlung sich befinden. Es sind Fragmente eines Mis- 
sais oder Breviers. Die Sprache darin ist nicht krainisch, 
sondern die aller slawischen Missale, die sogenannte Li- 
teral- od. Altslawische. Eben so wenig beweisend ist die 
von Kumerdey erwähnte „verlässliche Spur", dass in 
der Filialkirche Lanzowo in Oberkrain noch unlängst (1780) 
ein mit glagolitischen Lettern geschriebenes Missal vor- 
findig gewesen; oder die archivarisch constatirte Klage 
der Pfarrgemeinde von Kreuz bei Neumärktl in Ober- 
krain wider den sogenannten Presbyter Glagolita, der 
dort die Messe nach einem glagolitischen Missal las, bis 
es ihm auf diese Klage 1617 vom Laibacher Bischof Tho- 
mas (Krön) eingestellt wurde. Wahrscheinlich war es 
ein von Istrien oder Kroatien vertriebener Pope, der 
sich durch Messelesen seinen täglichen Unterhalt erwarb. 
Und am Ende, was kann ein im Lande vorgefundenes 
glagolitisch geschriebenes literalslawisches Missal, und 
ein Pope, der daraus Messe liest, dafür beweisen, dass 
die Krainer auch ihre Landessprache mit glagolitischen 
Buchstaben geschrieben haben? Die Geschichte berech- 
tigt uns mit keinem Worte zu einer solchen Vermuthung r 
und selbst die Worte Georg Dalmatins, die Linhart miss- 
verstanden zu haben scheint, sind ihr entgegen. Die 
windische Sprache, sagt er, wie sie in diesen Landen 
(Kärnten, Steiermark und Krain) gebräuchlich, ist erst 
vor dreissig Jahren (Trüber hatte dreissig Jahre vor 
Bohorizh angefangen) nicht geschrieben oder aufs Papier 
gebracht worden. Noch bestimmter ist eine Stelle aus 
Trubers Vorr. zur 2 Aufl. s. übers. N. T. Tübing. 1582. 
„Vor 34 Jahren war kein Brief oder Begister, viel we- 
niger ein Buch in unserer windischen Sprache zu finden; 
man meinte, die windische und ungrische Sprache seyen 
so grob und barbarisch, dass man sie weder schreiben 
noch lesen könnte. " 3 ) 



*) Kofitars Gramm. Vorr. S. XXXIII. Dieses Meinen, sagt Hr. Ko- 
nitar a. a. 0., wird begreiflich, wenn man bedenkt, dass die Teutschen im 
XVI. Jahrh. noch viel weniger als jetzt, aus grammatischen Gründen ihre 



279 

Zur Zeit der Reformation also war seit Kyrill und 
Alethod der windische Dialekt zuerst geschrieben und ge- 
druckt. Die neue Lehre, sagt Hr. Kopitar, fand bei un- 
sern Herren, wie bei ihren Brüdern in dein übrigen 
Teutschlande willkommene Aufnahme und eifrige Beför- 
derung. Ums J. 1550 versuchte es der Domherr Primus 
Trüber das Krainische mit lateinischen Buchstaben nach 
der teutschen Aussprache derselben zu schreiben ; denn 
die Leser, für die Trüber schrieb, die Geistlichen näm- 
lich, denen er zur Verbreitung der Reformation in die 
Hände arbeiten wollte, kannten keine andern. Trüber 
überliess es, wie es die Teutschen noch jetzt mit dem s 
am Anfang der Wörter thun, z. B. sieben cribrare und 
sieben septem, der Entscheidung des Lesers, wann das 
s, und so auch das combinirte sh scharf, und wann lind 
auszusprechen sey; er gebrauchte keine Accente, zeigte 
auch das, den Slawen mit den Franzosen und Italienern 
gemeine mouillirte n und l nie in der Schrift an, gab 
den Substantiven Artikel , und germanisirte überhaupt 
stark. Trubers Mängel blieben auch nicht unbemerkt; 
in der Bar. Zoisischen Bibliothek befindet sich eine Ue- 
bersetzung von Spangenbergs Postille, gedruckt zu Lai- 
bach 1578. 4., wahrscheinlich von Dalmatin. In diesem 
Werk herrscht erstens eine bessere Orthographie (das 
3, ac, c und in des slawischen Alphabets , so wie das 
mouillirte l und n schon angedeutet), und zweitens eine 
den südslawischen Dialekten sich nähernde Sprache, die 
der Autor pravi slovenski jesik nennt, zum Beweise, 
dass er mit Trubers zu örtlicher und aus individuellen 
Ursachen germanisirender Diction nicht zufrieden war. 
Der Vf. macht alle Neutra, die Trüber in u machte, in 
o, wie sie auch wirklich in Oberkrain und bei allen an- 
dern Slawen in o gebildet werden ; er ist an in- und 
extensiver Sprachkenntniss Trubern weit überlegen. Trü- 
ber schrieb „zur Beförderung seiner Lehre", Dalmatin 

eigene Sprache so od, so schrieben; sondern nur auf Gerathewol, und wie 
sie sich erinnerten, es so od. so einer beim andern gelesen zu haben: kein 
Wunder, dass sie weder aus noch ein wussten, um eine noch nie geschrie- 
bene Sprache zu schreiben, wobei also Niemanden nachgeschlendert, son- 
dern ein wenig selbst gedacht werden musste. Der h. Kyrill meinte in der 
nämlichen Sache ganz anders, als die Teutschen. 



280 

aber auch zur „Aufnehmung der Sprache selbst 4 '; daher 
in erwähnter Postille mehrere Wörter und Sprachfonnen 
vorkommen, die sich weder bei Trüber, noch in der 
Bibel 1584, wol aber in der altslawischen Kirchenspra- 
che finden; während Trüber „schlechthin bei der gemei- 
nen windischen Sprache, wie man sie auf der Rashiza 
redet, bleiben, und ungewöhnliche kroatische Wörter 
weder aufnehmen noch selbst bilden wollte.' 4 4 ) 

Da Trubers und Dalinatins literarische Thätigkeit 
in das Wesen der geistigen Cultur und die Sprachbildung 
nicht nur des windischen, sondern auch des kroatischen 
und dalmatischen Slawenstammes um diese Zeit tief ein- 
griff, so wird es nicht unzweckmässig seyn, einige Data 
aus der Geschichte dieser Männer und ihrer Gehilfen an- 
zuführen. Pr. Trüber ward 1508 auf der Rastschitz, ei- 
nem Auerspergischen Dorfe , unter Laibach , geboren, 
zu Salzburg und Wien gebildet, von Bonomo, Bischof 
von Triest, beschützt, Pfarrer zu Lack bei Ratschach, 
1531 Domherr zu Laibach, und dann zu Triest, 1547 
vom Bischof Textor zu Triest vertrieben, 1548 Predi- 
ger zu Rotenburg an der Tauber, 1552 Prediger zu 
Kempten: der slawische Kyrillus und Methodius neuerer 
Zeiten. Er Jiess zuerst allein mehrere Büchlein in der 
windischen Sprache, mit lateinischen Buchstaben, seit 
dem J. 1550 zu Tübingen drucken. Bald darauf verband 
er sich mit Vergerius. Pet. Paul Vergerius, ehemaliger 
Bischof von Capo dlstria , flüchtete aus Italien nach 
Bündten 1549, wo er die Reformation ausbreitete. Im 
J. 1554 im Novemb. kam er nach Wittenberg, kund- 
schaftete Trubern aus, und bewirkte durch seinen per- 
sönlichen Credit einen neuen Schwung der windischen 
Uebersetzungsanstalt. Noch vor Ende 1555 erschien das 
erste Evangelium xMatthaei. Hierauf folgte das ganze N. 
Testament in 2 Theilen 1557. Die Uebersetzung selbst 
war, da Trüber der griechischen Sprache nicht kundig 
war, nach lateinischen, teutschen und wälschen lieber- 
Setzungen gemacht. Die Vorr. des 2. Th. ist an den Kg. 
Maximilian gerichtet. Noch während des Drucks des 2. 
Th. zerfielen Trüber und Vergerius, wahrscheinlich we- 

4 ) Kvpitar a. a. 0. 



281 

gen der Eitelkeit des letztem, der sieh das Verdienst 
von allem anmassen wollte, während Trüber alle Mühe 
hatte. Vergerius verläumdete sogar Trabern bei den 
Kärntnern und Krainern, als ob seine bisherigen Werke 
nicht im Sinne der Augsb. Confession, sondern schwär- 
merisch geschrieben wären. Hingegen Hess Traber 1560-61 
eine Apologie drucken. Aber bald darauf fand Trü- 
ber einen Mäcen und Unterstützer an Hans Ungnad, und 
wurde in Stand gesetzt, seine Unternehmung auch auf 
den dalmatisch - kroatischen Dialekt und auf kyrillische 
und glagolitische Schriftzüge auszudehnen. Hans Ungnad, 
Freiherr von Sonnegg, der sich nun der Sache mit En- 
thusiasmus seit August 1560 annahm, war Landeshaupt- 
mann in Steier, hatte gegen die Türken 1532 bei Linz, 
1537 in Ungern gefochten, als oberster Feldhauptmann 
vom heutigen Inner - Oesterreich 1542 wider die Tür- 
ken gedient, musste jedoch wegen seiner Anhänglichkeit 
au die evangelische Religion 1554 nach Sachsen auswan- 
dern, woselbst er eine junge Gräfin Barbi ehelichte, 
und sich 1557 zu Urach im Wirtembergschen niederliess. 
Für die Dalmatiner und Kroaten sollte nun nach Tra- 
bers Uebersetzung eine ähnliche ausgefertigt werden, mit 
glagolitischen Typen ; und hiezu ward ausersehen Steph. 
Consul, aus Pinguent in Histerreich gebürtig, der eben 
auch wegen der evangelischen Religion vertrieben war, 
und sich in Regensburg mit Schulhalten ernährte. Die 
glagolitische Schrift war 1560 zu Nürnberg gestochen 
und gegossen, und kam zuerst nach Tübingen. Anfang 
1561 ward auch Antonius ab Alexandro Dalmata, des- 
sen übrige Schicksale man nicht kennt, aus Laibach be- 
rufen, und (von demselben Meister) zu Urach eine ky- 
rillische Schrift gegossen 1561. Traber ward 1561 Pfar- 
rer zu Urach, und zugleich bestellter Prediger der Land- 
schaft Krain. Er reiste auch auf einige Zeit nach Krain, 
und brachte zwei uskokische griechische Priester mit, 
Matth. Popovich und Joh. Maleschevac, angeblich aus 
Serbien und ßosnien gebürtig, auch ward Georg Jurit- 
schits ch verschrieben aus Krain, und alle diese waren 
Gehilfen zum Transferiren, Conferiren, Corrigiren. Im 
J. 1562 ging Trüber nach Laibach, blieb aber in Ver- 



282 

bindung mit der Anstalt zu Urach, welche der Freiherr 
von Ungnad theils aus eigenem Beutel, theils durch Bei- 
träge der Forsten und Reichsstädte unterhielt, weil der 
Absatz der glagolitischen und kyrillischen Bücher, zumal 
bei dem ersten Anfang, nicht stark seyn, und die Mühe 
keineswegs lohnen konnte. Der Kg. Maximilian selbst 
gab 1561. 400 fl. dazu her, .,weil das christlichlöbliche 
Werk zum zeitlichen und ewigen Wol der armen Un- 
wissenden diene 44 , unter seinem Schutz ward der Absatz 
dieser Bücher betrieben, 1563 wendete er die Confisca- 
tion derselben in Wien ab. Manche kroatische Bücher 
wurden mit lateinischer Schrift gedruckt; auch fuhr Trü- 
ber fort, im windisch - krainischen Dialekt mit lateini- 
scher Schrift Postillen , Kirchenordnung, Augsb. Conf. 
u. s. w. drucken zu lassen. Da Kg. Maximilian 1564 zur 
Regirung kam , schien dem Absatz mehrere Erleichterung 
bevorzustehen, und man dachte schon an den Abdruck 
grösserer Werke, z. B. der ganzen Bibel, der Hauspo- 
stille von Dr. Luther. Am Esaias arbeitete Leonhard 
Mercherich aus Dalmatien, der zu Tübingen studirte; 
man suchte nämlich auch andere Mitarbeiter, da Trüber 
mit der Sprachkunde des Steph. Consul nach dem zu 
Laibach eingeholten Urtheilc der Sprachkenner nicht 
ganz zufrieden war. Doch schon 1564 im Decemb. starb 
Ungnad zu Winteritz in Böhmen auf einer Reise. Seine 
Frau folgte ihm 1565. Anton und Stephan begaben sich 
1566 von Urach weg. Der Verlag der Bücher, der ins 
Oesterreichische gebracht wurde, ward 1591 unter Ks. 
Rudolph zu Neustadt an- und aufgehalten, und stand 
daselbst lange in Fässern eingeschlagen. Trüber selbst, 
auf Befehl des Erzherzogs Karl aus Krain 1564 vertrie- 
ben, ward Pfarrer in Laufen am Neckar, Hess 1566 ei- 
nen windischen Psalter in Tübingen drucken, ward Pfar- 
rer in Derendingen, arbeitete an einer windischen Ue- 
bersetzung von Luthers Uauspostille, und starb den 28. 
Juni 1586 im 78 Jahre seines verdienstvollen Lebens. 
Nach der entscheidenden Schlacht bei Nördlingen kam 
Wirtemberg in die Hände der Oesterreicher. Wahrschein- 
lich Hessen die Väter der Gesellschaft Jesu die Urachi- 
schen Typen nach den k. k. Erblanden bringen. Wo 



283 

sie seitdem hingekommen, ist unbekannt; denn die vom 
Ks. Ferdinand IL der Propaganda geschenkten scheinen 
andere gewesen zu seyn. 5 ) 

So gab es gleich anfänglich zweierlei Schreibsysteme 
des Windischen — Trüber war ein Unterkrainer, Dal- 
matin Prediger in Oberkrain — daher fand es um das J. 
1580 bei der Auflage des ganzen Bibel werks in Witten- 
berg der hiezu von den Ständen abgeordnete Ausschuss 
vor allem nöthig, eine bestimmte Orthographie festzuse- 
tzen. Diess führte auf grammatische Betrachtungen, und 
veranlasste die erste windische Grammatik. Ihr Vf. war 
der damalige Schulrector in Laibach, Ad. Bohorizh. Sie 
erschien zu Wittenberg 1584. 8. Ihm und seinen Freun- 
den hat es die windische Sprache zu danken, dass sie 
gleich bei ihrer ersten Erscheinung jene grammatische 
Correctheit und Consequenz mitbrachte, welche andere 
Sprachen erst nach und nach, nach vielem Modeln und 
Aendern — nicht erreichen. Auffallend ist es, dass die 
krainische Sprache seit Bohorizlfs Zeiten sich gar Nichts 
verändert hat. Bohorizh nahm von Dalmatin die Elemen- 
tarorthographie an, behielt aber Trubers Neutra in u, 
und gebrauchte Tonzeichen. Mit Anfang des XVII. Jahrb. 
griff der energische Erzhzg. Ferdinand, der später Kai- 
ser ward, die bisher nur langsam und gleichsam nur als 
Neckerei betriebene Gegenreformation mit entschlossenem 
Ernste an: vor allem entfernte man die Prediger, dann 
musste ferner den Wanderstab nehmen, wer immer nicht 
wieder katholisch werden wollte. Alle Bücher der Pro- 
testanten ohne Ausnahme , soviel man deren habhaft 
werden konnte, wurden confiscirt. Der Ständische ßü- 
chervorrath auf dem Landhause ward den eben einge- 
führten Jesuiten überlassen; was diese nicht auf der Stelle 
den Flammen opferten, ging 1774 bei der grossen Feu- 
ersbrunst sammt ihrem Collegialgebäude in Rauch auf. 
Man weiss gegenwärtig nur um Z Exx. von Bohorizh's 
Grammatik in ganz Krain. Im J. 1612 liess der Laiba- 

5 ) S. Schnurrer's slaw. Bücherdruck in Wirtemberg im XVI. Jahrh., 
Tüb. 799. 8. Auszüge dataus* lieferten Hr. Dobrowsky (Slawin S. 87. 97. 
100. 113. 129 ff. 241 — 264) und Hr. Kopitar (Gramm. Nachschr. S. 385 — 
457). Hr. Kopitar hat die windischen Drucke aus dieser Periode am ge- 
nauesten verzeichnet. 



284 

eher Bischof Thomas (Krön), ein eifriger Gegenrefor- 
mator, dessen Wahlspruch war: terret labor , aspice 
praemium, für die Slawen in Inner-Oesterreich die sonn* 
und festtäglichen Evangelien und Episteln in Grätz ab- 
drucken; denn die ßuehdruckerei in Laibach war ver- 
tilgt worden. In diesem Werkchen ist ßohorizlfs Gram- 
matik strenge befolgt, und sogar einige teutsche Wörter 
des Georg Dalmatinschen Textes durch gangbare echt 
krainische ersetzt worden. Ein Jahrh. beinahe war seit 
der Vertreibung der Protestanten verflösset, ehe wie- 
der etwas für die krainische Sprache geschah. Am Schlüsse 
des XV11. Jahrh. hatten sich einige gelehrte Krainer zu 
einer Akademie, nach Art der italienischen, vereinigt; 
auf Schönlebens Betrieb war schon früher der Buchdru- 
cker Joh. Bapt. Mayr von Salzburg nach Laibach beru- 
fen worden. Um diese Zeit gab sich ein Kapuciner, P. 
Hippolytus von Xeusiadtl in Unterkrain, mit der vvin- 
disch-krainischen Sprache viel ab; er liess 1715 zu Lai- 
bach seine „lateiniseh-teutsch-sJawische (d. i. windi- 
sche) Grammatik' 4 drucken. P. Hippolytus epitomirte 
den ßohorizh wörtlich, sogar die Vorrede, an deren 
Ende der Buchdrucker Alayr unterschrieben ist. Wahr- 
scheinlich nannte der Pater ihn nicht mit iNamen invi- 
diae vitandae causa. Es befindet sich auch ein vollstän- 
diges lateinisch - teutsch - krainisches Wörterbuch von 
diesem P. Hippolytus handschriftlich in der Baron Zoi- 
sischen Sammlung. Auch diese 2te Aullage von ßohorizh 
— so kann man des P. Hippolytus Grammatik nennen — 
ward sehr bald vergessen, so dass ungefehr fünfzig Jahre 
darauf der Augustinermönch P. Marcus (Poc/tlin) , 
geboren in einer Vorstadt von Laibach, es glaubte wa- 
gen zu können, den ßohorizh und seinen Epitomator 
gänzlich zu ignoriren, und sich für den ersten kraini- 
schen Grammatiker auszugeben. Wol sieht sein Werk 
wie ein erster roher Versuch aus, ohne Spur einer Be- 
kanntschaft mit den benachbarten Dialekten, ohne Spur 
von philosophisch-grammatischem Geist! P. Marcus suchte 
zu verderben, was bereits gut gemacht war, und um 
alles vor ihm gedruckte unlesbar zu machen, änderte er 
nicht nur ohne alle Noth, sondern offenbar zum Nach- 



285 

theil der Sprache im Vergleich gegen benachbarte Dia^ 
lekte, sowoJ die Elementar- als die Grammatikalortho- 
graphie. Und docli erlebte seine Grammatik zwei Aufla- 
gen, die beide vergriffen sind; ein Beweis des dringen- 
den Bedürfnisses eines solchen Werks. Die Sachverstän- 
digen ärgerten sich im Stillen über das Schisma; ein Je- 
suite, der 1770 in Klagenfurt ein asketisches Bachelchen: 
Christianske resnize, im windischen Dialekte herausgab, 
erklärte sich öffentlich ^e^an des P. Marcus grundlose 
Neuerungen. Der kärntnische Missionär Gutsmann (IUI), 
der zwar wenig, aber doch nichts falsches sagt, und 
der Untersteirer Sellenko (1791), der unter aller Kri- 
tik ist, haben windische Grammatiken geschrieben. Noch 
haben sich zwei geschickte Männer mit der Grammatik 
dieses Dialekts beschäftigt. Der eine ist der gründlich 
gelehrte Cillejer Popovich, Vf. der Untersuchungen vom 
Meere, ein Enthusiast fürs Slawische, so wie überhaupt 
für jeden Zweig des Wissens, der einmal schon nahe 
daran war, den Wunsch seines Lebens „in demjenigen 
Strich von Europa, der von Oesterreich aus, auf der 
einen Seite bis zum euxinischen See, auf der andern bis 
zum adriatischen Meerbusen reicht, der slawischen Spra- 
che und Geschichte wegen nach seiner Willkühr herum- 
zureisen" in Erfüllung gehen zu sehen. Sein Vorhaben 
wurde durch die Indolenz und Gleichgültigkeit der Zeit- 
genossen vereitelt. Popovich's Antrag, und zugleich die 
Beglaubigung seiner hohen Fähigkeit zu einem solchen 
Unternehmen, steht in seinen Untersuchungen vom Meere; 
aber es fand sich Niemand, der ihn unterstützt hätte : 
Popovich war arm. Er starb als Professor der teutschen 
Sprache in Wien 1763. Prof. Vodnik besitzt einzelne 
Bruchstücke von Popovich's grammatischen Arbeiten, 
woraus man ersieht, dass er für die eigenthümlichen 
Töne der windischen Sprache auch eigene Schriftzeichen 
angenommen habe, und zwar noch mehrere und zum 
Theil andere als Kyrill. Der andere Mann ist Kumerdey, 
dessen krainisch-slawische Grammatik schon Linhart in 
s. Geschichte von Krain angekündigt hatte. Seine Arbeit 
befindet sich in der Baron Zoisischen Sammlung, und 
ist gewissermassen vollendet, auf 234 Bog. halbbrüchig 



2S(i 

geschrieben; aber freilich nicht das, was sie nach des 
Vf. Plan seyn sollte ; oberdiess fehlt ihr die letzte Hand 
des Auetors. Die k rainische Grammatik ist der Text, 
und nebenher werden alle übrigen slawischen Mundar- 
ten verglichen. Also eine vergleichende slawische Gram- 
matik, wie sie schon der böhmische Piarist Schimek 
liefern wollte, aber bis jetzt noch Niemand geliefert 
hat. 6 ) Auch Georg Japel, der eigentliche Urheber der 
neuem krainischen Bibelübersetzung, arbeitete an einer 
krainischen Grammatik, als er 1807, eben als der Druck 
seines Werks beginnen wollte, von einem Schlagflusse 
gerührt starb 7 ). — Die Grammatik der slawischen Spra- 
che in Krain, Kärnten und Steiermark vom Hrn. kais. 
Hofbibliothekscustos Kopitar (Laibach 1808), diesem um 
das gesammte slawische Sprachstudium so hochverdien- 
ten, verehrten Forscher, macht in der krainischen Lite- 
ratur Epoche, und P. Marcus willkührliche Neuerungen 
werden bald vergessen werden. — Die Grammatik des 
Jesuiten Vincenz F. v. Weiss enthurn, (Triest 1811) 
ist ganz nach Kopitars Sprachlehre bearbeitet. In dem- 
selben Jahr gab auch Hr. Valent. Vodnik, Schulaufse- 
her zu Laibach, bekannt durch die Ankündigung seines 
teutsch - krainischen Wörterbuchs , durch seine Pesme 
sa pokushino (1806), durch die Landwehrlieder (1808) 
und manche Uebersetzung , s. Pismenost heraus. Ein 
Jahr darauf erschien die Grammatik des Hrn. /. L. 
Schmigoz, die sehr brauchbar ist. Noch ist Hr. Debevz 
zu nennen, ßeneficiat und Katechet an der Mädchen- 
schule bei den Ursulinerinnen , der es 1790 unternom- 
men, den angehenden Priestern Vorlesungen über die 
Grammatik der Sprache zu geben, die sie in ihrem Be- 
rufe alle Tage sprechen, und also doch auch gramma- 
tisch verstehen müssen. Leider wurde diese schöne An- 
stalt (parvae spes altera Krajnae) durch die feindliche 
Invasion gestört. — Die neuesten windischen Sprach- 
bücher sind die Grammatiken von den Hrn. Pet. Dainho 
und Franz Seraph. Metelko. — Das wichtigste Werk 



•) DoOrou^ky's Slawin S. 386. 

T ) Kopitars Grammatik Vorr. S. XXXVII-XLVIII. 



287 

im der neuem krainischen Literatur ist unstreitig die 
katholische Uebersetzung der Bibel nach der Vulgata, 
die in den J. 1791 - 800 in 9 Bden., und zwar das 
N. Testament auch besonders, zuerst 1 784 — 86, dann 
1800 — 04 in 2 Bden., zu Laibach zu Stande kam. Mit- 
arbeiter an diesem Werke waren: der enthusiastisch- 
fleissige Slawist Georg Japel, Blasius Kumerdey, Jos. 
Richter, Modestus Schrey, Ant. Traun, Jos. Schkriner 
und Matth. Wolf Diese neuern Bibelübersetzer hiel- 
ten sich im Wesentlichen gar nicht an P. Marcus, son- 
dern an den allen Schüler Melanchthons. Auch an an- 
dern Unterrichts- und Unterhaltungsbüchern fehlt es 
der neuern windischen Literatur nicht; und die vor 
einigen Jahren in Laibach errichtete slawische Katlieder 
verspricht dem Studium der Landessprache neues Leben 
und eine bessere Zukunft. 

Die Winden in dem westlichen Theil des Eisenbur- 
ger und Szalader Cornitats in Ungern, von den inländi- 
schen Schriftstellern mit Unrecht Vandalen genannt — 
denn sie selbst nennen sich Slowene, Slowenci — stehen 
mit den westlichen Slowaken in Berührung, wodurch die 
Donau zwischen Pressburg und Komorn die Scheidelinie 
und zugleich der Berührungspunct der zwei slawischen 
Hauptäste , der Ordnungen A und ß wird 8 ). Die pro- 
testantischen Winden erhalten von Zeit zu Zeit Gebet-, 
Gesang- und Lesebücher, freilich mit abweichender, nach 
der ungrischen gemodelten Rechtschreibung 9 ). Das N. 
Testament übersetzte für dieselben Steph. Kuznics, lu- 

8 ) Es ist bemerkenswerth, dass während alle übrigen Slawenstämme 
ihren ursprünglichen Volksnamen im Leben verloren, und Specialnamen 
{Russen, Polen, Schlesier, Cechen, Mähren, Sorben, Serben, Moriachen, 
Crnogorcen, Bulgaren u. s. w.) angenommen, ja die meisten derselben so- 
gar in der Schrift den Namen Slowene in Slawene (gleich den Auslän- 
dern) umgestempelt haben, die zwei sich an der Donau berührenden Stäm- 
me, der Stamm der Slowenzen und der Stamm der Slowaken, diesen 
Volksnamen bis auf den heutigen Tag rein erhalten haben. 

9 ) „Sunt complures de Vendica eente — Vandaticam perperam ap- 
pellant — caetus Evangelici A. C. in Com. Castriferrei, Sümeghiensi et 
Szaladiensi. Dialectus, qua loquuntur, slavica est, inter Carinthiacam et 
Croaticam media; litteras autem cum Croatis et aliis nonnullis populis sla- 
vicis ac orthographiam adhibent hungaricam." Ambrosii Annal. eccles. 795. 
T. II. 62. 



288 

tlierischer Prediger zu Surd im Siimeger Comitate, Halle 
1771. 8., mit einer Vorrede von Jos. Torkos, Prediger 
in Oedenburg, welches seit dem öfters (von der Bibel- 
gesellschaft in Pressburg 1818) nachgedruckt worden 
ist. 10 ) 

10 ) Quellen. Ausser J. L. Frisch Programma de dialecto Vinidica, 
Berl. 729. 4., enthält die Vorr. u. Nachschrift zu des Hrn. Kopitars wind. 
Gramm, die schätzbarsten Notizen über die windische Sprache u. Literatur, 
woraus ein grosser Theil der gegenwärtigen Zusammenstellung wörtlich ent- 
lehnt worden ist. 






Zweiter Theil. 
Nordwestliche Slawen. 

Erster Abschnitt. 

Geschichte der böhmischen Sprache und Literatur. 

§. 36. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Böhmen war bis in Octavians Zeiten von dem keltischen 
Stamme der Bojer bewohnt, und hiess Bojohemum, d. i. 
Heimath der Bojer, welche von den einwandernden Mar- 
komannen nach Baiern verdrängt wurden. Nach der Be- 
siegung der Markomannen von den Longobarden, gehörte 
Böhmen (seit 526) auf kurze Zeit zu dem schnell sich 
vergrössernden thüringischen Reiche. Nach dem Sturze 
dieses Reiches, der Vormauer gegen die Slawen, wan- 
derten die Gecken *) um das J. 550 in Böhmen ein. Der 
geographische Name des Landes überging auf die neuen 
Bewohner. Von ihrem Ursprünge und ihrer Festsetzung 
ist mehr Sage, als wahre Geschichte vorhanden. Der 
Zug ging wahrscheinlich aus Belo-Chrobatien, welches 

l ) Nach Hrn. Dobrowsky die „ Vorder - Slawen" (über den Ur- 
sprung des Namens Öech, Prag und Wien 782. 4.) Er leitet das Wort von 
cjti, ceti, anfangen, beginnen, her. Die Chroniken legen dem Anführer 
der Böhmen auf dem Zuge nach Böheim den Namen Vech bei. 

19 



290 

nach der gewöhnlichen Annahme im Norden der Karpa- 
ten lag, nach andern hingegen sich von Lnblin bis Wai- 
tzen an beiden Seilen der Karpaten erstreckte 2 ). Der 
mächtige Samo, der gerechte Krok, und seine Tochter, 
die weise Libusa, die Gründerin Prags, eröffnen die 
unsichere Regentenreihe (624 — 700). Die von mehre- 
ren einheimischen Fürsten (dem Prager, Kaurimer, Saa- 
zer) abhängigen Böhmen vereinigten sich endlich ums J. 
722 unter einem Herzoge, Premysl, dem Gemahl Libu- 
sens. Unter seinem Sohn Nezamysl soll auf einem Land- 
tag zu Wysegrad (752) die erste Landesvertheilung und 
Verfassung zu Stande gekommen seyn. Das Christen- 
thum drang von Teutschland frühzeitig nach Böhmen ein 
(845) ; aber der Hzg. Boriwog, der sich desselben an- 
nahm, und um das J. 894 die Taufe empfing, wurde 
aus dem Lande vertrieben. Seine Nachfolger kehrten zum 
Götzendienst zurück, und eigentlich gewann das Christen- 
thum erst in der zweiten Hälfte des X. Jahrb. (966) un- 
ter der Regierung des Hgs. Boleslaw II. bei den Cechen 
festen Fuss. Unter ihm wurde 972 ein eigenes Bisthum 
zu Prag errichtet; bis dahin hatte Böhmen zum Regens- 
burger Sprengel gehört. Schon Karl der Gr. hatte die 
Böhmen zum Tribut genöthigt ; diesen erneuerte der 
teutsche König Heinrich I., und vergebens suchte sich 
der Hzg. von Böhmen Boleslaw I. der Oberherrschaft 
Ottos zu entziehen. Dem Hzg. Wratislaw IL gestand 
der Ks. Heinrich IV. (1086) den Königstitel zu, von 
welchem aber seine Nachfolger erst später (Premysl Ot- 
tokar I. von 1198 — 1230 auf Bestätigung des teutschen 
Kgs. Philipp von Hohenstaufen) einen fortdauernden Ge- 
brauch machten. Ks. Friedrich 11. gestand dem böhmi- 
schen Kg. Ottokar I. besondere Vorrechte zu ; und Böh- 
men blieb von nun an dem teutschen Reiche gegenüber 
ein selbständigeres Königreich, und ward nicht zu des- 
sen Kreisen gerechnet. II Yenceslaws l. (als Regent III.) 
Vermählung mit der Nichte des letzten Babenbergers ver- 
anlasste Böhmens Ansprüche auf Oesterreich und Steier- 
mark (1230 — 53 J. Sein Sohn Ottokar II. vermählte 

-) Nach 'einigen, 7.. B. Weleslawjn, kamen die Böhmen aus Kroa- 
tin]) von der Eulpa her; andere verstehen richtiger unter Kroatien das alte 
Belochxobatien. Vgl. Krok spis wsenaueny Th. III. S. 59. 



291 

sich mit Margaretha , der Babenbergerin , wurde mit 
diesen Provinzen belehnt, erwirkte sich die Nachfolge 
in Kärnten, Krain und Friaul, besiegte die Preussen 
iind Baiern, ward Herr von der Lausitz und Oberlehns- 
herr mehrerer schlesischen und polnischen Fürsten*, wurde 
aber mit Ks. Rudolph von Habsburg in Kriege verwi- 
ckelt, und fiel in der Schlacht im Marchfelde 1278. Er 
war der grösste der böhmischen Könige aus dem slawi- 
schen Stamme. Mit seinem Enkel, dem 1306 ermorde- 
ten Kg. Wenceslaw III., erlosch der Mannsstamm Pfe- 
mysl's, welcher seit 722 Böhmen beherrscht, und dem- 
selben 23 Herzoge und 7 Könige gegeben hat. Verge- 
bens bemühte sich der Ks. Albrecht I. Böhmen seinem 
Hause zu verschaffen. Aber auch der Hzg. Heinrich von 
Kärnten, dem er es überlassen musste, verlor es (1311), 
weil er den Kaiser Heinrich nicht für seinen Oberherrn 
erkennen wollte. Der Kaiser gab die ßelehnung darüber 
seinem Sohne Johann, der sich mit der Prinzessin Eli- 
sabeth, Schwester des letzten Königs von Böhmen, ver- 
mählte. Mit Johann fängt die luxemburgische Reihe der 
Könige von Böhmen an. Unter seiner Regirung wurde 
das Land ausserordentlich vergrössert. Er Hess, um 
Böhmen der Metropole von Mainz zu entziehen, 1343 
Prag zu einem Erzbisthum erheben. Karl IV. stiftete 
1348 daselbst die erste slawische Universität. Unter 
Karls IV. Sohn, Wenceslaw IV., entstanden die Hussi- 
tenkriege. Ks. Sigismund gelangte nach manchem un- 
glücklichen Feldzuge gegen den tapfern Johann von Troc- 
now, genannt Zizka, erst nach dem Tode dieses Helden 
(f 1424) durch die unter den Hussiten erzeugte Unei- 
nigkeit, 1436 zum ruhigen Besitz von Böhmen. Im J. 
1437 kam Böhmen an Sigismunds Schwiegersohn, Al- 
brecht, und hernach an des letztern Sohn, Ladislaw. 
Die Erbfolge des Thrones unterbrach Georg Podebrad 
(1457 — 1471), ein geborner Böhme, der, weise und 
grossmüthig, das allgemeine Vertrauen der Nation recht- 
fertigte. Nach seinem Tode gelangte der polnische Prinz 
Wladislaw IV. zur Krone. Als dessen Sohn und Nach- 
folger Ludwig in der Schlacht bei Mohäcs geblieben 
war, wählten die Böhmen seinen Schwager, Ferdinand 

19* 



292 

I., Erzherzog von Oesterreich und nachmaligen Kaiser, 
zu ihrem Könige 1527 — 64. Von nun an ist und bleibt 
Böhmen ein integrirender Theil der österreichischen 
Staaten. Im XVII. Jahrh. setzten Böhmen vornehmlich 
die Religionsunruhen in Flammen. Das Religionssystem 
der Hussiten hatte daselbst noch zahlreiche Anhänger 
behalten ; unter der sanften Regirung Maximilians II. 
(1564 — 76) traten diese zu Luthers Lehre über, und 
der Protestantismus fasste weit verbreitet festen Fuss. 
Rudolph IL sicherte den Böhmen Religionsfreiheit durch 
die Majestätsbriefe 1609 zu. Mathias bestättigte zwar 
diese Patente, aber die verschiedenen Auslegungen, die 
man von ihnen machte, erregten bald nachher den ver- 
heerenden 30jährigen Religionskrieg. Als Mathias ge- 
storben war (1619), fürchteten sich die vereinigten Län- 
der von Böhmen und Mähren so sehr vor Ferdinands be- 
kanntem Eifer für die katholische Religion, dass sie ihn 
nicht zum Nachfolger wollten, sondern sich Friedrich V., 
Kurfürsten von der Pfalz, zum Könige wählten. Allein 
Friedrich verlor bald mit der Schlacht auf dem weissen 
Berge (1620) die Krone, und die ihm ergebenen böh- 
mischen Herren wurden äusserst hart bestraft (1621). 
Unter der milden, beglückenden Regirung Maria The- 
resia's, Josephs IL, Leopolds IL und Franz I. blühte das 
durch vielfache Stürme der vorigen Jahrhunderte, und 
zuletzt noch durch die preussischen Kriege, besonders 
den 7jährigen, in welchem Böhmen dessen Hauptschau- 
platz war, verödete Land von neuem frisch und lebens- 
kräftig auf. 3 ) 



3 ) Die Quellen der böhm. Gechichte sind angegeben in Pelzels Gesch. 
d. Böhmen, am Schlüsse des 2. Bdes. — Der älteste böhm. Chronist (in lat. 
Sprache) ist Cosmas, Dechant in Prag, gest. 1045, herausg. von F. M. 
Pelzel u. J. Dobrowsky in Script, rer. bohem., Pr. 784. 2 Bde. 8. Seine Chro- 
nik wurde von andern fortgesetzt. — Bunzlauer Chronik (in böhm. Sprache, 
angeblich von Dalimil Mezericky) herausg. v. Gesjn 620. 4. von Prochäzka 
I r. 7-i;. B. — PHbjk Pulkawa de Tradenin (gest. um 1374) Chronicon, 
w. v. G. Dobner in Mon. hißt. Boh. 764.— Die übrigen Chronisten die- 
Zeitraumee in G. Dobner monumentis hist. Boh. Prag 764 — 86. 6 Bde. 
4. — W. Hageil von Libocan kronika ceska, Pr. 541. 2te A. 819. fol. lat. 
Annales Boh. von G. Dobner, Pr. 763—83. 6 Bde. 4. — Fr. Pubicka chron. 
Gesch. Böhmens, Prag 770 — 812. 10 Bde. 4. — P. Stransky Staat v. Böh- 
men (de republ. Bojeina Lugd. Bat. 643.) übers, v. J. Cornova, Pr. 792 — 
: Bde. 8. - Mehler chron. Gesch. Böhmens, Pr. 805—07. 3 Bde. 8. — 
./ Cornova Briefe au e. kleinen Liebh. d. vaterl. Gesell.. Pr. 796 — 99. 3 



293 

Die Mähren , Stammverwandte der Cechen , und 
mit diesen wahrscheinlich zu gleicher Zeit eingewandert, 
werden in den ältesten Annalen mit unter den pannoni- 
schen Slawen, und umgekehrt diese unter jenen begrif- 
fen 4 ). In der That erstreckte sich das alte Mähren, 
von dem heutigen gar sehr verschieden, weit in das ur- 
alte Slawenland zwischen den Karpaten, der Theiss und 
der Donau, und südlich in Pannonien hinein. Auch in 
Mähren gab es, wie in Böhmen, anfangs mehrere Für- 
sten (knezi, knjzata). Der allererste mährische Knäz, 
dessen Name mit einiger Gewissheit in der Geschichte 
erscheint, ist Mogmjr (Mogmar) um 824. In Mähren 
fingen die Bekehrungen zum Christenthum bereits im 
VII. Jahrh. an. Mogmjr, Regent über einen Theil der 
Mähren, ward ein Christ, und nach dem französischen 
Staatsrecht jener Zeiten als Christ zugleich Vasall des 
Kaisers der Franken, Ludwigs des Frommen. Ein zwei- 
ter mährischer Fürst war Privina, der Vater Chocils 
(Kocels). Im J. 830 jagte ihn Mogmjr, mau weiss nicht 
warum, aus Mähren über die Donau hinüber; da Hess 
sich Privina in seiner Noth taufen, und ward dadurch 
Ks. Ludwigs Protegirter. Der mächtigste unter den mäh- 
rischen Fürsten seiner Zeit war Rostislaw r , Mogmjrs 
Sohn. Er wagte einen Freiheitskampf gegen die Fran- 
ken, wurde aber 870 geschlagen, gefangen genommen, 
und — der Augen beraubt — in ein Kloster gesperrt, 
woselbst er starb. Sein Neffe und vormaliger Lehens- 



Bde. 8. Eb. Unterhalt, mit jungen Freunden d. Vaterlandsgesch., Pr. 799-803. 
4 Bde. 8. — J. Beckowsky poselkyne starych prjbehü ceskych, Pr. 700. — 
F. M. Pelzel kurzgef. Gesch. von Böhmen, Prag 784. 2 Bde. 8. N. A. 817. 
Eb. kronika ceskä, 3 Bde. 8. — W. Dinzenhofer gen. Tafeln d. böhm. Für- 
sten, Hzge., u. Kge., Pr. 805. 4. — Dumoni de Florgy hist. de Boheme, 
Wien 808. 2 Bde. 8, N. A. 812. — Pabst kronika narodu ceskeho, Pr. 810 — 
12. 2 Bde. — K. L. Woltmann Inbegriff d. Gesch. Böhm., Pr. 815. 2 Bde. 8. 
— J. F. Schneller Böhmens Schicksal u. Thatkraft, Grätz 817. — W. A. 
Gerle hist. Bildersaal d. Vorz. Böhm., Pr. 823. 8. — Abh. der Gesell, der 
Wissensch. in Prag seit 1786. u. m. a. — 

*) Dass der Volksname Morawcjk Mährer, mit dem Namen des Flus- 
ses Morawa March, übereinkomme, ist klar, und eben darum auch wahr- 
scheinlich, dass nicht der Name des Flusses vom Volke, sondern der des 
Volkes vom Flusse herzuleiten sey. Morawa-Flüsse gibt es bekanntlich, 
besonders in Serbien, mehrere. — Ihre Sprache nennen die Mähren mo- 
rawsky, nicht cesky gazyk; wornach Anton und Schlözer zu berichtigen 
sind. Der Irrthum bei diesen entstand daher, weil die Mähren mit den 
Böhmen gemeinschaftlich nur eine Schriftsprache und Literatur haben. 



294 

mann Swatopluk, feiner der wenigen grossen Männer des 
IX. Jahrb., trat als Befreier der germanischen Südslawen 
auf, stiftete ein grosses Slawenreich, das Kgrch. Gross- 
mahren, in dessen Herzen Welehrad, Neitra und Gran 
(Ostrihom) lagen, und dessen Glänzen sich bis an die 
Elbe , Theiss , Drawe und Sawe erstreckten. Aber 
kaum war der Friede mit Arnulph geschlossen, und das 
mächtige, unabhängige Slawenreich gegründet und gesi- 
chert, als der Stifter dieses Reichs in eben dem Jahr 
(894) starb. Er hinterliess drei Söhne, und beging die 
Schwachheit seines Zeitalters, das noch nicht feste Reich 
unter sie zu (heilen ; die sich denn auch bald veruneinig- 
ten, und dem Andränge der Teutschen und Magyaren 
unterlagen. Der dritte damalige mährisch- pannonische 
Knäz war Chocil (Kocel). Sein Vater war der landes- 
flüchtige Privina. Als dieser von seinem eigenen Volke 
erschlagen worden, sprach K. Ludwig dessen Landesan- 
theil, der jenseits der Donau zwischen der Sawe und 
Drawe lag, diesem seinem Sohne Chocil zu ; Rostislaw 7 
aber nahm ihm diesen Landstrich für seinen Neffen Swa- 
topluk weg. In die für Mähren und Pannonien äusserst 
unruhigen Jahre 861 — 864 fällt nun die Gesandtschaft 
der drei Fürsten: Ros(islaw, Swatopluk und Chocil nach 
Constantinopel (vgl. §. 9). Bei der eingetretenen Not- 
wendigkeit, sich an das mächtig um sich greifende Chri- 
s(en(hum anzuschliessen, such(en die gedrängten Fürsten 
wahrscheinlich durch eine Verbindung mit dem byzan- 
tinischen Hofe nicht nur das Christenthum mittelst der 
slawischen Liturgie ihren Völkern annehmbarer zu ma- 
chen, als es durch die lateinische war, sondern sich zu- 
gleich nebenher Hilfe von daher gegen ihre Tyrannen, 
die grausamen Teutschen, zu verschaffen. — Nach der 
Zertrümmerung des grossen mährischen Reichs kam das 
heutige Mähren an Böhmen 1029. Ks. Friedrich II. er- 
hob es 1182 zu einem Markgrafthum. Ks. Karl IV. gab 
das Land seinem Bruder Johann. Im. J. 1469 eroberte 
es Mathias, Kg. v. Ungern; aber nach seinem Tode 
ward Mähren unter Wladislaw wiederum mit der böh- 



295 

mischen Krone vereinigt, mit welcher es dann an das 
Haus Oesterreich kam. 5 ) 

Nur zwei Drittheile der heutigen Volksmenge in 
Böhmen sind Slawen ; nur der Chrudimer , Taborer, 
Prachiner , Rakonicer , v Berauner, Kaufimer und Cas- 
lauer Kreis ganz von Cechen, die übrigen entweder von 
Cechen und Teutschen gemeinschaftlich (der Bunzlauer, 
Bydzower, Königgrätzer, Klattauer und Pilsner Kreis), 
oder von Teutschen allein (der Leitmeritzer, Saazer, 
Ellbogner und Budweiser Kreis), bewohnt. Die Zahl 
der Cechen in Böhmen mag sich demnach auf 2 Ys Mill. 
belaufen, die der grossen Mehrzahl nach Katholiken, und 
nur der weit kleinern Zahl nach (etwa 60,000) Augsb. und 
Helv. Confession sind 6 ). — Da Mähren mit dem öster- 
reichischen Antheil von Schlesien im J. 1820 (nach Rei- 
chard) 1,749,486 Einw. zählte, so kann man ohne Ue- 
bertreibung annehmen, dass auch hier ungefähr zwei 
Drittheile, also 1,200,000 slawischen Ursprungs sind. 
Der Iglauer, Hradischer und Prerauer Kreis sind beinahe 
ganz von Slawen, die übrigen von Slawen und Teut- 
schen bewohnt. Der grösste Theil der slawischen Mähren 
bekennt sich zur römisch-katholischen Kirche 5 doch zäh- 
len auch die Augsb. und Helv. Confessionsverwandten in 

5 ) O. Steinbach's von Kranichstein kl. Gesch. von Mähren, Pr. 783. 8 

- A. Pilär et Morawec Mor. hist., Brunn 785 — 87. 3 Bde. 8. — J. W. 
v. Monse Yers. e. Landesgesch. des Markgr. Mähren, Brunn 785 — 88 2 
Bde. 8. — F. J. Schwoy's kurzgef. Gesch. d. Landes Mähren, Brunn 788. 8. 
Vgl. die Schriftsteller über d. böhm. Gesch. Anm. 3. 

6 ) J. v. Rieger Materialien zur Stat. von Böhmen, Lpz. u. Pr. 787 — 
91. 13 Hfte. 8. Eb. Archiv d. Gesch. u. Stat. v. Böhmen, Dresd. 792 — 95. 
3 Bde. 8. Eb. Skizze e. stat. Landeskunde Böhmens, Lpz. u. Pr. 795. 3 Hfte 8. 

— J. Schallers Topogr. d. Kgr. Böhm., Pr. 785 — 90. 16 Bde. 8. Eb. topogr. 
Universalreg. des Kgr. Böhmen, Pr. 791. 8. Eb. Neues Catastrum d. Kgr. 
Böhm., Pr. 802. 8. — Ch. Crusius topogr. Postlex. v. Böhmen, Mähr. u. Schle- 
sien, W. 798. 2 Bde. 8. — Kurzg. Beschr. d. Kreise v. Böhm., Pr. 794. 16 
Hfte. 8. — J. de Luca Geogr. v. Böhmen, W. 791. 8. — F. A. Demian 
stat. Darstell, von Böhm. Mähr, und Schlesien, W. 804. 8. — J. J. Kausch 
ausführliche Nachrichten üb. Böhm., Salzb. 794. 8. — Meissners hist. maier. 
Darstellungen a. Böhmen, Pr. 790. 4. — Maliner Vers, einer stat. Geogr. v. 
Böhmen, Pr. 805. 8. — J. J. Polt Handb. d. Geogr. v. Böhmen, Pr. 813. 8. — 
v. Liechtenstein stat. Schilderung d. Kgr. Böhm., W. 812. N. A. Bresl. 822. 8. 
Eb. Handb. d. Geogr. Oesterreichs, W. 818. 3 Bde. 8. — Schematismus von 
Böhmen 1822. — Pomfokls stat. Topogr. v. Böhmen , herausg. v. Kramerius, 
Pr. 822 ff. — B. J. Dlabace wypsänj ceskeho krälowstwj , Pr. 819. 8. — J. 
A. Dundra zemepis krälowstwj ceskeho, Pr. 823. 8. -— (Bohrer) Vers. üb. 
d. slaw. Bewohner Oesterreichs, W. 804. — W. A. Gerle neues Gemälde von 
Böhmen, Pesth 823. 3 Bde. 8. 



296 

Mähren gegen 40,000 Bekenner. Ein Theil der Mähren, 
der den kleinsten aber fruchtbarsten Raum in der Mitte 
des Landes, um die Städte OlJmütz, Wiscbau u. Krein- 
sier, die sogenannte Hanna bewohnt, heisst die Hanna- 
ken,, ein anderer in den Gebirgen des Hradischer u. Pre- 
rauer Kreises, Walachen 7 ). - Rechnet man zu den 
Obigen die Sprach- und Literaturverwandten Slowaken 
in Ungern, gegen 1,800,000 Seelen hinzu, so ergibt 
sich hieraus die ungefehre Gesammtzahl von 5V 2 Mill. 
slawischen Individuen für den böhmisch-mährisch-slo- 
wakischen Stamm. 

§. 37. 

Charakter der böhmischen Sprache. 

Die Sprache des cechischen Slawenstammes, welcher 
Böhmen bewohnt, gehört, dem §. 4. Gesagten zufolge, 
als eine besondere, durch Bau und Bildung wesentlich 
unterschiedene Mundart, zum nordwestlichen, oder böh- 
misch - slowakisch - polnisch - wendischen (im Gegensatz 
des ostsüdlichen, oder russisch-serbisch-kroatisch- win- 
dischen) Hauptast des weit verbreiteten slawischen Sprach- 
stammes. Einerseits mit dem Slowakischen, mittelst des- 
sen sie an der pannonischen Donau mit dem südöstlichen 
Hauptast in Berührung kommt, andererseits aber mit 
dem Polnischen, das ans Russische gränzt, enge ver- 
wandt, gewährt sie sowol wegen dieser ihrer Stellung, 
als auch wegen der verschiedenen Entwickelungsperio- 
den, die sie durchlief, und der Bildungsstufe, die sie 
erreichte, dem Forscher mehrere interessante Gesichts- 
und Vergleichungspuncte. 

Das Eigenthümliche und Charakteristische der böh- 
mischen Mundart lässt sich durch Vergleichung einiger 
Wörter mit den Mundarten der zweiten Ordnung mit 
wenigen Zügen entwerfen: 

T ) F. J. Schujoy's top. Schilderung d. Markgr. Mähren , Prag und 
Lpz. 786. 2 Bde. 8. Eb. Topogr. d. Markgr. Mähren, Brunn 793 — 94. 3 Bde. 
8. — (J. A. Hanke v. Hankaistein) Bibl. d. mähr. Staatskunde, W. 786. 8. 
J. Hazzis Statistik v. Mähren, Nürnb. 807. 8. — v. Liechtenztern Handb. 
d. Geogr. von Oesterreich, W. 817 - 18. Vgl. Anm. 6. 



297 



Böhmisch. Slowakisch. Polnisch. Sorbenwendisch. 



1. e: zert, zel 


a : zart, zial 


a. zart, zal 


o, a: zort, zal (zel). 


duse 


dusa 


dusza 


duscha 


macecha 


o : macocha 


o: macocha 


o : maczocha 


i: cizj, giz 


u: cuzy, uz 


u: cudzy, iuz 


u: czuze, yuz 


cigi 


cugem 


czui§ 


tzuyu 


j: wjra,stestj 


ie : wiera, scastie 


ia, ie: wiara, 
szczescie 


e : wera, zbozo 


zagjc 


a: zagac 


a : zaiac 


a: zayacz (huchaz) 


2. maso, räd 


ä, ia (a): niäso, räc 


ig, a: mieso, rz§d ja, e: mjaszo, meszo, 




(riad) 




rjad 


saud 


ü: süd 


a: sad 


u : szud 


kwet, swet 


e: kwet, swet 


ia: kwiat, swiat 


e : kwetk, szwet 


dewce 


ou: diouca (dieuca 


ie : dziewcze 


ou : dzouczatko, zoczo 


mleyn 


y: mlyn 


y: miyn 


o, u : mön, mlun, mun 


chodegj 


iä : chodiä 


a : chodza 


a : khodza 


3. gdu 


idem 


id§ 


hdu 


gisty 


isty 


isty 


weste, wesczi 


nebe, nemäm 


ne: nebo, nemäm 


nie: niebo 
niemam 


ne: nebo, nemam 


4. brada 


brada 


broda 


broda 


krawa 


krawa 


krowa 


kruwa, krowa 


5. h: hrom, hlas hrom, hlas 


g : grom, gros 


rom, wosz, glosz 


6. r: reka 


ri : rieka 


rz : rzeka 


reka, rika 


fee 


r: rec 


rzecz 


retz 


7.1: spal 


u, o: spau (spao) 


i: spaJ 


1: spal je. 


8. prwnj 


perwy 


pierwy (pierwszy) 


preni, perwi 


smrk 


smrek, smerek 


smrok 


schmrok 


dska 


deska (daska, 
doska) 


deska 


deska 


srdce 


srce (serce) 


serce 


wutroba 


dcera 


cera 


cora 


dzowka 


tresknauti 


tresnüt 


trzasnac 


zczerkacz 


radostny 


radosny 


radosny 


hradoscziwe 


9. co 


CO 


CO 


zto, zo 


pres 


cez (örez, cez) 


przez 


pzes, pschew 


stresne 


ceresna 


trzesnia (cze- 
resnia) 


tzeschna 


skremen 


kremen 


krzemien 


kzeszaduik 


kstice 


kecka 


wfosy 


wösz, losz 


ocas 


chwost 


ogon 


woposch, wopusch 


kocka 


macka 


kotka 


kot, koczka 



298 

Der Böhme neuerer Zeiten liebt die engern, dum- 
pfern Vocaie e und i vorzugsweise, und opfert ihnen die 
volleren a, 0, u nicht nur in den Flexionssylben, son- 
dern selbst in solchen Wurzel Wörtern, wo sie noch allen 
Slawen gemein sind, beinahe durchgängig auf. Er hat 
das k statt g mit dem Slowaken und Oberlausitzer (zum 
Theil auch dem Küssen) gemein. Vor dem XIII. Jahrh. 
kommt dieses h statt g in den Urkunden noch nicht vor. 
Dahingegen kennt weder der Slowak, noch der Wende 
in den beiden Lausitzen das zischende böhmisch-polni- 
sche rz, welches gleichfalls erst seit dem X — XII. in 
seiner neuern Gestalt (rsch st. rj), ungewiss auf welche 
Weise, aufgekommen ist. — Im Ganzen eben so rein 
und tönend, wie ihre Schwestern , in grammatischer 
Vollendung den meisten voranstehend, büsste doch diese 
Mundart einen grossen Theil ihrer Originalität durch 
den Eintluss des Teutschen, und ihr Aufblühen durch 
die ungünstigen Schicksale des oft und vielfach zerrüt- 
teten Landes ein. Der Mangel an sonoren Vocalen und 
die Häufung der Consonanten ist wol nirgends so gross 
als hier. Wenn wir aber auch zugeben, dass sie in Hin- 
sicht des Wolklangs andern slawischen Mundarten nach- 
stehet, so darf ihr dieses doch nicht zum Vorwurf an 
geborner Härte gemacht werden. Vieles kommt bei die- 
ser ursprünglich wolklingenden, aber durch verschiedene 
fremdartige Einflüsse bedeutend verunstalteten Mundart 
auf die Rechnung geschmackloser , vorzüglich späterer 
Schriftsteller, die, nachdem die Sprache aus den höhe- 
ren und gebildetem Kreisen gewichen, und einerseits 
Sprache des gemeinen Volks, andererseits aber der Bü- 
cher geworden war, selbst das Böhmische nicht spre- 
chend, und auf die Aussprache des Volkes nicht achtend, 
sich Härten erlaubten, über die wol das lesende Auge 
hinweggleiten , aber die sprechende Zunge sich nicht 
hindurcharbeiten kann. Denn im Munde des Volks und 
ri den ältesten Gedichten erscheint das Böhmische viel 
kerniger , kräftiger , geschmeidiger, ja wol klingender, 
als in den Werken neuerer Schriftsteller. Befremdend 
ist es allerdings, dass bei dem allgemein wiedererwach- 
ten Studium der böhmischen Sprache, die Kegeln des 



299 

Wohlklangs von so wenigen Schriftstellern bei derselben 
bis jetzt geltend gemacht werden, um den Forderungen 
des Geschmacks zu genügen. Würde man hierbei einer- 
seits auf allgemeine ästhetische Gesetze des Wollauts, 
andererseits aber auf veraltete, wolklingende Wort- und 
Sprachformen, auf die Aussprache der Slowaken in Un- 
gern, die unbez weifelbar milder, oft richtiger ist, als 
die der Böhmen, auf verwandte Mundarten, und auf 
Analogie und Consequenz gehörig Rücksicht nehmen: so 
würde das verlorne Gleichgewicht zwischen den engen 
und breitern Vocalen hergestellt, die oratorische Kraft 
und Würde erlangt werden, und der Vorwurf „win- 
selnder Ohnmacht," und des „Mangels an schlagender 
Volltönigkeit" von selbst aufhören, der ihr so oft ge- 
macht wird, und noch neulich von dem genialen, ge- 
schmackvollen Kenner, Graf. St. Potocki (Mowy II. 427) 
gemacht wurde, und von dem sie allerdings in ihrer gegen- 
wärtigen Gestalt nicht ganz freizusprechen ist 1 ). — Aber 
ein entschiedener, überwiegender, unschätzbarer Vor- 
zug der böhmischen Mundart, den sie bis jetzt, wenig- 
stens in der Ausübung, mit wenigen ihrer Schwestern 
theilt, ist ihre hohe Befähigung zur quantitirenden Vers- 
kunst im Sinne der altclassischen Prosodie. Um den Be- 
sitz dieses Kleinods können dereinst wol die südlichen 
Mundarten (die slowakische und serbisch - dalmatisch- 
kroatische), aber nicht so leicht die nördlichen (die pol- 
nische und russische) mit ihr wetteifern. — Noch ver- 
dient der Fleiss, mit dem sie von ihren Anbauern in 
Grammatik und Lexico seit den ältesten Zeiten bis auf 
die Gegenwart bearbeitet worden, eine Auszeichnung. 2 ) 

L ) Vgl. B. Balbini diss. apol. pro lingua slav. praec. Bohem., Prag 
775. 8. — K. Thdma obrana gazyka ceskeho, Pr. 783. 8. - J Ruljka slawa 
a wybornost gazyka ceskeho, Pr. 792. 8. — J. Dobrowsky üb. d. Bildsamkeit 
der böhm. Sprache. Eb. üb. d. Wolklang der slaw. Sprache mit besonderer 
Anwendung auf die böhm. Mundart, in s. Slowanka Th. II. 1 — 67. 

2 ) Sprachbücher. Grammatiken : Kurze Unterweisung beid. Spr. teutsch u. 
böhmisch, Pils. 531. 8. u. öfters. — A. Klatowsky böhmisch - deutsche Ge- 
spräche, Pr. 540. 8. u. öfters. — B. Optat u. P. Gzel Aul. z. böhm. Or- 
ihogr., Namest 533. Pr. 588, 643. — M. Benesowskv Gramm. Bohem., Pr. 
577. 8. — L. Benedict v. Nttdozer Gramm. Boh., Pr. 603" 8. — ./. Drachowskt) 
Gramm. Boh. herausg. von Steyer Olm. 660. 12. — G. Constantius lima 
hnguae Boh., Pr. 667. 8. — M. Steyer wyborne dobry zpüsob u. s. w. (Anl. 
z. Orthogr.) Pr. 668. 730. 781. 12. -„{Anonymi) principia 1. boh. o. J. (1670- 
80). N. A. Pr. 783. 12. - W. Rosa Cechofecnost, Pr. 672. 8. - W.Jandit 



300 

§. 38. 

Epochen der böhmischen Literatur. Erster Periode erste 

Abtheilung. Von der Einwanderung der Cechen in Böhmen 

bis zur gänzlichen Ausrottung des Heidenthums. 

J. 550 - 1000. 

Die Geschichte der böhmischen Literatur zerfällt in 
drei Hauptperioden, deren jede der bequemem Ueber- 
sicht wegen in zwei Abschnitte getheilt werden kann. 
Die erste Periode umfasst den Zeitraum von der Ein- 
wanderung der Cechen bis auf Kg. Wenceslaw IV. oder 
Huss. J. 550 — 1410. Diese Periode hat zwei Abthei- 
lungen : die erste von der Einwanderung der Cechen 
bis zur gänzlichen Ausrottung des Heidenthums unter 
Boleslaw II. J. 550 — 1000, und die zweite von da bis 
auf Kg. Wenceslaw IV. oder Huss J. 1000—1410. Die 
zweite Periode erstreckt sich über den Zeitraum von 
den Hussitenkriegen bis auf die Schlacht am weissen Ber- 
ge J. 1410 1620. Sie enthält ebenfalls zwei Abthei- 
lungen: die erste von Huss bis auf die Verbreitung der 

Gramm. 1. boh., Pr. 704. N. A. v. Wussin 715. 7. A. 753. - P. Dolezal Gram. 
Slavico-boh., Pressb. 746. 8. — J. W. Pohl böhm. Sprachkunst, Wien 756. 
5 A. 783. 8. — F. J. Tomsa böhm. Sprachl., Pr. 782. 8. — K. J. Thäm böhm. 
Sprachlehre, Pr. 785. 8. — Eb. böhm. Gramm., Pr. 798. 801. 804. 8. — Ae. 
Cklädek naucenj kraticke u. s. w., Pr. 795. 8. — F. M. Pelzet Grunds, der 
böhm. Sprache, Pr. 795. 798. 8. — ./. Negedly böhm. Gramm., Pr. 804. 3 A. 
821. 8. — J. Dobrowsky Lehrgebäude d. böhm. Sprache, Pr. 809. 2 A. 819. 
böhmisch von Hanka : Mluwnice, Pr. 821. 8. — J. E. Schmidt gramm. ceska, 
Pr. 816. 8. — Nowotneho z Luze gramm. öeskä, Pr. 818. 8. Wörterbücher: 
A. v. Weleslawjn diction. 1. lat. c interpr. boh., P. 579. 4. Eb. sylva qua- 
drilinguis, boh. lat. graec. germ., Pr. 598. 4. — Eb. Nomenciator lat. boh. 
germ.. Pr. 586. 8. — Loderecker diction. Septem linguar. — G. Henisch the- 
saurus 1. germ., Augsb. 616. f. — Sylvula trilinguis, Pr. 650. — Gazophyla- 
cium boh. lat. graec. germ., Pr. 671. — Dict. quadrilingue, Pr. 683. 8. — 
J. A. Comenius janua lingu., P. 669. 4. u. öfters. — Chr. Cellarii Hb. me- 
mor., böhm. von Bei., Pr. 755. 777. 8. — Z. C Wussin dict. germ. lat. boh., 
Pr. 700 — 706. 3 Bde. 4. N. A. 722. 742 — 47. — Kropf Amalthea, böhm., 
Pr. 753. 8. — J. K. Rohn böhm. lat. deutscher Nomenciator, Pr. 764 — 68. 
4 Bde. 4. — W. Wiedemavn teutsch. böhm. Wörterb., W. 768. 8. — K. J. 
Thäm deutsch-böhm. Nationallexicon, Pr. 788. 8. 799. 8. N. A. Prag 814. 
2 Bde. 8. Eb. böhm.-deutsches Nationallex., Pr. 805 — 807. 2. Bde. 8. Eb. 
deutsch-böhm. u. böhm.teutsches Taschenwörterb., Pr. 818 ff. 2 Bde. 12. — 
F. J. Tomsa kl. teutsch-böhm. Wörterb., Pr. 789. 8. Eb. böhm. teutsch- 
lat. Wörterb.. Pr. 791. 8. - J. Dobrowsky doutsch-böhm. W. B., Prag 
802 — 21. 2 Bde. 4. — G. Palkowic böhm. deutsch-lat. W. B. Prag und 
Pressburg 821. 2 Bde. 8. 



301 

Buchdruckerkunst in Böhmen oder bis anf Ferdinand 1. 
J. 1410 — 1526, die zweite von da bis zu der Schlacht 
am weissen Berge J. 1526—1620. Die dritte Periode 
endlich umfasst den Zeitraum von der Schlacht am weis- 
sen Berge bis auf unsere Zeiten J. 1620 — 1825. In ihr 
lassen sich ebenfalls zwei Abschnitte machen : von der 
Schlacht am weissen Berge bis auf Ks. Joseph II. J. 1620 — 
1780, und von da bis auf unsere Zeiten J. 1780—1825. 

V 

Erste Abtheilung. Von der Einwanderung der Cechen bis 

zur völligen Besiegung des Heidenthums unter Boleslaw II. 

J. 550 - 1000. 

Unter dem grässlichen Sturm, der nach dem gänzli- 
chen Fall Roms über die Welt tosete, drang der cechi- 
sche Slawenstamm in das von Markomannen verlassene, 
menschenleere Böhmen, diese Landwehr der Natur, fried- 
lich um das J. 550 ein. Der kriegerische Samo ermu- 
thigte die Slawen sich der hunnischen Tyrannei zu ent- 
ledigen : er verband mehrere Slawenstämme, und dar- 
unter auch die Cechen, zuerst zu einer selbständigen 
Nation. Unter Krok dürfen wir uns der Sage nach nur 
einen Mann denken, welcher durch Kenntnisse, beson- 
ders von den Sitten, rechtlichen Gebräuchen, Geschich- 
ten seines Volks, und durch seinen redlichen Sinn das 
Vertrauen der Nation so gewonnen hatte, dass sich strei- 
tende Parteien , Volksversammlungen in Erörterungen 
über öffentliche Entschlüsse, willfährig seinen Einsichten 
unterordneten. Weil er seinen Geist, seine Kenntnisse 
und Erfahrungen auf seine Tochter Libusa übertragen 
hatte, blieb ihr ähnliches Vertrauen und Ansehen bei 
der Nation; und beide in ihrem wohlthätigen, friedli- 
chen Walten, und selbst Pfemysl, von Libusa zum Ge- 
mahl erkohren, sind Erscheinungen, die auf geschicht- 
liche Thatsachen hinweisen. Krok, Libusa und Premysl 
müssen als Heroen eines merkwürdigen Zeitpunctes in 
der National entwickelung, gleichsam als Repräsentanten 
der böhmischen Cultur ihrer Zeit betrachtet werden; 
denn die Sage bildet die Geschichte durch Phantasie wei- 
ter aus, aber sie erfindet nicht ihren Urstoff 1 ). — Der 

l ) K. L. Woltmanris Gesch. v. Böhm. Th. I. S. 12. 



'MY> 

gesellschaftliche und politische Zustand des cechischen 
Volks in diesem Zeitraum war der aller Slawen : im 
Ganzen gleiche Religion, gleiche Sitten, gleiche Sprache, 
gleiche Beschäftigung, gleiche Verfassung, wenn gleich 
im Einzelnen manche Verschiedenheit. Aber über den 
Grad ihrer Civilisation in dieser Periode wird man wol 
nicht eher befriedigende Auskunft erlangen, bis nicht das 
gesammte slawische Alterthum durch besondere Studien 
einheimischer , besonnener und unbefangener Forscher 
hinlänglich ergründet, erfasst und aufgehellt seyn wird: 
denn dass man mit den bis jetzt allgemein herrschenden 
Ansichten von der Wildheit und Barbarei unserer Vor- 
fahren bei dem hereinbrechenden Licht der historischen 
Kritik nicht mehr auslange, zeigen schon jetzt so man- 
che in diesem Gebiete gemachte Entdeckungen, und wird 
die Erfahrung und das tägliche Fortschreiten immer mehr 
zeigen. — Es gibt keine Spuren, dass der teutsche Geist 
auf die Cechen gleich nach ihrer Niederlassung in Böh- 
men auf irgend eine Weise eingewirkt hätte. Die üe- 
berbleibsel germanischer Völker, welche sie dort noch 
trafen, mussten ein in jeder Rücksicht schwacher Rest 
seyn, und sich bald in die slawische Nationalität ver- 
lieren; und selbst von ihm sind wahrscheinlich die Kräf- 
tigeren noch in die einsamen Gebirge gezogen. Demnach 
waren jetzt die Cechen, was sie waren, durch sich selbst 
und aus sich selbst; ihre Sprache war der Spiegel ihrer 
gesellschaftlichen, intellectuellen und sittlichen Bildungs- 
stufe. Aber eben diese reine Blut he ihres damaligen 
Volkslebens ist uns in ihrer wahren Gestalt noch ein 
Räthsel, das nur nach den vorhandenen einzelnen, un- 
zusammenhängenden Bruchstücken einigermaassen aufge- 
hellt, aber nicht gänzlich gelöst werden kann. Dass sich 
in allen slawischen Mundarten Spuren einer viel frühern 
Bildung der Nation in ihren alten Wohnsitzen finden 
lassen, und dass diese Spuren sogar auf den Gebrauch 
einer Buchstabenschrift bei den heidnischen Slawen hin- 
weisen, ist eine, Kennern längst bekannte Thatsache 
(vgl. §. 2.). Was die Böhmen insbesondere betrifft, so 
mag ihre Sprache zur Zeit ihrer Einwanderung zwar im 
Ganzen den südöstlichen Mundarten, vorzüglich der alt- 



303 

slawischen, viel näher als jetzt gewesen seyn; im Ein- 
zelnen war sie dennoch schon damals, als eine beson- 
dere Mundart, von denselben wesentlich verschieden. 
Bei einem so grossen, weitverbreiteten Völkerstamme, 
als der slawische schon im grauen Alterthum war, konnte 
sich die Einheit der Sprache unmöglich lange erhalten. 
Ihre früheste Ausbildung verdankt sie unstreitig den Prie- 
stern, dann aber und ganz vorzüglich den Sängern. Ge- 
sang und Musik werden schon den heidnischen Slawen 
in älen Chroniken nachgerühmt, und müssen noch heute 
allen Stämmen, vorzüglich jenen,, die ihre Nationalität am 
treuesten bewahrt haben, nachgerühmt werden. Gesang 
und Musik führen aber von selbst auf Naturpoesie: darum 
finden wir die Naturpoesie nirgends mehr zu Hause, als 
bei den Slawen. Und diese Naturpoesie, in welcher lieb- 
lichen, überraschenden Gestalt zeigt sie sich uns, je hö- 
her wir in das slawische Alterthum hinaufsteigen! — 
Von der bei dem Chronisten Hägek aufbewahrten Sage, 
dass die heidnischen Herzoge in Böhmen ihre Schreiber 
(pisäk) gehabt hätten, und die Fürstin Libusa (um 720) 
ihre Prophezeiungen mit slawischen Buchstaben hätte auf- 
zeichnen lassen (die sehr schön durch die neulich ent- 
deckten Fragmente bestätigt wird), auch abgesehen; so 
kann doch nicht geläugnet w r erden, dass die kostbaren 
Ueberreste der ältesten einheimischen Dichtkunst, in den 
neulich entdeckten und dem böhmischen Museum zuge- 
sandten Bruchstücken 2 ) und in den Gedichten der Kö- 
niginhofer Handschrift, 3 ) deren einige ihrem Ursprung 
nach gewiss bis in diese Periode hinaufreichen, auf ein 
viel früheres Alter der Volksbildung bei den Slawen hin- 

2 ) Sie sind erschienen in Krok In Bdes 3te Abth. S. 48 — 61, mRa- 
kowiecki's prawda ruska Th. I. S. 235. Th. IL S. 157 — 169, in den ,,Izwe- 
stija rossijskoj Akademii" X. Hft., und in N. Grammatiri's Slowo o polku 
Igorewom Moskau 823. Ueber den darüber geführten Streit kann man sich 
in Horrnayr's Archiv 1824. Aprilhft. Eaths erholen. 

3 ) Sie wurde zufälliger Weise im Sept. 1817 v. Hrn. W. Hanka in 
einer Kammer an der Kirche zu Königinhof unter Schutt und verworfenen 
Papieren entdeckt und herausg. Pr. 819. 8., und in den Izw. Ross. Akad. 
S. P. 820; VIII. Hft. Nach Hrn. Dobrowsky fällt die Sammlung, nach der 
Schrift zu urtheilen, zwischen die J. 1290—1310. Die ganze Sammlung be- 
stand aus 3 Büchern, wie man aus den Ueberschriften der übrig gebliebe- 
nen Kapitel des 3ten Buchs, da das 26 — 28ste genannt werden, sicher 
schliessen kann : und wenn jedes von den abgängigen 25. Cap. auch nur 
2 Gedichte enthielt, so sind bloss vom 3. Buche 50 Gedichte in Ver- 
lust gerathen. 



304 

deuten, als man gewöhnlich anzunehmen sich für be- 
rechtigt hielt. Diese Vollendung der Nationalpoesie ist 
nicht die Frucht eines Frühjahrs, sondern eines Jahr- 
hundert - Frühlings 4 ). Die dem Nationalmuseum ein- 
verleibten (vier) Pergamentblätter (deren Echtheit ver- 
gebens erst neulich v. Hrn. Dobrowsky bezweifelt wurde, 
indem sich die Gesänge selbst als einer andern, lebens- 
kräftigeren, durch keine künstliche Begeisterung ersetz- 
baren Zeit angehörend ankündigen, und als solche in 
alle Ewigkeit bewähren werden) enthalten zwei Bruch- 
stücke : das Ende des einen und den Anfang des andern 
Gesanges, 120 Verse. Der Gegenstand des erstem ist 
eine Volksversammlung, in der Familiengesetze gegeben 
werden, des andern aber das bekannte Gericht der Für- 
stin Libusa in dem Rechtsstreit zweier Edlen, dessen 
Folge, nach den Chroniken, die Wahl des Premysl zum 
Herzog von Böhmen war. Von den in der königinho- 
fer Handschrift befindlichen lyrisch - epischen reimlosen 
Nationalgesängen gehören: Cestmjr's Sieg über Wlaslaw 
unter Neklan im Jahr 830, 265 Verse, und Zäboj, 
Slawoj und Ludiek oder von der grossen Schlacht (etwa 
unter Dagobert 630, oder Ludwig 813), 279 Verse, 
da sie Spuren des Heidenthums tragen, wol hieher. Ein 
gleiches gilt von dem von Hrn. Linda (1817) auf einem 
Pergamentblatt entdeckten Klaglied eines Verliebten an 
den Ufern der Moldau, 24 Verse. — Alle diese Gesänge 
gehören ihrer ersten Abfassung nach gewiss vor Ende 
des IX. Jahrh., wenn sich gleich, aus leicht begreiflichen 

*) In den Gedichten der Königinhofer Handschr. geschieht oft ande- 
rer Sänger Erwähnung. Mit Recht sagt einer unserer geistreichsten vater- 
ländischen Gelehrten, Hr. /. Jungmann (Slowesnost S. XXVI.) „Pohled na 
tyto predrahe zlomky staroöeskeho bäsnjctwj, srownänj gich se zpewy gi- 
noslowanskymi, drewnym stichotworeniem, Igorem, a zwläste s prostonärodnj 
Musau Srbskau, pripomenutj Ossiana a dawnowekych bardü, druidu a skaldü, 
naskytuge tu dülezitau myslenku, ze druhdy po cele Ewrope podobne sobe 
bäsnjctwj panowalo, ze gestli ue gako nynj mezi närody, aspon mezi zdari- 
lymi hlawami a pewci gegich obapolnä sebeznämost wjce incne rozsjrena 
byla; wübec, ze, ackoli historie , to pozdnjöe umenj a wedy lidske, na 
nescjslne ininulosti wöky cirau tmu prostjrä, nicniöne i w onom näm ne- 
znämem case rozum a srdce lidske swetla a peknych rozöilych citü nikoli 
zbaweni nebyli. Bylali to prwnj wznikagjcjho bäsnjctwj epocha, öili gen 
ohlas prastare asiaticke w Ewropu prinesene a w tisjciletöm stßhowänj do- 
ohowane' wzdelanosti. a dokonaleho casomerneho bäsnjctwj, geho2 wetchä 
Uepege w prjbuzne näm Indii pozorugeme, — toho rozhodnutj budauej 
skaumatelfi pilnosti züstaweno." 



305 

Ursachen , keine so alten Abschriften von ihnen erhal- 
ten haben. 

Ungefehr um die Mitte des IX. Jahrh. brach das 
Licht des Christenthurns in dem heidnischen Böhmen 
heran, und von seinen milden, erwärmenden Strahlen 
bewältigt, trat das umfriedete Land nach kurzem Wi- 
derstände ans seiner dunkeln, häuslichen Abgeschieden- 
heit heraus, und schloss sich an die grosse Familie christ- 
lich-civilisirter Völker enger an. Mit dem Christentum»! 
begannen und erfolgten, wie überall, auch hier, christ- 
liche Wissenschaft und Kunst, engere Verbindung mit 
den benachbarten, selbst befeindeten Nationen, Annahme 
ihrer Sitten und Einrichtungen, immer siegreichere Be- 
kämpfung des Heidenthums, und zuletzt völlige Ausrot- 
tung seiner Einrichtungen und Erzeugnisse. — Im J. 845 
Hessen sich vierzehn böhmische Fürsten in Regensburg 
taufen. Bald darauf kam mit dem Hzg. BorTwog die 
christliche Religion auf den Thron. Seine kurze Regirung 
nach seiner Taufe machte, dass er für das Christenthum 
weniger thun konnte, als sein Sohn Spitihnew that, den 
die ältesten Legenden als den Urheber und ersten Be- 
förderer der christlichen Religion in Böhmen rühmen. 
Die nach dem Tode Swatopluks in Mähren entstandenen 
Unruhen veranlassten den Hzg. Spitihnew 7 im J. 895 mit 
dem teutschen Reiche in genauere Verbindung zu tre- 
ten, und so erhielt Böhmen seine ersten christlichen Leh- 
rer aus Teutschland. Diese brachten lateinische Schrift- 
züge, mit welchen sie schon früher slawische Wörter und 
das Nöthigste zum Unterrichte des Volks zu schreiben 
gewohnt waren, (namentlich thaten dieses zwei Merse- 
burger Bischöfe, Boso vor 971, und Werner vor 1101) 
nach Böhmen, und theilteu sie dem Volke mit ; während 
fast gleichzeitig bei den südlichen Slawen an der Donau 
und von dort bis nach der Slowakei und Mähren hinauf, 
Kyrills eigentlich für Slawen verfertigtes Alphabet in 
Gebrauch kam. In Böhmen selbst fasste Kyrills Erfin- 
dung nie Wurzel. Die Misshelligkeit zwischen Rom und 
Consta ntinopel verhinderte, dass die Sprache der kyrilli- 
schen Liturgie und Bibelübersetzung nicht gemeinschaft- 
liche Schrift- und Büchersprache aller Slawen, wozu sie 

20 



306 

auf dein Wege war, geworden ist 5 ). Die Schicksale der 
böhmischen Sprache waren nun, wie die des Landes, 
das Religion, Sitten und Verfassung änderte, und dein 
Einflüsse der Fremden immer mehr Raum gab, verschie- 
den. Neben der böhmischen wurde die lateinische, als 
diplomatische, und bald auch die teutsche Sprache ein- 
geführt. Ausser den schon an den Gränzen vorhandenen 
Ueberbleibseln teuischer Stamme , führte nämlich das 
Christenthum teutsche Priester als Bedürfniss ein, denen 
bald mehrere Ansiedler freiwillig, und teutsche Kriegs- 
gefangene gezwungen nachfolgten. Man erlaubte ihnen 
nach ihren Rechten und Gesetzen zu leben; sie wurden 
sämmtlich für freie Leute erklärt, und erhielten viele 
wichtige Gerechtsame. Der Hofstaat der Herzoge ward 
bald nach teutschen Mustern umgeformt. Viele teutsche 
Rechtsansichten, namentlich des Lehnrechts, wurden an- 
genommen. Im X. Jahrb. waren bereits viele Ortschaf- 
ten ganz mit Teutschen besetzt. Zu Ende desselben kommt 
die erste teutsche Prinzessin, Hemma von Sachsen, als 
Gemahlin Boleslaws IL, nach Böhmen. Ihr Hofcaplan, 
der Benedictiner Ditmar von Magdeburg, wird erster 
Bischof von Prag. Unter dem Einflüsse des Lateinischen 
und Teutschen änderte sich die böhmische Landesmund- 
art, und entfernte sich immer mehr von ihrer Quelle. 
Man nahm von nun an fremde Wörter auf; man bildete 
auch nach dem Muster der lateinischen und teutschen 
Sprache neue aus böhmischen Wurzeln ; manche andere, 
die schon vorhanden waren, bekamen durch Uebertra- 
gung auf einen andern Gegenstand neue Bedeutungen. — 
Aus dieser Periode kennen wir, ausser den Namen der 
Berge und Flüsse, Städte und Schlösser, und der ersten 
Herzoge, die Cosmas im 1 teil Buche seiner Chronik ver- 
zeichnet hat, ausser den Benennungen der Wochentage 
und Monate, von denen die ersten offenbar christlichen 
Ursprunges sind, ausser dem Vaterunser, dessen älteste 
Formel dem IX. — X. Jahrb. angehören mag, vorzüglich 
das dem h. Adalbert, zweiten Bischöfe von Prag, einem 
gebornen Böhmen, zugeschriebene böhmische Kyrie elei- 
son-Lied. Aber schon bei der Einsetzung des ersten 

*) Die Schicksale der kyrillischen Liturgie in Böhmen sind schon 
oben i^. 11. angegeben worden. Vgl. Dobrowsky'a Slawin S. 434 ff. Dessen 
Geschichte der böhm. Liter. S. 46 ff. 



307 

Bischofs Ditmar soll das Volk dieses Lied gesungen ha- 
ben, wonach es noch älter seyn müsste. Um diese Zeit 
sollen, den Chroniken zufolge, bereits mehrere Schulen 
errichtet worden seyn , namentlich zu Budec, unweit 
Prag, und später in Prag, bei der Teyner Kirche*, al- 
lein ihr Daseyn ist, selbst bei der Nachricht, dass der 
h. Wenceslaw zu Budec von einem Priester in der la- 
teinischen Sprache unterrichtet worden , unerwiesen, 
und im Fall ihrer Zulassung, der unmittelbare Einfluss 
auf die Landessprache äusserst gering, da ja bekannter- 
maassen in denselben das Lateinische ausschliesslich ge- 
trieben worden. 6 ) 

§.39. 

Zweite Abtheilung. Von der gänzlichen Ausrottung des 

Heidenthums bis auf Kg. Wenceslaw IV. oder bis auf 

Huss. J. 1000 — 1410. 

Mit der Regirung Boleslaws IL ward der Sieg des Chri- 
stenthums in Böhmen entschieden. Seine Nachfolger be- 
folgten die von ihm vorgezeichnete Bahn. Diess brachte 
sie in nähere Verbindung mit christlichen Staaten, vor- 
züglich mit Teutschland. Hzg. Udalrich (1013 — 1037) 
erhält das Recht, bei der Kaiserwahl mitzustimmen. Hzg. 
Bretislaw I. (1037 — 1053) suchte durch die Erbfolge 
für den ältesten Prinzen des Hauses die Thronfolge ge- 
gen Unordnungen zu schützen. Unter den Hzgg. Wrati- 
slaw IL, Sobeslaw und Wladislaw II. ward die iMacht Böh- 
mens befestigt, und die königliche Krone errungen. — 
In dieser Periode wirkte das Christenthum schon mäch- 
tiger auf die Cultur des Landes ein. Die Zahl der Klö- 
ster wuchs; Schulen werden eröffnet; gelehrte Kennt- 
nisse dringen nach und nach ins Land. Benedictiner för- 
dern die Künste der Civilisation. Herzoge, Bischöfe, 
Aebte und Wladyken reisen ins Ausland, vorzüglich nach 
Rom, und kehren mit Kenntnissen bereichert zurück. 
Es ordnet sich die Verfassung; Reichstage werden öfters 
gehalten, Vertrage zwischen dem Herzoge und den Gros- 
sen werden errichtet, und Letzteren bedeutende Frei- 
heiten gesichert. Der Bürgermeister von Prag ist schon 

°) Dobrowsky Gesch. der böhm. Sprache u. Liter. 64 - 80. 

20* 



308 

ein mächtiger Mann. Als tapfere Krieger imd wichtige 
kaiserliche Beistände erscheinen die böhmischen Fürsten 
mit ihren Mannen: aber nicht eroberungssüchtig, son- 
dern friedliebend. Das Lehn- und Ritter — aber auch 
das Söldner - Wesen beginnt , damit Ackerbauer und 
Bergmann geschont bleiben. Bergbau und Metallarbei- 
ten sind schon um diese Zeit ein Hauptindustrie-Zweig« 
— Um diese Zeit lebte der berühmte Cosmas (geb. 1045, 
gest. 1125), der erste Chronist Böhmens, und sein Zeit- 
genosse Vincentius, Domherr zu Prag, ebenfalls berühmt 
durch seine Chronik, die er dem Kg. Wladislaw II. und 
der Königin widmete. — Die Könige von Böhmen Pre- 
mysl Ottokar I., Wenceslaw I., Ottokar IL und sein Sohn 
Wenceslaw IL, begünstigten die Städte auf eine solche 
Art, dass ihr Wolstand sichtbar zunahm. Der Handel, 
zu dessen Beförderung die Könige verschiedene Freiheits- 
briefe ertheilten, erweckte den Geist der Thätigkeit ; 
diese erzeugte Leberlluss und nährte die Künste. Durch 
Gesetze, die zu der Zeit die vornehmsten Städte schrift- 
lich aufsetzen Hessen, ward Ruhe und Ordnung in den- 
selben hergestellt. Der Adel war reich und mächtig, und 
der königliche Hof so glänzend, dass er nach dem kai- 
serlichen der erste in ganz Teutschland war. Aber gleich- 
zeitig gewannen teutsche Sprache und Sitten immer mehr 
Ansehen im Lande. Im XI. Jahrh. verwies Spitihiiew II. 
sämmtlichc Teutsche des Landes. Sie wurden aber bald 
wieder zurückberufen, und mehr als jemals begünstigt. 
\\ ratislaw , von Heinrich IV. zum Könige erhoben, er- 
theiltc der teutschen Gemeinde zu Prag durch einen Frei- 
heitsbrief gesetzliches Daseyn. Ausbreitung erhielt die 
teutsche Sprache durch die im XII — XIII. Jahrh. in 
Schaaren vom Rhein und der Donau nach Böhmen zie- 
henden Mönchsorden, und Ansiedelungen von Künst- 
lern. Handwerkern und Ackersleuten, die der Staats- 
klugheit wie der Frömmigkeit gleich willkommen waren. 
Denn die böhmischen Grossen sahen weder die Verbin- 
dung mit den Teutschen, noch die Abhängigkeit von 
den Kaisern, noch die Königswürde gern. Premysl Ot- 
tokar II. zog abermals viele Teutsche ins Land, er th eilte 
ihnen, besonders in den Gegenden an den östlichen Ge- 
birgen, Wohnplätze, Freiheiten, und errichtete aus ih- 



309 

nen seine Leibgarde. Der Hof beliebte ganz vorzüglich 
die teutsche Sprache. Unter den Wahlkönigen aus teut- 
schen Häusern wurde der Einfluss der teutschen Sprache 
und Sitten auf Böhmen entscheidend. Unter Johann von 
Luxenburg ist der Nachahmungstrieb der Böhmen durch 
das Neue und Ungewohnte, das sie bei seinem Hofe sa- 
hen, mächtig gereizt worden. Ein grosser Theil dersel- 
ben, besonders aber die höhern Classen, fanden an frem- 
den Sitten, Kleidern, Stiefeln, am neuen Haarputze und 
an der teutschen Sprache Geschmack. Sie ahmten das 
Fremde nach, nicht anders, als wenn sie geglaubt hät- 
ten, sie müssten nun nach erloschenem Premyslischen 
Stamme aufhören, Böhmen oder Slawen zu seyn. Es wur- 
de zum Sprichworte: die Böhmen sind wie die Affen. 
Der Adel und der Bürger von feinerer Lebensart in 
der Hauptstadt nahmen die Hofsprache und teutsche Na- 
men an. Die ersten geschriebenen Stadtrechte haben 
teutsche Rathsmänner zu Prag 1341 mit des Königs Be- 
willigung in teutscher Sprache entworfen, Doch ward 
die lateinische Sprache noch immer in öffentlichen Ver- 
handlungen , und wenn Urkunden ausgestellt werden 
sollten , allgemein gebraucht. Nach der Chronik des 
teutschen Abts von Königsal war um 1330 bei Hofe und 
in den meisten Städten die teutsche Sprache mehr im Ge- 
brauche, als die böhmische. Dass auch öffentliche Aem- 
ter und königliche Schlösser vom Könige an Ausländer 
vertheilt wurden, damit konnten die echten Böhmen we- 
niger zufrieden seyn. Es entstanden zwischen ihm und 
den böhmischen Herren Misshelligkeiten, und der Kö- 
nig musste endlich dem festen Sinne und der Macht der 
letztern nachgeben. — Durch Johanns grossen, in Frank- 
reich gebildeten Sohn, Karl I. (als Kaiser IV.), erreich- 
te Böhmen seinen höchsten Glanz. Er wusste die Begün- 
stigungen, die er als Kaiser den Teutschen angedeihen 
Hess, eben so klug als König von Böhmen zu massigen, 
dass beiden Parteien Genüge geschah, und keine Klage 
laut werden konnte. Verherrlichung des Vaterlandes war 
das Ziel seines Lebens. Er verschaffte zuerst Böhmen 
das politische Uebergewicht in Mitteleuropa. Prag war 
zu seiner Zeit nicht nur die volkreichste Stadt in ganz 
Teutschland, sondern des kaiserlichen Hofes wegen auch 



310 

zugleich der Sin n tlplatz der Künste und Wissenschaf- 
ten. Er stiftete nach den Vorbildern von Paris und Bo- 
logna die erste slawische l ) Universität in Prag (1348), 
damals für halb Europa die Sonne des wissenschaftlichen 
Lichts, wobei er jedoch den Ausländern an derselben 
drei Stimmen im Senat, den Böhmen hingegen nur eine 
einräumte, und hiedurch den Grund zu der nachfolgen- 
den heftigen Keaction der böhmischen Nationalität legte. 
Die Ungern, Polen, Böhmen, Mähren, Russen, Schwe- 
den und alle Teutschen trieben hier ihre Studien. Meh- 
rere böhmische Geschichtschreiber zeichneten sich unter 
ihnen aus. Böhmen erfreute sich damals eines echten Na- 
tionalruhms. Die wichtigsten Ehrenstellen am kais. Flofe 
und in der Reichskanzlei bekleideten Böhmen. Mehrere 
Bisthümer ausserhalb Böhmen waren von ihnen besetzt. 
Zu den vornehmsten Gesandtschaften wählte man sie; 
sie waren die Anführer im Kriege. Ein geborner Böhme 
zu seyn, galt für einen ausnehmenden Vorzug. Viele 
auswärtige Fürsten kauften sich an, um diesem Lande 
anzugehören. Alles strömte nach Böhmen: daher die 
grosse damalige Bevölkerung. Aber nicht lange währte 
dieser glückliche Zustand Böhmens. Schon unter Karls 
Sohn, Wenceslaw IV. (als Kaiser I.), entspannen sich 
die Händel mit der Geistlichkeit und die weitern religiö- 
sen Zwiespalte, welche von den wichtigsten allgemeinen 
Folgen waren. Alle Leidenschaften brachen in ihrer Ro- 
heit aus ; die begünstigten Teutschen entflammten aufs 
neue den Hass der hintangesetzten Slawen. 

Die Schicksale der böhmischen Sprache waren seit 
dem XI. Jahrb., dem steten Wechsel der innern und 
äussern Verhältnisse des Landes gemäss, sehr verschie- 
den. Zu Anfange des XI. Jahrb. schien ihrer Cultur und 
Gestaltung ein neuer Glücksstern aufzugehen. Der heil. 
Prokop bauete um 1030 das Kloster Sazawa, und £ be- 
setzte es mit slawischen Mönchen. Sie wurden zwar, 
weil man sie der Ketzerei beschuldigte, kurz nach sei- 
nem Tode (1053) von Spitihnew vertrieben, und teut- 

*) Zwar legte Kazimierz der Gr. nach Soltykowicz (0 stanic Akad. Krak 

Ho. s. 96.) bereits 1347 den Grundstein zu derKrakauer Hochschule ; aber ihre 

förmliche Orgamsfrung u. päpstl. Privilegirnng erfolgte doch erst unter WJa- 

Jagieilo L400, wahrend das päpstl. Privil. der Prager Univ. vom 26. 

Jan. 1347 und die k. Stif'tungsurk. vom 6. Apr. 1348 datirt ist. 



311 

sehe eingeführt; allein Wratislaw II. lud sie zurück und 
beschützte sie zeitlebens mächtig, wie es scheint in der 
Absicht, den slawischen Ritus an mehreren Orten in 
Böhmen, vielleicht nach und nach im ganzen Lande, ein- 
zuführen, was unstreitig auf die Cultur der böhmischen 
Mundart den grössten Einfluss gehabt haben würde. Der 
Papst Gregor VII. war aber hierin unerbittlich. Nach 
Wratislaws Tod mussten diese Mönche abermals den 
teutschen Platz machen. Von nun an findet man weiter 
keine Spuren der kyrillischen Liturgie und Schrift in 
Böhmen; die unter Karl IV. zu Emaus eingesetzten Be- 
nedictiner waren Glagoliten. Die lateinische Geistlichkeit 
Böhmens widersetzte sich, wie man aus Cosmas sieht, 
aus allen Kräften der Einführung der slawischen Litur- 
gie in Böhmen. Diese Abneigung ging so weit, dass 
man nicht einmal Spuren der altslawischen Kirchenspra- 
che in der gleichzeitig oder kurz darauf gemachten böh- 
mischen Uebersetzung der Evangelien findet. — Die böh- 
mische Sprache gestaltete sich vielmehr fortwährend un- 
ter dem Einflüsse der lateinischen und teutschen. Die 
grössten Fortschritte machte , besonders in der ersten 
Hälfte dieses Zeitraumes, die Sprache der Dichtkunst. 
Allein in derselben muss man die profane oder lyrisch- 
epische, von der religiösen oder historisch-didaktischen 
wol unterscheiden. Jene behielt ihre Selbständigkeit noch 
lange Zeit hindurch, und wahrscheinlich bis zu der Stif- 
tung der Prager Universität; diese ermangelte alles poe- 
tischen Geistes. Im Allgemeinen herrscht in den aus der 
Erinnerung vergangener Heldenzeiten entsprungenen Ge- 
dichten sowol, als auch in den der Innigkeit und Wärme 
des häuslichen Lebens entkeimten Volksliedern Origina- 
lität wahre dichterische Weihe, eine lebendige, kräf- 
tige, numeröse Sprache ; in den spätem Legenden, Fa- 
beln und didaktischen Gedichten hingegen auffallende 
Leere, Mattigkeit und Geistesarmuth. Die Blüthezeit der 
böhmischen lyrisch-epischen Dichtkunst scheint, gleich 
der herrschenden Periode der Minnesänger, in die zweite 
Hälfte des XII. und in den Anfang des XIII. Jahrh. zu 
fallen, obwol kein Grund vorhanden ist, die böhmische 
Nationalpoesie dieser Zeit für eine Tochter der proven- 
zalischen oder teutschen zu halten, 



312 

Der Kittergeist, und in seinem Gefolge die Konian- 
tik, wehten damals gleich mächtig über halb Europa. 
Gleich wie nun in Teutschland Könige, Fürsten u. Rit- 
ter in die Reihe der Dichter traten; eben so begünstig- 
ten liier die Grossen des Landes die Dichtkunst auf ih- 
ren Burgen, und machten nicht selten selbst gelungene 
Versuche in derselben. Der Geist der Lumjre und Za- 
boje ruhte noch auf den böhmischen Nationaldichtern. 
Unter den böhmischen Fürsten wird Kg. Wenzeslaw I. 
(1230 — 53), Ottokars II. Vater, als Musenfreund und 
Dichter gerühmt; allein das ihm zugeschriebene teutsche 
Minnelied ist in der böhmischen Sprache weit älter vor- 
handen, und wahrscheinlich aus dieser in jene ihm zu 
lieb von irgend einem reisenden Minnesänger übersetzt 
worden. Der unglückliche Zäwis Wjtkowic aus dem 
Rosenbergischen Geschlechte , der Kg. Wenceslaws II. 
Mutter heirathete , und 1290 enthauptet wurde, soll, 
nach dem Zeugnisse Hägeks und Balbins, im Kerker viele, 
unstreitig böhmische , Lieder verfertigt haben. Nach 
der Errichtung der Universität zu Prag ward es mit der 
Nationaldichtkunst umgekehrt. So gross nämlich der Ein- 
(luss der Universität auf die Bildung der böhmischen 
Sprache, vorzüglich in der Folge war, so wenig war er 
der Dichtkunst erspriesslich. Diese ging zu Anfange des 
XIV. Jahrh. mit so mancher Volkssitte zu Grabe. Statt 
des einheimischen, reimlosen, rhythmischen Verses wur- 
de von nun an Jahrhunderte lang in 8sylbigen Zeilen 
gereimt. Stoff und Gehalt hielten mit der Form glei- 
chen Schritt. Die Jugendperiode des böhmischen Volks 
und mit ihr das poetische Leben hörten auf. Um so mehr 
fing die Prosa an sich zu entfalten, besonders seit Karl IV. 
Dieser setzte nämlich die böhmische Sprache mit der 
teutschen und lateinischen in gleiche Rechte ein; erlernte 
selbst nicht nur böhmisch sprechen, sondern auch schrei- 
ben, und wenn gleich noch alle Urkunden in seiner böh- 
mischen Kanzlei entweder in lateinischer oder teutscher 
Sprache ausgefertigt wurden, so vergass er doch nicht 
die slawische Sprache selbst den Söhnen der Kurfür- 
sten in der goldenen Bulle 1356 zu empfehlen. Schon 
als Stifter des Benedictiner-Klosters in Emaus für die 
slawischen Mönche aus Kroatien bezeugte er, wie werth 



313 

ihm die slawische Sprache war. Seine Frau, die Kgn. 
Elisabeth (gest. 1393), hat auf die Einfassung ihrer Löf- 
fel böhmische Sprüche eingraben lassen. Sein Sohn, 
Wenceslaw IV., ging noch weiter, und Hess, der erste 
unter den böhmischen Königen, auch schon Urkunden 
in böhmischer Sprache ausfertigen, deren älteste vom J. 
1394 ist. Sonst gab es bereits früher böhmische, aber 
keine königliche Stiftungsbriefe, z. B. von den Hohenel- 
ber Bürgern 1386, von Jodok, Markgrafen in Mähren 
1393, vom Prokop 1395. Um das J. 1374 musste das 
Schreiben prosaischer Bücher in böhmischer Sprache, 
vorzüglich geistlichen Inhalts, schon Ueberhand genom- 
men haben, da es nach Th. Stjtny Leute gab, die die- 
ses aus Eifersucht laut missbilligten. Einzelne Theile der 
Bibel mussten schon vorhanden seyn, wenn gleich kein 
Codex der ganzen Bibel aus dem XII. Jahrh. vorkommt. 
Wenceslaw hatte unter seinen Hoileuten auch geschickte 
Männer , welchen man böhmische Uebersetzungen da- 
mals beliebter Werke zu danken hat. Alles dieses war 
recht geeignet, die herrschende Periode der böhmischen 
Nationalliteratur , die nun mit dem Anfange des XV. 
Jahrh. beginnen sollte, vorzubereiten. 

Von den Sprachdenkmälern dieses Zeitraums wol- 
len wir anführen: 1.) Die Gesänge der Königinhofer 
Handschrift: Benes Hermanow von der Vertreibung der 
Sachsen aus Böhmen im J. 1205, oder nach Andern 955 — 
78. 84 Verse; Ulrich und Boleslaw, von der Vertrei- 
bung der Polen aus Prag im J. 1003, 62 Verse; Jaro- 
slaws Sieg über die Tataren bei Ollmütz im J. 1241, 302 
Verse ; das Turnier am Hofe eines Fürsten 142 Verse, 
nebst acht kleinern Volksliedern; ferner das Minnelied 
des Kgs. Wenceslaw I. 2.) Das bekannte Lied vom h. 
Wenzel: Swaty Wäclawe , wywodo ceske zeme. 3.) 
Eine gereimte Legende von 12 Aposteln in der k. Hof- 
bibl. zu Wien. 4.) Ein Brief vom Himmel in die Stadt 
Galatan gesandt, Fragment. 5.) Ein Fragment von einer 
gereimten Leidensgeschichte, entdeckt vom Hrn. Kinsky. 
6.) Ein ganzer Psalter, nebst den gewöhnlichen Gesän- 
gen aus dem A. und N. Testamente, dem Te Deuin, 
dem Athanasischen Symbolo, der Litanei von allen Hei- 
ligen, dem Officium für die Todten, in der öffentlichen 



314 

ßibl. zu Prag. 7.) Die Stücke der Dobrowskyschen Hand- 
schrift aus der ersten Hälfte des XIV. Jalirh., als da sind: 
a.) die Legende vom fa. Prokop, b.) Die neun Freu- 
den Maria, c.) die weinende Magdalena am Grabe Jesu, 
d.) das Weinen der Jungfrau Maria, e.) die Passion, 
f.) die zehn Gebote, g.) die Fabel vom Fuchse und 
Kruge, h.) verschiedene Satyren. 8.) Der sogenannte 
Bohemarius in der ßibl. der Prager Domkirche vom J. 
1309, ein lat. böhm. Vocabularium in 886 Hexametern. 
9.) Die Alexandreis, in böhm. Versen aus dem Lat., in 
der Bibl. der Prager Domkirche. 10.) Eine gereimte 
böhm. Chronik, die bis 1314 reicht und gewöhnlich, 
wiewol fälschlich , dem Bunzlauer Domherrn Dalimü 
Mezificky zugeschrieben wird ; ihr unbekannter Vf., 
der vermuthlich auf der Burg irgend eines Herrn (etwa 
Wilhelms von Hasenburg) die Thaten seiner Vorväter 
in Reime brachte, ist voll des glühendsten Hasses gegen 
die Teutschen (er schrieb unter dem Kg. Johann); sein 
Werk ist ein Lieblingslesebuch der Nation durch zwei- 
hundert Jahre geblieben, und nach seinem Beispiele be- 
sangen andere Dichter einzelne Heldenthaten der Alten 
in Keimen, herausg. von P. Je sin 620., F. Prochäzka, 
Pr. 786. 8. 11.) Verschiedene Gedichte, meist geistli- 
chen Inhalts, in einer Handschrift in der ßibl. der Pra- 
ger Domkirche: a.) der böhm. Alanus, b.) Gedächtniss 
des Todes, c.) die Himmelfahrt Maria, d.) Sechs und 
zwanzigerlei Narren, e.) Fünf Quellen der Sünde, f.) 
Anseimus von dem Leiden Christi, g.) Catonis disticha 
böhm., h.) Gebete , i.) Ein lat. böhm. Vocabularium 
u. s. w. 12.) Eine gereimte Leidensgeschichte Christi 
in der Fürst Lobkowicischen Bibl. zu Raudnic. 13.) Der 
böhm. Cato in mehreren Handschriften. 14.) f)er neue 
Rath fnowä rada), in Reimen von Sinjl v, Riesenberg, 
genannt Flaskti. 15.) Tristram, ein Ritterroman aus dem 
Teutschen, über 9000 Verse, in der Bibl. der PP. Mi- 
noriten vom J. 1449, in Stockholm vourJ.|1483. 16.) 
Der Tandarias und die schöne Floribelle, gleichfalls ein 
Ritterroman in Reimen.^ 17.) Die^trojar'sche Geschichte 
aus dem Lateinischen des Guido von Columna, in meh- 
reren Handschriften, nach dem N. Testamente das erste 
gedruckte Buch in böhmischer Sprache (ohne Druckort 



315 

und Jahrzahl) etwa vom J. 1476 2 ), 2te Ausg. Prag 488. 
4. 3 A.Pr. 603. 8.4 A. Pr. 790. 8. 5 A. 812. 18.)Tkadlecek, 
der kleine Weber, ein Gespräch zwischen dem von sei- 
ner Geliebten verlassenen Liebhaber und dem Unglücke, 
in mehreren Handschriften. 19.) Die ältesten böhmischen 
Landrechte, von Andr. v. Duba, oberstem Landrichter 
unter Ks. Karl IV. und Kg. Wenceslaw IV. gesammelt, 
in der kais. Hofbibl. zu Wien. 20.) Die gemeinen Rechte 
sammt dem Lehnrechte, aus dem Teutschen, in der Pra- 
ger Bibl. 21.) Der Sachsenspiegel oder das Magdeburger 
Recht, eb. 22.) Das Leben Karls IV. sammt der Krö- 
nungsordnung, in einer Handschr. zu Leitmeritz, her- 
ausg. von Ambr. v. Ottersdorf Ollmütz 555., von F. J. 
Tomsa Pr. 791. 8. 23.) Die böhmische Chronik, welche 
auf Befehl Ks. Karls IV. ein Ungenannter in lateinischer 
Sprache zusammentrug , von Pribjk von Tradenin, ge- 
nannt Pulkawa, ins Böhm, übersetzt, und herausg. von 
F. Prochäzka Pr. 786. 8. 24.) Eine Chronik von römi- 
schen Kaisern , aus dem Latein, vom Mr. Laurentius, 
K. Wenceslaws Hofbedienten, übersetzt. 25.) Die Rei- 
sebeschreibung des Ritters Mandeville, aus dem Teutschen 
von demselben Mr. Laurentius, in mehreren Handschrif- 
ten, herausg. Pilsen 510. 8., 513. 8., Pr. 610., Pr. von 
Kramerius 796. 811. 26.) Das Traumbuch (Snäf) vom Mr. 
Laurentius von Prag aus dem Lat, in mehreren Ab- 
schriften, herausg. von Hägek Pr. 550. 581. 8. 27.) Die 
fabelhafte Geschichte Alexanders aus dem Latein., in meh- 
reren Handschriften, herausg. Pilsen 513. 28.) Marti- 
niani oder die römische Chronik, von Benes v. Horowic, 
Ritter des Grabes Christi, um 1400 aus dem Teutschen 
übersetzt, gedr. Pr. 488. 29.) Die böhm. Uebers. der 
Historia Scholastica des Peter Comestor oder Mandu- 
cator, in mehreren Handschr. 30.) Horae od. Tagszeiten 
(hodiny), eine Sammlung verschiedener Erbauungsschrif- 

2 ) So nach Hrn. Dobrowsky, der die in der Unterschrift am Schlüsse des 
Werkes ausgedrückte Jahrzahl 1468 nicht von dem Drucke, sondern nur von 
der Handschr., die man dem Setzer vorlegte, gelten lassen will. Nach Hrn. 
Jungmann hingegen (Hist. lit c. S. 49. 68.), dem ich beipflichte, bezieht 
sich die Jahrz. 1468 auf den Druck. Pelzels Muthmassung, dass der im Ind.. 
lib. boh. proh. verzeichnete gedruckte Brief Hussens an Jakaubek vom J. 1459 
(welche Zahl Hr. Dobrowsky für einen Druckfehler statt 1495 hält), durch ir- 
gend einen reisenden Böhmen zum Druck befördert sey, wiederholt Hr. Jung- 
mann S. 94. Hiernach ist das oben S. 242 — 43 gesagte zu berichtigen. 



316 

ten. 31.) Christlicher Unterricht, den der böhm. Edel- 
mann Thomas v. Sfjfny für seine Kinder schrieb, in 
mehreren Handschr. 32.) Ein asketischer Traktat von 
verschiedenen Tugenden, in einer Handschrift der off. 
Bihl. in Frag vom J. 1383. 33.) Des heil. Augustinus 
Spiegel (zrcadlo) eb. 34.) Des jüdischen Meisters Samuel 
Buch von der Ankunft des Messias, aus dem Lat., gedr. 
Pils. 528. 4. 35.) Das Testament der 12 Patriarchen, in 
einer Handschr. bei den PP. Piaristen zu Lipnik in Mähren, 
gedr. zu Prosnic 545. 8. Pr. 570. 8. 36.) Des Predigers Joh. 
Milic (gest. 1374), Tractat von dem grossen Trübsalen 
der Kirche, gedr. Pr. 542. 4. 37.) Die Philosophen 
(mudrci) aus dem Lat., gedr. Pr. 514. 8. 38.) Von den 
vier Haupttugenden, Pils. 505. 529. 39.) Elucidarius (Lu- 
cidar o wsech wecech), öfters gedruckt, zuletzt 783. 40.) 
Sequentionarius, ein Vocabular, Ms. 41.) Zwei lat. -böhm. 
Vocabularien, in der öff. Bibl. in Prag, und in dem Be- 
nedictinerkloster zu Keygern in Mähren. 42.) Ein lat. 
deutsch-böhm. Vocabularium zu Brunn. 43.) Der Bo- 
hemarius minor, in der Prag. Bibl. 44.) Einzelne bibli- 
sche Bücher in verschiedenen Bibliotheken, als ein Psal- 
ter auf Pergament in 4. in der Bibl. der Prager Domkir- 
che, ein Psalter vom J. 1396 in der herzogl. Bibl. zu Oels 
in Schlesien, die Propheten Isaias, Jeremias und Daniel 
in der Prag. Bibl., die Evangelien in der Wiener Hof- 
bibl., die Evangelien aus dem Matthaeus in der Prager 
öff. Bibl,, die Prologen des Hieronymus in der Bibl. der 
Domkirche u. m. a. 3 ) 

§. 40. 

Der zweiten Periode erste Abtheilung. Vom Anfange des 
Hussitenkrieges bis auf die Verbreitung der Buchdrucker- 
kunst in Böhmen, oder bis auf Ferdinand I. J. 1410 1526. 

Mit Kg. Wenceslaw und Huss beginnt eine neue Aera 
des böhmischen Volkslebens und der Nationalliteratur. — 



3 ) Den Druck vieler, vorzüglich ;ilterer Gedichte aus diesem Zeitraum 
verdanken wir Hrn. W Jl<n,kn. der sie unter dem Titel: Starobyla skladanj, 
Pamatka XII - XV. stoletj, Prag 817 — 23. 5 Bdchen kl. 8. herausgab. Vgl 
Dobrowsk^s Gesch. der böhm. Sprache und Literatur. S. 80 — 188. 



317 

Wiklefs, des englischen Luthers, Schriften waren schon 
vor dem Flüchtlinge Payne nach dem aufgeklärten Böh- 
men, dessen Königstochter die Gattin des brittischen 
Herrschers war, gekommen, und vorzüglich von Joh. 
Huss und Hieronymus Pragensis verbreitet. Beide erho- 
ben ihre Stimmen laut gegen die verderbten Sitten der 
Weltlichen und Geistlichen, beide predigten laut die 
neue Lehre, die sich dem Volke durch Reichung des 
Abendmahls in beiderlei Gestalt am auffallendsten ver- 
sinnlichte, und mussten dafür den Scheiterhaufen zu Con- 
stanz (1415) besteigen. Ihre Hinrichtung wurde von 
dem grössten Theil der Böhmen als eine Beschimpfung 
der Nation angesehen, und das tief empörte Volk griff 
zu den Waffen. Joh. Zizka stellte sich an die Spitze der 
Hussiten. Verwüstungen aller Art, mit Morden, Sengen 
und Brennen innerhalb und ausserhalb der Gränzen folg- 
ten nach. Der unter solchen Umständen zur Regirung 
gelangte Ks. Sigmund wollte mit bewaffneter Hand die 
Ruhe wieder herstellen. Diess gelang ihm zwar, aber 
erst kurz vor seinem Ende. Die Hussiten schwächten 
sich durch Trennung in Parteien: so z. B. die Calixti- 
ner oder Utraquisten, den Genuss des Kelchs im Abend- 
mahl ansprechend, die Taboriten, von der Stadt Tabor, 
ihrem Hauptsitze , eine gänzliche Kirchenreformation 
verlangend; die sie mit Gewalt durchsetzen wollten, 
(andere waren die Horebiten, Pikarditen , Adamiten). 
Nachdem jenen von der Synode zu Basel durch die Pra- 
ger Compactaten (1434) der Kelch zugestanden worden, 
kehrten sie selbst die Waffen gegen diese und andere 
Fanatiker, und nöthigten sie, besonders nach der gros- 
sen Niederlage bei Böhmischbrod (1434) zum Iglauer 
Frieden (1436). Aus den Taboriten gingen die böhmi- 
schen und mährischen Brüder, und später noch manche 
andere Secte in Böhmnn hervor, die, wenn auch ge- 
dämpft, dennoch von Zeit zu Zeit, wie verloschene Flam- 
men aufloderten. Unter fortdauernden gewaltigen Be- 
fehdungen der Katholiken und Utraquisten kam mit der 
Kaiserwürde zugleich auch die böhmische Krone 1438 
wieder an das österreichische Haus. Albrecht V. (als 
Kaiser IL) bahnte sich durch die Vermählung mit Sig- 



318 

rnunds Tochter den Weg zum böhmischen Throne, von 
dem ihn schon 1439 der Tod abrief. Nach mancherlei 
Factionsränken, denen die Religion als Vorwand dienen 
musste , ward das Kind Ladislaw, Albrechts Nachge- 
borner, unter einer Regentschaft, König. Aber die Fa- 
ctionen bekämpften sich fort, bis der grosse Georg von 
Podebrad, Haupt der Utraquisten, die Statthalterschaft 
und die innere Ruhe errang. Nach Ladislaus Tode 1457 
behaupteten die Stände ihr Wahlrecht, und ernannten 
den bisherigen Statthalter zum Könige 1458—71. Diess 
gab dem Nationalgeist neuen Schwung. Unter dem pol- 
nischen Prinzen Wladislaw II. wurden die kaum gestill- 
ten Leidenschaften wieder rege; der auf 31 Jahre zu 
Kuttenberg 1484 zwischen den Katholiken und Calixti- 
nern geschlossene Religionsfriede ging wenig in That 
über. Mittlerweile breiteten sich die aus Frankreich ge- 
kommenen Pikarditen, sich einfach an die Bibel haltend 
und alle katholische Kirchensätze verwerfend, ungemein 
aus, wurden aber aufs grausamste verfolgt, den Flam- 
men übergeben und aus dem Lande gejagt. Nicht viel 
besser wurden Luthers Anhänger, und noch früher die 
böhmischen Brüder, behandelt. Gegen letztere schickte 
der Papst Alexander VI. den Inquisitor Heinr. Institoris 
(1499), angeblich um die Waldenser und Pikarditen zu 
bekehren. Kg. Wladislaw erliess wiederholte scharfe Be- 
fehle gegen sie 1503. 1504. 1508. Durch zahlreiche, 
mitunter kräftige Apologien reizten diese noch mehr ihre 
Gegner. Aber kaum wurden Luthers Schriften in Böh- 
men bekannt, als sich die Evangelisch gesinnten Böh- 
men, Utraquisten und Brüder, an die teutschen Refor- 
matoren anschlössen. Diess veranlasste die erste heftig- 
ste Verfolgung der Lutheraner in den J. 1524 — 28. 
Viele Anhänger der neuen Lehre wurden verwiesen, 
andere mit ihren Büchern verbrannt. Gleichzeitig (1524) 
wurde in Prag durch ein Decret die strengste Bücher- 
censur eingeführt. Die Brüder konnten jetzt also nur 
ausserhalb Prag ihre Bücher drucken. 

I nter diesen gewaltigen, politisch-religiösen Stür- 
men, welche das ganze XV. Jahrh. hindurch Böhmen 
erschütterten, reifte die schon von Karl IV. begünstigte 



319 

böhmische Landessprache allmählig zur Herrscherin über 
ihre Nebenbuhlerinen heran. Der wichtigste, folgenreich- 
ste Schritt geschah unter Wenceslaw IV. Die inzwischen 
mündig gewordene böhmische Nation, deren geistige Re- 
präsentanten die Lehrer bei der Prager Universität, 
Huss und Hieronymus an der Spitze, w 7 aren, sah sich 
durch die Vergebung von drei Stimmen an Ausländer 
in ihren natürlichen Rechten gekränkt, und verlangte 
vom Könige in dieselben eingesetzt zu werden. Nach 
einjährigem Widerstand setzte endlich der König im J. 
1409 durch ein Decret das umgekehrte Verhältniss fest, 
und theilte der böhmischen Nation bei allen Acten an der 
Universität drei, der teutschen |hingegen eine Stimme 
zu, was die berühmte Gelehrten - Auswanderung aller 
teutschen Lehrer, 20,000 Studenten, und die Errich- 
tung der Universitäten Leipzig, Ingolstadt, Rostock u. 
a. veranlasste. Nach dem Abzüge der teutschen Profes- 
soren und Studenten ward nun die böhmische Partei an 
der Universität die herrschende. Dieses und die gleich- 
zeitige Verbreitung von Wiklefs Schriften wirkte auf den 
Gang der böhmischen Nationalcultur entscheidend. Wi- 
klefs Schriften wurden zwar verdammt, und der Erzb. 
Zbynek liess sie sammeln und verbrennen ; Joh. Huss 
aber missbilligte in seinen Predigten die Verbrennung 
derselben. Er fand bei vielen Beifall; auch die Laien 
nahmen Partei. Man verfasste und sang anzügliche Lie- 
der. Der König wollte Ruhe schaffen, und verbot sie 
bei Lebensstrafe. Hierauf übersetzte Huss mehrere von 
Wiklefs Schriften ins Böhmische, und verschenkte sie 
an Laien und Frauen-, andern liess er lateinische Ab- 
schriften zukommen. Gleichzeitig bekamen die Böhmen 
eine Uebersetzung der ganzen Bibel, uugewiss ob von 
Huss veranstaltet, aber gewiss von ihm verbreitet. Die 
meisten seiner Werke schrieb Huss in böhmischer Spra- 
che. Mr. Hieronymus von Prag und Mr. Jacobellus, der 
Beförderer des Kelchs, thaten ein Gleiches. Huss rich- 
tete das böhmische Alphabet neu ein, und bestimmte 
die Orthographie fester. Nach Hussens und Hieronymus 
Hinrichtung nahm selbst das gemeine Volk an theologi- 
schen Streitigkeiten Theil. Unter den Schutzschriften, 



320 

die für Hussens Lehre in böhmischer Sprache erschienen, 
war die von einem Frauenzimmer verfasste die merk- 
würdigste. Man führte in allerlei Spottgedichten bittere 
Klagen. Nach dem Tode Wenceslaws (1419) thaten 
sich die Taboriten durch Liebe zur Muttersprache her- 
vor; ihr Bischof Niki, von Pilgram (Pellriimow) schrieb 
selbst einiges in böhmischer Sprache. Ihren Gottesdienst 
hatten die Taboriten schon vor 1423 in böhmischer 
Sprache zu verrichten angefangen. Von ihres Anführers 
Zizka Hand hat man noch einige böhmische Original- 
briefe; auch verdankt man ihm eine böhmische Kriegs- 
ordnung, Kriegslieder u. s. w. Während dieser Zeit ver- 
vielfältigten sich die Abschriften der Bibel : einige soll- 
ten sogar von taboritischen Weibern verfertigt worden 
seyn. Aeneas Sylvius selbst rühmt der taboritischen Wei- 
ber Bibelgelehrsamkeit. Der Text der Bibel wurde fleis- 
sig revidirt: überhaupt kann man von 1410 1488 we- 
nigstens vier Recensionen der ganzen Bibel und noch 
mehrere des N. Testamentes unterscheiden. Als zwischen 
den Katholiken und einem Theil der Hussiten (den Ca- 
lixtiucrn oder Utraquisten) ein Vergleich zu Stande kam 
(1434), und die Taboriten mit Waffengewalt unter- 
drückt wurden, da wollten auch die Utraquisten bei der 
Alesse die Muttersprache einführen, sie wendelen sich 
desshalb an den Kirchenrath zu Basel, erhielten zwar 
eine abschlägige Antwort, allein Kokycana und seine An- 
hänger Hessen sich hiedurch von ihrem Vorhaben nicht 
abwendig machen. Daher die neuen Angriffe von Ilila- 
rius, Zidek und andern Katholiken auf die Utraquisten. 
Schon wurde bei öffentlichen Verhandlungen, besonders 
unter König Georg und \\ ladislaw, die böhmische Spra- 
che immer häufiger, bei Landtagen und dem Landrechte 
fast ausschlicssend gebraucht. In dieser Epoche hatte die 
Kenntniss der böhmischen Sprache bei den Mitbewer- 
bern um die böhmische Krone nicht geringen Einfluss 
auf ihre Wahl 1 ). Nach 1430 wurden die Privilegien 

') Nach dein Tode Sigmunds (1438) erklärte sich eine Partei für 
den Bruder des polnischen Königs. Als die Gesandten der andern Partei 
die Anspräche Albrechts bei dein Könige von Polen »eltend zu machen 
Buchten, gab ihnen dieser /.nr Antwort: die Polen und Böhmen hätten eine 
gemeinschaftliche Sprache, wären Völker einerlei Ahstammung; mit den 
Teutßchcn aber hätten die Böhmen nichts gemein. Als die Stände (1440) 



321 

der Neustadt Prag, die Satzungen der Malerzunft, die 
Iglauer und Kuttenberger Bergrechte ins Böhmische über- 
setzt. Bei der königlichen Landtafel erhielt sich der aus- 
schliessende Gebrauch der lateinischen Sprache noch am 
längsten. Erst seit 1495 fing man an, die Bücher bei der- 
selben in böhmischer Sprache zu verlegen, worin die 
Mährer unter ihrem patriotischen Landeshauptmann 
Ctibor von Cimburg im J. 1480 den Böhmen vorgingen. 
Aber schon vom J. 1492 hat man gedruckte Landtags- 
schlüsse in böhmischer Sprache durch diese ganze Periode 
und bis auf die neuesten Zeiten herab. Der diplomati- 
sche Gebrauch der böhmischen Sprache erstreckte sich 
über einen Theil von Schlesien und die polnischen Her- 
zogthümer Zator und Auschwitz (Oswjetjn), hier von 
1481 bis 1559. Böhmische Inschriften auf Steinen kom- 
men seit 1437, auf Grabschriften seit 1448, auf Glo- 
cken seit 1386 , Namen mit böhmischen Flexionen auf 
Sigillen seit 1433 häufig vor. Mit dem Bücherdrucke 
machten sich die Böhmen sehr früh, am allerfrühesten 
unter allen Slawen , bekannt. Der älteste Druck ist 
schon oben S. 314 angeführt worden. Doch gab es erst 
seit 1487 eine bleibende Druckerei in Prag, wo auch 
die erste ganze böhmische Bibel 1488 fol. erschienen ist. 
Was früher herauskam, mögen wandernde Künstler ge- 
druckt haben. Allein zu Anfange des XVI. Jahrh. ka- 
men mehrere böhmische Druckereien auf; namentlich zu 
Prag, Pilsen 1498, Leitomyschl 1507, Jungbunzlau 1507, 
Weiss wasser 1519, Wylirnow 1521 u. s. w. Auch druckte 
man im Auslande böhmisch, in Nürnberg 1504 — 18, 
Venedig 1506. - Unter Wladislaw II. bildete sich vor- 
züglich der böhmische Geschäftsstyl aus. Alle Verordnun- 
gen wurden aus der böhmischen Kanzlei in der Landes- 
sprache erlassen. Die Archive sind voll von böhmischen 
Urkunden aus dieser Zeit. Die Stellen bei den Behörden 

dem Hzg. von Baiern Albert die Krone antrugen, hatten sie wol auf den 
Umstand, dass er am Hofe K. Wenceslaws erzogen der böhmischen Sprache 
kundig ist, Rücksicht genommen. Nach Georgs Tode (1471) ward Wla- 
dislaw auf den böhmischen Thron erhoben, weil sich die böhm. Stände, 
wie sie sich selbst gegen Kg. Mathias von Ungern äusserten, von ihm als 
einem Polen unter andern versprachen, dass des böhm. Volkes und der sla- 
wischen Sprache Ruhm durch ihn erhöhet werden würde. S. Dobrowskys 
Gesch. der böhm. Sprache und Literatur. S. 201. 

21 



322 

wurden nur mit Böhmen besetzt, den Teutschen ward 
es durch neue Gesetze verwehrt, sich anzusiedeln. Vor 
den Gerichtsbehörden durfte man sich keiner andern, 
als der Muttersprache bedienen. Zu vertrauten sowol, 
als zu Geschäftsbriefen hatte die Sprache jetzt Biegsam- 
keit genug: daher die Menge der Briefe, die einzeln in 
Originalen in Archiven zerstreut, oder in Handschriften 
gesammelt vorkommen. Wenn es auf der einen Seite 
noch immer Leute gab, die entweder aus Unkunde, 
oder aus ästhetischer Ziererei den böhmischen Schriften 
gar nicht hold waren 2 ); so fehlte es auf der andern 
nicht an warmen Freunden und mächtigen Beschützern. 
Mehrere Patrioten verbanden sich, alles in böhmischer 
Sprache zu schreiben. Daher kamen neben den theolo- 
gischen, politischen, juridischen und historischen Schrif- 
ten, auch viele Unterhaltungsbücher, vorzüglich Roma- 
ne, auf. — Der bessere, geläuterte Geschmack fing all- 
mälig an, sich über das böhmische Schriftwesen zu ver- 
breiten. Seitdem Bohuslaw Hassenstein v. Lobkowic, 
der gebildeteste Böhme seiner Zeit, und andere bessere 
Köpfe die schönen Wissenschaften in Böhmen eifriger 
pflegten, Hieronymus Baibus Vorlesungen über die schö- 
nen Redekünste in Prag hielt, mehrere ausgezeichnete 
Männer (darunter, ausser den zwei genannten, v Grego- 
rius Pragensis , Joannes Sturnus , Joannes Slechta, 
Sigmund von Lobkowic, Victor Com. Wsehrd, Wenc. 
Pjsecky, Joh. Oppaviensis, And. Ctiborius, Augustinus 
Olomucius, Ulricus Rosensis, Joannes Wartembergensis, 
Mart. Crumloviensis, Stanisl. Thurzo, Christoph. Weit- 
mühl u. m. a.) als Gelehrte von feinerer, humanistischer 
Bildung auftraten, die adeligen Jünglinge Studien halber 
häufiger Italien besuchten: da mussten die Böhmen mit 
den classischen Werken der Griechen und Römer immer 
bekannter werden. Man unternahm böhmische Ueberse- 
tzungen besserer Schriften. Der Einfluss des Lateins auf 

die Bildung und den Periodenbau der böhmischen Sprache 

.... 

*) Bohtisl. von Hassenstein und Lobkowic schilt den Uebersetzer ei- 
niger seiner Verse einen Edel und Barbaren. „Transtulit in patriam qui- 
d;mi iiica cinnina linguain; Ilaec proceres populus nobilitasque legit; Ira- 
scor facto bipedis vehementer aselli. — In messem ne quaeso meam, mi 
barbare, falcem insere: non eteniin scripsimus illa tibi." 



323 

wird zu Ende des XV. Jahrh. immer sichtbarer. Diess 
erhellet vor andern aus den Uebersetzungen des Greg. 
Hruby von Gelenj und Vict. Com. Wsehrd, die ihren 
Geist durch die alten classischen Schriftsteller gebildet 
hatten. Die Sprache gewann an Fülle, Kraft und Run- 
dung. Im Ganzen zeichnet sich die Prosa der besseren 
Schriftsteller dieses Jahrhunderts durch eine eigene Ori- 
ginalität, Wärme und Gediegenheit aus ; die Poesie hin- 
gegen, obgleich hie und da (in den hussitischen Gesän- 
gen, in Hynek Podebrads Gedichten) nicht ohne Leben, 
blieb im Allgemeinen weit hinter der Prosa zurück, 
und ermangelte des selbständigen Geistes, der in den 
besseren Gesängen der ersten Periode weht. Mitten zwi- 
schen diesen beiden entwickelte sich, als eine eigene 
Erscheinung dieser Zeit, die Sprache der Beredsamkeit. 
Zwar herrschte die Kanzel beredsamkeit vor, aber bald 
folgte auch die politische nach, und die gleichzeitigen 
Schriftsteller rühmen die hinreissende Suada mehrerer 
böhmischen Redner, von welchen leider nichts auf uns 
gekommen ist. 3 ) 

Es ist unmöglich hier eine Uebersicht aller hand- 
schriftlichen und gedruckten Sprachdenkmäler dieses Zeit- 
raums zu geben; wir beschränken uns auf eine Auswahl 
derselben. Als Schriftsteller sind zu nennen: Mr. JoL 
Hus aus Husinec, Prof. zu Prag u. Prediger an der Kirche 
zu Bethlehem (g. 1373, f 1415), regte den grossen Kampf 
der Böhmen für religiöse und kirchliche Freiheit durch 
seine Lehre, seine Predigten und seine Schriften an, 
und führte zugleich eine neue Aera der böhmischen Na- 
tionalliteratur herbei; er schrieb sehr viel in böhmischer 
Sprache, aber seine Schriften, Abhandlungen, Predig- 
ten, Auslegungen der h. Bücher, Kirchenlieder u. s. w. 
erschienen meist einzeln und zu verschiedenen Zeiten ; 
die Postille, von seiner Hand im Msc. vom J. 1413 auf 
der Prager Bibliothek, aber auch in mehreren Abschrif- 
ten und oft vorhanden, wurde gedruckt zu Nürnberg 557. 
563. fol., o. Dr. (Pr.) 564 fol., Nürn. 592. lat. a. d. Böhm, 
übers. Briefe Witt. 537. 8., lat. Werke 558. u. oft. — Mr. 
Eieronymus von Prag (f 1416), Prof. an der Universität, 

3 ) Prochäzka comment. de über, art, p. 322. 

21* 



3fc4 

Hussens thätigster, gelehrtester u. treuester Gefährte, ver- 
fasste mehrere Unterrichtsschriften für das Volk in böh- 
mischer Sprache, und dichtete Kirchenlieder, meist aus 
biblischen Sprüchen zusammengesetzt. — Mr. Jacobeil v. 
Mies, sonst auch Jacob Strjbersky genannt, ebenfalls 
Prof. an der Universität , ein eifriger Beförderer des 
Kelchs, hinterliess eine Postille oder Auslegungen der 
Sonntagsepisteln, beigefügt der 3ten A. von Huss Postille 
564., Predigten, Kirchenlieder u. m. a. — Mr. Joh. von 
Rokycan (gest. 1471), zuerst Pfarrer an der Kirche zu 
Teyn, dann utraquistischer Administrator des Prager 
Erzbisthums, verfasste eine Postille vor dem J. 1470, 
enthaltend Predigten, und in mehreren Abschriften vor- 
handen, einen Tractat über die Communion, einen Hir- 
tenbrief wider die Pikarden, beide Ms. — Hilarius Li- 
tomericky (geb. 1411, gest. 1467), Domdechant und 
katholischer Administrator des Prager Erzbisthums (1462 — 
67), schrieb mehrere Tractate von der Communion un- 
ter einer Gestalt wider die Calixtiner. -- Jobst v. Rosen- 
berg, Bischof von Breslau, setzte neun Puncte auf, wider 
den Kelch, an Kg. Georg 1467, Ms. — Joh. Zagjc von 
Hasenberg erliess (um 1489?) ein Ermahnungs-Schrei- 
ben an die Prager Magister zur Einigkeit, Msc. — Mr. 
Sim. v. Tisnow schrieb einen Tractat gegen die Com- 
munion unter beiderlei Gestalten. Msc. — Mart. Lupdc 
(gest. 1468), Magister, Priester und Suffragan des neu- 
gewählten Erzbischofs Rokycana 1435, revidirte mit ei- 
nigen Gehilfen das ganze N. Testament, und verbesserte 
es an vielen Stellen. — Mr. Wenc. Koranda (de nova 
Plsna), ein eifriger Vcrtheidiger des Kelchs, schrieb 
mehreres, worunter ein Tractat vom göttlichen Sacra- 
ment, gedr. Pr. 493. 8. — Joh. Palecek, böhmischer 
Bruder, hinterliess seinen Namen in der Pamet br. J. 
Palccka, Msc. — Simon, Vorsteher der Brüdergemeinde 
zu Weisskirchen in Mähren, schrieb: Prwnj cedule P. 
starsjm Hranickym, gedr. 507. 8. — Prokop aus König- 
grätz, böhm. Bruder, gab unter andern: Otäzka, slusjli 
kfestanom moej swetskü newerne neb bludne k prawe 
wjre prinueowati, 508. 8. heraus. — Wenc. Mifjnsky, 
böhm. Bruder , verfasste Kirchenhymnen : Pjsne , Pr. 



325 

522. 8. — Wenc. Domek von Kubin tibersetzte aus dem 
Teutschen: List pap. Lwa , kterak Luciperowi psal, 
521. 4. — Wenc. Walecowsky, Unterkämmerer, schrieb 
über die Laster und Heuchelei der Geistlichen, und wid- 
mete es dem Kg. Georg, Msc. — Mr. Paul von Saaz 
(Zatecky), utraquistischer Administrator, gab die Base- 
ler Listowe a compactata, und einen Tractat von der 
Communion Pr. 513. 4. heraus. — Niki. Wlazenicky, 
böhm. Bruder, schrieb eine Disput, über die Commu- 
nion, gedr. 582. 600., über Offenbarung und Prophe- 
zeiung, Ms. und gedr. o. J. — Lukas von Prag, 1518 — 
28 oberster Vorsteher (zpräwce) der Brüder, zugleich 
der gelehrteste u. rüstigste Schreiber der Unität, schrieb 
1501 eine Auslegung über die Offenb. Johannis, 1502 
von der Hoffnung, 1503 einen Abschiedsbrief, als er 
von Prag wegging, 1505 eine Auslegung der Psalmen, 
zpräwa k smrtii o. Dr. 518. 4., spis o obnowenj cjrkwe, 
mehrere polemische Briefe und Abhandl., meist Msc, er 
besorgte die Ausgabe des Gesangbuchs für die Brüder- 
gemeinden 1505. — Joh. Miros (gest. 1520) Pfarrer 
beim h. Kreuz in der Altstadt Prag, verfasste : Dwa tra- 
ctaty, gegen die Kathol., herausg. von Poduska u. Roz- 
dialowsky, Pr. 520. 8. — Petr. Chelcicky (gest. 1484), 
Pfarrer bei der Brüdergemeinde zu Prerau in Mähren, 
gewöhnlich der böhmische Doctor genannt, weil er kein 
Latein verstand, verfasste ein berüchtigtes Werk: Ko- 
pyta (Schuhleisten) genannt, welches sich nicht erhal- 
ten hat; von ihm erschien in Druck: Kniha wykladu 
na ctenj nedelnj, Pr. 522. 532., Sjt wjry, Wylimow 
521. 4., ü sehne, (o. J.) 4., Rec na zgewenj Sw. Jana 
(o. J.) 4. u. s. w. — Bohuslaw v. Cechtic, verpflanzte sei- 
nen Namen auf die Nachwelt als Sammler des merkwür- 
digen hussitischen Msc. in Jena und als wahrscheinlicher 
Vf. mehrerer Stücke in demselben. — Ulrich v. Kalenic 
ist Vf. eines satyrischen Sendschreibens des Lucifer an 
den obersten Hofmeister von Böhmen Lew von Rozmi- 
tal, um 1478, in dem letztgenannten Msc. zu Jena. — 
Mr. Petr. Mladenowic, von Chlum, Notar des Jos. von 
Chlum, verfasste, als Augenzeuge von Hussens Hinrich- 
tung zu Kostanz, dessen Biographie, in Msc. häufig vor- 



326 

banden, auch als Beilage des Passionais 495., einzeln ge- 
druckt 533. 600. — Bartosek v. Drahemc fügte zu sei- 
ner, im barbarischen Latein geschriebenen, von 1419 
bis 1443 fortlaufenden Chronik, Nachrichten in böhm. 
Sprache im Anhange hinzu. — Prokop, Stadtschreiber 
der Altstadt Prag, verfasste eine neue Chronik in Rei- 
men, von der sich nur Bruchstücke erhalten haben, Msc. 
— Paul Zülek, Domherr zu Prag, schrieb 1471 auf K. 
Georgs Verlangen eine: Zpräwa krälowskä, d. i. Anwei- 
sung für Könige sammt Chronik, in 3 BB., wovon das 
3te B. die allgemeine Weltgeschichte enthält, in Msc. von 
1471, 1656, 1750 vorhanden; sein Styl ist natürlich 
und ungesucht, aber der grossen Eile wegen zuweilen 
nachlässig; ausserdem schrieb er eine allg. Encyklopädie 
in lat. Sprache, Msc. in Krakau. — Marl. Kabäfnjk : 
Putowänj , (Reise nach Jerusalem und Aegypten 1491 — 
92), gedr. 542. 577. 639. 691. u. oft. — Zdenek Lew 
v. Rozmital (Rosenthal) , unternahm eine Reise 1465 
durch Europa und einen Theil von Asien, die einer von 
seinem Gefolge in einem Tagebuch beschrieben hat; das 
böhmische Original ist verloren, aber die lat. Uebers. v. 
Pawlowsky erschien zu Olim. 577. 8. — Joh. v. Lobkowic 
und Hassenstein, unternahm mit Dietrich von Gutenstein 
von Kaden aus 1493 eine Reise zum h. Grabe, und be- 
schrieb sie selbst mit altritterlicher Treue und kunstlos 
um das J. 1505, Msc; ebendesselben moralischer Unter- 
richt für seinen Sohn Jaroslaw vom .1. 1504, erschien 
unter d. T. Prawdiwy cesky Mentor Pr. 796. 8. — Hynek 
v. Po de br ad (geb. 1452, gest. 1491), des Königs Georg 
viertgeborner Sohn, wegen seiner hohen Weisheit und 
ausnehmender Herzensgüte vom Kg. Wladislaw II. hoch- 
geehrt, ist der einzige namhafte Dichter dieses Zeit- 
raums, dessen Gedichte auf uns gekommen sind : Mägo- 
wy sen, entdeckt und herausg. v. Hanka, Pr. 823. (Sta- 
rob. sklad. 5tes Bd.), manzelstwj, eb.\ er veranstaltete 
auch eine Uebersctzung der Geschichte des Kreuzzu»s 
nach Palästina im J. 1099 von Fulchcrius Carnotensis, 
die aber verloren ging. - - Greg. Hruby v. Gelenj (gest. 
1514), ein angesehener Bürger zu Prag und feiner Ken- 
ner des classischen AHerthums, wandte seinen Fleiss und 



327 

seine ganze Müsse dazu an, seinen Landsleuten böhmi- 
sche Uebersetzungen auserlesener Schriften in die Hände 
zu liefern; man hat von ihm: Petrarcas Bücher de re- 
med. utriusque fort., böhm., Pr. 501 fol., Petrarcas Briefe 
(16) Msc, Eine Rede des h. Chrysostomus, Pr. 501. M. 
T. Cicero's Lälius, herausg. von Zimmermann, Pr. 818. 
12., Cicero's Paradoxa, herausg. von Negedly Hlas. c. 
IV., Jov. Pontans BB. de lege, Eb. 5 BB. vom Gehorsam, 
Eb. von der Wohlthätigkeit etc., in Msc. und herausg. von 
Zimmermann, Kgr. 819. 8., Laur. Valla's Abhandl. von 
der Schenkung Constantins Msc, J. A. Campanskeho 
knihy o zprawowänj üfadu, gedr. Pr. 513. 4., Das Lob 
der Narrheit von Erasmus Msc, das Leben der h. Väter 
Msc, Agapets Ermahnung an Ks. Justinian Msc, Boh. v. 
Lobkowic Brief an P. v. Rosenberg, Landeshauptmann 
von Böhmen, über die Verwaltung des Königreichs, a. 
d. Lat. Msc, W. Pjseckys Disputation a. d. L. u. m. a. — 
Wenc. Pjsecky aus Pjsek (geb. 1482, gest. 1511), be- 
gleitete als Hofmeister den jungen Sigmund von Gelenj 
nach Italien, und starb in Venedig an der Pest; er über- 
setzte: Isokratesa napomenutj k Demonikowi, a. d. Gr., 
Pr. 512. 8., von Weleslawjn 586. 12., 801. 818. 8. - 
Victorin Com. v. Wsehrd aus Chrudim (gest. 1520), 
Vice - Landschreiber, ein Gelehrter von vielfacher Bil- 
dung und feinem Geschmack; unter ihm wurde beschlos- 
sen, alle Bücher der Landtafel böhmisch zu verfassen; 
er hinterliess neun BB. von den Rechten, Gerichtsslellen 
und der Landtafel des Königreichs Böhmen, Msc. vom 
J. 1495, ein vortreffliches Werk, welches in mehreren 
Abschriften vorhanden ist; Kyprians Auslegung des Va- 
ter unsers, Pils. 501. 8., Kyprians Brief an Donat von 
der Verachtung der Welt, eb., Chrysostomus Rede von 
der Bekehrung eines Gefallenen eb., N. A. Pr. 820. 8. — 
Joh. Slechta aus dem Geschlechte von Wsehrd, aus Ko- 
stelec (geb. 1466, gest. 1526), ein gebildeter Humanist, 
schrieb zwar das meiste lateinisch, doch Einiges auch böh- 
misch, und von einem böhmisch geschriebenen Briefe 
desselben urtheilte Bohusl. Lobkowic, dass er ihm des 
Styls wegen sehr gefallen habe. - Niki. Konäc v. Ho- 
diskow (gest. 1546), zuerst Schreiber beim Weinberg- 



328 

amte, dann Buchdrucker in Prag, gab 20 Jahre hindurch 
mancherlei ältere und neuere Schriften, vorzüglich seine 
eigenen gelehrten Arbeiten und Uebersetzungen heraus: 
Ceskä kronika, a. d. Lat. d. Aeneas Sylvius, Pr. 510. 4., 
mit der Chronik Kuthens von Weleslawjn 585. 4. N. A. 
von Kramerius Pr. 817 ff., Zwei Dialoge Lucians, Pr. 
507. 4., Ph. Beroalds Erzähl, von zwei Liebenden, Pr. 
507. 4., Dialogus w nemz Cech s Pikhartem rozmlauwä, 
Pr. 515. 8., klanenj swätosti oltäfnj, a. d. Lat., 515. 
8., stestj, a. d. Lat. des Aen. Sylvius, Pr. 516. 8., 
Snär, Pr. 516. 8., Knjzka srdecnj, Pr. 521. 4. 602. 8., 
Prawidlo lidskeho ziwota, Pr. 528. fol., Hofekowänj 
sprawedliwosti, Pr. 547. fol., u. in. a. — Ulr. Welensky 
von Mnichow , Buchdrucker zu Weiss wasser (Biela), 
war zugleich Schriftsteller: Pranostika, Weissw. 519. 4., 
O rytjri kfest, a. d. Lat. des Erasm. Roterod., Weissw. 519. 
4., Pr. 787.,Kokowänj Paskwilla a Cyra, a. d. Lat., Eb. 520. 
4., Sebränj (Samml. asketischer Aufsätze a. d. Lat.), Eb. 
520. 4., Zaloby chudych a bohatych, a. d. Lat. des Erasm., 
Eb. 520. 4., Wyklad M. Lutera o Antikristu, a. d. Teut- 
schen, Pr. 522. 8., Ctenj a epistoly nedelnj, Pr. 523. 4. 
u. m. a. — Joh. Wodnian Aquensis, Franciscaner im Klo- 
ster der heil. Engel zn Horazdiowic, verfasste ein lat. 
böhm. Vocabularium, PÜ£. 511. 4., einen Dialog über 
die unbefleckte Empfängniss Maria, Msc, schrieb 1529 
mehreres wider Luther. — Ctibor. v. Cimburg und 
Towacow (gest. 1494), Landeshauptmann von Mähren, 
Hess die Bücher der mährischen Landtafel seit 1480 in 
böhmischer Sprache verlegen, veranstaltete eine Samm- 
lung der Freiheiten, Rechte, Ordnungen und Gewohn- 
heiten des Markgr. Mähren (1480): Kniha Towacow- 
ska Msc, schrieb selbst ein sehr sinnreiches, interessan- 
tes Werk politischen Inhalts in Form eines Romans: lie- 
ber die Güter der Geistlichen an den Kg. Georg 1467, 
gedr. 539 fol., die Sprache ist rein und edel. t — Joh. 
Ceska, Priester u. Erzieher d. H. v. Pernstein: Reci mu- 
drcuw, Ms. u. gedr. Pils. 529. Pr. 579. 786. 8. - Hügek 
v. Hodetjn 1413 u. Wenc. Wlcek vor 1457 schrieben über 
Kriegskunst. — Pef. u. Zdenek u. v. Sternberg u. Albr. Ren- 
dei verfassten eine Samml. von Landtagsschlüssen unter 



329 

Wladislaw:Nälezowe Pr. 500. 4.; ähnliche Samml. aus die- 
ser Zeit sind in verschiedenen Hsch. vorhanden. — Petr. 
Prespole v. Prag, Bürger zu Kuttenberg, tibersetzte die Kut- 
tenberger und Iglauer Bergrechte: Präwo krälowske ho- 
rnjköw, präwa Gjhlawskä, a. d. Lat. 1460, Msc. — 
Alb. Ogif. v. Ocedelic sammelte Rechtssprüche aus den 
Zeiten der KK. Wenceslaw und Sigmund: nälezjch 
panskych, Msc. — Matth. v. Chlum&ün bekam 1501 
von den zur Untersuchung der auf Karlstein aufbewahr- 
ten Privilegien und Urkunden ernannten Herren, wor- 
unter sich auch Boh. v. Lobkowic befand, den Auftrag, 
alle Urkunden ordentlich zu verzeichnen, und verfertigte 
einen Index derselben: Zfjzenj Msc. — Christan Pra- 
chaticky (gest. 1439), Pfarrer bei St. Michael zu Prag, 
schrieb einige medicinische Bucher: Lekafske knihy, Msc. 
der Prager Domkirche, eine Widerlegung auf ein Pro- 
gnostikon u. m. a. — Mr. Joh. Cerny verfasste mehrere 
Arzneibücher: Knihy lekafske, Msc. von 1525 in Stra- 
how , ein Kräuterbuch: Herbär ', Nürnberg 517. fol. 
Niki. Wrana , sonst Adelphi genannt , übersetzte des 
letztgenannten Mr. Joh. Commentar über den 9ten Tractat 
desRasis, Msc. v. 1566. — Niki. Klaudian, Arzt zu Jung- 
bunzlau und Buchdrucker, gab eigene und fremde Schrif- 
ten heraus: Zpräwa a naucenj zenäm tehotnym, Jungb. 
519. 4., J. Cerneho herbäf, Nürnb. 517. fol. (Kl. 
war Herausg. und Corrector), spis dosti cinjcj z wjry, 
eine Apologie der Brüder o. Dr. 507. 518. 4. Weissw. 
521. 4., prawdäch wjry, Jungb. 518. 4., Landkarte 
von Böhmen 518. N. A. bei Bjlegowskys Kirchengesch. 
Pr. 816., N. Zäkon 518. 4. u. m. a. — Niki. Bakaläi\ 
Buchdrucker in Pilsen: Mahomets Leben 498. 4., Luci- 
däf 498. 8., Beschreib, des gelobten Landes 498. 8., von 
sieben Schwierigkeiten der Sinne 498. 8., ctyfech 
stezegnych cnostech 505. 8., Knihy zalmowe 508., Bar- 
laam 504. 512. u. m. a — Georg Styrsa druckte in den 
J. 1522 ff. auf dem Berge Karmel zu Jungbunzlau meh- 
rere sowol eigene als auch und vorzüglich fremde Schrif- 
ten geistlichen Inhalts. 

Zu den von ungenannten und unbekannten Vff. 
herrührenden, hier der Kürze wegen übergangenen Sprach- 
denkmälern dieser Zeit, gehören, ausser 33 handschrift- 



330 

lieh vorhandenen Bibeln (worunter die ältesten: die 
Dresdner um 1410, die Leitmeritzer 1411, die Ollmü- 
tzer 1417, die kleinere Leitmeritzer 1429 u. s. w.), 22 
N. Testamenten , mehreren apokryphischen Büchern, 
Evangelien, Postillen, Predigten, u. s. w., zahlreiche po- 
litische, juridische, geschichtliche, geographische, medi- 
cinische, astrologische, ökonomische, belletristische und 
linguistische, sowol gedruckte, als ungedruckte Werke, 
die Hr. Dobrowsky in s. Gesch. der böhm. Sprache und 
Lit. S. 211—384 sehr genau verzeichnet hat. 

§. 41. 

Zweite Abtheilung. Von der Verbreitung der Buchdrucker- 
kunst in Böhmen bis auf die Schlacht am weissen Berge. 
J. 1526 - 1620. 

Die Verbreitung der Buchdruckerkunst in Böhmen 
war für den Anbau der Landessprache und für die Na- 
tionalliteratur von entscheidender Wichtigkeit. — Ferdi- 
nand I. trat in der verhängnissvollen Periode 1 527 — 64 
die Regirung an. Er gab den Ständen schriftlich das 
Versprechen , dass er den Baseler Compactaten ihren 
Werth lassen, und einen Erzbischof bestellen wolle, wel- 
cher der beiderseitigen (katholischen u. utraquistischen) 
Geistlichkeit vorstehen solle. Zu sehr mit dem Türken- 
krieg beschäftigt, überliess er die Besorgung der innern 
Geschäfte den Böhmen selbst. Schon vor ihm, und noch 
mehr während seiner Regirung schlössen die böhmischen 
l traquisten und Brüder mit den Protestanten in Teutsch- 
land eine nähere Gemeinschaft, und die Lutherische Lehre 
verbreitete sich weit im Lande. Aber eben diese Gemein- 
schaft - da man die Brüder und Lutheraner nicht unter 
die Utraquisten, sondern unter die Secten zählte — zog 
beiden erstem eine neue Verfolgung zu. Denn als im 
Schmalkaldischen Kriege (1547) die evangelisch gesinn- 
ten Böhmen sich weigerten, gegen ihre teutschen Glau- 
bensgenossen zu fechten, da wurden zuerst die Kirchen 
der Brüder verschlossen, die Lehrer gefangen gesetzt, 
und die übrigen, die nicht zu der römischen Kirche 
zurücktreten wollten, mussten 1548 nach Grosspolen u. 
Preussen auswandern. Auf dem Landtage 1549 wurde die 



331 

Vertreibung der Lutheraner förmlich beschlossen. Fer- 
dinand ernannte hierauf 1561 einen Erzbischof, legte 
1556 den Grund zu einer Jesuitenuniversität, die Fer- 
dinandische hohe Schule oder Clementinum genannt, und 
1560 stiftete der Jesuit Perez die clementinische Biblio- 
thek zu Prag. Unter Ferdinand verbrannte 1541 die 
Landtafel, als Haupturkunde des Reichs, gänzlich. Mitt- 
lerweile verbreiteten sich in den letzten, friedlichem 
Jahren der Regierung Ferdinands die Brüder und Luthe- 
raner in Böhmen aufs neue; aber zu einer wahren Ver- 
einigung der drei nicht katholischen Parteien konnte es 
nicht kommen, vielmehr beobachtete sich die Geistlich- 
keit derselben mit wachsendem Misstrauen. — Die Kraft 
Ferdinands hatte gleichsam das Feld in Böhmen umgea- 
ckert, worauf nun die Regirung Maximilians (1562—76) 
wie ein milder und fruchtbarer Regen fiel. Alle Unru- 
hen schwiegen während derselben. Er gewährte den 
immer zahlreicher werdenden protestantischen Mitglie- 
dern des Herren- und Ritterstandes, was er bei seiner 
Gemeinschaft mit der römischen Kirche und in seiner 
landesherrlichen Stellung zu derselben gewähren konnte: 
es wurde ihnen vergönnt, in allen Kirchen ihres Patro- 
nats die Lehren und Cerimonien, so wie dieselben in 
der Augsb. Confession zusammen gefasst wären, einzu- 
richten. Es durften sogar die Utraquisten nach Gefallen 
sich zu der Lehre Luthers bekennen. Wenn denn nur 
die evangelisch Gesinnten sich selbst diese Freiheit nicht 
verkümmert hätten! Doch sie fuhren fort/ in Sachen des 
Glaubens und der kirchlichen Einrichtungen unter einan- 
der zu streiten, und anstatt die rechtliche Begründung 
einer allgemeinen evangelischen Kirche zu erstreben, 
nahmen sie hauptsächlich darauf Bedacht, wie ihre be- 
sondere Partei erhalten und möglichst erweitert werden 
könnte. Lutherische Zeloten beschuldigten die Brüder 
einer Hinneigung zum Calvinismus. Selbst die im J. 1575 
verfasste, dem Ks. Maximilian vorgelegte, und von die- 
sem — bis auf die Errichtung eines Consistoriums, wel- 
ches verschoben wurde — genehmigte, gemeinschaftli- 
che Confession der vereinigten Nichtkatholischen, der 
Utraquisten, Lutheraner und Brüder, konnte die wahre 



332 

Einheit und Eintracht nicht herbeiführen 1 ). Rudolphs 
IL, der seinen beständigen Sitz in Prag nahm, väterli- 
che Regierung (1576 — 612), beförderte die literarische 
Betriebsamkeit der Böhmen ungemein. Er besass selbst 
viele gelehrte Kenntnisse, war der böhmischen Sprache 
mächtig, und freuete sich ihres Emporblnhens. Aber 
durch die 1586 erlassene Verordnung gegen die Pikar- 
den, gleich wie durch die 1605 eingeführte scharfe Cen- 
sur, weckte er den Fehdegeist der Parteien aufs neue, 
der sich nicht eher legte, als bis er 1609 den ihm von 
den Protestanten abverlangten, sogenannten Majestäts- 
brief, wodurch ihnen volle Religionsfreiheit zugesichert 
wurde, gezwungen — unterschrieb. Von 1609 bis 1620 
ward die vereinigte Partei der Utraquisten, Lutheraner 
und Brüder die herrschende in Böhmen. Sie durften sich 
ihr besonderes Cousistorium errichten, und Defensoren 
zur Beschützung ihres Glaubens wählen, welche zu be- 
stätigen dem König vorbehalten war 2 ). Die hohe Schule 
zu Prag , schon früher von ihnen eingenommen, ward 
durch diese Urkunde formlich und ganz in ihre Hände 
gegeben. Rudolph trat bald darauf (1612) die Regirung 
seinem Bruder Mathias ab, unter welchem die religiö- 
sen und politischen Unruhen plötzlich einen sehr ernsten 
Charakter annahmen. 

Die literarische Cultur des Landes ging seit Ende 
des vorigen Jahrhunderts bis zum Anfange des künftigen 
mit Riesenschritten vorwärts. Die Sitte der Grossen, 
ausländische hohe Schulen zu besuchen, dauerte fort; 
so wie früher Wien, Paris, Bologna, Padua, Ferrara, 
so waren jetzt ausser diesen auch noch Wittenberg, 
Leipzig, Strassburg, Ingolstadt , Jena und Altdorf die 
vorzüglichsten Sammelplätze der böhmischen adeligen Ju- 
gend. Mit ihr reiseten weise und gereifte Männer, als 
Führer und Begleiter, ins Ausland. Dadurch verbreite- 
ten sich feinere Sitten und ein mehr geläuterter Geschmak 

l ) Sie war in böhmischer Sprache abgefasst und gedruckt; 1575 Hess 
sie Boh. Felix v. Lobkowic und Hassenstein ins Tentsche übersetzen, um 
das Gutachten der Wittenberger Theologen darüber einzuholen ; 1619 wur- 
de sie für Kg. Friedrich ins Lat. übertragen; Mehl. Institoris liess sie als An- 
hang zu s. Listownj odpowed, Pr. 782. aufs neue abdrucken. S. Komensky 
o protiwenstwjch cjrkwe c. S. 105. 

*) Komensky S. 108. Voigts acta litt. I. 344. Ziegler'a Dobroslaw 
II. B. IV. Heft. S. 72. 



333 

weit im Lande. Die Prager Universität war zwar im An- 
fange des XVI. Jahrh. tief unter ihren ehemaligen Glanz 
herabgesunken. Im J. 1530 waren aber die auf dem Land- 
tag versammelten Stände für ihre Wiederbelebung ei- 
frigst besorgt. Mehrere gelehrte Männer wurden für sie 
berufen; neue Lehrkanzeln errichtet; ein besserer Lehr- 
plan eingeführt, und vorzüglich das Studium der Alten 
erweitert. Die Zahl der Gymnasien und andern gelehr- 
ten Schulen im Lande war beträchtlich gross; am mei- 
sten zeichneten sich die Schulen der Brüder (zu Bunzlau, 
Prerow , Ewancic , Fulnek) durch Unterrichtsmethode 
und Frequenz aus. Die Wissenschaften fanden nicht nur 
an einzelnen Grossen, sondern auch an den Königen 
selbst, mächtige Freunde und Beschützer. Unter den er- 
stem war Johann Hodegowsky von Hodegow, Vice-Land- 
richter im Königreiche Böhmen (geb. 1496, gest. 1566), 
dem Studium der Geschichte und den Musen des alten 
Latiums mit vorzüglicher Liebe ergeben, der einen gan- 
zen Kreis von lateinischen Dichtern um sich versammelt 
hat 3 ). Um diese Zeit kamen schon dramatische Vor- 
stellungen auf; 1534 ward in Prag des Plautus miles 
gloriosus, dann 1538 Susanna, 1543 des Terentius Phor- 
mio, später herab meist geistliche Dramen, insbesondere 
von Jesuiten, gegeben. Diese Schuldramen hörten im 
XVIII. J. mit der Einführung des öffentlichen Theaters aut. 
Ferdinand I. verdankten die katholischen Schulen ihr 
neues Leben. — Rudolph IL, den Naturwissenschaften 
mit unbegränztem Eifer zugethan , aber auch andern 
Zweigen des menschlichen Wissens nicht abhold, un- 
terhielt mit königlicher Freigebigkeit die trefflichsten 
Köpfe seines Zeitalters auf seinem Hofe (Tycho de ßra- 
he, Kepler u. s. w.) 4 ). 

Die böhmische Sprache erreichte jetzt ihr goldenes 
Zeitalter. Schon im vorigen Jahrhundert zur Herrsche- 
rin im Lande erhoben, erhielt sie jetzt mehr Selbstän- 
digkeit, grammatische Festigkeit, Correctheit u. Rcich- 
thum. Mit der wachsenden Menge der Schriftsteller wuchs 
auch die Zahl der Buchdruckereien, und mit der Menge 

3 ) Ihre Namen findet man verzeichnet in Prochäzkas Commentarius 
de lib. art. S. 285-298. 

*) Sie stehen verzeichnet in ProchäzkcDs Commentarius S. 307-317. 



334 



der Bücher die der Leser und Literaturfreunde. Alles 
lernte in der Landessprache frei denken und schreiben. 
Sie ward bei allen Behörden Geschäitssprache. Auf dein 
Landtage 1615 verordnete man, dass alle, denen hin- 
füro das Indigenat ertheilt werden würde, ihre Kinder 
in der böhmischen Sprache unterrichten und erziehen 
sollten. Rudolph besonders war ihr Beschützer. Alles 
drängte sich mit böhmischen Werken zu seinem Thron: 
man zählte unter ihm gegen 200 böhmische Schriftstel- 
ler. Herren und Damen vom ersten Range dichteten böh- 
mische Lieder, und setzten ihren Patriotismus in der Cul- 
tur der Landessprache. Aus dem Griechischen u. Latei- 
nischen wurde jetzt ungleich mehr, als in der vorigen 
Periode, übersetzt; vorzüglich war dieses mit der heil. 
Schrift der Fall, als wo die Brüder frühzeitig besorgt wa- 
ren, die alte, aus der Vulgata geflossene Uebersctzung 
durch eine genauere, aus der Urschrift gemachte, zu 
ersetzen. In dem Eifer für die Reinhaltung und Ausbil- 
dung der Muttersprache waren sich alle Religionsparteien, 
Katholiken, Utraquisten und Brüder, gleich: unter den 
ersten verdienen ausgezeichnet zu werden Wenc. Hägek 
von Libocan, Sigm. v. Puchow und Barth. Paprocky. 
Aber am meisten hat die Sprache in diesem Zeiträume 
unstreitig den Brüdern zu verdanken. Mächtige Beschü- 
tzer an der Spitze säumten diese nicht mit vorzüglicher 
Sorgfalt die Landessprache, in der sie ihren Cultus ver- 
richteten , zu pflegen, zu bilden, und zu verbreiten. 
Unsterblichen Ruhm haben sich in dieser Hinsicht die 
Freiherren Johann und Karl der Aeltere von Zerotjn, 
Vater und Sohn, als die grössten Mäcene und Beförde- 
rer des wissenschaftlichen Lichts in ihrem Vaterlande, 
erworben ; unter ihrem mächtigen Schutz und durch ihre 
beispiellose Freigebigkeit schufen die Brüder ganz Mäh- 
ren in eine Werkstättc für Nationalliteratur um. Die von 
den Brüdern besorgte Uebersctzung der ganzen Bibel mit 
Commentar in 6 Quartbänden (1579 — 93), und Ko- 
menskys Werke bilden den Schlussstein der Tausend Jahr 
alten böhmischen Sprache und Literatur, und zeigen die 
Bildungsstufe an, die letztere bis dahin erreicht hat. Denn 
nur zu bald sollte es von da ab- und rückwärts gehen! 



335 

Hiernächst ist des mi ermüdeten Patrioten, Ad. v. We- 
leslawjn, grosses Verdienst um die Cultur der Landes- 
sprache und Verbreitung literarischer Betriebsamkeit in 
Böhmen zu rühmen. Die Schriften dieser Männer sind 
noch jetzt classische Muster der grammatischen Sprach- 
richtigkeit. Die böhmischen Pressen lieferten jetzt Pracht- 
werke. Melantrich und sein Eidam Weleslawjn erwar- 
ben sich auch als Buchdrucker den grössten Ruhm. Prag 
allein zählte 18 böhmische Druckereien; nebstdem wurde 
böhmisch gedruckt in Kuttenberg , Pilsen , Jungbunz- 
lau, Leitomyschl , Königgrätz , Prossnitz (Prostego w), 
Namest , Ollmütz , Mezeric, Ostrau (Ostrow) , Kralitz, 
Geskowic, und ausserhalb Böhmen in Nürnberg, Lissa, 
Amsterdam , Leipzig, Wittenberg, Dresden u. s. w. — 
Unter allen Fächern wurde das theologische mit den mei- 
sten Original werken und Uebersetzungen bereichert: Po- 
stillen, Predigten, Abhandlungen, Gebet- und Gesang- 
bücher, Confessionen und Apologien, Erklärungen der 
heil. Schrift , erschienen in unbeschreiblicher Menge : 
diess brachte der Charakter des Jahrhunderts mit sich. 
Die vaterländische Poesie stand in hohem Ruf, aber nur 
ein Theil ihrer Erzeugnisse ist auf uns gekommen, und 
selbst von diesen dürften nur wenige die strengere Kri- 
tik eines geläuterten Geschmacks aushalten. Zu den, bei 
Maximilians und Rudolphs Lebzeiten glänzenden böhmi- 
schen Dichtern gehören Joh. Sylvanus (von Geburt ein 
Slowak), wegen seines hohen poetischen Talents insge- 
mein poeta bohemicus genannt, Joh. Herstein v. Rado- 
wesic, Georg Horsky, Mart. Pjsecky , Joh. Täborsky, 
Georg Hanus, v Joh. Chmelowec, Georg Tesäk, Thomas 
Sobeslawsky Resätko, Joh. Simonides Turnowsky, Mart. 
Philomusa, Joh. Gryllus von Gryllow, Georg Stryc, und 
ganz vorzüglich Simon Lomnicky. Allein die meisten 
Geistesproducte dieser Männer tragen das Gepräge des 
Jahrhunderts, und gehören grösstenteils der religiösen 
Poesie an 5 die sogenannten schönen Geister schrieben la- 
teinische Zeilen, und nannten sie Verse und Carmina 5 ); 
die böhmischen Dichter zählten und reimten ihre Sylben 

3 ) Eine ganze Liste lat. Dichter dieser Zeit liefert Prochäzka Com- 
mentarius S. 287—317. 



336 



nach wie vor, an Worten weniger arm, als an Geist, 
ßlahoslaw , Täborsky , Benesowsky , Nudozerjn und 
Komensky, und späterhin Drachowsky und Rosa, selbst 
durch Classiker gebildet, waren auf dem Weg, die 
Metrik der Griechen und Römer, der Natur der sla- 
wischen Sprache gemäss, in der böhmischen Dicht- 
kunst einzuführen, als plötzlich der 1620 hereinbre- 
chende Sturm ihre Bemühungen mit der Literatur zu 
Grabe trug 6 J. Ganz anders verhielt es sich mit der 
Sprache der Beredsamkeit. Die politische Beredsamkeit 
erreichte jetzt ihre höchste Stufe. Durch glänzende, nach 
dem Zeugnisse der Zeitgenossen bis zur Bewunderung 
ausgebildete Rednertalente errangen die Palme dersel- 
ben: Graf Adam v. Sternberg, Ad. v. Waldstein genannt 
Longus, Bohusl. Michalowic, Freiherr Wenceslaw von 
Budow, Wilh. Slawata, Graf Wratislaw v. Mitrowic u. 
Christoph Harant. Die Kanzelberedsamkeit war so in 
Schwung, dass beinahe ein Drittel der gedruckten Bü- 
cher dieser Periode aus Predigten besteht. Die Lehr- 
prosa war mit der Redekunst theilweise, in einzelnen 
Wissenschaften, vorgeschritten; die ernsteren Wissenschaf- 
ten jedoch wurden auch jetzt noch meist lateinisch be- 
trieben. Im Fache der Geschichte thaten sich hervor : 
Mart. Kuthen, Joh. Dubravius, W^enc. Häjek v. Libo- 
can, Prokop Lupac, Ad. v. Weleslawjn, Mich. Kon- 
stantinowic, Barth. Paprocky, Wenc. Pläcel, Gr. W. 
Slawata u. a. in.; in der Jurisprudenz: Bohusl. v. Hode- 
gow, Sim. Proxenus v. Sudetis, Wenc. Freiherr von 
Budowec iL a. in. 5 in der Mathematik, Naturkunde und 
Medicin: Thaddaeus Hägek, Petr. Codicillus, W. Zelo- 
tyn, Huber v. Riesenbach, Ad. Zaluzansky u. a. m. ; um 
die grammatische Regelung der Sprache und ums Lexi- 
con erwarb sich vorzüglich Weleslawjn, so wie um die 
ästhetische Kritik und Philologie Nudozerjn ein prakti- 
sches, bleibendes Verdienst. 

Eine erschöpfende und in jeder Hinsicht befriedi- 
gende Uebersicht der Literaturproducte dieses Jahrhun- 
derts liegt weder in dem Plane des gegenwärtigen Werks, 

6 ) „Carmina bohemica nullam adhuc gratiam habent" sagte schon 
1603 Laur. Nudozerjn, Prof. der Math., Eloquenz und griech. Sprache in 
Prag, ein gewiss sehr competenter Richter. 



337 

noch in den Kräften des Vf.; hier mag eine gedrängte 
Auswahl genügen. — Den Uebersetzem und Herausge- 
bern der Kralicer Bibel gebührt das wolverdiente Lob, 
durch vereinte Kräfte und männlichen Fleiss ein Werk 
vollbracht zu haben, wie es wol nur wenige Nationen 
aufzuweisen haben. Dieses Werk erschien unter dem 
Titel: Biblj ceskä w nowe wydanä, Djl I. 1579, Djl IL 
1580., Djl III. 1582., Djl IV. 1587,, Djl V. 1588., Djl 
VI. 1593. ohne Angabe des Druckorts, zu Kralic in Mäh- 
ren, in einem Format, welches gewöhnlich 4. genannt 
wird, aber eigentlich kl. fol. oder gr. 8. ist. Die Ueber- 
setzung des A. Testaments ist die erste, welche nach dem 
hebräischen Grundtext gemacht ist; das N. Testament 
wurde schon früher (1563) von J. Blahoslaw aus dem 
Griechischen übersetzt. Die Uebersetzer waren: Albert 
Nikolai, Lukas Helic, Joh. Aeneas, Georg Stryc, Esaias 
Coepolla, Joh. Ephraim, Paul Jessenins und Joh. Capito. 
Der Freiherr Johann v. Zerotjn hat die Kosten zur Ein- 
richtung einer neuen Druckerei auf seinem Schlosse Kra- 
lic in Mähren, und der Auflage dieser prächtigen Bibel 
vorgeschossen. Die Richtigkeit der Orthographie und der 
böhmischen Sprache, wodurch sie sich, wie auch durch 
die Schönheit des Drucks vor allen böhmischen Büchern, 
die je erschienen sind, auszeichnet, hat diese Bibel so 
sehr empfohlen, dass man sie allgemein für ein Muster 
der Sprache angesehen hat iJer reelle Werth der Ueber- 
setzung und des Commentars wird hiebei nicht in An- 
schlag gebracht, obwol es bemerkt zu werden verdient, 
dass man in derselben schon volle 200 Jahre früher das 
meiste davon enthalten findet, was die gelehrten Kory- 
phäen der Exegese unserer Zeit als ihre grosse Entde- 
ckung der Welt zur Schau dargeboten haben, und diese 
mit Bewunderung und Staunen hochpreist 7 ). Georg 

7 ) Böhm. Bibeln. N. Testament o. Dr. 475. fol. Pr. 487. 4. Ganze 
Bibeln. Prag 488. fol. (Nach der Vulg.), Kuttenb. 489. fol., Vened. 506. 
fol., Pr. 527. fol., Pr. 537. fol., Nürnb. 540. fol., Pr. 549. fol. (Melantrich)., 
Pr. 556 — 57. fol., (Eb. Pr. 561. fol. ist dieselbe, nur der Titel neu.), Pr. 
570. fol. (Eb.), Kralic 579-93. 6 Bde. M. fol. (Aus d. Urtext v. Brüdern), 
o. Dr. 596. 8. (Von eb.), o. Dr. 613. fol. (Von eb.), Pr. 613. fol. (für 
Utraqu.), Pr. N. Test. 677. A. Test. 712—15. 3 Bde. fol. (für Kathol.), 
Halle 722. 8. (für Protest.), Halle 745. 8. (für Protest.) Halle 766. 8. (für 
Protest), Pr. 769-71. 3 Bde, fol. (für Kathol.) Pr. 778-80. 2 Bde. 8., 
(für Kathol.), PreSsb. 786-87. 8. (für Protest.), Pr. 804. 8, (für Kath. 
Berl. 807. 8. (v. d. Bibelg.), Pressb.808. 8. (f. Prot.), Berl. 813. 8. (von d. Bibelg.) 

ZI 



338 

Stryc Zäbiesky , einer der Brüder Uebersetzcr, und 
gründlich gelehrter Vorsteher der mährischen Brüder- 
unität, hinterliess mehrere Schriften theologischen Inhalts, 
und eine gereimte llebersetzung der Psalmen, die bis jetzt 
unübertroffen ist : Zalmowe Sw. Dawida w rytmy ceske 
uwedene 590. 620. 12. und oft. 5 Zrcadlo poctiwe zeny, 
Olim. 613. u. s. w. — Karl Freiherr v. Zerotjn der Ael- 
tere, Johanns Sohn, (geb. 1564, gest. 1636), Landes- 
hauptmann von Mähren, königl. Kath und Kämmerer; 
dieser unsterbliche Mäcen und Beschützer der mährischen 
Brüder, begab sich, in Folge der kais. Verordnung, nach 
Verkauf seiner Güter, 1628 in die Verbannung nach 
Breslau, wo er den Rest seiner Tage verlebte; er Hess 
zahlreiche böhmische Schriften auf eigene Kosten dru- 
cken, beschrieb selbst seine Reise ins Abendland, und 
hinterliess viele, eigenhändig geschriebene, lateinische, 
französische, italienische und böhmische Briefe, die in 
der Bibl. des Gr. Wrbna zu Horowic aufbewahrt wer- 
den; eine Auswahl der latein. gab Monsei C. L. B. a 
Zerotin epistolae sei., Brunn 781. 8., der böhm. Jung- 
mann in s. Slowesnost, Pr. 820. heraus. — Joh. Arnos 
Komensky (Comeuius) aus Komna unweit Bruniau in 
Mähren (geb. 1592, gest. 1671), steht zwar der Zeit 
nach am Ausgange dieser und Anfange der folgenden Pe- 
riode, gehört aber der Sprache und dem Geiste nach in 
jeder Hinsicht der goldenen Aera der Literatur an ; er 
studirte in Böhmen und Teutschland, ward 1614 Rector 
zu Prerau und darauf zu Fulnek, flüchtete sich 1627 
nach Lissa in Polen, ward hier Vorsteher der Schule, 
darauf 1632 Bischof der böhmischen u. mährischen Brü- 
der, und zuletzt 1648 ältester Bischof der Unitüt in Polen; 
er wurde wegen seiner Gelehrsamkeit und hohen Tugend 
zu gleicher Zeit nach mehreren Ländern eingeladen, 
die Schulen einzurichten; in dieser Absicht ging er 1641 
u. ff. nach England, Schweden, Preussen, Siebenbürgen 
und Ungern (Säros-Patak), kehrte hierauf nach Lissa 
zurück, wurde aber bald genöthigt sich von da zuerst 
nach Schlesien, dann nach Brandenburg, und zuletzt 
nach Amsterdam zurückzuziehen, wo er den Rest seines 
mühevollen Lebens in Ruhe zubrachte 5 was er als Bisch. 



339 

für seine Kirche , und als Pädagog für die Erziehung 
seines Jahrh. gethan, gehört der Kirchen- und Cultur- und 
in gewissem Sinne der Weltgeschichte an (wo er zwar 
gewöhnlich verkannt wird)-, als böhmischer Schriftstel- 
ler kommt er an Richtigkeit und Correctheit der Sprache 
seinen besten Vorgängern gleich, und übertrifft sie alle 
an vollendeter, wahrhaft künstlerischer, den Griechen u. 
Römern nachgebildeter Diction; man hat von ihm mehr 
denn 20 böhmische Werke, der Schriften in lat. Sprache 
nicht zu gedenken; Orbis sens. pictus, u. Janua lingu. 
reserata, beide beinahe in alle europäische und einige 
asiatische Sprachen tibers. und unzähligemal gedruckt; 
(J. Lasitskeho) histor. o tezkych protiwenstwjch cjrkwe 
ceske, a. d. Lat., Lissa 655. Amst. 663. Berl. 756. 12.; 
Labyrint sweta a rag srdce, Prag 631. 4. Amst. 663. 
Berl. 757. Pr. 782. 809. 12.: Hlubina bezpecnosti, Lissa 
632. Amst. 663. u. oft,; Theatrum divinum, böhm., Pr. 
616. 4.; Manuälnjk, gädro Biblj sw. , Amst. 658. 12.; 
Cwicenj se w poboznosti, Amst. 661., Berl. 754. 5 A. 
Pr. 782. 12.; Hist. o umucenj a smrti Kr. P., Berl. 757.; 
J. Lasitskeho histor. o püwodu a cinech bratrj c., kniha 
osmä, a. d. Lat., 649. Halle 763. 8.; Hrad nedobytedlny, 
premyslowänj o dokonalosti krestanske, Halle 765. 12.; 
Autociste, 655. Halle 763. 765.; Srdecne napomenutj. 
Berl. 748. 8.: Dwogj käzanj, Berl. 763.; Ksaft umjragjcj 
gednoty bratrske, Berl. 757. 12. ; Hlas pastyre, Berl. 757. 
12. ; Catonis disticha moralia, in böhm. Hexametern, 
Amst. 662. Pr. 670. 8.; Umenj kazatelske, herausg. von 
Ziegler, 823. 8.; wymjtänj nemeho, prjdawkowe ne- 
ktefj u. s. w.; die latein. Werke erschienen u. d. T. Opp. 
didactica zu Amst. 657. fol.; unter den Schriften K.s, 
die nicht auf uns gekommen sind, ist der Verlust des in 
Lissa verbrannten, böhmisch - lat. und lateinisch - böhm. 
Wörterbuchs , von dem er selbst in der böhm. Vorr. 
zu s. Janua lingu. spricht, am meisten zu bedauern. — 
Mr. Dan. Ad. v. Weleslawjn aus Prag (geb. 1546, gest. 
1599), erhielt seine Bildung im Inlande, und ward nach 
Lupäc's Abgang 1569 Prof. der Geschichte auf der Prager 
Univ., heirathete sieben Jahre darauf des verdienstvol- 
len böhmischen Buchdruckers , Georg Melantrich von 

22* 



340 

Aventin , Tochter , erbte 1580 seine Buchdruckerei, 
verlegte eigene und fremde böhmische Werke, und starb 
als Primas (Präsident) des Magistratsraths in der Altstadt 
Prag; er gilt allgemein für den ersten böhmischen Schrift- 
steller dieses Zeitraumes, obgleich seinem, übrigens sehr 
richtigen und correcten Styl der Typus altclassischer, und 
eben desswegen ästhetischer Sprachdarstellung abgeht, 
oder doch wegen einer gewissen Wasserbreite unsicht- 
bar ist; sein grosses, unvergängliches Verdienst besteht 
in der Belebung und Verbreitung literarischer Betrieb- 
samkeit unter seinen Sprachgenossen, er war der böh- 
mische Brockhaus und Cotta älterer Zeiten; man hat von 
ihm gegen 30 böhmische Werke, die er entweder selbst 
verfasst , oder berichtigt und auf eigene Kosten heraus- 
gegeben hat; eine weit grössere Anzahl ist der fremden 
Werke, die unter seiner Aufsicht und Theilnahme mit 
musterhafter Correctheit und Eleganz aus seiner Officin 
erschienen sind: Kalendär historicky, Pr. 578. 4. 590. 
fol.; wrchnostech a zpräwcjch swetskych, nach dem 
Teutschen des G. Lauterbeck, 584. 592. 600. fol.; J. Ca- 
riona kronika sweta, 584. 4. 602. 4.; Kronika Aen. Syl- 
via a M. Kuthena, 585. 4.; J. L. Vivisa nawedenj k mau- 
drosti, 586. 12.; O zachowänj zdrawj, in Reimen, 587. 
12.; Prawidlo krestanskeho ziwota, 587. 8. 600. 8.; Ho- 
spodär uzitecny, 587. 8.; Tabule sedmi zlych a dobrych 
we v cj, 588.7.; Wyklad na Werjm w P. B v 588. 8.; Ele- 
gantiae Terent. et Plauti, böhm. 589. 8.; Stjt wjry, 591. 
8.; Wypsänj Gerusalema, Pr. 592. fol.; H. ßuntinga pu- 
towanj SS., 592. fol. 610. fol.; Soliloquia de passione, 
böhm., 593. 8. 600.; Kazanj Sw. Bernharda, 593. 8.; 
Sw. Jeronyma o krestanskem odgitj, 593. 8.; B. Fahrt 
diction. 1. lat. cum interpret. boh., 579. 4.; Sylva qua- 
drilinguis, 598. 4.; S. Augustina soliloquia animae, böhm., 
583. 12. 600. 12. 786. 12.; Eb. manuale, 583. 12. 600. 
786.; Wypsänj zeme ruske, 592. 8. 786. 8.; A. Mathiola 
herbär, prel. od Ilägka, verb. u. verm., 596. fol.; Ec- 
clesiasticus böhm., 586. 12.; Nomenciator, 586. 8. u. a. m. 
— Wenc. lldgek v. Libocan (gest. 1553), Domherr u. 
zidetzt Propst zu Bunzlau, brachte aus altern Chroniken 
eine Geschichte von Böhmen bis 1526 zusammen, deren 



341 

materieller Werth verschieden beurtheilt wird, der hi- 
storische Styl aber musterhaft, und bis jetzt von keinem 
seiner Nachfolger erreicht, geschweige denn übertroffen 
worden ist: Kronika ceskä, Pr. 541. fol. Pr. 819. fol. 5 aus- 
serdem verbesserte er den Solfernus, ziwot Adainüw, her- 
ausg. von Ottersdorf 553. fol., und gab noch einige an- 
dere Bücher heraus. — Paul Bydzowsky, Pfarrer bei St. 
Galli in Prag, schrieb mehrere Bücher religiösen Inhalts: 
pfigjmänj pod obogj, Pr. 539. 8., Zgewenj Sw. Jana 
538. 8., Detätka a newinätka, Pr. 541. 8., theol. Abhand- 
lungen u. s. w. — Joh. Wartowsky von Warta (gest. 
1561), übers, des Erasmus Roter. Paraphrase des Evang. 
Matthäi: Evang. Sw. Matause s wyklady 542. 4.: die 
Paraphrase der 3 übrigen Evang., die er ebenfalls fertig 
gemacht hat, ist nie in Druck erschienen; nach Lupäc 
und Weleslawjn soll er auch das ganze A. Testament aus 
dem Hebräischen ins Böhm, übersetzt und handschriftlich 
hinterlassen haben (Dobrowskys Magaz. III. 59). — 
Brikcj v. Licsko (Briccius), gab „Präwa mestskä" 536. 
fol. und in Verbindung mit Bydzowsky: zarmaucenjch 
cjrkwe, Pr. 542. 4. heraus. — Joh. u. Sigm. von Puchow 
übersetzten auf Ferdinands I. Befehl des S. Münster Cos- 
mographie ins Böhm., 554. fol. — Boh. Bjlegowsky aus 
Kuttenberg, utraquistischer Priester, schrieb eine böhm. 
Kirchengeschichte bis 1532: Kronika cjrkewnj, Nürnb. 
537. Pr. 816. 8., Historie pikhartöw a hussitöw T 8. u. a. 
m. — Mart. Ruthen verfasste eine böhm. Chronik: Kro- 
nika ceske zeme, Pr. 539- 4., von Weleslawjn 585.817., 
Ziwot J. Zizky, Pr. 564., übers. Appians Gesch. ins Böhm, 
u. a. m. — Joh. Augusta genannt Pileator (gest. 1572), 
Vorsteher der Brüdergemeinde zu Leitomyschl und Senior 
der böhm. Unität, stand im Rufe einer grossen Gelehr- 
samkeit, und gab 8 Bücher über die Religion und 100 
Kirchenlieder heraus: Ohläsenj 541. 8., Pre 543. 4., 
Pohfebnj käzanj, Leitom. 544. 4., Spis k G. M. Cjsafi u. 
s. w. — Niki. Cernobyl genannt Artemisius aus Saaz (geb. 
1496, gest. 1556), Primas (Präsident) des Saazer Ma- 
gistratsraths, schrieb eine Anleit. f. Beamte und Wirthe 
zur Führung ihrer Geschäfte: Zpräwa kazdemu Pänu 
uzitecnä, herausg. von Weleslawjn als Anhang zu des J, 



342 

Briwjn von Ploskowic Hospodäf, Pr. 587. 8. — Joh. 
Slranensky, ein gelehrter Bruder, hinterliess 19 Schrif- 
ten religiösen Inhalts: Almanach duchownj 542. 560, 8., 
Studnice ziwota 556. 8., Zahradka duchownj 557. 8., 
Ilofmeisterowa postilla , Prossnitz 551. fol., Epist. a 
Evang., Pr. 574. 597. 615. 616. 698. Trencjn 645. Zit- 
tau 618., Casp. Hubera wyklad na G. Syracha, Pr. 561. 
575. fol., Pläc SS. otcüw, Pr. 588. Brunn 721. 8., Ca- 
lumnia, Dialog a. d. Lucian, Pr. 561. — Sixt v. Otters- 
dorf aus Rakonic (gest. 1583), Bürger, Senator u. zu- 
letzt Kanzler der Altstadt Prag, ein hochherziger Patriot, 
der zur Ausbildung der böhm. Sprache vieles beigetra- 
gen, schrieb eine Geschichte seiner Zeit, rkps. 1546, o 
närodu Tureckem, gab den Solfernus nach Hageks Re- 
vision Pr. 553. (011m. 564. Pr. 600. Tropp. 721.) her- 
aus, übers, des Isidorus Hispalensis rozmlauwänj rozuimi 
s clowekem, Pr. 549. 551. 8., Ammonii härm, evang. s. vita 
Ch. u. s. w. — Benes Optat schrieb die erste böhmische 
Gramm., Namiest 533. 8., und Hess nach der daselbst 
festgesetzten Orthographie s. Uebers. der Paraphrase d. 
N. T. von Erasmus,^ Eb. 533., Käzanj nespornj u. s. w. 
drucken. — Werte. Zelotyn (a formoso monte) aus Prag, 
Prof. der Med. und Mathem. daselbst, übers. nakazenj 
powetrj, Pr. 558. 8. — Joh. Morawus genannt Bess, 
Pfarrer zu Postupic, übers. zacatku Tureckeho cjsaf- 
stwj, Pr. 567. 4. — Paul Orlicny genannt Aquilinas 
(Hradecky) aus Königgrätz, zuerst Rector in Prossnitz, 
dann Pfarrer in Kygow, übers, des Jos. Flavius: walce 
zidowske, a. d. Lat. d. Rufinus, Prossnitz 553. fol. Leut- 
schau 805. 8. im Auszuge von Kramerius Pr. 806., Roz- 
mlauwänj z her Terencowych, Prossn. 550., 8., Mrawnä 
naucenj Catonowa, Pr. 569. 8., Modlitby na ep. a evang., 
Pr. 589. 8. — Thaddaeus Hdgek v. Hägek, Doct. der 
Med., zugleich ein berühmter Astronom, lebte als kön. 
Leibarzt am Hofe Maximilians u. Rudolphs IL, er schrieb: 
Wyklad proroetwj Tureckeho 560. 8., übers, des Ma- 
thiolus Flerbär aneb bylinar, Pr. 562. fol. venu. u. verb, 
von Huber u. Weleslawjn 596. fol. - Ad. Zaluzansky 
v. Zaluzan, Med. Doct. und vorzüglicher Naturforscher, 
ging in der Lehre von der Sexualität und Befruchtung 



343 



der Pflanzen dem grossen Linne um anderthalb Hundert 
Jahre vor, indem er sich zuerst darüber bestimmt und 
klar äusserte in s. Methodus rei herbariae Pr. 592. Frankf. 
604. 4., die zwar lat. geschrieben ist, aber auch die böhm. 
Nomenclatur enthält. — Thom. Resel, Pfarrer zu Jero- 
sow , verfertigte ein Wörterbuch : Diction. lat. - boh., 
Olim. 560. 4., Dict. boh. -lat., 011m. 562. 4. — Paul 
Cernowicenus verfasste ein Vocab. rhythmobohemicum, 
Pr. 614. 783. 8. — Joh. Blahoslaw, (geb. 1523, gest. 
1571,) einer der Vorsteher der Brüderunität, wegen sei- 
ner ausgebreiteten und gründlichen Gelehrsamkeit sehr 
geschätzt; er war der Erste, der das N. Test. a. d. Griech. 
übersetzte; N. Zäkon (o. Dr.) 564. 12. 568. 4.; Ducho- 
wnj pjsne, Ziwot J. Augusty Msc. u. s. w. — Thom. So- 
beslawsky Resätko, Pfarrer zu Susic, stand als religiöser 
Dichter zu seiner Zeit in hohem Ruf: Kancionäl, Pr. 
610. 2 Bde. fol., Zpräwa duchownj 574., Postilla djtek 
577. 589. 601. 617., Summa ucenj kfest. 611. 8., 
dni saudnem, Rebrjk Jakoba, Pranostikowänj u. s. w. — 
Matth. Benesowsky, Prediger bei St. Jakob, verfasste 
eine Gramm, boh., Pr. 577. 8., Knjzka slow ceskych wy- 
lozenych^ übers. Epist. Sw. Ignatia a. d. Griech. (oh. J. 
u. Dr.) — Laur. Leander Rivacowsky, Dechant in Schlan; 
Masopüstnjk 562. 574. 4., Knjzka zlatä, 011m. 577. 8., 
Auslegungen der h. Schrift, Gebetbücher u. s. w. — Pet 
Codicill Sedlcansky v. Tulechow (gest. 1613), zuerst 
Consistorialr. u. Notar, dann Prof. der Math. u. d. griech. 
Sprache, gleich berühmt als Historiker, Philosoph und 
Astronom, hinterliess 10 Schriften: Calendarium perpet. 
astron. 4., artikuljch wjry 12., Pjsne na Epist. a Ew. 
584. 8., Modlitby Pr. 574. 8. u. s. w. — J. Gryllus von 
Gryllow, (gest. 1599) zeichnete sich als religiöser Dich- 
ter aus, und wurde von Rudolph in den Adelstand er- 
hoben; er hinterliess 8 Bücher, meist in Versen: Ewang. 
s wyklady a s rytmy 595. 8., Skutky Kr. P., Pr. 587. 595. 
8., Ziwoty^Patriarchü 582. 8. — Math. Gryllus v. Gryl- 
low Rakownjcky (gest. 1612), Prof. an der Univ. in 
Prag, schrieb: kometäch 578. 8. — Wenc. Dobrensky, 
ein fleissiger Schriftsteller, hinterliess 14 Bücher: Pramen 
wody ziwe, P. 581., Stjznost na hfjchy, Pr, 582, 4., 



144 



Wrtkawe stestj, Pr. 583. 12., Wenjk fjkowy, Pr. 587. 
12.il. s. w. — Werte. Sturm, ein Jesuit, gebildet in Rom, 
bekämpfte nacb seiner Rückkebr mit Eifer die nichtka- 
tholi sehen Böhmen ; er übers. Augustins Br. gegen die 
Donatisten, Pr. 584, und schrieb noch 8 andere Bücher 
gegen die Brüder. — Johann Makowsky übers. Augustins 
Enchiridion, Pr. 559. — Bulth. Hostowjn, Jesuit, übers. 
Augustins meditationes, Pr. 573. Yinc. Lirinensis com- 
monitorium adv. haereticos, Pr. 590. — Sim. Lomnicky 
v. Budec, gekrönter Dichter und kön. Hofpoet, von Ru- 
dolph in den Adelstand erhoben; er brachte 28 BB„ 
meist in Versen, zu Stande: Kupidowa stfela, Pr. 590. 
8., Päd sweta, Pr. 597. 12., Tobolka zlata 615. 791. 8., 
Naucenj mlademu hospodäfi, Pr. 586. 8. 794. 12., Hädänj 
mezi knezem a zemanem 589. 8., djtkäch krestanskych 
609. 8., Kancionäl nedelnj, Pr. 580. 4., Wyklad na Modi. 
P., 605. 8., Pohfeb Kr. P., Pr. 605. 8., Wjtezstwj wjry 
616. 8. — Joh. Kocjn v. Ko einet, Syndicus der Altstadt 
Prag, gebildet in Strassburg, stand im grossen Rufe der 
Beredsamkeit unter s. Zeitgenossen, und ist überhaupt 
einer der vortrefflichsten, verdientesten böhm. Schrift- 
steller : er übers, des Eusebius Pamphilus u. Cassiodorus : 
Historia cjrkewnj, Pr. 594. fol., Kronika nowä o närodu 
Tureckem a cesta z Wjdne do Constantinopole, herausg. v. 
Weleslawjn Pr. 594. 4., Plutarchs praec. gerendae reip. in 
Weleslawjns polit. histor., O tazenj proti Turku, eb., Rag 
rozkosneho naucenj 613., O rjzenj a opatrowänj boz- 
skem u. s. w. — Mart. Repansky schrieb : potope 
sweta 587. 8., O v moru 599. 12., O neplodnosti manzel- 
ske 12. — Joh. Stelcar Zeletaicsky, Pfarrer in Mnichow 
u. Dohalicky , ein fruchtbarer Schriftsteller: Knjzka o 
carodegnjcjch, Pr. 588. 8., Lekarstwj duse 592. 12. 608. 
8., Zahrädka dusj nemocnych, Pr. 597. 12., zahlreiche 
Predigten, Gebetbücher u. s. w. — Georg Dikastus Mir- 
kowsky, Pfarrer bei der Teyner Kirche in Prag, u. Ad- 
ministrator des Consistoriums, 1621 landesverwiesen, ein 
vortrefflicher Kanzelredner, ist Vf. mehrerer Schriften: 
Pustula kazdodennj 612. 8., Modlitby 598. 12., Postilla Pr. 
612. 2 Bde. 4., Cesta Jakoba 601. 12., Historie Kr. P., 
Pr. 617. 12., Paweza proti moru 4. u. s. w. — Ad. Hub er 



345 

von Riesenbach (geb. 1546, gest. 1613), Doct. der Med. 
m Prof. an der Univ. in Prag, ein Mann von ausgebrei- 
teter, gründlicher Gelehrsamkeit, Freund von Mathiolus 
und Weleslawjn, (1609 einer der 24 Defensoren, 1612 
Rector der Univ.), berichtigte und vermehrte mit We- 
leslawjn Hägeks Herbäf 596. fol., gab mehrere medici- 
nische Werke: Apateka domäcj, Pr. 602. 8., Kalender 
u, s. w. heraus. — Joh. Achilles Beraunsky, Pf. in Pfi- 
bislaw, verfasste eine beträchtliche Anzahl religiöser 
Schrifen: Wyklad na Daniele, Pr. 590., W. na Ewang., 
Pr. 588. 589. 595. 611. W. na Epist., Pr. 595. 8. Wyklad 
pjsem Sw. 616., Knjzka o polnjm heytmanu, Pr. 595. 8., N. 
Hemminga cesta ziwota wecneho 587. 8., Predigten u. s. w. 

— Georg Tesäk Mosowsky, Pf. in Prag, ein fruchtbarer 
theologischer Schriftsteller: Pautnjk duchownj 612. 8., 
Nowe leto 610. 8., Angelsky trank 12., winohradech 
Pr. 611. 8., Spis o strasliwem powetrj 613. 8., Predig- 
ten u. s. w. — Wenc. Slowacius Turnowsky, Pfarrer in 
Rozdialowic, hinterliess 18 böhmische Werke: Postilla, 
Pr. 612. 620. 2 Bde. fol., Wyklad fecj Adwentnjch, W. 
na feci postnj 613. 4., Predigten, Gebetbücher u. s. w. 

— Wenc. Pläcel v. Elbing aus Königgrätz (geb. 1556, 
gest. 1604), Stadtschreiber in Königgrätz, verfasste Hist. 
zidowskä, Pr. 592. fol. in einem leichten, fliessenden, 
lichtvollen Styl. — Barth. Paprocky, polnischer Edel- 
mann , lebte zuletzt in Prag, und verfasste mehrere 
Werke in polnischer, einige auch in böhmischer Spra- 
che : Diadochos, t. g. poslaupnost knjzat a krälu ceskych, 
Pr. 602. fol., Nowä kratochwjle, Pr. 597. 600. 4. Vgl. 
§. 52. — Raph. Misowsky, Ritter von Sebuzina (sonst 
Sobehrd) aus Bischofteinitz (geb. 1580, gest. 1644), stu- 
dirte in Paris und Rom, und war zuletzt Appellations- 
rath in Prag und Vice-Kämmerer des Kgr. Böhmen, ar- 
beitete mit dem vorigen gemeinschaftlich an mehreren 
Werken, namentlich an der Diadochus, die er aus dem 
Poln. ins Böhm, übersetzte. — Wenc. Wratislaw Graf 
v. Mitrowic (gest. 1635), beschrieb seine merkwürdige 
Gesandtschaftsreise von Wien nach Constantinopel: Pfj- 
hody Wrat. z Mitrowic, Pr. 777. 8., v. Kramerius Pr. 805. 
8. — Prokop Lupdc v. ülawacow, bis 1569 Prof. der 



346 

Geschichte an der Prager Univ., als Dichter und Histo- 
riker gleich berühmt ; s. Ephemeris s. Calendarium hi- 
storicum Nürnb. 578. vollst. Pr. 584. 4. wurde eine Zeit 
lang in den gelehrten Schulen Böhmens öffentlich gele- 
sen; Histor. o Cjsari Karlowi IV. 584. 8. u. s. w. — Se- 
hast. Scipio (Berh'cka) aus Pilsen, Jesuit, übers, des 
h. Gregorius Dialoge, Olim. 602., bezzenstwj knezskem 
u. s. w. — Abr. v. Ginferod, muthmasslich (nach Voigt) 
Pfarrer zu Straskow, studirte 1590 zu Wittenberg, und 
übers, hier Xenophons Kyropädie aus der Ursprache ins 
Böhm., in einer sehr correcten, fliessenden Schreibart: 
Cyripaedia, Pr. 605. 4., im Auszuge von Kramerius, Pr. 
808.; am Ende sind 12 interessante Abhandlungen aus 
der Alterthumskunde beigefügt. — Hawel Zalansky, 
Pfarrer bei St. Galli in Prag, einer der fruchtbarsten 
böhmischen Schriftsteller im theologischen Fach: slu- 
zebnjcjch cjrkewnjch 614. 8., mucedlnjcjch ceskych 
Janowi z Husince a Jeronymowi Prazskem, 5 Predig- 
ten 619. 8., protiwenstwjch cjrkwe, Pr. 619. 8., 
smrti, Pr. 615. 8., posled. saudu 615. 8., pekle 
615. 8., ziwotu wecnem 615. 8., ctnosti angelske 605. 
12., mehr. Abhandlungen u. s. w. — Girj Zdweta v. Zdwe- 
tic beförderte 13 böhm. Schriften zum Druck: Dworskä 
skola 607. 8., Wolenj a korunowänj C. Mathiäse I. 611. 
4., Roräte Pr. 616. 4., Kancionäl 2 Bde. u. s. w. — Chri- 
stoph Harant v. Polzic u. Bedmzic (enth. 1621), unter 
Rudolph und Mathias Kämmerer, unter Kg. Friedrich 
Präsident der böhm. Landkammer, unternahm eine Reise 
nach dem gelobten Lande und Aegypten, deren überaus 
anziehende, mit Geist und Laune verfasste Beschreibung 
er selbst herausgab: Cesta z Cech do Benätek u. s. w. (o. 
Dr.) 608. 668. 4. — Wenc. Bndowec Freiherr v. Budow aus 
Prag (geb. 1547 enth. 1621), Hofr. u. Oberststeuer-Ein- 
nehmer des Kgr. Böhmen, studirte in Paris, und berei- 
ste beinahe ganz Europa (im J. 1578 wurde er als Ge- 
sandter nach Constantinopel geschickt) ; er war zu seiner 
Zeit der vortrefflichste Rechtsgelehrte und politische Red- 
ner im Lande, zugleich einer der eifrigsten und mäch- 
tigsten Beschützer der böhm. Brüder, 1609 einer der 24 
Defensoren; man hat von ihm mehrere lat. und böhm. 



347 

Schriften: Anti - Alkorän, Pr. 614. 3 Bde. 4., Obrana 
Anti-Alkoränu 627. 4., auch haben mehrere, von den 
evang. Ständen herausg. böhm. Apologien ihn zum Vf. — 
Hynek v. Waldstein hatte eine eigene Buchdruckerei in 
Dobrowic, und gab 5 Bücher unter s. Namen heraus : 
Zpräwa o radu politickem 610. 8., Zrcadlo potesenj man- 
zelüm 610. 8., Pjsnicky pe v kne 610. 8. - Matth. Ko- 
necny schrieb: Diwadlo bozj 616. 4. ein wegen der vor- 
trefflichen Schreibart sehr geschätztes Buch; powin- 
nostech kfestanskych 612. 8., Kazatel domownj, König- 
grätz 618. 4., swätostech 625. 8. — Simon Valecius 
Launshy, Prediger bei St. Adalbert in Prag, hinter- 
liess: Pfjprawa k smrti 610. 8., Ziwot M. Jeronyma 611. 
8., zpräwe gazyka, Pr. 616., Predigten u. s. w. — Willi. 
Graf Slawata von Chlum u. Kosumberg (geb. 1573, 
gest. 1652), k. k. Ratb, Burggraf von KarJstein, zuletzt 
Vice-Oberstkämmerer bei der kön. Landtafel, bekannt 
durch sein widriges Schicksal am 23. Mai 1618; er bil- 
dete sich in Italien und auf Reisen in Frankreich, Spa- 
nien, England u. s. w., und beschrieb umständlich die 
Begebenheiten seiner Zeit, Msc. — Wjt Jähes (Jakesius) 
Pferowsky, Pfarrer bei St. Gallus in Prag, 1621 ver- 
bannt (gest. um 1641), hinterliess mehrere Schriften: 
Decalogus Pr. 602., manzelskem stawu 610. 8., Cesta 
otcüw, Pr. 611. 8., powe v trj, Pr. 613., Trivium, Pr. 
620. — Mr. Viel. Wrbensky, Prediger bei St. Niklas 
in der Altstadt Prag, 1621 landesverwiesen, gab 11 böhm. 
Werke in Druck heraus: Synopsis bibl. 606. 4., Konfcssj 
ceskä, Dobrowic 614., Snem Niniwitsky 615., Rozebränj 
Biblj Sw., Königg. 618. kl. fol., Postilla, Harmon. ewang. 
Chiranomia bibl. u. s. w. — Zach. Bruncwjk aus der Neu- 
stadt Prag, Pfarrer zu Neustadt an der Bela, verfasste 
16 BB. theologischen Inhalts: Zrcadlo kacjfstwj 614. 8., 
zemetresenj w kr. Bechynskem, Pr. 615. 8., Srownänj 
dwau tyrannu cjrkwe 631. 8., Käzanj o morowe räne, 
Pr. 606. 4., cjrkwi Sw., Pr. 607. 4., wtelenj, Pr. 
607. 4., Bohu, Pr. 611. 4., postu, Pr. 613. 8., 
oeistei, Pr. 613. 8., ^Zrcadlo zkäzy Gerusalema, Pr. 610. 
— Kypr. Pesina Zatecky, Pfarrer in Kuttenberg, hin- 
terliess 11 BB. meist^Predigten und Auslegungen der h. 



348 

Schrift. - Jak. Petrozeljna Kunstatsky, Pfarrer in Tfe- 
bic, gab 7 Werke in Druck heraus: Postilla 4., bauf- 
kach telesnych i duchownjch, Pr. 616. 8., Betrachtungen, 
Erklärungen u. s. w. — Sdm. Partlic d. Jüngere (Trischi- 
niensis), Rector der Klattauer Schule: Adamus judicatus, 
ein geistliches Drama mit e. böhm. Uebers. in Reimen 
von Th. Rosacius, Pr. 613. 4., Kalendäf hospodärsky 
617. 4., Tractatus cometographicus, Königgr. 619. 8., 
Bjc neb metla bozj u. s. w. — Mr. Jak. Krupsky d. Jün- 
gere aus Teutschbrod, Rector in Schlan, übers. Plu- 
tarchs nsgl jtatdav dycoyrjg aus dem Griech. u. d. T. Wy- 
straha djtkäm, Pr. 609. 8. — /. Rosacius Susicky: Pfar- 
rer bei St. Niklas auf der kleinen Seite in Prag, 1621 
landesverwiesen, zeichnete sich auch als lateinischer Dich- 
ter aus: Zacätek sgezdu riech stawü pod obogj, Pr. 618., 
swornosti inanzelske 583. 12., Biblickä losnj knjzka, 
Pr. 589. 12., Korunka mucedlnjkü bozjch u. s. w. — 
Math. Krocjn Chrudjmsky, Pfarrer zu Rychnow, schrieb : 
weceri Päne, 618. 8., Konfessj cesko-augsb. 12., Wy- 
klad na Modlitbu P., 620. 8. — Sam. Martinius von 
Drazow, (gest. 1639) Prediger bei St. Castulus u. Kreuz 
in Prag, 1621 landesverwiesen, gab zahlreiche Schriften 
theolog. Inhalts, zuerst in Prag, dann in eigener Buch- 
druckerei zu Pirna heraus. — Joh. Ctibor Kotwa von 
Freifeld, lebte unter Mathias und Ferdinand IL, Dom- 
herr bei der Metropolitankirche in Prag, wegen seiner 
glänzenden Kanzelberedsamkeit der böhmische Cicero ge- 
nannt. — Ileinr. Pjsek, genannt Scribonius , Admini- 
strator des Prager Erzbisthums, schrieb mehreres für 
die Katholiken, darunter einen böhm. Katechismus. — 
Mich. Konstanlinowic von Ostrowic, u. A. Augezdecky: 
Kronika Tureckä, Leitom. 565. — Burian von Kornic 
übers. J. Cariona Kronika sweta 541., 2 Ausg. verb. von 
Weleslawjn Pr. 584. 602. 4. — Blas. Borowsky a. Königg., 
Pfarrer zu Holohlawy: Wyklad na Epist. 617. 4., ver- 
schiedene Predigten 1603 — 16. — Niki. Krupiehorsky : 
dni saudnem, Pr. 612. 8., gmenu bozjm, 590. 8., 
weceri P., 593. 8. — Marl. Philadelph. Zamrsky (gest. 
1592), Vorsteher der Brüdergemeinde zu Oppau, hinterliess 
eine Postilla ewangelicka, 592. 2 B. f., Dresd. 602. fol., Pjsne 



349 

duchownj, Pr. 607. 8. — Jak. Akanth. Mitis, Pfarrer 
in Drinow : Autociste poboznych, 613., Katechismus, 
Pr. 613., Käzanj 614. 8. u. s. w. — Casp. Artopoeus Par- 
dubsky, Dechant in Schlan: Srownänj Eliäse a Hussa, 
Pr. 620., Snjzenj a powysenj Kr. P. 610. 4. — Beniam. 
Petrek v. Polkowic, Schreiber bei der Landkammer, 
übers. A. Buchholzers: Registfjk historicky, 596. fol., 
und Mathesius: Histor. Kr. P., 596. 2 Bde. fol. — Da- 
vid Crinitus Nepomucky v. Hlawacow , Stadtschreiber 
in Rakonic, ein latein. und böhm. Dichter: Rytmy ceske 
a latinske na ewang., Pr. 577. 598. 2 Bde. 12., Zalmy, 
Pr., 590. 12., Pietatis puerilis initia, lat. u. böhm. u. s. w. 

— Sigm. Crinitus Strjbrsky , Pfarrer zu Semil: Roz- 
gjmänj zalmü 594. 12., Rada 597. 616. 8., Kfestanske 
djlo dennj 613., manzelstwj u. s. w. — Joh. Werte . 
Cicada (CodedaJ, Pfarrer in Prag: Cesta k ziwotu wec- 
nemu, Pr. 607. 4., Predigten u. s. w. — Jak. Jakobides 
Strjbrsky, Prediger bei St. Martin in Prag, 1621 lan- 
desverwiesen: Budic otee celednjho, Pr. 600. 8. — Karl 
Dan. v. Karlsberg : Pjsne duchownj, Pr. 614. 12., Zal- 
mowe 618. fol. — Sixt Palma Modlicansky schrieb gegen 
20 Bücher über religiöse Gegenstände. — Sim. Clatto- 
venus (Klatowsky) übers, des Rob. Parus: Kronika pa- 
pezuw 565. 4. — Joh. Wodicka Ledecky, Pfarrer in Lo- 
wosic: Pjsne na ew. a ep., Pr. 609. 2 Bde. 4. (mit Me- 
lodien); weceri, umucenj a wzkrjsenj Kr. P. Pr. 607. 

— Zdenek Otto Ritter von Los: Antikristüw saud 601. 
fol. — Tob. Maufenjn Litomyslsky: Wek cloweka, du- 
chownj hra, Pr. 604. 8. Wittenb. 736. 8., Zrcadlo dwau 
bohäcüw, 011m. 694. 8., Wyklad na Ew. Sw. Jana 595. 
605. u. s. w. — Dan. Stodolius v. Pozow, schrieb geistli- 
che Dramen : podwräcenj Sodomy a o Obetowänj Isäka, 
Pr. 586. 8. — Joh. Thaddaeus Mezfjcky, Dechant zu 
Gicjn: Wyswetlenj o stawu manzelskem, Pr. 605. 8., 
Predigten u. s. w. — Prok. Paeonius aus Swetnow (gest. 
1613) Rector in Teutschbrod, darauf Prof. der Phys. u. 
Polit. in Prag, schrieb ausser vielen Gedichten: Lekar- 
stwj w cas räny morowe 613. — Wenc. Rames, Stadt- 
schreiber zu Klattau : Historicke wypsänj o Sigmundowi 
C, 589. 8. — Wenc. Steph. Teplicky, Erzdechant zu 



350 

Kuttenberg: Rod. Kr. P., Pr. 607. 8., Porädek Pjsem 
Sw., Königg. 620. 8., powetrj, Pr. 605. 8., Rozmlau- 
wänj o horäcli 8., Wyklad na proroky, Pr. 606 ff., — 
Sij't und Ambrosius Rathsschreiber in Prag, übers, des 
P. Jovius: wecech a zpüsobjch närodu Tur. Pr. 540 
4. — Joh. Rakownicky, Prager Bürger, verf. eine Ge- 
schichte von Böhmen 575 - 87. Msc. — Pribislaw von 
Radonjn schrieb eine Chronik von Böhmen, Msc. aus 
dem XVII. Jahrli. — Werte. Brezan verfasste zu An- 
fange des XVII. Jahrh. die Genealogie vieler böhm. Fa- 
milien, Msc. — Ulr. Prefat von Wlkanow beschrieb sei- 
ne Reise nach Palästina: Cesta z Prahy do Palestiny Pr. 
563. fol. 786. 8. — Joh. Miroticky übers, aus dem Lat. 
Obycege, präwa u. s. w. wsech näroduw 011m. 579. fol. 

— Wenc. Lebeda von B e dr s i er f \ er fasste: Pozname- 
nänj mest, zämküw a ded. Kr. C. Pr. 610. 8. 8 A. 
778. — Ulr. v. Prostibor und Lochowic, böhm. Ritter 
und Vice-Landschreiber unter Ferdinand I. verfasste : 
Präwa a zrjzenj zemskä Pr. 550. fol. 6. A. Brunn 701. 

— Wolf v. Wiesowic, k. Rath , Ober-Landschreiber 
und Präsident der Landkammer : Präwa a zf. z. Pr. 564 
fol. 594. — Mr. Paul Chrn. v. Koldjn, Kanzler der Alt- 
stadt Prag: Präwa me v stskä Pr. 579. 12. 5 B. 700. — 
Joh. Petrjk von Benesow übersetzte einige pädagogische 
Schriften des Erasmus: Rozmlauwänj djtek Pr. 534. 8., 
O mrawjch djtek Pr. 537. 8. — Hynek Krabice von 
Weitmile verfasste: O rodu PP. z Weitmile a Krabic, 
Msc, derselbe oder ein anderer in seinem Auftrag, über- 
setzte eine Diätetik ins B. Pr. 536. fol. — Mich. Piecka 
Smrzicky, verfasste einen launigen Roman: Akcj a ro- 
zepre mezi filosofem, w lekarstwj doct. a oratorem aneb 
procuratorem Pr. 609. 8. — Niki. Sud von Semanin, 
ein berühmter Astronom , gab 1520-57 Ephemeriden 
und Prognostiken heraus. — Kypr. Lwowitsky von Lwo- 
wic, schrieb ebenfalls Prognostiken. — Sim. Podolsky 
verfasste 1617: meräch zemskych Pr. 683. 4. — Ba- 
wor Rodowsky von Hustirany d. Ae. (gest. um 1572) 
und B. R. v. //. d. J. verfassten mehrere astron. Werke; 
letzterer übers, die Geschichte Alexanders und einiges 
aus Plutarch a. d. Gr., Aristoteles B. über die mensch- 



351 

liehen /fugenden a. d. Rroat. Msc. 1574., und hinter- 
liess: Reci starych filosoföw, eb. Msc. — Joh. Gewicky 
Gerny, Zäbrezer Bürger, übersetzte einiges über Che- 
mie u. Naturg. Olim. 556. - 559. 8. — Ge. Niki. Brnensky 
(Pr. 567.) und Ge. Görl von Gör Istein (Pr. 577.) ga- 
ben böhm. Lehrbücher der Arithmetik heraus u. s. w. 
Noch wurden das Gebiet der Religion, der Moral 
und der Theologie, ausser mehreren andern, von fol- 
genden Schriftstellern literarisch bearbeitet, deren Na- 
men und Schriften man grösstenteils in dem Index li- 
bror. bohem. probib. verzeichnet findet: Laur. Andrea, 
Joh. Aupicky, Benes Baworinsky, Thom. Baworoivsky, 
Joh. u. Wenc. Benesowsky, Bohusl. Bepta, Joh. Boleslaw- 
sky, Clem. Bosdk, Matth. Brodsky, Joh. Burda, Joh. 
Bydzowsky, Joh. Cadaverosus Kaurjmsky, Sixt Candidas 
Kutnohorsky, Joh. u. Mart. Carchesius, Wenc. Carion, 
Joh. Caupilius Teynecky, Georg Chobotides, Joh. Chodo- 
lius, Tob. Cichoreus, Ad. Clemens Plzensky, Wenc. Cle- 
mens Zatecky, Math. Cultrarius, Niki. Cjsek, Georg Jak. 
Dacicky, Jer. Denhart, Wenc. Fahr icius, Franz Fir link, 
Joh. Flaxius, Jak. Halecius, Paul Lucinus Heliconiades, 
Joh. Herink Nymbursky, Joh. Hertwicius, Joh. Her y- 
tes, Math. Holecky, Steph. Holomaucansky, Christoph 
Joh. Hranicky, Wenc. Hussonius, Elias Jakobi Chru- 
djmsky, Math. Janda Cechticky, Thom. v. Jaworic, Th. 
Jaworowsky, Barth. Jaworsky, Mart. Fristach Kawka, 
Mart. u. Bohusl. Klatowsky, Alb. Georg Klusak, Wenc, 
Knobelius Caslawsky, Paul Korka, Andr. Kracowsky, 
Joh. Krtsky, Jak. Kunwaldsky, Joh. Laetus, Joh. Sixt 
von Lerchenfeld, Joh. Locika Domazlicky, Dan. Loebryn, 
Civilius Lomnicky, Mich. Longolius, Melichar Luzsky> 
Paul Lykaon Koslelecky, Georg Maly genannt Swoboda, 
Wenc. Martinides Turnowsky, Vict. Ad. Martinsky, Joh. 
Jac. u. Joh. Matheolus Sedlcansky, Wenc. u. Paul u. Joh. 
Ge. Mathiades, Mart. Michalec, Math. Miljnsky, Joh. 
u. Bart. Netolicky, Paul Nonnius Eefmanomestecky, Joh. 
Pacheus Budjnsky, Matth. Pacuda Dokromilicky, Hier. 
Palingenius Horsky, Matth. Philomathes, Math. Plzen- 
sky, Math. Policansky, Andr. Politsky, Joh. Rdcek von 
Choterin, Wenc. Rakownjcky, Joh. Regius Zelkowsky, 



352 

Ge. Rybdk Strakonicky, Georg Sequenides Choteborsky, 
Paul Slowacius, Joh. u. Jak. Sobeslawsky, Wenc. Math. 
Solnicky, Ge. Stephanides Chrudjmsky, Jak. Stephanides 
Pribislawsky, Joh. Stephanides Weselsky, Sim. Stepha- 
nides Hnsinsky, Adam Heinr. v. Strachowic, Niki. Sti- 
pacins Strakowsky, Math. u. Hier. Strjbrsky y Joh. Sudli- 
cins, Ge. Taciturnns Hdgsky, Wenc. Textorius Dworsky, 
Wenc. Steph. Theismen, Joh. Kyr. Tfebicky, Dan, Tosan, 
Marl. Tribalius Holicky , Sigm. Tribncelius , Trojan 
Hermanomestecky , Wenc. Turnowsky, Jes. Camillus 
Wodnansky, Joh. Wales, Hawel Barth, v. Warwazow, 
Christ, v. Wlcetjn, Jak. Woljnsky,Joh. Zahumensky, 
Tob. Zaworka hipensky, Hawel Zelezny, sonst Lsti- 
borsky, Dar. Hawel Zluticky u. a. m. 

§. 42. 

Dritter Periode erste Abtheilung. Von der Schlacht am 
weissen Berge bis auf K. Joseph II. J. 1620 - 1780. 

Mit der Schlacht am weissen Berge hörte Böhmens 
glänzende Periode auf. — Mathias Hess seinen Neffen, 
Erzh. Ferdinand von Oesterreich, auf einem Reichstage 

1617 zum König von Böhmen krönen. Ferdinands be- 
kannte Abneigung gegen die Protestanten ermuthigte 
die Katholiken zu neuen Versuchen gegen die erstem. 
Schon bei Mathias Lebzeiten erschienen mehrere Ver- 
ordnungen, die den nichtkatholischen Böhmen Besorg- 
nisse einilössten. So beschuldigten letztere die 1617 ver- 
schärfte und der Kanzlei anheimgestellte Censur der Par- 
teilichkeit, und fanden sich in den durch den Majestäts- 
brief dem Consistorium und den Defensoren zugestande- 
nen Rechten beeinträchtigt. Als endlich der Abt von 
Braunau seinen protestantischen Unterthanen die Fort- 
setzung eines Kirchenbaus untersagte, der Erzb. v. Prag 
in Klostergraben das Gotteshaus niederreissen Hess, und 
die protestantischen Stände sich vergebens darum beim 
K. Mathias beschwerten: da brachen die Leidenschaften 

1618 in offenen Kampf aus. In dem Krieg der akatho- 
lischen Böhmen gegen ihren Landesherrn hatten erstere 
das traurige Glück, anfänglich Sieger zu seyn. Desswe- 



353 

gen wollten sie, als Mathias mitten in diesen Unruhen 
starb, (1619), den Erzh. Ferdinand nicht mehr zu sei- 
nem Nachfolger, sondern wählten Friedrich V. Kurfür- 
sten von der Pfalz zu ihrem Könige. Aber die Nieder- 
lage bei Prag 1620 entschied ihr Schicksal unwiderruf- 
lich. Acht und vierzig Häupter der Empörung wurden 
eingezogen, 27 öffentlich hingerichtet, für 53 Mill. Tha- 
ler protestantisches Eigenthum confiscirt. Alle Religions- 
übung der Protestanten in Böhmen und Mähren musste 
aufhören, und das Volk wurde zum römischen Cultus 
zurückgeführt. Die Prediger und Lehrer wurden aus 
dem Lande gejagt; 30,000 Familien wanderten mit ih- 
nen aus, darunter allein 185 alte Geschlechter der Ba- 
ronen und Ritter. Brandenburg und Sachsen, auch die 
Schweiz, Holland und Siebenbürgen, erfreuten sich der 
Blüthe von Böhmens Gelehrten, Künstlern, seiner ge- 
schicktesten und arbeitsamsten Handwerker und Ackers- 
leute 1 ), Ferdinand vernichtete den Majestätsbrief, und 
führte unter den Ständen den geistlichen wiederum als 
den ersten ein. Die 1619 verjagten Jesuiten kehrten 
1620 triumphirend nach Prag zurück, und übernahmen 
die Universität. Ferdinand III. (1637 - 57) suchte die 
Wunden des Landes zu heilen, und die Liebe der Böh- 
men zu gewinnen. Er nahm den Jesuiten die Universi- 
tät, die von nun au die Karl - Ferdinandische heisst, 
und stiftete mehrere Gymnasien. Aber erst unter sei- 
nem Nachfolger, Leopold I. (1657 - 706), konnte sich 
das verödete Land merklich erholen. Gleichwol wurde 
diese ersehnte Ruhe durch die Drangsale des Krieges 
in den J. 1740-1763 wieder empfindlich gestört. 

Nach dem J. 1620 änderte sich der Zustand der 
böhmischen Literatur; das blühende Feld des Sprach- 
anbaues wurde auf einmal in einen Schutthaufen ver- 
wandelt. Alle seit 1414-1630 herausgegebenen böhmi- 
schen Bücher wurden der Ketzerei verdächtig, ihre Le- 
ser und Verfasser vertrieben, und in der öden Zeit des 
30jährigen Kriegs keine neuen geschrieben. Einige über- 
spannte Eiferer unter den Jesuiten vernichteten die Werke 

*) Dobrowskys wahres, gerechtes, christliches Urtheil hierüber ist 
in Magazin I. 77—78. nachzulesen. 

23 



354 

der vorigen Jahrhunderte zu Tausenden durch Flammen. 
Diess ist die Ursache, dass man sie jetzt kaum dem Na- 
men nach kennt 2 }. An eine Fortbildung der Sprache 
ist in dieser traurigen Periode gar nicht zu denken; nur 
in Grammatiken und Wörterbüchern (Drachowsky, 
Rosa, Wussin) und in einigen wenigen Geschichtsbü- 
chern (Pesina, Beckowsky, Kofjnek) pflanzte sich die 
geregeltere Schriftsprache, diese mühsam errungene Frucht 
zweier Jahrhunderte , gleichsam im Stillen fort. Die 
teutsche Sprache wurde in allen öffentlichen, bürgerli- 
chen und gerichtlichen Verhandlungen aufs neue einge- 
führt, und die böhmische abgeschafft; die nach der Aus- 
wanderung der Nichtkatholischen verödeten Kreise wur- 
den mit teutschen Ankömmlingen bevölkert. Die Lan- 
desmundart sank zu einer Bauersprache herab, und ward 
kaum als solche geduldet. Diess alles hatte zur Folge, 
dass schon in den J. 1729 — 49 die Böhmen beinahe 
aufhörten , böhmisch zu sprechen , und Personen, die 
auf Bildung und Ehre Anspruch machten, sich ihrer böh- 
mischen Abkunft schämten, und solche sorgsam verbar- 
gen und verläugneten 3 ) ; dergleichen elende Zierben- 
gel es leider auch heutzutage noch, nicht nur in Böh- 
men, sondern auch in Mähren und in der Slowakei u. 
s. w. in Menge gibt. — Die ausserhalb des Landes le- 
benden, verwiesenen Protestanten, liessen von Zeit zu 



2 ) Komensky berichtet darüber in s. Historia o protiwenstwjch cjrkwe 
ö. (a. d. Lat. des J. Lasitius 648.) S. 325. „Gak zachäzeli s knihami, ne- 
poehybne" ze same powesti wsechnem giz wedomo gest. Na tisjee exemplaru 
biblj, a£ se o ginych knihach mlcj, od tech zlobohü zhlazeno. Obecnj sie 
byla pokuta na wsecky knihy oheü: säm toliko, eoz näm wedomo, Hrabe 
z Nächoda, prewraceny odpadlec, swe swate knihy, prwe aksamjtem, strj- 
brem, zlatem ozdobene (nebo we wsem nadherny a honosny byl), zlato a 
strjbro z nich sebraw, pH swe prjtomnosti do zächoda whäzeti rozkäzal. 
Ginj pH tora negednostagne se chowali. Nebo nekterj knihy Ewangeljküm 
pobrawse, doma ge tagne spälili,; ginj na rynk mesta w kosjch (gako we 
Fulneku) wynesti, ginj (gako w Zatci a w Trutnowe) furami z mesta za 
zdi wywezti, ginj k sibenici aneb ku stinadlüm (gako we Hradci) ge shro- 
mäzditi käzali, a hranici udelawse a ohen podloziwse pälili." Nach der 
barbarischen 21ten Regel des Index waren alle von 1414 bis 1635 in Böh- 
men geschriebene od. gedruckte Bücher für ketzerisch erklärt, und sollten 
desshalb vertilgt werden. Ja man ging so weit, dass man auch von katho- 
lischen Auetoren verfasste, sogar von den ehemaligen Erzbischöfen appro- 
birte od. auf kön. Befehl gedruckte Bücher (Dalimil, Hagek, Aeneas Syl- 
vius, Joh. Ferus Postille u. s. w.) in den Index versetzte. Vgl. Ungar 's 
allg. böhm. Bibl. in Dobrowskys Magazin ltes St. 786. S. 6 ff. 

•) J. Ruljk wenec poety ußenych Cechü Pr. 795. 8. S. 12. 



355 

Zeit einige Bücher religiösen und theologischen Inhalts 
in einer bessern, correctern Sprache drucken, u, schick- 
ten sie ins Land hinein; wogegen die Jesuiten und Ca- 
puziner nicht ermangelten , händereiche Widerlegungen, 
aber in einem barbarischen Bücherkauderwelsch, aufzu- 
stellen. In der ersten Hälfte des XVIII. Jahrh. wurde 
beinahe nichts m?hr, als enorme Folianten und Quar- 
tanten von Predigten, in böhmischer Sprache zum Druck 
befördert. Die Wissenschaften und der Geschmack wa- 
ren in Böhmen bis zur Barbarei herabgesunken. 4 ) 

Von den wenigen Schriftstellern dieses Jahrh. füh- 
ren wir an: Sim. Kapihorsky, schrieb die Gesch. des 
Sedlecer Klosters, Fr. 630. fol. — Ge. Konstanc, (gest. 
1673) Jesuit, arbeitete an einer Bibelübersetzung, schrieb 
eine Sprachlehre: Lima 1. boh., eigentlich nur für Böh- 
men, in lat. und böhm. Sprache, Pr. 667. 8. u. s. w. 
- Matth. Steyer aus Prag (geb. 1630, gest. 1692), 
Jesuit, arbeitete nach G. Konstancens Tod an der ka- 
tholischen Bibel (wovon das N. T. 1677 erschienen ist), 
verfasste eine brauchbare Anleitung zur böhm. Orthogra- 
phie: Wyborne dobry zpüsob po cesku psäti, Pr. 668. 12. 
730. 781. u. oft. — Ge. Plachy (gest. 1659) zeichnete 
sich durch glänzende Kanzelberedsamkeit aus. — Paul 
Stransky (gest. 1657), ein protestantischer Böhme, zu- 
erst Senator und Notar in Leitmeritz, 1626 Jandesver- 
wiesen, zuletzt Professor in Thorn, schrieb eine ge- 
schmackvolle Geschichte Böhmens, zur Zeit und in Form 
der Elzevirschen Republiken: De rep. Bojema, Lugd. 
Bat. 643., übers., berichtigt und ergänzt von J. Cornova, 
Pr. 792 -803. 7 Bde. 8. - Bohusl. Aloys. Baibin aus Kö- 
niggrätz (geb. 1621, gest. 1688), Jesuit, Prof. der Rhe- 
torik und Präfect der Schulen und Congregationen der 
h. Jungfrau, schrieb mehrere, für die böhm. politische 
und literarische Geschichte sehr wichtige Werke: Epi- 
tome rer. boh., Pr. 677. 2 Bde. fol., Miscellanea bist, 
r. Boh., Pr. 680 — 88. 2 Bde fol., Bohemia docta, opus 
posth. ed. R. Ungar., Pr. 777—80. 3 Bde. 8., s. Disserta- 
tio apoiogetica pro 1. slavonica, praecipue bohemica, 
von Fr. M. Pelzel, Pr. 775. 8., herausgegeben, erregte, 

*) Darüber ist Prochäzka's Comment. S. 380 - 402 nachzulesen. 

23* 



356 

grosses Aufsehen. — Joh. Barner (gest. 1708) übers. 
einiges über die Landwirtschaft aus dein Teutschen 706. 

— Felix Kadlinsky, (gest. 1675), gab mehrere Bücher, 
meist in Versen geschrieben, heraus, worunter der „Zdoro- 
slawjcek" am bekanntesten ist. — Tliom. Joh. Fesina von 
Öechorod aus Pocatky (geb. 1629, gest. 1680), studirte 
in Neuhaus und Prag, trat in den geistlichen Stand, war 
1670 Domdechant in Prag, zuletzt 1675 Bischof von 
Semendrien, widmete sich ausschliesslich dem Studium 
der Geschichte , um ein allumfassendes, geogr. - bist. 
Werk über Mähren zu Stande zu bringen, wozu er den 
Vorläufer : Predchüdce Morawopisu , Litomyschl 663. 
8., in böhm. Sprache herausgab ; unter seinen lat. Schrif- 
ten ist s. Mars Moravicus, Pr. ß77. fol., die wichtigste. 

— Joh. Korjnek gab : Stare paineti Kutnohorske 675. 8., ein 
wegen der Terminologie des Bergbaues sehr schätzbares 
Werk, heraus. — Joh. Drachowsky (gest. 1644), Jesuit, 
verfasste eine gedrängte böhm. Sprachlehre, herausg. 
von Steyer: Gramm, b., Olim. 660. 12. — Werte, Joh. 
Rosa (gest. 1689), Appellationsrath in Prag, schrieb 
eine böhmische Grammatik : Cechorecnost , Pr. 672., 
übers. Virgils Eklogen in Hexametern, hinterliess ein 
böhmisches Wörterbuch in Msc. u. m. a. — Joh. Florian 
Hammer Schmidt (gest. 1737), Domherr zu Wysehrad u. 
Bunzlau, ein namhafter Historiker seiner Zeit, schrieb 
die Geschichte einzelner Städte, Kirchen und Klöster. — 
Joh, Franz Beckowsky (gest. 1725), Kreuzritter vom ro- 
tlien Sterne und des Hospitals bei St. Agnes in der Neo- 
Stadt Prag Administrator, gab 8 Bücher heraus, worun- 
ter s. Poselkyne starych prjbehu ceskych (reicht bis 1526), 
Pr. 700., das wichtigste ist. — Ge. Libertjn zeichnete 
sich durch Kanzelberedsamkeit aus. — Wenc. Kleych, 
liess zahlreiche , eigene und fremde Erbauungsbücher 
für Protestanten in Zittau drucken. — Bonaventura 
FMer aus Ilohenbruck (geb. 1708, gest. 1764), Abt 
des Benedictiner Stiftes Baygern in Mähren, ein ileissi- 
ger Geschichtsforscher, arbeitete an einem Corpus scri- 
ptormn boh., Msc. — Ant. Komas (gest. 1760), Jesuit 
und Missionär, verpflanzte seinen Namen nicht als böh- 
mischer Literaturfreund, sondern als der berüchtigteste 






357 

Bücherstürmer, die es je gegeben (sein Biograph berich- 
tet, dass er sich selbst zu rühmen pflegte, eigenhändig 
über 60,000 Bände böhm. Bücher vertilgt zu haben), und 
als Vf. des Index librorum prohibit. (der zum ersten- 
mal 729., und wieder 749. 8. in Königgrätz, endlich der 
böhm. Theil allein Pr. 767 gedruckt worden), auf die 
Nachwelt. — Wenc. Jos. Wesely, beeideter Landmüller 
und Geometra in der Altstadt Prag, schrieb: Pocätek 
mathem. umenj (eine praktische Geometrie), Pr. 734. 8., 
in einer sehr verderbten und gemischten Sprache. — 
Chrys. Täborshy aus Sokelnic (geb. 1696, gest. 1748), 
Prämonstratenser zu Hradischt in Mähren, Pfarrer zu 
Khinitz, genoss den Ruf ausgezeichneter Kanzelbered- 
samkeit. — Joh. Gottl. Eisner aus Wengrow in Podla- 
chien (geb. 1717, gest. 1782), Prediger der böhm. re- 
formirten Gemeinde zu Berlin, Hess dort mehrere ei- 
gene und fremde Werke in böhm. Sprache drucken : 
Mleko prawdy bozj 748. 12., Konfessj ceskä (Glaubens- 
bek. d. Brüder v. 1535) 748. 8., Katechismus 748. 8., 
N. Zäkon 753. 8., Kancionäl bratrsky 754. 12., Comenii 
prax. piet. 754. 12. u. s. w. — Joh. Groh aus Waldic 
(geb. 1730, gest. 1786), Jesuit, verfasste: Weliky zi- 
wot P. J. Krista. Pr. 779. 4. (1056 S.), Modlitby a pjsne, 
Pr. 780. 12. - 

Die übrigen , ohnehin unerheblichen Schriftsteller 
dieses Zeitraumes, müssen wir der Kürze wegen über- 
gehen. 

§. 43. 

Dritter Periode zweite Abtheilung. Von K. Joseph II. 
bis auf unsere Zeiten. J. 1782 ff. 

Nach langer Ohnmacht erwachte der unterdrückte, 
aber nicht erloschene Nationalgeist der Böhmen, und mit 
ihm die Liebe zu der Muttersprache und der Eifer für 
ihren Anbau. Des Generalfeldmarschalls, Franz Grafen 
Kinsky, der 1774 ein Werk über die Noth wendigkeit 
und die Vortheile der Kenntniss der böhmischen Sprache 
drucken Hess, edle Stimme, und des Jesuiten Baibin 



35b 

nachgelassene, von Pelze] 1775 herausgegebene Schutz- 
schnft für die böhmische Landessprache, wirkten elek- 
trisch auf den bessern Tlieil der Nation, und wurden 
unglaublich wichtig durch ihre Folgen. Im J. 1775 fing 
die Regirung an, auf die Landessprache Rücksicht zu 
nehmen, indem sie wol einsah, dass man einer Spra- 
che, die beinahe von 6 Mill. ihrer getreuesten u. fleis- 
sigsten Unterthanen (in Böhmen, Mähren und der Slo- 
wakei) geredet wird, ihr natürliches Recht nicht neh- 
men könne, ohne gewaltthätig und ungerecht zu seyn-, 
an dem Theresianum in Wien, an der Ingenieur - Aka- 
demie zu Wienerisch-Ncustadt und an der Wiener Uni- 
versität wurden Lehrer der böhmischen Sprache ange- 
stellt, und die k. Prager Normalschule Hess eine Menge 
Schul- und Unterrichtsbücher drucken. Josephs II. mil- 
des, umsichtiges und durchgreifendes Walten schuf auch 
das bis dahin vielfach und hart geprüfte Böhmen neuer- 
dings zu einer Heimath der Industrie und des Wolstau- 
des, und zu einem Sitz der Musen um. Erleichterung 
der Lasten des Volks, Begünstigung des Ackerbaues, 
Belebung des Kunstfleisses, Beförderung der Volksbil- 
dung durch Stiftung mehrerer tausend Schulen, Vermeh- 
rung der Dorfpfarrer und Aufhebung der Klöster (1781), 
Abschaffung des Ferdinandischen Religionsedicts u. Wie- 
deraufnahme der Nichtkatholischen (1781), Einführung 
einer gemässigtem, vernünftigem Censur (1782), und 
andere weise Anstalten dieses grossen Monarchen wirk- 
ten belebend auf die Nationalkraft der Böhmen, und 
führten — wenigstens indirect — eine neue Epoche der 
böhmischen Nationalliteratur herbei. Denn unmöglich 
konnte bei dem nunmehr freigegebenen Anbau der Wis- 
senschaften und dem erweiterten geistigen Verkehr die 
Landessprache nicht ein Gegenstand des Studiums der 
vaterländischen Gelehrten werden. Eine grosse Zahl 
namhafter Schriftsteller trat beinahe zu gleicher Zeit 
auf dem verwilderten Brachfelde sowol mit Originalwer- 
ken, als mit Uebersetzungen auf. Auch die Ueberreste 
der Alten wurden jetzt fleissig hervorgesucht und her- 
ausgegeben. Die 33jährige Regirung unseres allergnä- 
digsten Landesvaters und glorreichst regirenden Kaisers 



359 

Franz L, verbreitete auch über Böhmen die Seegnun- 
gen des, nach vielen blutigen Kämpfen siegreich errun- 
genen Friedens, und das Licht der fortschreitenden Cul- 
tur. Der böhmischen Sprache und Literatur ging ein 
neuer Glückstern , der Vorbote besserer Zukunft, auf. 
Während dieses Zeitabschnitts wurde 1793 an der Pra- 
ger Universität die Lehrkanzel der böhmischen Sprache 
und Literatur errichtet, 1803 in Pressburg ein Institut 
der böhmisch-slowakischen Literatur gestiftet, die böh- 
mische Muse 1786 - 1806, und nach einer kurzen Ver- 
bannung 1812 auf das ständische Prager Theater einge- 
führt , durch wiederholte Regirungsdecrete (23. Aug. 
1816, 20. Dec. 1816) der Vortrag der böhmischen Spra- 
che und Literatur auf allen höhern Landesschulen anbe- 
fohlen, und die Kenntniss des Böhmischen bei öffentli- 
chen Anstellungen im Lande zur Bedingung gemacht 
(13. Febr. 1818), auch durch politische und literari- 
sche Zeitschriften der Austausch der Gedanken und die 
Mittheilung gemeinnütziger Kenntnisse erleichtert, zuletzt 
1818 ein böhmisches Nationalmuseum in Prag gegrün- 
det. Bei den edlern Nationalen erwachte im Gefolge der 
glühendsten Vaterlandsliebe der lebendigste , thätigste 
Eifer für die Reinhaltung, Wiederbelebung und Fortbil- 
dung der Landessprache und ihrer Literatur. Das Fort- 
schreiten zu einem so grossen und hohen Ziele ist be- 
reits überall sichtbar. Die Lehrprosa gewann in diesem 
Zeitraum durch Erweiterung der wissenschaftlichen und 
technischen Terminologie , mit durchgängiger Berück- 
sichtigung des Sprachgebrauchs der altern vaterländischen 
Schriftsteller und der verwandten Mundarten-, der Poe- 
sie, die durch Vernachlässigung des Studiums der grie- 
chischen und römischen Classiker, und durch eine falsch- 
begründete Prosodie 1 ) beinahe zur Gemeinheit herab - 



l ) Die ältesten böhmischen Gedichte sind reimlos, gleichwol nicht 
ohne Harmonie und Numerus, der aber weder auf die Quantität im grie- 
chisch-römischen, noch auf den Ton im Dobrowskyschen Sinne, sondern 
auf den rhythmischen (dem Metrum, nicht den Worten an sich inwoh- 
nenden) Accent (Ictus) , mit Beobachtung regelmässiger Cäsur (Pause), 
und auf eine ebenmässige, mit den dargestellten Gedanken und Gefühlen 
analog laufende Gliederung der Verszeilen gegründet ist. Diese älteste böhm. 
Verskunst ging mit so mancher andern vaterländischen Sitte im Anfange 
des XIV. Jahrb. zu Grabe, und an ihre Stelle trat das damals allgemein 



360 

sank, scheint seil 1818 eine neue Epoche bevorzustehen; 
die KaiizelberedSamkeH wurde ebenfalls veredelt und 
ihrer erhabenen Bestimmung naher zugeführt. Die böh- 
mische Philologie, insbesondre die Grammatik und das 
Lexicon, erfreut sich einer besondern, sorgsamen und 
gluckliehen Fliege. 

Die Werke der immer zahlreichem und fruchtba- 
rem Schriftsteller dieses Zeitraumes nach Verdienst zu 
preisen, bleibt der Zukunft anheimgestellt; der Zweck 
dieses Buchs aber fordert es, einige der vorzüglichsten 
namhaft zu machen. Wenc. Math. Kramer ins aus 
Klattau (geb. 1753, gest. 1808), Bürger in Prag, er- 
warb sich — nicht sowol durch überwiegende Geistes- 
gaben und ausgebreitete Gelehrsamkeit , als vielmehr 
durch einen rein patriotischen Sinn, kluge, auf das Pra- 
ctische und Reelle gerichtete literarische Betriebsamkeit 
und eine beispiellose, unermüdete Thätigkeit — in den 
neuem Zeiten um die Wiederbelebung der böhmischen 
Literatur das grösste Verdienst, — er war der Welesla- 



belicbte Reimen. Der 8sylbige gereimte Vers herrschte nun 300 Jahre lang 
ausschliesslich auf dem böhmischen Helikon. Die Prosodie gewann dadurch 
wider an Kraft, noch an Harmonie und Kunst, und die Gedichte selbst 
blieben unendlich weit hinter den altern zurück. Nudozerjn regelte zuerst 
1603 (nach einigen vorangegangenen unerheblichen Versuchen) die böhm. 
Prosodie im Geiste der slaw. Sprache nach dem griechisch-römischen Fun- 
d&mentalgesetz der Quantität, und fand an Komensky, Rosa u. a. m. ge- 
schickte Nachfolger; allein mit dem Verfall der Literatur seit 1620 gerieth 
auch diese Prosodie in Vergessenheit. Bei der Wiederbelebung der böhmi- 
BChen Literatur schlug Hr. Dobrowsky (obwol er selbst nie einen Vers ge- 
macht hat.) den Böhmen, wie früher Lomonosow den Russen, das germa- 
nische Tonprincip, als Grundlage der Quantität, zur Annahme vor, und 
Ibsl an Bolchen, die sich von der Wahrheit dieses Systems nie über- 
haben, willige Nachfolger. Allein hei der Aufstellung dieser Proso- 
jjje nach dem germanischen Accent wurde der Genius der slaw. Sprache, 
die unbetonte Längen (die hier kurz), so wie betonte Kürzen (die hier 
gebraucht werden) hat, gänzlich übersehen. Daher ist in den letzten 
Jahren, wenigstens hei classisenen Versarten, die einzig auf die Zeitdauer 
Ihen oder die natürliche Dehnung und Schürfung der Vocale gegrün- 
: lantitirende Prosodie mit Recht an die Stelle der accentuirenden ge- 
treten. In den gereimten Gedichten richten sich jedoch die meisten böh- 
5J16C hen Dichter noch immer nach dem Dobrowskvschon Gesetz des Tons. 
Yd. Pocatkowe* ceskeho basnietwj obzlaStö prosodie, Pressb. 818. 8., Seb. 
eho zlomky .» eeskem basnjctwj, Pr. 820. 8., ./■ Jungmarma Slo- 
• aneb zbjrka pi-jkladü. Pr. 820. 8. 8. XXVI. ff. J. 8w. Presla Krok 
icnj 1 Bd. 2 8t 8. 1 - 32: Wymesky z prosodiky a metrikv 
I •'• Junrnnanna, u. S. 141 — 163., und über den Reim, ausser 
einigen andern, altern und neuern, vorzüglich A. Pnchmcnier rymu, in 
•''• N 5e Bdchen, Pr. 814. 8. S. 3 - 34.. Eb. Rymownjk, Pr, 

. \ Sedlacek). 



361 

wjn neuerer Zeiten; — man hat von ihm, ausser der 
böhmischen Zeitung, die er 23, (1785-808), und aus- 
ser dem Toleranz-Kalender, den er 10 Jahre lang (1788- 
98) herausgab, über 50 kleinere und grössere, sowol 
seine eigene, als auch fremde, unter seinem Namen und 
mit seinen Verbesserungen erschienene Schriften, die 
sich alle durch eine klare, fliessende u. correcte Schreib- 
art auszeichnen: Patentnj rucnj knjzka Pr. 783. 2 Bde. 
8., Kniha Josefowa 784. u. oft., Postila 785., Zpewowe 
788., Laudonüw ziwot 789., Letopisowe Trojanstj 790. 
812., Ezopowy bäsne 791., Zrcadlo prjkladü 794., Arab- 
ske pohädky 795., Zrcadlo posetilosti 795., J. Mandiwilly 
cesta 796. 812., Wecernj shromäzdenj Dobrowicke obce 
801., Dobrä rada w potrebe 803., Wypsänj Mogolskeho 
cjsarstwj 803., Wypsänj Ameriky 803., Ceske Amazonky 
803., Wypsänj Egypta 804. 816. 4., Pfjtel lidu 804., 
Cesta do Arabie 804., Zrcadlo slechetnosti 806. 817., 
Ziwot Cyra (Auszug aus Xenophons Cyropädie v. Gin- 
terod) 807., Rozlicne prjhody 808., MJadsj Robinson 
808., mehrere Lust- und Schauspiele u. s. w. — Franz 
Faustin Prochäzka aus Pakau (geb. 1749, gest. 1809), 
Priester des Paulaner Ordens zu Wranau in Mähren, 
zuletzt (seit 1807) k. k. Bibliothekar und Director der 
gesammten Gymnasien in Böhmen, hat zu seiner Zeit 
auf die Wiederbelebung der cechischen Literatur kräf- 
tig und wolthätig eingewirkt; man hat von ihm: De 
secul. über, artium in Boh. et Mor. fatis commentarius, 
Pr. ^82. 8., Miscellen d. böhm. u. mähr. Liter., Pr. 784- 
85. 3 Bde. 8., Knjzka Sw: Augustina: samotne rozmlau- 
wänj, Pr. 786., Teh. rukowet, Pr. 786., Erasma Roter, 
kniha, Pr. 786., Epistoly Sw. Ignatia, Pr. 786., Sw. 
Augustina zrcadlo hfjsneho cloweka a o marnosti zdeg- 
sjho ziwota, Pr. 786. 8., Wytah z regimentu zdrawj od 
H. Ranzowia, Pr. 786. 8., Prjkladne reci z knih hlubo- 
kych mudreü, P. 786. Wytah z kroniky Moskewske, 
Pr. 786. 8., Kronika Boleslawskä, Pr. 786. 8., Kronika 
ceskä Pr. Pulkawy 786., ix, a. m.; sein Hauptwerk ist 
die neue Uebersetzung der Bibel für Katholiken aus der 
Vulgata mit einem Commentar: Biblj ceskä, Pr. 804. 
2 Bde. 8., das N. T. auch schon früher 1786. .8. - Alex. 



Wmc. Parjzek aus Prag (geb. 1748, gest. 1823), Dire- 
etor der Jlauptmustcrschulc, infulirter Ehrendomherr u. 
Consistorialratn zu Leitmeritz, bischöfl. Notar, Mitgl. 
der oberlaus. gel. Gesell, zu Görlitz u. s. w., einer der 
tüchtigsten und würdigsten Schulmänner Böhmens, gab, 
ausser mehreren teutschen, folgende böhmische Werke 
heraus: Nabozenstwj nedospelych, Pr. 780., Wyklad na 
Ewang., Pr. 788 — 89. 3 Bde., Villaumowa rucnj kniha 
pro ucitele 791., prawem zpüsobu ewicenj mlädeze 
wc skolach ceskych 797., Hermanowo wzjwänj Boha 
811., Prawidla ceske dobropjsebnosti 812., Biblische Dar- 
stellung der gegenwärtigen Zeitereignisse, teutsch und 
bühm. 814. 8. — Fort Durich aus Turnau (geb. 1735, 
gest. 1802), Priester des Paulaner Ordens, arbeitete ge- 
meinschaftlich mit Prochäzka an der neuen Ausg. der 
kathol. Bibel von 1777 — 80., gab Bibliotheca slavica, 
()f. 795. 8. lr Bd. (die übrigen Bände blieben Msc), und 
schon frühen Dissert. de slavoboh. S. Cod. vers., Pr. 
777« 8. u. m. a. heraus. — Jos. Dobrowshy aus Jarmut 
unweit Raab in Ungern, wo sich seine aus Böhmen 
stammenden Eltern niedergelassen haben (geb. 1753), 
Abbe, gewesener Rektor des k. k. Generalseminariums 
zu Hradischt in Mähren, Mitgl. der böhm. Gesells. der 
Wiss. zu Prag, der kön. Ges. d. Freunde der Wiss. in 
Warschau, der Univ. in Charkow, der kön. Akad. in 
Berlin, der slowak. Ges. in Ungern n. s. w., wegen seiner 
unsterblichen Verdienste um die slaw. Gesammtsprache 
mit dem Beinamen des Patriarchen der slaw. Literatur 
beehrt; von seinen, in der slaw. Philologie, Geschichte 
und Kritik Epoche machenden Schriften führen wir an: 
Script, rer. boh. (mit Pelzel), Pr. 784. 2 Bde. 8., Böhm. 
u. mähr. Literatur, Pr. 779—84. 3 Bde. 8., Lit. Magazin 
v. Böhm. u. Bahr., Pr. 786 — 87. 3 Hefte 8., Lit. Nachrich- 
ten von einer Reise nach Schweden u. Russl., Pr. 796. 8., 
Gesch. d. böhm. Sprache u. Literatur, Pr. 792. 2. N. Aufl. 
818. 8. (diese letztere reicht nur bis 1526), Slawin, Pr. 
808. 8., Slowanka, Pr. 814-15. 2 Bde 8., Lehrgeb. d. 
böhm. Sprache, Pr. 809. 819. 8. böhm. v. Hanka 822. 8., 
Etymologicon, Pr. 813. 8., Teutsch-böhm. VV. B., Pr. 802- 
-1. ^ Bde. 4. (mit Zuziehung anderer Mitarbeiter), In- 



363 

stit.l. slav., Wien 822. 8., Kyrill ti. Method, Pr. 823. 8. 5 
ferner eine grosse Anzahl theils einzeln, theils in ver- 
schiedenen Denk- und Zeitschriften gedruckter, für die 
böhmisch-slaw. Geschichte u. Sprachwissenschaft höchst 
wichtiger Abhandlungen , Vorreden , Nachrichten und 
Recensionen, deren vollständige Sammlung wünschens- 
werth ist; in böhm. Sprache gab er heraus: Zbjrka 
c. prjslowj, Pr. 804. 8., Rada zwjrat, Pr. 814. 8. u. m. a. 
— Franz Pelzel aus Rychnow (geb. 1734, gest. 1801), 
Prof. d. böhm. Liter, in Prag u. Mitgl. mehr. gel. Ges., 
schrieb zwar meist in teutscher, doch einiges 'auch in 
böhm. Sprache: Gesch. von Böhm., Pr. 774. 779. 782. 

817. 2 Bde. 8., Abbild, böhm. u. mähr. Gel. u. Künstler, 
3r iL 4r Th. (die 2 erstem von Voigt und Born), Pr, 
777-78. 8., Grundsätze d. böhm. Gramm. 795. 798. 8., 
Nowä kronika ceskä, Pr. 791—96. 3 Bde. 8. (reicht bis 
1378., der 4te Bd. bis 1429 blieb Msc), Prjhody W. 
Wratislawa, P. 777. 8., Gedichte u. s. w. — Ant: Puch- 
mayer aus Teyn an der Moldau (geb. 1769, gest. 1821), 
Pfarrer in Radnic, liess eine Sammlung eigener u. frem- 
der Gedichte: Nowe bäsne, Pr. 795-814. 5 Bde. 8. dru- 
cken, übers. Montesquieu's: Chräm Gnjdsky, v Pr. 804. .8., 
Gr. Sternbergs Abhandl. bylinärstwj w Cechäch, Pr. 

819, 8., verfasste: Prawopis rusko-cesky, Pr. 805. 8., 
Lehrgeb. der russ. Sprache , Pr. 820. 8., Rymownjk, 
herausg. v. A. Sedläcek, Pr. 824. 8. u. s. w. — Gottfr. 
Joh. Dlabac(geb. 1758, gest. 1820), Domherr des Prämon- 
stratenser Ordens, erster Bibliothekar im Stifte Strahow, der 
kön. Ges. d. Wiss.in Böhm. Mitgl., gew. Director, verfasste 
verschiedene Kirchengesänge, übers. Bacons Beschreib, der 
neuen Welt, Gessners Sündfluth 801., und gab eine Be- 
schreib, von Böhmen: Wypsänj ceskeho krälowstwj. Pr. 

818. 8. u. a. m. heraus. — Joli. Negedly aus Zebräk (geb. 
1776), k. k. Rath, Doct. der Rechte und Prof. der böhm. 
Liter, an der Univ. zu Prag-, von ihm hat man: Iliady 
zpew I., Pr. 802. 4., Smrt Abelowa (a. Gessner), Pr. 
804. 12., Dafnis (a. Gessner), Pr. 806. 12., Numa Pom- 
pilius (a. Florian), Pr. 808. 12., Hlasatei cesky, eine 
Zeitschrift 1806-10. 12. Hefte., Youngowo kwjlenj, Pr. 

820. 8., Böhm. Gramm., P, 805, 809. 821, 8., mehrere 



364 

Abhandlungen, Gedichte u. s. w. — Jos. Jungmann aus 
Hudlic, Prof. am akad. Gymnasium in der Altstadt Prag, 
Obers. Chateaubriands Atala, Pr. 805. 12., . Miltons ver- 
lornes Paradies, Pr. 811. 2 Bde. 12., gab eine böhm. 
Chrestomathie: Slowesnost, Pr. 820. 8., eine Gesch. der 
böhm. Liter. Pr. 825. 8., mehrere einzelne Aufsätze, 
Abhandlungen und Gedichte in Hlasatel , Puchmayers 
Sammlung , Hromadkos Zeitschrift , Dobroslaw , Krok 
ii. s. w. heraus, und beabsichtigt die Herausgabe eines 
neuen vollständigen böhmischen Wörterbuchs. — Franz 
TomsO) Vorsteher der k. k. Normal-Buchdruckerei in 
Prag, gab in Druck heraus: Böhm. Sprach}., Pr. 782. 8,, 
Maly ccsko-nem. slownjk, Pr. 789. 8., Cecko-nem.-la- 
tinsky slownjk, Pr. 791. 8., Ueber die cech. Zeitwörter, 
Pr. 804., Ueber die Veränderungen der cech. Spr., Pr. 
805. 8., Grössere cech. Orthographie, Pr. 812. 8., Dobfe 
mjnene wolanj na sedlaky, Pr. 785., Mesjcny spis, Pr. 
787., Pomoc w potfebe, Pr. 791., Tobolka zlatä, Pr. 
791., Katechismus zdrawj 794., Nestastne prjhody k 
wystrazc mladcze 794., Knjzka mrawna pro djtky, Pr. 
810. 8. u.s. w. Jos. Rautenkranz aus Königgrätz(geb. 
1776, gest. 1818), Pfarrer in Sedlec, gab 11 Schrif- 
ten, meist religiösen Inhalts heraus, übers, einiges aus 
dorn Com. Nepos, und verfasste mehrere Gedichte, die 
in Hlasatel u. s. w. erschienen sind. — J. W. Zimmermann, 
Priester des Ordens vom rothen Sterne, k. k. Biblio- 
theksbeamte in Prag, ist. Vf. u. Herausg. folgender Schrif- 
ten: Pfjbehowe kralowstwj ceskeho za panowänj Ferdi- 
uaiida [., Pr. 820-21. 2 Bde. 8., Prjbehowe za Maximi- 
liaha eh.. Bohuslaw zLobkowic a z Masensteinu, Pr. 819. 8. 
.1. Jowiana Pontana o stateenosti wälecne, prlz. Reh. 
Hruby z Gelenj, Pr. 819. 8. — Jos. Liboslaw Ziegler 
aas Königgrätz (geb. 1782), Theol. Doct. u. Prof. in 
Königgrätz, Obers. Fenelons Telemach, Königgr. 814. 8., 
Ilawelkas Anleit. tur Forstbeamte eh., gab: Böhm. Bie- 
gungen, 2 \. Pr. 823., Modlitby 815., Milina Almanach 
auf (I. .1. 1825., Dobroslaw eine Zeitschrift 1820-22. 12 
Hefte 8., und m. a. heraus; redigirt gegenwärtig drei 
Zeitschriften: Hilozor 1823 (F., Prjtel mladcze u. Radi- 
i< I Wenc, tianka aus llorehovves (geb. 1791), Bi- 



365 

bliolhekar bei dem böliin. National-Museum, Mitgl. mehr, 
gel. Gesellschaften, entdeckte 1817 die nicht nur für 
Böhmen, sondern für alle Slawen ewig denkwürdige Kö- 
niginhofer Handschrift: Rukopis kralodworsky, Pr. 819. 
8., und gab ausserdem folg. Schriften heraus: Starobylä 
sklädanj, Pr. 817-23. 5 Bdchen 12., Krätkä bist. slow, 
närodü (nach Rühs), Pr. 818. 12., Igor Swatoslawic, 
Pr. 821. 8., Gessnerowy Idylly, Pr. 819. 8., Pjsne v , 2 A. 
Pr. 819. 2 Bdchen 12., Dobrowskeho mluwnice, Pr. 822. 
8., Prawopis cesky, 2 A. Pr. 821. 12., mehrere Gedichte 
und Abliandl. in verschiedenen Zeitschriften u. s. w. — 
Joh. Swatopluk Presl aus Prag (geb. 1791), Med. Doct. 
Prof. der Naturgesch. und Aufseher des Naturalienkabi- 
nets aii der Univers, zu Prag, gab in Verbindung mit 
dem Graf. Bedr. Wsemjr Berchtold ein vielumfassendes, 
gründliches Werk über die Botanik heraus: Rostlinär, 
lrTh. allgem. Pflanzenkunde, Pr. 819. 4., 3r. Th. beson- 
dere Pflanzenkunde, Pr. 821 ff v 28 Hfte. gr. 4. wird fort- 
gesetzt, der 2te Th. angewandte Pflanzenkunde, soll das 
Ganze beschliessen; ausserdem redigirt er seit 1821 diecn- 
cyklopädische Zeitschrift^ Rrok, bis 1825. 5 Hefte 8. — 
Adalb. Sedlacek aus Celäkowic (geb. 1785), Priester 
des Prämonstratenser Ordens, Doct. d. Phil. u. Prof. an 
der philosophischen Lehranstalt in Pilsen, gab: Pameti 
Plzenske, Pr. 821. 8., Zäkladowe merictwj cili geome- 
trie, Br. 822. 8., Zäkladowe prjrodnictwj aueb fysiky a 
mathematiky potazend, Pr. 825. 8., Puchmayers rymow- 
njk, Pr. 824. 8., mehrere Gedichte, Abliandl. u. Reden 
u. s. w. heraus. — Ant. Jungmann ausHudlic (geb. 1775), 
Med. Doct. u. Prof. an der Prager Univcrs , gab: Na- 
wedenj k babenj, Pr. 804. 8., konjch Pr. 818. 8., 
Konsky lekar, Königgr. 825. 8., mehrere Abb. in Krok 
u. s. w. heraus. - Ant. Mar eh aus Turnau (geb. 1 785), 
Pfarrer in Teyn, Mitgl. der slowak. Ges. in Ungern, 
verfasste mehrere Gedichte, die einzeln und in verschie- 
denen Zeitschriften erschienen sind, schrieb eine Logik: 
Logika anebo umnice, Pr. 820. 8., übers, mehrere Dra- 
men: Omylowe od Bolemjra Izborskeho (nach Shakes- 
pear), Pr. 823. 8. u. s. w T . — Ad. Neqedly aus Zebräk, 
Pfarrer in Mirosow, gab: Käzanj, Pr. 806-07. 4 Bde. 8., 



366 

Ladislaw, ein didakt Roman, Pr. 807. 8., Poslednj saud, 
Pr. B02. 12. (ein beschreib. Gedieht) u. m. a. heraus; 
verfasste mehrere erzählende Gedichte (Epopöien ?) : 
Karl. Wratislaw, Ottokar in XII. Ges., wovon einzelne 
BrachstQcke erschienen sind. — Karl Ign. Tham verfasste 
mehrere Sprachlicher: Böhm. Sprachlehre f. Teutsche, 
Pr. 798. 6 A. v. Ilanka 821. 8., Tcutscli-böhm. Natio- 
»allexkoa, Pr. 788. 799. 814. 2 Bde. 8., Böhmisch-teut- 
sches Nationallex., Pr. 805-807. 2 Bde. 8. (der 2te Bd. 
von Tontsa revidirt), Teutsch-böhm. und Böhm.-teut- 
sches Taschen-Wörterb., Pr. 814-18. 2 Bde. 12., Böhm. 
teutsche Gespräche, Pr. 785-814. 8., Obrana gazyka 
i-eskcho, Pr. 783. 8., übers, mehrere Dramen u. s. w. — 
Wenc. Tham, Schauspieler in Prag, gab: Basne w reci 
wazane, Pr. 785. 8., verschiedene Lust- und Schauspiele 
u. m. a. heraus. — Wenc. Stach, emeritirter Prof. der 
Theo!, in Olmütz, ist Vf. von 11 böhmischen, zum Theil 
übersetzten Werken: Kniha mrawu krestanskych, Pr. 
786. 8., Prjrucka ucitele lidu 787. 2 Bde. 8, Roykowa 
liistor. snemu Kostnickeho 785. 2 Bde. 8., Giftsice po- 
cätkowe pastoralnj theologie 789., Stary Wersowec 805., 
Pjsne ducliownj 791. u. s. w. — Joh. Ruljk, Prager Bür- 
ger, übers, u. verfasste mehrere Bücher, worunter: Slä- 
wa a wybornost gazyka c. 792., Cwicenj djtek 792., 
Ziwot Ludwjka XVI. 793., Katonowa naucenj, Pr. 794- 
95. 2 Bde., Wenec pocty 795. 8., Kalendär historicky, 
Pr. 797—806. 5 Bde., Siffnerowa gallerie osob zeme c., 
Pr. 803 ff. 5 Bde. 8., Ucena Cechie, Pr. 807-08. 3 Hfte., 
Wypsanj ziwotö patronü, kazanj ned. a swat. u. m. a. — 
Stanislaw Wydra aus Königgrätz (geb. 1741, gest. 1804), 
Domherr und Prof. der Math, in Prag, gab in Druck 
heraus: Kazanj, Pr. 799. 8., Arithmetika u. s. w. — 
Dominik Kinski) aus Schlan, Piarist, Prof. an der phi- 
losophischen Lehranstalt in Brunn, übers. Lessingowy 
bägky, Unum 816. 8., Gressetüw papausek eb., Hora- 
zens Oden (in Ilromadkos Zeitschrift) u. s. w. — Franz 
Joh. Sttoboda aus Prag (geb. 1778), Prof. am akad. Gy- 
isium in Prag, Vorsteher der Schule bei St. Stephan, 
rerfasste mehrere Gedichte u. Abhandlungen, übers, die 
MM Gesch. f. Kinder u. s. w. — Sebast. Hnewkowsky 



367 

aus Zebräk, Rathsherr eb., verfasste ein komisches Hel- 
dengedicht: DeVjn in XII. Ges., P. 805. 2 Bde. 12., 
gab eine Samml. vermischter Gedichte : Bäsne drobne, 
Pr. 820. 8., Zlomky o c. bäsnjctwj, Pr. 820. 8. u. m. a. 
heraus. — Milota Zdirad Poläk aus Zäsmuky (geb. 1788), 
k. k. Officier, ist Vf. mehrerer Gedichte, worunter sich 
ein grösseres, lyrisch-beschreibendes in VI. Ges. Wzne- 
senost prjrody, Pr. 819. 8. befindet, einer Reisebeschr. 

nach Italien: Cesta do Italie, P. 820. 8. u. m. a. 

Franz Turinsky aus Podebrady (geb. 1796], Actuar in 
Libochowic, verfasste ein Original-Trauerspiel: Angeljna 
Königgr. 821. 8., mehrere Gedichte u. s. w. — Franz 
Palacky aus Hoclawic in Mähren (geb. 1798), Archi- 
var beim Gr. Sternberg , verfasste mehrere Gedichte, 
einzeln und in verschiedenen Zeitschriften gedruckt, eine 
böhm. Aesthetik, wovon einige Bruchstücke in Krok er- 
schienen sind, mehrere histor. Abhandl. u. s. w. — Cle- 
mens Wenc. Klicpera aus Chlumec (geb. 1793), Prof. 
in Königgrätz, verfasste mehrere Original-Lust-Schau- 
und Trauerspiele, deren Samml. u. d. T. Diwadlo Klic- 
perowo, Königgr. 820 AP. 8. erscheint, und gab auf das 
J. 1825 einen dramatischen Almanach heraus. — Joh. 
Nepomuk Stepänek aus Chrudim (geb. 1783), Directeur 
des böhm. ständischen Theaters in Prag, der fruchtbar- 
ste böhmische Schauspieldichter neuerer Zeiten; s. Dra- 
men erscheinen gesammelt u. d. T. Diwadlo Stepänkowo, 
Pr. bis 1825. 10 Bde. 8. - Math. Sychra aus Wilden- 
schwert (Austj nad Orlicj), Pfarrer zu Imramow in Mäh- 
ren, gab : Käzanj, Brunn 814. 2 Bde. 8., Powjdatel eb. 
815. 3 Bde. 8., Kratochwilnjk, Pr. 821. 2 Bde. 8., Roz- 
mlauwänj a powjdky 822. 12., einige Dramen u. s. w. 
heraus. — Vinc. Zahradnjk aus Jungbunzlau (geb. 1790), 
bischöfl. Sacellan und Consistorialrath in Leitmeritz, übers. 
Niemeyers Grundsätze der Erziehung, verfasste eine sy- 
stematische böhm. Grammatik, ein böhm. Ritual, Briefe 
über die Führung des Seelsorgeramts u. m. a. — LadisL 
Gelakowsky gab: Smjsene bäsne, Pr. 822. 12., Slowanske 
närodnj pjsne, Pr. 822. 25. 2 B. 8.,Noworocenka Alm. a. d. 
J. 824., Dennice Alm. auf d. J. 825. (mit J. Chmela) u. m. 
a. heraus. — S. K. Machätfek übers. Göthes: Ifigenia w 



368 

Taurii, IV. 822. 8., mehrere Opern (Kodina Sweycarskä, 
Wodar, Don Juan n. s. \v.), veranstaltete eine bölim. Bei- 
spielsainml. Krasorecnjk, Pr. 823. 8. — J. Hybl gab: 
Popsanj zwjfat, Pr. 811. 8., Histor. cesk. diwadJa, Pr. 
818. 8., Slaroeeska zeine, Satyra, Pr. 817. 4., Hozma- 
iinosii bis 1821. IG Hefte, Hylos, eine Zeitscbr. 1820 ff. 
ii. a. m. heraus. - Fr. Alex. RoUos verfasste ein episebes 
Gedicht in Hexametern: Iwan, in V. Ges., Pr. 823. 8. — 
Franz Raymann, Decbant in Castolowic, verfasste meli- 
rere erzäblendc und besebreibende Gedicbte: Poslednj 
den a saad, in III. Ges., Pr. 816. 8., Josef Aegyptsky, 
in XII. Ges., Pr. 820. 8. - Tobias, in XII. Ges., Marj 
Magdalena u. s. w. —Franz Wetesnjk ans Gizerno Wtelno 
(geb. 1784). Pfarrer in Markwartic, übers. Marmontels 
Belisar, verfasste mebrere Gedickte u. s. w. 

Nocb sind als Scbriftsteller dieses Zeitraumes zu 
nennen: Laur. Amort Lebrer in Prag, J. Bohdanecky 
Domherr zu Wysebrad u. Decbant in Pocätky, Ant. Bo- 
rowy Scbullebrer, Ant. Cermäk Pfarrer in Hermann- 
stadt (Ilermanomestec), Jos. Wenc. Dietrich Domberr 
u. Prof. in Prag, J. Alex. Dmidr, Franz Fric Pfarrer, 
Jos. Gawürek Pfarrer, Jos Gallas k. k. pens. Oberarzt 
aus Weisskireben (Hranic, geb. 1756), Hynek Gostko 
von Sachsenthal, Vinc. Hafner Augustiner und Prof., 
Ign. Hägek a. Hradiscbt (geb. 1770), Prof. in Leitmeritz, 
Aloys. Hanke von J Jankenstein, Joh. Herzog, Casp. Me- 
li r ha r Ur Micha, Joh. Norh. Nep. Hromddko Prof. in 
Wien. Aegid. Chlddek Prämonstratenser Prof. in Prag, 
Jos. Chmela aus Trcbic (geb. 1793) Prof. in Königgrätz, 
./. Chmelensky, Jos. Janis Decbant in Hostiwary, Jos. 
Kauble ans Boskow (geb. 1785) Prof. in Leitmeritz, 
Karl Khun Pfarrer, Jos. Mirowjf Kral Kaplan in Gi- 
lemiiic, Wenc. Rodomü Kramerias, Jos. Kregcj Pred. 
in Prag, ////. Kuda, J. Linda Zeitungsredact. in Prag, 
Jos. Myslimjr Ladajk, J. G. Marek, Joh. Malegka, 
Joh. Medljn, Wenc. Melezjnek, Jos. Megstrjk, Thom. 
fauch, Front Mysliwedek, Philipp Nedele Tb. Doct. 
Prof. in Bronn. Franz Nowotny Pfarrer in Lustenic, 
Mich, Silorad Patröka Lebrer in Josefovv, Ant. n. W. 
Pawlowsky, Karl Pager aus Budju, G. Pefrmann Pre- 



369 

diger in Dresden, Joh. Werte. Pohl böhm. Sprachmei- 
ster in Wien (geb. 1720, gest. 1790), Karl Boriwog 
Presl, Magdalena Retjk Rathsfrau in Wildenschwert, 
W. Mich. Rokos Pfarrer in Prag, Jos. Rosefithaler Pfar- 
rer, Hynek Ruth Prof. in Prag, Jak. Joh. Ryba, Jos. 
Skalicky Pfarrer, Ant. Strnad Prof. an der Prager Univ. 
und Mitgl. der Gesell, der Wiss., Werte. Aloys. Swoboßa 
von Nawarow (geb. 1791) Prof. inNeuhaus, Karl Sä- 
dek Lehrer in Königgrätz, Prokop Sediwy, Ign. Schiess- 
ler (geb. 1782) Magistrats beamter in P v rag, Irnman. 
WM. Simko Prediger in Mähren, Franz Sjr aus ßudju 
(geb. 1796), /. E. Schmidt, Adalb. Sohag, Franz Bo- 
humjr Stepnicka aus Opatow in Mähren (geb. 1785), 
k. k. Actuar bei der Zolladministration in Prag, Franz 
Paulla de Swenda, Jos. Täborsky, Fr. B. Tomsa Zei- 
tungsredact. in Prag, F. D. Trnka, Sim. Truska Prä- 
monstratenser Prof. in Strahow, Norbert Wanek, Franz 
Wawdk Richter in Milcic, Mart. Wolf, Joh. Zabransky 
Pfarrer zu Sedlec in Mähren, Jos. Zlobicky Prof. in 
Wien, Anton. Zyma Buchdrucker in Prag u. m. a. 2 ) 

2 ) Quellen. Ausser den §. 6. Anm. 5. angeführten Schriften von 
Frisch, Adelung, Vater u. s. w. Effigies virorum eruditorum atque artifi- 
cuni Bohem. et Morav., lr und 2r Th. lat. von Voigt und Born, alle 4 
Theile teutsch von Pelzel, Prag 773—82. — Boh. Balbini Bohemia doeta, 
ed, a Raph. Ungar, Pr. 776. et a P. Canidio a S. Theresia, Pr. 777 — 80. 
3 Bde. 8. — Franz Prochäzka de secularibus liber. artium in Bohem. et 
Morav. fatis commentarius, Pr. 782. 8. Eb. Miscellaneen der v böhm. und 
mähr. Liter., Pr. 784 — 85. 3 Theile 8. — J. Rulßa ucenä Cechie, Pr. 
807 — 808. 3 Hefte. — Fr. Noivotneho z Luze bibliotheka ceskych Biblj, 
Pr. 810. 818. — /. Negedleho krätke obsazenj literatury ceske, in eb. böhm. 
Gramm., Pr. 805. 809. — J. Dobrowskys böhm. u. mähr. Liter., Pr. 779 — 
84., 3 Bde. 8., Eb. Literär. Magazin von Böhmen und Mähren, Pr. 786— 
87. 3 Hefte 8. Eb. Slawin, Pr. 808. 8., Slowanka, Pr. 814 — 15. 2 Bde. 8., 
Eb. Geschichte der böhm. Sprache und Literatur, Pr. 792. 8. (bis 1792), 
2 A. Pr. 818. 8. (bis 1526). - J. Jungmann hist. literat. ceske Pr. 825. 8. 



24 



Zweiter Abschnitt. 

Geschichte der Sprache und Literatur der Slowaken. 

§• 44. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Die Slowaken, diese ehrwürdigen Ueberrestc der kar- 
patischen und donauischen Urslawen, verdienen in mehr- 
facher Rücksicht eine nähere Betrachtung. Den Stamm- 
sitz der Slawen verlegen schon die Byzantier und nach 
ihnen Nestor nach dem Norden der Donau, welcher An- 
sicht auch Schlözer (Nestor IL 76. 77.) beistimmt. Auf 
den Ebenen, sagt Schlözer, zwischen der Donau und der 
Theiss bis an den Fuss der Karpaten hinauf weideten 
von jeher die Sarmatae limigantes, die Jazyges metana- 
stae. Dass diese Jazyges wirkliche Slawen gewesen, 
beweist sowol ihr Name, als auch andere historische 
Spuren. — Diese donauischen Urslawen, die Vorfahren 
der heutigen Slowaken, fingen schon unter dem Kais. 
Juslinian an, das byzantische Reich zu beunruhigen; sie 
verschwinden aber bald darauf aus der Geschichte, und 
kommen erst unter Swatopluk wieder zum Vorschein. 
Das grossmährische Reich erstreckte sich über die ganze 
heutige Slowakei. (Vgl. §. 35.) Swatopluk war 894 ge- 
storben, und seine Nachfolger Mojmjr, Swatopluk und 
Swatoboj hatten Mähren unter sich getheilt. In dem heu- 
tigen Ungern erstreckte sich deren Gebiet, nachdem 893 
Pannonien verloren gegangen war, nur noch bis an den 
Wag- und Granfluss, auch dauerte der Theilungsver- 
gleich zwischen diesen Nachfolgern Swatopluks nur ein 
Jahr, hernach veruneinigten sie sich, aufgehetzt durch 



371 



die Baiern. — Um diese Zeit waren die Wanderungen 
der trans-karpatischen Slawen nach Süden beendigt, und 
das heutige Ungern vielfach getheilt. Arnulph herrschte 
899 bis an die Donau; weiter unten hatten sich Kroa- 
ten, Serben und Dalmaten niedergelassen, und unter 
eigenen Fürsten abgesonderte Staaten gebildet. Zwischen 
der Donau, der Theiss und der Wag herrschte ein sla- 
wischer Fürst Salan, der zweierlei Unterthanen hatte: 
hoch oben in den gebirgigen Gegenden gegen den Kar- 
patus Slowaken, in den Ebenen aber Bulgaren 1 ). Am 
linken Ufer der Theiss bis an den Maroschfluss hinab 
herrschte ein sich auf den byzantinischen Schutz stü- 
tzender chazarischer, oder nach andern slawischer Fürst 
Marot, der einen zahlreichen Harem in seiner Residenz 
Bythor unterhielt, und Chazaren, die nach Zerstörung 
des chazarischen Reichs hergekommen waren, zu Unter- 
thanen hatte. Zwischen dem Maroschflusse und zwischen 
Orschova herrschte ein bulgarischer Fürst Glad, der aus 
Widdin gekommen war, und petschenegische Soldaten 
mitgebracht hatte-, seine Unterthanen scheinen eigentli- 
che Rumunier (Walachen) gewesen zu seyn, die aus 
Thrakien über die Donau verpflanzt worden waren. Im 
heutigen Siebenbürgen endlich herrschte ebenfalls ein 
Fürst Gelou, wahrscheinlich bulgarischer Abkunft, des- 
sen Unterthanen aber lauter Rumunier waren. — Die 
Herrschaft der Slawen und slawischen Fürsten in Un- 
gern ging durch die Uebermacht der Magyaren zu Ende. 
Die Magyaren, eine asiatische Nomaden- Fischer- und 
Jägernation, die zuerst um das J. 626 (unter dem Ks. 
Heraklius) am Raukasus und dem kaspischen Meer in 
der Geschichte bekannt worden war, und 680 aus Asien 
nach Europa übersetzend die Gegenden zwischen dem 
Dnieper und Don am Ingulflusse im heutigen Ekaterino- 
slawschen Gouvernement besetzt hatte, traten im J. 
894 in Pannonien über Ungvär und Munkäcs ein, nach- 
dem sie bereits im J. 838. den Bulgaren wider die By- 
zantiner an der Unterdonau beigestanden, 862 sich so- 

x ) Engel, aus dem diese Stelle entlehnt ist , erzählt dieses dem 
Anonym. Belae Notar, nach; es ist bekannt, dass Schlüter u. a. die Au- 
torität des Anonymus verwerfen, und die Existenz der Theiss-Bulgarei und 
Salans läugnen. 

24* 



372 

gar in Teutschland, wahrscheinlich von Hzg. Rostislaw 
wider den Ks. Ludwig geführt, gezeigt, und 893 dem 
fränkischen Kg. Arnulph gegen Swatopluk Hilfe gelei- 
stet und die schönen Gefilde Pannoniens kennen gelernt 
hatten. Sie drangen zuerst am rechten Ufer der Theiss 
über die Laborza und die Borsva bis an den Bodrog 
und das Zempliner Schloss vor, und baten sich vom Sa- 
lau den ganzen Strich Landes von den Karpaten bis zum 
Einfluss des Sajoflusses in die Theiss und bis zum Schlosse 
Sajo, dem heutigen Sajoszeged, aus, den sie auch er- 
hielten. Salan, ein Enkel von Krumus, hing zwar mit 
dem damals noch mächtigen bulgarischen Staate zusam- 
men; allein die Hilfe war noch zu weit entfernt, und 
der Einbruch der Magyaren zu unerwartet; er gab also 
friedlich nach. Nun wendeten die Magyaren ihre Blicke 
auf das linke Ufer der Theiss. Da Marot sich zur Abtre- 
tung eines Landstrichs nicht freiwillig herbeiliess, son- 
dern mit der Macht seines Schutzherm, des Ks. von 
Byzanz drohte, so ward zuerst das heutige Szabolcs, 
dann das Gebiet am Szamosflusse und der sogenannte 
Nyirhät bis an den Berg Meszes genommen, und Marot 
ward bis an den Koros zurückgedrückt» Die dritte Er- 
weiterung ging nach Siebenbürgen zu: Tuhutum schlug 
den Gelou bei Almas, ereilte und tödtete ihn bei Kapus. 
Die vierte Erweiterung war von Salan ausgepresst, er 
musste den Bezirk bis an den Zagyvafluss friedlich ab- 
treten, d. i. das heutige Heveser Comitat. Die nördli- 
chen Gränzen wurden am Tatragebirge abgesteckt. Die 
fünfte Erweiterung nahm die Richtung über den Berg 
Hangony , über Gömör, Neograd , Bars, Zölyom, an 
die Eipel, den Granfluss, wo sie keinen Widerstand fan- 
den, bis an die Neitra. Hier wurde der mährische Feld- 
herr Zobor geschlagen, gefangen und hingerichtet. Gal- 
gotz, Bezko, Trencsin, ja alles was an der Wag und 
zwischen dem Wagfluss und der March lag, fiel den 
Ungern zu. Die Herrschaft der Mähren, durch Unei- 
nigkeit untergraben, hatte in diesen Gegenden ein Ende. 
Der sechste Verlust der Slawen, der beträchtlichste von 
allen bisherigen, ward durch einen über Salan und seine 
bulgarische Ililfsvölker unweit von Titel erfochtenen 



I 



373 



Sieg herbeigeführt. Der Preis dieses Sieges war der ganze 
Strich bis an Belgrad, wohin Salan geflohen war, zwi- 
schen der Theiss und der Donau. Nun blieb kein sla- 
wischer Fürst übrig, als Glad. Die Magyaren setzten 
über die Theiss bei Kenesna, drangen an den Bega und 
Temesfluss vor, schlugen den Glad mit seinen bulgari- 
schen, petschenegischen und walachischen Truppen, und 
nahmen Orsowa, Pancowa und Kewe. Alle diese Vor- 
fälle hatten von 894-899 Statt. Die bezwungenen Sla- 
wen wurden nun vollends in die Gebirge gedrängt, und 
von den Magyaren, die die weidereichen Ebenen be- 
setzten, als Untergebene und Bundesgenossen behandelt. 
Der Herzog allein übte das Recht, die eroberten Län- 
dereien erblich zu verschenken. Es wurden aber nicht 
nur Magyaren, sondern auch slawische Bojaren unter 
den ungrischen Soldatenstand aufgenommen , und mit 
Ländereien beschenkt. Allmälig lernten die Magyaren 
von den Slawen die Künste des Friedens, und ihre 
Sprache bereicherte sich mit slawischen Wörtern, die 
auf Ackerbau, Handwerke und städtische Cultur Bezug 
hatten. Die donauisch-karpatischen Slawen waren näm- 
lich schon damals nicht nur Christen, sondern auch Ackers- 
leute und zum Theil Städtebewohner (Nowigrad, Mun- 
käcs, Wysegrad, Neitra, Ostrigom u. s. w.) — So ver- 
schwanden die Slowaken bereits im IX. Jahrh. aus der 
Geschichte, und ihre Schicksale und Thaten verlieren 
sich von da an in jenen des magyarischen Volks 2 ). — 
Merkwürdig, wegen der wichtigen Folgen, ist die Er- 
scheinung und Niederlassung der hussitischen Böhmen im 
XV. Jahrh. unter den Slowaken Oberungerns. Giskra 
v. Brandeis, Elisabethens, Kgn. von Ungern, Feldherr 
im Kriege gegen den polnisch-ungrischen König Wla- 
dislaw und seine Partei, hielt 1440-53 die slowaki- 
schen Gespanschaften von Pressburg bis Eperies und Ka- 
schau besetzt. Die böhmischen Krieger kamen nach Un- 
gern von ihren Weibern und Kindern begleitet. Thu- 

2 ) Vgl., ausser den Werken von Bonfin, Severini, Palma, Pray, 
Katona, Engel, Fessler u. s. w. S. Timon imago antiquae et novae Hun- 
gariae, Wien 754. 2 Bde. 4. — G. Papanek de regno regibusque Slavorum, 
Fünfkirch. 780. 8. — G. Fandly compendiata bist, gentis ölavae , Tyrn. 
793.8. 



374 

rocz bezeugt es, dass sie sich liier Häuser gebaut, und 
sich einheimisch gemacht haben. Um aber die ihm an- 
vertraute Gegend desto besser gegen den Feind zu schü- 
tzen, führte Giskra wahrend der ganzen Zeit seines Auf- 
enthalts in Oberungern zahlreiche Colonien der böhmi- 
schen Hussiten nach demselben, und siedelte sie in den 
Gespanschaften Gömör , Hont , Neograd, Sohl , Liptau, 
Trencsin und Neitra an. Da sie allmälig mit den ein- 
heimischen Slowaken zusammenschmolzen, so wurden 
sie von dem nachmaligen Kg. Mathias, dem sich Giskra 
unterworfen hatte, im friedlichen Besitz ihrer Wohnplä- 
tze gelassen. Ihre zahlreichen Nachkommen befinden sich 
noch heutzutage in den genannten Gespanschaften. 3 ) 

Die heutigen Slowaken hewohnen den nordwestli- 
chen Theil Ungerns, sind aber auch sonst in einzelnen 
Jüngern Colonien durch das ganze Land zerstreut. Rein 
slowakische Gespanschaften sind : Trencsin , Thurocz, 
Arva, Liptau und Sohl (gegen 550,000 Menschen) ; in 
den Gespanschaften Neitra, Zips, Schärosch, Bars, Zem- 
plin, Gömör und Hont machen sie die Mehrzahl (un- 
gefehr 800,000) , hingegen in Pressburg , Neograd, 
Pesth und Abauj die Minderzahl (kleinere Hälfte) der 
Einwohner aus (mit den slowakischen Colonien in Bekes, 
Ungvär , Komom, Bacs , Szabolcs , Stuhlweissenburg, 
Gran , Csongräcl , Vessprim , Szatmär, Tolna, Csanad, 
Torontal, Heves, Torna, Arad, ßeregh, Raab, Temes, 
Syrmien und der teutsch-illyrischen Gränze ungefehr 
450,000 Menschen). Die Gesammtzahl der Slowaken ist 
demnach 1,800,000 Seelen, von denen sich ungefehr 
1,300,000 zur katholischen, und 500,000 zur evangeli- 
schen Religion bekennen. 4 ) 

3 ) L. Bartholomacides de Bohemis Kis - Hontensibus commentatio 
historica, Wittenb. 783. 4. N. A. 795. 4. 

4 ) M. Bei notitia Hungariae, Wien 735—42. 4 Bde. 4. — K. G. von 
Windisch Geogr. d. Kgr. Ungern, Pressb. 780. — H. Nowotny sciagrapkia 
Hung., Wien 798, 2 Bde. 8. — Välyi Andr. Magyar Orszäg'le-iräsa, Of. 
796 — 99. 3 Bde. 8. — Ch. OruMua Postlexicon d. k. k. Er blanden, W. 798. 
802. 5 Bde. 8. (2 v. Ungern). — M. Horvöth Statist, v. Hnng., Pressb. 802- 
— G. PcUkowU znamost wlasti. Pressb. 804. 8. — K.G. Rumi geogr.-stat. 
Wi.ri erb. d. östr. Kaisertimms, W. 809. — M. Schwartner Statistik d. Kgr 
rnircni.Of. 809 — 11. 3 Bde. 8. - Ch. K. Andre geogr.-stat. Beschreib, d. 
Kais. Oesterreichj Weimar 813. — F. A. Demian stat. Darstellung d. Kgr. 
Qngern, W. 8n5 — 07. 2 Bde. 8. — M. Sennowitz geogr.-stat. Uebersicht d. 

Hgern, Eperies 816. fol. — Link kl. Geogr. d. Kgr. Ungern, W. 817. 8. — 



375 

§. 45. 

Charakter der slowakischen Sprache. 

Die slowakische Sprache (slowensky gazyk, Slowen- 
cina, wie die Slowaken selbst sagen, nicht slowäcky ga- 
zyk, wie einige Neuere wollen — ), ist eine besondere, 
in ihrer jetzigen Gestalt der böhmischen am nächsten 
kommende Mundart. Dieses und der Umstand, dass die 
Slowaken seit der Reformation die böhmische Mundart 
zu ihrer Literalsprache gewählt haben 1 ), bewog Hrn. 
Dobrowsky anfangs zu behaupten, dass das Slowakische, 
einige wenige Eigenheiten abgerechnet, nichts anderes, 
als das Altböhmische sey. Später jedoch hat dieser ehr- 
würdige Forscher seine Meinung zurückgenommen ; denn 
er stellt in seiner Gesch. d. böhm. Sprache und Liter. 
(1818) S. 32, und in seinen Instit. 1. slav. (1822) p. 
IV. das Slowakische als eine eigene Mundart neben der 
böhmischen, wendischen und polnischen auf. Und so 
fordert es auch die Natur der Sache. Das Slowakische 
bildet den Uebergang von der böhmischen zur windisch- 
kroatischen Mundart, od. von der Ordnung A. zur Ord- 
nung ß., und ist in seinem Urstoff sehr nahe mit der 
altslawischen Kirchensprache verwandt. Durch die geo- 
graphische Lage des Volks, durch die Nachbarschaft der 
Böhmen, Polen, Russniaken, Serben und Winden, fer- 
ner durch den Umstand, dass die eigentliche slowaki- 
sche Volkssprache nie zur Schriftsprache erhoben, gere- 
gelt und fixirt, sondern der blinden Gestaltung u. Ver- 
unstaltung durch zufällige Einflüsse von Aussen preisge- 

Ch. Zipser Versuch e. top.-milit. Handbuchs v. Ungern, Oedenb. 817. 8. 
— Maada Tal Magyar Orszägnak stat. es polit. le-iräsa, Pesth 819. 8. — 
J. v. Caplowic Schemat. d. ev. Gemeinden A. C. in Ungern, W. 822. 12. — 
Freimüth. Bemerk, e. Ungern üb. s. Vaterl. 799. — Z>. Teleki de Szek Rei- 
sen durch Ungern, Pesth 805. 8. — S. Bredecky top. Taschenb. f. Ung., 
Oedenb. 801. 8., Beitr. zur Topogr. v. Ungern, W. 802 — 07. 5 Th. 8., Reise- 
bemerk, üb. Ungern, W. 809. 2 Bdchen 8. — (/. Rohrer) Vers. üb. d. 
slaw. Bewohner Oesterr,, W. 804. — L. Bartholomaeides notit. Com. Gomör, 
Leutsch. 808. 4. J. v. Caplowic ethnograph. Aufsätze in Hesperus u. Tu- 
dom. GyüjtemSny seit 817. Eb. top. Archiv d. Kgr. Ungern, W. 821. 2 B. 8. 
l ) Die Erzeugnisse d. slaw. Schriftsteller in Ungern sind zwar e. in- 
tegrirender Theil der böhm. Literatur ; weil jedoch die Sprechart der Slo- 
waken einen besondern Dialekt bildet, so habe ich, der bequemern Ueber- 
sicht wegen, die Betracht, d. slowak. Sprache von der böhm. getrennt. 



v 



376 

geben wurde, entstanden in dieser Mundart eines klei- 
nen, ohnehin nicht selbständigen Volks so viele Varie- 
täten, und diese zerfielen in so viele Nuancen, dass es 
nunmehr äussert schwer ist, sie alle unter einen allge- 
meinen Gesichtspunct zu bringen. Uebersieht man je- 
doch die grosse Menge dieser Sprachverschiedenheitcn, 
und hält das Gemeinschaftliche in denselben fest, so er- 
geben sich folgende charakteristische Unterschiedsmerk- 
male des Slowakischen von den übrigen Dialekten, und 
zwar zunächst dem Böhmisch-mährischen: 1.) Durch- 
gängig breitere Vocale a, o und u statt der engern böh- 
mischen e und i: ma, ta, sa, zial, zart, dusa, serco, 
podoswa, Ijübost, lüde. 2.) Eine Menge Diphthongen: 
ia, tu, ov, uo, ieu, ion : chodja, nosjä, piu, hnau, huo- 
rou, kuon, stuol, lieuc, djouca. In allen diesen Fällen 
klingt das u weder wie ein teutsches od. böhmisches t#, 
noch wie ein w, sondern wie ein Mittelding zwischen 
beiden. 3.) Ein Umlaut «, entsprechend dem Altslawi- 
schen und Russischen a: mäso, wäzy, räd, krawär, z 
käd (jedoch in einigen Gegenden auch rjad, krawjar 
u. s. w.), ein Mittelton zwischen e und a, dessen Aus- 
sprache sich nicht beschreiben lässt. 4.) Weichheit der 
Consonanten b, m, p, n, t, d, w; worunter die nega- 
tive Partikel ne bemerkensw^erth ist. 5.) Gänzlicher Man- 
gel des zischenden böhmisch- polnischen r (rz), wofür 
die Slowaken in einigen Fällen rji rjeka, rjad, rjedky, 
in andern aber nur r sprechen: repa, remeslo. 6.) Al- 
ternativer Gebrauch der Gurgellaute h und g, und zwar 
des ersten in den meisten, des letzten in seltenern Fäl- 
len: hlawa, hrjech , uhel , roh, dahingegen: gunär, 
guba, grman, grläk, galiba, gate, gazda, gazdina, gä- 
gor , gägotat , mljazga , pluzgjer , gamba , klaganina, 
bryzgat, ligotat se u. s. w. 7.) In der Aussprache der 
Präposition roz neigt sich der Slowak manchmal eben- 
falls zur Ordnung A, und spricht: razsocha, razsoska 
(aber auch rozsocha, rozsoska), razpora, räzswit, raz- 
tok, razcesty u. s. w. Ueberhaupt liebt er a st. o im An- 
fange der Wörter: rab, rastem, rasca u. s. w. 8.) Be- 
merkenswerth sind die Ausgänge des Präsens auf em 
st. u: nesem, wezem, pigem; auf mo st. me: nesemo, 



377 

widjmo, hledämo, wolämo; auf ja st. j od. egj : cho- 
djä, widjä, nosjä, hledjä (cfr. slav. chodiat, nosiat, wi- 
diat); des Präteritum auf u st. /: wolau, chodiu (vgl. 
über die Aussprache No. Z.) 9 wo das u, aus dem gro- 
ben l entstanden, dem Serbischen o völlig entspricht; 
des Infinitivs auf et st. ci: pjeet, muoct, wljeet, was 
mit dem Altslawischen nr: pesci, mosci, wlesci zu ver- 
gleichen ist. 9.) Das öftere Ausstossen der Vocale er- 
innert an den häufigen Gebrauch des b und % in den 
ältesten Handschriften des Altslawischen: mhla , zlty, 
stlp, tlct u. s. w. wobei aber zu bemerken ist, dass in ei- 
nigen Gegenden der Slowakei (Gömör u. s. w.) gerade 
das Gegentheil davon zu finden ist, indem man dort jede 
Sylbe vocalisirt: perst, smert, serco, mertwy, persy, 
merznem, zouty, pouny, gabuko, slunko (nicht slnko), 
mysel, wjezol, njesol (wjezou, njesou), u. s. w. 10.) 
Am bemerkenswerthesten sind die vielen, den Slowaken 
eigenen, bei den neuern Böhmen gar niebt gebräuchli- 
chen, aber in dem Altböhmischen und in andern Dialek- 
ten , vorzüglich dem Kirchenslawischen, Windischen, 
Russischen und Polnischen noch vorkommenden Wörter. 
G. Rybay hat mit preiswürdigem Fleiss ein slowakisches 
Idiotikon von etwa 15,000 Wörtern gesammelt, welche 
Zahl sich leicht noch vermehren Hesse. Viele derselben 
hat Hr. Palkowic in s. böhm. Wörterb. 820—22 aufge- 
nommen. — Sieht man auf die slowakische Sprache, wie 
sie im Munde des Volks lebt, nicht wie sie in den Wer- 
ken slowakischer Schriftsteller vorkommt (denn diese 
ist die mehr oder weniger slowakisirte Böhmische), so 
lassen sich drei Hauptvarietäten derselben unterscheiden: 
1.) die eigentliche Slowakische in den Gespanschaften 
Thurocz, Arva, Liptau , Sohl , Bars , Neograd , Pesth, 
Borsod, Gömör und in den aus diesen Gespanschaften 
geflossenen Colonien in Niederungern. Sie ist am weite- 
sten von den beiden benachbarten Dialekten, dem böh- 
mischen und polnischen entfernt, und ihr kommen die 
oben angeführten Merkmale vorzugsweise zu. 2.) Die 
mährisch - slowakische Varietät in den Gespanschaften 
Pressburg, Neitra und Trencsin, und in den von daher 
stammenden Niederlassungen in Niederungern. Sie nä- 



378 

liert sich merklich der mährischen Landesmundart, und 
hicmit der böhmischen Schriftsprache, Hebt die engern 
Vocale, meidet die Diphthongen, ohne darum aufzuhö- 
ren slowakisch zu seyn; das mährisch-böhmische f (rz) 
ist ihr durchgängig fremd. Eine Abart dieser Varietät 
in Neitraer Gespanschaft fingen Bernoläk , Fändly und 
ihre Genossen an zu schreiben. 3.) Die 'polnisch- slowa- 
kische Varietät in einem Theil von Arva, ganz Zipsen, 
Schärosch, Abauj und Zemplin (woselbst eine in der 
Orthographie magyarisirende Spielart sotakisch heisst), 
deren Entstehen so wo] der Nachbarschaft mit Polen, als 
auch der drei Hundert Jahre lang dauernden Herrschaft 
derselben in Zipsen zuzuschreiben ist. Sie liebt das Pol- 
nische dz und c st. des slowakischen d und t: idzem. 
budzem, ferner viele echtpolnische Wörter, Biegungen 
und Formen: bars st. welmi, palec st. prst, draha st. 
cesta, hyba st. gen, choc st. trebas, sukac st. hledat, 
widzalem, swinia u. s. w. Nuancen dieser drei Varietä- 
ten sind: 1.) das Teutsch- slowakische in den Bergstäd- 
ten und ihrer Umgegend; 2.) das Magyarisch- slowaki- 
sche in den slowakischen Colonien Niederungerns; 3.) 
das Rassniakisch - slowakische in Abauj, Zemplin und 
Beregh, wo die Slowaken an die Russniaken stossen; 
4.) das Serbisch-slowakische in Bäcs, Banat und der 
Militärgränze, ferner in Ofen und um S. Andrä herum. 2 ) 
Hieraus ergeben sich die Vorzüge und Mängel der 
slowakischen Mundart von selbst. In Hinsicht des Wol- 
klangs hat sie wegen ihres Reichthums an breitern, tö- 
nendem, hellem Vocalen allerdings einen Vorzug vor 
der böhmischen; allein diess berechtigt sie noch nicht 

2 ) Als besondere Spiel- od. Abarten des Slowakischen werden noch 
das Hanaklsche in Pressburg, das Trpäkische in Hont, das Krekäcische 
in Gömör, das Zahoräkische, Podhorakische u. s. w., wol ohne alle Noth 
genannt; indem, wenn man auf diese Weise fortfahren wollte, jeden Dorf- 
jargon als Unterdialekt zu classificiren, man deren nicht nur in der Slo- 
wakei, sondern allenthalben in der Welt ohne Zweifel so viele aufstellen 
müsste, als es durch Berge u. Thäler und Flüsse geschiedene Ortsgebiete 
gibt. — Die Sprachbücher haben die Slowaken mit den Böhmen gemein. 
Zur Kenntniss der Landesmundart können indcss dienen: A. Bernoläk 
fJramm. slavica , Posonii 790. 8. Eb. Dissertatio de litteris Slavorum, Pos. 
7d7. 8., Eb. Etymologia vocum slavicarum , Tyrn. 791. 8. Eb. Lexicon 
slavico - lat. - germ. - hungaricum, Of. 825 ff. auf 4 Bde. gr. 8. berechnet. — 
Q. l'nikowic böhm. Wörterb. 820 — 22., enthält ebenfalls viele slowakische 
Wörter. — Vgl. auch : Pjsne swetske lidu slowenskeho wUhrjch, Pesth 821. 12. 



379 

zu der Ehre einer Literalsprache, zu der sie einige neuere, 
vorzügliche katholische Schriftsteller erheben wollen. Die 
Lage der Slowakei und des slowakischen Volks, die Ge- 
schichte der vergangenen, für die Cultur der Sprache 
günstigem Zeiten , der fortwährende, allgemein einge- 
führte Gebrauch der böhmischen Mundart als Schrift- 
und Kirchensprache bei den protestantischen Slowaken, 
die Beschaffenheit der tausendfach metamorphosirten Haus- 
mundart, die Klugheit selbst ist gegen eine solche Neuerung. 

§• 46. 
Schicksale der slowakischen Sprache und Literatur. 

Die Geschichte zeigt uns die slowakische Mundart nie 
selbständig in der Reihe der slawischen Schriftsprachen. 
Die auffallende Uebereinstimmung mit der altslawischen 
Kirchensprache in einzelnen Wörtern , Wortfügungen 
und Redensarten ist noch lange kein Beweis dafür, dass 
Kyrill und Method die slowakische Mundart geschrieben 
haben, und dass dieselbe mit der altslawischen Kirchen- 
sprache eins sey; denn zu dem grossmährischen Reiche, 
in welchem damals Kyrill und Method lebten und lehr- 
ten, gehörten ausser den Slowaken auch noch andere 
Slawenstämme. Diese Uebereinstimmung' wird leicht be- 
greiflich, wenn man annimmt, dass die altslawische Kir- 
chensprache der Ertrag der frühesten Cultur der noch 
heidnischen Slawen ist, und bedenkt, dass der Ursitz 
der Slawen in Europa die Karpaten waren (§. 10. 44.). 
Wol ist es Thatsache, dass zahlreiche Spuren der Bau- 
art und der Malerei in den uralten Kirchen der Slowa- 
kei auf die Verbreitung des griechischen Ritus vor Men- 
schengedenken in diesen Gegenden hinweisen *) ; allein 
diese schwachen, dunkeln Ueberreste eines völlig ver- 
schwundeneu Daseyns lassen nur vermuthen, dass die 
altslawische Kirchensprache eine Zeitlang Kirchenspra- 
che der Slowaken gewesen sey — obschon es Wichings 
bekannte Abneigung gegen die Griechen sehr unwahr- 

*) S. L. Bartholomaeides Comit. Gömör. notitia hist. - geogr. - sta^ 
tistica (Leutschau 808. 4.) 3. 271 t l 

I 



380 

scheinlicli macht, dass sie es lange und überall gewe- 
sen — beweisen aber doch am Ende für die frühere Cnl- 
tur des Slowakischen, genau genommen, nichts. Die 
slowakische Sprache konnte zwar schon zu dieser uns 
völlig dunkeln Zeit nicht arm seyn. Beweis dessen sind 
die zahlreichen ins Magyarische übergegangenen Wörter, 
die sich meist auf Cultursachen, Werkzeuge sowol des 
Ackerbaus, der Land- und Hauswirthschaft, als auch 
der städtischen Gewerbe und Künste beziehen 2 ). Aber 
am besten würden wir über die Beschaffenheit der al- 
tern slowakischen Sprache urtheilen können, wenn uns 
jemand die alten Volkslieder der noch heidnischen Slo- 
waken aufbewahrt hätte. Thatsache ist es, dass das über 
alles sanglustige und gesangreiche slowakische Volk noch 
bis vor etwa 60 Jahren, bei verschiedenen Dorfgebräu- 
chen uralte Lieder gesungen hat, die Spuren des Hei- 
denthums verrathen, die wir aber heute kaum den An- 
fangsverseu nach kennen 3 ). — Mit dem Untergang des 
grossmährischen Reichs erlosch die Selbständigkeit der 
Slowaken — und ihre Sprache wanderte von den Bur- 
gen und Palästen der Fürsten in die Hütte des Land- 
mannes. Jahrhunderte des tiefsten Schweigens folgen auf 
die durch herbeigeeilte erobernde Völkerhorden veran- 
lassten Kriege und Stürme; der Name der Slowaken und 
ihrer Sprache verliert sich aus der Geschichte, und däm- 
mert nicht eher heran, als um die Mitte des XV. Jahrb., 
wo die Hussiten unter dem kriegerischen Giskra in Ober- 
ungern hausten. Um diese Zeit mögen die durch ma- 
gyarische Könige in lateinischer Sprache beherrschten 
Slowaken zu allererst seit Kyrill und Method erfahren 
haben, dass so Etwas, wie ihre Sprache, aufs Papier 
gebracht werden könne 4 ). Denn in Böhmen hatte da- 

2 ) S. LeSka hat einen : P^lenchus vocabulorura slavicorum magyarici 
usus, in Msc. hinterlassen, der zu Ofen 1825. 8. in Druck erschienen ist. 

8 ) S. ToblicoiL',, poesic, Waitzen 1806 ff. 1 Bd. S. IV - XII. — L. 
Bartholomaeides Com. Gömör. notitia Part. I. C. IV. De eultura incolarum. 

*) Die Inschriften auf Glocken, Altären, Thürmen u. s. w., aus dem 
XII — XV. Jahrh. in ihr Slowakei sind alle lateinisch. So hat die Glocke 
zu Gross-Röcze in Gömör von 120G die Inschrift: fusa est campana in 
honore Dei onmipotentis et in honorc S. Quirini; der Scnatorenstuhl in 

k von 1272: res gloriae veni cum pace Amen; die Glocke zu Polo- 
ma (Veszveres): Est factum in honore Dei omnipotentis et S. Nicolai 
L496. S. L. Bartholomaeides notitia C. Gömör. S. 272 — 73. 



381 

mals die Landesmundart schon eine bedeutende Stufe der 
Ausbildung erreicht ; und es lässt sich gar nicht bezwei- 
feln, dass die für ihre Lehre so eifrigen Hussiten Ver- 
suche gemacht haben, die Stamm- und Sprachverwand- 
ten Slowaken mittelst der Buchstaben und Schrift für 
sich zu gewinnen. Aber auch von diesen vorsätzlichen 
Versuchen abgesehen, musste nicht schon das blosse Bei- 
spiel der Hussiten in ihren zahlreichen Niederlassungen 
in den Gespanschaften Gömör , Hont, Neograd, Sohl, 
Liptau, Trencsin und Neitra auf ihre Nachbarn u. Mit- 
insassen, die Slowaken, wirken ? Konnte ihnen der Ge- 
brauch des lateinischen Alphabets zur Bezeichnung der 
Laute ihrer Sprache hinfort fremd bleiben? Nur der 
türkischen Vertilgungswuth ist es zuzuschreiben, dass 
nach hundertjährigen Verheerungskriegen so wenige Ue- 
berreste, ja kaum einige Spuren dieser frühesten Cultur 
des böhmisch-slowakischen Dialekts in Ungern zu finden 
sind. Ehedem hielt ich den handschriftlichen Vertrag oder 
Cession des Georg von Breclaw an Jakob Rysawy, vom 
J. 1433, welcher in dem Pressburger Stadtarchiv auf- 
bewahrt wird, für das älteste Denkmal der slowakischen 
Sprache; allein nach Einsicht einer Abschrift davon er- 
gab sich, dass derselbe böhmisch abgefasst und von Wien 
aus datirt sey. Sonstige Documente der slowakischen 
Landesmundart aus diesem Zeitalter sind mir nicht be- 
kannt, obschon ich es für gewiss halte, dass sich ihrer 
nicht wenige in den Archiven und Bibliotheken der ka- 
tholischen Erzbischöfe und Bischöfe , der Domkapitel, 
der Magnaten und Edelleute, ferner der k. Freistädte 
vorzüglich in den von Slowaken bewohnten Gegenden 
noch wirklich vorfinden mögen. Männer, die diesen Ar- 
chiven und Bibliotheken vorstehen, oder denen sonst der 
Zutritt zu denselben frei steht, würden sich um die Ge- 
schichte der slowakischen Literatur grosses Verdienst 
erwerben, wenn sie uns mit diesen frühesten Denkmä- 
lern bekannt machen möchten 5 ). Von den historischen 

5 ) Ich selbst habe einen ziemlich ausführlichen handschriftlichen 
Katalog vieler, die slawische Geschichte und Literatur betreffenden, in den 
Archiven und Hauptbibliotheken Ungerns vorfindlichen , handschriftlichen 
und gedruckten Documente vor mir; so steht darin z. B. „Apud V. D. M. 
Breznobänyensem Jo. Kuzmänyi : Diarium Ge. Puchala ab a. 1247 usque 



382 

Volksliedern, z. B. von der Kgn. Elisabeth, Kg. Ludwig 
II. u. s. w., welche dereinst bei den Slowaken in Schwung 
waren, sind jetzt kaum die Anfangsverse übrig. Sichere 
Spuren der Fortbildung der slowak. Sprache fangen erst 
mit der Reformation an. — Dass die Hussiten, als Vorläu- 
fer der teutschen Reformatoren, ein Hinneigen zur prote- 
stantischen Lehre nicht nur bei den Böhmen, sondern auch 
bei den Slowaken in Ungern erweckt haben, ist wol aus- 
gemacht 6 J. Diesem, von Böhmen aus kommenden Im- 
puls, haben wir es zuzuschreiben, dass die böhm. Mund- 
art Schriftsprache der Slowaken geworden ist. Mit der 
Lehre kamen Bücher, und mit diesen die Sprache selbst 
aus Böhmen in die Slowakei 7 ). Denn kaum war die 
Lehre der teutschen Reformatoren nach Oberungern ge- 
drungen, als schon zahlreiche Schriften der evangelischen 
Prediger in böhmischer Sprache seit der Mitte des XVI. 
Jahrh. für den Gebrauch derselben in der Slowakei den 
unwiderleglichsten Beweis liefern. Von dieser Zeit an 
lassen sich die Schicksale der slowakischen Schriftstelle- 
rei in Ungern von Jahrhundert zu Jahrhundert übersehen. 
Sechzehntes Jahrhundert. Die Reformation fasste, 
ungeachtet der gegen sie 1523-1525. gegebenen scharfen 
Befehle, in Oberungern immer festere Wurzeln 8 ). Die 
slowakischen Prediger fingen an, den Gottesdienst, den 
Böhmen gleich, in der slawischen Sprache zu verrich- 
ten, wählten aber dazu die böhmische Mundart, weil 
die Bibel und alle ihre liturgischen Bücher in derselben 
verfasst und gedruckt waren. Geborne Böhmen u. Mäh- 
rer wanderten oft als Seelsorger und Lehrer nach Ober- 
ungern, Slowaken nach Böhmen und Mähren; Böhmen, 

1539, continuatum per filium eius Blasium 1539 — 60, nepotem Stanislaum 
1597 — 632, pronepotem Mathiam 1637 — 675, et huius generum Math. 
Mategkowiö 1672 — 741, incolas Teuto-Lipcsenses, descriptum ex ipso ori- 
ginali per Math. Schulek V. D. M." Dann werden die Continuationen seit 
1539 noch einmal unter besondern Numern aufgezählt, und zuletzt beige- 
lügt : „Ilactcnus omnia slavice, praeter primum." 

r ') S. Tablic historie A. W., Waitzen 808. 8. S. 47. Dolezal gramm. 
slav.-boh. ? Pos. 746. 8. Praef. §. XII. 

7 ) Die böhm. Handschriften, die sich noch hie u. da unter den un- 
grischen Slowaken finden, z. R die trojanische Chronik, das N. Test, u. 
:i. id.. kamen wol auf keinem andern, als auf diesem Weg nach Ungern. 

B ) Schon 1859 war die Mehrzahl der Magnaten n. Adeligen in Un- 
gern protestantisch, und nur in dem Kreise jenseits der Donau zählten die 

ianten 300 Kirchen. S. Tablic historie A. W. S. 64 — 78. 



383 

Mähren und die Slowakei waren bis 1620 im Geiste 
eins 9 ). Kein Wunder, dass die böhmische Schriftspra- 
che von nun an in der Slowakei auch bei schriftlichen 
Verhandlungen des bürgerlichen Lebens gang und gäbe 
wurde. Alle slowakischen Schriftsteller dieses Jahrhun- 
derts waren Theologen, und schrieben für ihr Fach Ka- 
techismen, Gebetbücher, Kirchengesänge und andere Er- 
bauungsbücher; biblische und liturgische Bücher erhiel- 
ten sie aus Böhmen. Die slowakische Literatur konnte 
sich nur mit Mühe neben und gleichsam unter den Flü- 
geln der böhmischen entfalten; die wiederholten Einfälle 
der räuberischen Türken, die grausen volle Verheerung 
der Städte, Burgen und Dörfer, die unglückliche Nie- 
derlage bei Mohäcs, die Einnahme der Stadt u. Festung 
Ofen durch die Türken, der Bürgerkrieg, den Zapolya 
anfachte, verscheuchten die stillen, friedliebenden Mu- 
sen von Pannoniens bluttriefenden Gefilden. In allen Ge- 
sang- und Kirchenbüchern aus dieser unruhevollen Pe- 
riode weht ein freudenleerer, düstrer, banger, sich nach 
Hilfe und Rettung sehnender Geist. Die unter solchen 
Umständen errichteten Schulen in der Slowakei, als in 
Rosnau 1525, Bänowce 1527, Libethen 1527, Bartfeld 
1539, Leutschau v 1542, Zilin 1550, Priwitz 1550, 
Schemnitz 1560, Sintawa 1573, Kesmark 1575, Jelsa- 
wa (Eltsch) 1576, Sohl 1576, Moschotz 1580, Frei- 
städtl 1581, Trencsin 1582, Eperies 1594, Kaschau 
1597 u. s. w T ., wirkten für die Emporbringung der slo- 
wakisch-böhmischen Sprache und Literatur wenig oder 
gar nichts, so sehr auch einige Lehrer, z. B. Pruno in 
Freistädtl, Hussel in Priwitz, u. s. w. für dieselbe be- 
geistert gewesen seyn mögen 10 ). Lange Zeit mögen die 

9 ) S. Tablicowy poesie, Waitzen 806, ff. lr Bd. S. XXVI. Anm. 19. 

10 ) Schon Benedicti klagt über die Fahrlässigkeit und Indolenz der 
Slowaken gegen ihre Sprache. „Verum enim vero, sagt er in der Vorr. 
zu s. Gramm. 1603, hie mihi praeeipue mei gentiles Slavi videntur cohor- 
tandi, apud quos excolendae eorum linguae maxima est negligentia, adeo 
ut nonnulli (expertus de quibusdam loquor), si non tantum non legant 
bohemicos libros, sed ne in suis bibliothecis ullum habeant, gloriosum id 
sibi ducant. Hinc fit, ut, quum de rebus illis domestica lingua est disse- 
rendum, semilatine eos loqui oporteat. (Man glaubt, Benedicti lebt jetzt, 
und spricht über die heutigen Slowaken!) Cetera incommoda ueglecti eius 
studii non persequar. Exstiterunt tarnen quidam, qui aliquid conati sunt: 
qualis vel inprimis fuit piae memoriae doctissimus vir Alb. Husselius Pri- 



384 

Slowaken sich mit in Böhmen gedruckten Büchern be- 
gnügt haben ; späterhin wurden Buchdruckereien in 
Freistädtl (1581? nach Nemeth 1584), Bartfeld (1579), 
Schintau (1574) , Neusohl (1578) , Tyrnau (1579), 
und im XVII. Jahrh. auch in Pressburg, Trencsin, Leut- 
schau, Eperies, Kaschau u. s. w. errichtet. Mir ist kein 
älteres in der Slowakei gedrucktes Buch bekannt, als der 
Katechismus von Joh. Pruno, Lehrer in Freistädtl, da- 
selbst 1581 od. 1583. 8., und ein anderer Katechismus, 
1581 in Barifeld bei David Gutgesell gedruckt. Slowa- 
kische Schriftsteller dieses Jahrhunderts sind: Joh. Syl- 
vanus (gest. 1572), gebürtig aus Ungern, lebte in Böh- 
men, Georg Bdnowsky Rector der Ziliner Schule (gest. 
1561), Joh. Täborsky, Prediger in Wafjn (gest. 1596), 
Andr. Cenglerins, Prediger in Rosenberg (um 1588), 
von denen einzelne Kirchenlieder in Gesangbüchern zu 
finden sind. — Joh. Prnno, Rector in Freistädtl (Gal- 
götz, Frastäk), und Trencsin (gest. 1586), schrieb eben- 
falls Kirchenlieder, und gab 1581 od. 1583 in Galgötz 
einen lateinisch - slowakischen Katechismus heraus. — 
Steph. Tfebnicky aus Schlesien, Prediger in Zipsen (um 
1583), übersetzte die Confession der 5 Städte ins Slawi- 
sche, die 1614. 4. lat., teutsch, ungr. u. slow, in Ka- 
schau erschienen ist. — Joh. Ilodika, Superintendent 
in Trencsin, gab Leichenpredigten heraus, 1637. 8. — 
Noch werden als Beförderer und Liebhaber des slawi- 
schen Sprachstudiums in diesem Jahrhundert genannt: 
Mich. Radasin (Radosjnsky) Pred. in Bartfeld, Petr. 
Baros, Rector in T. Lipcse und Trencsin, Alb. Husse- 
lius, Raphael Hrabec u. m. a. 

Siebzehntes Jahrhundert. Unter verhängnissvollen 
Auspicien dämmerte das XVII. Jahrh. in Ungern heran. 

vidiae, qui suos discipulos et ad rectam orthographiam, et ad ornatiorem 
c.ultioremque sermonem assuefaciebat: sed quia destituebantur compendiosa 
ratione, si minus, quam volebant, assecuti sunt, non est mirum. Spater 
mag es etwas besser geworden sevn; denn 150 Jahre darauf erhebt Bei in s. 
Vo-rr. zu Dolezals Gramm, slav. §. XII. den Eifer einiger Magnaten u. Ade- 
ligen für die slnw. Sprache. „Quibus rebus evenit, ut non modo eruditi 
in Bungaria viri, sed Magnates etiam, et ex nobilitate eorum Comitatuum, 
in quibus lingua slavica vernacula est, curam linguae slavo - bohemicae 
cultnmque ad se pcrtinere existimaverint. In bis censemus : Szunyogios, 
[Ueshazyos, Thur/ones, Ostrosithios, Zayos, ceteros; atquc ex equestri or- 
dine: Sulyowskyos, Szerdahelyios, Revayos, Justios, Otlikios, Benickyos, 
lMathyos, iPotturnayos, reliquos." 



385 

Die freie Religionsübung war den Protestanten durch 
den Wiener Frieden 1606, bei der Krönung Mathias IL 
1608, Ferdinands II. 1618, und auf dem Oedenburger 
Landtag 1625 gesetzlich zugesichert; nichts desto weni- 
ger brachte der Fall Böhmens nach der Schlacht am weis- 
sen Berge 1620 auch nach Ungern neue religiöse Stürme. 
Der Schutz, den die protestantischen Slowaken den zahlrei- 
chen böhmischen und mährischen Flüchtlingen angedeihen 
Hessen, veranlasste den heftigsten Streit zwischen der pro- 
testantischen und katholischen Partei. Der Bürgerkrieg 
unter Georg Räkötzy nahm den Character eines Religions- 
krieges an. Die Linzer Pacification, 1647 bei der Krö- 
nung Ferdinands III. unter die Landesgesetze aufgenom- 
men, trug sehr wenig zur Herstellung des Friedens bei. 
Emerich Tököly (1681) und Franz Räköczy (1704] ver- 
breiteten abermals die Schrecknisse des Bürgerkriegs über 
das von den Türken ohnehin sehr verwüstete Ungern. 
Unter solchen Umständen konnte die slowakische Litera- 
tur, deren Pfleger bis dahin meist Protestanten waren, 
und die zu Ende des vorigen Jahrhunderts erst heran- 
zublühen begann, zu keiner Reife kommen 5 sie er- 
losch mit dem Ende des XVII. Jahrh. beinahe gänzlich. 
Die fruchtbarsten slowakischen Schriftsteller waren 
auch jetzt Theologen; aber der sprachliche und sächli- 
che Werth ihrer Erzeugnisse sinkt mit dem Verfalle der 
Zeit immer tiefer. Der Geist, der sich im Freien kräf- 
tig emporhebt, schrumpft in der Gefangenschaft zum 
todten Buchstaben zusammen. Namhafte Schriftsteller 
dieses Jahrh. sind: Laur. Benedicti aus Nedozer im Nei- 
traer Comitat (geb. 1555, gest. 1615), Prof. an der Pra- 
ger Universität , ein gründlicher Gelehrter und feiner 
Kenner der slawischen Sprache, schrieb Kirchenlieder 
(im griech. Zeitmaas), gab 1603. 8. eine böhm. Sprach- 
lehre heraus, ausser mehreren andern lat. Werken 11 ). — 
Elias Lani (gest. 1617), Isac. Abrahamides, und 
Sam. Melikius, Superintendenten, gaben 1612 in Leut- 
schau einen Katechismus heraus. — Joach. Kaiinka (gest. 

n ) Benedicti war unter den Slowaken der erste, der griech. und 
lat. Metra in der l>öhm. - slow. Sprache, nach den Eegeln der wahren, 
quantitirenden Prosodie, gebrauchte. Ihm folgten in der folg. Periode S. 
Hruskowic, D. Krman, P. Tesläk u. a. m. 

25 



386 

1678), Superintendent, liess eine Trauerrede und Er- 
klärung des Jesaias drucken, und hinterliess einen Ka- 
techismus in Msc. — Georg Tranowsky Pred. in S. Ni- 
klas (geb. 1591, gest. 1637), gab der erste in Ungern 
ein böhmisch - slowakisches Gesangbuch, Leutschau b. 
Brewer 1635, heraus, welches seitdem vielmal nachge- 
druckt worden, und noch heutzutage bei den evangeli- 
schen Slowaken in Ungern in Gebrauch ist 12 ); er über- 
setzte die Augsb. Conf. ins Böhmische, Olim. 620. 12., 
verfasste ein Gebetbuch, Leutsch. 635. 8. — Tob. Mas- 
nicias, zuerst Rector der Senicer und Illauer Schule, 
hierauf Diakonus in Illau, gab 1682 in Dresden ein theo- 
logisches Büchlein, 1696 aber in Leutschau eine Anleit. 
zur Rechtschreibung heraus. — Steph. Pilarjk, zuletzt 
Prediger in Senic (gest. 1675), bekannt durch seine wi- 
drigen Schicksale und die türkische Gefangenschaft, liess 
1648 in Leutschau ein Gebetbuch, 1666 in ZiJin bei Joh. 
Dadan seine Biographie unter d. T. Sors Pilarikiana, sla- 
wisch (N. A. v. Tablic, Skalic 804. 12.), drucken. — 
Dan. Sinapius, zuletzt Pred. in Leutschau (gest. nach 
1684), verfasste viele Kirchenlieder, gab 1678 eine 
Sammlung slowak. Sprichwörter s. L, 1676, 1684 und 
1703 drei theologische Werke, 1684 aber Tranowskys 
Gesangbuch (in Leutschau) heraus. — Joh. Simonides, 
Pred. in Neusohl (gest. 1708), gab den grössern und 
kleinern Katechismus von Luther heraus. — Joh. Krem- 
holz, Pred. in Kokawa (gest. 1683), liess 1666 in Leut- 
schau ein theologisches Werk drucken. — Joh. Weher, 
Apotheker in Eperies, gab ein Büchlein von der Pest 
u. d. T. Amuletum, Leutsch. 645. 12. heraus. — Petr. 



12 ) Tranowskys unter dem T. Cithara sanetorum bekanntes Gesang- 
buch enthielt in der ersten Ausg. nur 400 Lieder; jetzt zählt es deren über 
1000. Es ist 9mal in Leutschau und Trencsin, 5mal in Pressburg, einige- 
mal in Lauben, einmal in Wien, zweimal in Neusohl, einmal in Pesth ge- 
druckt worden. — Wir fügen die Namen der übrigen geistlichen Dichter 
dieses und des folg. Jahrh. bei , die entweder zu Tranowskys Cithara oder 
andern Gesangbüchern beigesteuert haben; El. Läni, Joach. Kaliuka, Dan. 
Prybis, Dan. Mosnicius, Joh. Burius, Dan. Sinapius, (u\ Zfibognjk, Joh. 
Simonides, Joh. Kromholz, Matth. Rudjnskv, Joh. Rohac, Joh. Urbanowiö, 
Andr. Radic, Ad. Pliutowic, Jer. Lcdnicky, Dan. Sidonius, Dan. Krman, 
Joh. Lowöani, Job. Hob. Eitel, Job. Blnsius d. Aelt, Joh. Blasius d. J. 
Joh. Glosius, Math. Augustini, Dan. Stransky, J. Sexti, Paul Strecko, v Sam. 
Palumbini, Andr. Ambrosy, Math. Gali, El. Mlynarowych, Andr. Saffa- 
rowsky, Jon. Nigrini, Mich. Semian u. s. w. 



387 

Hrabowsky von Hrabow, Gouverneur des Schlosses und 
der Herrschaft ßudetjn in Trencsiner Gespanschaft, Hess 
ein Manuale Lat.-Hung.-Slavonicum, Bartfeld 663. 12. 
drucken. — Mich. Läni, Pred. in Wrbowce (gest. 1708), 
übers. J. Eichhorns: Duchownj zbrane pokogjk 682-83. 
4 Bde. 12., 718. 4 Bde. 8. — Jonas Bub enha Prediger in 
Ochtina, besorgte eine neue Ausg. des Komenskyschen 
Orbis pictus, Leutsch. 683. 4., wozu er die Abbildun- 
gen selbst in Holz gestochen hat. 

Achtzehntes und neunzehntes Jahrhundert Ungeach- 
tet des Verfalls, welcher die böhmisch - slowakische 
Schriftstellerei in Ungern gegen das Ende des XVII. 
Jahrh. traf, fanden sich doch schon gleich im Anfange 
des XVIII. Jahrh. einzelne eifrige Männer, welche um 
ihre Wiederaufnahme auf das thätigste besorgt waren. 
Anerkannt gross sind die Verdienste eines Bei, Krman, 
Ambrosius, Hruskowic und anderer um ihre Glaubens- 
genossen unter den Slowaken, und um die Aufnahme 
der böhmisch - slowakischen Schriftstellerei. — Kaum 
kündigte die freundliche Morgenröthe der Duldung und 
der gesetzlich zugesicherten Gewissensfreiheit unter Ma- 
ria Theresia's und Joseph's II. glorreicher Regirung 
nach so vielen Stürmen einen heitern , friedlichen Tag 
an, als sich auch schon die Zahl der Schriftsteller un- 
ter den Slowaken vermehrte, und die Literatur, aus 
den engen Gränzen der Theologie herausgetreten, sich 
auch über Gegenstände des bürgerlichen Lebens auszu- 
breiten anfing. Unter den Schriftstellern dieses Jahr- 
hunderts zählt man einige sogar aus dem höhern Adel ; 
die verscheuchten Musen kehrten nach Pannonien zu- 
rück, und die slowakischen Dichter fingen an auch ir- 
disches Weh und Wol zu besingen. Während aber die 
protestantische Partei die böhmische Mundart als Schrift- 
sprache unter den Slowaken rein zu erhalten beflissen 
war; verliessen einige katholische Schriftsteller die frü- 
herhin ohne Zweifel auch von ihnen festgehaltene Bahn, 
und versuchten in der slowakischen Volksmundart zu 
schreiben. Denn dass die frühern katholischen Schrift- 
steller unter den Slowaken sich der bis dahin herrschen- 
den, geregelten böhmisch - slowakischen Schriftsprache 

25* 



388 

bedient haben, danm ist gar nicht zu zweifeln; diess 
wird sich erweisen, wenn wir dereinst die ältesten slo- 
wakischen Schriften vollständiger kennen werden. Schon 
im J. 1718 gab Pater Alex. Mäcsay, ein Pauliner, 
seine Predigten zu Tyrnau in der gemeinen slowakischen 
Sprache heraus. Ihm folgten die Tyrnauer Jesuiten mit 
ihren Gebet- und sonstigen Religionsbüchlein, die zwar 
im Ganzen noch immer böhmisch sind, aber im Einzel- 
nen schon ein Sprachgemisch ohne Consequenz darstel- 
len. Nun versuchten es Jos. Ign. Bajza (1783), Ant. Ber- 
noläk. (1787-91) und Ge. Fändli (1790) die slowaki- 
sche Mundart in Gang zu bringen. Nicht so dachten die 
Protestanten, denen diese Neuerung für die Cultur der 
Sprache nachtheilig schien. Während sich um Bernoläk 
und Fändli eine literarische Gesellschaft in dem Tyr- 
nauer, Neitraer und Trencsiner Bezirk bildete, deren 
Glieder sich zur Abnahme der bernolakisch-slowakischen 
Bücher verbunden hatten, traten auch die protestanti- 
schen Slowaken zusammen, und errichteten aus eigenen 
Mitteln, durch freiwillige Beiträge der Gemeinden, der 
Geistlichkeit und anderer Slawenfreunde im J. 1803 das 
Institut der böhmisch-slowakischen Sprache und Litera- 
tur mit einer Lehrkanzel für dieselben am evangelischen 
Lyceum in Pressburg, dessen Zweck die Reinhaltung der 
böhmischen Schriftsprache und Verbreitung nützlicher 
Religions- und Volksbücher unter den Slowaken war. Hr. 
Ge. Palkowic ward als Professor und Secretär des Insti- 
tuts nach Pressburg berufen. Einen schönen Tag schien 
der herrliche Morgen zu verkündigen — die in den er- 
sten Jahren der Anstalt mit musterhafter Correctheit her- 
ausgegebenen zahlreichen Schriften erregten grosse Hoff- 
nungen; aber bald zogen auf dem mittägigen Himmel 
düstre Wolken herauf — das Institut war nur ein Men- 
schenwerk, — es zerfiel, nachdem es kaum da gewesen. 
Vergeblich bemühten sicli die Hrn. Lowich und Tablic 
dasselbe durch die 1812 neugcbildete slowakische Ge- 
sellschaft zu ersetzen; auf den schnell verflogenen Auf- 
schwung der Gemüther folgte ein Indifferentismus, auf 
diesen eine totale Lethargie. Seitdem fahren einige we- 
nige protestantische Schriftsteller fort, sich als Dilcttan- 



389 

ten unter den Deckflügeln der böhmischen Literatur dem 
Dienste der slawischen Muse zu widmen; während die 
Katholischen, deren wachsender Eifer für die Empor- 
bringung der slowakischen Literatur nicht genug zu 
rühmen ist, mit Ausnahme einiger Wenigen, entschlos- 
sen zu seyn scheinen, den von Bernoläk vorgeschlage- 
nen Weg zu verfolgen. Diesem Eifer leuchtet ein er- 
habenes Bild vor in dem edlen Sinn, mit welchem Se. 
fürstl. Gnaden, Herr Alexander v. Rudna und Divek- 
Ujfalu, Primas und oberster geh. Kanzler d. Kgr. Un- 
gern, Erzbischof zu Gran u. s. w. (geb. in Heilig. -Kreutz 
an d. Waage, Neitr. Com., den 4. Oct. 1760), selbst ein 
gründlicher Kenner der slaw. Sprache, die natürlichen 
unveräusserlichen Rechte derselben, als der Mutterspra- 
che eines grossen Theils des seiner geistigen Obhut an- 
vertraueten Volks, ehrt. Beweis dessen sind die von 
Hochdemselben früherhin in slow. Sprache gehaltenen 
zahlreichen geistlichen Reden, deren einige zu Tyrnau 
804. in Druck erschienen sind und die Herausgabe des 
grossen Bernoläkischen Wörterbuchs, das ohne seine gü- 
tige Fürsorge schwerlich das Tageslicht erblickt hätte. -- 
Es wäre zu wünschen, dass aus diesen vereinzelten Be- 
mühungen sowol der katholischen, als auch der prote- 
stantischen slowakischen Schriftsteller, durch gegenseiti- 
ge Anschliessung im Geiste echter christlicher Liebe und 
slawischer Milde, durch ruhige, parteilose Forschung 
und Beachtung des bereits gut Begründeten, mit der 
Zeit eine, alle billige Forderungen aufgeklärter Nationa- 
len befriedigende, slowakische Schriftsprache hervorge- 
hen möchte, bei der zwar in der Regel die böhmische 
Grammatik als Grundnorm angenommen, aber zugleich 
auch die Natur der slowakischen Landesmundart bei der 
Aufnahme einheimischer Wörter, Phrasen und Biegun- 
gen so weit berücksichtigt werden müsste, dass dadurch 
der Styl ein eigenthümliches, echt— slowakisches Colorit 
erhielte, um einerseits den Bedürfnissen des slowaki- 
schen Volks anpassend schreiben zu können, anderer- 
seits aber den gegenseitigen Literaturverkehr zwischen 
den Böhmen und Slowaken zum wahren Wol beider 
Brüder - Völker auch in der Zukunft fest zu erhalten. 



390 

Es ist liier übrigens nicht der Ort, den Gebrauch der 
böhmischen Schriftsprache unter den Slowaken beweis- 
führend in Schutz zu nehmen — ich verweise in dieser 
Hinsicht auf eine andere Schrift 13 ) — ; nur so viel will 
ich sagen, dass so lange in den slowakischen Schulen nur 
das Lateinische u. Ungrische getrieben, und der Jugend 
in der slowakischen Schriftsprache kein Unterricht er- 
tlieilt wird, so lange ferner die jungen slowakischen Theo- 
logen und künftigen Schullehrer die Kegeln der böhmisch- 
slowakischen Literalsprache nicht auf ihren Gymnasien u. 
Lyceen lernen werden, die böhmisch-slowakische Spra- 
che und Literatur in Ungern nie die Sache des slowaki- 
schen Volks, sondern immer, wie jetzt, nur der Gegen- 
stand der Beschäftigung einiger wenigen Liebhaber seyn 
wird. Was aber bei der bekannten Indolenz der Slowaken, 
vorzüglich des Adels, gegen ihre angestammte Sprache, 
und dem aus einem missverstandenen Interesse der ma- 
gyarischen Patrioten, die ihre Literatur erst auf den Rui- 
nen des Slowakismus in Ungern recht aufbauen zu kön- 
nen vermeinen, herrührenden Drucke hievon zu erwar- 
ten sey, ist leicht zu errathen. Von den Schriftstellern 
dieser Periode nennen wir: Math. Bei aus Ocowa, Pred. 
in Pressburg, (geb. 1684, gest. 1749), einer der gröss- 
ten Literaturen Ungerns, besorgte mit Dan. Krman eine 
neue Ausg. der Bibel, Halle 722. 8., des N. T. Halle 
709., übersetzte Arndts Paradiesgärtlein 720. 12., des 
Cellarius lib. memor. lat. probatae, Lpz. s. a. 8., Flos me- 
dicinae schol. Salcrn., Pressb. 721. — Dan. Krman, Su- 
perintendent (geb. 1G63, gest. 1740), ein um die slowa- 
kische Literatur hochverdienter Mann, gab 1722 mit 
Bei die Bibel, 1734 (s. 1.) Agenda ecclesiastica slavica, 
1738 den kleinem und grossem Katechismus Luthers 
und andere kleinere Schriften heraus ; mehreres, als : Ru- 
dimenta gramm. slav., de Slavorum orig. dissert., hin- 
terliess er in Msc. — Ge. Ambrosius, Superintendent, 
aus Unter-Kubin in Arva (gest. 1746), ausgezeichnet 
durch seine Frömmigkeit, Gelehrsamkeit und Wolreden- 

13 ) S. die Vorr. zu Pjsnö swrtske lidu slow, w Uhrjch (Pesth 823), 
WO die Grßnde für die Beibehaltung der böhm, Schriftsprache, jedoch mit 
gebührender Berücksichtigung des slowak, Idioms und seiner natürlichen 
Uechti , mit überzeugender Klarheit aufgezahlt werden. 



391 

heit, schrieb Erläuterungen über Luthers Katechismus, 
gab 1742 (N. A. 1778 in Pressb.) Pfjprawa k smrti, u. 
1745 Gädro kr est. ew. ucenj, in Brieg od. Wittenberg 
heraus. — Ge. Bahyl, aus Perlatz in Gömör (gest. 1759), 
gab die Sonn- und Festtags-Episteln und Evangelien in 
Leutschau heraus, schrieb eine Einl. ins A. u. N. Test., 
eine Gesch. der symbolischen Bücher, eine Erklärung der 
dunklen Wörter des A. u. N. Test., half bei der Heraus- 
gabe des Komenskyschen Orbis pictus u. s. w. — Math. 
Bahyl, Pred. in Cserencs, u. seit 1734 in Eperies, be- 
kannt durch seine widrigen Schicksale, die er sich 
durch die Uebersetzung von Meissners Consultatio or- 
thod. de fide Lutherana capessenda et Romana deserenda 
und von Cyprians Belehrung vom Ursprung und Wachs- 
thum des Papstthums, unter dem Namen Theodorus von 
Hybla, Wittenberg 1745 8., zugezogen. — Paul Jaco- 
baei, Pred. zu Modern (geb. 1695, gest. 1752) , ein 
fruchtbarer Schriftsteller, dessen: Zahrädka dusj ne- 
mocnych, s. 1. (Puchow) 1733. 12., Ewang. Funebräl, 
Pressb. 783., (enthält auch von andern Vff. Lieder), und 
Modlitebnj poklad s. 1. (Zitau) 732., am meisten be- 
kannt sind. — Sam. Hruskowic, Superintendent, (gest. 
1748), der Geliert der Slowaken, bereicherte Tranows- 
kys Cithara mit 88 Liedern, Laubau 745. 8., und be- 
sorgte eine neue Ausg. des Luth. Katech. 735. — Math. 
Bodo aus Rima-Bänya in Klein-Hont, Advocat u. Fiscal 
(gest. nach 1757), gab: Zwuk ewangelium wecneho 743. 
12. heraus; anderes hinterliess er in Msc. — Joh. Bla- 
sius der Aeltere, zuletzt Pred. in Trencsin (gest. 1749), 
liess 4 asketische Schriften in den J. 1739-45 drucken, 
schrieb ausserdem Kirchenhymnen. — Joh. Blasius der 
Jüngere, Pred. in Gross-Paludza (geb. 1703, gest. 1773), 
ist Yf. von einem Gebet- (756. 12.) und Gesangbuch 
756. 12. — Fat. Alexander Mäcsay, ein Pauliner, gab 
s. Predigten zu Tyrnau 718. 4., mit der Bemerkung auf 
dem Titel: w slowenskem gazyku poneyprw na swetlo 
wydane, heraus. — Joh. Glosius aus Pondelok, zuletzt 
Pred. in Aszöd (gest. um 1724), besorgte ein Gesang- 
(s. 1. et a.) und ein Gebetbuch (eb.), und verfasste ein- 
zelne Kirchengesänge. — Paul Dolezal aus Skalic, zuletzt 



392 

Pred. in Boca, Vf. mehrerer slowakischen Sprachbücher, 
Gramm, slavo-boh., Pressb. 746. 8., Donatus lat.-slav., 
Pressb. 748., Sama ucjcj abeceda a slabikär, mit Fig. 756., 
gab Denksprüche aus der Bibel in Reimen, s. 1. 745. her- 
aus, anderes hinterliess er handschriftlich. — Joh. Chra- 
stina, Lehrer in Pressburg um 1757, besorgte mehrere 
Jahre lang die Herausgabe eines brauchbaren Kalenders, 
schrieb komische Erzählungen vom Gelo und Taubmann 
in Reimen, herausg. v. Tablic, Skalic 805. 12. — Math. 
Augustini, zuletzt Pred. in Trencsin (gest. 1753), ver- 
fasste einige Kirchenlieder, und drei asketische Werke. 
— Mart. Laucek aus St. Martin in Thuröcz, Pred. in 
Skalic (geb. 1732, gest. 1802), ein fleissiger slawischer 
Schriftsteller, von dessen 5 theologischen Werken vorzüg- 
lich: Slowärne aneb konkordancj biblicka, Pressb. 791.4. 
bekannt ist. — Paul Teschlak aus Sohl, Pred. in Orosz- 
län (geb. 1759, gest. 1801), ist Vf. mehrerer metrischer 
Gedichte, die einzeln erschienen sind. — Mr. Dan. Je- 
sensky gab ebenfalls einzelne Gedichte vermischten In- 
halts heraus. — Dan. Sartortus, Pred. in Neusohl (geb. 
1704, gest. 1763), gab 3 theologische Werke heraus. — 
Math. Markowic, Pred. in Szarvas (geb. 1707, gest. 1762), 
ist Vf. von 6 Schriften, worunter eine Geographie und 
Geschichte von Ungern in Reimen. — Joh. Cerriansky, 
Pred. in Nieder-Strehowa (1709-1766), gab 2 Erbau- 
ungsbüchlein heraus. — El. Mlinärowych, Bürger in 
Kesmark zu Anfange des XVIII. Jahrb., verfasste eben- 
falls zwei asketische Büchlein. — Joh. Podmanicky von 
Aszöd unterstützte freigebig die Herausgabe von Gesang- 
uud Gebetbüchern, und fügte denselben mehrere eigene 
Lieder bei. — Joh. Ambrosy, Stuhlrichter in Arva, gab 
1780 ein asketisches Werk unter d. T. Skola Kristowa 
12. heraus. — Job Zmeskal von Domanowce und in Le- 
stiny, Vice-Gespan des Arver Comitats, ist Vf. der Skola 
Jobowa 781. 8. — Balth. Pongrdtz von St. Miklös und 
Ovar , mehrerer Gespanschaften Gerichtstafelbeisitzer, 
übersetzte des Amadeus Kreuzbeck asketisches Werk un- 
ter dem Titel: Pobozna premyslowanj, Pressb. 783. 8. — 
Andr. Demian aus Trencsin, Advocat , (gest. 1799), 
schrieb Gelegenheitsgedichte voll spielenden Witzes und 



393 

munterer Laune, herausg. v. Tablic im 2. B. der Slow. 
Wersowci, Waizen 809. 12. — Sam. Michalides, Su- 
perintendent des Bergdistricts seit 1732, übers, das Sum- 
marium biblicum der Wittenberger Theologen aus dem 
Teutschen, 730. 4 Bde. — Elias Milec, übers. Haasens 
Paraphrase des N. Test., gedruckt auf Kosten des slow. 
Instituts, Pressb, 807. 2 Bde. 4. — Mich. Blashis, schrieb 
mehrere asketische Werke, darunter einen Katechismus 
nach Rautenberg. — Dan, Lehocky gab ein Werk über 
die Erziehung heraus, Pressburg. 786. 8. — EL Marcek 
schrieb: zitnemkwetu, Pressb. 768. 8. — Ant. Bernoldk 
aus Arva, Pfarrer, zuletzt in Ersek-Ujvär (gest. 1813), 
trat als Apologet der slowak. Landesmundart auf, und 
gab in Druck heraus : Dissert. de literis Slavorum, Poson. 
787. 8.; Gramm, slavica, Poson. 790. 8., ins Teutsche 
übers, v. Andr. Brestyansky, Pfarrer zu Sooskut, Of. 817. 
8.; Etymologia vocum slavicarum, Tyrn. 791. 8.; in der 
Handschrift hinterliess er ein slowakisch.-böhm.-Iat.-teutsch- 
ungrisches WB., wovon bereits 1 Bd. 8. Of. 825 erschie- 
nen ist, und die übrigen 3 noch nachfolgen sollen. — Ge. 
Palkowic, Domherr und Propst in Gran, ein gebilde- 
ter, kenntnissreicher Freund und Pfleger slawischer Stu- 
dien, verfertigte zu dem obengenannten WB. von Ber- 
noläk den 4 Bd., enthaltend ein lateinisches Repertorium, 
wodurch das Werk auch für die lat. Sprache brauchbar 
wird, und Hess ausserdem mehrere slowakische Werke 
fremder Verfasser auf eigene Kosten drucken. — Ge. 
Fändli , Pfarrer in Nahac , ein sehr eifriger Slawe, 
Anhänger Bernoläk's, gab heraus: Pilny hospodär, in 
4 Th. Tyrnau 792. — Jos. Ign. Bajza, Cwicenj po- 
boznosti , ein Gebetbuch ; Präwo o ziwenj farärüw, 
Obrana blahosl. P. Marie; Wesele ucinky a fecenj k 
sträwenj truchliwych hodin; Epigrammatech , Zilin 
794.; Kfestansko katolicke näbozenstwj, 5 Th. eb. 789- 
796. 8. — Adalb. Gazda, ein Francisc, schrieb: Zrele 
owoce slowa bozjho, in 2 Th. eb. 796. 8.; Zahrada 
kwetnä, in 2 Th. eb. 798. 8.; Dwanäctero käzanj, Skalic 
798. 8., überdiess noch mehrere Predigten in 6 Gänge 
eingetheilt, worunter der erste den Titel: Bolestne sta- 
zowänj Kr. P. führt, 2 Bde. Tyrnau 799 — 801. 8. — 



394 

Petr. Zdborsky , Notar und Lehrer in Tsik-Tartsa, 
gab heraus: Staw sedläcky a geho chwäla, Waitzen 795. 
— Ge. Lessäh , gab heraus : Umenj poctu , Pressb. 
779. — G. P. übersetzte: Opäta Petra Metastasio du- 
chowne diwadlo, Tyrnau 801. 8. — Ant. Bencsics, gab 
Manna spasitelnä in 4 Tb. heraus. — Andr. Meszäros, 
Abt und Domherr in Neitra, schrieb mehrere Gebetbü- 
cher und Predigten, Ucenj fjmskeho katolickeho näbo- 
zenstwj, und Ziwot Tobiäse. — Mich. Klimko, verfass- 
te: Krizant a Daria , smutnä hra. — Theoph. Keliny, 
Arzt im Thuroczer Comit. , Poucenj o puwode, pri- 
rozenj a zastepowänj chranjcjch sypanic, aus dem Ungr. 
des Doct. Bene, in Schemnitz 804. — Andr. Turzo, 
Pfarrer in Kljs, lieferte e. Ueberstzg. u. d. T. Pfjkladne 
a obzlästne historie, Tyrnau 807. — Fr. Habet, Pfar- 
rer in Dubnic, gegenwärtig Abt und Domherr in Nei- 
tra, gab: Knilia o näsledowänj P. Kr., und Katechis- 
mus, ebenfalls Uebersetzungen , in Druck heraus. — 
Ge. Rybay, zuletzt Pred. in Torzsa Bäcser Comitat 
( gest. 1812 ) , ein unermüdet fleissiger Slawist, 
dessen Bücher- und Handschriften- Sammlung an Hrn. 
v. Jankowic in Pesth, das slowak. Idiotikon aber an 
Hrn. Palkowic in Pressburg käuflich gekommen ist, 
gab: Katechismus o zdrawj, Pesth 795. 8., und Pra- 
widla moresnosti a zdwofilosti, eb. 795. 8. heraus. — 
Steph. Deluck, Pred. in Acsa, gab ein Sittenbüchlein 
für die Jugend heraus. — Aug. Dolezal, Pred. in Sucan 
(geb. 1737, gest. 1802), schrieb mehreres in Versen, 
darunter : Pametnä celemu swetu tragoedia, Skalic 791. 
8. — Mich, lnstitoris Moschötzy, Pred. in Pressburg 
(geb. 1733, gest. 1803), ausgezeichnet durch Frömmig- 
keit und Gelehrsamkeit, schrieb 10 Werke in slaw. Spra- 
che, andere begleitete er mit einer Vorr. od. mit An- 
merkungen. — Dan. Bocko, Pred. in Szarvas (geb. 1751, 
gest. 1806), ist Herausgeber von 5 slaw. Schriften. — 
Joh. Tonsorts, Prediger in Istebna, gab 1746 in Wit- 
tenberg eine Einleit. in die h. Schrift, und 1771 in Ska- 
lic ein medicinisches Werk: Zdrawa rada lekarska, her- 
aus. — Sat/i. (Jerhansky, Pred. in ßäth (geb. 1759, 
gest. 1809), gab Gellerts geistliche Lieder, Pressb. 787, 



395 

8. ? eine böhm.-slow. Orthographie, Schemnitz 802. 12., 
und die Lebensbeschreibung des Gr. Benowsky, Pressb. 
808. 8. heraus. — Joh. Hrdlicka, Pred. in Maglod (geb. 
1741), und Math. Schulek, Pred. in Theissholz (geb. 
1748), machten sich durch mehrere einzelne Gedichte 
und Gelegenheitsschriften bekannt. — J.Procopius, Med. 
Doct. in Skalic (gest. um 1808), übers. Tissots Zpräwa 
pro lid obecny z franc, Skal. 788. 8., hinterliess in Msc. 
ein slawisch-lateinisches Wörterb. in 2 Foliobändeu (in 
Pesth b. Antiquar Iwanic), eine Gesch. d. Hussitenkriegs, 
Msc. in 4., Biographie des Kg. Podebrad Msc. 4., Gellerts 
Sittenlehre Msc. 4. — Mich. Semian, Pred. in Pösing 
(geb. 1741) ein verdienter Schriftsteller, gab 1787 die 
Bibel in Pressburg, 1786 eine Gesch. von Ungern, 1790 
einen Roman: Kartigam a. d. Ungr., u. a. m. heraus. — 
Andr. Plachy aus Wrbowka, Honter Gesp., Pred. in 
Neustädtl (geb. 1755), einer der fruchtbarsten slowa- 
kischen Schriftsteller , erwarb sich den Dank seiner 
Sprach- und Glaubensgenossen durch folg. Schriften : 
Stare nowiny, e. Zeitschr. belehrenden und unterhalten- 
den Inhalts, Neusohl 785 - 86. 8., Agenda ecclesiastica 
slavica A. C. Neusohl 789. 4., Cithara Sanct. v. Tranowsky, 
Ewang. Funebräl 798. 8., Kochänj s Bohem w rannjch 
hodinäch, a. d. Teutschen des Chr. Sturm 790. 8., Po- 
stilla domownj 805. 2 Bde. 8. u. m. a. — Steph. Leska 
aus Wrbowce, (geb. 1757, gest. 1818), 1786-98 Su- 
perintendent der böhmischen Gemeinde A. C, zuletzt 
Prediger in Kis - Koros, ein vorzüglicher Kenner der 
slawischen Sprache, schrieb mit musterhafter Correct- 
heit; s. Hauptschriften sind: Nowä kniha zpewu, Pr. 
796. 8. Uwedenj ku gruntownjmu poznänj krest. nä- 
bozenstwj, a. d. T. des Sup. Fock, Pr. 798. 12., Pocä- 
tecne cwicenj w näbozenstwj, eb. a. d. T., Pr. 797. 12.; 
er schrieb die erste slowakische Zeitung: Prespurske 
nowiny 785. ff., übers, den Robinson für Kramerius, 
Pr. 808. 8., sammelte fleissig für die böhm. u. slowak. 
Lexicographie (für Hrn. Dobrowsky, Palkowic), hin- 
terliess einen Elenchus vocabulorum europaeorum cum- 
primis slavicorum magyarici usus, gedruckt Ofen 825. 8. 
und Blumauers travestirte Aeneis lr, Gesang. — Jos. 



396 

Kubdnyi, Pfarrer in Cifer, ist Verfasser zweier Ueber- 
setzungen u. d. T. Näbozne naucenj k uzitku obecne- 
ho lidu , Tyrnau 818. 8.; Philothea aneb wynauco- 
wanj k ziwotu poboznemu , Pressburg 822. 8., ei- 
nes Gebetbüchleins für Kranke, eb. 818. 8., und meh- 
rerer Gelegenheits - Predigten. — Andr. Pazdr, Pre- 
diger in Csetnek, übersetzte Seilers Religion der Un- 
mündigen, Eperies 791., J. F. Jacobs prwnj prawdy 
wjry a powinnosti krest. näbozenstwj, Kosenau 822. 8. 
— Joh. Glosius, Pred. in Rester, schrieb über die Bie- 
nenzucht, Neusohl 792. 8. — Mart. Ruduch, Schulleh- 
rer in Rekenye, gab ein Rechenbuch heraus, Pressb. 776. 
8. — Joh. Fejes, Comitats-Assessor und der evang. Ge- 
meinden in Kl. Hont Inspector (gest. 1823), ist Yf. des 
Hlas wolagjcj k sedläküm, Pr. 808. 8. — Paul Schramko, 
Prediger in Klenotz (geb. v 1743), gab einige kleine Schrif- 
ten heraus, worunter: Ceskoslow. grammatika aneb li- 
ternice, eig. nur eine Orthographie, Pressb. 805. 8.; ver- 
fertigte in Msc. ein griechisch-slawisches Wörterb. 3 Bde. 
fol. u. s. w. — Paul Walasky (geb. 1742, gest. 1824), 
Pred. in Jelsawa (Eltsch) und Senior, Vf. einer' Litera- 
turgeschichte v. Ungern in lat. Sprache, Hess mehrere 
slow. Predigten drucken. — Ladisl. Bartholomaeides, 
Prediger in Ochtina, (gest. 1825) ein unermüdeter, gelehr- 
ter Forscher und Schriftsteller, der ausser mehreren 
lat. Werken, in böhmischer Sprache folg. herausgege- 
ben: Hist. o Americe, Pressb. 794. 8.; Geografia, Neu- 
sohl 798. 8.; Hist. pfirozenj, Of. 798. 8.; auch besorgte 
er einen neuen Abdruck von des P. Hradecky Aquilinas: 
Flavia Josefa o wälce zidowske knihy VII., Leutschau 
805. 8. — Mart. Pari, Prediger in Töth-Pröna (gest. 
1814), schrieb: hogenj dobytka Neus. 808. — Joh. 
Mojzisowic ', Prediger in Pribötz schrieb : Zpräwa o 
besnosti, Neus. 1803 und einige Verse u. Predigten. — 
Joh. Schul ek, Prediger in Sobotist, gab mehrere Schul- 
bücher heraus, Grammatika latinska , Katechismus, O 
ohni a delanj habanskych slamenych stfech, eb. 804. - - 
Ge. Füredy, Prediger in Peterka, übersetzte Raffs Na- 
turgeschichte, im Msc, liess einige Reden drucken. — 
Mart. Hamaljar, Superintend. u. Prediger in Szarvas 



397 

(gest. 1812), gab eine Agenda, t. g. Pofädek präc cjr- 
kewnjch. Schemnitz 798. heraus 5 verfasste eine kurze 
Geschichte d. christl. Rel., und mehrere Aufsätze. — Ge. 
üolli, Neitraer Domherr,, gab: Kancionäl slowensky 
und mehrere Predigten heraus. — Sam. Barowsky, 
Prediger in Schowe, schrieb: Historie biblicke stareho 
zäkona, die im Msc. auf d. Druck warten. — Grisa, 
Prediger in Pösing, übersetzte Herders Katechismus. — 
Paw. Hawas, Schullehrer in Eltsch, verfasste Katcch. 
D. M. Lut. s wyklädem, Pesth 825. — G. Jankowic, 
Schullehrer in Czinkota, gab heraus: Potfebnä spräwa 
pro mlädez, Of. 803. — Sam. Roznay, Pred. in Neu- 
sohl (gest. 1815), ein classisch gebildeter Geist, in der 
Blüthe seiner Jahre verblichen, übers. Anakreons Ge- 
dichte a. d. Gr., Pr. 812. 12., Krasickys komisches Epos : 
Myszeis a. d. Poln. in Hromädkos Wiener Zeitschrift 
1815 u. in. a. — Mich. Staygel, Pred., schrieb eine Me- 
thodik für die Schulen. — Joh. Krman, Schullehrer in 
Klenolz, gab : Wytah z geografie uherske zeme, Leutsch. 
802. 8„ Wytah ze statistiky, präwa a geografie uherske 
zeme, Leutsch. 803. 8., beides in Reimen, heraus. — 
Ge. Palkowic aus Corono-Bänya, Prof. der böhmisch- 
slow. Sprache u. Liter, in Pressburg, bereicherte die Li- 
teratur mit mehreren nützlichen und wichtigen Schrif- 
ten: Musa ze slow, hör, Waitzen 801. 8., Hufelands Ma- 
krobiotik, eb. 800. 8., Znämost wlasti, Pressb. 804. 8., 
Böhm.-teutsch-lat. Wörterb., Pr. u. Pressb. 820-21. 2 
Bde. 8.; er besorgte ferner eine correcte Ausgabe der 
Bibel, Wien 808. 8., gab 1808-818 eine slowak. Zei- 
tung: Tydennjk, und seit 1801 einen verbesserten Ka- 
lender heraus. — Boh. Tablic, Pred. in Egyhäz-Maröth, 
ein fruchtbarer, verdienstvoller Schriftsteller, dem die 
slowak. Literatur die Bereicherung mit mehreren wahr- 
haft populären Schriften verdankt, wir nennen hievon: 
Urcenj cloweka, a. Spalding, Pametne prjhody Step. Pi- 
larjka, Skalic 804. 12., Slowenstj wersowci, Skalic u. 
Waitzen 805-09. 2 Bdchen 12., Poesie Waitzen 806-12. 
4 Bde. 8., Liduinil, Waitz. 813.8., Diaetetika, Waitz. 
819. 8. — Paul Michalko, Pred. in Irscha, (gest. 1825) 
schrieb: O skodliwosti powery, mit Anm. v. Institoris 



398 

Moschötzy, Fysika, Of. 819. 8. — Mart. Durgala, Lehrer 
in Skalic, gab eine teutsche Gramm, in slow. Sprache 
heraus. — Andr. Palumbini, Pred. in Drasowce (gest. 
1823) schrieb: Nowy modlitebnj poklad, Pesth 823. 8. — 
Joh. Kollär aus Thuröcz, Pred. in Pesth (geb. 1793), Hess 
eine Sammlung seiner Gedichte u. Lieder: Bäsne, Pr. 821. 
8., ein grösseres lyrisches Gedicht: Släwy deera in III. 
Ges., Of. 824. 12., mehrere Predigten u. Abhandlungen 
einzeln und in Krok, Cjtanka Of. 825., ein Schulbuch von 
mehreren Mitarbeitern, u. s. w. drucken. — Joh. v. Ca- 
plowic, Güterinspector, gab e. Samml. slow. Gedichte ver- 
schiedener Yff.: Slowenske werse, Pesth 822. 8. heraus. — 
A. Szoltisz, Studirender d. Theol., schrieb: Pjsne, und Li- 
stownj knizka, Pressb. 823. — /. Holli, Pfarrer in Ma- 
dunic , übersetzte : Rozlicne bäsne hrdinske , elegicke 
a lyricke z Virgilia, Teokrita, Hornera, Ovidia, Tirtea 
a Horäce, s predstawenü prozodiü, Tyrnau 824. 8. — 
Jan Gegusch, Prediger in Ocowa, übersetzte Kampe 1 s 
Kolumbus aneb Avynalezenj zäpadnj Indie, Neusohl 825. 

— Einzelne bemerkenswerthe Predigten gaben in Druck 
heraus: P. Adalb. Simko, Math. Blaho, Paul Stehlik, 
Joh. Seberiny, Auf. Straka, Joh. Krcmery, Mich. Re- 
setka, Steph. Hamuljäk, Aug. Lang hoff er, Joh. Jelsjk; 

— einzelne Gedichte oder Aufsätze lieferten : Casp. 
Fejerpataky, Paul Jakubowic, J. Korcek, Mal. Eolko, 
Andr. Scheliga, Fizel, u. a. in. M ) 

14 ) Quellen. Ausser A. Horönyi memor. Hung., W. 775. — 77. 3 Bde. 
8., nova memor., Pesth 792. 8. u. P. Walasky conspect. reip. litt, in Hung., 
2 A. Of. 808. 8. (von denen jener äusserst dürftige Notizen von einigen slo- 
wak. Scbriftstellern, dieser nur kahle Namen liefert), vgl. Versuch e. Gesch. 
d. böhm. slaw. Sprache in Ungern, in den W. Anzeigen 3r Bd. 773. S. 164- 
171. — Boh. Tablic, Pameti ceskoslowenskych basnjrn, in s. Poesien, Wai- 
tzen 800 — 12. 4. Bde. 8. — J. Dobrowsky über die Lit. d. Slowaken, in der 
Slowanka 815. 2r Tbl. S. 177 — 187. 



Dritter Abschnitt. 

Geschichte der polnischen Sprache und Literatur. 

§• 47. 

Historisch - ethnographische Vorbemerkungen. 

Die heutigen Bewohner Polens, ein Zweig des sarma- 
tischen Slawenstammes, rückten im VI. Jahrb., um wel- 
che Zeit die Bulgaren ein Hordengedränge an der Donau 
veranlassten, in die Gegenden an der Weichsel ein, nach- 
dem bereits die Lygier von da westwärts, und die An- 
ten in die heutige Walachei gezogen waren. Früher 
schon hatten die Littaiier, Stammverwandte der Letten, 
nach einigen ein selbständiger, nach andern ein slawi- 
scher Volkszweig, die seit dem II— IV. Jahrh. von den 
Gothen und Wandalen verlassenen Ostsee- und Weichsel- 
länder besetzt. Der Name Polen *) erscheint erst am 

x ) Ueber die Etymologie der Wörter Lech, Polan ist verschiedenes 
vorgebracht worden. Lech war bei den alten Böhmen, noch zu Dalimils 
Zeiten, ein Appellativ, und bedeutete einen freien, edlen Mann. — Das 
Wort Polan (Poliak) kommt nach Boguphalus entweder vom Polus arcti- 
cus, od. von dem Schlosse Polan in Pommern her ; nach Sarnicius aber 
von der Stadt Pola in Illyrien, nach Lengnich von den Laziern ; nach 
Orichovius und Schwabenau hingegen soll es aus Powlachien, Powlach zu- 
sammengezogen seyn, und ein hinter den Wlachen wohnendes Volk bedeu- 
ten. Die wahre Bedeutung haben schon Gervasius (1211) u. Hajek (1541) 
angegeben: inter Alpes Hunniae et oceannm est Polonia, sie dieta in eo- 
rum idiomate quasi Cam,pania, also: Bewohner der Ebene, der Blachf ei- 
der. — Lech, Ijach ist bei Nestor ein nomen generis, Poljan ein nomen 
speciei: Poljane sind bei ihm diejenigen Ljachen, die in der Ukraine, auf 
weiten Blachfeldern , Lutitzer, die in Vorpommern um Loitz herum, Ma- 
zowsane die in Masowien, Pomoriane die in Pommern wohnten. Später 
verlor sich der generische Name Ljach, Ljachen, und der Specialname Poljan 
überging auf alle lechische Stämme. — Ueb. Lech, als Person, s. Schwa- 
benau d. ältesten Slawen im Hesperus 1819. 



400 

Ende des X. Jahrh. als ein gemeinschaftlicher Name der 
lechischen Slawenstämme an der Weichsel. Die Horden- 
häupter der Polen vereinigten sich 840 unter einem all- 
gemeinen Oberhaupte, einem Herzoge, der Piast geheis- 
sen haben soll, dessen Stamm bis ins XIV. Jahrb. herrsch- 
te. Durch Berührung mit Teutschland und Böhmen kam 
das Christenthum nach Polen. Mieczyslaw Hess sich um 
965 taufen, und die Bisthümer Posen, Gnesen u. Kra- 
kau wurden gestiftet. Durch die Theilung Boleslaws III. 
1138 zerfiel der polnische Staat in 4 Länder: Grosspo- 
len an der Warte, Kleinpolen an der obern Weichsel, 
Schlesien und Masowien. Durch innere Zwistigkeiten, 
Kriege mit den heidnischen Preussen, und den Einbruch 
der Mongolen (1240) verfiel Polen in einen Zustand 
von Kraftlosigkeit, aus dem es erst Wladyslaw Lokietek, 
der Gross- und Kleinpolen zu einem Königreich verei- 
nigte (1320) , herausgerissen hat. Sein Sohn Kazimierz 
der Gr. unterwarf sich Rothrussland (1340), die Pro- 
vinzen Podolien, Wolynien, Chelm und Beiz (1349), 
musste jedoch die Oberherrschaft von Schlesien aufgeben. 
Nach Kazimierzs Tode wurde Polen nach und nach ein 
Wahlreich, in dem der Adel allein die Nation darstellte 
und ausschliessend alle politischen Rechte ertheilte. Des 
Kg. Ludwig, eines Schwestersohnes Kazimierz's des Gr., 
Tochter, Hedwig, vermählte sich mit Jagiello, Gross- 
herzog von Littauen, der in der Taufe den Namen Wla- 
dyslaw bekam, und Littauen wurde zuerst abhängig 
von Polen, hernach (1569) demselben völlig einver- 
leibt. Jagiellos Sohn, Wladyslaw VI., blieb in der Schlacht 
bei Warna 1444, und der Grossenkel Zygmunt IL Au- 
gust schloss 1572 seinen Stamm. Stephan Bathory nö- 
thigte Russland zur Räumung Lieflands (1582) 5 auch 
Wladyslaw VII. behauptete die Würde seiner Krone 
gegen Russland, und dehnte seine Herrschaft bis weit 
über den Dnieper hinaus; aber Johann Kazimierz musste 
Liefland an Schweden (1660) abtreten, ein Theil der 
Kosaken hob (1654) die Verbindung mit Polen auf und 
begab sich unter russischen Schutz (1654); der Chur- 
fürst von Brandenburg entzog Ostpreussen der polni- 
schen Lehensherrschaft (1657), und die Russen nahmen 



401 

ihre verlorneu Provinzen jenseits des Dniepers wieder 
zurück (1667). Mich. Wisniowiecki verlor Kamienec 
und Podolien an die Türken ; der Heldenoiuth des tap- 
fern Johann Sobieski schützte zwar die polnische Ukraine 
gegen türkische Eroberung, aber Kleinrussland musste 
an Russland abgetreten werden (1686). Unter August 
II. (1697-733) fiel der türkische Antheil von Podolien 
und Ukraine an Polen zurück. Nach dem Tode des zwei- 
ten sächsischen Königs August III. (1733 — 63) setzte 
die russische Kaiserin Katharina II. die Wahl des Sta- 
nislaus Augustus, Graf v. Poniatowski, durch (1764). 
Die bürgerlichen Rechte, die man den Dissidenten oder 
Nichtkatholiken einräumte, verursachten einen Parteien- 
krieg, und zogen Polens erste Theilung unter die drei 
Mächte Oesterreich, Russland und Preussen nach sich 
(1772); Russland nahm das Land zwischen der Düna, 
dem Dnieper und Drujec; Oesterreich das nachmalige 
Ostgalizien und Lodomerien; Preussen fast ganz Pol- 
nisch-Preussen , ausser Danzig und Thorn, und einen 
Theil von Grosspolen bis an die Netze; das fast um ein 
Drittheil verminderte Königreich erhielt eine neue Re- 
girungsverfassung. Die Polen, die ihr Vaterland wieder 
selbständiger zu machen wünschten, bestimmten den Kö- 
nig und einen grossen Theil der Nation, eine neue Con- 
stitution einzuführen (1791). Allein diese wurde von 
Russland und Preussen verworfen, und gab Veranlas- 
sung zu der zweiten Theilung Polens (1793), in der 
Russland 5,614 Q. M. in der Ukraine und Littauen mit 
4,148,000 Einw., Preussen aber den grössten Theil von 
Grosspolen nebst Danzig und Thorn 1,061 0. M. mit 
1,136,000 Einw. hin wegnahm, so dass die Republik nur 
noch einen Flächenraum von 4,016 0. M. mit 3,512,000 
Einw. behielt. Im J. 1794 erhob sich die Nation aber- 
mals, und Kosciuszko trat an die Spitze der Insurgenten, 
musste aber bald der vereinigten Macht von Russland, 
Oesterreich und Preussen unterliegen. Polen wurde nun 
zum drittenmal und gänzlich getheilt (1795) ; Russland 
erhielt, ausser Kurland und Semgallen, den noch übri- 
gen Theil von Littauen und Kleinpolen bis an den ßug, 
über 2.030 0. M. mit 1,177,000 E., Preussen 1000 0. M. 

26 



402 

mit 940,000 E., und Oesterreicli 834 Q. M. mit 1,038,000 
E.; Napoleons Krieg gegen Preussen (1806) beförderte 
die Insurrection der dieser Macht unterworfen gewese- 
nen Polen, die von demselben die versprochene Wieder- 
herstellung ihres Reichs erwarteten. Der Friede zu Til- 
sit (1807) gab dem aus preussisch-polnischen Provin- 
zen (1850 0. M. mit 2,200,000 E.) gebildeten Herzog- 
thum Warschau seinen Ursprung. Hierauf fügte Napo- 
leon im Wiener Frieden (1809) Westgalizien zu demsel- 
ben, so dass es nun 2778 0. M. mit 3,774,000 E. ent- 
hielt. Die Regirung über dasselbe führte, jedoch ganz 
unter dem drückenden Einflüsse Frankreichs, der Kg. 
Friedrich August von Sachsen. Als der französische Kai- 
ser den Krieg gegen Russland erklärte (1812), da bil- 
dete sich der polnische Reichstag zu einer Generalcon- 
föderation von Polen, und erklärte feierlich die Wie- 
derherstellung des Königreichs, und den Verband der 
polnisch-litauischen Nation zu einem Staatskörper ; al- 
lein als Napoleon in Russland seine Kriegsmacht einge- 
büsst hatte, drangen die Russen (1813 Febr.) in das 
Hzgth. Warschau ein, und wehrlos fiel das grausam ge- 
täuschte Volk dem Sieger in die Hände. Aber Alexander 
ehrte mit religiösem Sinn das Völkerrecht und den Geist 
der Zeit; der natürlichen Unabhängigkeit als Staat schon 
längst beraubt, musste zwar das politische Schicksal Po- 
lens dem Staatszwecke der europäischen Hauptmächte, 
die als Sieger aus dein grossen Kampfe hervortraten — 
sich unterordnen — Preussen bekam dasjenige, was aus 
den frühern Theilungen zu Westpreussen und zum Ne- 
tzedistrict gehört hatte, zurück, Westgalizien fiel eben- 
falls grösstentheils an Ostgalizien zurück, das übrige, 
mit Ausnahme des Gebiets von Krakau, verwandelte 
sich unter russischem Scepter in das jetzige Königreich 
Polen; die Alliirtcn jedoch gaben dem Volke, was wich- 
tiger ist, als politische Macht, sein Volksthum zurück: 
das Daseyn, den Namen, die Sprache und eine auf die 
Idee des Rechts und der Freiheit gegründete, nationale 
Verfassung. Der Congress der europäischen Mächte in 
Wien sicherte diess 1815 dem Volke feierlich zu, in- 
dem er die Gränzen des vierfach getheiltcn Landes nach 






403 

dem politischen Grundsatze des Gleichgewichts ordnete 
und feststellte. 2 ) 

Das eigentliche ehemalige Polen erscheint demnach 
jetzt politisch folgendermassen getheilt: 1.) in die Be- 
sitzungen der russischen Krone, und zwar a) die in den 
J. 1772. 1791. und 1794 Russland einverleibten Provin- 
zen : Weissrussland od. die heutigen Gouvernements Mo- 
bile w, Witebsk, Minsk, Schwarzrussland od. die Gou- 
vernements Wolynien und Podolien, und Littauen od. 
die Gouvernements Wilna , Grodno , Bialystok , nach 
Ausschluss der in allen diesen acht westlichen Gouver- 
nements , mit Ausnahme von Bialystok , Grodno und 
Wilna, vorherrschenden Russen (Russniaken, die das 
Gross des Volks ausmachen), ferner der Littauer, nur 
mit etwa 1 y 2 Mill. Einwohnern polnischen Stammes 3 ) $ 



2 ) Die ältesten poln. Chronisten sind : Prokosz (Kronika polska 
przez Prokosza w wieku X. napisana, z dodatkami z kroniki Kagnimira, 
pisarza wieku XL, aus neuentdeckten Handschriften herausg. W. 825.) 
Mart. Gallus zwischen 1110 — 35. Matthaeus Bisch, v. Krakau gest. 1166., 
Vinc. Kadlubek f 1223, Boguphalus Bisch, v. Posen f 1253, Godzislaw Baszko 
um 1273, Mart. Strzembski f 1279, Dzirswa um 1420, Sig. Rositzius um 
1470, Joh. Dlugosz 1415 — 80, Math. v. Miechow, Mart. Cromer 1512 — 89 
u. s. w. -- Samml. hist. Werke : d. Pistorius. 582. 2 Voll. fol. d. Frankfur- 
ter 584. 3 Voll. 8., die Elzevirsche 626., d. Amsterdamer 698., d. Danzi- 
ger 753., d. Leipz. 2 Voll, fol., d. Sommersberg. 729. 3 Voll, fol., d. Mizler. 
761. 4 Voll. fol. — Von neuern Schriften über die poln. Gesch. sind zu 
nennen : M. Stryikowski Kronika polska, Königsberg 582. fol. — St Sarni- 
cki annal. Polon. et Lituan. Krak. 587. fol. — M. Bielski Kronika polska, 
Krak. 597. fol. — Ad. Koiatowicz hist. Lituan., Danz. 650. 2 Voll. 4. — Gf. 
Lengnich hist. Polon. , Lpz. 740. 750. 8. P. J. Solignac hist. de Pologne, 
Par. 750. 5 Bde. 8 , teutsch Halle 763 — 65. 2 Bde. 4. — W. Lubienski hist. 
polska, Wilna 763. 8. — F. A, Schmidt abrege de 1' hist. de Pologne, War. 
767. 8. teutsch v. Groot, Riga 768. 8. — St. Kleczewski Sarmatia europaea, 
Leopoli 769. 4. — D. E. Wagner s Gesch. v. Polen (d. allg. Weltgesch. 
XIV. Bd.), Lpz. 775 — 77. 8. — Ad. Naruszewicz hist. narodu polskiego, 
Warschau 780 — 86. 6 Bde. 8. wird fortgesetzt, vgl. unten §. 54. — K. Ham- 
mersdörfer's Gesch. v. Polen, Dresd. 792 — 94. 8. — E. Bornscheirfs Gesch. 
v. Polen, Lpz. 808. 8. — C. Feierabendes Gesch. d. poln. Staates, Danz. 809. 
8. — K. F. A. Brohms Gesch. v. Pol. u. Litt., Posen 810. 8. — Thom. Swiejki 
opis starozytney Polski. W. 816. ff. 8. — Cr. S. Bantkie wyobrazenie dzieiöw 
krol. Pol., W. 810. 820. 2 Bde. 8. Gesch. d. Kgr. Polen, Lpz. 812. 8. — 
J. Miklaszewski rys historii Polskiey, W. 821. 2 A. 822. 8. 

3 ) Die Angaben über die Zahl der Polen in Russland sind sehr 
verschieden. Storch gibt im J. 1803 mehrere Mill., Benken 4 Mill., Wich- 
mann im J. 1813 6,380,000., Arsenjeiu sogar 7 Mill. an, doch gewiss nur 
darum, weil sie die Einw. dieser ehemaligen poln. Provinzen, jetzt russ. 
Gouvern., alle für Polen genommen haben. — Nach Brömsen (Russl. u. d. 
russ. Reich Berl. 819) u. dem „SorCwnowatel proswjescenija" 1823. 3s Hft. 
S. 336 — 47. sollen sich in den 8 westlichen russ. Statthalterschaften gar 
nur 850,000 Polen, meist Adelige u. s. w., befinden, u. das Gross des Volks 
Russen und Littauer seyn. 

26* 



404 

b) das seit 1815 mit der Krone von Russland vereinigte 
Kgr. Polen mit etwa 3,500,000 polnischen Einwohnern, 
zusammen 5 Mill . ; 2.) in das zu Oesterreich gehörende 
Kgr. Galizien mit ungefehr 3 Mill. Einw. polnischer Ab- 
stammung (die Polen im österr. Schlesien mitgerechnet); 
3.) in Preussisch - Polen, die heutige Provinz Posen, 
mit den in den Provinzen Schlesien, Westpreussen u. s. 
w. wohnenden Polen ungefehr 1,900,000 Seelen; und 
4.) den Freistaat Krakau, mit gegen 100,000 Menschen. 
Hieraus ergibt sich die Gesammtzahl der Slawen polni- 
schen od. lechischen Stammes ungefehr 10 Mill. Seelen. 
Der echte Pole ist meistens katholisch; nur sehr wenige 
in dem Kgr. Polen und Galizien, dahingegen mehrere in 
den preussischen Provinzen Schlesien und Westpreussen 
bekennen sich zum protestantischen Cultus Augsb. und 
Helv. Conf.; ihre Anzahl mag nicht eine y a Mill. über- 
steigen. 4 ) 

Schlesien war in den ältesten Zeiten ein Theil von 
Polen, und ward mit unter dessen Namen begriffen. Erst 
um 1163, da es seine eigenen Herzoge bekam, nannten 
sich diese Duces Slesiae (d. i. nach Dobrowsky, der Hin- 
terslawen, in Rücksicht auf die Böhmen, als die Vor- 
derslawen). Die neuen Herzoge hatten meist teutsche 
Mütter, und waren nach teutscher Art erzogen, und da 
Schlesien ihnen nur gezwungen war abgetreten worden, 
so hatten sie teutschen Schutz nöthig. Daher ihre frühe 
Vorliebe für die Teutschen, und Begünstigung teutscher 

*) J. J. Rausch Nachr. üb. Polen, Salzb. 793. 2 Bde. 8. — A. K. v. 
Holsche Geogr. u. Statist, v. West-Süd. u. Neu-Ostpreussen, Berl. 800—07. 
3 Thle. — Ch. Crusius top. Postlexicon v. Ost- u. Westgaliz., W. 792. 8. — 
J. de Lucas Geogr. v. Galiz. u. Lodom., W. 791. 8. — J. A. Demian stat. 
Darstellung v. Ostgal. u. Siebenb., W. 804. 8. — Malte Brun tableau de la 
Pologne. Par. 807. 8. — Sirisa, Polen hist. stat. u. geogr. 807. 8. — Fr. 
Jäkel Polens Staatsveränderungen, W. 806. 6 Bde 8. auch ins Poln. übers. — 
Flatt's Topogr. d. Hrgth. Warschau, Lpz. 810. 8. — K. L. Pölitz Gesch., 
Statist, u. Erdbeschr. d. Kgr. Sachsen u. d. Hrzgth. Warschau, Lpz. 809—10. 
8. — St. Staszyc o statistice Polski, War. 807. 8. — Ign. Stawiarski sta- 
tistika Polski i Litwy, Warsch. 814. ff. — Krotki zbiör geografii krolestwa 
polskiego i W. X. Poznanskiego, Bresl. 816. 8. — Guide du voyageur en Po- 
logne, War. 820. 8. Poln. Przewodnik dla podrözuiacych w Polsce, W. 821. 
8. — G. Hassel vollst. Erdbeschr. des russ. Reichs nebst Polen, in dem 
Weim. Handb. d. Erdb., Weim. 821. 8. — Voyage en Allemagne et en Po- 
logne. Par. 812. 2 Bde., 8. — Voy. en Allemagne et en Pologne par Gley, 
Par. 816. 2 Bde. 8. — Neale Reise durch Polen u. ä. Türkei. Lpz. 818. 2 Bde. 8.- 
E. F. üklansky Briefe üb. Polen, Oesterreich u. s. w., Nürnb, 809. 3 Bde. 8. 



405 

Colonisten, vorzüglich in den Gebirgen. Alle Städte an 
und auf dem Gebirge von der lausitzischen Gränze bis 
nach Troppau haben teutsche, die am Fusse der Gebirge 
und auf den Ebenen aber slawische Namen. Die h. Hed- 
wig aus dem Hause Meran, Gemahlin Heinrichs L, be- 
günstigte vorzüglich die Teutschen. Dadurch ward denn 
die polnische Sprache nach und nach verdrängt. In Bres- 
lau war sie schon um 1300 völlig unbekannt. Indessen 
gibt es nahe um Breslau mitten unter teutschen Dörfern 
noch einen Strich, wo die polnische Sprache herrschend 
ist, so dass in derselben gepredigt wird. — Alles dieses 
gilt zunächst von Niederschlesien. In Oberschlesien Hes- 
sen sich weniger Teutsche nieder $ doch findet man auch 
hier flämische Hufen und teutsche Stadtvögte. In der letz- 
ten Hälfte des XV. Jahrh. breiteten sich die Hussiten in 
Oberschlesien aus, und nun verdrängte die böhmische 
Sprache die teutsche und lateinische aus den Urkunden 
und Gerichtshöfen , besonders in den Fürstentümern 
Oppeln und Ratibor. Beide wurden oft verpfändet, und 
besonders 1645-66 an Polen, wodurch sich das Polni- 
sche wieder hob. Die in Oberschlesien üblichen Spra- 
chen beweisen die Vermischung der Völker. In Trop- 
pau und Jägerndorf spricht man teutsch, bis auf einige 
Gegenden, wo ein mit Polnisch vermischtes Mährisch 
herrscht; in Oppeln und Ratibor aber polnisch. 5 ) 

Die Kasuben in der preussischen Provinz Pommern, 
Regirungsbezirk Köslin, Kreis Stolpe und Lauenburg- 
Bütow, sind ihrem Ursprünge nach gleichfalls Slawen 
lechischen Stammes. Die beiden Herrschaften Lauenburg 
und Bütow machten vormals einen Theil von Polen aus, 
und wurden von 1460 an von den Herzogen zu Pom- 
mern als polnische Lehne besessen, nach deren Ausster- 
ben aber von der Krone Polen eingezogen, und erst der 
Welauer Vertrag gab sie 1657 dem Kurhause als eine 
Lehn von Polen zurück. Jetzt sind sie völlig mit Pom- 
mern vereinigt. 

5 ) S. Adelungs Mithridates II. 669 — 670. - {F. W. Pachaly) üb. 
Schlesiens älteste Gesch. u. Bewohner, Bressl. 783. 8. Eb. Vers. üb. d. schles. 
Gesch., Bresl. 777. 8. — K. F. Anders Schlesien wie es war (bis 1335), Bresl. 
810. 2 Bde. 8. — {K. F. Pauli) Einl. in d. Gesch. v. Schles., Lpz. 755. 4. — 
H. L. Klöber Schlesien, Bresl. 785. 788. 8. — J. D. Bensei Handb. d. schl. 
Gesch., Hirschberg 797. 804. 8. — Ch. F. E. Fischer geogr. - stat. Handbuch 
über Schlesien u. Glatz, Berl. 817. 2 Bde. 8. u. s. w. 



406 

§. 48. 
Charakter der polnischen Sprache. 

Unter den 5 slawischen Mundarten der nordwestlichen 
Ordnung ist die polnische durch ihre Ausbreitung und 
den Reichthum der Literatur die erste. Ihre Trennung 
vom gemeinschaftlichen Stamme verliert sich in das ge- 
heimnissvolle Dunkel der Vergangenheit. Anfangs der 
böhmischen und sorbenwendischen am nächsten verwandt, 
bildete sie sich, unter dem wechselnden Einflüsse ver- 
schiedener, sowol einheimischer als auch fremdher kom- 
mender Elemente, bald selbständig aus, und wich von 
ihren westlichen und südlichen Schwestern immer mehr 
ab. Ihr Unterschied von der böhmischen Mundart ist 
schon §. 36. angegeben. Sie hat ein zischendes rz und 
den Rhinesmus a, e. Das rz, welches in den ältesten 
böhmischen Schriften noch gar nicht vom r unterschie- 
den wird, und ursprünglich wol rj, wie noch heutzutage 
in der altslawischen, russischen, slowakischen u. s. w. 
Sprache, gelautet haben mag, hat sie mit der böhmischen, 
nicht aber mit der oberlausitzischen und slowakischen 
Mundart gemein; auch des Rhinesmus Spuren lassen sich 
in andern slawischen Mundarten, z. B. der bulgarischen, 
finden. 

So wie eine jede nur etwas ausgebreitete Sprache, 
so hat auch die polnische ihre Varietäten. Hr. Bantkie 
rechnet zu denselben folgende: 1.) die grosspolnische Va- 
rietät. Einige Archaismen und Germanismen, die Aus- 
sprache des o, welches gedehnt wird, die Dehnung des 
ie machen diese Varietät kenntlich. Am abweichendsten 
von der Regel sprechen die Lenczyzaner und die Nach- 
barn von Schlesien. Beispiele: szczudla , trafty, tko, 
tkoren, gieba u. s. w. 2.) Die mazurische Varietät. Die 
gemeinen Leute in Mazuren sprechen das % wie z, sz 
w r ie s, cz wie c aus, und haben auch oft ihre Provin- 
cialismen. 3.) Die kleinpolnische Varietät. Die Kleinpo- 
len haben einen angenehmen Ton, besonders in den rus- 
sischen Wojewodschaften. Doch fehlen sie manchmal ge- 
gen die Grammatik, und brauchen die masculine Endung 



407 

statt der femininen u. sächlichen, z. B. indem byli st. byly 
in den Verbis sagen: my kobiety bylismy st. byfysmy. 4.) 
Die littauische Varietät. Ein singender Ton, besonders 
um Bresc, macht diese Varietät bemerklich, so wie auch 
einige russische und littauische Provincialismen. 5.) Die 
preussische Varietät. Archaismen und Germanismen ver- 
unstalten sie, und die gestrichenen ö, ä werder gar nicht 
beobachtet; st. lawa sagt man uawa, und spricht alles 
mit vollem Munde aus. 6.) Die schlesische Varietät in 
Oberschlesien und im Fürstenthum Oels, und sogar in 
einem Theile vom Krakauischen. Das q wird sehr durch 
die Nase gesprochen, o st. a, a st. q: bade, Jonek, 
Pan, Pon st. bede, Janek, Pan. In Schlesien, aber nicht 
im Krakauischen, hat man auch böhmische Provincialis- 
men u. unpolnische Constructionen 1 ). Teutsche Schrift- 
steller pflegen immer die Sprache des polnischen Schle- 
siers als einen besondern, von der polnischen Sprache 
sehr weit sich entfernenden Dialekt anzusehen, und nen- 
nen es bald Wasserpolnisch, bald Oberwendisch, bald 
Böhmischpolnisch. Indessen fragt man den polnischen 
Schlesier selbst, so nennt er gewiss seine Sprache nicht 
anders, als polnisch. Er wird nicht sagen, dass er wen- 
disch, oder wasserpolnisch, sondern dass er polnisch 
spreche. Diess ist der Fall im Fürstenthum Oels, im Op- 
pelnschen, Plessischen, Beuten, im Fürstenthum Teschen 
u. s. w. 2 ). Jenseit der Oppa gibt es keine polnischen 
Schlesier im Troppauischen und Jägerndorfischen, son- 
dern es sind entweder Teutsche, wie in dem grössern 
Theile von Niederschlesien, oder wirkliche Böhmen 3 ). 
Das sogenannte Kasubische in Pommern ist ebenfalls 
nur eine Varietät od. Abart des Polnischen. Die Kasu- 
ben nennen sich selbst nach Anton (S. 22.) Slowiencen, 
nach Mrongovius hingegen (Vorr. zu s. teutsch - poln. 
HWB. Danz. 823. 4.) Krabatker, wonach das §. 35. 
Anm. 8. S. 287. Gesagte zum Theil zu berichtigen ist. 

x ) S. G. & JBantkie's polnisch-teutsches Wörterb. (Bresl. 806.) 1 
Bd. Vorr. S. XII. 

2 ) Die Polen in Schlesien, sowol Katholiken als Protestanten, bedie- 
nen sich der gewöhnlichen, im Litteralpolnischen verfassten Bücher. Nur 
die Medziborische Gemeine hat e. Gesangbuch in ihrer eigenen Mundart von 
Sam. Cretius 682. 12. Brieg. 725. 12. Adelungs Mithridates IL 670. 

3 ) G. S. Bantkie hist.-krit. Analekten, Bresl. 802. S. 270—78. Do- 
browskys Slowanka II. 122 ff. 



408 

Die Eigenschaften, Vorzüge und etwaigen Mängel 
der polnischen Sprache sind von zweierlei Art ; solche, 
die sie mit ihren übrigen slawischen Schwestern gemein 
hat, und solche, die ihr ausschliesslich angehören. Nur 
letztere gehören hieher. Der Reichthum an mannigfach 
nuancirten Vocalen und Consonanten: a, a, a, e, e, 
e, o, ö; b und V, c, c, und cz, X und 1, m und iil , n 
und ii, p und £ r und rz, s, s und sz, w und v. , z, 
z und z, ferner die häufigen Uebergänge der Laute in 
verwandte oder ähnliche bei Biegungen und Abwand- 
lungen der Wörter, verbunden mit der allen slawischen 
Dialekten gemeinen Mannigfaltigkeit der Bildungs- und 
Biegungsformen, machen sie zu einer der feinsten, tö- 
nendsten aber auch zugleich der künstlichsten u. schwer- 
sten unter allen slawischen Mundarten sowol für Slawen 
als für Nichtslawen. Es ist aber eine durchaus verkehrte 
Ansicht, wenn man glaubt, die polnische Sprache sey 
darum so schwer, weil sie hart und schroff ist. Um die- 
selbe gehörig zu würdigen, muss man vor allem dieses 
Vorurtheil ablegen. Nicht die Härte der einzelnen Laute, 
sondern ihre Feinheit, und der künstliche grammatische 
Bau der an sich reichen und während der drei letzten 
Jahrhunderte unter der Feder rüstiger Bearbeiter kräf- 
tig herangereiften Sprache machen hier die Schwierig- 
keit; so wie überhaupt jede lebende oder todte Sprache 
ohne Ausnahme um so leichter erlernt werden kann, je 
roher, ärmer und seichter, und um so schwerer, je ori- 
gineller, reicher und gebildeter sie ist; man vgl. z. B. 
die hebräische und griechische, od. die neuern romani- 
schen mit der alten kirchenslawischen. Die slawischen 
Sprachen wollen studirt seyn, und lohneris. Kann man 
auch nicht in Abrede stellen, dass manche Consonanten- 
verbindungen im Polnischen anscheinend oder auch wirk- 
lich hart sind: so muss man doch auf der andern Seite 
gestehen, dass einestheils das Uebermaass solcher, zur 
malerischen Schilderung unangenehmer Naturtöne sogar 
nothweiidigcn Wörter einzig auf die Rechnung geschmack- 
loser Schriftsteller, nicht der Sprache, kommt, anderen- 
theils aber dem unbiegsamen, unbehilflichen, unausge- 
bildeten Sprachorgan des Ausländers, vorzüglich des Teilt- 



409 

sehen, nothwendig manche Sylbe hart vorkommen niuss, 
die im Munde des geübten Eingebornen leicht und mild 
klingt. — Leicht und fliessend ist die polnische Prosa; 
Potocki's salbungsvolle Reden entwickeln eine Kraft, 
Würde, Anmuth und Harmonie der Sprache, die je- 
ner der alten Sprachen nicht im geringsten nachsteht. 
Wo eine solche Harmonie und Anmuth, wie hier, mög- 
lich ist, da kann von keiner Schroffheit und Kakopho- 
nie der Sprache an sich die Rede seyn. — Wenn schon 
die polnische Mundart im Besitze aller Eigenschaften und 
Bedingungen ist, die von einer ausgebildeten Sprache 
der Beredsamkeit und Prosa erfordert werden ; so scheint 
sie doch, wenigstens nach dem bis jetzt Geleisteten zu ur- 
theilen, einer Prosodie nach dem quantitirenden Zeit- 
maass und der Anwendbarkeit auf classische Versfor- 
men in der Dichtkunst zu ermangeln. Aber nicht Schuld 
der polnischen Sprache ist es, dass ihr dieser Vorzug 
anderer Dialekte mangelt, die gewiss, wie jede andere 
slawische Mundart, anfangs die schärfste Bestimmung 
und Ausscheidung der Sylbenlängen und Kürzen mittelst 
der Dehnung und Schärfung der Vocale haben musste 4 ), 
sondern lediglich die Schuld des jahrhundertelang fremd- 
her, vorzüglich aus dem unprosodischen Teutschland u. 
Frankreich kommenden Einflusses, und der Unempfäng- 
lichkeit der Meisten, durch moderne seichte Reimformen 
geblendeten, Nationaldichter für die Fülle, Kraft und 
Harmonie des griechischen Versflugs 5 ). Denn es gab 
zu allen Zeiten Verfinsterungen der Ansichten und Ent- 
artungen des Geschmacks nicht nur bei einzelnen Men- 
schen, sondern auch bei ganzen Völkern $ Millionen wan- 
delten unter der Sonne, und sahen sie an, und der 
Schein bethörte sie. So mag es auch der polnischen Me- 
trik ergangen seyn 6 ). 



4 ) S. BakowiecUs Prawda ruska (W. 820.) IL 220. 

5 ) So urtheilt selbst ein gelehrter Pole u. geschmackvoller Kunst- 
richter, Kaz. Brudzinski, Prof. Aesth. Vars., ein gewiss sehr competenter 
Kritiker, Pami§t. Warsz. 1820. Nro. 12. 

6 ) M. Kwiatkowski de usu 1. slav., Regiom. 569. 4. — J. Rybinski orat. 
de 1. pol. praestantia, Gedani 589. 4. — J. D. Hoffmani diss. de origg. 1. 
pol., Dant. 730. 4. — F. Bohomolca rozmowa o i§zyku polskim, W. 768.8.- 
S. Kleczewski o poczatku i wydoskonaleniu i§zyka pol., Lemb. 767. 4. — 
T. Nowaczynski o prozodii i harmonii igzyka pol. } W. 781. 8. — Jenisch 



410 

Der grammatische Bau der polnischen Sprache wur- 
de schon frühzeitig und bis auf die neuesten Zeiten herab 
mit vorzüglicher Sorgfalt und mit Glück durch zahlrei- 
che, zweckmässig eingerichtete Sprachlehren und Lexica 
geregelt, die ich kurz verzeichnen will. 7 ) 

Vergleich, u. Würdigung von 14 Sprachen Europens, Berl. 796. 8. — J. S. 
Kaulfuss üb. d. Geist, d. p. Spr., Halle 804. 8. — S. B. Linde o prawidlach 
etymologii p., zuerst 806. dann im 1 Bd. s. W. B. — A. Dantyska (t. i. 
Xcia A. Czartoryskiego) mysli o pismach polskich, Wilna 810. 8. — O. 
Kopczynski poprawa bledöw w mowie pol., W. 808. 8. — X. Bohusz doda- 
tek do popr. Red., W. 808. 8. — X Wyszomirski uwagi nad rnowa. pol., 
W. 809. — St. Potocki rozprawy o iezyku pol. in s. Mowy, W. 816. II. 
325 ff. 

T ) Sprachbücher, Grammatiken: St. Zaborowski hat s. Rudimentis 
Grammatices lat. auch die poln. Orthographie beigefügt, Kr. 529. 536. 539. 
560. 564. 4. - P. Stator ins (Stoienski.) inst. 1. pol., Kr. 568. 8. -- J. Ja- 
nuszowski nowi karakter polski, Kr. 594. 4. — N. Volkmar compend. 1. 
pol. Dant. 612. 640. 8. — J. Roter Schlüssel zur pol. u. teutschen Spr., 
Bresl. 618. 8. 638. 8. Danz. 646. 8. — Fr. Mesgnien (Meninski) gramm, 
s. inst. pol. 1. Danz. 649. 8. Lenib. 747. 12. — M. Dobracki (Gutthäter) 
Kurier d. pol. Sprachl., Oels 688. 8., poln. Sprachkunst eb. 699. 8. — A. 
Bliwernitz tabella gramm. pol., Thorn 681. — J. Ernesti poln. Wegweiser 
Brieg 682. 8. auch unter d. T. poln. Donat., Thorn 68°). 8. Bres. 702. 8. — 
./. S. Malczowski kurzer Begriff d. p. Spr., Riga 687. 8., inst, in 1. pol. eb. 
689. 8. — A. Raphaeli p. Sprachweiser, Lpz. 698. 8. — B. K. Malicki cognit. 
1. p., Kr. 699. 8. — P. Michaelis Wegweiser z. p. Spr. (o. 0. u. J.) — Kö- 
nigl. poln. u. teutsche Gramm., Posen 701. 8. — CJi. Rhormann pol. Gramm. 
— J. E. Mvllenheim p. Gramm., Brieg 717. 8. 726. 735. 755. — G. Schlag 
p. Gr., Bresl. 734. 8. 744. 4 A. 768. — A. Trotz Theorie d. p. Conjug. vor 
8. W. B. — Midier p. Gr. Königsb. 750. 8. — J. Moneta enchiridion pol. 
od. poln. Handb., Danz. 3 A. Bres. 763. 8. umgearb. v. D. Vogel, Bresl. 4 
A. 774. 8. 9 A. 808. 8. — (Krwnholz) p. Gr. mit e. etym. W. B., 2 A. Bresl. 
775. 8. 6 A 797. 8. — 0. Kopczynski gramm. dla szko! narodowych, W. 
778. 3 Th. 8. eb. Ukl'ad gramm., W. 785. 8-, eb. Essai de gramm. pol., W. 
8' »7. 8. — Woyna kl. Lustgarten. Danz. 780. 8. — Trabczynski gr. raison- 
nee de la 1. pol., W. 778. 2 Bde. 8. n. A. 793. — C. C. Mrongovius p. 
Sprachl., Königsb. 794. 8. n. A. 805, 8. p. Formenl. eb. 811. 8., p. Weg- 
weiser, Kgsb. 816. 8. — A. Adam.owicz (Woyde) prakt. p. Gr. mit e. W. B., 
Berl. 793. 8. — Polsfuss Ausz. a. Kopczynskis Gr. ; Bres. 794. 8. — Stawski 
Handb. d. p. Spr., Bres. 795. 8., J. L. Kassius Lehrgeb. d. poln. Spr., 
Berl. 797. 8. — N. Bucki Anl. z. p. Spr., Berl. 797. 8. - Kutsch p. Gr., 
Bresl. 800. 8. — J. S. Vater Gr. d. p. Spr., Halle 807. 8. — G. S. Bantkie 
p. Gramm, nebst e. etym. W. B., Bresl. 808. 816. 823. 8. — Th. Szumski 
nauka iez. p., Posen 809. 2 Bde. 8. eb. p.Gr., Bres. 821. 8. — J. D. Grotke 
p. Decl. u. Conj., Bresl. 817. 4 — J. Mrozinski zasady gr. iez. p., W. 822. 
8. — Jakubowicz gramm' pol. Wilna 823. 8. — Wörterbücher : J. Ma^czynski 
[Macinius) Lex. lat. -pol., Kasb. 564. fol. — G. Knapski thesaurus pol.- 
lat-graecus, Kr. 62i. fol. (1 Th.), lat.-pol. Kr. 626. 4. (2 Th.), Adagia 
polonica lat. et graece reddita Kr. 632. 4. (3 Th.). Eine 2 A. des 1 Th. 
erschien 043. Alle 3 Th. wurden mehrmals, verkürzt u. verändert, heraus- 
gegeben; 1.) v. B. WoronouiBki Kaiisch 787. 3 Bde. 8., 2.) v. F. KotaczYJ. 
780.j <1. ] unter d. T. Idiotismi pol. Posen 755. 12. — Diction. lat.-pol. - 
boh,-germ., Bres. 020. — C. Szijrwid dict. trium 11. (poln. lat. litt.), Wil- 
na 642. 8. 077. 5 A. 713. 8. — B. K. Malicki franx -pol. W. B., Kr. 701.8. 
M. A Troe franz.-poln.-tentaches AV. B., Lpz. 742. 2 Bde. 8. (lr Th.), 
poln. -teutsch. -franz. W. B. 764. 8. 2 A. v. Mos-czenski 779., mit e. n. 
Titel 802. (2 Th.), teutsch - poln. W. B. v. Moszczenski 772. (3 Th.) ; n. 



411 
§• 49. 

Allgemeiner Ueberblick der literarischen Cultur in Polen 
und der Beförderungsmittel und Hindernisse derselben. 

Die Ungewissheit der ältesten Geschichte Polens ver- 
breitet über den Zustand der polnischen Sprache vor 
der Annahme der christlichen Religion ein undurchdring- 
liches Dunkel. Der Uebergang Mieczysiaws I. zur christ- 
lichen Religion um das J. 965. macht Epoche in der Ge- 
schichte der Cultur Polens. Die Vermählung des Her- 
zogs mit einer böhmischen Prinzessin befestigte die Ver- 
bindung des herzoglichen Hofes mit dem Auslande, und 
gab demselben einen neuen Glanz. Mit dem Sturz des 
Heidenthums wich zugleich der demselben anklebende 
Aberglaube, und die Strahlen der Aufklärung fingen an 
durch die finstern Wolken des sarmatischen Himmels 
freundlich durchzublicken. — Obschon es an Denkmä- 
lern der Sprache aus diesem Zeitalter gänzlich fehlt, so 
ist doch so viel gewiss, dass sowol zur Zeit Mieczyslaws, 
als auch schon früher, polnisch geschrieben wurde ; denn 
es sind deutliche Spuren da, dass die slawische Sprache 
ihr eigenes Alphabet gehabt habe, welches aber in der 
Folge von dem ausländischen verdrängt worden ist. *) 
Wenn aber die Einführung und Verbreitung des Chri- 
stenthums in Polen einerseits die Civilisation des Volks 
mächtig gefördert hat; so ist doch andererseits erwiesen, 
dass sie der Gestaltung der Landessprache nicht ganz 

A. od. n. Titel von allen 3 Theilen Lpz. 806 — 07. 4 Bde. 8., 4te von Ge- 
lehrten aller 3 Nationen umgearb. A. 821 ff. — C. C. Mrongovius Hand- 
wörterb. d. p. Spr. Kgsb. 765. 804. 8. eb. teutsch-poln. H. W. JB., Danz. 
823. 4. — C. Konäratowicz poln.-russ. W. B.. S. Pet. 775. 4. — K. Ciecho- 
niewski oko hieroglyfik, W. 804. 8. — («7. V. Bantkie) Taschenwörterb. 
d. p. teutsch. u. franz. Spr., lr poln.-teutsch-fraDz. TL, Bresl. u. Wars. 
805. 8. 2 A. 819. 2 Bde. 8., 2r fr. p. teutscher Th. 807. 819. 8., 3r teutsck- 
fr.-p. Th. v. G. S. Bantkie 813. 2 Bde. 8. — G.S. Bantkie sJownik dokJadny 
igz. pol. i niem., Bres. 806. 2 B. 8. — K. Winkler niem.-pol. Dykcyo- 
narz, Lublin 801. 3 Bde. 8. — S. G. Linde slownik igz. pol., W. 807 — 14. 
6 Bde. 4. — X.. Litiuinski sfownik polsko-Jacinsko-francuski, W. 816. 2 
Bde. 8. — J. C. Troianski sJow. polsko-lacinski, Bresl. 819. 8. — Abbe 
Czerski Latein, poln. W. B., Wilna 822. 2 Bde. — Abbe Bobrowski Lex. 
Latino-polon., Wilna 822. — G. Garszynski sJyw. Jacinsko-polsko-niem., 
Bresl. 823. 2 Bde. 8. 

x ) St. Potocki pochwaly, mowy i rozprawy II. 389. — J. Rahowiecki 
prawda ruska I. 55 ff. Vgl. oben §. 10. 



412 

günstig war. Mit der neuen Religion kam eine neue 
Sprache, die lateinische, im Lande auf; die Lehrer der 
Religion waren durchaus Ausländer. Die lateinische Spra- 
che wurde fortan im Lande nicht nur die Sprache des 
Cultus, sondern auch die der Gelehrsamkeit und des 
Schrifttimms, in deren Besitz die Geistlichkeit ausschlies- 
send geblieben ist. Slawisch oder polnisch galt für heid- 
nisch. Diesem Umstände ist es zuzuschreiben, dass die 
polnische Sprache bis ins XVI. Jahrh. keine andere Denk- 
mäler der literarischen Cultur, als lateinische, einige we- 
nige und unbedeutende polnische Bruchstücke ausgenom- 
men, aufzuweisen hat. — Hätte bei der Einführung des 
Christenthums in Polen der griechische Cultus nicht dem 
lateinischen Platz machen müssen, so wäre die polnische 
Sprache der altslawischen, und hiemit auch der russi- 
schen unweit ähnlicher geblieben, als sie jetzt ist. Un- 
ter diesen Umständen, von der Gemeinschaft mit ihren 
übrigen slawischen Schwestern gänzlich getrennt, war 
ihre Fortbildung an die allgemeinen Beförderungsmittel, 
zugleich aber auch an die Hindernisse der Landescultur 
gebunden. Als Mittel, die das Wachstimm der Wissen- 
schaften in Polen beförderten , verdienen genannt zu 
werden: Klöster, Schulen, Reisen in fremde Länder, 
Religionsduldung, Einführung und Verbreitung der Buch- 
druckerei, Bibliotheken, Mäcene , periodische Schriften 
und gelehrte Gesellschaften. Bald nach der Einführung 
der christlichen Religion in Polen stifteten die Fürsten 
und einzelne reiche Privatpersonen Klöster in verschie- 
denen Gegenden des Landes, deren friedliebende Be- 
wohner nicht nur den Unterricht der Jugend, sondern 
auch das Abschreiben und die Verbreitung der Bücher 
besorgten. Den Klöstern der Benedictiner gebührt auch 
in Polen sowol wegen ihres Alterthums, als auch we- 
gen der mannigfachen Verdienste um die Literatur an- 
erkennendes Lob. Die Benedictiner, vom Boleslaw Chro- 
bry um 1008 nach Sieciechow und Lysa-gora berufen, 
waren die ersten, welche mit Hilfe der Bischöfe Schu- 
len für den Unterricht der Jugend anlegten. An die Spi- 
tze dieser Schulen trat 1347 die Krakauer Akademie, 
die Mutter der Wissenschaften und Künste in Polen. 



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von Wladystaw JagieJIo ansehnlich dotirt und besser ge- 
staltet. Von ihr aus verbreiteten sich die Strahlen des 
Lichts über das ganze Land, bis eine ungünstige Fügung 
der Umstände unter Zygmunt III. ihren Glanz verdun- 
kelte. Unter ihm kam die Erziehung und der Unterricht 
der Jugend in die Hände der Jesuiten; die Akademie zu 
Wilna (gestift. 1579) und zahlreiche Collegien im Lande 
waren ihre Pflanzschulen. Nicht zu übersehen sind die 
Verdienste der Schulen anderer Confessionsver wandten 
um den Anbau der polnischen Sprache und ihre Litera- 
tur im XVI. Jahrh. (zu Thorn, Rakau, Jedlnisk, Wilna, 
Danzig, Rydza, Wschow, Lissa (Leszno) , Piriczow u. 
s. w.). Die 1594 vom Grosskanzler J. Zamoyski gestif- 
tete, und im Anfange des XVII. Jahrh. eingegangene 
Universität zu Zamosc in Kleinpolen ward gar bald nach 
ihrer Eröffnung gegen den ausdrücklichen Willen ihres 
Stifters durch den Bischof von Chelm aus einer Hoch- 
schule für das gesammte gelehrte Wissen in eine theolo- 
gische Lehranstalt verwandelt. Die Congregation der 
Piaristen, bereits unter Wladyslaw IV. in Polen einge- 
führt, errichtete 1642 die ersten Schulen in Warschau, 
worauf andere in Pudlein (Podolinec), Rzeszow, Chelm, 
Lowicz , Piotrkow , Krakau , Göra , Radom , Warez, 
Wielun, Lukow, Szczucin, Miedzerzyc , Zloezow, Rzyd- 
zyn und Lemberg folgten. Die Politik der Jesuiten hemmte 
den Aufschwung der Pflanzschulen dieser Congregation, 
bis es Stanislaw Konarski gelang, den Sieg über die Ge- 
genpartei zu erringen, und der Wiederhersteller des 
bessern Geschmacks in Polen zu werden. Die Errichtung 
der Commission der Erziehung auf dem Reichstage 1775 
macht in der Geschichte der Landesliteratur Epoche. 
Während der Dauer der herzoglich-sächsischen Regi- 
rung in Warschau trat das Oherschulcollegium, später 
(1812) in das Oberschuldirectorium verwandelt, an die 
Spitze der öffentlichen Erziehung. Unter der jetzigen 
Verfassung ist die allgemeine Volksbildung, das Schul- 
und Erziehungswesen ein besonderer Gegenstand der 
Sorgfalt des Thrones geworden, und steht unter einer 
eigenen Landes- oder Regirungs commission des Cultus 
und des öffentlichen Unterrichts. — Reisen ins Ausland 



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wurden gleich nach der Einführung des Christenthums 
für ein besonderes, vorzügliches ßildungsmittel erachtet, 
und häufig unternommen.